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Donnerstag, 31. Dezember 2015

Chöpfenberg Ostgrat

Bei unserer Klettertour am Brüggler hatte ich gloorreich meine Kletterfinken am Ausstieg liegen gelassen. Ich hatte sie beim Nachnehmen ausgezogen und in eine Felsspalte gesteckt, damit sie nicht runterfallen. Als Kathrin dann bei mir war, wechselte sie die Schuhe und machte sich auf den Weg. Ich rollte die Seile auf und dann rasch hintendrein... bemerkt wurde das Fehlen der Finken dann leider erst zuhause. Nun denn, wie weiter?

Die Wand vom Brüggler (rechts) und der nur aus dieser Perspektive kleiner aussehende, mächtigere Chöpfenberg.
Einen grossen materiellen Wert besassen die alten, bereits durchgewetzten Treter zwar nicht mehr und aus dieser Hinsicht war ein Trip um diese abzuholen sicherlich nicht lohnenswert. Viel mehr waren es Argumente wie "nichts in den Bergen zurückzulassen" und "das eigene Versehen wieder auszuwetzen". Zudem lockte weiterhin schönstes Wetter in den Bergen und auch wenn mir das Schwändital schon gut bekannt war, so lockte doch noch der eine oder andere Erkundungstrip.

Unterwegs am schönen und luftigen Chöpfenberg Ostgrat. 
Nachdem ich auf dem Normalweg zum Brüggler gestiegen war und dort meine Finken aufgelesen hatte, machte ich mich an die Begehung des sehr lohnenden Chöpfenberg Ostgrats. Das ist eine Kraxelroute mit Bewertung T5, d.h. gehobenes Alpinwandern. Meist folgt man exakt der Gratkante, welche sehr luftig ist. Balancierendes über den Grat gehen wechselt sich ab mit leichten Kletterstellen an festem Fels, sogar ein "Thank-God-Ledge" fast wie beim grossen Vorbild gilt es zu überwinden. Im unteren Teil ab der Lücke P.1711 gibt es noch zwei, drei Legföhren, die jedoch nicht stören. 

Cumbre!
Retour ging's auf dem gleichen Weg in die Lücke, dann unter dem Brüggler durch zum waldigen Riseten und schliesslich zum Fridlispitz, dem sehr schönen Aussichtspunkt. So wurde das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden und auch wenn es für einmal keine Kletterei war, so war es doch ein hervorragender Bergtrip.

Dienstag, 29. Dezember 2015

Brüggler - Weg des Wassers (6b)

Für mich ist der Brüggler das Klettergebiet der 1990er-Jahre. Hier hatte ich in meinem Anfangszeiten erste MSL-Erfahrungen gemacht, damals in den einfacheren Routen noch praktisch ohne Bohrhaken. Nachdem wir unsere Fertigkeiten steigern konnten, fiel eine um die andere Route. Und eines Tages war der Strauss an Brüggler-Touren dann beinahe vollständig. In jüngerer Zeit kam ich im Schwändital nur noch selten vorbei, andere Ziele lockten mehr. Doch für eine rasche und doch genüssliche MSL-Kletterei im extrem sonnigen, warmen und schneearmen Dezember 2015 war der Brüggler genau das richtige Ziel.

Der Brüggler Ende Dezember 2015. Von Winter keine Spur!
Wir entschieden uns für die Route Weg des Wassers, erstbegangen 1987 durch T. Blasche, K. Burgdorf und B. Reisacher. In meinen Frühzeiten hatte ich mich hier noch nicht hineingetraut, ja es steckten ja auch nur 4 Bohrhaken in der Form von Zwischensicherungen. In den Nullerjahren schwappte dann eine üppige Sanierungswelle über die gesamte Brüggler-Wand und es war Chr. Klingler, der sich anno 2006 dem Weg des Wassers annahm, den alten Grümpel mit solidem Inox-Material ersetzte und auch noch etliche zusätzliche Sicherungen platzierte. Nachdem wir in einer guten halben Stunde vom Parkplatz Matt im meist aperem Gelände mit ein paar Schritten auf kompaktem Hartschnee zum Einstieg hinauf gewandert waren, konnte es um 12.15 Uhr losgehen. Die Kleidung durfte sommerlich ausfallen, auch im T-Shirt und mit hinaufgerolltem Beinkleid war es sehr angenehm temperiert.

L0, 4c, 20m: Die alten Topos zeigen als Weg zum Einstieg eine gepunktete Linie, in den neueren (GLclimbs und Plaisir Ost 2015) ist dann hingegen eine Seillänge im angeblichen Grad 4c eingezeichnet. Es steckt jedoch kein Material und es handelt sich auch um Kraxelgelände, welches gut seilfrei zu meistern ist.

L1, 5c+, 45m: Querend nach links durch die dunkelgraue Wand, zum Überhang hinauf wartet dann auch gleich schon die Schlüsselstelle. Irgendwie etwas gesucht, aber dennoch schöne Kletterei. Dann in schöner Wasserrillenkletterei zum bequemen Stand, ein idealer Aussichtsbalkon.

L2, 6a+, 40m: In den alten Topos mit UIAA 5 bewertet, GLclimbs und Plaisir Ost notieren eine 5b. Schon vom Stand aus wirft diese Bewertung Fragezeichen auf, da es sich doch um eine ziemlich kompakte und ordentlich steile Platte handelt. Wenn die Bohrhaken nicht grossräumigst umklettert werden, dann handelt sich das viel mehr um eine Länge im Bereich 6a/6a+ - jedoch sehr schön mit Steilplatten, ein paar Wasserrillen, Schlitzen und Löchern.

Kompakter Fels in L2, welche in der Gegend von 6a/6a+ anzusiedeln ist.
L3, 6b, 50m: Die Linie hinauf durch die steile Wand und über den Wulst hinweg ist durch eine Zone von schwarzem, wasserzerfressenem Fels gegeben. Nach ein paar einfachen Metern zu Beginn nimmt man gerne wahr, dass dieser zwar bisweilen leicht staubig, dafür aber wirklich gut strukturiert ist und prima Kletterei bietet. Die Crux dann ein bisschen knifflig am oberen Wulst, mit Seitgriffen will auf Gegendruck geklettert werden. Zuletzt an Löchern und Schlitzen hinauf zum Stand - hier waren mir die Exen schon längst ausgegangen. Tja, wenn man sich auf die Kletterführer-Angabe von 10 Stück verlässt, aber vor Ort dann 15 benötigt werden, dann ist das eben so.

Die letzten Meter in L3 (6b), die Steilzone bereits hinter sich gelasssen.
L4, 5c, 30m: Nun hier eine echte 5c mit den üblichen Wasserrillen und grossen, griffigen Schlitzen. Die Kletterei entpuppt sich als unproblematisch und viel einfacher als in L2. Hier stecken nur noch 3 BH auf der gesamten Strecke, dazulegen ist möglich, weitersteigen auch.

L5, 5b, 30m: Hier geht's nun gemeinsam mit der Route Glück im Unglück durch die Föhrenzone. Es wurde aber ein durchaus lohnender Weg gefunden, ein paar Aufschwüngen an Wasserrillen bieten lässige Kletterei. Mit 60m-Seilen oder der Bereitschaft kurz gemeinsam zu steigen mit L4 kombinierbar.

Blick vom Ausstieg hinab auf die letzten Meter, die noch ein kniffliges Boulderproblem bereithalten.
L6, 6b, 35m: Die letzte Seillänge zum Grat hinauf beginnt mit einem Boulderproblem gleich vom Stand weg. Danach schöne, eher plattige und nicht allzu schwere Kletterei im Bereich 5c+. Die Crux der gesamten Route dann am letzten, steilen Wändli. Erst von einem Wasserrillen-Hueco eine kleine Leiste identifizieren und diffizil aufstehen. Dann an runder Kante schlechttrittig dülfern und darauf vertrauen, dass oben ein Griff kommt. Die Leiste dann durchblocken und sloprig manteln, dann hat man es schon fast geschafft. Die steilen letzten 3m mit den griffigen Wasserrillen am Ende sind zwar auch nicht trivial, aber nicht ganz so schwer.

Um 15.30 Uhr erreichten wir schliesslich das Top im sanften Nachmittagslicht. Die Route hatte mich jetzt zwar wie erwartet nicht vor grosse Herausforderungen gestellt, aber trotzdem grosses Vergnügen bereitet. Und kurz vor Schluss musste ich bei den finalen, bouldrigen Metern doch tatsächlich noch etwas tüfteln und 2x überlegen, um nicht die saubere Begehung noch zu verschenken. Mit einem tollen Blick ins absolut schnee- und auch nebelfreie Flachland rollten wir die Seile auf und gingen in wenigen Schritten zum Gipfel. Nach einem kurzen Vesper bei absoluter Windstille und höchst angenehmen Klima ging es talwärts. Entlang der Krete lag zwar Hartschnee, jedoch mit guten Tritten und griffiger Oberfläche, daher absolut unproblematisch. Südseitig war es beinahe komplett aper und das Gelände kaum schmierig, meist sogar furztrocken. Um 16.45 Uhr waren wir retour beim Parkplatz und konnten beschwingt nach Hause düsen.

"Gott's Namä Lobä", unverkennbar, das Gipfelkreuz auf dem Brüggler. Hinten Mürtschenstock und Schilt.
Facts

Brüggler - Weg des Wassers 6b (6a obl.) - 6 SL, 230m - Blasche/Burgdorf/Reisacher 1987 - ***;xxx(x)
Material: 1x oder 2x50m-Seile, 15 Express, evtl. Keile und/oder Camalots 0.3-2

Lässige Plattenkletterei in für Brüggler-Verhältnisse weitgehend grasfreiem Fels, gehört zu den besten Linien in dieser Wand. Geboten wird einem ein Mix von Wasserrillen, gefinkelten Platten, Schlitzen, griffigen Löchern und wasserzerfressenem Fels. Die Absicherung ist seit der Sanierung im Jahr 2006 als gut zu bezeichnen. Alle schweren Stellen sind auf Niveau xxxx mit Inox-BH ausgerüstet. In den einfacheren Passagen sind die Abstände teils weiter (xxx), hier wäre es aber stets möglich, mit Keilen, Klemmgeräten oder Schlingen für zusätzliche Sicherungspunkte zu sorgen und ebenfalls Niveau xxxx zu erreichen. Ob man das als nötig empfindet, dürfte individuell verschieden sein. Abgebrühte Alpinisten mit ausreichendem Kletterniveau werden jedenfalls nicht unbedingt dazulegen müssen. Ein Abseilen über die Route ist möglich, braucht jedoch deutlich mehr Zeit wie der Fussabstieg, der in ca. 15 Minuten rasch erledigt ist.

Sonntag, 27. Dezember 2015

Weihnachtsklettern im Tessin

Nachdem es letztes Jahr so schön gewesen war, sollte es im 2015 eine Wiederholung geben. Rein vom Wetter her war es zwar nicht zwingend, auf die Alpensüdseite zu reisen. Doch natürlich waren auch im Tessin die Bedingungen bestens und im dortigen Gneis zu klettern ist immer wieder toll. Da zudem auch die traditionelle Eisbahn auf der Piazza Grande wieder installiert war, stand einem Kletter-Schlittschuh-Trainingslager nichts im Wege.

Wir beschränkten uns dieses Mal auf den Besuch von zwei Gebieten, nämlich Claro und Russo. Das ist die Konzession, wenn man Routen am persönlichen Limit punkten will, ein 1-Tages-Besuch kann da nicht ausreichen. Als Ziele hatte ich mir die L'Egaliser (8a) in Russo und die Apnea (8a) in Claro gesetzt. Das Duell Marcel vs. 8a ging schlussendlich unentschieden 1:1 aus. Daneben blieb dann nicht mehr so viel Raum, um auch noch andere Routen zu klettern, daher ist die Liste dieses Mal relativ kurz.


Russo

No Name Nr. 5 (6c, ***): Schöne, technische Kletterei, die im oberen Teil erst mit einer stehtechnischen Herausforderung wartet, bevor es dann knifflig in der steileren Wand zum Ausstieg geht.

No Name Nr. 6 (7a, ***): Sehr interessant mit einem athletischen, dachartigen Beginn, gefolgt von einer kurzen Rissspur. Nach ein paar einfacheren Metern folgt noch ein sehr kniffliger Ausstieg an Slopern.

No Name Nr. 8 (7a, **): Eine Seillänge auf dem zweiten Stock, welche man als Fortsetzung der beiden Vorangehenden klettern kann. Ein bisschen inhomogen, die bouldrige Crux am markanten Dächlein. Leider wird hier oben nur wenig geklettert, die brösmeligen Flechten stören den Genuss.

Sebra e Chatila (7a+, ***): Hier kann man die Sabra und die Schatila auf 10m Kletterstrecke gleich gemeinsam erledigen ;-) Vor allem denkt man auf den ersten Blick, dass diese flache Popel-Platte ja wohl kaum eine 7a+ sein könne. Steht man am Einstieg, so ändert man seine Meinung auf "nach den ersten Moves ist's gegessen". Und steht man dann nach den funky Startmoves einmal mittendrin, so wird man sich gewahr, dass weiter oben nochmals eine äusserst knifflige Stelle am Haftreibungslimit folgt.

L'Egaliser (8a, ***): Tolle Route mit einem trittarmen Beginn, wo man sich noch einer Rissspur bedienen kann. Danach folgt eine überhängende Zone, die in maximalkräftiger Kletterei an vielen kleinen Crimps und zum Schluss 2-3 Slopern überlistet werden will. Etwas Campusboard-Strom ist hier sicher von Vorteil und sonst hilft vielleicht der Griff in die Trickkiste. Für mich war's ein Toehook, welcher den Schlüssel zum Durchstieg darstellte. Hat man den No-Hand-Rest danach erreicht, führen weitere 15m in plattiger Kletterei im 7a-Bereich zum Stand. 

Frou ou (6c, ***): Selten begangen, aber eine tolle Route in diesem schwarzen Fels. Ich fand sie doch unerwartet knifflig oder mit anderen Worten ganz einfach schwer. Da musste doch kurz der Zauberstab ausgepackt werden, und viele Reserven waren da nicht vorhanden.


Claro

Machintosh (7a, ****): Wow, was für eine Perle. Unten erst einfach, dann folgt unerwartet eine bouldrige Wandstelle, die mit einem weiten Move (Dynamo) überlistet werden will. Oben dann anhaltende Fingerriss-Kletterei dem Pfeiler entlang. Supertoll, wie das aufgeht!

Estival Rock (7a+, ***): Unten reichlich knifflig und trittarm der Piaz-Flake entlang. Nach einem Rastpunkt erst kräftige Gegendruck-Züge an gutgriffigen Rissen. Für die Crux-Traverse in Wandkletterei werden die Griffe dann aber kleiner, und es hat nur noch schlechte Reibungstritte. Dann noch sehr kräftig über den Überhang, bevor endlich richtige Henkel kommen und man etwas einfacher über den Pfeiler den Stand erreicht. Lässig, aber für mich klar schwerer wie 7a+.

No Name (7c, ***): Die Tour zwischen Estival Rock und California. Obwohl nahe zwischen den beiden Nachbarn gelegen, sind die Cruxmoves doch total eigenständig. Und auch hart und knifflig. Nach längerem Tüfteln konnte ich eine Lösung identifizieren, bei welcher ein entscheidender Griff 3x genommen wird (1x links und 2x rechts, mit jeweils verschiedenen Handstellungen). Danach kurz dranbleiben und einfacherer Pfeilerausstieg.

California (7a, ***): So etwas wie ein Gebietsklassiker, aber gar nicht einfach zu holen! Schon bald nach dem Einstieg fängt's an, kräftig-knifflige, trittarme Untergriffpassage. Dann steil manteln und es folgt eine üble Verschneidung mit einem rund-schlipfrigen Riss. Das Trittangebot überzeugt auch nicht, und so will an der Abrutschgrenze gepiazt werden. Pfff, sowas von meinem Anti-Style... aber ganz lässige Seillänge.

Apnea (8a, ****): Eine absolute Perle mit total genialen Moves. Sowas könnten auch die 100 besten Routenschrauber der Welt nicht gemeinsam hinkriegen! Eigentlich hat es fast nur Seit- und Untergriffe, die meisten davon ziemlich sloprig, angelaufen wird meist auf 200% von nichts. Aber trotzdem ist's möglich, auch wenn es sich zuerst vielleicht anders anfühlt. Mit dazu coole Schulterzüge, eine Rissspur - trotz der Kürze gibt's viel Abwechslung. Ein idealer Climb für mich, hier geht's mehr um Flow und die präzise Körperposition als um brachiale Rohkraft.

Raufaser (6c, ***): In meinem Ticino-Führer zwar bloss mit einem einzigen Stern versehen, aber ich weiss auch nicht, was die geritten hat. Supercoole und komplexe Plattenkletterei, angereichert mit ein paar Seit- und Untergriffen. Hat mir grösstes Vergnügen bereitet!

Freitag, 11. Dezember 2015

Silberplatten - Südwestkamin bzw. Südwestcouloir

Nach meinem erfolglosen Ausflug zum Eiger war ich umso motivierter, eine schöne Tour mit den Steigeisen zu unternehmen. Als Ziel erschien mir das Südwestkamin der Silberplatten gerade recht. Diese Route wurde bereits 1907 von einem Herr Olpe erstbegangen. Inzwischen ist sie jedoch in Vergessenheit geraten und wird in der einschlägigen Führerliteratur nicht einmal mehr aufgeführt. So als Nebenbemerkung: schade, dass mit diesen Auslassungen die alpine Geschichte ausgelöscht wird - hoffen wir auf das SAC-Digitalisierungsprojekt Suisse Alpine 2020! Was man noch wissen muss: der Name Südwestkamin ist irgendwie irreführend. Das tönt nach Sonne und Kletterei. Tatsächlich handelt es sich um eine tief eingeschnittene Schlucht in der NW-Flanke des Säntismassivs, die nur wenig Sonne enthält und Nordwandatmosphäre bietet.

Blick auf die NW-Abdachung des Säntismassivs, Start- und Endpunkt des SW-Couloirs sind mit Pfeilen markiert.
Im Herbst 2015 erhielt diese Route nun vor mir nachweislich mindestens 2 Begehungen, wahrscheinlich fühlt sie jetzt beinahe so etwas wie Dichtestress. Ganz sicher wurde sie schon lange nicht mehr so stark frequentiert, ja vermutlich sogar noch gar nie. Und das im Angesicht der Tatsache, dass einem die Linie (Zitat Ossi) "einen erotischen Schub" verleiht. Das stiefmütterliche Dasein ist jedoch auch meines Erachtens sehr zu unrecht, denn es handelt sich um eine sehr eindrückliche Tour, welche landschaftlich tolle Eindrücke liefert. Eine Begehung bei sommerlich-aperen Verhältnissen ist möglich, bzw. wurde von Ossi im Herbst 2015 durchgeführt, wobei eine gewisse Steinschlaggefahr in der engen Rinne sicherlich nicht zu verneinen ist. Liegt hingegen Schnee, so bietet das Couloir eine tolle Steigeisenkletterei, wobei sich dann auch die objektiven Gefahren auf ein Minimum beschränken. Im Dezember 2015 also ein tolles Nordwandabenteuer.

Die Schneehänge mit 35-45 Grad Neigung im Zustieg zum SW-Couloir, dies bei idealen Verhältnissen.
Meine Tour startet wenige Minuten nach 7.00 Uhr direkt am Schwägalppass (1299m). Der geräumten Fahrstrasse entlang geht's zum Chegelboden, wo ich bei den beiden Alphütten die Fuhre aufgreife, welche nach Süden unter die steilen Wände von P.1760 führt. Nun gilt es bis zur Mündung des SW-Couloirs beinahe 400hm über den Schuttfächer hinaufzusteigen, die Steilheit nimmt dabei immer mehr zu. Erst liegt sie bei 30-35 Grad, gegen Ende hin erreichen die steilsten Stellen bis gegen 45 Grad. Hier liegt schon Schnee, er ist tragend aber griffig, besser könnten die Verhältnisse für einen Aufstieg mit den Steigeisen an den Füssen nicht sein. Die wilde Szenerie begeistert und ein toller Tag erwacht, so schön kann Bergsteigen sein.

Morgenstimmung im Alpstein, links der markante Gamschopf, rechts hinten glänzt der Speer in der Sonne.
Nachdem man erst das breite Couloir zu P.1760 und dann das sogenannte W-Couloir (mögliche, steile und exponierte Extrem-Skiabfahrt von den Silberplatten) passiert hat, erreicht man auf rund 1820m den Einstieg in den Südwestkamin. Meine Fotos helfen sicher bei der Identifikation der richtigen Stelle, markant ist auch der Obelisk, der an der Krete ausserhalb thront. Die ersten Meter im Couloir sind noch einfach, doch es wird enger und steiler, ein paar felsige Meter wollen erklettert sein. Dort, wo sich die Sache massiv aufsteilt und verengt, findet man den Ausweg links. Direkt hoch ginge es wohl auch, das wäre aber eine Variante für diejenigen, welche der Sache noch etwas Würze beigeben wollen (Seil und Sicherungsmaterial erforderlich, de visu ca. M4?!?). Für die Umgehung links gewinnt man einen kleinen Sattel und steigt dann im Steilgras hinauf. Spezialist Ossi hat diese Passage mit T6 bewertet, so wird es wohl sein. Das Gras ist aber glücklicherweise vernünftig gestuft und kaum felsdurchsetzt, Pickel und Steigeisen greifen solide, so ist das deutlich innerhalb vom Wohlfühlbereich. Die Passage ist aber steil und vor allem sehr exponiert, unten pfeift's gewaltig über eine Felswand hinunter, ein Rutscher wäre definitiv das Ende. Womöglich könnte es mühsam werden, wenn dieser Grasabschnitt verschneit ist, bei meiner Tour war er komplett aper.

Blick auf den unteren Teil vom SW-Couloir vom Einstieg auf ca. 1820m.
Dieser markante Obelisk an der Krete aussen markiert den richtigen Punkt zum Einsteigen.
Nachdem man erst im Schnee heraufgestapft ist, wartet etwas Kraxelei im Fels.
Ein enger Steilaufschwung im Kamin (ohne Foto) wird links über diese mit T6 bewertete Graspassage umgangen.
Es ist immer schwierig, luftige Exposition mit Fotos einzufangen. Hier mein Versuch in der Graspassage.
Die Graspassage leitet einen schlussendlich nach rechts zurück in die Achse des Couloirs. Nun in wieder weniger steilem Schneegelände hinauf zur Krete, welche den Abschluss des ersten Teils markiert. Von hier hat man einen famosen Blick auf die Fortsetzung. Einige tolle Felstürme bieten eine schöne Szenerie und darüber wo es weitergeht bestehen keine Zweifel. Um diesen zweiten Couloirteil zu erreichen, muss eine Schneeflanke gequert werden. Diese ist zwar unschwierig, aber bezüglich der Lawinengefahr als kritisch zu werten. Sie ist nordexponiert und bestimmt häufig geladen, auch zum jetzigen Zeitpunkt hatte sich hier schon Schnee akkumuliert. Dank der vorhandenen Spur konnte ich ohne Sorgen queren, doch sei man sich bewusst, dass ein Rutsch hier das Ende bedeutet. Die steile Flanke bricht wenig unterhalb in einer hohen Felswand ab. Deshalb ist das Vorhandensein einer stabilen Schneedecke mit solidem Fundament absolute Pflicht.

Die lawinentechnisch nicht unbedenkliche Querung zwischen unterem und oberem Kaminteil mit Steilabbruch unterhalb.
Toller Blick auf die Fortsetzung, die Felstürme links böten prima Kletterei in super Fels.
Nun geht's also hinein in den oberen Teil. Erst ist es noch unschwierig, der Blick kann auf die Seitenwände schweifen, welche einige für den Sportkletterer herausfordernde Risslinien in tollem Fels böten. Schade, stehen diese Türme nicht an einem zugänglicheren Ort! Bald heisst es dann "durch diese hohle Gasse musst Du gehen!". Das Couloir wird enger und tief eingeschnitten, ja ist ein richtiger Canyon, sehr eindrücklich. Bald stapft man im Schnee auch der Schlüsselstelle zu. Hier muss zwingend etwas im Fels gekraxelt werden, wobei die eher plattigen, ausgewaschenen Felsen nicht ein üppiges Angebot von Griffen und Tritten bieten. Eine einigermassen entwickelte Steigeisen- und Stemmtechnik helfen weiter. Die Passage wird von einer kurzen Querung nach rechts abgeschlossen. Sichern wäre hier übrigens mit Keilen, kleinen Cams oder auch Schlaghaken möglich. Nachdem die Stelle aber nicht sehr exponiert ist, ist das für Bergsteiger mit entsprechend Erfahrung und Können nicht zwingend erforderlich.

Hinein in den Schlund, durch diese hohle Gasse musst Du gehen!
Nun bereits mittendrin, die felsige Passage voraus stellt die Crux des Durchstiegs dar.
So sieht das von näher aus, die Steilheit wird auf dem Foto stark unterschätzt!
Der Blick zurück auf die schwierigste Stelle. Schwer einzuschätzen auf dem Foto.
Der Weg hinauf zum Ausstieg verläuft dann weiter im Couloir, ein Verirren ist unmöglich. Immer einmal wieder säumt eine Kraxelstelle den Weg, wo man sich einiger Griffe und Tritte im Fels bemühen muss. Dazwischen jeweils etwas weniger steiler Schnee, so dass alles im Wohlfühlbereich bleibt. Es ist übrigens gut möglich, dass man bei guter Schneelage im Frühling überhaupt gar nichts mehr von diesen felsigen Stellen wahrnimmt. Von daher ist eine Begehung im Herbst bei noch dünner Schneedecke klettertechnisch womöglich sogar am interessantesten. Wie auch immer, schliesslich erreicht man die Mündung des Couloirs, von wo es nicht mehr weit zum Gipfel ist. Erst leicht linkshaltend und dann gerade hinauf erreicht man an einer markanten, abgespaltenen Schuppe vorbei bald den Blitzableiter vom Gipfelkreuz, und bald darauf selbiges. Hier war ich schon nach einer tollen Kletterei in der Südwand angekommen (Pegasus, 6c+), nun hatte ich den Aufstieg in 2:15 Stunden ab dem Schwägalppass gemeistert. Zum Zeitmanagement sei angemerkt, dass ich von idealen Bedingungen und einer vorhandenen Spur profitierte, ansonsten aber relativ gemächlich unterwegs war. Ich wollte die tollen Eindrücke unterwegs geniessen und auch auf Fotos bannen, und nicht einfach zum Gipfel hinaufrennen.

Ein weiterer Kraxelaufschwung im Rückblick. Hier sogar ein bisschen vereist, ansonsten kaum Eis vorhanden.
Der Blick voraus, von hier zum Couloir-Ausstieg sind es noch rund 100hm.
Ein Blick zurück, die steileren Abschnitte sind immer wieder von flacheren Zonen unterbrochen.
Letzte Kraxelstelle an der Gipfelabdachung, nach dem Couloir-Ausstieg. Hier "fotografiert man nochmals" (so auch Ossi).
Für den Weiterweg gibt es nun diverse Möglichkeiten. Man könnte als ÖV-Nutzer südseitig zur Thurwies absteigen. Will man zurück zur Schwägalp, so stehen a) der Weg über den Stosssattel, b) das W-Couloir, c) der Abstieg über den Säntis-Normalweg via Tierwies und d) der Weiterweg zum Säntis offen. Alle diese Varianten erfordern sichere Schnee- bzw. Lawinenverhältnisse! Ich wollte den Tag noch etwas ausdehnen und zum Säntis wandern. Mit etwas auf und ab geht's zuerst zur Tierwies. An Grünhorn und Grenzchopf quert man dabei einige steile Südhänge, welche insbesondere bei starker Sonneneinstrahlung problematisch sein können. Für mich war's kein Thema, ich war früh dran und der Schnee noch sauber durchgefroren. Ansonsten geht man vielleicht besser den Umweg unterhalb der Kluckerplatte (P.2080) durch und übers Charrefeld. Man passiert schliesslich die Stütze 2 der Säntisbahn, wo man auch Einsteigen und ins Tal fahren kann (sicherster und schnellster Abstieg!). Ich stieg hingegen unter dem Girenspitz und den Bahnseilen hindurch weiter hinauf. Anstelle des Sommerwegs bot sich rechterhand nochmals ein lässiges Couloir an, bevor ich über die sogenannte Himmelsleiter (klettersteigähnlich verbauter Abschnitt) die Gänge der Station erreichte. Indoor und wohltemperiert ging es (immerhin zu Fuss, nicht mit dem Lift ;-)) hinauf zum Kulminationspunkt auf 2502m. Gerade knapp 4h nach meinem Aufbruch im Tal kam ich dort an und konnte noch die schöne Rundsicht geniessen, bevor es schliesslich bequem per Schwebebahn (16 CHF für die einfache Fahrt mit Halbtax, ansonsten 32 CHF) ins Tal ging.

Hinten in Bildmitte die Silberplatten, rechts davon markant der Grenzchopf, dessen steile Hänge man traversiert.
Unterwegs zur Aiguille du Midi der Ostschweiz, Tierwies und Stütze 2 sind bereits passiert.
Im Schlussaufstieg geht's nochmals durch ein hübsches Couloir (nicht die Normalroute!).
Zuletzt über die sogenannte Himmelsleiter hinauf zur Station und durch diese hindurch zum Gipfel.
Facts

Silberplatten - Südwestkamin AD - Olpe 1907
Material: Steigeisen, 1-2 Eisgeräte, Helm, evtl. 30m Seil und Keile, kleine Cams oder NH

Sehr schöne, landschaftlich eindrückliche Couloir-Kletterei durch die NW-Flanke des Säntismassivs. Ist die Rinne verschneit, so ist die Tour objektiv sicher, jedoch ist an einigen Stellen die Lawinengefahr zu beachten. Mit entsprechend Erfahrung ist die Tour gut seilfrei durchführbar, da die schwierigsten Stellen relativ wenig exponiert sind. Trotzdem ist natürlich ein gewisses Können unabdingbar, und v.a. eine steile T6-Graspassage muss zu 100% sicher gemeistert werden. An manchen Stellen könnte an den Randfelsen gesichert werden, am hilfreichsten dabei wären Schlaghaken, kleine Cams und Keile. Fixes Material steckt, soweit ich gesehen habe, überhaupt gar keines. Steigeisen an den Füssen sind bei winterlichen Bedingungen natürlich absolute Pflicht (ältere Version reicht absolut, besser keine Monopoints). Ich hatte zwei ältere Steileispickel dabei. Das war durchaus bequem, es wäre jedoch auch mit nur einem solchen Gerät oder gar einem Leichtpickel gegangen.

Dienstag, 8. Dezember 2015

Ausser Spesen nix gewesen...

Wie viele Male sass ich schon daheim, während ideale Bedingungen herrschten? Jedes Mal war ich fit, motiviert und bereit zu gehen. Aber entweder scheiterte es als beruflich und familiär mit fixem Plan engagiertem Mann an der Möglichkeit, die nötigen 3 Tage am Stück frei zu kriegen. Oder wenn für einmal nicht dieser Umstand das Problem darstellte, so war es die Verfügbarkeit von einem kompetenten und motivierten Kletterpartner zu genau der richtigen Zeit.

Der Autor unterwegs in L1...
Nun hat sich etwas geändert: ich durfte wenigstens einmal den Rucksack definitiv packen, die Anfahrt ins Berner Oberland unter die Räder nehmen und die Anspannung vor der Tour erleben. Geklettert ist die Wand der Wände aber leider doch nicht. Die ideale Phase 2.5 Wochen vorher musste leider wieder einmal ungenutzt verstreichen, doch nun passten wenigstens Wetter und Kletterpartner. Das Zeitbudget, naja, hätte besser sein können. Mit der ersten Bahn am Morgen am Tag 1 hinauf, rassig einsteigen und bis zum Biwak am Brüchigen Band oder am Götterquergang durchziehen. Am nächsten Tag dann zum Gipfel, absteigen und zwingend auch heimfahren, denn bei der Vorlesung um 8:00 Uhr am Tag 3, da konnte ich nicht fehlen. Immerhin ging's meinem Kletterpartner in der Hinsicht auch nicht besser.

Wandansicht bei eher nicht so wirklich guten Bedingungen
Das hätte durchaus klappen können. Wobei, Anfang Dezember ist so ziemlich die ungünstigste Saison für eine Begehung mit knappem Zeitbudget. Es wird erst nach 7.00 Uhr hell und ist um 17.00 Uhr bereits dunkel, was die Kletterzeit weiter limitiert. Alles in allem, Zu- und Abstieg abgezogen, blieben uns über die beiden Tage keine 14 Stunden Tageslichtbudget für den Wanddurchstieg. Bei idealen Bedingungen vielleicht machbar, wo doch schnelle Seilschaften inzwischen weniger Stunden für die Wand brauchen, als eine Hand Finger hat. Wie auch immer, probieren geht über studieren. Das galt nicht nur für das Zeitbudget, sondern erst recht in Bezug auf die Verhältnisse. Sicher war nur, dass keine Spur liegt. Ganz klar suboptimal und dem Zeitbudget nicht förderlich. Auf der Webcam sah die Wand immerhin nicht übel zugeschneit aus. Könnte also passen. Nur nicht die Hoffnung verlieren...

Spurarbeit auf dem Weg zum Einstieg. Eigentlich möchte man hier Kräfte sparen und möglichst schnell sein.
Vor Ort war es dann so, dass schon die Querung zum Einstieg hin uns mit öfters knietiefer Spurarbeit in unverfestigtem Pulver etwas ausbremste. Die Motivation war aber hoch, und so wurden die Tritte behände gestapft. Dann die erste Stufe hinauf aufs Band. Pulverschnee liegt auf plattig-abschüssigem Fels, ungut, heikel. Lässt sich wenigstens die Querung in die Wandmitte bequem gehen? Leider nur teilweise, auch hier versaufen wir ab und zu recht tief im Schnee. Und dann gilt es endgültig ernst. Seilfrei bis zum Schwierigen Riss, so geht das, oder? Schon die erste, richtige Seillänge zieht uns aber die Zähne. Der Fels ist mit lockerem Pulverschnee überzogen, nirgendwo findet man halt. Ohne den Schnee abzuputzen lässt sich das nicht klettern. Ohne Seil auch nicht, aber absichern ist schwierig und nagt an der Zeitreserve. Ganz fest sogar, und eigentlich ist sie eh schon fast abgenagt.

Die ersten, und für uns auch die letzten Meter in der Wand. Plattiger Fels mit unverfestigter Pulverauflage, ungut.
Es dauert nicht allzu lange, bis wir uns die Sinnlosigkeit des Unterfangens eingestehen müssen. Schlecht im Sinne von objektiv gefährlich sind die Bedingungen zwar nicht. Aber eben auch nicht gut, und schon gar nicht schnell. Mit einem Biwak durchzukommen und am Folgetag noch heimzureisen ist die komplette Utopie, nichts anderes als das. Das müssen wir aber, unbedingt. Da gibt es nur noch eine Option: umdrehen! Und zwar lieber jetzt als später, wo das nur noch unter erschwerten Bedingungen möglich ist. Der Vernunftentscheid fällt und ich bin gar nicht so betrübt. Einerseits, weil's wegen dem knappen Zeitbudget und den unbekannten Bedingungen ein Experiment war. Andererseits, weil ich nun wirklich einmal ein paar Meter mit Steigeisen und Eisgeräten in der Wand klettern konnte - und "nicht nur" mit den Kletterfinken, wie bis anhin immer. Auf jeden Fall "a story to follow" - vielleicht klappt es ja eines Tages doch noch. Mit der Heckmair in der Eiger Nordwand, natürlich.

So sehen mässige Bedingungen aus.

Montag, 30. November 2015

Due ore e mezza da Zurigo...

Herbstliches Sauwetter mit starkem Wind, Schneefall und Regenschauer. Wer hat da nicht das Verlangen nach Sonne, Wärme und blauem Himmel? Von da her haben wir Kletterer es schon gut, haben wir doch einen echten Grund, ein Schlechtwetter-Weekend im sonnigen Süden zu verbringen. Wohl würde die Anreise an einem solchen Weekend auch für ganz gewöhnliche Touristen lohnen. Doch wer reist denn schon so weit, ohne einen genauen Plan, was er an der Destination tun soll...

"I go first and show you how it goes..." - wann ist es nicht nur im Zustieg, sondern an der Wand soweit?
Ambiente particolare... eine bequeme, sonnige Terrasse über dem See. Am Samstag mässig, am Sonntag dann vielbesucht.
Für uns gab es nach fast 4 Jahren später wieder einmal einen Besuch in Carate Urio. Nein, dieses Mal ohne Metalldetektor und wir müssen auch nicht nochmals für die Suche nach Edelmetall anreisen. Kaum zu glauben, wie schnell die Zeit seit dem letzten Besuch verflogen ist. Mussten das letzte Mal das Gear und die Kinder noch im Sherpa-Modus an den Fels gebracht werden (eine kurze Felsstufe sorgt dabei für gewisse logistische Herausforderungen), so springt die Jungmannschaft nun vorneweg, bei der kurzen Kletterpassage heisst's "soo cool, es Seili zum ufechlättere!!!" und schon wird man von oben herab begrüsst.

In Rilli (7a+), die Tupac Amaro (8a) rechts davon über die zwei Dächlein hinweg, welche je eine Crux bieten.
Senza parole...
Gut wie eh und je ist die Kletterei: superbequemer Einstiegsbereich mit genialem Panorama auf den Comersee, sintrig-athletische Kletterei, Sonne von 9.00-16.00 Uhr und ideale Absicherung. Was will man da noch mehr. Natürlich, gerne ein paar schwere Routen punkten! Dieses Mal gelang mir die am schwersten bewertete Tour im Gebiet, die Tupac Amaru (8a). Hätte ich womöglich auch schon früher gekonnt, wenn ich es denn versucht hätte. Das Selbstvertrauen, es überhaupt zu probieren und solange dranzubleiben, bis die machbare Lösung gefunden ist, macht es aus. Daneben konnte ich auch noch Inshallah (6b), Rilli (7a+), Tao Te Ching (6b), Internet (6c) und Budry (6b+) begehen. Für die nach meinem Geschmack fast ebenso schwere General Life (7c+/8a) hat es dann leider nicht mehr ganz gereicht. Maybe next time, ich freue mich schon jetzt darauf, an einem Weekend mit Sauwetter im Norden hier an der Sonne klettern zu können!


Dienstag, 24. November 2015

Schafbergwand - Galoschen des Glücks (7a, 6 SL, Sanierung)

Die Route Galoschen des Glücks an der Schafbergwand wurde 1984 von Bertram Burtscher und Wolfgang Unterlechner erstbegangen. Es war eine sehr kühne Unternehmung: die ersten beiden Seillängen (7a und 6c) erforderten schon Einsatz, so richtig krass war die Situation aber in den heute mit 6a und 6b+ bewerteten letzten beiden Seillängen. Hier gab es auf 75m Kletterstrecke gerade mal 3 NH als fixe Zwischensicherungen und Möglichkeiten um mobiles Material einzusetzen sind auf den kompakten Platten nicht wirklich vorhanden. Eine äusserst gewagte Sache also, welche ein stabiles Nervenkostüm verlangte. So erstaunt es nicht, dass es zu Zeiten der Erstbegehung nicht mehr als eine Handvoll Wiederholungen gab, die Route bald in Vergessenheit geriet und nicht mehr begangen wurde. Im 2015 setzte sich Werner Küng, Autor des SAC-Kletterführers Alpstein und Regional-Vertreter der SAC-Gruppe Sanieren und Erschliessen schliesslich für eine Renovation dieser Route ein. Einer der beiden Erstbegeher war inzwischen unfallbedingt verstorben, der zweite weit weggezogen und nur noch im Plaisirbereich als Kletterer aktiv. Über zwei, drei Ecken konnte er aber ausfindig gemacht werden und stimmte der Renovation unbedingt zu. Auch weitere Exponenten, welche sich in der Erschliessungsgeschichte der Schafbergwand verdient gemacht hatten stimmten dahingehend überein, dass man wenn, dann aus den Galoschen eine vernünftig abgesicherte alpine Sportklettertour machen solle.

Der klassische Blick auf die Platten der Schafbergwand vom Gamplüt, das man auf dem Zustieg passiert.
In ihrem ursprünglichen Zustand war die Route nämlich nicht unbedingt ein Muster für eine beispielhafte Absicherung. Die Cruxlänge (L1, 7a) war nämlich von oben eingerichtet worden, hier steckten die alten Kronenbohrhaken schon immer so, dass die Stelle A0 bewältigt werden konnte. In der folgenden L2 (6c) befanden sich zwar zahlreiche Schlaghaken, leider stark kreuz und quer hinter den Grasmutten versteckt und meist von zweifelhafter Qualität. Wie bereits erwähnt war der Ausrüstungszustand der letzten beiden Seillängen hingegen absolut lebensgefährlich. Hier mussten, sofern die Haken denn gehalten hätten, Stürze von bis gegen 50m (!!!) Länge kalkuliert werden. Auf diesen Steilplatten mit teils messerscharfen Wasserrillen ein komplett unkalkulierbares Risiko. Man kann dies nur mit Blick auf die Epoche der Erstbegehung verstehen, wo die Zeitgenossen einen Klettertag an der Schafbergwand gerne mal mit einer Solo-Begehung vom Sandührliweg (6a+) eröffneten, dann sogar die Sandi in the Moon (6b+) so bewältigten, bevor man sich schliesslich für die beiden schweren Längen der Galoschen einband, um das Schlussstück dann wiederum in faktischer Solo-Manier zu klettern.

Die östliche Südwandplatte in der Schafbergwand mit dem Verlauf der von uns renovierten Route Galoschen des Glücks (7a).
Nun denn, nachdem ich im 2014 mit Werner bereits den Garten Eden an der Schafbergwand hatte sanieren können, freute ich mich über seine Anfrage zur Mitwirkung an diesem neuerlichen Projekt. Erst recht nachdem ich gehört hatte, dass es hier darum ginge, auf dem Trassee der alten Galoschen im Vorstieg eine neue, gut abgesicherte Route anzulegen. Schliesslich muss ich sagen, dass ich hier ähnlichen Spass und vergleichbare Herausforderung wie bei einer Erstbegehung von unten hatte. Bis auf die A0-Passage in L1 war der Verlauf im Vornhinein nämlich oft unklar und die Absicherung quasi inexistent. Somit hiess es losklettern, dabei die einfachste und logische Linie wählen und die Haken aus der Kletterstellung bohren. Wie sich schliesslich zeigte, folgte ich dabei weitestgehend der originalen Route. Ein paar einzelne Abweichungen entstanden nur dort, wo man früher zwecks Absicherbarkeit nach links und rechts in grasigere Zonen ausgewichen war. Diese dank dem Einsatz von Bohrhaken möglichen Begradigungen kommen dem Klettergenuss aber sehr zu Gute, sie erhöhen Homogenität und Qualität der Linie, ohne dabei die Maximalschwierigkeiten zu erhöhen. Nachdem an zwei Bohrtagen im Herbst 2015 sämtliche BH angebracht wurden und Werner sich eine RP-Begehung im neuen Zustand schnappen konnte, ist nun folgende Routenbeschreibung aktuell.

L0, 45m, 6a: Die Galoschen des Glücks beginnen nicht am Wandfuss, sondern erst 70m weiter oben. Als Zustieg klettert man aktuell die ersten beiden Seillängen vom Sandührliweg. In der ersten dieser beiden geht's vom tiefsten Punkt der Wand über die grosse Platte hinauf. Weitgehend gutgriffig bietet diese aber auch zwei, drei knifflige Herausforderungen mit weiten Zügen, welche nicht mehr unbedingt zur heute gängigen Vorstellung vom Grad 6a passen.

Werner folgt in L1 vom Sandührliweg, klassisch mit 6a bewertet.
L0, 20m, 5c+: Geradeaus geht's weiter, vom bequemen Band über ein kleines Dächlein hinweg. Die griffige Piazschuppe oberhalb will gepackt werden, um athletisch darüber hinweg zu kommen. Danach lassen die Schwierigkeiten rasch nach und der wiederum bequeme Stand auf dem nächsten Band ist erreicht. Auch diese Seillänge gehört noch zum Sandührliweg.

Die Schlüsselstelle von L2 (5c+) im Sandührliweg, kräftig auf Gegendruck über das kleine Dächlein hinweg.
L1, 40m, 7a: Nun geht's über die auffällig glatte Platte rechts oberhalb vom Stand hinauf. Griffiger Auftakt an ein paar guten Schuppen, doch bald gilt es ernst. Mit äusserst bouldrigen Plattenmoves an der Haftungsgrenze will man sich in die Höhe gezaubert wissen. Mich dünkt das echt schwer, da man einige Male hoch antreten und sich praktisch grifflos raufschieben muss, sind lange Glieder wegen der ungünstigen Hebelverhältnisse ziemlich hinderlich. Ich hätte auch keineswegs gezögert, diese Seillänge mit 7a+ zu bewerten, zumal die Länge auch zu Zeiten der Erstbegehung offenbar mindestens teilweise bereits als 8+ gehandelt wurde. Nun denn, hier wurde ich aber überstimmt, man bilde sich selber eine Meinung! Nach 3 BH hat man das allerschwerste gemeistert, doch so rasch lässt es nicht "lugg" und es bleibt anhaltend steilplattig und kleingriffig, erst die letzten 15 Meter der Seillänge sind dann einfach. Mit etwas Einsatz lässt sich die Cruxzone A0 begehen (ca. 6b+ obligatorisch). Hier haben wir die ursprünglichen Abstände der BH und NH beibehalten.

Anspannung total in der Knallerplatte von L1 (7a) der Galoschen. Da muss man schauen, dass man Druck auf die Tritte bringt! 
L2, 40m, 6c: Schöne und sehr interessante Seillänge mit mehreren kniffligen Stellen und ein paar Ruhepunkten dazwischen. Nie extrem schwer und meist hat man etwas Zeit, um die Sache auszutüfteln. Nach meinem Geschmack könnte man hier auch nur mit 6b+ bewerten. Was die Absicherung betrifft, so steckt nun nur ein einziger Sicherungspunkt mehr als ursprünglich, und zwar am Anfang damit kein Sturz aufs Band mit dem Stand droht. Das heisst, dass auch ursprünglich gar nicht so wenig Material steckte. Allerdings oft in ziemlich ungünstiger Position, da es sich um Schlaghaken handelte, welche irgendwo hinter einem Grasbüschel versteckt werden konnten. Nachdem ich diese allesamt entfernt habe, kann ich auch definitiv sagen, dass sie in erster Linie zur Beruhigung der Psyche da waren. Allesamt waren sie kurz bis sehr kurz, von der Korrosion angegriffen und mit ein paar wenigen Hammerschlägen auch draussen. Nein, da hätte man nicht reinstürzen dürfen.

Eine kleine Auswahl der meist ultrakurzen Schlaghaken, welche ich aus den Galoschen des Glücks entfernt habe.
L3, 45m, 6a: Vom gemeinsamen Stand mit dem Sandührliweg verlaufen die beiden Routen auf kurzer Strecke gemeinsam. Dann ziehen die Galoschen sehr schön pfeifengerade hinauf, über die kompakte Platte welche mit ein paar scharfen, zerfressenen Wasserrillen garniert ist. Eine sehr genussreiche Kletterei, zumindest bei der jetzigen Absicherung. Früher waren hier schon enorm Nerven, ja eigentlich sogar Todesverachtung erforderlich, gab es doch hier nur einen einzigen NH in 30m Höhe über dem Stand und keine weiteren, wirklich brauchbaren natürlichen Sicherungen. Bezeichnend für die damalige Zeit ist auch die Geschichte, dass am Ende dieser Seillänge ursprünglich nicht einmal ein zuverlässiger Stand vorhanden war. Dies solange, bis ein Kletterer bei einem Wiederholungsversuch ob der schlechten Qualität darüber hinweg in L4 weiterkletterte, jedoch vor der nächsten Sicherungsgelegenheit stürzte. Und flupps, weg waren die Standhaken, was die Route für eine Zeit lang unbegehbar machte (später wurden dann zwei Stand-BH gesetzt). Ich hätte diese Länge eher mit 6a+ bewertet, wobei schwieriger als die Startlänge vom Sandührliweg ist es eben schon nicht unbedingt. Aber wie erwähnt, ist jene auch nicht die optimale Referenz für eine 6a.

Sehr schöne Kletterei in perfektem, rauem Fels der qualitativ jenem im Rätikon gar nichts nachsteht: L3, 6a.
L4, 30m, 6b+: Uiuiui. Jetzt muss man sich also einmal vorstellen, dass man früher vom schlechten Stand nach L3 diesen wackligen Mantle vor dem zweiten BH absolut zwingend und ohne Zwischensicherung klettern musste. Der ursprüngliche Schlaghaken steckte nämlich unmittelbar neben dem heutigen zweiten BH. Seit der Sanierung ist die Stelle nun zwar gut abgesichert und gefahrenfrei, der Mantle ist aber weiterhin nicht mit Hakenhilfe zu entschärfen (6b+ obl.). Danach in perfektem Fels etwas einfacher weiter, bevor es am Schluss nochmals gehörig anzieht, da wird einem nichts geschenkt! Nach 30m endet das Klettervergnügen auf einer schmalen Standleiste, bevor sich die Wand in weniger schönem, teils schrofigem Gelände verliert. Über eine Zusatzlänge hatten wir noch kurz nachgedacht, doch es hätte sich nicht mehr gelohnt. Anfügen möchte ich noch, dass mich diese Sequenz und vor allem der Mantle anspruchsvoller als L2 dünkte und ich deshalb mit 6c bewertet hätte. Allerdings bin ich hier bisher nur 1x hochgeklettert, und zwar mit dem ganzen Bohrkrempel, 10 Bohris und mobilem Sicherungsmaterial bestückt, was der Balance bei der wackligen Mantle-Crux nun nicht wirklich sehr förderlich ist. Somit ist meine Meinung nicht zwingend sonderlich repräsentativ.

Geniale Steilplattenkletterei in perfektem Fels in L4 (6b+). Werner folgt entlang der frisch gesetzten Haken.
Damit lassen sich die Galoschen des Glücks nun also unbeschwert mit Genuss und bei guter Absicherung klettern. Der Weg in die Tiefe lässt sich an den dafür eingerichteten Ständen bequem abseilend erledigen. Dank qualitativ hochwertigem, rostfreiem Material (A316L) wird dies auch bis in ferne Zukunft so bleiben, das Kapitel ist also abgeschlossen! Für Werner und mich hat sich unmittelbar daneben aber ein weiteres aufgetan. Die im Kletterführer mit "Altes Projekt" gekennzeichnete Linie war in Wirklichkeit nur einen einzigen Bohrhaken lang. Ein Augenschein liess aber auch dort tolle Kletterei in kompaktem Gelände mit homogenen Schwierigkeiten erwarten. Also nutzten wir am zweiten Bohrtag die verbleibende Zeit und die Rest-Kapazität der Akkus, um hier eine neue Baustelle zu beginnen. Nun kommt aber erst der Winter, so dass die griffigen Löcher, zerfressenen Wasserrillen und rauen Aufleger bis im 2016 ihrer Entdeckung harren wollen. Im Zuge der Erschliessung dieses Neutouren-Projekts werden wir aller Voraussicht nach auch einen direkten Zugang vom Wandfuss erschliessen, welcher dann auch als Einstieg für die Galoschen des Glücks benutzt werden kann. Wenn es dann soweit ist, wird sicher an dieser Stelle darüber berichtet...

Facts

Schafbergwand - Galoschen des Glücks 7a (6b+ obl.) - 6 SL, 220m - Burtscher/Unterlechner 1984 - ***;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Keile/Friends nicht nötig

Schöne alpine Sportklettertour durch die östliche Südwandplatte, welche vorwiegend Steilplattenkletterei in rauem, silbergrauen Fels mit hervorragender Reibung bietet. Nebst ein paar griffigen Löchern bedient man vor allem Wasserrillen und texturierte Aufleger, gute Fusstechnik ist notwendig. Seit der hier dokumentierten Sanierung im Herbst 2015 ist die Route nun sehr gut mit rostfreiem Material abgesichert, trotzdem ist vom Vorsteiger noch etwas Einsatz, Können und auch mal ein beherzter Schritt gefragt, d.h. es kann nicht (und soll auch nicht!) jeder Move mit Hakenhilfe erschwindelt werden. In Punkto Schönheit gefallen mir persönlich meine XL und die von uns sanierte Garten Eden noch einen Tick besser, da diese homogenere Schwierigkeiten und etwas abwechslungsreichere Kletterei bieten, doch auch die Galoschen sind im neuen Zustand absolut lohnenswert.

Topo

Das von Werner entworfene Update zum sehr empfehlenswerten SAC-Kletterführer Alpstein, in welchem man viele zusätzliche, wertvolle Informationen findet, wird euch hier gratis und franko angeboten:

Topo vom rechten Teil der östlichen Südwandplatte. Galoschen (75), Sandi in the Moon (77), Hoi Du (78), Garten Eden (79)
Links

Unmittelbar nach Abschluss der Sanierung wurden die neuen Galoschen von einigen Seilschaften wiederholt. Markus hat einen sehr schönen Bericht darüber geschrieben, welcher die Sache wie gewohnt mit wenig Text auf den Punkt bringt: klick!