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Mittwoch, 12. Juni 2013

Querelen in Lecco

Intensiver Dauerregen auf der Alpennordseite, Sonnenschein im Süden: ein klarer Fall eigentlich, die Siebensachen packen und ab geht's. So war das früher, nun, als Familie mit zwei Kindern ist das zwar immer noch möglich, doch die logistische Herausforderung wird grösser. Dieses Mal wollten wir aber dennoch die Chance packen. Um dem Verkehrschaos am Gotthard auszuweichen, sollte es nicht ins Tessin, sondern an den Comersee gehen. Das ist an sich eine gute Idee, sofern man dann einen Klettergarten auswählt, wo die Haken auch tatsächlich noch stecken.

Ein bisschen etwas wie ein Geheimtipp ist die Anfahrt über den Splügenpass (oder alternativ auch Julier- und Malojapass) immer noch. Während es anderswo lange Autoschlangen gibt, hat man hier freie Fahrt. Wobei statt Autobahn und Tunnel halt auch viele Haarnadelkurven warten. Dennoch, ab Zürich erreicht man so in gut 3 Stunden Lecco. Oder besser, würde man in 3 Stunden Lecco erreichen. Aktuell ist nämlich ein Abschnit auf der Autobahn SS36 entlang dem oberen Comersee gesperrt, so dass man zwischen Colico und Bellano auf die alte Seestrasse ausweichen muss. Das kostet fast eine halbe Stunde extra. Immerhin ist die Staugefahr für aus dem Norden anreisende (SA Vormittag hin, SO Abend zurück) klein.

Situation auf dem Splügenpass. Noch hat es viel Schnee, die Tour auf den Pizzo Tambo wäre noch problemlos möglich.

SA: Falesia Discoteca (Topo)

Rasch erreichbar, kurzer Zustieg, bequemer Wandfusss und ein gutes Routenangebot zwischen 6a und 7c+. Dank diesen Parametern war diese Westwand wenig nördlich von Lecco unsere Wahl für den Samstag. Und ich muss sagen, das war eine sehr gute Wahl, die Klettereien haben mir exzellent gefallen. Steile, bzw. leicht überhängende Wandkletterei wird einem geboten, gespickt mit vielen kleinen, aber meist positiven Leisten und hohem Anspruch an die Fingerkraft-Ausdauer. Fels und Kletterei sind von ähnlichem Zuschnitt wie im Hauptsektor des Gross Schijen auf der Ibergeregg, die Absicherung ist formidabel. Da wir an diesem Tag zu sechst mit "nur" 3 Kindern am Fels waren, lag entsprechend viel an Kletterei drin.

Easy Platz zum Klettern und Spielen...
Folgende Routen bin ich persönlich geklettert:

Charlie & Jasmine (6b, ***): Eher kurze Route, die erst ein paar einfache Meter bereit hält, dann aber mit einer knackigen Crux an Leisten und schwerer Fussarbeit aufwartet. Zuletzt dann einige Meter ausdauernd an Leisten zum Top.

Turbo Tubbies (7a, ****): Die ersten 15m sind mit 6a+ bewertet und von ähnlichem Charakter wie der oben beschriebene, rechte Nachbar. Nach einem Ruhepunkt auf dem etwas schottrigen Band geht es dann zur Sache. Mit kräftigen Boulderzügen will ein überhängender Wulst bezwungen werden, bevor sehr schöne, wieder etwas einfachere Ausdauerkletterei zum Umlenker auf 30m Höhe führt.

Disco Inferno (7a+/7b, *****): Einfach eine absolut fantastische Ausdauerkletterei an Leisten, die aber trotzdem viele abwechslungsreiche Moves und interessante Passagen bereithält. Im Onsight bewies ich leider an entscheidender Stelle bereits etwas angebrutzelt nicht die nötige Übersicht. Zum Tagesabschluss aber, nachdem meine Kameraden schon gegen mich gewettet hatten, gelang mir in einer eindrücklichen Begehung noch der Rotpunkt.

Ali Shuffle (6c+/7a, ***): Schöne Route, deren Schwierigkeiten nach oben hin stetig zunehmen. Da wirklich gute Ruhepunkte fehlen, kommt die Ausdauer zum Zug und die Crux über die letzten 2 Haken hinweg ist echt kräftig und knifflig zugleich. Für mich verdient diese Route eine klare 7a, Turbo Tubbies und sogar auch Disco Inferno waren mir leichter gefallen.

In der Cruxzone von Turbo Tubbies (7a), die Kletterei deutlich steiler, wie man anhand dem Foto meinen könnte.
Da ich ausser in der Aufwärmroute im Onsight unglücklich agiert und auch bezüglich der Sequenz der Routen schlecht taktiert hatte, musste ich in den Siebnern jeweils 2x ran. Nach insgesamt 200 anspruchsvollen Klettermetern waren meine Unterarme dementsprechend gefordert, zudem war es auch spät geworden. So machten wir uns auf, um im Albergo Maggio im Valsassina zu nächtigen. Die Attribute freundlich, sauber, gutes Frühstück und ein mit 80 Euro für 4 Nasen sehr attraktiver Preis machen es zu einer sehr empfehlenswerten Adresse. Fürs Nachtessen bietet sich in dieser Zone die Pizzeria 4 Stagioni beim Camping am Colle di Balisio an.

SO: Masone, Sasso Carlano & Falesia del Mago

Der Plan für den Sonntag war, an der Falesia Masone zu klettern. Das sah auf dem Topo super aus, selbst Adam Ondra war schon für diesen Crag angereist, also sollte das wohl etwas Gutes sein. Die angegebene Zustiegszeit von 30 Minuten (bzw. 1 Stunde gemäss Schweiz Extrem Süd) hätte zu Bedenken Anlass geben können. Aber gut, wir hatten Zeit, und mit etwas Geduld wäre das auch mit den Kindern zu meistern. Tatsächlich war es dann ein hartes Stück Arbeit: es sind doch beinahe 400hm zu meistern! Und da es den Kindern zum Spielen und den Eltern zum Klettern jeweils an nichts mangeln soll, waren wir entsprechend schwer bepackt. Aber Mama und Papa spielten Sherpa, die Kinder wanderten gut die Hälfte auf eigenen Füssen. Natürlich waren etliche Pausen fällig, in welchen sie immer wieder die schöne Aussicht "uf d Schneeberge" bestaunten, so dass wir erst nach etwas mehr als einer Stunde das Objekt der Begierde erreichten.

Tobias in der Crux von Turbo Tubbies (7a).
Wir musterten die Wände: aufgrund der Chalkflecken waren die Routenverläufe wohl glasklar zu erkennen, doch die Absicherung schien ziemlich spärlich zu sein, denn Bohrhaken waren eigentlich keine sichtbar. Erst ein genauerer Blick zeigte, dass die Haken alle fein säuberlich abgeflext waren. What the heck...?!? Wie ich inzwischen rausgefunden habe, sind hier irgendwelche Querelen im Gange. Auslöser waren Unstimmigkeiten über geschlagene Griffe, dem Beseitigen von Vegetation am Wandfuss, Diebstähle von fixem Material aus den Routen, das Liegenlassen von Abfall, das Zupappen von Griffen mit Chalk, etc.. Halt einfach so ein bisschen alles, womit man als Besucher einem Erschliesser so richtig Freude machen kann. Irgendwie kann ich das schon ein Stück weit nachvollziehen: wer Routen einrichtet und bewertet leistet viel Arbeit und exponiert sich. Unflätiges Benehmen, mangelnder Respekt und abwertende Kommentare, wenn möglich noch anonym im Internet, sind auch hierzulande leider keine Unbekannte. Zwar habe ich in der Schweiz noch nie von einem deswegen ausgenagelten Klettergarten gehört, doch dass Neuerschliessungen nicht mehr veröffentlicht werden, liegt genau daran. Für alle, die dem Italienischen mächtig sind, ist die Story übrigens nachzulesen (1, 2).

Unterwegs in Ali Shuffle an der Falesia Discoteca (6c+/7a).
Für uns blieb derweilen keine andere Option, als wieder den Abstieg anzutreten. Das dauerte natürlich seine Zeit, aber noch immer waren wir genügend früh dran, um einige Seillängen in einem anderen Gebiet zu klettern. Doch anstatt eine sichere Wahl zu treffen, liessen wurden wir dazu "überschnorret", doch einmal den Sasso Carlano auszuchecken. Es folgte eine ziemlich lange Fahrt auf kurviger Bergstrasse und die nächste Enttäuschung: der abgelegene Fels ist kaum 10m hoch, hat einen unbequemen, nicht kindertauglichen Wandfuss und sieht alles andere als attraktiv aus. Etwas frustriert zogen wir von dannen. Die einzig noch sinnvoll erscheinende Option schien ein Stopp auf der Heimreise. Dafür bot sich die in der Nähe von Colico liegende Falesia del Mago an. Deren Ambiente unmittelbar an einer ziemlich stark befahrenen Strasse ist nicht gerade traumhaft. Doch etwas Auslauf und Bewegung vor der Heimfahrt würde nicht schaden, also machten wir uns ans Werk und kletterten die Routen I Due Guru (5c), Il Macchinista (6a+), Aspettando il Riccio (6c), Go Up (7b) und Giardinaggio (6a+). Alle davon sind empfehlenswert und bieten schöne, knifflige und kräftige Moves. Die Toproute Go Up (7b) ist sogar ein echt cooles Maxkraftausdauerproblem. Doch bis ich es endlich entschlüsselt und durchstiegsreif hatte, schien leider die Sonne rein, womit es mit dem Halten der abschüssigen Slopern leider subito finito war.

Ambiente an der Falesia del Mago.
Als kurzen Zwischenstopp auf einer Fahrt in den Süden kann ich den Besuch an der Falesia del Mago durchaus empfehlen, auch wenn die Wandhöhe bloss 12-15m ist und das Ambiente schöner sein könnte. Der hautfressende Gneis ist ähnlich wie an den Boulderblöcken in Cresciano und Chironico. Und im Prinzip handelt es sich auch um Boulderprobleme, welche am Seil begangen werden. Wir indessen traten nach einer letzten Portion Pasta die staufreie Heimfahrt in den immer noch regnerischen Norden an. Auch wenn es am Sonntag nicht ideal gelaufen war, so war das doch ein voll lohnender Trip, der sicher eine baldige Wiederholung finden wird. Nächstes Mal, da bin ich mir sicher, werde ich vor Aufbruch jedoch das Bacheca auf der Seite von Paolo & Sonja checken und auf den italienischen Foren nach weiteren Ausnagelaktionen Ausschau halten - auch um andere Felsen in der Gegend sind Kontroversen im Gange, und sicher ist in dem Fall sicher.


Kommentare:

  1. SCALATORI VANDALI
    Falesia del Masone sopra Barzio

    Da wir, ich und meine Frau, öfters in dieser Region kletternd unterwegs sind, möchte ich zu diesem Thema ein paar Gedanken anbringen.
    Diese Aussagen erstaunen uns doch ein wenig. In allen Gebieten in welchen wir, unterwegs sind, können wir das Antreffen solcher Situationen in diesem Ausmaße nicht bestätigen.
    Es ist sicher so, dass in der weiteren Umgebung der Klettereien jeweils der eine oder andere Haufen und das dazugehörige Toilettenpapier zu finden ist. Hier gibt’s Bedarf. Ein Loch graben und zudecken heißt das Lösungswort.
    Es ist uns letztes Jahr in Erna lediglich von einem Besuch zum anderen das “Abholzen“ am Wandfuß aufgefallen. Diese Abholzen, nennen wir es mal ein wenig zurückschneiden um Licht reinzubringen, war unserer Meinung nach nicht wirklich professionell. Okay…. darüber kann man diskutieren…, allerdings wurde unserer Meinung nach dieses ”Rausschneiden” eher von Locals gemacht. Wer trägt sonst schon eine Säge mit sich rum?
    Es ist schon klar, dass natürlich eine Gebiet welches plötzlich durch einen Protagonisten wie Adam Ondra, der Werbung für Montura macht, in einem Endlosfilmen bei Alpstation über den Bildschirm flimmert, und oben drein auf mehreren Farbseiten im neuen Führer abgebildet ist, an Publizität gewinnt. Diese Gebiet wird möglicherweise dadurch auch einen größeren Zulauf aus allen Herrenländern mit allen möglichen ”Möchtegern-Ondras” erhalten. Es wird wohl auch so sein, dass es dabei Kletterer hat, welche nicht den gleichen Ordnungssinn der Locals haben.
    Das manche gern ein Feuerchen machen auch wenn’s nicht angebracht, ja sogar verboten ist, sowie Material klauen kommt übrigens auch in unseren CH-Breitengraden vor.
    Es scheint mir hier aber eher ein lokales Problem zu sein. Könnte ja aber auch sein, dass plötzlich irgendwelche schwere Routen salopp wiederholt werden und dessen Schwierigkeit in Frage gestellt wird. Dies sieht man ungern und gibt Neid.
    Erstaunlich, erstaunlich und befremdent ist es aber trotzdem, dass man aufgrund dieser beanstandeten Gegebenheiten grad eine ganzes Gebiet mit ca. 30 Routen (ohne MSL gezählt) ausgenagelt und schließt. Meiner Meinung nach hätte es doch andere Möglichkeiten gegeben wie, dass sich die Locals hinstellen und zur Ordnung aufrufen oder mindestens entsprechende Hinweistafeln erst anbringen.
    By the way, es gibt im Internet und zwischenzeitlich auch in den neuesten Führern genügend Hinweise über Verhaltensregeln in Klettergebieten.
    Für Griffe schlagen und zusätzliche Bohrhaken ohne Absprache mit den Locals gibt es natürlich ein absolutes „no go“.
    Grundsätzlich ist dies ein Bumarang für die Locals selbst. Entweder haben sie ihre Begehungen so im Griff und so oft schon geklettert, dass dies keine Herausforderungen mehr ist und kein Spaß mehr macht, oder sie gehen nun eben auch in Fitnessstudios und mögen der Nachwelt keine Wiederholungen gönnen.
    Dann Frage ich mich allerdings, ob es Sinn macht so viele Routen einzubohren, oder ob man dann nicht gescheiter sich Linien sucht, welche man mit mobilen Sicherungsmittel absichern könnte und clean hinterlässt?
    Denke, da es sich hier wirklich um ein LECCO-Problem und den vielen Locals mit unterschiedlichen Interessen handelt werden sich die Wogen wieder glätten.
    Wir, meine Frau und ich, versuchen uns jedenfalls weiterhin als Gäste der Gebiete und der Natur zu benehmen und möglichst wenig Spuren zu hinterlassen.

    Megge & Uta

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    1. Salu Megge
      Ja, in Lecco ist es mir auch schon passiert, dass im Gebiet Lariosauro in allen Touren bis und mit 7a keine Lasche mehr hing. Wir kletterten dann die 7b's dass war auch net. Die Laschen im Lariosauro hat Delfino wieder angebracht. Aber wenn Mann zur Flex greift wirds ernst, es hat so etwas dauerhaftes an sich, wie beim KKK (Kennedy + Kruck Klan).
      Beste Grüsse
      Bagual

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