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Samstag, 2. August 2014

Sella - Icterus (7a)

Dieser Sommer ist, langsam kann man es sagen, ähnlich verkorkst wie der letzte, in unserer Region an Schnee, Eis und Frost arme Winter. Wenn man in den Bergen trotzdem die eine oder andere Tour realisieren will, so braucht man Flexibilität und muss auf der Lauer liegen. Jedes kleine Zwischenhoch will ausgenutzt werden, denn sonst regnet es ja meistens. Durch heftigen Dauerregen waren wir in die Dolomiten gefahren und auch der erste Vormittag unserer Ferien sah wenig erbaulich aus. Es regnete Bindfäden - Zeit zum Studium von Wetterseiten und Topos. Genau so wie ich es gesehen und erhofft hatte, riss es kurz nach Mittag auf und die Gelegenheit war da. Schnell machten wir uns auf die Socken, um am ersten Sellaturm die Route Icterus (7 SL, 7a) zu klettern.

Links die Lokomotive, mittig der erste Sellaturm, rechts dann schon die Wände des Piz Ciavazes - schöne Gegend!
Diese wurde 1983 von Eisendle/König erstbegangen, mit 7+/A1 angegeben und als eines der Testpieces in den Alpen angepriesen. Etwas obskur blieb hingegen der Stil der Erstbegehung, mindestens teilweise wurde offenbar technisch und/oder im Toprope geklettert. Wie dem auch immer war, die Route war jedenfalls wegen der schlechten Absicherung berüchtigt, es gab kaum Wiederholungen und bei einem Versuch auch einen tödlichen Unfall. Unter ganz neuen Voraussetzungen präsentiert sich die Sache, nachdem die Route 2009 von Alberto De Giuli und Renato Bernard mit teilweise neuer Linienführung saniert wurde. Seither erfreut sie sich die Icterus grosser Beliebheit. Dies kommt nicht von ungefähr, die Vorteile liegen auf der Hand. Man klettert in steilem, gelbem und überhängendem Dolomitgestein, fast ein wenig ähnlich wie an den Zinnen. Nach Regenfällen ist die Wand rasch trocken und der Zustieg ab dem Sellajoch nimmt auf einem bequemen Pfad nur gerade 15 Minuten in Anspruch. Nachdem wir noch einigen uns bewundernden Touristen, die eben einem Reisebus entstiegen waren Auskunft gegeben hatten, waren wir schliesslich um 14.45 Uhr bei angenehmem Sonnenschein startbereit.

Hier geht's obsi, ziemlich genau in Bildmitte, d.h. rechts der Verschneidungen direkt durch die steile Wand.
L0, 15m, 3b: Die Route fängt erst auf einer Art Vorbau an. Wohl könnte man vom Boden aus wohl gerade so knapp (50m++) zum Stand von L1 gelangen, doch schon nur aus Seilzuggründen empfiehlt es sich, beim BH-Stand auf dem Vorbau zu sichern.

L1, 35m, 7a: Eine anhaltend schwere, leicht überhängende Länge mit feingriffiger Wandkletterei. Sie ist in den Topos nur mit 6c+ bewertet, was schon 2012 nach einigen Griffausbrüchen nicht mehr als korrekt empfunden wurde. Die Sache ist extrem unübersichtlich und erfordert sauberes Antreten auf eher glatten Tritten. Ich musste voll fighten und es hat mich ohne Ende gepumpt. Nach meinem Dafürhalten in der Dolomiten-Skala definitiv nicht einfacher wie 7a. 

Powerige Wandkletterei in L1 (7a), der Laktatpegel in den Unterarmen ist schon längst im tiefroten Bereich.
L2, 25m, 6b: Achtung, links halten und nicht geradeaus den BH der Route "The Bernards" folgen! Man startet in die nette, cleane Verschneidung (Cam 0.3 oder 0.4), verlässt diese nach links um dann eine gut mit BH gesicherte, aber obligatorische Einzelstelle zu meistern. Danach hinauf zu NH und BH, und dann horizontal nach rechts, dem cleanen Hangelriss entlang (Cam 1 und 0.5). 

Cooler und selbst mit Cams abzusichernder Hangelriss zum Ende von L2 (6b).
L3, 30m, 6c+: Achtung, gleich nochmals links halten und nicht gerade hoch den BH der Route "The Bernards" folgen! In kühner Linie ist eine Querung durch die rotgelbe Wand zu meistern. Erst geht es in technischer Wandkletterei hinauf, dann ausdauernd nach links und zuletzt um die Kante und über die Platte hinauf zum Stand. Nominell gleich bewertet wie L1, entpuppt sich die Sache im Vergleich dann als ziemlich harmlos - das ist nie und nimmer derselbe Grad. Egal, die Kletterei ist supercool und in schön luftiger Position.

Überhängende Wandkletterei in L3 (6c+), der Stand auch an schön luftiger Position direkt über dem Rucksackdepot.
L4, 30m, 5c+: Plaisir-Seillänge mit gemässigten Schwierigkeiten, aber trotzdem schöner, steiler und griffiger Kletterei. Zum Schluss schlägt mein Topo den unlogischen Weg an den rechten Stand vor, der meines Erachtens eher zu "The Bernards" gehört. Nun daheim weiss ich's: bei der Sanierung 2009 wurde tatsächlich der rechte Weg eingebohrt, der linke Stand und die folgenden Längen stammen aus dem Jahr 2012, entsprechen aber offenbar dem Originalausstieg der Erstbegeher von 1983.

L4 (5c+) ist easy, aber weder langweilig noch banal. Die Kletterei ist immer noch gut senkrecht, dafür an idealen Griffen.
L5, 20m, 6a+: Nun also links hinaus auf den Pfeiler, der mit schöner, griffiger Kletterei an Löchern und Henkeln begeistert. Danach flacht es etwas ab, und man erreicht ein breites Band, auf welchem an einem einzigen Klebehaken Stand bezogen wird.

L6, 20m, 6b+: Interessante, leicht überhängende Wandkletterei an grossen Auflegern und Löchern. Die Sache ist nochmals ziemlich anhaltend und da kam doch tatsächlich etwas der Pump zurück. Allerdings war der Fels an entscheidender Stelle noch leicht feucht, was die Sache ganz sicher nicht einfacher machte.

Am Top angelangt. Unten das Sellajoch (Parkplatz und Ausgangspunkt).
Um 17.45 Uhr hatten wir den Ausstieg, wenige Meter unter dem Gipfel des ersten Sellaturms erreicht. Ich liess es mir nicht nehmen, noch rasch das Top zu besuchen, und unsere Begehung im Buch zu verewigen. So konnte ich auch einsehen, dass sich das Wetterfenster bereits wieder am schliessen war. Im Fassatal war zwar noch eitel Sonnenschein mit Quellbewölkung, in Gröden hingegen war es bereits wieder dunkel und an den Geislerspitzen ging bereits ein Schauer nieder. Somit galt es, keine weitere Zeit mehr zu verschwenden. Ein Fussabstieg wäre zwar möglich, er dauert aber sicher länger wie das Abseilen. Wir starteten unsere Manöver vom obersten Stand der rechten Ausstiegsvariante, da sich links das Seil wegen einer Kante womöglich nur schwer abziehen liesse. Im Nu (15 Minuten) waren wir in 3 gestreckten Manövern wieder am Einstieg, man kann ideal immer gleich zwei Längen verbinden. Nun hiess es rasch die Seile aufrollen und zurück gegen das Sellajoch zu laufen. Tatsächlich, als wir bei der Lokomotive auf den Grat kamen, sahen wir, dass die Regenfront unmittelbar zuschlagen würde. Somit also das letzte Stück im Laufschritt absolviert, und gerade rechtzeitig mit den ersten dicken Tropfen das Automobil erreicht. Als wir talwärts fuhren, prasselte ein heftiger Schauer auf uns hernieder - da hatte das Timing wahrlich bestens gepasst!

Eine sehr schöne Gegend! Blick zum Sass Pordoi und zur Marmolada, die allerdings in den Wolken steckt.
Facts

Erster Sellaturm - Icterus 7a (6b+ obl.) - 6+1 SL, 175m - Eisendle/König 1983 - ****; xxxx
Material: 12 Express, 2x50m-Seile, Camalots 0.3-1 (nur in L2 nötig und einsetzbar)

Steile, bisweilen überhängende und stets interessante Wandkletterei in griffigem, rot-gelbem Dolomit. Dieser ist meistens fest und kaum brüchig/splittrig, insgesamt aber nur von guter, und nicht allerbester Qualität. Irgendwie hat mich die Sache ein wenig an die Zinnen erinnert. Seit der Sanierung 2009 ist die Absicherung mit BH tiptop, und man kann voll angreifen. In L1 schienen es mir, als ob ein paar schwere Stellen auch etwas über den Haken zu meistern seien. Ist aber immer schwer zu sagen, wenn man durchsteigt. Die Camalots braucht es wirklich nur für L2 (dort aber ziemlich zwingend!), danach kann man sie gut zurücklassen oder dem Nachsteiger anhängen.

Topo

Frei verfügbare Topos von sehr guter Qualität gibt es bei bergsteigen.com oder auf der Seite vom Sanierer Alberto De Giuli. Bei beiden fehlt aber die sehr nahe verlaufende Route "The Bernards" und die linke Ausstiegsvariante. Ich habe mir deshalb erlaubt, das Topo von Alberto entsprechend zu modifizieren.




Kommentare:

  1. Danke für Deinen tollen Bericht, Marcel. Wie immer super informativ. So hatten wir einen top ersten Dolomiten-Tag: zuerst "the Bernhards" und danach noch die ersten 3 Längen von "Icterus" dran gehängt :-)

    Eine kleine Anmerkung: die 2. Länge vom Icterus ist komplett geboltet, man braucht also gar keine mobilen Sicherungen! Vom Stand geht's in eigener Linie gerade hoch. Links der "Bernhards-Linie" und rechts der, von dir beschriebenen, Verschneidung. Diese musste zur Links benachbarten Route "Tissy" gehören. Den Hangelriss (dein Foto zu SL 2) erreicht man dann gerade von unten. (Stand August 2016).

    Beste Grüße
    Felix

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    1. Besten Dank für die Anmerkung!

      Wir sind damals bei "The Bernards" direkt zum gemeinsamen zweiten Stand von "Icterus" und "The Bernards" geklettert. So erreicht man den Hangelriss von unten direkt, es ging der Grenze von gelbem und grauem Gestein entlang und war eher schöner/eleganter sowie auch leichter als die Linie der "Icterus" links davon. Irgendwie der logische Weg also.

      Das, was wir bei "Icterus" geklettert sind, war nur wenig links davon. Kurz in einem Winkel aufwärts, diesen links ums Eck verlassen, dann an 4 BH die gelbe Wand rauf und beim Hangelriss wieder nach rechts zurück. Denke nicht, dass die Linie der klassischen "Tissi" war. Mit etwas Kühnheit sicher auch ohne Cams zu klettern, v.a. am Anfang hat man dann etwas die Gefahr von einem Sturz aufs Band mit dem Stand.

      Somit ist mir nun nicht ganz klar, ob zwischen der von uns gekletterten L2 von "Icterus" und L2 von "The Bernards" nochmals etwas eingerichtet wurde?!? Oder ob "The Bernards" in diesem Bereich nach rechts verlegt wurde (wobei da kommt dann bald die Schober/Rossi, glaube ich)?!? Oder dann gibt's vielleicht sonst ein Missverständnis?!?

      Beste Grüsse, Marcel

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  2. Nein, mit Kühnheit hatte unsere Kletterei nichts zu tun, eher mit Intuition ;-)

    Nach deinen Beschreibungen und einen Blick in verschiedene Topos (wo genau die klassischen Wege lang gehen) hab ich's jetzt auch gecheckt: Es ist weder etwas dazugekommen, noch wurde etwas verlegt. Wir sind ganz einfach beim Klettern von "the Bernhards" als L2 offenbar eine Länge vom Schober geklettert. Das war vom L1-Stand ziemlich logisch gerade hoch, in minimaler Rechtsschlaufe (einige Reepschnüre), und bequem zum L2-Stand (evtl. ganz leicht von rechts-unten).

    Das wir so geklettert sind, lag vor allem auch daran, dass mehrere "Icterus"-Seilschaften (vorher bzw. parallel zu uns) als L2 die "Bernards"-L2 geklettert sind. In dem Moment hatten wir das gar nicht hinterfragt. Auch nicht, als wir später in die "Icterus" eingestiegen sind. Dort sind wir als L2 dann ebenso die "Bernards"-L2" geklettert, was vom "Icterus" L1-Stand wirklich total logisch gerade hoch geht, wie alle Seilschaften zuvor.

    Fazit: in Deinem Topo ist der (vermutlich originale) Routenverlauf korrekt beschrieben. Man muss nur beim Klettern mal drauf schauen, was wir leider nicht getan haben ;-) somit waren unsere Wege denke ich am intuitivsten und auf jeden Fall schön und logisch zu klettern.

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    1. Danke für die Klarstellung. Ja, die Icterus folgt irgendwie nicht ganz der logischen Linie. Weder in L2, die wir hier diskutieren, und in L3 ist der Weg gerade hinauf (den "The Bernards" benützt) ja auch direkter, einfacher und auch eher schöner.

      Wenn man nur eine aus beiden Routen klettern will, so ist die schönste Kombi vermutlich L1 von "Icterus", L2-L4 von "The Bernards" und dann um die Homogenität zu wahren, den linken Ausstieg (L5 & L6 von "Icterus" gemäss meinem Topo).

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    2. Mit Deiner Kombi hast Du sicher Recht, das ist wohl die homogenste und logischste Linie. Die L1 von "the Bernhards" (natürlich deutlich schwerer...uiuiui, im onsight echt anspruchsvoll!) und L3 von "Icterus" (super tolle Kletterei im Quergang) fanden wir aber auch richtig gut!

      Vielen Dank nochmal für die wirklich guten Informationen im Deinem Blog! Für die Routenauswahl/ -vorbereitung echt wertvoll!!

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