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Dienstag, 24. Juni 2014

Rätikon - Auenland (7a/+)

Diese Route ist neu - oder auch nicht so. Über 10 Jahre lang figurierte sie unter dem Titel Reichle/Blasche Unvollendet in den Kletterführern, bevor sich Walter Hölzler im Jahr 2013 der Sache annahm und die Route komplettierte. Gefehlt hatten eigentlich nur gerade 25m hinauf zum Grat zwischen der 4. und 5. Kirchlispitze, wovon die letzten 10m mit einfacher Kletterei sogar geschenkt gewesen wären. Doch was nach wenig tönt, ist trotzdem nicht zu unterschätzen. Schliesslich befinden sich die Rätikon-Wände nicht gerade im Vorgarten, und vor dem Abschlussbouquet warten 9 lange, anspruchsvolle Seillängen, welche sowohl in Bezug auf Klettertechnik wie auch Absicherung fordernd sind. Hier mit der Bohrmaschine hoch und dann die auch nicht einfache letzte Seillänge zu erschliessen ist eben doch ein grosses Unternehmen.

Wandansicht und Verlauf der Route Auenland an der 5. Kirchlispitze im Rätikon
Hinweis: nach meiner Begehung von Auenland und meinen Kommentaren wurde die Route verdankenswerter Weise von Walter Hölzler an diversen Stellen mit Bohrhaken nachgerüstet (siehe hier). Aus Gründen der Nachvollziehbarkeit lasse ich meinen Originaltext mit meinen damaligen Eindrücken unverändert stehen. Es ist jedoch so, dass die meisten von mir als heikel oder fordernd beschriebenen Stellen inzwischen entschärft sind und einen unbekümmerten Klettergenuss ermöglichen.

Nun denn, in dieser Auenland wollten Kathrin und ich einen Versuch geben. In den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts hatte ich 3x die unmittelbar daneben liegende Galadriel geklettert, seither war ich nie mehr in diese Zone der Kirchlispitzen vorgedrungen. Obwohl demnächst Wartungsarbeiten mit einer Strassensperre anstehen, war die Güterstrasse aufs Grüscher Älpli problemlos  befahrbar. Um 8.30 Uhr machten wir uns auf den Zustieg und erreichten 45 Minuten später den Wandfuss, die Sonne wäre schon ca. eine halbe Stunde eher dagewesen. Der Einstieg ist nicht allzu einfach zu lokalisieren, und nur gerade dank einer gebohrten Sanduhr mit Schlinge identifizierbar. Jedenfalls, die spärlichen BH der ersten Länge sind höchstens mit dem Fernglas zu erspähen. Vielleicht hilft auch noch die Info, dass man ca. 30m links der Galadriel am richtigen Ort ist, wobei aber auch jener Einstieg nicht markiert oder besonders einfach aufzufinden ist.

Unbedingt zu beachten, wenn man diesen Sommer im Rätikon klettern will!
L1, 40m, 6a: Na dann, von besagter SU-Schlinge klettert man einfach einmal gerade, bzw. ganz leicht links tendierend hoch. Nach ca. 12m kommt der erste, nach ca. 25m der zweite BH, bald darauf dann zwei weitere. Mit all den Bändern dazwischen klettert man zumindest die erste Hälfte der SL faktisch freesolo, ein Sturz liegt nicht drin, legen kann man auch nix. Zum Glück ist die Kletterei nicht sonderlich schwierig, das Problem liegt eher im teils nicht restlos überzeugenden Fels und der unklaren Routenführung. Leider taugt das Panico-Topo überhaupt nix, weil die BH im Vergleich zu den auf der Skizze eingezeichneten Geländestrukturen definitiv falsch sind. Die Bewertung dieser SL sehe ich eher bei 5b expo. Hinweis: inzwischen stecken in dieser Länge 6 anstatt nur 4 BH, womit sich die Situation deutlich entschärft haben dürfte!

Einstiegsbereich und Verlauf der spärlich abgesicherten L1 (6a, eher 5b expo).
L2, 40m, 6a+: Ursprünglich musste man hier über die unschönen Schrofen im Zweier- und Dreiergelände rechts des Pfeilers hochklettern. Im Zuge der Fertigstellung hat dann aber Walter die Passage direkt über den Pfeiler eingebohrt, eine sehr gute Entscheidung! Die Kletterei vielleicht noch nicht von allererster Güteklasse, aber dennoch schon schön und auch gut abgesichert. 

Kathrin im Ausstieg von L2 (6a+). Es hat in der Wand übrigens schon weniger Gras, als man bei diesen Fotos von oben meint.
L3, 25m, 6c+: Hier wartet nun der erste Test für die Gummimischung oder denjenigen, der sie an den Füssen hat. Über eine steile, kompakte Platte mit allerbestem, gefinkeltem Fels geht es hier in die Höhe. Die Haken stecken hier vernünftig nahe beisammen, was auch gut so ist. Denn ich musste doch schon ein paar Mal so antreten, dass ich mir nicht sicher war ob der Fuss hält oder nicht. Tat er aber, und ich kam gut onsight durch. Was sicher auch hilft, ist ein Auge für die richtige Linie.

Sehr schöne, kompakte Plattenkletterei in bestem Fels, ein erstes Highlight in L3 (6c+).
L4, 35m, 5c+: Hierbei handelt es sich um eine Überführungslänge zum oberen, kompakten Wandteil. Nach dem gut sichtbaren BH klettert man die etwas grasige Verschneidung rechts, welche selber abzusichern ist. Zum Glück ist der Fels meist solide. Oberhalb davon erst über eine Platte (BH) und Schrofen zum Stand.

Sicht auf L4 (5c+) und deren Verlauf. Die etwas grasige Verschneidung muss selber abgesichert werden.
L5, 45m, 7a: Über eine kurze, splittrige Wandstufe und eine kompakte, geneigte und etwas glatte Platte bewältigt man die ersten 20m zum wesentlichen Teil. Nämlich einer steilen, grauen Mauer aus allerbestem Fels. Die Crux befindet sich gleich am Anfang dieses Teils und besteht in einem 3m hohen, steilen Wulst. Oberhalb hat es nur ein paar Sloper und der Teil darunter ist sehr trittarm. Ohne das exakte Wissen, wo sich der unscheinbare, positive Winzgriff mit dem kleinen Käntchen befindet, wird es hier sehr schwierig. Und selbst dann ist der folgende Mantle anspruchsvoll, umso mehr mit langen Gliedern. Für mich reichte es im ersten Anlauf leider nur zum Patscher auf einen der Sloper mit nachfolgendem Sturz. Dieser Stelle empfand ich als deutlich die schwerste Passage der ganzen Route und würde sie sicher mit 7a+ bewerten. Der Rest der Länge ist dann ziemlich anhaltend, aber etwas einfacher (6c/+). Die Absicherung ist gut, wenn auch im Bereich von 6c/+ ziemlich zwingend. Ein Faktor in dieser SL ist leider auch der Seilzug, welcher sich auch mit langen Schlingen nicht komplett eindämmen lässt.

Die tolle, silbergraue Wand mit dem Verlauf von L5 (würde ich mit 7a+ bewerten) und L6 (7a, heikel gesichert zu Beginn)
Sicht vom Stand auf die tolle L5 (7a+)
L6, 45m, 7a: Eine lange Knallerlänge, welche zu Beginn psychisch sehr anspruchsvoll und leider auch nicht ungefährlich ist. (Hinweis: diese Seillänge wurde nachträglich mit zusätzlichen BH entschärft und ist nun nicht mehr gefährlich). Vom 1. zum 2. BH wartet eine schwere Stelle, wo man hart auf Gegendruck an dünnen Schüpplein ziehen muss. Das wäre allein schon etwas bedenklich, aber man befindet sich da 6-7m direkt oberhalb vom Stand und ein Sturz endet unweigerlich in einem Zusammenprall mit der Sicherungsperson. Ausweichen ist einfach unmöglich, Vorklippen wegen Seilzug und Länge der SL davor ebenfalls, es hilft einzig Augen zu und durch, bzw. die Hoffnung, dass diese Schüpplein standhalten und man die Stelle sturzfrei durchmoven kann. Vom 2. zum 3. BH dann erneut ein weiter Abstand und schwere Kletterei. Der Sturz geht nochmals bis zum Stand runter, immerhin aber vermutlich neben dem Sicherungspersonal vorbei, ausprobiert habe ich es allerdings nicht ;-). Danach wird's dann zum Glück besser. Es folgt eine knifflige, wohl etwas grössenabhängige Stelle in die Verschneidung hinein, wo sich dann die erneut grossen Abstände wegen einfacherer Kletterei weniger bemerkbar machen. Danach links hinaus aus der Verschneidung und den Plattenpfeiler hinauf. Wer den zweitletzten BH direkt anklettert kann sich nochmals auf eine schwere Stelle über dem BH gefasst machen, aber es gibt linksherum auch einen einfacheren Weg, den sicher auch die Erstbegeher geklettert sind. Insgesamt ist diese SL für den Vorsteiger bestimmt am forderndsten, andererseits aber m.E. auch klettertechnisch einfacher wie L5. Ich denke, 7a kann und muss man geben, ich konnte jedenfalls alle Stellen gut klettern.

Am finalen Plattenpfeiler in der schönen, aber fordernden L6 (7a).
L7, 30m, 6b: Eine vergnügliche SL zum Ausschnaufen! Sie führt links hoch und bietet eine ziemlich gesuchte Linie, folgt dafür dem perfekten, grauen und gefinkelten Fels. Eine kurze etwas schwerere Stelle wartet am Pfeilerlein. Aber Augen auf, dann geht das gut und auch wenn es nicht völlig trivial ist, so spürt man halt dass 6b massiv einfacher wie 7a ist! 

L8, 45m, 6b: Lange und komplexe Angelegenheit mit ziemlich kurviger Linie. Die ersten drei Viertel bieten perfekte Felsqualität und super Griffigkeit, sie lösen sich auch bestens auf. Der Schluss hingegen dann macht leider weniger Freude, plötzlich wird der Fels mühsam splittrig und brüchig, darüber hinaus wurde auch noch etwas mit den Bolts gegeizt. Weiter ist der Seilzug trotz Verlängerungen oberätzend und 5m über dem BH im Bruch rumzumoven gehört zwar vielleicht ins Repertoire eines kompletten Alpinkletterers, ist aber nicht wirklich das grosse Vergnügen. Nach ein paar Mal Schimpfen und etwas Zittern schnappt der Standkarabiner ein... (Hinweis: in dieser Seillänge wurden nachträglich Bohrhaken hinzugefügt und umplatziert, so dass sich die Situation heute freundlicher präsentiert. Der Fels auf den letzten Metern verlangt aber immer noch Vorsicht).

Unten in L8 (6b) wartet super Kletterei, vom zweitletzten BH zum Stand ist's dann aber splittrig und (zu) weit gesichert.
L9, 40m, 6c: Wow, jetzt wird es spektakulär. Erst geht es noch in sehr schöner Plattenkletterei auf bestem Fels weiter bis unter die steile Abschlusswand. Diese hängt ziemlich über, bietet aber wie von Zauberhand viele Henkel der allerersten Güteklasse. Einige weite Moves sind erforderlich, schliesslich kommt man hier aber erstaunlich locker durch. Tja, und an diesem luftigen Stand hatten eben die Herren Blasche und Reichle ihr Werk beendet.

Die spektakuläre L9 (6c), unten eine super Platte, dann massiv überhängende Tropfloch- und Henkelkletterei.
L10, 30m, 6c: In steiler Wandkletterei an vorzüglichem, scharfem Tropflochfels geht es in bester Schweizereck-Manier in die Höhe. Die Absicherung mit Inox-BH ist gut, dennoch warten hier noch einige zwingende Stellen, die einen mit inzwischen leeren Armen nochmals auf den Prüfstand stellen. Wie auch immer, diese SL ist ganz sicher klar schwerer wie L9 und es macht für mich überhaupt keinen Sinn, sie gleich zu bewerten. Somit würde ich hier 6c+ vorschlagen, bzw. womöglich gar in Richtung 7a tendieren. 

Endspurt zum Top in L10 (6c+), welche im wesentlichen Teil nochmals geniale Tropflochkletterei bietet.
Um 17.00 Uhr hatten wir nach über 7 Stunden zähem Ringen das Top erreicht. Der Einsatz und die Geduld hatten sich aber gelohnt, bis auf die eine Crux in L5 hatte ich alles klettern können. Am Gipfelgrat gönnten wir uns eine kurze Pause und beobachteten eine Seilschaft bei ihren Manövern im Silbergeier. Der Abstieg nach Norden und weiter zum Schweizertor schien kurz, bequem und verlockend. Andererseits, dann vom Pardutzbödeli nochmals über die Geröllhalde zum Einstieg hochzuspulen zu müssen, das war natürlich auch keine attraktive Aussicht. Somit traten wir wie geplant den Weg abseilend durch die Wand an, wobei mit 50m-Seilen 8 Strecken nötig sind. Mit 60er-Seilen spart man sich wahrscheinlich nochmals zwei Manöver. Alles ging glatt, und so waren wir 45 Minuten später am Wandfuss. Nun nur noch die Geröllhalde surfen, der kurze Abstieg zum Auto und die lange Holperfahrt ins Tal - a very fine day!

Facts

Rätikon - Auenland 7a (6c+ obl.) - 10 SL, 375m - Reichle/Blasche 2001 & Hölzler/Spötzl 2013 - ***;xxx
Material: 12 Express, Camalots 0.3-0.75, 2x50m-Seile.

Schöne und fordernde Route welche vielerorts über sehr guten Rätikonkalk mit hervorragender Reibung verläuft. Daneben müssen einige Grasbänder und weniger kompakte Zonen passiert werden, dort neigt der Fels dann auch manchmal zur Splittrigkeit. In Punkto Schönheit würde ich die Tour etwas hinter der Kamala und der Galadriel einordnen. Die Absicherung ist, nachdem die Route nach meiner Begehung von Walter Hölzler nochmals mit einigen zusätzlichen Bohrhaken aufgepeppt wurde, nun als gut zu bezeichnen. Einige zwingende Plattenpassagen kommen jedoch hin und wieder vor, wie auch einige einfachere, jedoch nicht ganz solide Stellen, wo man etwas Erfahrung braucht und sicher steigen sollte. Auch wenn man nicht viel legen kann, so ist die Mitnahme von Camalots 0.3-0.75 für die ersten 4 SL sicher sinnvoll. 

Topo

Es gibt ein Topo von Walter Hölzler, welches aber leider bis auf Schwierigkeiten, Routenlänge und Anzahl Haken nur wenige Details zeigt. Das sich im Panico-Kletterführer Rätikon befindende Topo zeigt zwar etwas mehr Details und Sicherungssymbole, ist aber trotzdem rudimentär und teilweise auch fehlerhaft. Gerade in den einfacheren, schlecht abgesicherten Abschnitten ist der Routenverlauf oft unklar. Lange Rede kurzer Sinn: diese Tour hat ein genaues Topo verdient, deshalb habe ich selber eines gezeichnet. Man kann es auch als PDF runterladen. Hinweis: dieses Topo ist vor der Nachrüstung durch Walter Hölzler im 2014 entstanden. Punktuell steckt der eine oder andere Haken mehr als auf meiner Skizze, die als "expo" bezeichneten Stellen wurden alle entschärft.


1 Kommentar:

  1. Von Christoph habe ich den folgenden Kommentar erhalten:

    Hallo Marcel,
    danke für die Beschreibung und das Topo, beides sehr hilfreich. Wie du vermutlich weisst wurden die gefährlichen Stellen in SL 6 entschärft durch den Erstbegeher. Dazu kamen noch etliche neue Zwischenhaken in den anderen SL, so dass die Tour für Rätikonverhältnisse aus meiner Sicht gut abgesichert ist. Es lassen sich einige Passagen mit Friends noch entschärfen. Die Schwierigkeit ist mit 7a+ (SL 5) sicher nicht überbewertet, viele der anderen 7a+ im Rätikon (zB in Intifada, El Viaje, Schatila) kamen mir leichter vor. Die Bewertungen 7a für SL 6, und 6c+ für SL 10 passen. - Leider trüben manche brüchigen Passagen v.a. im oberen Teil den Gesamteindruck der sonst sehr schönen und spannenden Route.
    Gruss, Christoph

    Seinen Zeilen kann ich mich durchaus anschliessen. Die Route wurde nach meiner Begehung an verschiedenen Stellen mit zusätzlichen BH versehen und dürfte nun als gut abgesichert bezeichnet werden. Den Hauptteil meines Berichts habe ich soeben mit einigen Hinweisen auf die neuen Gegebenheiten angepasst. Im Gegensatz zu Christoph hat mir persönlich der obere Teil ab L5 besser gefallen wie der Routenanfang. Als heikelste Stelle verbleibt das ziemlich alpine Schlussstück von L8, hier muss auf 10m aufgepasst werden.

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