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Donnerstag, 28. Juli 2016

Cinque Torri

Die Cinque Torri sind eine Gruppe von Felstürmen in der Nähe vom Falzaregopass bei Cortina d'Ampezzo und als Klettergebiet sehr bekannt. Weil's hier, an den maximal 120m hohen Türmen keine wirklich langen MSL-Routen gibt, hatten wir sie bis anhin nie von nahem angeschaut. Nun wollten wir vor allem zum Klettern mit den Kindern hier vorbeischauen. Mit kurzem, einfachem Zustieg gibt's hier lässige Normalrouten im dritten und vierten Grat, welche zudem auch noch auf einen richtigen Gipfel führen. Wie es sich dann zeigte, gefielen uns die Cinque Torri sogar noch viel besser wie erwartet. Alles unkompliziert, originelle Kletterei in gutem Fels, sogar einige herausfordernde MSL hat's und schwere Sportkletterrouten gibt es ebenso.

Die Türme 5, 3, 2 und 1 vom Rifugio Scoiattoli bzw. der Bergstation des Sessellifts aus gesehen. 
Um an die Türme zu gelangen, gibt es mehrere Möglichkeiten. Eine öffentlich zugängliche Fahrstrasse führt zum Rifugio Cinque Torri (2137m), nur im August ist diese zumindest zeitweise mit einem Fahrverbot belegt. Weil die Parkmöglichkeiten oben nicht sonderlich üppig sind, empfiehlt sich diese Art der Anreise vor allem für Frühaufsteher. Wer ohne Auto aber trotzdem bequem in die Höhe gelangen will, kann den Sessellift benutzen, welcher zum Rifugio Scoiattoli (2256m) führt. Er ist von 9.00-17.00 Uhr in Betrieb, die Retourfahrt kostet ca. 15 Euro für Erwachsene (Kinder gratis). Oder man kann natürlich auch zu Fuss aufsteigen, es sind knapp 400hm von der Passstrasse auf einem sehr direkten Weg direkt unter dem Sessellift. Um die Türme herum, von den beiden Rifugios ausgehend, führt der bequeme Wanderweg "Giro delle Torri" an fast allen Einstiegen mehr oder weniger vorbei. Insgesamt ist das Ambiente viel weniger alpin und unwegsam, wie ich das im Vorfeld erwartet hätte. Die Kehrseite ist natürlich, dass bisweilen ein ziemlicher Zirkus mit Touristen, Alpinisten und Klettergruppen vorhanden ist. Aber naja, wir als Viererseilschaft mit zwei Kindern gehören da bestimmt auch dazu. Folgende Routen hatten wir begangen.

Torre Quarta Bassa - Via Normale (3 SL, III+)

Diese interessante, komplett mit Klebehaken abgesicherte Route führt durch die S-Wand am vierten Turm, es handelt sich um eine der lohnendsten kurzen und einfachen MSL-Routen an den Türmen. Der stark strukturierte, griffige Fels ist auf der gesamten Strecke von sehr guter Qualität, es handelt sich durchwegs um Wandkletterei mit homogener Schwierigkeit über drei Seillängen von je 20-25m Länge. Einstiegsvarianten gibt's gleich mehrere verschiedene (links an der Kante, rechts an der Kante oder gar in der E-Wand), alle sind aber ähnlich schwer. Oben tendiert man dann etwas gegen links und die Scharte zum Torre Quarta Alta, und schliesslich zum Gipfel. Abseilen kann man entweder über die S-Wand, oder auch nordseitig (2x20m oder 1x40m).

Der Torre Quarta Bassa, die Kletterer markieren den Verlauf der Normalroute.
MSL-Rakete im Anflug - jeden Meter problemlos selber gemeistert, und dies in einem Affenzahn.
Auf dem Gipfel wird gefuttert... hinten die Nordwände der Turmgruppen 2 und 1.

Torre Terza/Latina - Via Normale (3 SL, III)

Vielleicht die einfachste MSL-Route an den Türmen führt durch die Ostwand an Nummer 3. Allerdings ist sie mit beinahe keinerlei fixem Material ausgerüstet, nur ein NH-Stand befindet sich in der Mitte der 70m langen Wand. Dies liegt wohl daran, dass der Fels im Vergleich zu den anderen Türmen hier etwas weniger schön ist. Obwohl, es ist immer noch lohnende, einfache Genusskletterei an meist solidem Gestein, doch auf ein paar Bändern liegt auch etwas Schutt. Somit ist es sicher ratsam, wenn hier nicht zu viele Seilschaften gleichzeitig aktiv sind, und die Absenz von Bohrhaken verhindert das effektiv. Wir sind die Route in 3 kurzen Längen geklettert, vor allem mein Sohn hatte eine helle Freude daran, dass ich hier zahlreich "Freunde" und "Töggel" in die Ritzen stopfen konnte, und er sie danach wieder entfernen durfte. Auch ein selbstgebauter Stand an Sanduhr und Felszacken und die Abseilstelle am Baum (1x40m oder 2x20m an der SW-Kante) imponierte ihm deutlich mehr, wie die Bohrhaken anderswo. Eigentlich wäre er sowieso am liebsten gleich mit mir im Vorstieg mitgekommen, um das Gear zu platzieren, das hätte er dann noch einen Tick spannender wie das Rausgrübeln gefunden. Ich denke mir jetzt, vielleicht komme ich so ja doch einmal noch zu einer Route am El Cap - da könnten sich Vater und Sohn dann gleich tagelang dem Spiel mit diesen Gerätschaften widmen...

Er denkt sich wohl, irgendwann kommt der Tag, wo ich von oben zu dir runtergrinse...
Die Normalwege sind im Aufstieg im dritten/vierten Grad, also muss runter zwingend abgeseilt werden.

Torre Quinta/Inglese - Via Normale (3 SL, IV-)

Der spitzige fünfte Turm ist elegant und beliebt, wir hatten jedoch das Glück, auf freie Bahn zu treffen. Die Normalroute in seiner SE-Wand ist etwas höher bewertet als jene am dritten und vierten Turm, und stellt wegen der Steilheit auch grössere Anforderungen, bzw. fühlt sich schon mehr wie eine "richtige" Kletterroute an. Die drei Seillängen (10m/15m/25m) bieten zuerst eine (etwas polierte) Verschneidung und einen Kamin, während im oberen Teil dann erst Wandkletterei an guten Griffen und zuletzt eine luftige Kante warten. Auch hier gibt's Klebehaken, für jemand der am Limit klettert, dürften sich die Abstände aber etwas gross anfühlen und ein kleines Trad-Rack könnte hilfreich sein. Der Ausstiegsstand befindet sich etwa 3m unter der obersten Spitze und es gibt dort auch keinen bequemen Picknickplatz wie auf den anderen Türmen, zudem führt auch die Abseilstrecke (2x25m oder 1x45m) mehr oder weniger über die Aufstiegsroute - dies alles wurde von den Kindern "bemängelt" und die Kletterei am fünften Turm deshalb hinter den beiden anderen eingeordnet.

Alpiner Zirkus am Torre Quinta/Inglese, der Routenverlauf durch die vielen Kletterer bestens markiert.

Torre Grande - Columbus (5 SL, 7a)

Als die Kinder müde waren, gab's dann für Mama und Papa noch einen Ausflug zum ersten und grössten Turm (der genau genommen wie alle anderen auch eigentlich ein komplexes System von mehreren Sub-Türmen ist). Seine Ostwand ist ca. 100m hoch, äusserst steil und bietet neben dem sehr bekannten Klassiker Via Finlandia (6a+) auch einige mit BH gesicherte, sportliche MSL-Routen. Die Columbus verläuft rechts neben der Finlandia und bietet auf den ersten zwei Seillängen (6b, 6c) leicht überhängende, leistenlastige Kletterei (mit ein paar Löchern als Auflockerung) in zinnenähnlichem Fels. In der zweiten Länge kann man es sich dabei auch deutlich schwerer machen wie nötig, daher kommt wohl auch die reichlich hochgestapelte 7b+ (schön wär's...) im Topoguide. Der Oberknaller folgt dann in der dritten Länge, wo ein steiler Wulst überwunden werden muss. Dieser Abschnitt hängt auf 25m Kletterlänge wohl beinahe 10m über! So etwas habe ich bisher ausser auf gehobenen 5*-Wendentouren oder der Titlis Nordwand so noch nie erlebt. Die Griffe sind eigentlich alles gute Löcher, supergute Löcher und Töffgriffe. Nichtsdestotrotz, man muss sich festhalten und an der leicht unübersichtlichen Crux schadet ein bisschen Extrastrom nicht. Es ist zwar reichlich offensichtlich, was man zu tun hat, nur sind die Löcher in der Zielregion nicht einsehbar und um genügend lange rumzutasten, braucht's den Bizeps. Anyway, mir gelang es :-) Es folgt danach noch etwas alpineres und einfacheres Gelände (6a+), um auf den Turmgipfel zu kommen. Es gibt nach 20m einen Stand, nach 35m einen weiteren und im Prinzip noch eine fünfte kurze Länge (der Finlandia?!?), um auf den Gipfel zu kommen. Von dort wählt man entweder den durch die Schluchten führenden Normalabstieg, oder seilt wie wir über die Route ab. Das ist in 3 Manövern machbar, das extrem steile Gelände erfordert allerdings eine solide Abseil- und Pendeltechnik und etwas Zuversicht, da die Seile natürlich einfach ins Leere baumeln. Abgesichert ist die Route übrigens +/- wie im Klettergarten mit BH, fürchten muss man sich hier nicht. Etwa 6b ist vermutlich doch obligatorisch (schwer zu sagen für mich). 

Die gespaltene Ostwand des Torre Grande, die von uns gekletterte Columbus führt zentral durch die Wand rechts vom Spalt. 
Supercoole, leicht überhängende Leistenkletterei in zinnenähnlichem Fels wartet in L2 (6c) der Columbus.
Dieser Shot mit dem senkrecht nach unten hängenden Seil gibt einen Eindruck, wie steil L3 (7a) der Columbus ist.
Das war's dann soweit mit dem Kletterspass in den Cinque Torri. Bevor's auf den Heimweg ging, gab's noch etwas Dolce Vita im Rifugio, die Piadine, die Dessert's und der Kaffee sind durchaus empfehlenswert und das WLAN-Signal so stark, dass man selbst auf den Türmen oben eine Whatsapp schicken kann. Wir kommen sicher wieder, denn hier gibt's auf engstem Raum fast alles was das Kletterherz begehrt - ausser vielleicht das richtig gruselige 20-Seillängen-Abenteuer, aber sowas ist ja dann eh nix für Familien und Geniesser! 

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