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Mittwoch, 4. Juli 2012

Grand Capucin (3838m) - Voyage Selon Gulliver (7a+)

Wenn man in Nordamerika nach DER Granitwand fragt, so nennen die meisten sicher den El Capitan. Hier in Europa ist die Sache weniger klar. Doch auch wir haben einen Cap, nämlich den Grand Capucin, einen eindrücklichen Granit-Monolithen im Massiv des Mont Blanc. Dass er weniger berühmt ist wie sein Gegenstück in Nordamerika hat seine Gründe. Er liegt halt nicht unmittelbar neben der Strasse, sondern abgelegen in einem Gletscherbecken am Fusse des Mont Blanc du Tacul. Auch ist er viel weniger mächtig, sondern markiert seinen Platz "nur" als elegante Felsnadel im Hochgebirge. In Kletterkreisen ist der Grand Capucin aber dennoch wohlbekannt, dies insbesondere seit der legendäre Walter Bonatti ihm nach mehreren Anläufen in einer epischen, 3-tägigen Begehung eine erste Route direkt durch seine steile Seite abringen konnte. Wenig erstaunlich, dass dieser Gipfel auch hoch auf unserer Wunschliste steht. Die Anforderungen sind aber alles andere als trivial, die einfachste Route erfordert in freier Kletterei einen Grad von ca. 6a+, wobei kaum fixe Absicherung vorhanden ist. Zudem fordert die Lage im Hochgebirge einwandfreies Wetter, passende Bedingungen und gute Akklimatisation.

Elegant, 500m hoch und steil: die Granitnadel des Grand Capucin
Nachdem wir am Vortag von zuhause via Aiguille du Midi und einer Akklimatisationstour in der Goulotte Chèré ins Rifugio Torino gereist waren, begann der Tourentag mit dem um 4.00 Uhr schrillenden Wecker. Nach einem Frühstück stiegen wir zügig zum Col Flambeau (3420m), wo wir unsere Skis deponiert hatten. Auf gefrorener und glatter Schneedecke machten wir im Nu 2km Distanz gut und fellten auf rund 3300m unter der Tour Ronde Nordwand an, um die letzten knapp 200hm zum Einstieg zurückzulegen. Etwas vor 6.00 Uhr waren wir da, eine andere Seilschaft überstieg gerade den Schrund, und machte sich auf, um durch das Couloir des Aiguilettes zum Einstieg der Schweizerführe zu gelangen.

Überblick über die Südseite des Mont Blanc du Tacul mit seinen Satelliten. Der Grand Capucin der höchste und schönste.
Wir indessen hatten im Vorfeld lange diskutiert, welche Route denn zu wählen wäre. Es kristallisierte sich schliesslich heraus, dass wir am besten und liebsten gleich am Fuss des Berges mit der Kletterei beginnen würden. Die beiden einfachsten und kürzesten Routen auf der linken Seite, O Sole Mio und die Voie des Suisses, haben ihren Einstieg nämlich erst auf halber Höhe und erfordern einen Aufstieg durch das objektiven alpinen Gefahren (Steinschlag, Lawinen) ausgesetzte Couloir, und danach einige Seillängen über felsiges Bruchgelände. Während dies frühmorgens im Aufstieg noch einigermassen sicher sein mag, wird dann spätestens Abseilen und Abstieg eine heikle Sache. Und natürlich verpasst man so auch mehr als 200 formidable Klettermeter.

Blick vom Einstieg nach oben. Da wartet eine ganze Menge Granit auf den Kletterer!
Somit begannen wir unseren Aufstieg mit der gängigsten Variante vom Wandfuss, d.h. den ersten 6 Seillängen der Route Elixir d'Astaroth. Erst galt es den tiefen Bergschrund zu überwinden, was dank einer hart gefrorenen Schneebrücke gut möglich war. Allerdings sei hier auch gesagt, dass diese am Nachmittag bei unserem Abstieg ob der massiven Wärmeeinwirkung schon nicht mehr existierte, und mir das Passieren des Schrundes im Aufstieg schon sehr herausfordernd schien. Hier nun einige Details zur Route:

Dank Schneebrüggli über den Bergschrund, dann geht's ab in die 1. SL
SL 1, 35m, 5a: Recht bequem konnten wir unsere Skischuhe in einem Felsspalt versorgen und auf die Kletterfinken wechseln. Durch den Rückgang des ewigen Eises wartete dann schon eine ganze Seillänge zum im Topo verzeichneten Beginn der Route. Man folgt zuerst einem schönen diagonalen Riss, dann über einfacheres, terrassiertes Gelände, zu Stand an 2 BH.

SL 2, 35m, 6b: Nun geht es richtig los, über die steilen Risse zu 2 markanten, dreieckigen Dächern. Es stecken überhaupt keine Sicherungen, so dass man durchaus noch einmal leer schlucken kann, bevor man anpackt. Doch mit meiner Psyche stimmt es heute bestens, so mache ich mit dem richtigen Mindset auf den Weg. Tatsächlich ist die Kletterei genussvoll, der Riss nimmt Cams als zuverlässige Sicherungen willig auf, so dass ich bald unter dem Dach bin. Das Topo suggeriert eine Unterquerung rechtsrum, ich gehe aber am linken Ende athletisch über die Kante, was sehr gut geht. Oberhalb an der Schuppe liegt der 3er-Camalot perfekt, und mit Wandkletterei an schönen Schuppen geht es zum Stand mit 2 BH.

Ein erstes, athletisches Dacherl in der 2. SL
SL 3, 20m, 6a: Unser Topo suggeriert eine 6a-Länge, welche offensichtlich dem diagonalen Riss folgt. Jonas steigt vor, die Kletterei ist prima und auch hier versorgt man perfekt Keile und Friends. Nach 20m wird die Kletterei aber schwerer, ja zu schwer für 6a. Jonas wird sich unsicher, und kehrt zurück. Wir richten schliesslich auf einer schmalen Leiste einen Stand an 2 Cams ein.

Schöne Kletterei, perfekt abzusichern: 2. SL, 6a
SL 4, 30m, 6c: Dann will ich mal sehen, wie es da weitergeht. Die Wand wird steiler, der Riss ist nicht mehr so ausgeprägt. Die folgenden 20m im Grad 6a+/6b gehen aber immer noch gut, und sind mit kleinen Friends und Keilen auch gut zu sichern. Doch dann verengt sich die Rissspur, so dass sich nichts mehr legen lässt. In etwas kühner Kletterei folgt schliesslich die Crux, die letzten 7-8m über eine steile, recht gut strukturierte Platte mit Knobs zum Stand. Es ist wohl eine leichte 6c, aber obligatorischer könnte die Stelle nicht sein. Ich habe die Entschlossenheit, und ziehe den Runout sauber onsight durch - yes! Stand an 2 BH, die man mit einer 50m-Länge auch direkt von Stand 2 erreichen könnte.

Jonas folgt in der kühnen Crux der 3. SL, 6c
SL 5, 40m, 6a+: Riss- und Verschneidungskletterei, die sich als ausreichend gutmütig entpuppt. Der steile Beginn ist problemlos abzusichern, danach nehmen die Schwierigkeiten deutlich ab. Über einige Terrassen erreicht man den Stand mit 2 BH.

SL 6, 30m, 5b: Nun gilt es, eine weitere Verbindungslänge zum Start der Voyage Selon Gulliver zu meistern. An zwei breiten, fast kaminartigen Rissen spielt sich das ab, die Kletterei gar nicht so einfach, wie man auf den ersten Blick meinen könnte. Stand dann erneut an 2 BH.

Zwei breite Risse in SL 6, 5b. Oben geht's dann steiler weiter...
Somit haben wir also den ersten Teil bewältigt und die sogenannten Bonatti-Bänder erreicht, von wo die meisten anderen Routen starten. Im Vornhinein hatten wir hauptsächlich 3 Routen auf dem Radar. Die einfachere und schöne O Sole Mio (6b+) ganz links, die klassische Bonatti/Ghigo (7a+) mit vielfach Techno-Kletterei an Normalhaken rechts und in der Mitte die Königslösung, die Voyage Selon Gulliver, die alpenweit als eine der besten Granitrouten gehandelt wird. Mit weiteren 11 Seillängen bis zum Gipfel bietet sie einen aussergewöhnlichen und ausgeklügelten Weg durch die steile Wandflucht. Speziell ist auch, dass trotz den anhaltenden und hohen Schwierigkeiten nur gerade 7 fixe Zwischensicherungen in Form von Bohrhaken die 400 Klettermeter zum Gipfel säumen.

Wie geht's weiter? Topostudium, im Hintergrund der Trident du Tacul.
Da der Auftakt über die Elixir d'Astaroth perfekt und reibungslos gelaufen war, wir auf Normalhakenzieherei keine Lust hatten und auch die Traverse über die Bonatti-Bänder zur O Sole Mio nicht gerade zuoberst auf der Wunschliste stand, beschlossen wir, einmal zu sehen, wie weit wir in der Voyage Selon Gulliver noch kommen könnten.

SL 7, 50m, 6a+: Steile und anspruchsvolle Seillänge, die mehrheitlich Wandkletterei bietet. Immer wieder findet sich aber ein Rissspur, welche zum Platzieren einer Zwischensicherung genutzt werden kann. Auch wenn die Absicherung vernünftig ist, insgesamt doch eine eher kühne Sache. Der athletische Abschlusswulst mit seiner wohl griffigen Piazschwarte ist auch klettertechnisch nicht ganz trivial. Stand an 2 BH.

Super Granit in der Voyage, hier die erste nominelle Länge, insgesamt SL 7, 6a+
SL 8, 40m, 6c: Hier folgt nun ein weiterer Test für den Vorsteiger. Nach dem Stand erst einfach in geneigtem Gelände linkshaltend hoch zu einem BH, und nicht gerade hoch den eigentlichen logischen Weg in die cleane Verschneidung der Ragni-Route. Nachdem der BH geklippt ist, warten erste, schwere Plattenmoves (ca. 6b) zu einem Band hin. Ab diesem erst die gut abzusichernde Verschneidung hoch. Diese läuft aus, es folgt plattige Wandkletterei zu einem zweiten BH. Ist dieser geklippt, geht es leicht rechts in plattiger Wandkletterei an Knobs hoch zum Stand. Auch diese Passage ist für 6c nicht sonderlich hart, die Crux ist aber etwa 2m über dem Bolt zu finden und daher 100% obligatorisch, und danach geht es noch ca. 8m weiter bis zum Stand mit 2 BH.

Tout simplement fantastique! Kühne SL 8, 6c, mit gerade mal 2 BH
Die andere Perspektive: Jonas am Beissen in der voll obligatorischen Crux, SL 8, 6c
SL 9, 30m, 6b: Vom Stand nach rechts und im ersten Riss hoch. Wo dieser ausläuft, folgt eine plattige Passage, die durch einen weiteren BH abgesichert ist. Danach Untergriffquerung am Wulst nach links, zu Stand an 2 BH.

Für einmal etwas gemütlicher, auch wenn es nicht einfach aussieht: SL 9, 6b
SL 10, 35m, 7a+: Nun gilt es mit der ersten Cruxlänge ernst. In Piazkletterei geht es einem Riss entlang aufwärts (ca. 6b) bis zum Pendelbolt. Dort gilt es nach links in das nächste Risssystem zu wechseln. Dies ist nicht weit entfernt (nicht mal 2m), dennoch wartet hier eine schwere Freikletterstelle, die meine Ambitionen auf irgendwas sofort beendet (bis dahin war meine Begehung noch perfekt). Auch der folgende, steile, schmale und ausdrehende Riss verlangt einiges an Technik und Athletik. Saubere Fingerklemmer müssen gesetzt werden, stets auf das labile Gleichgewicht achtend, und Tritte gibt es kaum brauchbare. Ich verlege mich aufs Aidclimbing, wenn man den kleinen Keilen und Friends vertraut, geht das problemlos (C1). Erst die letzten Meter zum Stand (1 BH + 1 NH) sind wieder einfacher und gehen für mich frei.

SL 11, 35m, 6a: Kleine Verschneidung mit Doppel- oder Dreifachriss, die gar nicht ganz so einfach ist, wie sie auf den ersten Blick aussieht, oder wie der vergebene Schwierigkeitsgrad suggeriert. Anyway, es ist dennoch die bisher einfachste Seillänge der Voyage, und sie führt zum Stand mit 2 BH.

Die Höhe des Trident du Tacul haben wir erreicht, oben sind wir noch lange nicht. Nochmals SL 8, 6c
Als wir beide am Stand sind, halten wir Lagebesprechung. Bisher ist es zwar wirklich gut gelaufen und es ist erst 12.00 Uhr, doch warten bis zum Gipfel auch noch 4 schwere Seillängen, wovon 2 sich im siebten Franzosengrad abspielen. Nach der Erfahrung in SL 10 ist mir auch klar, dass ich diese cleanen Längen wohl kaum werde onsighten können, und beim Vorsteigen wieder aiden muss. Ich meine, 7a oder 7b ist schon gut als Onsight-Challenge, im Klettergarten, mit der mir vertrauten athletischen Wandkletterei. Hier, auf 3700m Meereshöhe, an den ungewohnten Granitrissen und komplett selbst absichernd, ist das natürlich eine andere Schuhnummer. Zudem spüre ich nun, wohl wegen einem Mix aux fehlender Höhenakklimatisation, Dehydration, Kalorien- und Schlafmangel sowie 11 bereits gekletterter, schwerer Seillängen, eine gewisse Mattheit und Konzentrationsmangel. Dies mag es im Vorstieg in solch anspruchsvollem, selbst abzusicherndem Gelände einfach nicht leiden. Ohne Emotionen über das Aufgeben der Voyage beschliessen wir, dass die Route gewechselt und über die O Sole Mio auf den Gipfel gestiegen werden soll.

Blick zur Tour Ronde, die Nordwand (links), und das Rebuffat- und das Gervasutti-Couloir auch schöne Tourenziele
Das geht von dieser Stelle nicht so ohne weiteres, doch mit einem 60m-Abseiler lässt sich der Beginn der grossen Verschneidung der Voie des Suisses erreichen. Gesagt, getan, nach kurzer Zeit kann es dort weitergehen. Und da wartet noch das folgende Menü auf uns:

SL 12, 50m, 5c+: Wir verfügen nur über ein altes Topo dieser Route, wo die Schwierigkeit dieser Verschneidungslänge mit einer lapidaren französischen 5 (entspricht so 5b/5c) angegeben ist. Tatsächlich ist die Kletterei auch hier nicht geschenkt, wir hätten es nicht anders erwartet. Wohl auch stecken einige alte Schlaghaken, jedoch von dermassen desolater Qualität, dass man lieber selber ein paar Friends und Keile versorgt, was jedoch sehr gut möglich ist. Auch den Stand müssen wir improvisieren.

SL 13, 30m, 5a: Nun wartet sogar eine franzöische 4, es sieht zwar nicht wirklich danach aus und ist auch ein ganzes Stück schwerer. Trotzdem, es sind die einfachsten Meter bisher, und die Kletterei ist auch hier gut. Schliesslich erreicht man einen gemeinsamen BH-Stand mit der O Sole Mio, beim als "komfortable Terrasse" bezeichneten Band, welches jedoch noch ziemlich üppig verschneit war.

Nach dem Wechsel klettern wir eine Länge der Schweizerführe, auch sehr schön!
SL 14, 25m, 5b: An dieser Stelle verlaufen die Schweizerführe und die O Sole Mio nahe beeinander. Da auch kaum etwas steckt, ist es gar nicht so einfach, den richtigen Weg zu finden. D.h., man klettert ganz einfach dort durch, wo es einen am attraktivsten dünkt. Jonas zieht auf einer Art Rampe nach links hoch und macht nach 25m einen improvisierten Stand.

SL 15, 25m, 5c+: Ich gehe nun wieder in steilerer Wandkletterei weiter. Obwohl steil und schwierig aussehend, löst sich das sehr gut auf, und die Schwierigkeiten sind überschaubar. Zudem finde ich hier wieder einen Stand an 2 BH, ziemlich rechts an der Kante.

Jonas folgt, dies ist unsere SL 15, 5c+, die Kletterei auch hier selbst abzusichern, und der Hammer!
SL 16, 25m, 6a+: Jonas ist wieder dran, der Weiterweg ist ziemlich unklar. Er wählt einen Handriss leicht rechts der Kante. Dieser wurde gemäss zwei, drei stecken gebliebener Keile/Friends auch schon begangen, gehört aber vermutlich weder zur Voie des Suisses noch zur O Sole Mio!?! Jedenfalls ist er ziemlich heimtückisch und glatt, er verlangt einiges an Engagement. Zum Schluss klettert Jonas nur leicht nach links, und befindet sich an einem 2-Bolt-Stand der O Sole Mio.

SL 16 bietet einen tollen Handriss (hier nicht sichtbar), ca. 6a+.
SL 17, 35m, 6b: Hier irgendwo müsste man nun markant nach rechts abbiegen, um in einer Seillänge Hakenzieherei die Schweizerführe weiter zu verfolgen. Das wirkt unlogisch, zudem ist es wegen tropfendem Schmelzwasser nass. Hier bin ich nun definitiv auf der O Sole Mio unterwegs, erst in Wandkletterei mit 2 Bolts, dann an schönen, komplett selber abzusichernden Rissen zu Stand an 2 BH.

Yours Truly on lead, in der teilweise etwas feuchten SL 17, 6b. Am Anfang mal ein Bolt, dann selber abzusichern
SL 18, 40m, 6a+: Am Stand ein kleiner Schock, die vermeintliche Ausstiegsverschneidung ist patschnass und mit abschmelzendem Eis bekleistert. Das wäre unangenehm und vielleicht gar nicht machbar. Schliesslich geht es mir auf, dass die Route hier aber links in Wandkletterei hochführt. Bei genauerem Betrachten sind auch die 2 BH ersichtlich, welche das Gelände sichern, wo nicht selber gelegt werden kann.

Die letzte "richtige" Kletterlänge, Nr. 19, 6a+. Die Felsqualität auch hier unübertroffen.
SL 19, 50m, 4a: Nun ist die Gipfelabdachung erreicht, der Weg zum Gipfel zwar noch nicht sehr nahe, doch die Schwierigkeiten sind vorbei. Aber nicht die Herausforderungen: auf dem schrägen Dach liegt noch recht viel vereister Schnee, der in Schlangenlinie umklettert werden will.

SL 20, 50m, 3a: Es wartet eine weitere, einfache Seillänge in immer noch solidem Granit. Der Gipfel ist bloss ein schmaler Grat, den wir überschreiten, um dahinter den BH-Stand mit Beginn der Abseilpiste zu erreichen.

Auf der Gipfelabdachung, Jonas in SL 19, 4a.
Ziemlich genau um 16.00 Uhr sind wir beide am Top angelangt, nach 10 Stunden Kletterzeit und 20 SL. Das Wetter hat sich bestens gehalten, darum sind wir gar nicht in Eile. Trotzdem wartet noch ein langer Rückweg mit vielen Abseilmanövern, so dass wir bald wieder aufbrechen. Wir entscheiden uns für die Abseilpiste entlang der Route Echo des Alpages. Diese soll eine steile und schnelle Rückzugsmöglichkeit bieten und wird uns zudem genau zu den Skischuhen am Wandfuss zurückführen.

In der Tat gestaltet sich das Abseilen problemlos. Das Gelände im oberen Teil ist eindrücklich steil und vielfach überhängend. So erstaunt es wenig, dass wir hier nicht mit Seilverklemmern usw. zu kämpfen haben, sondern zügig nach unten kommen. Unsere Nachfolger-Seilschaft, die als Rückweg wieder die Voyage Selon Gulliver wählt, hat da weniger Glück: sie müssen zwei komplette, schwere Seillängen im oberen Wandteil ein zweites Mal bewältigen, um ein verklemmtes Seil zu lösen.

Geschafft! Nach 10 Stunden und 20 SL Kletterei ist der Gipfel (3838m) erreicht.
Am Bergschrund hat sich seit unserer Ankunft einiges getan, der Schnee ist da wie Butter geschmolzen und so mir nichts, dir nichts schien er mir gar nicht mehr passierbar. Abseilend aber natürlich null problemo, ausser dass ich die Skischuhe dabei mit Sulzpflüdi aufgefüllt habe... Wir schmeissen unser Material in die Rucksäcke und beschliessen, ob dem pflüttrigen Schnee angeseilt skizufahren. Das ist wie immer mässig spassig, aber bald haben wir sowieso den Punkt erreicht, wo wieder angefellt und zum Col Flambeau hochgestiegen werden will.

Man macht, was man machen muss, und so sind wir gegen 19.00 Uhr retour im Rifugio Torino. Lernfähig aufgrund der gestrigen Erfahrung und aufgrund des knurrenden Magens positionieren wir uns rechtzeitig vor der Türe zum Essraum, so dass das Schlange stehen dieses Mal entfällt. Die Portionen sind unserem Appetit immer noch nicht adäquat, so drei, viel Tellerchen Pasta anstatt dem einen einzigen hätten schon Platz gehabt. Mit noch reichlich Flüssigkeit und etwas Kuchen wird der Magen aber voll, und da wir sowieso müde sind, legen wir uns schon bald auf die Pritschen.

Viel Platz hat es nicht am höchsten Punkt. Jonas auf dem "very top". 
Facts:

Grand Capucin - Kombination Quadruple Indirect 7a+ (6b+ obl.) - 20 SL, 710m, ED
Material: 14 Express, Rocks 1-10, 1 Set Camalots 0.3-3

Lange, fantastische Granitkletterei und sehr lohnende Variante, um auf den Grand Capucin zu gelangen. Der Einstieg über die Elixir d'Astaroth ist sicher der schönste Zugang zu den Bonatti-Bändern auf 1/3 Wandhöhe. Um die unschöne Traverse zu den einfacheren O Sole Mio und Voie des Suisses zu vermeiden haben wir 5 weitere SL der Voyage Selon Gulliver geklettert, um dann mit einem 60m-Abseiler in die O Sole Mio zu wechseln, welche wir (nicht ganz konsequent, d.h. mit einigen Abweichungen in die Voie des Suisses) zum Gipfel verfolgt haben. Der Fels ist über die ganze Strecke von erstklassiger Qualität: sauber, bombenfest und meist gut strukturiert. Fixe Absicherung ist ausser perfekt gebohrten Ständen kaum vorhanden. Die Kletterei lässt sich aber weitestgehend mit je 1 Standardset Friends und Keilen perfekt absichern, nur in SL 4 und SL 8 wartet je ein etwas plattiger Runout, der einen beherzten Vorstieg erfordert.

Topo:

Kaum zu glauben, dass es vom Grand Capucin kein vernünftiges, komplettes Topo gibt. Und dies weder käuflich noch online! Zur Verfügung standen uns der Führer von Eberlein aus dem Rother Verlag, sowie eine Übersichtsskizze mit Routenlinien (siehe unten) und ein altes Piola-Topo der Voyage. Von Nutzen können allenfalls auch die käuflich zu erwerbenden Werke von topoguide.de (Voyage, O Sole Mio) sein.

A=O Sole Mio; B=Voie des Suisses; N=Voyage Selon Gulliver; F=Elixir d'Astaroth 
Fundstück aus dem Internet, Topo von Elixir d'Astaroth (3) und Voyage Selon Gulliver (1)

Kommentare:

  1. Gratulation!! Hammer Route!
    Habe diesen Fels schon lange auf meiner Wunschliste, leider noch nicht getraut anzugehen :-)
    Gruss Beat

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  2. Hoi Marcel

    Gratuliere, sehr schön! Beim Anblick dieser hochalpinen Landschaft und vor allem dieses genialen roten Granits wird einem grad warm ums Herz.
    Ich habe zeitgleich mit 20 SL Grimselgranit Vorlieb genommen. Chamonix Granit steht auch auf meiner Wunschliste...

    Gruss Patrik

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  3. johannes rauch5. Juli 2012 um 17:22

    Beneidenswert! Sowohl die Route wie die Leistung. Leider nicht ganz meine Kragenweite ;-)

    Johannes

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  4. Wow - was für Bilder! wet au Mal ;-)
    greets

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  5. Tolle Leistung! Ich bin vor 15 Jahren die Voies des Suisses geklettert. Einfach grandios der Granit und diese Umgebung. In die Voyage habe ich nur ehrfürchig rübergeschaut. Wahrscheinlich ein Projekt fürs nächste Leben. Aber ein paar Träume muss man ja noch haben ...

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