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Dienstag, 26. Mai 2015

Pfingstklettern im Lehn

Über das Sportklettergebiet Lehn bei Interlaken im Berner Oberland muss man nicht mehr viele Worte verlieren. Seit über 20 Jahren werden hier intensiv harte Moves gezogen, und kaum jemand aus meinem Bekanntenkreis war hier noch nie vor Ort. Nur ich selber hatte es bisher noch nie an dieses Massiv geschafft. Trotz nicht allzu weiter Anreise liegt es irgendwie doch ausserhalb der Daytrip-Distanz, vor allem auch weil man auf der Anfahrt zig weitere, interessante Felsen passiert. Für einen 3-tägigen Trip gab es aber ein interessantes Ziel her.

Gleich unterhalb der Felsen stehen mehrere Campingplätze zur Verfügung (siehe hier), wo man bequem nächtigen kann und dann jeweils problemlos zu Fuss ins Gebiet gelangt. Wem nach mehr Abwechslung ist, erreicht vom selben Ort aus auch noch die Gebiete Dällenboden, Hole, Neuhaus, Luegibrüggli, Bockstor und Harder zu Fuss. Nur wenig weiter entfernt gibt es dann auch noch das Brüggetli, Schmocken, den Hüenerchnubel, Wilderswil et cetera - grosse Auswahl also! Für uns sollte es jedoch 3x ins Lehn gehen, denn die anderen Gebiete waren mir zumindest teilweise schon bekannt, zudem bieten auch nicht alle gleichermassen kinderfreundliches Gelände.

Base Camp auf gepflegten Rasen in Gehdistanz der Felsen - nicht schlecht...
Teilweise zeigten auch die starken Regenfälle der letzten Wochen noch ihre Spuren, indem einige Dutzend Lehn-Routen wegen Restnässe noch nicht praktikabel waren. Für uns war dieser Umstand nicht sonderlich stark einschränkend, das Angebot ist ja gross und wir hatte freie Routenauswahl. Das Wetter an sich war auch eher etwas enttäuschend, in den 3 Tagen gab es insgesamt wohl kaum mehr wie 4h Sonnenschein. Die Temperaturen waren aber angenehm und nachdem die Felsen sowieso mehrheitlich im Wald liegen, war die fehlende Sonne kein wesentlicher Faktor. Im Vorfeld hatte ich mir länger überlegt, was denn für mich aus diesem Trip werden sollte. Die Entscheidung fiel schliesslich darauf, anstatt auf ein schweres Projekt zu zielen, lieber wieder einmal möglichst viele mir noch unbekannte Routen in kurzer Zeit zu klettern - etwas, was für mich nach 20 Jahren Aktivität in näherer Umgebung von meinem Zuhause kaum mehr in diesem Ausmass möglich ist. Folgende Routen gelangen mir schliesslich:

Unterwegs ins Lehn. Die unscheinbaren, knapp sichtbar aus dem Wald ragenden Felsen sind's.
Bödeliblick (6b+, ***): Knackiger Einstieg, gefolgt von einer überhängenden Verschneidung mit ziemlich rundem Riss und Stehproblemen. Lässige Tour, ziemlich hart für den Grad bzw. für die Spanier ist das eine 7a...

Multi Müesli (7a, ***): Gleicher Einstieg wie Bödeliblick, dann nach rechts aus der Verschneidung raus. Eine knifflige Crimper-Wandstelle mit weiten Moves ist die Crux, danach dranbleiben an guten Griffen zum Umlenker.

Schweizerfield (7a, ***): Stark überhängende Ausdauerkombi an guten Griffen. Der erste Teil in Schweizerhalle geht mit athletisch-weiten Zügen an Henkeln gut, die härteste Sequenz mit einem Blockierer wartet im oberen Garfield-Teil.

Nassi Spaghetti (7a, ****): Einstieg über Vera (6b), danach anhaltende, gutgriffige, überhängende Wandkletterei an massiv eingechalkten Griffen. Fast ein bisschen wie die Weisse mit den schwarzen Tritten in der Kletterhalle... good fun!

Rameli (7a, ***): Interessante, technische Kletterei, gute Balance, Tritttechnik und ein Auge für die einfachste Sequenz erforderlich. Für mich im Onsight die forderndste der 7a's. Absicherung im Gym-Style mit 1m-Abständen.

Wackelstein (7a, ***): Ziemlich anhaltend, aber doch mit 2 deutlichen Schlüsselstellen: im ersten Drittel ein weiter Schulterzug, obenraus dann ein dynamischer Move aus Seitgriffen raus, dranbleiben und Füsse raufbrigen. Lässige Tour!

Papadopolus (7b, **): Bouldriger Einstieg in bedenklicher Nähe zur 7a, wobei nicht ganz klar ist welche Griffe dazugehören und welche nicht. Danach schlecht abgesicherte Stelle in unangenehmer Verschneidung mit Potential für heiklen Sturz. Obenraus gute Ausdauerkletterei an guten, oft etwas abschüssigen Griffen mit weiten Hakenabständen.

Kurpfuscher (7a, ***): Einstieg auf den Pfeiler hinauf in einfacherer Verschneidungskletterei, danach vergnügliche Wandkletterei. Crux ist das Anklettern und Einhängen der Umlenkung. Von den 7a's fand ich diese die einfachste.

Bat (6c, ****): Bin ich zwar nur als Einstieg zur Kalimba (7b) geklettert, verdient aber spezielle Erwähnung. Zwar nicht pumpig, aber anhaltend tolle bouldrige Moves mit Rastpositionen dazwischen machen diese Route sehr interessant.

Kalimba (7b, ***): Schöne Route, deren Crux gleich nach dem Zwischenstand erst an einigen Seitgriffen und dann an Leisten und Slopern zu meistern und klar nachzuvollziehen ist. Nach gutem Rastpunkt dann gutgriffig und ausdauernd weiter, wobei die beiden benachbarten 7a's sich nahe befinden und die Linie der 7b eher vage ist.

Neue (7b, **): Kurz zupfen am Einstieg mit ein paar athletischen Zügen zu Rastpunkt. Dann wartet die bouldrige Crux (ca. Fb 6B+ oder so...): abschüssige Leiste halten, aufhocken, an gute Leiste dynamisieren und easy zur Umlenkung rauf.

Feuer-Sturm (7a+, **): Boulderproblem vom Boden weg, hat man einmal den Seitgriff für links vor dem zweiten BH, so heisst es noch kurz athletisch an guten Griffen dranbleiben, bevor man im zweiten Teil im 6a-Gelände zum Top gelangt.

Hot Tuna (7c, ****): Klassiker mit überhängender Dauerpower-Kletterei an meist positiven Griffen von kleinerer und grösserer Ausprägung. Etwas Maximalkraft und solide Ausdauerbasis schaden nicht. Dokumentierte Freesolo-Begehung von Ueli Steck im 2009. Da scheint mir die Annapurna-Südwand noch fast realistischer...

Mit einem reichen Strauss an Erinnerungen und einem prall gefüllten Routentäschchen machten wir uns um 16.00 Uhr am Pfingstmontag von dannen. Warum wohl? Weil es natürlich schon wieder zu regnen begann. Aber egal, es waren drei tolle Tage! Kaum sassen wir im Automobil, hiess es von der Rückbank: "Papi, gömmer wieder mal uf Interlake?". Keine 30 Sekunden später waren 4 müde Kinderaugen bereits zugefallen. Knapp zwei Stunden später, kurz vor daheim, gehen sie wieder auf. "Papi, simmer immer no z Interlake? Ich wett nächschts Wuchenänd wieder dert ane!".

Facts

Lehn, Sportklettergebiet mit ca. 140 Routen von 5c-8c+

Kalksandstein-Gebiet mit zumeist steiler Wandkletterei an guten Griffen, teils auch Auflegern. Von der Kletterei her durchaus speziell, auf jeden Fall anders als die sonst häufig vorherrschende Tropfloch-Crimperei im Kalk, auch hautschonend. Insgesamt sehr abwechslungsreich mit oftmals ganz unterschiedlichen Routen-Charakteren. Generell gut abgesichert, teilweise noch mit älteren verzinkten Bolts am Ende ihrer Lebensdauer, andernorts mit Klebehaken saniert. Die Abstände variieren je nach Route zwischen Kletterhalle und moralisch anspruchsvoll. Der Wandfuss ist für grössere (>4-5 Jahre) und in solchem Terrain erfahrene Kinder geeignet und bietet lässige Spielmöglichkeiten. Zustieg in 10-15 Minuten über eher steilen, aber grundsätzlich ungefährlichen Waldpfad. Achtung: nach stärkeren Regenfällen bleiben etliche Routen über längere Zeit feucht. Dafür kann man bei einsetzendem Regen noch die eine oder andere steile (und damit eher schwere) Route klettern. Ein vollständiges Topo findet man im Führer Extrem West oder Interlaken Vertical aus dem Filidor-Verlag. Diverse Seiten im Netz bieten ausführliche Routenlisten, so z.B. auch UK Climbing. Da fast alle Routen angeschrieben sind, findet man sich notfalls auch damit zurecht. Und vom tollen Sektor Rosengarten (sowie einige weiteren Gebieten) bietet Vertical Sport sogar gratis das Topo an - danke für diesen Service!

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