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Mittwoch, 19. März 2014

Mont Blanc du Tacul - Modica Noury (TD III WI5+)

Chamonix, der alpine Spielplatz schlechthin: bizarre Nadeln aus bestem Granit, eindrückliche Gletscher und tolle Eiscouloirs, dazu optimale Erschliessung mit den Bahnen zur Aiguille du Midi, nach Grand Montets und zur Punta Hellbronner. Hier kann man seine Kletterträume zur Realität machen und nachdem es 2013 für mich nicht geklappt hatte, sollte es 2014 wieder einmal soweit sein.

Dank den zu hohen Ausgangspunkten führenden Bergbahnen sind viele hochalpine Routen in einem Tag machbar, dies hat den Fokus stark auf lohnende, sichere und interessante Kletter-Unternehmungen gerückt; eigentlich kann man von Sport- oder Plaisir-Bergsteigen sprechen. Klar, der alpine Pathos geht dabei ein wenig flöten und auch die Bekanntheit und Begehrtheit vieler dieser Ziele hat zwei Seiten. Die negative ist der mögliche Andrang, der positive Aspekt die meist recht genaue Kenntnis von Verhältnissen und Machbarkeit. So kommt der Homo Normalis Alpinensis in Chamonix durchaus auf die Idee, in eine mit SS bewertete Eisrinne einzusteigen, die mit senkrechten oder gar überhängenden Stellen aufwartet. Anderswo im (z.B. im Schweizer) Alpenraum ist der Respekt vor derartigen Unternehmungen deutlich höher, da man schlicht und einfach weniger darüber weiss, und auch über die Verhältnisse zumeist im Dunkeln bleibt.

Das fehlte noch diesen Winter: eine Chamonix-Goulotte, Granit und Eis, yeah!
Auf den diversen Tourenportalen im Web zeichnete es sich ab, dass mit der Hochdruckperiode der ersten Märzhälfte zwar nicht für die grossen Nordwände, aber doch immerhin für etliche Eiscouloirs gute Verhältnisse herrschten. Zudem war auch die bequeme Skiabfahrt durchs Vallée Blanche nach Chamonix noch gut möglich, was die Realisierbarkeit als Tagestour weiter erhöht. Für mich präsentierte sich die Lage nämlich einigermassen schwierig: wochentags kann und konnte ich diesen Frühling wegen beruflichen und familiären Verpflichtungen ein Zeitfenster von bestenfalls 1.25 Tagen freischaufeln, am Weekend ist's meistens auch nicht einfach und vor allem ist in den besten und beliebtesten Routen der Andrang einfach zu gross. Schwierige Voraussetzungen also, und so gestaltete sich die Suche nach einen motivierten Mitstreiter alles andere als trivial. Schliesslich fand ich in der Person von Wolfgang einen erfahrenen und kompetenten Seilpartner, also konnte es losgehen. Auf uns wartete noch ein Tag mit einwandfreien Bedingungen und Wetter, auch wenn der Umschwung für einige Tage später bereits angekündigt war. Während meine noch beinahe unbefleckte Projektliste viele der üblichen Verdächtigen enthielt, einigten wir uns schliesslich auf die begehrte Goulotte Modica Noury am Mont Blanc du Tacul.

Die wilde Ostseite des Mont Blanc du Tacul. Hier (schlecht einsehbar, ungefähr in Bildmitte) spielt sich die Route ab.
So standen wir nach einer nicht allzu langen Nacht vor Ort um 7.15 Uhr (deutlich zu) früh als erste vor den noch geschlossenen Schaltern der Bahn auf die Aiguille du Midi. Nun hiess es erst einmal warten bis zur Schalteröffnung um 7.55 Uhr, die Schlange hinter uns wuchs derweilen massiv in die Länge. Aus allen Richtungen und Ländern trudelten Skialpinisten und Kletterer ein. Auffallend für mich war vor allem, wie viele davon mit dem neusten und allerbesten Material ausgerüstet waren. Vor allem in Sachen Kleidung und Skiausrüstung erschien ich da wie der letzte Ötzi. Aber naja, das Sein zählt und nicht der Schein, und fürs tolle Erlebnis reicht mein Gear auch. Anyway, ohne dass man eine Dauerkarte besitzt oder sein Ticket im Voraus gelöst hat, besteht übrigens gar keine Chance auf die erste Bahn. Die schwebte nämlich bereits davon, als wir noch (als erste) mit dem Lösen unserer Billette beschäftigt waren. (Fast) wie fahrplanmässig versprochen ging es für uns dann um 8.15 Uhr in die Höhe und nur etwas mehr als 20 Minuten später waren wir fast 3000m höher oben, beim Stollenausgang der Aiguille du Midi (3842m), startklar.

Aiguille du Midi (3842m) - eigentlich ein Wahnsinn diese Installation im Hochgebirge. Aber dennoch Gold wert...
Der steile und exponierte Grat vom Ausgang hinunter ist im Winter perfekt gesichert, es wird ein Steig ins ewige Eis gefräst und mit Seilen versehen. So konnten wir nach 2 Minuten Abstieg die Skis anschnallen und Richtung Col du Midi steuern. Schon diese Abfahrt war genial, war doch der breite Gletscher zu einer optimalen Piste eingefahren und er bot sehr viel Raum. In einem Affenzahn konnte man durch die traumhafte Szenerie runterflitzen, schon fast alleine dieses Erlebnis wäre mir ehrlich gesagt die 45 Euro für die Bahnfahrt wert gewesen. Nach ein paar Minuten waren wir schon am Fuss der SE-Wand der Pointe Lachenal. Hier muss für die etwa 150hm zur Mündung der Goulotte auffellen, oder alternativ bei geeignetem Schnee die Skis deponieren und zu Fuss aufsteigen. Wir wählten Lösung eins und stellten beim Depot/Einstieg auf ca. 3440m fest, dass drei andere Seilschaften ihr Programm bis hierhin schneller wie wir absolviert hatten. Eine zielte auf die unmittelbar daneben liegende Goulotte Gabarrou-Albinoni, somit hatten wir also Startnummer drei. Dies stellte aber kein grösseres Problem dar, weder bezüglich Gefahrenpotential, noch bezüglich allfälliger Wartezeiten. Um rund 9.45 Uhr, d.h. eine gute Stunde nach Ankunft auf der Midi waren wir aufgerödelt und startbereit.

Am Runterheizen über den Gletscher beim Col du Midi, hinten die Aiguille du Midi und über meinem Kopf das Refuge Cosmique.
Gemeinsam schritten wir Richtung Bergschrund hoch, bzw. Richtung Bergschründe, da es nämlich deren zwei zu überwinden gilt. Was aus der Ferne noch eindrücklich und potentiell schwierig ausgesehen hatte, entpuppte sich aus der Nähe als trivial, da man die tiefen Schlünde auf bequemen Schneebrücken überwinden konnte. Vor allem die zweite ist jedoch bereits arg dünn und wenn sie weg ist, dann ist es fertig mit lustig, weil der Schrund dann unüberwindbar sein wird. 

Der Bergschrund von weitem, eindrückliche Sache. Aber wie kommt man da drüber?
Über diese Brücke musst du gehn'... Zwar wirklich einfach, wenn der Schneepfropf weg ist, wird's aber schwierig.
Als nächstes folgt nun ein einfaches Schneecouloir mit knapp 300m Länge, die Neigung beträgt ca. 50-55 Grad. Als Amuse Bouche gibt es dazu etwa 50m über dem Schrund eine kurze, 10m lange Eis- oder Mixed-Passage von ca. 60-70 Grad. Bei vernünftigen Verhältnissen kann man das ganze Couloir gut gemeinsam aufsteigen, womöglich sogar seilfrei. Falls nötig, befindet sich aber auf der (im Aufstieg) rechten Seite alle ~50m ein BH-Stand, und ab und zu findet man noch einen NH dazwischen. In diesem Couloir brannte die Sonne wie verrückt rein, die Temperaturen wirkten beinahe Strandbad-tauglich, jedenfalls erreichten wir von Schweiss überströmt die Verzweigung, wo links die etwas einfachere Gabarrou-Albinoni hochführt. Hier gilt es rechts zu halten, etwa 25m über der Mündung ist links im Fels ein BH-Stand. Von dort folgen 180m an technischer Eis- und Mixed-Kletterei, welche normalerweise in 5 SL absolviert werden.

Aufbruch ins Schneecouloir, der Autor eben in der kurzen Stufe nach 50m. Die Perspektive täuscht hier etwas, sowohl der Schnee und die Stufe sind einiges steiler, als es hier den Anschein macht. Hinten in Bildmitte das Gabarrou-Albinoni-Couloir, rechts etwas versteckt der dünne Eisschlauch der Modica-Noury.
L1, 50m, 70 Grad: Hinauf in die sich verengende, gleichmässig geneigte Rinne. Zu Beginn hat es aktuell nicht gerade üppig Eis, die Felsen sind aber einfach. Der gut sichtbare, aber wenig geschützte BH-Stand befindet sich rechts im Fels.

L2, 30m, 80 Grad: Schöne, schon etwas steilere, reine Eiskletterei mit Goulotte-Ambiance. War perfekt abzusichern, der BH-Stand befindet sich links bevor sich die Rinne noch mehr aufsteilt. Wer 60m-Seile hat und unbedingt will, kann L3 gleich noch anhängen.

L3, 30m, 90 Grad: Eindrückliche Passage durch eine fast kaminartige Verschneidung, welche auf rund 20m senkrecht ist. Vorerst geht's gut und im guten Eis dahin, die Crux wartet am Ausstieg ins flachere Gelände. Hier ist das Eis nicht üppig gewachsen, Schrauben setzen geht auf ein paar Metern nicht mehr und auch die Hooks sind etwas heikel. Der BH-Stand ist 5m ob der Stufe rechts aussen.

L4, 50m, Mixed: Tolle Länge, mit diversen Metern im Schnee oder leichten Eis von maximal 60-70 Grad. Das Salz in der Suppe sind die 3 Felsaufschwünge, die in Mixed-Kletterei bewältigt werden. Es handelt sich mehr um kurze, steile Boulder, nicht überaus schwer. Je nach Verhältnissen jedoch nicht einfach abzusichern, etwas Felsmaterial ist durchaus dienlich.

L5, 15m, 90 Grad: Zwar kurzes Schlussbouquet, das nochmals eine 10m lange, senkrechte Passage in einer kaminartigen Verschneidung bereithält. Dank dem guten Eis war's aber problemlos zu klettern und zu sichern. Der BH-Stand befindet sich gleich oberhalb der Stufe links.

Blick auf L1.
Vorstieg in L2.
Wirklich tolle Hackerei in L2, eine richtige Genusslänge.
Blick auf die steile L3, später leider teilweise mit Gegenverkehr.
Aufbruch ins Mixed-Gelände von L4. Die Gore-Tex-Jacke hatte ich übrigens ganztags nie gebraucht!
Blick vom Stand auf L4 hinunter, die Felsstufen sind die Schlüsselstellen, Schnee und Eis dazwischen sind easy.
L5, die letzte, senkrechte 10m-Stufe. Sie ist schwerer, als man aufgrund vom Bild meint.
Tiefblick vom letzten BH-Stand in der Goulotte.
Um ca. 13.45 Uhr erreichten wir das Top. Den Fussspuren folgend war ich irrtümlicherweise noch etwa 20m weiter hinauf gestiegen. Dann hörten diese plötzlich auf, kein Stand war in Sicht, also hiess es den Rückwärtsgang einschalten. Zwar könnte man von diesem Endpunkt in der Goulotte durchaus oben am Grat zum Mont Blanc du Tacul aussteigen. Weil das letzte Teilstück aber weniger interessant ist, danach vor allem ein langer, mühsamer Weg zu Fuss um den Berg herum retour zum Skidepot warten würde und die Route beim Erreichen des letzten Standes als geklettert gilt, traten auch wir die Abseilfahrt in die Tiefe an. In 10 langen Manövern erreicht man wieder den Einstieg, im Bereich der Verzweigung braucht man für einen Abseiler entweder 2x70m-Seil, muss einen improvisierten Stand an einem Block benützen oder einige Meter ungesichert absteigen. Wir wählten letzteres, was problemlos möglich war.

Über Einsamkeit und Langeweile an den Standplätzen konnte man sich nicht beklagen (si on parle français...).
Nach einem Vesper packten wir unsere Säcke und standen auf die Skis. Es wartete noch die laaaange und hochgerühmte Abfahrt durchs Vallée Blanche nach Chamonix. Ich hatte diese noch nie befahren und freute mich wirklich sehr darauf. Der erste Hang hinunter zur eingefahrenen Piste zeigte, wie mühsam es ohne die bereits vorhandenen Spuren hätte sein können. Der Schnee war nämlich harschig und decklig und Off Track wäre das Abfahren nach Chamonix eine Strafaufgabe gewesen. Nicht so aber auf der Piste, hier war es glatt und eben, oben noch pulvrig und weiter unten dann schön aufgesulzt. In den flacheren Bereichen konnte man beinahe im Renntempo über den Gletscher cruisen, unterbrochen wurde man immer wieder von Intermezzi mit steileren Buckelpisten-Abschnitten. Natürlich war, je nachdem wie oft man zuvor der Skigymnastik beigewohnt hatte, die eine oder andere Pause nötig. Doch die Wartezeit konnte man hier durchaus als Genuss abtun, denn die Szenerie dieser Abfahrt ist einfach einmalig. 

Die Piste im Vallée Blanche hat Pulver gut. Direkt in Blickrichtung die Aiguille Verte (4122m).
Die Szenerie bei der Abfahrt einfach traumhaft, ebenso das Wetter und die Verhältnisse. Genialer Tag!
Nach einer Weile hatten wir schliesslich das Ende des Mer de Glace auf ca. 1550m erreicht. Hier gilt es, die Ski für einen 10-minüten Gegenaufstieg von 70hm zur Cabane des Mottets (mit Kioskbetrieb) zu schultern. Um von da nach Chamonix zu gelangen, war erst etwas Slalom um die bereits hervortretenden Granitbrocken nötig, dann ging's nochmals rassig den Ziehweg runter, bevor im untersten Teil wegen Ausaperung eine kurze und eine längere Tragepassage (total ca. 10 Minuten) warteten. In gemütlichem Tempo brauchten wir vom Einstieg bis nach Chamonix rund 2 Stunden, nun wartete noch der 20-minütige Fussmarsch zur Midi-Bahn und die lange Heimfahrt, bevor ich todmüde und hochzufrieden ins Bett plumpsen konnte.

So schön, aber leider so gefährlich: Petit Dru Westwand. Mein Seilpartner hat aus jungen Jahren sogar den durch die hellgraue Wunde verlaufenden Bonatti-Pfeiler in seinem Palmares. Da bin ich wirklich etwas neidisch darauf, weil der nicht mehr machbar ist.
Facts

Mont Blanc du Tacul Ostwand - Goulotte Modica Noury TD III WI5+ - ca. 500m, 10-12 SL - G. Modica & A. Noury 1979
Material: Bequemer 2x60m-Seil, 2x50m geht auch, 8-10 Schrauben (10-16cm), je nach Verhältnissen Camalots 0.3-2.

Hochgelobte Couloir-Kletterei in der Ostwand des Mont Blanc du Tacul. Nach dem Überwinden des manchmal schwierigen Bergschrundes wartet ein ca. 300m langes Schneecouloir von rund 50 Grad Neigung, je nach Verhältnissen mit kurzer Steilstufe bis 70 Grad. Danach folgen 180m und 4-5 Seillängen an vorwiegend steiler Eiskletterei, und je nach Verhältnissen etwas an Mixed. Vom Ende der Schwierigkeiten wird normalerweise abgeseilt. Solange man mit den Ski durchs Vallée Blanche abfahren kann, wird die Tour meist in einem Tag ab der ersten Bahn zur Aiguille du Midi geklettert. Muss man hingegen zurück zur Midi, so geht's für schnelle Seilschaften zwar immer noch, die Zeitreserven sind aber beschränkt. Vor dem Aufbruch informiert man sich sinnvollerweise über die Passierbarkeit des Bergschrunds und die Menge an Eis, die Verhältnisse sind nämlich längst nicht immer gut.

Die Ambiance in den Bergen von Chamonix ist einfach unübertrefflich. Ich freue mich schon auf den nächsten Besuch.
Topo

Für alle diejenigen, welche eine Begehung planen gibt es hier eine Foto-Übersicht mit der Lage der gebohrten und mit Ketten verbundenen Standplätze. Ebenfalls eingezeichnet sind nützliche Alternativ-Standmöglichkeiten an Normalhaken (PP) oder an Schlingen um Felsblöcke (S). 


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