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Donnerstag, 12. Dezember 2013

Rubihorn - Ruby Tuesday (M6) mit Sturz nach BH-Ausbruch

Mit Tobias war ich bisher schon in der Schweiz und allen Nachbarländern exklusive Deutschland unterwegs. Diese letzte Lücke konnte nun geschlossen werden: er berichtete mir von optimalen Verhältnissen am Rubihorn und schlug eine Begehung der 'Ruby Tuesday' (11 SL, M6) vor. Mir war zwar nicht restlos klar, was einen da erwartet. Doch eine Nordwand-Kletterei mit Steigeisen und Eisgeräten tönte auf jeden Fall spannend. Und vielleicht würde es mich ja näher an meinen Traum bringen, die Begehung der Heckmair-Route in der Eiger-Nordwand.

Die gewaltige Bastion der Rubihorn-Nordwand im Allgäu, hier soll es hochgehen!
Bevor ich mit dem eigentlichen Tourenbericht beginne, nehme ich aber auf den für viele wohl spannendsten Teil Bezug, den schon im Titel erwähnten Vorfall mit dem BH-Ausbruch. Am Rubihorn ist der Fels durchaus nicht immer bombenfest, doch die in der Tour vorhandenen Bolts sind in der Regel prima platziert, so dass ich sie durchaus als sicher bezeichnen würde. Nun war ich aber in SL 9 (M6) im Vorstieg. Die schwierige Verschneidung mit einer glatten rechten und einer aus losen Blöcken bestehenden linken Seite hatte ich erfolgreich gemeistert. Nun galt es, diese nach links zu verlassen und im zwar leichteren, aber brüchig-plattig-abwärts geschichteten Gelände den Stand zu erreichen. An einem markanten Block befand sich ein weiterer BH zur Zwischensicherung.

Diesen kletterte ich etwas heikel an, auf den verschneiten und glatten Platten stand ich ziemlich eierig auf den Steigeisen und zudem hatte ich auch schon üppig Seilzug. Froh darum, den vermeintlichen Rettungsanker erreicht zu haben, hängte ich die Exe in den Bolt und zögerte keine Sekunde, diese zu ergreifen um das Seil einzuhängen. Gut, solcherlei ist vielleicht sportlich nicht ganz einwandfrei, aber ich hatte bei früherer Gelegenheit auf die harte Tour gelernt, die Ambitionen auch einmal rechtzeitig zurückzustecken. In der bisher unveröffentlichten und undokumentierten Felstour mit dem Namen 'Slippery when wet' hatte ich im Sommer 2012 in prekärer Position und mit Seilzug das Seil sauber einzuhängen versucht. Dabei rutschten mir die Füsse weg, und es folgte ein unkontrollierter 15m-Sturz, der schmerzhaft aber glimpflich ausging.

Ein anderes, einfacheres aber lohnendes Ziel für ein nächstes Mal: der Gaisalpfall (WI3)
Solcherlei wollte ich also vermeiden, griff zur Exe und ging sogleich etwas auf Gegendruck, um ja nicht mit den Füssen wegzurutschen. Dabei passierte es augenblicklich: der Fels zerbarst, etwa 2 Schuhschachteln an Material rund um den und mit dem BH brachen aus. Mich drehte es herum, und mit Blick die Wand hinunter trat ich den Weg in die Tiefe an. Nach etwa 10m kam ich zum Stillstand, die Zwischensicherung darunter hatte glücklicherweise ihren Dienst erfüllt. Ein kurzer Check zeigte eine blutende Wunde an der Hand, einen angeknacksten Fuss und ein paar Prellungen hier und da - definitiv Glück gehabt, dass nix schlimmeres passiert war. Ich bezog improvisierten Stand und liess einmal Tobias nachkommen. So umzudrehen war irgendwie auch eine schlechte Option. Also biss ich auf die Zähne, so dass wir doch noch zum Top gelangten und die Tour würdig abschliessen konnten. Die Stelle mit dem BH-Ausbruch liess sich einige Meter linksherum in kühner Manier auch ohne die nun fehlende Zwischensicherung passieren.

Warum der Ausbruch? Wie beschrieben, der Fels ist am Rubihorn teilweise nur von mässiger Qualität und die Touren lassen sich nur im Winter ohne grösseres Gefahrenmoment begehen. Das Felsmaterial ist zudem ständigen Wechseln von Frost und Auftauen ausgesetzt, was natürlich auch die Verlässlichkeit vom steckenden Hakenmaterial herabsetzen kann. Einen BH-Ausbruch ohne Sturz, nur aufgrund einer blossen Haltebelastung von Hand hätte ich aber ehrlich gesagt dennoch nicht erwartet. Behalten wir doch einfach im Hinterkopf, dass auch Bohrhaken keine 100%-Sicherheit bieten - falls das Leben, sei es beim Abseilen oder in Form einer entscheidenden Zwischensicherung, nur von einem einzigen BH abhängt, dann sollte man entsprechend defensiv agieren.

Zuletzt anstrengende, steile 300hm hoch übers Geröllfeld am Wandfuss...
Tourenbericht

Wir starteten unsere Tour um Schlag 7.00 Uhr beim Parkplatz in Reichenbach, kurz vor Oberstdorf. Für die Leser aus der Schweiz: von Zürich Nord/Ost gelangt man in 1:45 Stunden dahin, braucht also kaum länger als ins Avers und sicher weniger lang als zB nach Kandersteg. Auf gepfadeter Strasse und über den Schluchtweg erreichten wir die Gaisalpe, von wo es über ein unter Umständen mühsames Geröllfeld den Wandfuss zu erreichen gilt. Dank vorhandener Spuren und einer mehr oder weniger soliden Schneedecke war die Sache aber vernünftig gut gangbar, so dass wir um 8.20 Uhr nach rund 700hm Zustieg den Einstieg erreichten. Rasch waren wir aufgerödelt und starteten um 8.45 Uhr gemeinsam mit einer weiteren Seilschaft, die in die 'Horny Rubi' wollte, die Kletterei.

Kurz vor dem Einstieg, welcher in der rechten Bildhälfte ersichtlich ist.
SL 1, M3-4: Erst über die einfache Rampe diagonal nach links hinaus. An deren Ende wartet eine etwas heikle Stelle über einen Wulst hinweg, danach einfach im Schnee zum Stand. Auf dieser Länge gibt es keine Sicherungsmöglichkeit! Ein BH vor der Crux wäre mE Gold wert.

SL 2, 70 Grad: Einzige SL mit Eiskletterei. Dieses ist allerdings zu Beginn sehr dünn und liegt auf plattigen Felsen auf, eine heikle Sache ohne Absicherung. Erst nach 15m wird es etwas dicker, so dass auch die kurzen Schrauben setzbar sind. Danach über ein Schneefeld nach rechts zu Stand, der allerdings unter dem Schnee begraben war. Mit etwas Strecken liess sich aber der erste Zwischen-BH erreichen.

Tobias in der ersten SL, die etwas heikle Crux ohne Sicherung bereits überwunden. Der leichtere Eisschlauch links war leider zu dünn.
SL 3, M5: Je nach Schneelage sind gleich die ersten Meter schwer. Danach abdrängende Rechtsquerung in eine Verschneidung hinein, mit BH und Fix-Hexentric gut abgesichert. Die Passage in der Verschneidung dann selbst abzusichern, mit zuletzt einer etwas heiklen, glatten Stelle. Danach noch etwa 20m in einfacherem Mixed-Gelände ohne Sicherungsmöglichkeit diagonal rechts hoch zum Stand.

SL 4, M6: Der plattige Beginn schüttelt Tobias gleich mal ab, der Purzelsturz ins Schneefeld ist aber harmlos. Nach diesem Auftakt quert man nach rechts in die Verschneidung, welche athletisch und schwer bezwungen werden will. Vor allem der Abschlussmantle hat es in sich - offenbar gibt es hier manchmal einen Eispilz, der die Sache erleichtert... nicht so für uns. Danach in mühsamem, plattigem Bruch ohne Sicherungsmöglichkeit aufwärts, erst kurz vor dem Stand kommt nochmals ein Bolt zur Zwischensicherung.

Eiger-Feeling in SL 5 (M4). Durchaus heikle Kletterei über verschneite, etwas brüchige Platten.
SL 5, M4: Rechts hinaus und diagonal hoch in etwas brüchigem Plattengelände, das aber mit BH gut abgesichert ist.

SL 6, M4+: Bestens abgesicherte Querung nach links und sehr originell an einem Rasenbalkon athletisch traversieren. Danach noch etwas aufwärts im Flaschenhals zum Stand. Dieser ist am Auslass des grossen Kessels extrem dem Steinschlag aus der ganzen oberen Wandhälfte ausgesetzt. Alle anderen Standplätze liegen hingegen gut geschützt unter Überhängen oder Wulsten, hier gibt es einfach keine bessere Alternative.

Felskletterei mit Steigeisen an den Füssen in SL 6 (M4+).
SL 7, M2: Vorwiegend Gehgelände im Schnee, keine Sicherungsmöglichkeit. Der Stand links oben an 1 BH.

SL 8, M2: Horizontale Rechtsquerung, kurze Felsstufe und im Schnee zum Fuss der markanten Plattenverschneidung.

In der einfacheren SL 7 (M2) klettert man über eine Rampe...


...zum Beginn des 'Götterquergangs'  (SL8, M2) und dann zur  'Spinne' - naja, alles eine Dimension kleiner und wohl auch leichter.
SL 9, M6: Anspruchsvoll durch die Verschneidung hoch. Rechts ist's sehr plattig, links sehr brüchig mit ziemlich grossen, losen Blöcken. Die Absicherung mit BH ist aber nervenschonend ausgefallen. Zuletzt dann links hinaus ins brüchig-plattige Scheissgelände. Der Bolt, welcher da zur Zwischensicherung steckte, ist nun eben ausgebrochen. Deutlich linkshaltend gelangt man einfacher aber heikel zum Stand.

SL 10, M4: Hier waren wir wohl nicht richtig unterwegs. Wie querten vom Stand auf einem Band deutlich nach links und stiegen dann direkt in Torfkletterei zum nächsten Stand hoch. Die richtige Linie führt vom Stand wohl direkter hoch und quert erst weiter oben nach links (etwas unlogisch, vermutlich brüchiger und schwerer). Bei unserer Variante ist dafür die Absicherung problematisch...

SL 11, M6: An gefrorenen Grasmutten geht's aufwärts zu einem BH in ca. 12m Höhe (erste Sicherung). Danach in fast grasfreiem Fels an BH gesichert unter das Dach hoch. Dieses athletisch und schwierig nach links hinaus überwinden - der Mantle auf den Grasbüschel hinauf ist die Crux. Danach einfacher hinauf zu Stand an der Föhre rechterhand.

Nachher käme dann wohl der 'Quarzriss': die schwierige Mixed-Verschneidung (SL 9, M6), an deren Ende ich den BH ausgerissen habe.
Um ca. 15.00 Uhr hatten wir das Top erreicht. Wow, das war jetzt eine ziemlich abenteuerliche Sache, die aber (vom Sturz mal abgesehen) dennoch grossen Spass bereitet hatte. Während man vom Ausstieg über Schneehänge den eigentlichen Gipfel des Rubihorns erreichen und zu Fuss absteigen könnte, ist der schnellste Weg ins Tal das Abseilen über die Route. Dieses ist ob der von losen Steinen ausgehenden Gefahr nicht als komplett 'tubelisicher' zu bezeichnen. Nach reiflicher Überlegung kamen wir aber zur Einsicht, dass es den ganzen Tag über eigentlich kaum spontanen Steinschlag gegeben hatte. Wenn es 'räbelte', dann war es weil wir selber Steine und Blöcke ausgelöst hatten. Dies ist übrigens bei der aktuellen Schneelage kaum zu vermeiden: somit sei man sich Gewahr, dass ein Einsteigen hinter einer anderen Seilschaft absolut lebensgefährlich wäre. Mit der entsprechenden Vorsicht gelangten wir aber eventfrei zurück an den Wandfuss. Wir packten unsere Rucksäcke und machten uns auf den Weg ins Tal. Das Schneefeld war nun, insbesondere nach meinem Misstritt und dem verstauchten Fuss, durchaus etwas mühsam. Etwas nach 17 Uhr erreichten wir im letzten Licht wieder den Parkplatz.

Facts

Rubihorn - Ruby Tuesday M6 (M5+ obl.) - 11 SL, 440m - Glaser/Faulhaber/Kocher 2005-2007
Material: 10 Express, 3 kurze Schrauben, Camalots 0.3-2, 2x60m-Seile, Stirnlampe

Anspruchsvolle, alpine Nordwand-Kletterei. Den Mixed-Bewertungen zum Trotz klettert man bis auf die zweite SL kaum im Eis. Hin und wieder gibt es etwas Frozen Turf, zumeist überwiegt aber Felskletterei. Je nach Geschmack und Können ist man hier mit oder ohne Eisgeräte am Klettern. Der Fels ist oft eher etwas plattig. Man könnte ihn wohl als genügend solide bezeichnen, an manchen Stellen ist er jedoch auch splittrig und teilweise sind auch lose Steine und Blöcke vorhanden. Achtung, nie bei Tauwetter einsteigen, bei viel Schnee ist auch die Gefahr von Rutschen und Lawinen zu beachten. Generell dürften bei viel Schnee die Absicherungen schwerer zu finden sein. Während gewisse Passagen dann leichter werden, dürften andere dafür schwieriger sein. Von daher ist es schwierig zu definieren, was 'optimale Verhältnisse' in dieser Tour bedeuten. Eine vernünftige Grundabsicherung (Stände und Zwischensicherungen) mit Bohrhaken ist über weite Strecken vorhanden. Dennoch sind (v.a. im unteren Wandteil und an einigen leichteren Stellen) weite Abstände vorhanden, wo gefährliche Stürze möglich sind. Zusätzliche Absicherung ist nicht immer einfach anzubringen, das Gelände ist generell sehr klemmkeil- und hakenfeindlich.

Mixed-Klettern in der Rubihorn-Nordwand. Trotz ein paar BH eine abenteuerliche Geschichte!
Eine ausführliche Beschreibung zur Tour inklusive einem guten Topo mit allen Zwischensicherungen findet sich im 'Eiskletterführer Bregenz bis Garmisch'. Den Text, ein Übersichtsfoto mit dem Routenverlauf und weitere Bilder hat der Erstbegeher Alban Glaser aufs Rocksports-Forum gestellt, herzlichen Dank dafür und natürlich auch fürs Einrichten dieser Tour!


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