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Mittwoch, 27. April 2016

Pointe Adolphe Rey - Voie Salluard (6a+)

So quasi auf dem Heimweg von unserem Chamonix-Aufenthalt an Pfingsten 2014 wollten wir noch eine schöne Route klettern. Die Efforts von den Tagen zuvor (siehe 1,2) forderten ihren Tribut, so dass wir vom sehr frühen Aufstehen und der Begehung der Nordwand am Tour Ronde absahen. Etwas Bedauern war da schon vorhanden, aber Trübsal zu blasen galt es nicht. In unmittelbarer Nähe des Tour Ronde befinden sich nämlich auch die fantastischen Pfeiler der Pointe Adolphe Rey mit ihrem goldgelben, perfekten Chamonix-Granit. Da der Weg zurück vom Rifugio Torino zur Aiguille du Midi unmittelbar am Einstieg vorbeiführt, wollten wir ebendort die bekannte und hochgelobte Voie Salluard anpacken.

Frühmorgens der übliche Aufstieg vom Rifugio Torino zum Petit Flambeau, im Hintergrund die inzwischen beendete Grossbaustelle für die neue Bahn von Courmayeur zur Pointe Hellbronner.
So sieht die Perspektive in die andere Richtung aus. Dies ist die Südseite des Mont Blanc du Tacul mit seinen Satelliten. Die hier sichtbaren Felstürme bieten alle sehr gute Kletterei in perfektem Fels. Die Pointe Adolphe Rey ist die breite, dunkle Wand rechts.
Wie immer ging es von der Hütte zu Fuss über hartgefrorenen Schnee hinauf zum Übergang des Petit Flambeau, um dann rückseitig über hartgefrorenen Schnee ins Becken des Glacier du Géant abzufahren. Am Schluss, gegen den Einstieg an der Pointe Adolphe Rey hin, sind mehr oder weniger zwingend die Felle zu montieren, zudem erfordert der Gletscher mit seinen vielen verdeckten Spalten unbedingt das Anseilen, alles andere wäre suizidal. Um etwa 6.30 Uhr waren wir bei schönstem Sonnenschein und bereits sehr angenehmen Temperaturen als Erste am Einstieg, was will man noch mehr! Der Wechsel von winterlicher Ski- auf sommerliche Kletterausrüstung ging auf dem bequemen, aperen Podest am Felsfuss problemlos vonstatten. Sodann wollte ich die Route gleich über eine Variante anpacken.

So sieht es aus, wenn man unter der Route steht. Sie verläuft ziemlich geradlinig in der Bildmitte über den ESE-Pfeiler, welcher schon einen enormen Schwung hat, zu dessen Gipfel. Für Details konsultiere man das Bild mit dem eingezeichneten Routenverlauf weiter unten. 
L1, 35m, 5c+: Im Prinzip kann man hier rechtsherum auf die Nordseite des Pfeilers gelangen und hintenrum in etwas zweifelhaftem, einfachem Fels (4a) zum ersten Stand gelangen. Das macht aber herzlich wenig Sinn, ist doch direkt über dem Depot eine klar geschnittene, cleane Rissverschneidung mit einem sauberen Splitter Crack im Grund. Es wäre sehr schade, diese auszulassen! Sie klettert sich leichter, wie der etwas einschüchternde Anblick vermuten liesse.

Hier geht's los! Am besten klettert man in L1 die cleane Rissverschneidung in Bildmitte, nicht rechtsherum im Bruch.
L2, 30m, 6a+: Schon ein paar moderate Meter nach dem Stand von L1 folgt die Crux der Tour, welche durchaus nicht zu unterschätzten ist. Ein kleiner Überhang will in feiner Kletterei gemeistert werden und auch danach lässt es nicht gleich nach, so richtig gute Henkel gibt es nämlich keine. Entgegen den Angaben in Web und Literatur würde ich hier auf jeden Fall 6a+ oder sogar 6b veranschlagen. Hinzu kommt, dass sich an dieser Stelle nach meinem Empfinden auch nicht bombensicher selber Sicherungen legen liessen. Allerdings steckte genau an entscheidender Stelle ein eher zweifelhafter NH, in welchen wohl üblicherweise eine Trittschlinge eingehängt wird, so kommt man mit ca. 6a/A0 durch. Nach dieser Stelle führt die Seillänge etwas einfacher, aber längst nicht trivial weiter, erst entlang von feinen Rissspuren, nachher an einem breiten Riss. 

Kathrin folgt im oberen Teil von L2 (6a+), welche die deutlich schwerste Stelle der Route bereithält.
L3, 25m, 5c+: Recht fordernder Start an einem feinen Riss. Hier liessen sich kurz einmal auch nicht unbedingt à discretion Sicherungen versorgen und ich war froh, dass ich selbst einen kleinen Keil unterbringen konnte. Danach geht's kurz leicht rechts der Kante in die Höhe zu bequemem Stand.

Am Ende von L3 (5c+). Der Gletscher im Hintergrund sieht zahm aus, dieser Eindruck täuscht aber sehr!
L4, 25m, 5b: Einfachere Seillänge in einer Verschneidung, welche sich zu einer breiten Rinne erweitert und keine grossen Schwierigkeiten mehr bietet. Auch der nächste Stand befindet sich auf einer bequemen Terrasse. Wer unbedingt will, kann L3 & L4 wohl auch verbinden.

Herrliche Sicht zur Nordwand des Tour Ronde gleich gegenüber - diese Tour wäre auch zu machen!
L5, 35m, 5c+: Hier gilt es, eine steile, kaminartige Verschneidung mit einem Doppelriss im Grund zu klettern. Sieht auch wieder ziemlich herausfordernd aus und bis auf ein paar allenfalls fix verklemmte Gerätschaften steckt da nix. Klettern lassen tut es sich dann aber einfacher wie gedacht, vor allem weil man die Füsse doch hin und wieder an den Seitenwänden setzen kann. An offensichtlicher Stelle schliesslich links steil über einen Überhang aus der Verschneidung raus und zum Schluss Querung übers Blockwerk nach links.

Hier (in Bildmitte) führt L5 (5c+) dem Doppelriss entlang in der kaminähnlichen Struktur aufwärts.
L6, 20m, 5c: Kurze, steile Wandstelle vom Stand weg, dann einfacher, plattiger Granit und schliesslich über eine etwas geröllige Zone beinahe im Gehgelände an den BH-Stand etwas unterhalb, oder dann gleich hinauf zum Fuss des oberen Wandteils, wo selber ein Stand eingerichtet werden muss. 

Nach dem Startboulder am Einstiegswändchen folgt in L6 (5c) noch etwas einfache Plattenkletterei.
L7, 50m, 5c+: Steile, ziemlich kühne Wandkletterei an griffigen Schuppen und Rissen. Hier sind zwei verschiedene Wege möglich, entweder direkt hoch oder vermutlich etwas einfacher, in einer kleinen Rechtsschleife. Der Stand befindet sich bei einer kleinen Scharte mit Blick ins Couloir hinter dem ESE-Pfeiler. Hier hätte man selbst an den ultraheissen Pfingsten 2014 tatsächlich noch Mixed klettern können!

Sicht auf den oberen Teil der Route, die hier in der rechten, beigefarbenen Wand und nicht etwa der Verschneidung oder der Kante entlang verläuft. Siehe unten für dasselbe Bild mit eingezeichneter Routenlinie.
Kathrin folgt in der steilen und griffigen L7 (5c+). Unten sichtbar die geröllige Terrasse am Ende von L6.
L8, 35m, 5c+: Ähnlicher Charakter wie in der Länge zuvor, d.h. steile und griffige Wandkletterei. Man tendiert dabei etwas nach links um in einem steilen, henkligen Abschlussüberhang eine geräumige Plattform unter dem Pfeilergipfel zu gewinnen.

Im Abschlussüberhang von L8 (5c+).
L9, 35m, 5c: Einige wenige Meter nach links gehen und die dort ansetzende Verschneidung nach rechts hoch klettern. Weiter in schöner Risskletterei, bis schliesslich der finale Stand gleich unter dem Pfeilergipfel erreicht wird. 

In 5 gestreckten Abseilmanövern wo 2x50m-Seil beinahe stets bis auf das letzte ausgenützt werden (aber ausreichend sind!) erreicht man ziemlich bequem wieder den Einstieg mit dem Depot. Aber Achtung, es handelt sich hier um Granit, und da warten etliche Schuppen nur darauf, das Seil zu fressen und einen Verhänger zu produzieren. Wir hatten in dieser Hinsicht Glück und gelangten ohne derartige Vorkommnisse nach unten. Sodann galt es wieder, in die Skischuhe zu schlüpfen, warme Kleidung anzulegen war hingegen im Angesicht der herrschenden Wärme und des wartenden Aufstiegs zurück zur Aiguille du Midi überflüssig. So ging es in einer kurzen Abfahrt mit den Fellen zum tiefsten Punkt, um dann langgezogen an der Ostflanke des Mont Blanc du Tacul entlang aufzusteigen. Dort herrschte richtig Action, wegen den Hitzetemperaturen und der Sonneneinstrahlung rumpelte es beständig in diesen Wänden mit den vielen beliebten Mixedrouten wie dem Supercouloir oder der Modica-Noury. Der Gipfel war dann noch eine gewaltige Lawine, welche praktisch die komplette Firnauflage im Jager-Couloir ausräumte. Das eindrückliche Schauspiel war zwar eher traurig, unterhielt uns aber während dem anstrengenden Aufstieg vorzüglich, denn wir waren in sicherer Distanz. Schliesslich galt es dann noch, das Flachstück über den Col du Midi und die Schlusspassage über den Grat zu meistern. Wie immer zieht sich dieses Stück gehörig in die Länge und die Müdigkeit in den Beinen wird überaus spürbar. Dann war es aber geschafft, auf den vielen Terrassen der Station konnte noch die fantastische Aussicht genossen werden, bevor wir fast 3000hm ins Tal schwebten, wo eine regelrechte Affenhitze herrschte. Mit diesen Abenteuern in der Tasche und mit Vorfreude auf das Wiedersehen mit den Kindern liess sich auch die lange Heimfahrt ohne Grummeln erledigen.

Facts

Pointe Adolphe Rey - Voie Salluard 6a+ (TD-, 6a obl.) - 9 SL, 290m - Busi/Salluard 1951 - ****;(xxx)
Material: 2x50m-Seile, 1 Set Camalots 0.3-3, 1 Set Keile

Sehr schöne Kletterei von homogener Schwierigkeit, welche über den eleganten ESE-Pfeiler auf einen Nebengipfel der Pointe Adolphe Rey führt. Die Kletterei ist fast durchgehend von sehr guter Qualität an sauberen Rissen, steilen Wandstellen mit Schuppen und der einen oder anderen Einlage in Verschneidung oder Kamin, Plattenkletterei gibt es hingegen so gut wie gar nicht. Die Route wurde 2012 saniert. Konkret bedeutet dies, dass an allen Ständen nun 2 grundsolide Inox-BH stecken, an welchen auch gut abgeseilt werden kann. Die Seillängen wurden im Rahmen der Sanierungsaktion komplett von allen NH befreit. Einige vereinzelte gingen entweder vergessen oder wurden wieder neu platziert. Die Route muss daher fast ausschliesslich selber abgesichert werden, was aber generell gut bis sehr gut möglich ist. Mir persönlich war 1 Set Camalots 0.3-3 und 1 Set Keile gut ausreichend, die mittleren Camgrössen könnte man jedoch sicherlich auch doppelt versorgen. Zu erwähnen ist, dass 2 Stellen in L2 und L3 mit den +/- schwersten Moves der ganzen Route ziemlich obligatorisch frei zu klettern sind. Hier kann man sich nicht (zumindest ohne gröber in die Trickkiste zu greifen) einfach an den Sicherungen hinaufschwindeln. Die in der Literatur/Web zu findenden, klassischen Angaben zur Schwierigkeit passen sicherlich nicht mehr zum heutigen Standard. Ich habe sie in meiner obigen Beschreibung daher moderat nach oben angepasst. Kurzum: man bewegt sich beinahe durchgehend in 5c/6a-Gelände, welches bis auf die Stände komplett selber abgesichert sein will.

Ausgenagelt! Dieses Material wurde bei der Sanierungsaktion 2012 aus der Route entfernt. Neu platziert wurden nur 18 Inox-BH an den Standplätzen. Mit dieser Sanierungsaktion hat sich der Routencharakter also stark verändert. Wobei man hier definitiv sagen kann zum Guten, denn es kann fast überall gut selber abgesichert werden.
Weitere Bemerkungen

Der Gletscherbereich zum Einstieg hin ist extrem verschrundet und gefährlich. Im Frühsommer (die wohl beste Jahreszeit für diese Tour) mag dies nicht so gut ersichtlich sein. Anseilen auf dem Weg zum Einstieg ist jedoch auf jeden Fall Pflicht!!! Besondere Vorsicht erfordert auch, dass man an dieser Stelle den Hang parallel zu den Spalten quert. Ebenso kann die Randspalte/-kluft sehr gefährlich sein. Spät im Jahr kann der Zustieg wegen der Spalten und der Randkluft schon eine alpine Herausforderung für sich sein, ja im Extremfall sogar unmöglich!

Man klettert zwar nicht wirklich auf den Gipfel, zumindest dann nicht wenn man wie üblich den alpinen Originalausstieg der Erstbegeher zur Pointe Adolphe Rey auslässt. Dieser ist ungebräuchlich, weil es dafür alpines Material, schwere Schuhe und nicht nur Kletterausrüstung braucht, und man danach über routenfremde Stände etwas umständlich in der Südwand abseilen muss. Trotzdem kommt das Gipfelerlebnis auch ohne den Originalausstieg nicht zu kurz, von unten betrachtet gibt der Gratzacken auf den die Tour führt echt was her und sowieso, besonders selbständig ist auch der Hauptgipfel der Pointe Adolphe Rey nicht.

Die beste Jahreszeit, um diese Route zu klettern ist sicherlich das Frühjahr. Die Gletscherzustiege sind dann weniger kompliziert und man kann sich noch mit den Ski bewegen. Schnelle Seilschaften klettern die Tour ab der Pointe Hellbronner oder (etwas aufwendiger) von der Aiguille du Midi mit jeweiliger Rückkehr zum Ausgangspunkt als Tagestour. Die Kirsche auf der Torte ist natürlich, wenn man die Tour noch mit einer Abfahrt durch das Vallée Blanche verbinden kann. Nach langen Schönwetterperioden und an milden, windschwachen Tagen im März oder April kann dieser Plan dank der extrem sonnigen Lage der Route aufgehen.

Topo

Einen richtig guten Führer mit den besten Felstouren in Chamonix gibt es leider nach wie vor keinen. Das alte Werk von Michel Piola ist vergriffen, in viele Punkten nicht mehr aktuell und überzeugt im Fall der Voie Salluard leider auch nicht mit einem präzisen Topo. Im Internet finden sich einige Skizzen und Fotos mit Routenverläufen, ich fand nix davon überzeugend. Am besten ist noch das käuflich erwerbbare Stück von Topoguide, welches jedoch vor der Sanierung entstanden und daher nicht mehr aktuell ist. Zudem fehlt z.B. auch die letzte Seillänge zum Pfeilergipfel. Mein Beitrag in Bezug aufs Topo ist unten abgebildet :-)

Verlauf der Voie Salluard an der Pointe Adolphe Rey.
Verlauf der Voie Salluard an der Pointe Adolphe Rey im oberen Teil.

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