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Mittwoch, 18. Juni 2014

Aiguille du Midi - Rebuffat (6b)

Perfektes und heisses Hochdruckwetter war für Pfingsten angesagt, dazu kam noch die Anfrage von Tobias, die Bonattiführe am Grand Capucin zu versuchen. Das tönte doch wie ein exzellenter Plan, also wurden die Hebel in Gang gesetzt, um das Vorhaben auch umsetzen zu können. Dies gelang so weit so gut, nur befanden wir uns jahreszeitlich erst anfangs Juni, und mehrere grössere Schneefälle in den Wochen davor stellten das Vorhaben in Frage. Das Gelingen der Bonattiführe stand somit in den Sternen, und ohne garantierte Aussichten auf Pause-Punkte mochte Tobias die Reise nicht antreten. So kam es, dass zuletzt nur Kathrin und ich loszogen, und uns trotzdem an Felsrouten im Mont-Blanc-Massiv versuchen wollten. Als erste Tour stand die Rebuffat-Route an der Südwand auf der Aiguille du Midi im Programm. Sie ist mit  ca. 8 SL nicht überaus lang, von der Bergstation aus in wenigen Minuten zu erreichen und somit ein taugliches Ziel für den Anreisetag.

Die Aiguille du Midi mit ihrer Südwand und einem Topo der von uns gekletterten Linie.
Allerdings gilt es unter diesen idealen Voraussetzungen mit reichlich Konkurrenz zu planen. Diese kommt aus allen Herren Ländern und besticht durch Kompetenz von (des öfteren) Flop bis (selten einmal) Top. Aber kein Wunder, die leuchtend orangefarbene Südwand aus perfektem Granit auf über 3600m mit ihren günstigen Randbedingungen ist ein famoses Ziel, weiter ist die Rebuffat-Route der einfachste Weg mitten durch sie hindurch, und zudem einer der grossen und hochgelobten Klassiker der Region. Nachdem wir also die 55 Euro (p.P.) für die Bahn gelöhnt hatten, in zwei Sektionen zur Aiguille du Midi (3842m) hochgegondelt waren, mit Steigeisen über den exponierten Midi-Plan-Grat abgestiegen waren und schliesslich mit einer kurzen Skiabfahrt am Einstieg waren, so standen wir erst einmal im Stau. Eine Seilschaft hatte eben erst angepackt, zwei weitere waren schon vor uns da. Doch wir waren gemütlich drauf und guten Mutes, so wollten wir warten bis unser Begehungs-Slot kommt. Weiter konnte ich auch noch eine schöne Einstiegsvariante von weiter unten identifizieren, ein cleaner Riss mit welchem die Tour verlängert werden konnte, was natürlich auch die Wartezeit weiter verkürzen würde. Nach dem im sulzig-weichen Schnee etwas umständlichen Wechsel von der Ski- auf die Kletterausrüstung konnte es um ca. 13.30 Uhr schliesslich losgehen.

Hier trennt sich das erste Mal die Spreu vom Weizen: Bye bye Touristenzirkus, Welcome zum Alpinzirkus :-)
L0, 20m, 5c+: Sehr schöne Einstiegsvariante an zwei parallelen Splitter Cracks, welche auch noch ein kleines Dach überwinden. Es ist hier keinerlei fixes Material vorhanden und die meisten Seilschaften steigen von rechts her in einfacher Kletterei zur Terrasse oberhalb auf. Man kann aber perfekt absichern und die Kletterei ist ein grosser Genuss. Empfehlenswert!

L1, 25m, 5c: Entlang einer selbst zu sichernden Piazschuppe hinauf, bevor etwas plattig unter dem grossen Dach nach links hinaus gequert wird (2 BH). An dessen Ende befinden sich wenige Meter voneinander entfernt gleich zwei gute BH-Stände. Falls möglich, wählt man bevorzugt den linken.

Kathrin folgt in der fakultative L0 (5c+), einer schönen Einstiegsvariante an zwei parallelen Superrissen.
L2 & L3, 40m, 6a: Hier folgt nun bereits der berühmte Rebuffat-Riss, der die Form eines spiegelverkehrten S aufweist. Er ist etwas seicht und nicht so gut zu greifen, die Wand daneben plattig mit einigen kleinen Tritten - was für einige Begeher einen grossen Genuss, für andere hingegen die komplette Überforderung darstellt. Wenige NH erleichtern die Begehung, zusätzlich kann selber gelegt werden. Der BH-Stand links nach dem Riss kann problemlos ausgelassen werden, danach folgt eine kurze, plattige Querung (NH) nach links, bevor man der cleanen Verschneidung auf den Pfeiler hoch folgt.

L4 & L5, 40m, 5c: Zuerst etwas nach links abklettern, dann etwas knifflig einen Riss hoch und über eine kurze, überhängende Schuppe hoch (BH). Schon kurz darauf folgt bereits wieder ein BH-Stand, den man aber erneut gut auslassen kann. Man klettert dann die zwar schwierig aussehende, aber gut kletterbare, bogenförmige Verschneidung gleich oberhalb. Zuletzt geht es dann die steile, aber griffige und einfache Verschneidung hoch zum BH-Stand auf bequemer Terrasse.

Kathrin unterwegs im Rebuffat-Riss (L2, 6a), im Vordergrund auch noch die darauf folgende L3.
L6 & L7, 40m, 5c: Gleich oberhalb vom Stand wartet ein breiter Riss, welcher bei unserer Begehung im Grund auch noch vereist war. Danach gibt es zwei Möglichkeiten, entweder zieht man in einfacherem Gelände nach rechts hinaus und benützt dort einen BH-Zwischenstand. Oder aber (besser), gerade hinauf in Richtung eines steilen Wändches mit zwei auffälligen, parallelen Rissen. Dieser werden erklettert, und man folgt der Verschneidung/Rinne hinter der grossen Schuppe zu bequemem BH-Stand.

Übersicht über den oberen Teil der Route, d.h. der Versuch ein wenig Ordnung zu schaffen. Wir sind die linke Variante zu A geklettert, dann die rechte 6a von A nach B, dann die 6b direkt über die Kante nach F und schliesslich die 6b am Gipfelblock zum Top und Stand F.
L8, 45m, 6a: Ab hier wird das Gelände etwas beliebig und es herrscht ein Chaos mit vielen möglichen Linien. Die einfachsten Varianten halten sich eher links und führen teilweise über geneigten Platten und durch Couloirs. Die waren aber alle noch komplett verschneit und somit nicht begehbar. Somit musste die direkte Linie herhalten, d.h. von Stand A nach B im obigen Topo. Schon der Riss über dem Stand beinhaltet einige schwierigere Moves. Danach muss man aber das steile, mit 'aid' bezeichnete Wändchen eine liegende V-Verschneidung gewinnen. Diese war mit Schnee und Eis gefüllt, alles war von eiskaltem Wasser überronnen, so dass mich diese Passage doch vor etliche Herausforderungen stellte. Fixe Absicherung war keine vorhanden, und auch das anscheinend manchmal vorhandene Fixseil war nicht vorhanden. Die Absicherbarkeit war eher nur als soso zu bewerten und es galt, 2-3m über dem letzten Friend mit nassen Kletterschuhen auf Reibung und Balance anzutreten. In schneefreiem und trockenem Zustand geht's jedoch bestimmt besser, und es stehen dann allenfalls auch die einfacheren Optionen linksherum offen. Nach der V-Verschneidung klettert man an offensichtlicher Stelle durch eine Verwerfung steil links hinauf zum eher schlechtem Stand B an einem 8er-BH.

Grandiose Kletterei in einfach perfektem Granit, über weite Strecken perfekt selber abzusichern (L3, 6a).
L9, 40m, 6b: Vom Stand B gäbe es linkshaltend mehrere Möglichkeiten, sich mit Schwierigkeiten im oberen 5. Franzosengrad dem Top zu nähern. Da diese aber alle verschneit und somit nicht gangbar waren, blieb als einzige Option die direkte Kante oberhalb des Standes. Diese gehört mit Sicherheit nicht zur originalen Rebuffat-Route, ist mir 8er-BH eng abgesichert und etwa als 6b zu bewerten.

L10, 25m, 6b: Nun geht es noch links der runden Kante auf Reibung und mit kleinen Käntchen recht fordernd empor, viele werden wohl die steckenden BH zur Fortbewegung benützen. Erst zuletzt dann einfacher zum engen Gipfel der Südwand.

Die Kletterei bleibt bis zuletzt interessant und spannend. Dies sind die letzten, einfacheren Meter von L5.
Mit einigen Wartezeiten aufgrund der 3 langsamen Seilschaften vor uns, und im oberen Teil auch den Mühen des noch verbleibenden Schnees, war es bereits ziemlich spät geworden. Und uns stand ja noch der ziemlich weite Weg ins Rifugio Torino bevor. Also zögerten wir nicht, fädelten sofort unsere Seile durch den Ring und traten unvermittelt die Abseilfahrt an. Wenigstens konnten wir hier jetzt die 3 Lamaschi-Teams distanzieren. Mit geschickter Wahl der Abseilstände und etwas seitlichem Pendeln gelangten wir direkt zu unseren Skischuhen. Wichtig zu wissen, das Gelände drängt einen meist senkrecht hinunter, und wer dem nachgibt, darf am Schluss dann 50hm vom Wandfuss durch den steilen und tiefen Schnee bei Spaltengefahr zu den Schuhen hochsteigen, prost! Als wir bereits auf unseren Skiern standen und über den Col du Midi runterdüsten, beobachteten wir noch unsere Vorgänger. Diese hatten ja doch inzwischen zwei von acht Abseilern gemeistert und waren eben mit dem Abziehen des Seils beschäftigt - incroyable!

Abfahrt über den schönen Hang unter den Ostwänden des Mont Blanc du Tacul in kompaktem Sommerschnee.
Unter den Ostwänden des Tacul gab es im sulzigen, aber kompakten Sommerschnee noch einige sehr schöne Schwünge. Bald mussten jedoch an der Pointe Adolphe Rey die Felle aufgezogen werden, immerhin liess sich die Spaltenzone an deren Fuss problemlos passieren und es wartete nur noch der (wie immer) etwas ätzende Gegenaufstieg zum Petit Flambeau. Dort dann nochmals die Felle weg und abfahren Richtung Rifugio Torino, immerhin konnte man im Gegensatz zu vor 2 Jahren nun direkt und nicht mehr mühsam untenrum zur Hütte gelangen. Um 20 Uhr trafen wir schliesslich ein, warfen rasch das Material in die Ecke und gleich ging's zum Znacht. Zeitlich passte es gerade, um mit einigen Nachzüglern der zweiten Schicht die obligate Pasta sowie den Kartoffelstock mit Würstchen einzunehmen, schlussendlich war unser Plan also doch noch ganz gut aufgegangen. Nach der Mahlzeit hiess es dann noch, das Material einzupuffen und neu zu sortieren und dann ab auf die Pritschen. Der Wecker wurde auf 4.00 Uhr gestellt, denn schon wartete das nächste Abenteuer - worum es geht, wird man demnächst im Folgebeitrag erfahren.

Facts

Aiguille du Midi - Rebuffat 6b (TD+, 5c+ obl.) - 7-10 SL, 275m - Baquet/Rebuffat 1956 - *****; xx(xx)
Material: 12 Express, 2x50m-Seile, Camalots 0.3-3, evtl. Keile 4-9

Sehr schöne Kletterei in perfektem, orangefarbenem Chamonix-Granit, welche der klassischen und einfachsten Linie durch die Midi-Südwand folgt. Es steckt zwar einiges an fixem Material, über längere Strecken muss man auch selber legen, was dann aber sehr gut möglich ist. Die Stände sind alle tiptop mit BH ausgerüstet. Eine Beschreibung wäre nicht vollständig, ohne den enormen Andrang auf diese Tour zu erwähnen. Am besten steigt man frühmorgens nach einer Übernachtung im Gebiet ein. Wegen Staugefahr ist die Zeit nach den ersten Bahnen unbedingt zu meiden. Am Nachmittag verschwindet dann hingegen die Sonne, und die Gefahr von Problemen durch Schmelzwasser steigt an. Man lasse sich auch nicht von den tiefen Chamonix-Originalbewertungen einlullen, welche übere längere Strecken den 3./4. Grad vorgaukeln. Wer hier stilrein durchkommen will, muss 6a-Granitkletterei sauber draufhaben und je nach Routenwahl mindestens eine 6b-Stelle meistern, was sich viele Aspiranten aber leider nicht beherzigen. Und sowieso ist die Kletterei nach unseren und heutigen Massstäben selten einfacher wie 5b. Steht man im Stau, so sind die bestens mit Klebebolts abgesicherte Super Dupont oder der direkt hochführende Contamine-Weg ganz sicher lohnende Alternativen, deren Schwierigkeiten bewegen sich dann aber eher im Bereich 6bc.

Topo

Kaum zu glauben, dass es von dieser vielbesuchten Route kein einziges, präzises Topo gibt! Während der Routenverlauf im unteren Teil gegeben und eindeutig ist, so bestehen im oberen Teil viele Varianten und man kann wohl nicht einmal genau nachvollziehen, wo die Erstbegeher geklettert sind. Mit meinen beiden Fototopos und der zugehörigen Beschreibung sollte man für eine Begehung nun aber tiptop ausgerüstet sein und alle Optionen erwägen können. Zur Bequemlichkeit habe ich all dies in einem PDF-Dokument zusammengefasst. Noch ein Hinweis: bei verbleibenden Schneeresten sind die Optionen im oberen Teil manchmal eingeschränkt. Und auf dieser Meereshöhe muss man bis Ende Juni generell, sowie auch im Hochsommer nach Schlechtwetterperioden natürlich mit Restschnee rechnen.

Kommentare:

  1. Hallo Marcel,

    hast Du einen Tipp für einen Kletter- bzw. Hochtourenführer für Chamonix? Englischsprachig wäre ok, zur Not geht auch französisch. Bei meiner eigenen Recherche bin ich leider nicht so richtig fündig geworden. Wir wollen diesen Sommer zum ersten Mal nach Chamonix und Hochtouren und MSL-Touren machen.

    Merci,
    Steffi

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    1. Hallo Steffi,

      In einem anderen Chamonix-Beitrag wurde schon einmal eine ähnliche Frage gestellt, klicke hier. Für Hochtouren ist der Gebietsführer 'Mont-Blanc-Gruppe' von Hartmut Eberlein aus dem Rother Verlag auch noch empfehlenswert. Es ist ein Auswahlführer, wo auch die besten und gängigsten MSL-Klettertouren mit drin sind. Gerade bei den Klettereien sind die Topos aber oft nicht so präzise, und die Angaben manchmal auch etwas veraltet. Sehr zu empfehlen ist auch das Buch mit den 100 schönsten Touren von Philippe Batoux, siehe hier. Es beinhaltet eine gute Auswahl von Hoch-, Eis- und Felstouren, von einfach bis ganz schwierig.

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    2. Für Chamonix, ist ein recht gutes Tool: http://www.camptocamp.org/
      Viel ist auf Französisch, manches in Englisch oder Deutsch.

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  2. Hoi Marcel,

    besten Dank! Werde mir die von Dir empfohlenen Führer ansehen!

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