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Donnerstag, 8. Mai 2014

Ragnatscherbach - Salto de Agua (6c+)

Tja, das mit dem Ragnatscherbach ist so eine Sache. Im Sommer 2012 hatte Dani zusammen mit Elia die Route 'Slippery When Wet' erschlossen, welche über die Platten neben dem Wasserfall führt. Zusammen mit Kathrin wollte ich mir deren erste Wiederholung sichern, doch am Ende der fünften Seillänge rutschte mir auf dem nassen, belagigen Fels an einer eigentlich einfachen Stelle beim Einhängen des Seils der Fuss weg. Ein Purzelsturz von 15-20m Länge in einen glücklicherweise gelegten Camalot war das Resultat. Mit einigen Prellungen und Schürfungen war ich jedoch glimpflich davongekommen. Während ich damals im Adrenalinrausch sogar noch die nachfolgende Cruxlänge kletterte, war danach Schluss, die Schmerzen waren einfach zu stark. Doch schon beim Abseilen schwor ich mir, noch einmal zurückzukommen.

Auf geht's. Dies ist L1 (6c+/7a) der oberen Stufe.
Schon damals hatte ich den Eindruck, dass die beste Kletterlinie an der oberen Stufe linkerhand vom Bach hochführen würde. Dani sah das eigentlich genau gleich, nur hatte er damals bei der Erstbegehung von 'Slippery When Wet' die rechte Seite gewählt, da diese geringere Schwierigkeiten versprach. So vereinbarten wir, bei Gelegenheit eine Linie links des Bachs zu erschliessen. So kam es dann, dass wir uns an einem Nachmittag im August 2013 an die Arbeit machten. Dazu musste zuerst die untere Stufe erklettert werden. Es floss noch einiges an Wasser, und wir wurden voll geduscht. An diesem schönen Sommernachmittag war das Wasser aber warm wie zuhause unter der Dusche, wir kletterten sowieso in den Badehosen und waren froh um die Abkühlung. Auch mit der neuen Linie kamen wir voran: schon in der ersten Länge wartete wohl ein kniffliger Wulst, danach folgten krass glattgewaschene Platten. Trotzdem gab es immer einen Weiterweg, plötzlich trumpfte der Fels auch wieder unerwartet mit griffigen Rissen und Löchern auf, welche sogar eine teilweise Absicherung mit Klemmgeräten erlaubten. Nach drei Längen ging uns aber das Tageslicht aus, und wir machten uns an den Rückzug. Inzwischen war es dunkel geworden, unsere Lampen hatten die Dorfbewohner aufgeschreckt und zum 'Nachschauen' animiert. Als wir da, mitten in der Dunkelheit und vom Abseilen durch die Dusche tropfnass auf diese Leute trafen, gaben wir wohl ein leicht schräges Bild ab...


Nur zwei Tage später waren wir wieder vor Ort, um die Arbeit zu vollenden. Dieses Mal wählten wir den bequemeren Zustieg von oben. Im Bach wird hin und wieder durch Canyoning-Freunde abgeseilt, so dass bereits Kettenstände vorhanden sind. Somit gelang der Zugang also problemlos. Ich konnte die tolle vierte Länge einbohren, und nach zwei weiteren kniffligen Sequenzen war das Ende der grössten Schwierigkeiten erreicht. Mittels drei einfacherer Seillängen gelangt man zum logischen Routenende. Nun war nur noch die Rotpunktbegehung ausstehend. Kurz vor meiner Abreise wollten wir diese ins Trockene bringen. Doch leider war uns an einem kühlen, bereits herbstlichen Morgen kein Erfolg vergönnt. Die Dusche in der unteren Stufe war dermassen stark, und das Wasser so eisig kalt, dass der Vorsteiger beinahe ertrunken wäre, und danach total durchnässt mit blauen Lippen schlotterte. Somit war erst einmal ein Rückzug fällig, und wieder trocken eingekleidet entschieden wir uns dann, lieber die Aqualandia im Schattenbachfall anzupacken. Während ich dann schon unter griechischer Sonne kletterte, zog Dani unsere neuen Seillängen an der oberen Stufe alle rotpunkt. Damit ist die Route befreit und für Wiederholer freigegeben! 

Kompakte Stelle hoch über dem Seeztal in L4 der oberen Stufe.
Anschliessend eine Beschreibung der einzelnen Seillängen.

Untere Stufe, L1: Plattige Kletterei in teils nicht ganz optimalem Fels
Untere Stufe, L2: Einfacher durch eine Rinne, die fast immer nass ist
Untere Stufe, L3: Und nun mitten durch den Wasserfall, erstaunlich einfach, aber immer nass

Es folgt ca. 150m einfaches Gehgelände, welches problemlos seilfrei möglich ist. Wer die untere Stufe mit der zwingenden Dusche vermeiden will, kann auch erst hier einsteigen. Die Umgehungsvariante durch den Wald ist im Topo sehr gut beschrieben.

Obere Stufe, L1: Schöne Kletterei an Löchern, knifflige Crux und glatte Platten
Obere Stufe, L2: Arschglatte Platte, Reibung ähnlich wie auf der Granit-Küchenabdeckung
Obere Stufe, L3: Steilerer, griffiger Aufschwung und fordernd plattige Querung nach links
Obere Stufe, L4: Schöne Kletterei an griffigem Fels und Rissen, teils selber zu sichern
Obere Stufe, L5: Unmittelbar neben dem Bach, Reibungskletterei und Aufschwünge
Obere Stufe, L6: Zuerst etwas einfacher durch die Botanik, danach spannender Überhang
Obere Stufe, L7: Über den Bach drüber und in einfachem, griffigem Gelände aufwärts
Obere Stufe, L8: Eher reibungslastige Länge mit wenig anhaltenden Schwierigkeiten
Obere Stufe, L9: Kurze und gar nicht so einfache Reibungscrux, der Rest einfacher

Vom Ausstieg kann man in einer markierten, horizontalen Querung einen Bergweg erreichen, über welchen man problemlos retour ins Tal findet. Das Abseilen über die Route dauert viel länger und macht herzlich wenig Sinn. 

Pool am Ausstieg, hier endet die Route. Wer will, kann auch hier nochmals gut ein Bad nehmen.
Facts

Ragnatscherbach - Salto de Agua 6c+ (6b+ obl.) - 12 SL, 410m (+150m Gehgelände) - D. Benz & M. Dettling 2013 - **;xxx
Material: 12 Express, Camalots 0.3-3, wenn Einstieg unten Behälter für die Elektronik und Ersatzfinken

Ausgefallene, aber landschaftlich schöne und eindrückliche Route mit viel Ambiente unmittelbar neben einem Wasserfall. Der Fels ist zum allergrössten Teil solide und kompakt, teils total glattpoliert, andernorts dann wieder unerwartet griffig, stellenweise auch dreckig und etwas Botanik hat es auch hier und da. Kurz, eine Route die vielleicht nicht klassisch schön ist, dem Liebhaber aber trotzdem auf jeden Fall ein spannendes und auch technisch herausforderndes Klettererlebnis bietet. Die Route ist mit den notwendigen BH gut eingerichtet, einige Passagen müssen und können gut mit Klemmgeräten abgesichert werden. Objektiv ist die Route bei Niedrigwasser unbedenklich, es droht kein Steinschlag oder ähnliche Gefahren. Die Saison beschränkt sich auf Trockenperioden im Sommer und im Herbst. Fliesst zu viel Wasser, so werden in der oberen Stufe einige plattige Passagen feucht, und man hat auf dem glatten Fels keine Chance auf ein Hochkommen. Die zweite und vor allem die dritte Länge der unteren Stufe sind bei einfacher Kletterei immer nass und man wird nie ohne zumindest eine leichte Dusche durchkommen. Was bei entsprechender Kleindung, bzw. tauglichen Luft- und Wassertemperaturen ein spassiges Erlebnis sein kann, ist bei Kälte kein Genuss. Dann ist es sinnvoll, die untere Stufe durch den Wald zu umgehen, es lohnt sich auf jeden Fall, auch nur die obere Stufe zu klettern.

Übersicht über die obere Stufe, links 'Salto de Agua', rechts 'Slippery When Wet'
Topo (Download als PDF)



Fotogalerie

Blick auf die untere Stufe
Plattige Kletterei in L1 der unteren Stufe, gar nicht so banal.
Kathrin folgt in L1 der unteren Stufe, anlässlich unserer Begehung von 2012.
Aufbruch in L2 der unteren Stufe, da wird man nicht trocken bleiben.
Kathrin folgt in L2 der unteren Stufe, bei deutlich besseren/trockeneren Verhältnissen im 2012.
Dies ist L3 der unteren Stufe, sie wird nie trocken sein. Trotzdem ist sie recht gut kletterbar.
Und man kann (bei entsprechenden Verhältnissen) sogar auch nach dieser Länge noch ein Lachen auf den Lippen haben!
Im grossen Quergang von 'Slippery When Wet', auf der Schmierseife im Vordergrund hat es mich runterpaniert...
In L2 der oberen Stufe von 'Salto de Agua', der Fels zu Beginn glattpoliert wie die Küchenabdeckung!
Rückblick am Stand nach L2 der oberen Stufe, landschaftlich einmalig und das Ambiente grandios!
Schöne Kletterei in kompaktem Fels in L4 der oberen Stufe.
Der hat schon bessere Zeiten gesehen. Schlecht platzierter, verzinkter Canyoning-Bolt. Unser Material ist top Inox!
Die letzten Meter zum Ausstieg, L9 der oberen Stufe. Die Pools und der plätschernde Wasserfall einfach genial!

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