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Mittwoch, 29. Juli 2015

Nissedal / Haegefjell - Sunset Boulevard (6a)

Weiter geht's mit Berichten aus Nissedal (siehe den vorherigen). Das skandinavische Wetter hatte sich bisher sehr gut gehalten, für den heutigen Tag waren aber nochmals bessere Verhältnisse mit eitel Sonnenschein und weder Wind noch Niederschlag angekündigt. Grund genug, nochmals an die beste Wand der Gegend zu pilgern, nämlich den Haegefjell. Ziel war eine lohnende Tour mit Gesamtdurchstieg zum Gipfel. Diesen Punkt erfüllen ziemlich viele Routen am Berg, geworden ist es schliesslich die 12 Seillängen-Tour Sunset Boulevard - einer Route, die im Charakter bei etwas höherem Anspruch und herausragender Schönheit durchaus mit der Motörhead am Eldorado zu vergleichen ist.

Ein strahlender Tag erwacht, für uns geht es erneut zum 500m hohen Haegefjell in Nissedal.
Nachdem wir erneut die Anfahrt von Fjone über die 13km lange, mautpflichtige Schotterstrasse (70 Kronen bzw. ca. 8 Euro, in Umschlag zu stecken, also Kleingeld bereithalten!) genommen hatten, starteten wir den rund 15-minütigen Anmarsch. Noch galt es, die anzupeilende Route auszuwählen: in der engeren Auswahl standen schliesslich der grosse Klassiker Mot Sola (6a), die Tyrion (6c) und eben der Sunset Boulevard (6a). Die Mot Sola wurde schliesslich verworfen, weil dort noch Restnässe sowie eine andere Seilschaft zu erkennen waren, und zudem eine grundsätzliche (feminine) Abneigung gegenüber Routen ohne gebohrte Stände bestand. Somit peilten wir die benachbarten Tyrion und Sunset Boulevard an. Von nahem erschien letztere attraktiver, und da bis auf die Tatsache, dass die Tyrion eine 17m lange 6c-Seillänge mit 5 BH in Wandmitte aufweist, sind die beiden Routen auf dem Papier auch ungefähr gleich schwer. So konnten wir ohne Bedauern auf die Sunset Boulevard setzen und waren etwas nach 11.00 Uhr mt kompletten Gear und den Schuhen für den späteren Fussabstieg startbereit.

Durch diese Wand verläuft die Route, ca. in Bildmitte der Grenze von Schatten/Sonne entlang.
L1, 60m, 5c: Sechzig Meter Sechserplatte mit einem Bohrhaken hört sich krass an. Entpuppt sich dann aber doch nicht so schlimm. Erst ist die Kletterei easy und hinter ein paar Schuppen lassen sich noch ein paar Gerätschaften verstecken, die Plattenstelle ist dann mit dem Bohrhaken gut abgesichert. Den grössten Schreck habe ich, als ich auf einem Band beinahe in eine 1m lange Schlange greife. Sie macht sich jedoch rechtzeitig aus dem Staub.

Der Wandfuss schon weit weg, aber immer noch im plattigen oberen Teil von L1 (5c).
L2, 50m, 6a: Nun folgt die erste, charakteristische Schrägrampe. Die Wandstelle dahin ist mit zwei BH abgesichert, für den angegebenen Fünfer im Topo aber höchst nichttrivial (eher 6a). Ein Wasserstreifen macht die Sache auch nicht einfacher, aber klar, gehen tut's trotzdem. Während man von weitem denkt, die geneigte Rampe lasse sich fast hochlaufen, entpuppt sich das als ganz anders. Die Rampe ist vom Gletscher glattpoliert wie eine Küchenabdeckung, so muss mit dem Riss im Rampengrund ordentlich gerampft werden. Anhaltend anspruchsvoll ist es, und auf den 40m zum Stand steckt nur noch 1 BH, selber legen ist also Trumpf.

Die Wandstelle hinauf zur charakteristischen Schrägrampe in L2 (5c+), die sich viel schwieriger klettert wie es aussieht.
L3, 50m, 6a: Die zweite, markante Schrägrampe. Die Wandstelle zu Beginn ist hier ziemlich giftig, der erste BH steckt hoch und legen lässt sich nichts. Wacklige Moves 5m über dem Standhaken sind gefragt, etwas unangenehm. Danach nach rechts und an die Rampe/Riss. Erst etwas steiler und athletisch, die 6a-Stelle gemäss Topo fand ich aber gutmütig. Im zweiten Teil der Länge dann wie gehabt: antreten auf der polierten Schrägrampe, man klammert sich am Riss im Grund fest und muss diesen selber absichern.

Eine weitere Rampe mit Hangelriss gibt's in L3 (6a), entgegen der Bewertung fast einfacher wie jene in L2.
Hangeln und mit den Füssen auf die Politur stehen, das ist das Programm in L3 (6a).
L4, 35m, 5c: Nach den zwei sehr fordernden Längen zuvor ist man schon beinahe froh um eine kleine Verschnaufpause. Easy Wandkletterei, Rechtsquerung, für 5c eine gutmütige und mit 2 BH gut abgesicherte Wandstelle und zuletzt etwas nach links zurück zum Stand.

Wandkletterei in L4 (5c), für einmal eher eine Verschnaufpause.
L5, 30m, 6a: Gut mit Bohrhaken abgesicherte Kletterei auf Reibung und an kleinen Leisten. Man finde den idealen Weg zwischen den total glattpolierten Zonen hindurch. Aber schon immer wieder erstaunlich, wie es diesen gibt. In der 6c der Tyrion müsste man sich hingegen wohl der Politur bedienen.

Auf der Suche nach dem idealen Weg in L5 (6a).
L6, 35m, 5c: Das vermeintlich kurze Verbindungsstück nach links hoch entpuppt sich als erstaunliche Knacknuss. Erstens mal ist diese Seillänge komplett clean, und dann ist auch die Kletterei dem Riss entlang nicht so einfach wie gedacht. Teilweise Politur und nicht immer ideale Absicherbarkeit machen das Leben zusätzlich schwer.

L7, 25m, 6a: Die mit einem BH ideal gesicherte Küchenabdeckung-Wandstelle gleich oberhalb vom Stand lässt auf den ersten Blick viele Fragezeichen offen. Richtig angepackt geht sie aber erstaunlich einfach, da fand ich vieles bisher dann deutlich schwerer! Oberhalb dann für den Nachsteiger gut legen, es folgt noch ein einfacher 20m-Rechtsquergang zum Stand, wo nichts mehr liegt.

Der einfache Quergang nach der Schlüsselstelle in L7 (6a), mit Blick aufs Hinterland.
L8, 45m, 4b: Das ist die kühnste Seillänge, hier stecken auf 45m nur 2 BH und Möglichkeiten zum Dazulegen habe ich keine gefunden. Die Kletterei ist aber nicht sehr schwer und der Granit hier zudem ideal strukturiert. Man steht also immer auf etwas gescheitem und hat für die Hände etwas zum Greifen. Müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn man hier stürzt.

L9, 35m, 3c: Ähnlich wie die Länge zuvor, einfach noch etwas weniger steil. Zudem auch komplett clean, aber hier kann man selber absichern. Danke dem irre strukturierten Fels ist die Kletterei trotz der Einfachheit hier aber wirklich mega lässig.

Super Felsstruktur in L9 (3c), kommt hier nicht so zur Geltung.
L10, 60m, 5c+: Besonders steil ist's nicht, aber hier kommt man wieder in eine glattere Zone, die insbesondere an der Crux schon ein paar feine Moves auf Reibung verlangt. Hier besteht jedoch eine gute Absicherung mit 7 BH - auf 60m, that is. Ist aber schon ok und mittlerweile hat man sich bestimmt an die Reibung gewöhnt.

Nochmals anspruchsvolle Platten in L10 (5c+), inzwischen hat man sich an Reibung und Abstände aber gewöhnt.
L11, 50m, 5b: Kurze, etwas glatte Stelle mit BH nach dem Stand, der Rest der Länge ist einfacher, relativ wenig steil und clean. Geht insgesamt auch schnell vorüber.

L12, 50m, 4b: Nachdem hier kein grosser Challenge mehr wartet, haben wir die letzte Länge gleich am laufenden Seil mit einem Tibloc angehängt. Bei der steileren Stelle nach dem Stand muss man nochmals etwas schauen, danach dann immer flachere Platten zum Ausstieg.

Flache Platten und tolle Aussicht auf den Nisser-See kurz vor dem Ausstieg in L12 (4b).
Etwas vor 15.45 Uhr waren wir schliesslich am Top angelangt und hatten damit 4:30 Stunden Kletterzeit gebraucht. Besonders die zweite Routenhälfte ab L7 konnte dabei zügig erledigt werden, während die erste Hälfte deutlich anspruchsvoller und zeitraubender ist. Der Charakter der Route lässt sich klar mit dem Spruch "unten anspruchsvoll zum selber legen, oben leichter zum Gas geben" charakterisieren. Die Kletterei war jedoch formidabel gewesen und sorgte das erste Mal für einen richtigen Wow-Effekt. Beim letzten Stand seilten wir uns los, und stiegen über noch flachere Platten zum Gipfel hin. Der glatte Granit liess sich gut barfuss begehen, eine Wohltat nach 12 Seillängen in den Finken. 

Am Top des Haegefjell auf 1022m, für ein einziges Mal auf über 1000m in diesen Ferien.
Tolles Panorama vom Gipfel, natürlich mit dem Fotoapparat nur schwerlich einzufangen.
Vom Gipfel wählten wir dann den gut mit blauer Farbe markierten Pfad zurück zum Parkplatz. Es ist eine genussvolle Wanderung durch eine sehr schöne Gegend! Das erste Drittel des Weges liess sich über Platten und Moos immer noch baren Fusses gehen, sehr angenehm. Ein Abseilen über die Route wäre sicherlich auch zu bewerkstelligen. Aber nachdem wir ziemlich genau eine Stunde vom Top retour zum Auto brauchten, wäre man dabei mit grösster Wahrscheinlichkeit einiges langsamer. Es sind ja doch 12 Abseilmanöver und der 15-Minuten-Rückmarsch vom Wandfuss. Höchst zufrieden zuckelten wir über die Schotterstrasse retour, es wartete noch ein schöner Abend am Nisser-See, bevor am nächsten, regnerischen Tag die Weiterfahrt ins Setesdal erfolgte.

Stimmung am Nisser-See kurz vor Mitternacht. Obwohl noch weit vom Polarkreis entfernt, wird es nachts nicht vollständig dunkel.

Facts

Haegefjell - Sunset Boulevard 6a (6a obl.) - 12 SL, 500m - Wiechmann/Frost/Fuckner 2003 - *****;(xxx)
Material: 1x60m-Seil, 14 Express, Keile, Camalots 0.3-3 plus 1 kleinerer.

Fantastische Route durch die zentrale Plattenwand zum Haegefjell-Gipfel. Die erste Routenhälfte ist geprägt durch zwei charakteristische Schrägrampen, welche anhaltend anspruchsvolle und zum grössten Teil selber (gut) abzusichernde Kletterei bereithalten, dazwischen warten einige Stellen mit gut abgesicherter Wand- und Reibungskletterei. Der obere Routenteil ist dann etwas flacher und bietet meist plattige Kletterei auf oft genial strukturiertem Fels. Der Fels ist stets sauber und ohne wesentlichen Flechtenbewuchs, die Moves abwechslungsreich, das Ambiente super und die Linie überzeugt auch. Somit vergebe ich gerne die Höchstnote in Sachen Schönheit. Die Absicherung kann man als gut bezeichnen, im Piola-Style sind die Wandstellen gut mit BH abgesichert, wo man selber gut legen kann, ist dies auch zu tun. Insgesamt kommt man auf gefühlte xxx. Dennoch hat diese Route natürlich, obwohl "nur 6a", einen gewissen Anspruch an sich.

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