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Montag, 11. Januar 2016

Guggernüll - Via Abalakov (WI3+)

Mitte Dezember 2015, es herrscht kein richtiger Winter, es mangelt an Schnee und Eis. Doch in einem kleinen Dorf im Rheinwald, oder noch genauer in der um diese Jahreszeit komplett schattigen Nordwand des Guggernüll, haben sich dennoch ein paar Linien aufgebaut. Weil diese zudem nur bei absolut sicheren Lawinenverhältnissen oder noch besser, wenn kein Schnee liegt zu begehen sind, wäre jetzt der genau richtige Zeitpunkt dafür. Schwieriger gestaltet sich da schon die Partnersuche. Niemand will so recht meinen Versprechungen glauben, dass ich eine lohnende Eistour identifiziert habe. Oder liegt der Fokus sogar etwa schon auf Weihnachten und dem zugehörigen Kaufrausch?!? Vielleicht aber will auch der Bauer einfach nicht fressen, was er nicht kennt. Denn im Schweizer Standardwerk, dem Eiskletterführer Hot Ice, sind die Touren am Guggernüll nicht beschrieben. So bleibt schliesslich nichts anderes übrig, als unseren Klettertrip ins Tessin noch um einen Tag rauszuschieben, so dass Kathrin und ich uns erst dem glatten Parkett widmen können. Ein absolut goldrichtiger Entscheid, wie es sich weisen sollte.

Blick auf die Guggernüll Nordwand. Die Via Abalakov ist die linke Eislinie leicht links der Bildmitte.
Wir starten früh, denn in einem solchen Couloir wollen wir keine andere Seilschaft vor uns haben. Zu gross wäre die Gefahr von Eis- oder Steinschlag. So brechen wir um 7.00 Uhr mit dem ersten Tageslicht vom Parkplatz etwa 1km östlich von Nufenen (GR) auf. Es geht erst etwa 10-15 Minuten flach einem Fahrweg entlang nach Osten, bevor man zur Rinne des Chratzlibachs kommt, in welcher sich die Tour abspielt. Aufgestiegen wird erst links vom Bach über die offene Wiese, an deren Ende quert man ins Bachbett hinein. Nach total rund 30 Minuten Anstieg sind wir auf 1680m. Hier hält der komplett vereiste Bach eine erste, steilere Stufe bereit. Das Montieren der Steigeisen ist nun unverzichtbar, wir nehmen auch gleich die Eisgeräte und das Seil zur Hand. Das erste Teilstück bis zum Vereinigungspunkt der vier Bachrinnen auf 1770m bietet noch keine grossen Schwierigkeiten. Erst ein paar Stufen, danach nochmals etwas Gehgelände. Könner steigen hier seilfrei, bei einer Führungstour ist Sichern jedoch unerlässlich.

Zustieg durchs Bachbett
Der Platz auf 1680m, wo wir Steigeisen, Seil und Pickel aus dem Rucksack genommen haben.
Kathrin folgt in diesem ersten Routenteil, die Schwierigkeiten liegen im Bereich WI1-2.
Immer noch im ersten Routenteil, genussvolle Kletterei über einige Stufen hinweg.
Beim Vereinigungspunkt auf 1770m gilt es dann zu entscheiden, welche Rinne man angehen will. Wir entscheiden uns für jene ganz links. Die zweite und die dritte Rinne von links wären augenscheinlich auch in guten Verhältnissen gewesen. Es wartet nun eine erste Steilstufe, dann wieder ein paar gemütliche Meter und genau so geht es weiter. Stufen wechseln sich ab mit etwas flacherem Eis. Die Kletterei ist aber immer anregend, das Ambiente grandios. Man klettert in einer eingeschnittenen Goulotte, fast ein bisschen wie in Chamonix, nur in etwas weniger alpiner Umgebung. Weiter oben mixen sich dann zwei kurze, senkrechte Abschnitte ins Programm. Doch die Eisqualität ist durchgehend hervorragend: die Geräte beissen schön und die Schrauben ziehen hervorragend. Nach dem markanten Steilaufschwung geht es nochmals 2 lange Seillängen flacher dahin, bevor die letzte, anhaltende Seillänge folgt. Hier gilt es, über 35 Meter anhaltend in 80 Grad steilem Eis zu klettern. Das Schlussbouquet bietet Hochgenuss!

Die erste Seillänge nachdem sich die Bäche verzweigen, ca. 25m, 75 Grad, WI3.
Kathrin im Nachstieg in ebendieser ersten Stufe, die Eisqualität ist absolut hervorragend!
Nächste Stufen, ca. 70 Grad, WI2. Sichtbar der Verzweigungspunkt von Via Abalakov (links) und Indem Bender (rechts).
Kathrin folgt und erreicht gerade die Stelle, wo sich Via Abalakov und Indem Bender verzweigen.
Weiterer Verlauf nach dem Verzweigungspunkt Abalakov/Bender. Stufen und Aufschwünge, ca. WI2.
Wunderbarer Eisschlauch, toll zu kletterndes Eis. Nun bereits etwas weiter oben.
Wieder einmal eine etwas steilere Eisstufe.
Kein Gelände, um bei Lawinengefahr, Tauwetter oder hinter einer anderen Seilschaft einzusteigen. 
Weitere Stufe im unteren Dreierbereich, die Steilheit auf dem Foto schwer einzuschätzen.
Nächste Stufe, reicht kurz sogar an die Senkrechte heran.
Flachere Passage zu einer 10-15m hohen Stufe, wo die Steilheit mindestens 85 Grad beträgt, ca. WI3+.
Ausblick auf das letzte Teilstück, ca. 120m in etwa 50 Grad steilem Gelände zur Abschluss- und Cruxlänge.
Kathrin folgt in der 15m-Stufe.
Sehr schöne Abschluss- und Cruxlänge, ca. 40m, 75-80 Grad, WI3+.
Nachstieg im durchschnittlich rund 50 Grad steilen WI1-Gelände, bevor die Cruxlänge erreicht wird.
Die letzten Meter zum Top - wow, das war eine echt geniale Genusskletterei!
Und dann ist Finito. Auf 2200m endet das Eis, bzw. entspringen die Bäche einer Quelle inmitten der Nordwand. Diese türmt sich noch weitere 500 steilere Meter über einem auf, ist aber trocken. Klar, hier könnte man womöglich schon noch weiter, das wäre dann aber eine sehr ernsthafte Unternehmung in brüchigem Fels, und kein genüssliches Eisklettern mehr. Für den Abstieg bleibt nichts anderes übrig, als abzuseilen. Fix installierte Stände gibt es keine, so muss man auf Abalakovs vertrauen oder selber welche schrauben. Entsprechendes Schlingenmaterial haben wir dabei, dumm nur, dass das Sackmesser nicht mitgekommen ist. Nach unnötig langer Diskussion erinnere ich mich an die dünne Reepschnur, mit welcher ich den Fotoapparat befestigt habe. Damit geht's im Nu, schon erstaunlich, wie wenig widerstandsfähig ein Kletterseil ist, wenn es ungünstig belastet wird. So geht's dann flotter dem Tal entgegen. Weit ist es aber dennoch, bis zum Vereinigungspunkt der Bäche sind es 10 gestreckte 60m-Abseiler und damit über 600 Klettermeter im Aufstieg. Ab da kann man erst etwas zu Fuss in der Bachrinne absteigen, die untersten Steilstufen lassen sich im Abstiegssinn links leicht mühsam durchs Erlengebüsch umgehen. Die Alternative wäre es, hier nochmals 2-3 Abseiler zu ziehen, was jedoch bestimmt deutlich länger dauert. Bleibt zuletzt noch der kurze Abstieg retour zum Automobil. Bis wir da sind, ist 16.30 Uhr schon vorbei und die Dämmerung bricht herein. Somit haben wir 9.5 Stunden car-to-car gebraucht. Aber super lohnend war's, eine geniale Unternehmung. Genüssliches Eisklettern bei besten Bedingungen - wer hätte es Mitte Dezember 2015 gedacht. Gut, dass ich den Glauben daran nicht aufgegeben hatte.

Facts

Guggernüll - Via Abalakov WI3+ - D IV P4 3+ - 800m - Erstbegeher unbekannt - ****
Material: 2x60m-Seile, 10-12 Schrauben, Material für Abalakovs

Tolle Eiskletterei, meiner Meinung nach etwas vom besten und längsten, was man im Bereich WI3+ in der Schweiz klettern kann. Das Ambiente in der eingeschnittenen Goulotte ist grandios. Die Kletterei ist nie anhaltend, steilere Abschnitte wechseln sich mit flacheren Kletterpassagen ab, dennoch bleibt es immer interessant bis zum Schlussbouquet mit der steilen Abschlusswand. Achtung, die Route kann nur bei absolut 100% sicheren Lawinenverhältnissen begangen werden, das steile Einzugsgebiet oberhalb ist riesig und alles was oberhalb abgeht, endet später in der Rinne, in welcher man klettert. Am lohnendsten dürfte die Route sowieso im Frühwinter sein, wenn erst wenig oder noch gar kein Schnee liegt. Ansonsten ist es jedoch ziemlich unkompliziert, die Route ist bereits von der Autobahn aus sichtbar, der Zustieg ist kurz und offensichtlich, beim Klettern kann man sich unmöglich verlaufen und permanent bester Handyempfang ist auch vorhanden. Einzig beim langen Abseilen an Abalakovs muss man dann nochmals etwas alpine Eigeninitiative an den Tag legen. Insgesamt kann man sicher sagen, alpines Plaisir. 

Topo

Die Route ist als Via Abalakov mit Bewertung WI4+ im Führer Ghiaccio Svizzero von Mario Sertori beschrieben. Die im Führer publizierten Infos sind jedoch vage und taugen (abgesehen von einigen Links/Rechts-Verwirrungen) maximal dazu, um sicher sagen zu können, dass es die von uns gekletterte Route die Via Abalakov ist. Die Bewertung mit WI4+ ist nach meiner Meinung deutlich zu hoch gegriffen, weshalb ich auch WI3+ korrigiert habe. Anbei eine rudimentäre Skizze, welche ich nach der Begehung der Via Abalakov und der Cascata del Novizio (Beitrag erscheint demnächst) angefertigt habe.

Topo

Kommentare:

  1. Hallo Marcel

    Zur Info: http://www.gravityline.ch/index_htm_files/Tough%20enough,%20Guggernuell%20Nordwand.pdf

    Beste Grüsse

    Roman

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    1. Hallo Roman,

      Danke für die Ergänzung. Die Tour bzw. genauer das Topo war mir schon zuvor bekannt. Sie ist auf dem ersten Foto in diesem Beitrag +/- sichtbar - einen Rücken (in Realität ca. 300m) weiter links wie die Via Abalakov, mehr oder weniger direkt unter dem Mond in meinem Bild.

      Gruss, Marcel

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