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Dienstag, 20. Juni 2017

Eldorado - Metal Hurlant (6b)

Terminkalender und Wetter erlaubten einen MSL-Klettertag. Die kurzfristige Partnersuche gestaltete sich da schon schwieriger. Schliesslich stand zwar ein motivierter Mitstreiter zur Verfügung, welcher aber in Mitleidenschaft gezogene Finger aufwies, so dass der Schwierigkeitsgrad entsprechend nach unten angepasst werden musste. Wenn's darum geht, in tiefen Graden trotzdem noch einen interessanten Challenge zu finden, so sind Granitklettereien allgemein und das Eldorado im Speziellen immer eine gute Wahl. So ging's los in Richtung Grimselpass und schliesslich in die Metal Hurlant. Früher war die Route wegen ihrer weiten Sicherungsabstände berüchtigt, steckten doch in den 15 SL nur gerade 17 fixe Zwischensicherungen. Auch heute liest man zwar auf dem Netz weiterhin, die Route sei schlecht gesichert. Doch nachdem in mehreren Aktionen zusätzliche Bolts hinzugefügt wurden stecken inzwischen 83 fixe Zwischensicherungen, so dass man mit Fug und Recht von einer Genusskletterei (die jedoch nicht ohne gewissen Anspruch bleibt) schreiben darf.

Die Sicht von der Spitellamm-Staumauer auf den Grimselsee. Der Zustieg verläuft in auf und ab diesem entlang.
Der Weg führt durch eine geschützte Moorlandschaft von herber Schönheit. Die Bäume, die Ausblicke, die Fauna, schön!
Unsere Tour begann um 9.35 Uhr beim Grimsel Hospiz. Wie gehabt ging's über die Staumauer, den Stollen beim Marée und dann dem beinahe leeren Stausee entlang. Es bleibt genügend Zeit, um darüber zu sinnieren, wie lange wir am Eldorado noch dem Klettersport frönen können. Denn schliesslich gibt's ja das Projekt mit der Vergrösserung der Grimsel-Stauseen, um welches schon lange gekämpft wird. Erst kürzlich hatte das Schweizer Bundesgericht die Interpretation der Schutzgebiete zu Gunsten der Kraftwerke Oberhasli ausgelegt (siehe 1,2). Wahrscheinlich wird aber, insbesondere mit der aktuellen Umstrukturierung im Energiemarkt, noch viel Wasser die Aare runterfliessen, bis es zu einer Realisierung kommt. Und selbst wenn: geplant ist eine Anhebung des maximalen Seespiegels um 23m - auf der Karte sehe ich überall mindestens eine Höhenkurve (d.h. 20m) zwischen dem aktuell maximalen Seelevel und den Eldorado-Felsen. Somit dürfte das Klettergebiet also hoffentlich sowieso unbehelligt bleiben. Um 10.50 Uhr hatten wir den Einstieg erreicht, welcher fett in roter Farbe mit "METAL" angeschrieben ist. Wir entschlossen uns dafür, ohne Gepäck zu klettern und danach über die Route Hirnriss abzuseilen. So gönnten wir uns noch einen ausgiebigen Vesper, bevor ich um etwa 11.15 Uhr in die erste Seillänge startete.

Unzweifelhaft, hier geht's los!
Der Bolt am Einstieg ist schon verräterisch: in der Route steckt nach diversen Hakenplatzierungs-Aktionen ein Sammelsurium von Bohrhaken verschiedenen Typs. Die meisten davon leider für den Fels ungeeignet. Vielfach gibt's, so wie hier, die für die Remy-Brüder typische Kombination von verzinkten Einschlagankern und rostfreien Plättli, was zu galvanischer Korrosion führt. An den schwierigsten Kletterstellen stecken sogar noch die kolossal rostigen Kronenbohrhaken von 1982. 
L1 (4c, 5 BH) / L2 (5c, 6 BH) / L3 (6a+, 7 BH): In den ersten drei Seillängen wartet Low Angle Friction Climbing, sprich (mehr oder weniger) pure Reibungskletterei. Vor allem zu Beginn ist der Fels ziemlich glatt, je höher man kommt, desto besser wird es in dieser Hinsicht. Während man L1 noch beinahe hochspazieren kann, muss man auf L2 schon genauer hinschauen, in L3 will dann in der Crux schon sorgfältig angetreten werden. Alle diese 3 Längen sind mit BH gut abgesichert und etwas gesucht - über grasig-einfache Zonen könnte man deutlich schneller und einfacher an den dritten Stand gelangen.

Die ersten 3 Seillängen bieten ziemlich glattes Parkett mit Reibungskletterei pur. Hier in L3 (6a+) bereits recht fordernd.
L4 (6a, 5 BH): Querung nach rechts, erst einfach, dann einer Untergriffschuppe entlang, wenig über einem Band. Obwohl gut gesichert, könnte man sich hier mit einem Sturz zur Unzeit auch wehtun. Dann erreicht man rechtshaltend ein grösseres Verschneidungs-/Risssystem, welches über gut zwei Seillängen verfolgt wird. Hier sind abseits der Hauptschwierigkeiten auch einige mobile Sicherungen zu platzieren (gut möglich). Das Finish gegen den Stand hin dann wieder etwas steiler. Hier fehlt(e) beim letzten BH Plättli und Mutter. Mit einem Cam etwas darunter und dem Mut vorwärts zu steigen geht's auch gut ohne.

Die schöne Verschneidung von L4 (6a). An der Stelle, wo sich der Kletterer befindet, fehlt beim letzten BH das Plättli.
L5 (6a, 4 BH): Der Start, bzw. die Crux gleich knifflig mit einigen Klemmern an einem schönen Splitter Crack. Damit man nicht in den Stand fällt, sind hier trotz dem steckenden BH noch mobile Sicherungen sinnvoll (kleine Cams oder alternativ Keile). Der Mittelteil dieser Länge dann gemütlich und einfacher, das Finish dann wieder etwas steiler, aber auch nicht mehr sonderlich fordernd - alles gut mit BH abgesichert.

L6 (6a+, 8 BH): Die Hauptschwierigkeiten warten im ersten Teil und sind wieder eher plattiger Natur. Es steckt ein alter, durchgerosteter Kronenbohrhaken und da weiss man gleich, was es geschlagen hat: an dieser Stelle fanden die Remy-Brüder schon 1982 eine gebohrte Sicherung für notwendig und wendeten die 30 Minuten für die Handbohrarbeit auf, also muss es ziemlich schwierig sein. Es sind zwei, drei Moves mit ein paar kleinen Seitenkäntchen für die Hände, die Füsse auf Reibung. Die Querung nach links hin zur v-förmigen Kaminverschneidung ist dann einfacher - wobei man es sich zum Stand hin auch schwerer wie nötig machen kann. Inzwischen ebenfalls alles gut geboltet.

Die coole Sequenz am Ende von L6 (6a+) - man finde die richtige Beta!
L7 (6b, 5 BH): Das ist die "Signature Pitch" der Metal Hurlant, also die charakteristischste Länge. Der v-förmige Schlitz sieht sowohl von Weitem wie auch vom Stand gleich unterhalb ziemlich respekteinflössend aus. Klettern tut es sich schliesslich doch einfacher wie befürchtet. Nach einem Bolt nach wenigen Metern folgt ein ca. 15m langes, anhaltend schweres Stück, welches komplett selber abgesichert werden will. Es gibt bestimmt unzählige Techniken, diese Stelle zu bewältigen. Im Vorstieg am angenehmsten ist wohl "straight in", d.h. Jammen mit den Händen, die Füsse im Riss. Wer hier gut absichern will (mit Abständen ähnlich wie auf den Platten), braucht wegen der nahezu konstanten Rissbreite den Camalot 0.75 in etwa 5-facher Ausführung. Doch wer hat das schon? Ich schaffte es unterwegs je 1x, den 0.5er und den 1er zuverlässig zu setzen und zurückzulassen, den 0.75er habe ich einfach vor mir her geschoben. Diese Technik wäre noch deutlich sicherer bzw. angenehmer zu gestalten, wenn man einen zweiten Camalot 0.75 dabei hätte. Schliesslich steilt sich die Verschneidung etwas auf, es folgen zwei (nicht wirklich nötige) Bolts und man muss zwingend über eine kurze Reibungsstelle 5m horizontal nach rechts ans nächste Verschneidungssystem klettern. Dort folgen nochmals schöne, relaxte Kletterei, zwei 2 Bolts und schliesslich der Stand.

Der v-förmige Kaminschlitz von L7 (6b) lässt sich auch in Kamintechnik mit dem Rücken an der Hauptwand bewältigen. Und ich muss zugeben, es sah ziemlich entspannt und lässig aus. Im Vorstieg ist's jedoch aufgrund von Seilverlauf und Absicherung sicherlich angenehmer, den Riss im Verschneidungsgrund "straight in" anzupacken.
Die letzten 15m in L7 (6b) bieten genussreiche Verschneidungskletterei. Das ist Granitklettern par Excellence!
L8 (6a+, 5 BH): Die Route quert nun markant nach rechts, gerade hinauf (Verhauer-NH vorhanden) wäre man dann komplett falsch unterwegs! In der Querung eine ziemlich fordernde Reibungsstelle, oder habe ich mich einfach blöd angestellt?!? Vermutlich nein, Eldorado-6a+ auf Reibung ist einfach nicht geschenkt. Nachher geht's dann einfacher einem Verschneidungs-/Risssystem entlang aufwärts. Hier ist die eine oder andere mobile Sicherung ebenfalls noch dienlich, es stecken jedoch auch Bolts.

Die schwierige Reibungsstelle in der Querung zu Beginn von L8 (6a+) ist gemeistert, es folgen genussvolle Moves!
L9 (6b, 8 BH): Früher betrachtete man diese Seillänge als die Crux. Das liegt wohl vor allem daran, dass hier original nur gerade 2 BH steckten und man kaum zusätzlich legen kann. So war die Sache bestimmt ziemlich mental. Nun jedoch, mit komfortabler Absicherung, fand ich es eigentlich gar nicht so schwierig. Will heissen, dass ich die Reibungsstellen in L3, L5 und L8 eher fordernder fand. Auch hier ist die Herausforderung plattiger Natur, wobei man erst noch einer Verschneidung folgt, welche nach links in die Wand hinaus verlassen wird. An den schwierigsten Stellen ist's dann etwas steiler als auch schon, man hält immer kleine Grifflein in der Hand und alles geht eigentlich schön auf.

L10 (5a, 4 BH) / L11 (5c, 5 BH) / L12 (5c, 5 BH) / L13(5a, 5 BH): Mit L9 sind die Hauptschwierigkeiten der Route vorbei. Es folgen nun folgen 4 Seillängen mit einfacherer Plattenkletterei, welche rasch erledigt sind. Die Absicherung ist durchwegs gut, auch wenn aufgrund der Felsstruktur die BH von weitem nicht immer so einfach zu erkennen sind.

Impressionen aus dem oberen Routenteil, das ist der Anfang von L11 (5c).

Impressionen aus dem oberen Routenteil. Hinten grüsst bereits das Finsteraarhorn (4273m).

Impressionen aus dem oberen Routenteil. Die Hochgebirgslandschaft, in welcher man klettert, ist einfach fantastisch!
L14 (5c, 6 BH) / L15 (4c, 5 BH): Die charakteristischste Stelle in diesem obersten Routenteil ist die Verschneidung mit zwei Aufschwüngen am Anfang von L14. Von unten schwer einzuschätzen, entpuppen sich diese als problemlos. Die Schwierigkeiten jener Länge liegen sogar mehr in der plattigen Querung nach links zum Stand hinaus. Die letzte Länge beginnt problemlos mit gemütlicher, geneigter Kletterei. Das Finish dann ziemlich gesucht am (umgehbaren) Aufschwung mit 2 Bolts gesichert, diese Stelle ist wohl eher mit 5c anstatt mit 4c zu bewerten.

In der Verschneidung von L14 (5c), einfacher wie man denken könnte.

Die Crux in L14 (5c) liegt sogar eher in den plattigen Moves an deren Ende.
Um 16.45 Uhr nach rund 5.5 Stunden Kletterei und somit einem Schnitt von gut 20 Minuten pro Seillänge hatten wir das Top erreicht. Mir war eine komplette Onsight-Begehung gelungen und somit habe ich nun bereits 3x den Eldorado-Dom durchgehend im Vorstieg erklettert (via Motörhead, Septumania und Metal Hurlant), ohne dass ich das Seil "je gebraucht hätte". Oder vielleicht etwas drastischer formuliert, theoretisch hätte ich auch die Free Solo Begehungen überlebt. Dass dieser Gedanke natürlich nur in der Theorie funktioniert, dürfte allgemein bekannt sein - die schwersten Reibungsstellen sind hier im 6a+/6b-Bereich und fühlen sich für mich eigentlich direkt an der Grenze zum Abrutschen an. Kaum vorstellbar, so etwas ohne Seil zu klettern! Naja, ist ja auch nicht nötig. Aus Gründen der späteren Nachvollziehbarkeit sei hier noch erwähnt, dass uns solche Gedanken in erster Linie wegen dem unmittelbar vor unserer Tour erfolgten Free Solo im Freerider von Alex Honnold durch den Kopf gehen.

On top! Hinten Finsteraar-, Lauteraar- und Schreckhorn. Yours truly bereits am Seil präparieren beim Beginn der Abseilpiste.
Als wir am Top ankommen, macht sich ein Paar aus Holland gerade an den Fussabstieg. Wir halten uns auch nicht lange auf, wechseln hinüber zum Ausstieg von Motörhead bzw. Hirnriss (der erste Abseilstand ist bestens sichtbar) und wollen die beiden als Referenz für einen Zeitvergleich von Abseilen vs. Fussabstieg benutzen. Die Abseilfahrt, es sind 11 Manöver à 30-50m, immer direkt nach unten an mit Seilstücken und je 2 Maillons ausgerüsteten Ständen, verläuft +/- reibungslos. Mit Effizienz dauert es keine Stunde, bis wir wieder den festen Boden betreten, ein kurzer Barfuss-Abstieg bringt uns retour zu den Säcken. Wir gönnen uns nochmals eine ausgiebige Pause mit Genuss von Sandwich und Getränk in der Abendsonne, bevor wir dem Hospiz entgegenlaufen. Auf etwa der Hälfte des Weges holen wir die beiden Holländer ein, welche über durchtriefte Schuhe klagen, welche sie sich auf dem sumpfig-schlammigen Abstieg geholt hätten. Mit dem Weitergeben von meinem Local Knowledge über die Kletterrouten im Berner Oberland verläuft der restliche Weg im Nu, um etwa 19.45 sind wir zurück am Hospiz. Das war jetzt ein richtig toller Klettertag, der Weg ans Eldorado lohnt sich eben immer und immer wieder!

Eigentlich ist der halbleere See ja gar keine echte Naturlandschaft. Die Mäander im hinteren Teil sind trotzdem spannend.

Welch ein Klettertag!

Facts

Eldorado - Metal Hurlant 6b (6a+ obl.) - 15 SL, 550m - C. & Y. Remy 1982 - ****;xxx
Material: 1x bzw. 2x50m-Seile, 10 Express, Camalots 0.3-1, Grösse 0.75 doppelt, Keile nicht nötig

Toller Eldorado-Klassiker, dessen Hauptteil sich neben ein paar plattigen Einstiegs- und Ausstiegslängen an einigen Verschneidungs-/Risssystemen im mittleren Routenteil abspielt. Am charakteristischsten ist ganz klar die Respekt einflössende v-förmige Kaminverschneidung von L7 (6b), welche auch noch teilweise selber abgesichert werden muss. Doch schliesslich geht doch alles einfacher, wie man aus der Ferne meinen könnte. Während die Route früher für ihre kühne Absicherung berüchtigt war, darf man sie heute ohne Weiteres als gut abgesichert bezeichnen. Aufgrund der verschiedenen Hakentypen lässt sich vermuten, dass nach der Erstbegehung 3x zusätzliche Bohrhaken angebracht wurden. Dies führt zur leicht absurden Regel, dass "je schwerer die Kletterstelle, desto schlechter das Hakenmaterial", weil bei diesen "Sanierungen" das bereits steckende Material nicht ersetzt wurde. Teils stecken also noch arg korrodierte Kronenbohrhaken, teils sind's die für die Brüder typischen verzinkten Anker mit Inox-Laschen, wo der Rost auch zu nagen beginnt. Nachdem man auf den Platten ja auch im schlimmsten Fall nicht gewaltig harte Stürze hinlegt, wird's aber wohl schon halten. Mobile Sicherungen sind ausser in L7 eigentlich nur noch an ein paar vereinzelten Stellen zu platzieren. Hier reicht ein Set Camalots von 0.3-1 aus. Wie bereits erwähnt ist's in L7 hilfreich, den Camalot 0.75 in doppelter Ausführung dabei zu haben. Das beste Topo zur Route befindet sich im Schweiz Plaisir West, auch wenn es in Bezug auf die eingezeichneten Sicherungspunkte nicht mehr aktuell ist.

Donnerstag, 15. Juni 2017

Biwakieren (und mehr...) auf dem Rhonegletscher

Ein lange gehegter Plan, ein Biwak mit den Kindern in den Bergen im Schnee. So richtiges Hardship war der Familie natürlich nicht zuzumuten, somit sollten Verhältnisse, Temperaturen und Zustieg im erträglichen Rahmen liegen. Die richtige Zeit für ein solches Unterfangen war also eindeutig der Vorsommer, nach Öffnung der Passstrassen. Tatsächlich hielt nun eines der zwei, drei Weekends vor dem Ausapern der Gletscher perfektes Sommerwetter bereit. Den Rhonegletscher hatte ich als das richtige Ziel erkoren, also los!

Blick auf den Rhonegletscher vom Belvédère.
Jede Expedition beginnt mit einer ziemlich grossen Materialschlacht, nicht anders hier. Campingmaterial für 4 Personen, Skiausrüstung für ebenso viele, die Kletterausrüstung fürs Vergnügen und dazu noch ein paar Plüschtiere, denen man ja schliesslich auch ein Erlebnis bieten muss. Die erste Herausforderung bestand bereits darin, alles ins Auto verpackt zu kriegen. Mit einem Tetris-ähnlichem Vorgehen fand schliesslich alles im Kofferraum Platz und gelangte zum Belvédère am Furkapass. Nun galt es jedoch, diese riesige Fuhre zum Bestimmungsort zu transportieren. Dies notabene bei nur zwei Trägern und zwei Personen mit leichtem Gepäck. Dank den Kinderschlitten, welche zum Materialtransport zweckentfremdet wurden, gelang dies schliesslich ganz ordentlich. Nichtdestotrotz, bei der ersten geeigneten Stelle (und damit etwas tiefer wie daheim geplant) waren wir dann trotzdem froh, als wir das Camp aufschlagen konnten. Fachmännisch wurde der Platz ausgeebnet, Mauern um die Zelte gebaut und alles festgezurrt – natürlich mehr aus Spass an der Sache denn aus purer Notwendigkeit.

Der wesentliche Teil vom Material, das wir mitgenommen haben - noch ohne Futter und Klamotten.

Mit dem ganzen Gerödel mitten durch den Touristenrummel am Belvédère. Man kann sich ja leicht vorstellen, wie wir dabei beäugt wurden ;-)
Wir konnten lange von der Abendsonne und damit auch sehr angenehmen Temperaturen profitieren. Schliesslich legten wir uns aufs Ohr mit dem Plan, dass ich mich frühmorgens aus dem Zelt stehlen würde und auf Skitour ginge. Derweil könnte die Familie ausschlafen, ich würde dann mit dem Ankommen der Sonne am Zelt zum Zmorge wieder zurück sein. Dieser Plan wurde auf den Kopf gestellt, weil ich nicht der einzige der Familie war, der um 4.30 Uhr das ganz dringende Bedürfnis verspürte, auf Skitour zu gehen. Eine Diskussion war zwecklos, der Plan wurde spontan geändert und wir brachen gemeinsam auf. Zwischendurch und an allen steileren Stellen zwingend mussten die Kinder zu Fuss gehen (was dank dem kompakten Schnee mühelos war), im flacheren Gelände durften sie hingegen in Seilschaft "Skilift fahren". Mein ursprünglicher Plan, die mir noch fehlenden 3000er im hinteren Becken des Rhonegletschers einzusammeln, war in dieser Konfiguration natürlich Makulatur. Als neues Ziel wurde daher der Limistock (3189m) erkoren, welcher das am einfachsten erreichbare Gipfelziel im Gebiet des Rhonegletschers darstellt. Doch auch bis dahin waren es rund 8 Kilometer Distanz und 1000 Höhenmeter, so dass einiges an Durchhaltewillen erforderlich war. Doch etwas vor 8.00 Uhr hatten wir es geschafft! Was für ein tolles Gipfelerlebnis!

Jetzt heisst es Schaufeln. Der Rhonegletscher ist an dieser Stelle übrigens spaltenfrei, ich habe viele Fotos geprüft und zur Sicherheit die Gegend weitherum sondiert. Der seilfreie Aufenthalt an dieser Stelle ist also problemlos zu verantworten.

Schon fast alles parat!
Die Abfahrt im oberen Bereich war dann wirklich super. Der Schnee war schön glatt, tragend und gerade ein bisschen aufgesulzt. Dazu die beinahe unendlich breite Piste, alles nur für uns. Genauso wie wir es diesen Winter so oft in den Skigebieten geübt hatten, konnten wir nun als Familie in die Tiefe carven - wie genial! Unterhalb von 2700m glich die Oberfläche des Schnees dann mehr einem Golfball und erforderte etwas Einsatz, zum Schluss musste sogar noch übers blanke Eis gefahren werden. Doch mit Bravour wurden alle Hürden gemeistert und perfekt getimt mit dem Ankommen der Sonne waren wir retour im Basecamp. Nun konnten wir ausgiebig den Zmorge geniessen - da hatte es sich doch gelohnt, noch etwas mehr an feinen Sachen zu schleppen! Die Kinder brachten den Vorschlag, sie könnten doch einen Jokertag einziehen, d.h. am Montag (mit Bewilligung) die Schule schwänzen, so dass wir noch länger bleiben könnten. Sowas hört der Papa doch gerne, auch wenn es nicht ganz in die Pläne von uns Erwachsenen passte. Gemütlich machten wir  uns daran, alles wieder einzupacken. Nach einer gütlichen Weile war dies erledigt, im Abstieg erwies sich dann unsere Materialschlitten-Strategie erst recht als erhebliche Erleichterung. Nur hinüber zum Parkplatz musste dann nochmals etwas geschleppt werden.

Biwakidylle...

...mit Sicht bis zum Matterhorn. Trotzdem, es ist Zeit für ins Bett.
Doch schliesslich war es noch nicht einmal Mittag und wir konnten zum Après-Skitouring übergehen. Dieses spielt sich bekanntlich nicht in einer Kneipe ab, sondern am steilen Fels. Der Plan war es immer gewesen, am Azalée Beach beim Räterichsbodensee am Grimselpass noch eine MSL-Route zu klettern. Nicht bei allen von uns waren die Kräfte noch im gleichen Ausmass vorhanden. So kam es, dass ich mich schliesslich alleine mit meiner Tochter auf den Weg machte. Dies stellte eine weitere Première dar, hatte sie doch noch nie ganz mit mir alleine eine MSL-Route geklettert. Im Trockenen hatten wir die Abläufe am Stand jedoch ausführlich geübt, das Sichern mit dem Grigri am Fixpunkt war ebenfalls bestens vertraut. Dementsprechend reibungslos lief auch alles ab, wow! Natürlich, eine grosse Route war es (noch) nicht. Wir kletterten die Nils Holgersson (4 SL, 5a), die einige wirklich interessante Passagen bereithält, mitunter eine ausgewaschene Rinne, welche schon beinahe an jene in der Septumania am Eldorado erinnert. Rein von Schwierigkeit und Länge her wäre problemlos auch ein bisschen mehr dringelegen, aber wir wollten den Rest der Familie auch nicht zu lange warten lassen. Und in die Badi wollten wir ja auch noch - ein solcher Frühsommertag mit Skifahren und Klettern ist doch erst nach einem Schwumm und einem Glacé so richtig abgerundet. Klar, in harter alpinistischer Währung gemessen sind meine Taten an diesem Weekend bedeutungslos. Für mich hätte es trotzdem nicht besser sein können - diese gemeinsamen Erlebnisse mit der Familie sind einfach Gold wert. Ich freue mich jetzt schon auf mehr!

Die super Piste im oberen Teil des Rhonegletschers. Links der Bildmitte der Galenstock (3586m).

Auf dem Rückweg, das Biwak ist aufgehoben. Von der Klettertour gibt's leider keine Bilder. Der Akku vom Handy war schon leer und ich konnte auf dem Gletscher leider keine Steckdose finden... ;-) Im Bächli Bergsport gäbe es aber die nötigen Gerätschaften, damit genau dieser Fall nicht eintritt.

Montag, 12. Juni 2017

Klein Mythen - Paul SW-Kante (7b oder 6a A0)

Die Routen an der Sockelwand der Türme Peter und Paul in der Westflanke des Klein Mythen haben nie Popularität erlangt. Das liegt wohl daran, dass sie nie Aufnahme in die Plaisir-Führer gefunden haben. Komplett zu Unrecht eigentlich, denn sie bieten fast alles, was das Kletterherz begehrt. Eine kurze Anfahrt aus dem Raum Zürich-Zug-Luzern, nur gut 30 Minuten Zustieg, eine sonnige, aussichtsreiche Lage, soliden Fels und auch gute Absicherung. Wie auch immer: der Tag war gekommen, an welchem ich hier angreifen wollte. Gefragt war eine Nachmittagskletterei, welche sowohl den Genusskletterer im 5c/6a-Bereich sowie auch den Sportkletterer wie mich zufriedenstellt. Das war bei der Westkante am Paul gegeben: die meisten Seillängen halten sich tapfer im Plaisirbereich und wo dieser überschritten wird, helfen die nahe steckenden Haken A0 über die Schwierigkeiten hinweg. Von der Passage am Gipfelturm war bis dato sogar noch keine freie Begehung bekannt und es wurde von Schwierigkeiten im 7c-Bereich gemunkelt. Grund genug, dies und mich selbst auf die Probe zu stellen.

Klein und Gross Mythen mit ihren Westflanken von Schwyz Obdorf. Die Sockelwand am Klein Mythen gut sichtbar.
Ein Blick aus der Waldlichtung von Günterigs auf die Türme Peter & Paul. Für mich sieht's eher nach Playboy-Bunny aus ;-)
Unsere Tour begann um 14.45 Uhr beim Parkplatz bei Günterigs Grübli (P.955). Die Anfahrt dorthin ist nicht ganz trivial, weil viele der kleinen Flurwege im Bereich Ried/Obdorf mit einem Fahrverbot belegt sind, andere aber nicht. Der beste Weg führt wohl durchs Dorfbach-Quartier nach Loo, zu P.755 und via Dietental P.847 zum Ausgangspunkt. Von da sind es noch rund 350hm und eine gute halbe Stunde zum Einstieg. Von Günterigs folgt man in etwas auf und ab dem Pfad zur Haggenegg für einige Minuten, bis man kurz vor dem Erreichen der Forststrasse den Stein mit der roten Aufschrift "Klettern" sieht, von wo ein Pfad mit verblassend roter Markierung bequem zum Einstieg führt. Man hüte sich vor Verhauern in die umliegenden Geröllhalden und ins Unterholz, so liesse sich bestimmt viel Zeit verbraten. Noch einige Minuten vor 15.30 Uhr waren wir am Fuss der doch ziemlich eindrücklichen (ja, ich war schon lange nur noch Sportklettern... ;-)) und attraktiven Sockelwand bereit. Die beiden Routen sind vorbildlich beschriftet und dank der guten Absicherung gibt's auch in Sachen Routenwahl keine Probleme. Also los:

Impressionen aus dem Zustieg, hier der Stall von Günterigs, hinten die sogenannte Glättiwand.
Hier ein Blick auf die Sockelwand. Nachdem wir über die Route abgeseilt waren, stieg noch ein zweites Team ein.
L1, 35m, 6a: der Start noch etwas durchzogen in nicht ganz so kompaktem Fels, die zweite Hälfte bietet dann schöne Kletterei mit einer kurz etwas kniffligen Querung von rechts nach links.

Die Schlüsselstelle von L1 (6a) mit einer kniffligen Querung in kompaktem Fels.
L2, 35m, 5c: entlang von einem Riss geht's erst etwas nach rechts, wo man nach wenigen Metern auf einen Stand der Nachbarroute trifft. Nun wieder diagonal nach links oben klettern (blasser blauer Pfeil). Es folgt eine einfachere, plattige Zone. Am Schluss noch eine schöne Steilpassage.

Die hübsche Steilpassage am Ende von L2 (5c).
L3, 25m, 6c oder A0: einfache Querung nach rechts, dann fein an einer schwach ausgeprägten Plattenkante aufwärts, dies ist die 6c-Stelle. Man quert dann 2-3m nach rechts in einen seichten Winkel, wo man anhaltend und steil im 6b-Bereich hinaufklettert. Die Bolts auf dieser Seillänge stecken sehr dicht und sind teils noch mit Seilstücken verbunden, so dass man falls nötig problemlos A0 durchkommt.

In dieser kompakten Wandzone verläuft L3 (6c). Dank der  zahlreichen Bohrhaken kommt man auch gut A0 durch.
Nachstieg im oberen Teil von L3 (6c), welcher mit etwa 6b zu bewerten ist.
L4, 25m, 5c+: ein paar steilere Züge nach dem Stand, dann quert man etwas nach rechts und klettert zwischen den Legföhren hindurch zum nächsten, auf einem luftigen Podest gelegenen Stand.

L5, 25m, 5c: im ersten Teil der Seillänge wartet ein schöner Aufschwung in kompaktem Fels. Der zweite Teil dann einfacher, nicht mehr ganz kompakt und teils mit Legföhren durchsetzt.

Ausblick auf L5 (5b). 
L6, 45m, 5b: Querung nach rechts hinaus an die luftige Kante, wobei hier schöne Kletterzüge warten. Der zweite Teil der Seillänge wird dann beständig einfacher und geht in Gehgelände über, welches einen am Wandbuch vorbei zum Fuss des Gipfelturms bringt.

In dieser Zone verläuft der erste Teil von L6 (5b).
L7, 20m, 7ab: Nun folgt also das Pièce de Resistance an der steilen SW-Kante des Gipfelturms. Wer es gemütlicher haben will, kann nach den ersten Metern links abzweigen und so via die Normalroute im fünften Franzosengrad auf den Paul steigen. Mein Ziel war aber die freie Begehung dieser Techno-Hakenleiter, also auf ins Vergnüngen. Vorerst geht's noch ziemlich griffig dahin, mit ein paar Zügen im 6b-Bereich erreicht man einen letzten Absatz auf der Kante, von welchem man die nun folgende Crux studieren kann. Im folgenden Abschnitt stecken die Haken leider deutlich links der Kante. So waren sie beim Technoklettern leichter anzubringen und zu nutzen... die Freikletterei folgt jedoch der stumpfen Kante, an welcher man sich in die Höhe patscht und hookt. Das Problem ist nur: greift man die Kante mit der linken Hand (d.h. rechte Körperseite am Fels), so lassen sich die Bolts nicht mehr einhängen. Sofort wurde mir klar, dass ich hier 2 Haken nicht klippen kann und den dritten auch nur, wenn ein vernünftiger Griff dies erlaubt. Das schien mir zu viel Risiko (der Boden ist nicht allzu weit weg, sowieso gäbe es einen heiklen Pendelsturz). Also ging ich nicht aufs Ganze und checkte die Sequenz mit Griff zum Haken erst einmal aus. Irgendwie schade, rein von den Moves her hätte ich das ziemlich sicher auch Onsight gepackt. Nun denn, bald war eine Strategie festgelegt und der Durchstieg im Second Go gelang ohne grössere Schwierigkeiten. Die Schwierigkeit liegt meines Erachtens nicht bei 7c, sondern im Bereich von 7a bis maximal 7b. Somit bin ich nun natürlich auch nicht so sicher, ob das wirklich noch nie zuvor freigeklettert wurde. Rein von der Schwierigkeit her müsste das ja für viele Kletterer machbar sein - die Frage ist viel mehr, ob schon jemand einmal auf die Idee gekommen ist, es zu versuchen. Das bis zur Erstbegehung zurückreichende Wandbuch gibt jedenfalls keine Hinweise darauf, dass dies jemand bereits getan hätte.

Der steile Gipfelturm. Die Route verläuft im gelben Bereich, bzw. rechts an der Kante, ca. 7ab.
L8, 10m, 6a+: Den eher etwas unbequemen Stand an der Kante kann man auch auslassen und gleich bis zum Gipfel weiterklettern. Zumindest sofern man genügend Exen dabei hat, oder die hier auch im einfacheren Gelände sehr dicht steckenden Haken auszulassen vermag. Die Kletterei ist hier griffig und luftig, coole Sache.

Am Top angekommen, Blick auf L8 (6a+).
Um 18.30 Uhr hatten wir das Top nach rund 3 Stunden Kletterei erreicht und die Freikletter-Mission erfüllt. Rein vom Wetter her gab's keinen Grund zur Eile, ein fantastischer Frühlingsabend mit milden Temperaturen und blaustem Himmel war uns vergönnt. Andererseits war aber auch klar, dass es mit etwas Vorwärtsmachen noch reichen würde, um die Kinder ins Bett zu bringen. Somit sind wir ziemlich umgehend in 1x 30m über die N-Seite des Gipfelturms abgeseilt. Danach rafft man die Seile zusammen, und steigt ein Stück weit dem Grat entlang den letzten, einfachen Teil von L6 zurück, bis zu einem günstig gelegenen Abseilbolt. Von dort erreicht man in 3 Abseilern (45m, 45m, 50m) erstaunlich rasch und bequem wieder den Einstieg, selbst die zahlreichen Legföhren stören dabei kaum. Für den letzten Abseiler gibt's dazu einen ideal gelegenen Stand ausserhalb der Route - wobei wer will auch die gut ausgestatteten Kettenstände der Route selber nutzen könnte. Nach dem kurzen Fussabstieg gab's schon den Handshake, und nach nur 45 Minuten Fahrt war ich tatsächlich bereits daheim. Das war jetzt eine echt coole Nachmittagsaktion, ein genussreicher und doch auch sportlich attraktiver Einstieg in die MSL-Saison 2017.

Die Route bzw. die ganze Gegend brilliert mit hervorragenden Ausblicken auf den Talkessel von Schwyz und die Rigi.

Facts

Klein Mythen - Paul SW-Kante 7b (oder 6a A0) - 8 SL, 220m - Arnold/Schuler 2006 - ***;xxxxx
Material: 2x50m-Seile, 14 Express, Keile/Friends nicht nötig.

Plaisirroute in sehr sonniger Umgebung, welche schnell abtrocknet und dank der tiefen, sehr sonnigen Lage sowohl früh wie spät im Jahr gut machbar ist. Der Fels ist solide und von guter Qualität. Wie oft an den Mythen ist er an den kompakten Stellen strukturarm und etwas glatt. Dort, mehr Struktur vorhanden ist, ist dann dafür die Botanik meist auch nicht allzu weit weg. Trotzdem, auf jeden Fall lässt es sich hier genussvoll klettern. Der grösste Teil der Route spielt sich im fünften Franzosengrad ab. Die dritte Seillänge checkt bei 6c ein, allerdings kann man hier problemlos mit Hilfe der sehr eng steckenden Haken in die Höhe gelangen. Der Gipfelturm selber kann auch über den einfacheren Normalweg (~5b) geklettert werden, die schwere Freikletterlänge direkt an der Kante ist somit fakultativ oder auch A0 zu bewältigen. Übers Ganze gesehen gibt die Route also eher ein Ziel für Kletterer mit Niveau 5c/6a als für den Extremkletterer her - doch auch dieser findet noch ein, zwei Gustostücklein. Die Absicherung ist über weite Strecken auch im einfachen Gelände fast übertrieben gut. Am forderndsten fand ich noch die ersten beiden Seillängen, man lasse sich dort also nicht entmutigen.

Impressionen aus dem Wandbuch.

Topo

Vielleicht liegt's ja einfach daran, dass es bisher kein gutes Topo zu dieser Route gab. Über lange Zeit konnte man in keinerlei Führerliteratur über deren Existenz lesen. Inzwischen ist im SAC-Kletterführer Zentralschweiz Nordost (bei Bächli Bergsport erhältlich) ein Fototopo enthalten. Es gibt den Routenverlauf nicht wirklich perfekt wieder, was aber auch nicht so schlimm ist - den vielen Bolts sei Dank kann man sich kaum verirren, wenn man einmal unterwegs ist. Wie auch immer, hier meine Version von einem schematischen Topo.

Topo der Paul SW-Kante.

Dienstag, 6. Juni 2017

The Real Deal!

"No big deal", so pflegt Alex Honnold jeweils seine Aktionen zu umschreiben. Understatement pur, dies insbesondere natürlich für die Solo-Begehung von Freerider (~30 SL, ~7c+) am El Capitan im Yosemite National Park. Die Social Media wurden durch Berichte dieser Begehung regelrecht überflutet, ja sogar in den Mainstream-Medien war davon zu lesen. Warum braucht's hier einen weiteren Bericht dazu?

Obwohl ich persönlich absolut keinerlei Ambitionen in Bezug aufs Soloklettern habe, kann ich mich der Faszination dieser Aktion einfach nicht entziehen. Warum? Jeder Kletterer weiss und spürt, welch grossen Unterschied es bereits macht, ob man einen schwierigen Move mit dem Bohrhaken am Bauchnabel ausführt, oder ob die letzte Sicherung bereits schon unter den Füssen entschwunden ist. Und da kommt nun (im Falle von Alex Honnold natürlich nicht ganz überraschend) einer, der Sturzangst und Konsequenzen offenbar selbst ungesichert komplett ausblenden kann. Sein Statement dazu lautet ja ganz lakonisch "being fearful does not help my in any way up there, so I just zoom it out". Wenn das nur so einfach wäre... Somit scheint mir die Solo-Begehung vom Freerider eben doch für jeden Kletterer relevant. Selbst ganz normal am Seil dreht sich im Grenzbereich der persönlichen Möglichkeiten viel darum, seine Nerven und (irrationalen) Ängste im Griff zu haben, um gut zu performen.

The Big Stone. 12 Jahre ist es her, seit ich das letzte Mal vor Ort war. Viel zu lange...
In den Kommentarspalten liest man natürlich wieder die üblichen Statements über Adrenalin-Junkies, selbstmörderische Absichten und es wird die Frage aufgeworfen, was diese Aktion der Menschheit bringe. Was zwar grundsätzlich eine dumme Frage ist, aber wenn man sich genau in die Sache hineindenken kann, dann meines Erachtens eigentlich sogar sehr viel. Wie viel besser wären wir, bzw. was könnten wir alles Erreichen, wenn wir im entscheidenden Moment frei von Versagensängsten handeln würden, völlig rational entscheiden könnten, usw.. So viel läge drin, das Leben von jedem einzelnen Menschen könnte bereichert werden. Vermutlich lässt es sich sogar ausdehnen auf die Menschheit als Gesamtes. Wäre es allen möglich, so befreit und zielgerichtet zu handeln und nicht auf Gedeih und Verderb zu klammern, so ginge es bestimmt dem ganzen Planeten viel besser. In diesem Sinne finde ich die Aktion eben sehr inspirierend. Selbst unter dem höchstmöglichen Einsatz von Leib und Leben und wenn's mehr denn je darauf ankommt, kann Alex Honnold beim Klettern wie Figura zeigt ungehemmt die volle Leistung bringen.

Der Fels im Yosemite Valley ist vielerorts ausgesprochen glatt und trittarm. An diese sehr spezielle Art der Kletterei braucht es unweigerlich etwas Gewöhnung. Kommt noch hinzu, dass man meist an Rissen klettert, für uns Alpen-Kalkkletterer höchst ungewöhnlich. Schon manch einer ist auf die Welt gekommen, wenn es ums Übersetzen der Schwierigkeitsgrade ging.
In einem zweiten Teil möchte ich noch ein wenig versuchen, die Anforderungen im Freerider zu erklären. Soviel vorweg, ich kenne die Route bis auf die erste Seillänge, welche ich früher einmal als Baseclimb begangen habe, leider (noch) nicht aus eigener Erfahrung. Doch es ist schon ein heimlicher Traum von mir, diesem Stück Fels in einem Vertical Camping Trip eine freie Begehung abzuknöpfen. Vielleicht, wenn die Kinder grösser sind? Ob der Freerider für mich als Rotpunkt-Projekt realistisch ist, bleibe dahingestellt, notfalls wäre ich sicher auch einfach damit zufrieden, unten einzusteigen und oben anzukommen. Somit erstaunt es vermutlich nicht, dass ich mich schon relativ eingehend mit dem Freerider befasst habe und zumindest einige Second-Hand-Infos zuverlässig wiedergeben kann. Soweit mir bekannt ist, gibt es vom Freerider bisher trotz zahlreicher namhafter Versuche nach wie vor keine lupenreine Onsight-Begehung - das sagt ja schon einiges über die Anforderungen aus!

Während die Schwierigkeiten in den unteren Seillängen vor allem in einigen heiklen, irre glatten, grifflosen Plattenpassagen um ~7a liegen, stellen sich weiter oben Risse aller Grössen und Breiten in den Weg. Wobei der berüchtigte und gefürchtete Monster-Offwidth (ein langer, 10-15cm breiter Riss in Grössenklasse Camalot 6 und Bewertung 5.11+, d.h. ~7a) für einen Mann von Honnolds Kaliber jedoch kein Problem sei: "you cannot fall off this thing". Anders sieht's hingegen in der nominellen Schlüsselpassage aus, der sogenannten Huber-Pitch. Seit Griffausbrüchen wartet dort ein harter, knifflig-unsicherer Boulder im 7B-Bereich mit einem Ninja-Kick-Finish, übersetzt auf die französische Routenskala wohl so etwas im Bereich von 7c+ (siehe ab 2:40 im Video, so etwas im Free Solo, wow!). Die zweite Hauptschwierigkeit besteht aus den Enduro-Corner-Risslängen unter dem Salathé-Roof. Diese sind im Solo ohne das Nutzen der Hängestände durchzumoven und bieten so arschglatte Piazkletterei um 5.12+, d.h. ~7c. Siehe ab 5:30 im Video, wem der Hintern nur schon beim Gedanke an eine Solo-Begehung von so etwas mit 800m Luft unter den Füssen nicht auf Grundeis geht, der hat wohl echt Nerven aus Stahl.



Zuletzt, was oft auch gefragt wird: wie gross sind die Risiken einer solchen Begehung und was sind die hauptsächlichen Gefahren? Ersteres lässt sich kaum beantworten, über Zweiteres kann man schon spekulieren. Die Hauptgefahr besteht ganz sicher darin, aus dem Konzept zu geraten und plötzlich einen anderen Blick auf die eigentlich absolut beschissene Lage zu erhalten. Wenn man zu Krampfen beginnt, so sind solche Längen wie das Boulderproblem der Huber Pitch nicht mehr zu machen. Während viele Störfaktoren (Wetter, Griffausbruch, Erinnern der Sequenz, Fitness, ...) durch entsprechende Vorbereitung nahezu ausgeschlossen werden können, so verbleiben doch einige unabwägbaren Gefahren - am höchsten wohl jene, in einen in einem Riss versteckten Frosch, Vogel, Nager oder Schlange zu greifen, bzw. davon erschreckt zu werden. Wie auch immer, schliessen wir diesen Beitrag mit dem Wunsch, dass Alex Honnold ein möglichst langer Genuss seiner Aktivitäten vergönnt sei und widmen wir uns weiter dem Spiel Rotpunkt-Klettern. Dabei geht's ja eigentlich genau darum, die Route so zu meistern, dass man sie theoretisch auch Free Solo überlebt hätte. Dass zwischen Theorie und Praxis Welten liegen, ist klar - für Leute wie mich ist profanes Rotpunkt-Klettern am Seil aber trotzdem ein höchst faszinierender Zeitvertrieb.

Freitag, 2. Juni 2017

Escalades Autour du Ventoux - Malaucène & Combe Obscure

Unsere Osterferien haben wir beim Sportklettern in der Gegend des Mont Ventoux verbracht. In einem früheren Beitrag hatte ich bereits einige einführende Worte darüber verloren, sowie das famose Klettergebiet von St. Léger präsentiert. An dieser Stelle sollen nun einige weitere Gebiete in der näheren Umgebung vorgestellt werden. Für alle, welche nicht nur Touren im achten Franzosengrad abholen wollen, bieten diese sehr gute Alternativen. Ein Blick auf die Karte zeigt nochmals Situation und Lage.



Malaucène - Rocher du Groseau

Hmm, also wenn's in dem Ort, wo wir wohnen schon ein Klettergebiet gibt, dann müssen wir da wohl einmal hin, das war mein Gedanke im Vorfeld. Da war ich halt schon von St. Léger und seinen tollen Routen eingelullt. Und ich muss sagen, es hat sich mehr als gelohnt. Die senkrechte bis leicht überhängende Wandkletterei an vielen Löchern ist hammermässig genial. Die Felsen befinden sich bei Le Groseau an der Strasse zum Mont Ventoux. Sie werden in etwa 10 Minuten Zustieg problemlos erreicht. An warmen Tagen gereicht es zum Vorteil, dass sie nach Nordwesten exponiert und daher bis um etwa 14.00 Uhr im Schatten liegen. Erwähnt sei aber auch, dass sie dem Mistral extrem exponiert sind. An unserem Klettertag hier genossen wir beste Verhältnisse, ein zweiter Besuch lag aber an den windigen Tagen danach nicht mehr drin. Das Routenangebot reicht von 4c-8b, die Routenlängen bewegen sich meist von 20-30m. Wir beschränkten uns hauptsächlich auf den Sektor En Bas, wo man im Bereich 6b-7b mehr als nur glücklich wird. 

Ein Blick aus der Ferne auf den Rocher du Groseau mit seinen beiden Hauptsektoren. Ein wirklich cooles Gebiet!
Mit schon ein paar Klettertagen in den Armen startete ich hier einmal gemütlich mit Mon elle du désir (6b+), eine wirklich schöne Löchertour, gar nicht so einfach. Die daneben gelegene Show Chaud (7a) fand ich gar nicht so viel schwerer. Klar, bei den 2-3 weiten Lochzügen im Mittelteil heisst's kurz Guzzi geben, der Rest ist dann deutlich gemächlicher. Ähnlichen Charakter hat auch Respire (7c+). Hier ist der Mittelteil mit seinen scharfkantigen, seichten Löchern bereits unangenehm trittarm, etwas schmerzhaft und erst noch Runout - da muss man richtig wollen. Im Vergleich dazu wieder grossen Genuss gab's in der Hammerroute Politicopourri (7b). Anhaltend und immer wieder technisch verzwickt geht's hier an Löchern und Löchlein zur Sache, super flowig, homogen und einfach genial. Journée de merde (7a+) gleich daneben ist ähnlich im Stil, wobei sich die Schwierigkeiten hier gegen das Top hin etwas zuspitzen. Im oberen Wandteil stieg ich den Kindern noch ein paar der einfacheren Plaisirrouten im Vierer- und Fünferbereich vor, diese bieten grossgriffige, recht steile Moves - durchaus eine lohnende Sache.

Nahaufnahme vom oberen Sektor. Der Fels sieht sehr unnahbar aus, bietet aber viele griffige Löcher.
Bédoin - Combe Obscure

An einem Tag, wo heftig der Mistral ging, wollten wir diesem etwas geschützten Gebiet am Südabhang des Mont Ventoux einen Besuch abstatten. Die Gegend (nur schon die Anfahrt!) ist malerisch, der Ausgangspunkt allerdings gar nicht mal so einfach zu finden. Dort, wo der Wanderwegweiser nach Le Paty zeigt, kann man eine raue Strasse in bester Rätikon-Manier noch für einige Hundert Meter mit dem Auto verfolgen. Es lohnt sich allerdings kaum, besser man nimmt gleich eine der raren Parkmöglichkeiten an der Hauptstrasse. Von dort sind es ca. 20 Minuten über einen etwas gerölligen, leicht ansteigenden Wanderweg durch die Combe zu den beiden nur etwa 50m auseinander liegenden Klettersektoren. Wir wählten den etwas steileren rechten, da dort es dort auch einige Touren im siebten Franzosengrad gibt. Alles in allem sind total etwa 50 Routen von 4a-7c+ vorhanden. Erwähnt sei, dass ich von diesem Gebiet in Bezug auf die Kletterei etwas enttäuscht war. Der Fels ist zwar in der Tat bombenfest und weist viele Henkelschuppen auf. Die logischen und sicher auch sehr lohnenden Routen, welche durch diese griffigen Zonen führen, sind dann aber eher im 5c/6a-Bereich. Wo diese fehlen, ist der Fels dann jedoch sehr wenig strukturiert, irgendwie auch übel glatt und es ist sofort sauschwer. So kommt es für den Hardmover, dass er sich auf einer definierten 7b abmüht, während man 2m daneben an guten Griffen bei gleicher Steilheit easy im 6a-Bereich hochspazieren könnte.

Der rechte Sektor in der Combe Obscure, die längsten Routen erreichen 35m. Das verzinkte Hakenmaterial enthält einen für die Mikroben am Fels giftigen Stoff. Deren Leichen sorgen dann für die unästhetischen weissen Striemen am Fels. Ein Grund mehr, rostfreies Material zu verwenden.
Kathrin in der Elegance (6b+), rechts daneben in der superkompakten, strukturarmen Platte befindet sich die Mariotte (7c+).
Speziell zu erwähnen ist noch der Kindersektor, welcher etwa 2-3 Minuten weiter oben in der Combe liegt. Hier gibt's rund 30 für Kinder eingebohrte Routen von bis zu 20m Länge, mit Schwierigkeiten vom unteren dritten bis in den oberen fünften Grad. Auf 20m Kletterlänge stecken auch im einfachen Gelände so ~10-12 Bolts, so dass man die Kleinen hier wirklich bedenkenlos vorsteigen lassen kann. Ansonsten ist's ja oft so, dass für Kinder nicht nur die Haken eh schon etwas weit auseinander sind, sondern sie (da für Erwachsene platziert) auch meist noch sehr heikel anzuklettern und einzuhängen sind. Tja, unsere Kinder klettern, ganz OK aber irgendwie auch nicht übermenschlich gut. Zumindest aus meiner Perspektive scheint das so. Für den entsprechenden Kontrast sorgt hier eine französische Jugendgruppe. Es gibt 8-10 Jährige, welche sich äusserst ungelenk bewegen, für jeden Handgriff Betreuung brauchen, undsoweiter. Da fällt mir erst auf, wie meine Goofen sich gegenseitig selbständig sichern, sich komplett selber aufschirren und anseilen (natürlich mit etwas Abstand mit scharfem und wachsamem Auge beobachtet) und im Vergleich dazu klettern, als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht. Natürlich unterscheiden sie sich erst recht in Bezug auf den typischen Sportkletter-Habitus von den anderen Kids, so muss beim Ablassen natürlich demonstrativ noch der eine oder andere Griff mit der Zahnbürste geputzt werden... so fällt mir wieder einmal auf, dass alles, aber auch wirklich alles kopiert wird. 

Cool kid, easy going.
Noch kurz zu den von mir gekletterten Routen: 4487 avant JC (7a) bietet 5c/6a-Kletterei bis auf 1 weiten Move an einer scharfen, kleinen Leiste in der Steilzone. Saxo (7a+) unmittelbar daneben mehr oder weniger dito, wobei man hier in der Steilzone 1x trittarm von zwei seichten Löchern dynamisch in ein ultrascharfes Loch (Autsch!!!) zieht. Qui fait la Police (7b) hat neben viel 6a-Kletterei auch noch eine witzige, definierte Crux zu einem Untergriff hin und darüber hinweg. Die durchaus zahlreichen Griffe an den Rissreihen 1m links und rechts sind jedoch tabu. Ebenfalls klettern konnte ich die Mariotte (7c+). Hier führt ein kurzes Stück (wo man immerhin unmöglich ausweichen kann) über eine irre glatte Platte. Zwei rasiermesserartige Kleingriffe schlitzen hier die Pfoten auf, die Schwierigkeit hängt sicher stark davon ab, ob man für den Move an die distante Liste oberhalb auf dem tiefen und einzigen vernünftigen Tritt in weitem Umkreis bleiben kann oder nicht. Nominell gesehen der grösste sportliche Erfolg dieser Ferien, allerdings zu welchem Preis... Doch loslassen konnte und wollte ich dennoch nicht.

Der Cruxgriff in der Mariotte (7c+) ist klein, scharf wie ein Rasiermesser und schält die Haut bis aufs Blut.