- -

Dienstag, 24. November 2015

Schafbergwand - Galoschen des Glücks (7a, 6 SL, Sanierung)

Die Route Galoschen des Glücks an der Schafbergwand wurde 1984 von Bertram Burtscher und Wolfgang Unterlechner erstbegangen. Es war eine sehr kühne Unternehmung: die ersten beiden Seillängen (7a und 6c) erforderten schon Einsatz, so richtig krass war die Situation aber in den heute mit 6a und 6b+ bewerteten letzten beiden Seillängen. Hier gab es auf 75m Kletterstrecke gerade mal 3 NH als fixe Zwischensicherungen und Möglichkeiten um mobiles Material einzusetzen sind auf den kompakten Platten nicht wirklich vorhanden. Eine äusserst gewagte Sache also, welche ein stabiles Nervenkostüm verlangte. So erstaunt es nicht, dass es zu Zeiten der Erstbegehung nicht mehr als eine Handvoll Wiederholungen gab, die Route bald in Vergessenheit geriet und nicht mehr begangen wurde. Im 2015 setzte sich Werner Küng, Autor des SAC-Kletterführers Alpstein und Regional-Vertreter der SAC-Gruppe Sanieren und Erschliessen schliesslich für eine Renovation dieser Route ein. Einer der beiden Erstbegeher war inzwischen unfallbedingt verstorben, der zweite weit weggezogen und nur noch im Plaisirbereich als Kletterer aktiv. Über zwei, drei Ecken konnte er aber ausfindig gemacht werden und stimmte der Renovation unbedingt zu. Auch weitere Exponenten, welche sich in der Erschliessungsgeschichte der Schafbergwand verdient gemacht hatten stimmten dahingehend überein, dass man wenn, dann aus den Galoschen eine vernünftig abgesicherte alpine Sportklettertour machen solle.

Der klassische Blick auf die Platten der Schafbergwand vom Gamplüt, das man auf dem Zustieg passiert.
In ihrem ursprünglichen Zustand war die Route nämlich nicht unbedingt ein Muster für eine beispielhafte Absicherung. Die Cruxlänge (L1, 7a) war nämlich von oben eingerichtet worden, hier steckten die alten Kronenbohrhaken schon immer so, dass die Stelle A0 bewältigt werden konnte. In der folgenden L2 (6c) befanden sich zwar zahlreiche Schlaghaken, leider stark kreuz und quer hinter den Grasmutten versteckt und meist von zweifelhafter Qualität. Wie bereits erwähnt war der Ausrüstungszustand der letzten beiden Seillängen hingegen absolut lebensgefährlich. Hier mussten, sofern die Haken denn gehalten hätten, Stürze von bis gegen 50m (!!!) Länge kalkuliert werden. Auf diesen Steilplatten mit teils messerscharfen Wasserrillen ein komplett unkalkulierbares Risiko. Man kann dies nur mit Blick auf die Epoche der Erstbegehung verstehen, wo die Zeitgenossen einen Klettertag an der Schafbergwand gerne mal mit einer Solo-Begehung vom Sandührliweg (6a+) eröffneten, dann sogar die Sandi in the Moon (6b+) so bewältigten, bevor man sich schliesslich für die beiden schweren Längen der Galoschen einband, um das Schlussstück dann wiederum in faktischer Solo-Manier zu klettern.

Die östliche Südwandplatte in der Schafbergwand mit dem Verlauf der von uns renovierten Route Galoschen des Glücks (7a).
Nun denn, nachdem ich im 2014 mit Werner bereits den Garten Eden an der Schafbergwand hatte sanieren können, freute ich mich über seine Anfrage zur Mitwirkung an diesem neuerlichen Projekt. Erst recht nachdem ich gehört hatte, dass es hier darum ginge, auf dem Trassee der alten Galoschen im Vorstieg eine neue, gut abgesicherte Route anzulegen. Schliesslich muss ich sagen, dass ich hier ähnlichen Spass und vergleichbare Herausforderung wie bei einer Erstbegehung von unten hatte. Bis auf die A0-Passage in L1 war der Verlauf im Vornhinein nämlich oft unklar und die Absicherung quasi inexistent. Somit hiess es losklettern, dabei die einfachste und logische Linie wählen und die Haken aus der Kletterstellung bohren. Wie sich schliesslich zeigte, folgte ich dabei weitestgehend der originalen Route. Ein paar einzelne Abweichungen entstanden nur dort, wo man früher zwecks Absicherbarkeit nach links und rechts in grasigere Zonen ausgewichen war. Diese dank dem Einsatz von Bohrhaken möglichen Begradigungen kommen dem Klettergenuss aber sehr zu Gute, sie erhöhen Homogenität und Qualität der Linie, ohne dabei die Maximalschwierigkeiten zu erhöhen. Nachdem an zwei Bohrtagen im Herbst 2015 sämtliche BH angebracht wurden und Werner sich eine RP-Begehung im neuen Zustand schnappen konnte, ist nun folgende Routenbeschreibung aktuell.

L0, 45m, 6a: Die Galoschen des Glücks beginnen nicht am Wandfuss, sondern erst 70m weiter oben. Als Zustieg klettert man aktuell die ersten beiden Seillängen vom Sandührliweg. In der ersten dieser beiden geht's vom tiefsten Punkt der Wand über die grosse Platte hinauf. Weitgehend gutgriffig bietet diese aber auch zwei, drei knifflige Herausforderungen mit weiten Zügen, welche nicht mehr unbedingt zur heute gängigen Vorstellung vom Grad 6a passen.

Werner folgt in L1 vom Sandührliweg, klassisch mit 6a bewertet.
L0, 20m, 5c+: Geradeaus geht's weiter, vom bequemen Band über ein kleines Dächlein hinweg. Die griffige Piazschuppe oberhalb will gepackt werden, um athletisch darüber hinweg zu kommen. Danach lassen die Schwierigkeiten rasch nach und der wiederum bequeme Stand auf dem nächsten Band ist erreicht. Auch diese Seillänge gehört noch zum Sandührliweg.

Die Schlüsselstelle von L2 (5c+) im Sandührliweg, kräftig auf Gegendruck über das kleine Dächlein hinweg.
L1, 40m, 7a: Nun geht's über die auffällig glatte Platte rechts oberhalb vom Stand hinauf. Griffiger Auftakt an ein paar guten Schuppen, doch bald gilt es ernst. Mit äusserst bouldrigen Plattenmoves an der Haftungsgrenze will man sich in die Höhe gezaubert wissen. Mich dünkt das echt schwer, da man einige Male hoch antreten und sich praktisch grifflos raufschieben muss, sind lange Glieder wegen der ungünstigen Hebelverhältnisse ziemlich hinderlich. Ich hätte auch keineswegs gezögert, diese Seillänge mit 7a+ zu bewerten, zumal die Länge auch zu Zeiten der Erstbegehung offenbar mindestens teilweise bereits als 8+ gehandelt wurde. Nun denn, hier wurde ich aber überstimmt, man bilde sich selber eine Meinung! Nach 3 BH hat man das allerschwerste gemeistert, doch so rasch lässt es nicht "lugg" und es bleibt anhaltend steilplattig und kleingriffig, erst die letzten 15 Meter der Seillänge sind dann einfach. Mit etwas Einsatz lässt sich die Cruxzone A0 begehen (ca. 6b+ obligatorisch). Hier haben wir die ursprünglichen Abstände der BH und NH beibehalten.

Anspannung total in der Knallerplatte von L1 (7a) der Galoschen. Da muss man schauen, dass man Druck auf die Tritte bringt! 
L2, 40m, 6c: Schöne und sehr interessante Seillänge mit mehreren kniffligen Stellen und ein paar Ruhepunkten dazwischen. Nie extrem schwer und meist hat man etwas Zeit, um die Sache auszutüfteln. Nach meinem Geschmack könnte man hier auch nur mit 6b+ bewerten. Was die Absicherung betrifft, so steckt nun nur ein einziger Sicherungspunkt mehr als ursprünglich, und zwar am Anfang damit kein Sturz aufs Band mit dem Stand droht. Das heisst, dass auch ursprünglich gar nicht so wenig Material steckte. Allerdings oft in ziemlich ungünstiger Position, da es sich um Schlaghaken handelte, welche irgendwo hinter einem Grasbüschel versteckt werden konnten. Nachdem ich diese allesamt entfernt habe, kann ich auch definitiv sagen, dass sie in erster Linie zur Beruhigung der Psyche da waren. Allesamt waren sie kurz bis sehr kurz, von der Korrosion angegriffen und mit ein paar wenigen Hammerschlägen auch draussen. Nein, da hätte man nicht reinstürzen dürfen.

Eine kleine Auswahl der meist ultrakurzen Schlaghaken, welche ich aus den Galoschen des Glücks entfernt habe.
L3, 45m, 6a: Vom gemeinsamen Stand mit dem Sandührliweg verlaufen die beiden Routen auf kurzer Strecke gemeinsam. Dann ziehen die Galoschen sehr schön pfeifengerade hinauf, über die kompakte Platte welche mit ein paar scharfen, zerfressenen Wasserrillen garniert ist. Eine sehr genussreiche Kletterei, zumindest bei der jetzigen Absicherung. Früher waren hier schon enorm Nerven, ja eigentlich sogar Todesverachtung erforderlich, gab es doch hier nur einen einzigen NH in 30m Höhe über dem Stand und keine weiteren, wirklich brauchbaren natürlichen Sicherungen. Bezeichnend für die damalige Zeit ist auch die Geschichte, dass am Ende dieser Seillänge ursprünglich nicht einmal ein zuverlässiger Stand vorhanden war. Dies solange, bis ein Kletterer bei einem Wiederholungsversuch ob der schlechten Qualität darüber hinweg in L4 weiterkletterte, jedoch vor der nächsten Sicherungsgelegenheit stürzte. Und flupps, weg waren die Standhaken, was die Route für eine Zeit lang unbegehbar machte (später wurden dann zwei Stand-BH gesetzt). Ich hätte diese Länge eher mit 6a+ bewertet, wobei schwieriger als die Startlänge vom Sandührliweg ist es eben schon nicht unbedingt. Aber wie erwähnt, ist jene auch nicht die optimale Referenz für eine 6a.

Sehr schöne Kletterei in perfektem, rauem Fels der qualitativ jenem im Rätikon gar nichts nachsteht: L3, 6a.
L4, 30m, 6b+: Uiuiui. Jetzt muss man sich also einmal vorstellen, dass man früher vom schlechten Stand nach L3 diesen wackligen Mantle vor dem zweiten BH absolut zwingend und ohne Zwischensicherung klettern musste. Der ursprüngliche Schlaghaken steckte nämlich unmittelbar neben dem heutigen zweiten BH. Seit der Sanierung ist die Stelle nun zwar gut abgesichert und gefahrenfrei, der Mantle ist aber weiterhin nicht mit Hakenhilfe zu entschärfen (6b+ obl.). Danach in perfektem Fels etwas einfacher weiter, bevor es am Schluss nochmals gehörig anzieht, da wird einem nichts geschenkt! Nach 30m endet das Klettervergnügen auf einer schmalen Standleiste, bevor sich die Wand in weniger schönem, teils schrofigem Gelände verliert. Über eine Zusatzlänge hatten wir noch kurz nachgedacht, doch es hätte sich nicht mehr gelohnt. Anfügen möchte ich noch, dass mich diese Sequenz und vor allem der Mantle anspruchsvoller als L2 dünkte und ich deshalb mit 6c bewertet hätte. Allerdings bin ich hier bisher nur 1x hochgeklettert, und zwar mit dem ganzen Bohrkrempel, 10 Bohris und mobilem Sicherungsmaterial bestückt, was der Balance bei der wackligen Mantle-Crux nun nicht wirklich sehr förderlich ist. Somit ist meine Meinung nicht zwingend sonderlich repräsentativ.

Geniale Steilplattenkletterei in perfektem Fels in L4 (6b+). Werner folgt entlang der frisch gesetzten Haken.
Damit lassen sich die Galoschen des Glücks nun also unbeschwert mit Genuss und bei guter Absicherung klettern. Der Weg in die Tiefe lässt sich an den dafür eingerichteten Ständen bequem abseilend erledigen. Dank qualitativ hochwertigem, rostfreiem Material (A316L) wird dies auch bis in ferne Zukunft so bleiben, das Kapitel ist also abgeschlossen! Für Werner und mich hat sich unmittelbar daneben aber ein weiteres aufgetan. Die im Kletterführer mit "Altes Projekt" gekennzeichnete Linie war in Wirklichkeit nur einen einzigen Bohrhaken lang. Ein Augenschein liess aber auch dort tolle Kletterei in kompaktem Gelände mit homogenen Schwierigkeiten erwarten. Also nutzten wir am zweiten Bohrtag die verbleibende Zeit und die Rest-Kapazität der Akkus, um hier eine neue Baustelle zu beginnen. Nun kommt aber erst der Winter, so dass die griffigen Löcher, zerfressenen Wasserrillen und rauen Aufleger bis im 2016 ihrer Entdeckung harren wollen. Im Zuge der Erschliessung dieses Neutouren-Projekts werden wir aller Voraussicht nach auch einen direkten Zugang vom Wandfuss erschliessen, welcher dann auch als Einstieg für die Galoschen des Glücks benutzt werden kann. Wenn es dann soweit ist, wird sicher an dieser Stelle darüber berichtet...

Facts

Schafbergwand - Galoschen des Glücks 7a (6b+ obl.) - 6 SL, 220m - Burtscher/Unterlechner 1984 - ***;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Keile/Friends nicht nötig

Schöne alpine Sportklettertour durch die östliche Südwandplatte, welche vorwiegend Steilplattenkletterei in rauem, silbergrauen Fels mit hervorragender Reibung bietet. Nebst ein paar griffigen Löchern bedient man vor allem Wasserrillen und texturierte Aufleger, gute Fusstechnik ist notwendig. Seit der hier dokumentierten Sanierung im Herbst 2015 ist die Route nun sehr gut mit rostfreiem Material abgesichert, trotzdem ist vom Vorsteiger noch etwas Einsatz, Können und auch mal ein beherzter Schritt gefragt, d.h. es kann nicht (und soll auch nicht!) jeder Move mit Hakenhilfe erschwindelt werden. In Punkto Schönheit gefallen mir persönlich meine XL und die von uns sanierte Garten Eden noch einen Tick besser, da diese homogenere Schwierigkeiten und etwas abwechslungsreichere Kletterei bieten, doch auch die Galoschen sind im neuen Zustand absolut lohnenswert.

Topo

Das von Werner entworfene Update zum sehr empfehlenswerten SAC-Kletterführer Alpstein, in welchem man viele zusätzliche, wertvolle Informationen findet, wird euch hier gratis und franko angeboten:

Topo vom rechten Teil der östlichen Südwandplatte. Galoschen (75), Sandi in the Moon (77), Hoi Du (78), Garten Eden (79)
Links

Unmittelbar nach Abschluss der Sanierung wurden die neuen Galoschen von einigen Seilschaften wiederholt. Markus hat einen sehr schönen Bericht darüber geschrieben, welcher die Sache wie gewohnt mit wenig Text auf den Punkt bringt: klick!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Ich freue mich über Ergänzungen zu diesem Blog via Kommentarfeld!
Kontakt: mdettling@bluewin.ch.