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Dienstag, 12. Juni 2012

Maillon Rapide

Sie sind allgegenwärtig, wenn man klettert: Schraubkettenglieder, bekannt unter dem französischen Namen Maillon Rapide, oder dem englischen Quick Link. Über die Haltekräfte dieser Schraubglieder herrscht aber weitherum Unwissen, oder vielleicht auch nur Konfusion. Ganz so einfach ist es aber tatsächlich nicht, hier der Versuch einer Klärung.

Wir wollen einmal die Maillons von Péguet betrachten, das ist DER Hersteller dieser Teile. Schon da ist die Sache etwas kompliziert, da im Prinzip baugleiche Schraubglieder in zwei Versionen geliefert werden. Nämlich einerseits "nur" selbstzertifiziert, und andererseits mit der Norm EN 12275, welche den Einsatz solcher Teile im Bergsport regelt. Das Bild unten zeigt die beiden Versionen mit den eingeprägten Informationen.

Maillons Rapides von Péguet mit eingeprägten Informationen
Bei der selbstzertifizierten Version (oben) ist die Nutzlast (WLL, Working Load Limit) angegeben. Für Teile, welche nicht im Klettersport eingesetzt werden, ist die Angabe der Nutzlast der Standard. Wichtig ist nun zu wissen, dass diese nicht gleich der Bruchlast ist. Péguet errechnet nämlich WLL=Bruchlast/5, d.h. die Bruchlast des abgebildeten Maillons liegt bei 5*770=3850kg, was einer Kraft von rund 38kN entspricht, viel mehr als ausreichend für jeden Klettersturz mit einem dynamischen Seil.

Ein anderes Maillon (unten), welches nach EN 12275 für den Bergsporteinsatz zertifiziert ist, hat jedoch nicht die Nutzlast, sondern die Bruchlast angegeben. Diese beträgt auf der langen Achse 25kN, auf der Querachse 10kN. Genau gleich wie bei Karabinern ist also auch bei Maillons die Querbelastung kritischer, wenngleich die Kraft von 10kN bei einem Klettersturz kaum je überschritten werden dürfte. Natürlich hängen die Bruchlasten stark vom Durchmesser und auch vom verwendeten Werkstoff ab, die folgende Tabelle zeigt eine Übersicht.

Verzinkt

6mm: Nutzlast 400kg, Bruchlast 2000kg, bzw. 20kN
8mm: Nutzlast 700kg, Bruchlast 3500kg, bzw. 35kN
10mm: Nutzlast 1100kg, Bruchlast 5500kg, bzw. 55kN
12mm: Nutzlast 1500kg, Bruchlast 7500kg, bzw. 75kN

Inox

6mm: Nutzlast 650kg, Bruchlast 3250kg, bzw. 32.5kN
8mm: Nutzlast 1100kg, Bruchlast 5500kg, bzw. 55kN
10mm: Nutzlast 1800kg, Bruchlast 9000kg, bzw. 90kN
12mm: Nutzlast 2500kg, Bruchlast 12500kg, bzw. 125kN

Verschiedene Formen, verschiedene Durchmesser, verschiedene Hersteller. Was taugt, und was taugt nicht?
Nun, so weit so gut. Wir konstatieren also, dass selbst ein verzinktes 6mm-Maillon von Péguet eine Bruchlast in ähnlichem Rahmen wie ein Kletterkarabiner aufweist. Man muss sie daher nicht als kritisches Element in der Sicherungskette betrachten. Doch Vorsicht:

  • Bei Querbelastung weisen alle Maillons (gemäss Angabe von Péguet) unabhängig von Werkstoff und Durchmesser eine Festigkeit von nur 10kN auf. Aber gut, bei Karabinern ist dies nicht anders, bzw. der Wert mit meist nur 7kN sogar noch tiefer.
Noch schlimmer: nicht alle Maillons Rapides, welche man in freier Wildbahn antrifft, kommen aus der Schmiede von Péguet. Der findige Kletterer, welche diese günstig erstehen will, kauft im Baumarkt. Weil Nutz- und Bruchlast von der verwendeten Stahlqualität und der Fertigungsweise abhängen, sind billigere No-Name-Teile in der Regel auch weniger stabil. Oft ist auch fraglich, was die aufgeprägten Werte, falls überhaupt vorhanden, bedeuten. Eine kurze Analyse von aufgefundenen und entfernten Rückzugs-Maillons anderer Kletterer zeigt solche ganz ohne Prägung, dann auch Dinge wie "max. 400kg", etc.. Nun einige Hinweise für die Praxis:
  • Wenn Du Maillons für den Klettereinsatz kaufst, so erstehe bitte Teile von einem namhaften Hersteller, bei welchen die Bruchlast bekannt ist. In einem gut sortierten Fachgeschäft (Bergsport, Speleo oder Eisenwarenhandel) wird dies der Fall sein.
  • Auch wenn die Bruchlast von Markenware selbst bei 6mm Durchmesser ausreichend ist, so ist es in der Praxis doch sinnvoll, Maillons mit mindestens 8mm Durchmesser zu verwenden. Auch wenn diese etwas schwerer und teurer in der Anschaffung sind.
Noch viel wichtiger: ist auf einer Kletterroute, mitten in einer Seillänge, ein Rückzug fällig, so verwende bitte nicht ein Maillon an einem Zwischenbohrhaken! Das ist ein egoistisches Verhalten, welches von wenig Sachverstand zeugt. Denn der nächste Kletterer muss beim Klettern entweder erst das Maillon herausfummeln oder seinen Karabiner darin einhängen. Um so mit gutem Gewissen weiterklettern zu können, müsste man erst Durchmesser und Prägung feststellen, was in der Praxis logischerweise kaum möglich ist. Die Maillons sind schon bei Temperaturschwankungen und etwas Korrosion kaum mehr ohne Werkzeug zu entfernen, oft hilft sogar nur noch aufsägen. Also: bitte verwende bei einem Rückzug auf der Seillänge stets einen alten Karabiner, welcher von nachfolgenden Kletterern problemlos wieder entfernt werden kann. Die Preisdifferenz gegenüber einem genügend dicken Maillon Rapide aus dem Fachgeschäft ist auch vernachlässigbar.

Wenn Rückzug, dann so, mit einem alten Karabiner. Bei diesem Bolt allerdings bestimmt nicht ohne Herzklopfen...
Gegen das Ausrüsten von Standplätzen und Abseilpisten mit Maillons ist hingegen nichts einzuwenden. Doch bitte setze auch hier, wie erwähnt, Markenware mit ausreichendem Durchmesser ein. So, nun hoffe ich, dass dieser Beitrag etwas Klarheit in den Maillon-Dschungel gebracht hat. Zum Schluss noch folgende Anekdote: ein grosses Schweizer Bergsport-Fachgeschäft verkauft zwar (immerhin!) Qualitäts-Maillons von Péguet, allerdings wird die Nutzlast als Bruchlast angegeben (Screenshot)... ob daraus etwa zu schliessen ist, dass  dort die Version ohne Bergsport-Norm EN 12275 verkauft wird? Sonst wäre ja nicht die Nutzlast eingeprägt, sondern die Bruchkraft. Na ja, wie auch immer, wir wissen ja nun über die Beständigkeit der Maillons Bescheid.

1 Kommentar:

  1. Hallo Marcel
    Wirklich ein toller Artikel, für mich ist es nichts neues. Schon seit Jahrzehnten kaufe und verkaufe ich nur Maillons von Péguet, 8 mm, sie sind pro Stk. ca. Fr. 1.-- teurer, aber dafür von geprüfter Qualität.

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