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Mittwoch, 31. Januar 2018

Skitour Zapporthorn (3155m)

Nachdem ich am Vortag am Sparta Boulder Fight die Haut- und Kraftreserven bis auf die letzte Faser ausgereizt hatte, war es zur Erholung wieder einmal Zeit für eine zünftige Skitour. Aufgrund der Problematik der Gleitschneelawinen in tieferen Lagen sowie den Berichten von rumplig gefrorenen Regenrillen und/oder fiesem Bruchharsch-Deckel in den Voralpen schien es mir empfehlenswert, auf höhere Lagen auszuweichen. Weil zudem von Norden auch noch eine Front reindrücken sollte, besann ich mich schliesslich auf ein Ziel an der Südabdachung vom Alpenhauptkamm. Soweit die Ausgangslage - wie die Bilder zeigen, ging schliesslich alles wie erhofft auf.

Rückblick zum Ausgangspunkt San Bernardino, die Passstrasse und das Ca de Mucia sind erkennbar.
Die Tour beginnt unmittelbar beim Südportal vom San-Bernardino-Tunnel, wo man auf die alte Passstrasse abzubiegen hat. Auf dieser noch wenige Hundert Meter weiter, bis zum Campingplatz auf ca. 1680m ist die Strasse geräumt und befahrbar. Man folgt dieser über ca. 3km Distanz bis zur Kehre bei P.1909, unmittelbar nach dem Wägerhaus (Ca de Mucia). Dieser Abschnitt wird mit Pistenfahrzeugen als Winterwanderweg präpariert. Wie es mir schien, war die halbe Südschweiz hier mit ihren Ciaspole auf den Füssen, es waren wirklich Dutzende von Schneeschuhwanderern, welche ich bis zum Abzweig der Strasse überholt hatte. Danach wird's aber schlagartig einsamer. Von weitem war ich mir gar nicht sicher, ob in Richtung Zapporthorn bereits gespurt wäre. Wie sich zeigte, waren aber dann doch 5 Personen vor mir unterwegs - am Vortag war der Gipfel jedoch noch unbegangen geblieben.

Weite Hänge, viel Sonne, Einsamkeit und viele Berge rundherum. Wunderschön!
Das Gelände bis unter den Gipfelstock ist einfach zu begehen. Es warten keine Steilhänge, dafür weitere ~5km Distanz und rund 1100hm Höhengewinn. Die weiten Hänge von Coston de Mucia könnte man als langweilig bezeichnen. Ich fand den Aufstieg in der herrlich weiten, sonnigen und einsamen Landschaft aber als sehr schön. Zum Schluss sind dann doch noch einige Spitzkehren nötig, bis man zur Mündung des Couloirs auf ca. 3040m gelangt. Hier, am Fusse einiger Felsen war es bei Windstille und perfekter Sonneneinstrahlung angenehm warm, ideal für eine Pause und das Skidepot also. Ich entschied mich allerdings, die Skis auf den Rucksack zu schnallen, da das Couloir sehr gut eingeschneit war und mir per Ferndiagnose für eine Abfahrt tauglich erschien. 

Ein solches Foto zu publizieren und zu behaupten, die Tour sei ein grosser Genuss gewesen, das ist ja so in etwa der ziemlich grösste denkbare Widerspruch. Tatsächlich ging am Gipfel ein zügiger Wind, welcher die Vollmontur erforderte. Davor war's jedoch sehr mild und angenehm gewesen.
Obwohl es an sich nicht mehr sehr weit zum Gipfel war, erforderte der Schlussabschnitt dann doch nochmals etwas Einsatz. Zwar war der Schnee recht gut, aber das Gelände ist steil (>45 Grad) und so kam es doch immer mal wieder zum "ein Schritt vor, zwei Schritte zurück". Einmal am Grat angekommen machten sich dann ganz viele Luftmoleküle bemerkbar, welche es offenbar sehr eilig hatten, vom bewölkten Norden auf die sonnige Alpensüdseite zu reisen. Hatte ich die ganze Tour bis dahin in leichter Kleidung absolvieren können, so war von der einen auf die andere Sekunde die Vollmontur gefragt. Immer wieder verblüffend, was der Windchill für Effekte hat. Über weitere Schneehänge und ein paar nur knapp eingeschneite Felsen gelangte ich auf einen ersten Gratgipfel. Zwei Vorgänger hatten hier kehrt gemacht (die anderen Tourengänger bereits beim Skidepot). Ich nahm mir noch die Mühe, zum ca. 100m entfernten (vermutlich) echten Gipfel zu spuren. Mutmasslich befindet sich der höchste Punkt erst ganz westlich - allerdings handelt es sich höchstens um 1-2m Differenz und neue Einblicke gewinnt man auch keine, somit eine eher fakultative Aufgabe.

Die Abfahrt durchaus überzeugend, der nicht allzu tiefe Schnee in diesem Gelände ideal. Hinter der Gipfel.
Nach Genuss des fabelhaften Panoramas machte ich mich auf den Weg zurück. Mit der ganzen Exposition vor Augen fühlten sich die knapp verschneiten Felsen am Gipfelgrat gleich ganz anders an. Heute ging's gut ohne die Eisen und den Pickel (welche ich im Rucksack dabei hatte). Bei schlechteren Bedingungen wird man aber zweifelsohne darauf angewiesen sein. Nach diesem Abschnitt schnallte ich die Skis an die Füsse. Das Couloir liess sich tatsächlich gut befahren - ehrlich gesagt war es jedoch (da steil und eng) weder besonders genussreich und viel schneller war's im Endeffekt auch nicht. Somit war das eher eine Aktion für ein bisschen Nervenkitzel (wobei es mir weder sonderlich exponiert noch gefährlich schien) und um danach notieren zu können, unmittelbar unter dem Gipfel mit den Ski losgefahren zu sein. Die folgenden Hänge von Coston de Mucia machten dann aber sehr viel Freude. Der Schnee war gesetzt und vom Wind gepresst, jedoch durfte man wirklich von gut zu drehendem Pulver sprechen. Eigentlich war's sogar ideal für dieses nicht allzu steile Gelände, in tiefem Neuschnee hätte es weniger Spass gemacht. Die letzten Hänge zur Passstrasse hinunter wiesen dann sogar einen leichten Deckel auf, waren jedoch weiterhin gut fahrbar. Zuletzt ging's zügig auf der gepisteten Strasse, noch immer an vielen Wanderern vorbei, retour zum Ausgangspunkt - dieser Ausflug hatte sich heute sehr gelohnt!

Facts

Zapporthorn (3155m) ab San Bernardino, 1500hm Höhendifferenz und gut 8km Distanz
Ski-Schwierigkeit bis zum Skidepot auf 3040m WS, Couloir mit Ski S oder WS+ zu Fuss
Alpine Ausrüstung (Steigeisen, Pickel) ausser bei idealen Bedingungen meist erforderlich
Fazit: sehr schöne, sonnige, eher flache Tour, ziemlich lang aber bis auf das Couloir unschwierig

Freitag, 26. Januar 2018

Moderne Zeiten

Moderne Zeiten - 100 legendäre Freikletterrouten in den Alpen, so heisst das zu Weihnachten 2017 neu erschienene Buch aus dem Panico-Verlag, welches eine Mischung zwischen Bildband und Kletterführer ist. Ich konnte den beiden Autoren Achim Pasold und Ralph Stöhr in verschiedener Hinsicht dienlich sein, sei es mit Wandfotos, Routenverläufen, Topos, Zugangsinfos und historischem Wissen. So sind die modernen Zeiten auch ein klein wenig mein Projekt, weshalb an dieser Stelle eine Präsentation folgt. Inspiriert ist das Buch ganz klar vom Klassiker dieses Genres, Walter Pauses "Im extremen Fels", welches ja kürzlich ebenfalls vom Panico-Verlag neu aufgelegt wurde. Während jenes Werk (vorwiegend) auflistet, was in den 1970er-Jahren State of the Art der Kletterei in den Alpen war, so verfolgt Moderne Zeiten ein anderes Konzept. Ein Buch mit den 100 alpenweit schwierigsten MSL-Touren würde heute wohl keine einzige Route unter dem 10. UIAA-Grad (8b) mehr enthalten. Für ein solches Werk würde man sicherlich nicht manchen Käufer finden, welch ein Verlustgeschäft. Somit stellten die Autoren (wie sie es im Editorial selber deklarieren) vor allem die Nachvollziehbarkeit der präsentierten Routen ins Zentrum. Sprich, es sollten 100 Kletterrouten sein, welche für ambitionierte Amateure machbare Traumziele darstellen.

Links die limitierte Deluxe Edition (90 Euro), rechts das Buch (48 Euro) mit Babsi Zangerl auf dem Cover.
Daraus geworden ist ein sehr breites Spektrum an Routen. Einerseits sind da frühe Freikletterwege mit alpinhistorischer Bedeutung und spärlicher oder anspruchsvoller Absicherung präsent wie z.B. die Pumprisse (Wilder Kaiser), die Supertramp (Bockmattli), Locker vom Hocker (Wetterstein) und die namensgebende Moderne Zeiten (Marmolada). Ebenso gibt's beliebte und begehrte Perlen des alpinen Sportkletterns, welche jedoch ohne grössere Bedeutung für die Klettergeschichte sind, z.B. Voyage Selon Gulliver (Grand Capucin), Gletschersinfonie (Wellhorn), Caminando (Wendenstöcke) oder die Ottovolante (Dolomiten). Doch das Spektrum dehnt sich noch weiter bis hin zu zwar durchaus lohnenden, jedoch eher wenig charaktervollen Plaisirrouten wie z.B. Chryz und Quer (Chli Glatten), Rialto (Rätikon) oder der Ultima Tule (Hexenstein/Dolomiten), wo das Prädikat legendär dann sicherlich diskutabel ist. Nun gut, über die Routenauswahl in einem 100er-Sammelband könnte man ganz allgemein endlos und abendfüllend diskutieren - meine im Lauf der Zeit angefertigte Excel-Liste sieht jedenfalls nicht deckungsgleich aus, doch "die Liste" mit welcher ein jeder Kletterer übereinstimmen würde kann es doch gar nicht geben. Dem einen "legendär" ist dem anderen "wahnwitzig" und dem dritten "zu anspruchsvoll" ist der vierten bloss eine Eingehtour.

Das Inhaltsverzeichnis.
Während ich im oberen Abschnitt vor allem über die Bandbreite der beschriebenen Touren geschrieben habe, so ist es dennoch der Fall, dass die Anforderungen insgesamt ziemlich homogen sind. Für mich persönlich sind es schwierigkeitsmässig beinahe durchgängig attraktive Ziele. Sprich, bei guter Absicherung geht's bis hinauf zum Grad 7b+ (die Deep Blue Sea am Eiger dürfte die anspruchsvollste Tour sein), während man beim nahezu cleanen Big Wall Abenteuer wie der Don Quijote an der Marmolada sicherlich auch mit dem Grad 6a bedient ist. Geografisch hingegen findet man dann wiederum eine sehr grosse Bandbreite: von den 100 Touren befinden sich 5 weit im Südwesten Frankreichs, 5 in Chamonix, 29 in der (leicht vergrösserten ;-)) Schweiz, 13 in den Dolomiten und die restlichen 48 befinden sich in Österreich oder knapp daneben in Deutschland. Geboten wird einem zu jeder Tour ein witziger Text mit Anekdoten, Historischem und Wissenswertem, ein (allermeistens) qualitativ sehr hochwertiges Wandfoto und Kurzinfos zu Zustieg,  Zeitbedarf und Absicherung. Richtige Topos sind im Buch nicht enthalten. Der grobe Routenverlauf wird mit einer handgefertigten Bleistiftskizze plus einer teils etwas gar kurz ausgefallenen Charakterisierung der einzelnen Seillängen beschrieben (z.B. "Wand zu Schuppe, leichtes Gelände, überhängende Wand mit Dach, 3 SL (7+, 3, 8/8+)"). Es ist jedoch in jedem Buch ein persönlicher Zugangscode enthalten, mit welchem man auf der Panico-Webseite zu jeder Tour ein detailliertes Topo und weiterführende Informationen abrufen und ausdrucken kann.

Die Deep Blue Sea als Beispieltour - mit Text und Bild von Yours Truly.
Neben der Normalversion des Buchs, welche für 48 Euro zu erwerben ist, gibt's auch 777 handsignierte Exemplare der Deluxe-Version für 90 Euro. Hier gibt's in einer Box neben dem Buch auch gedruckte Topos, das unterhaltsame Spiel "Kletterreise durch die Alpen", ein grossformatiges Poster und ein Postkartenset. Nach meiner persönlichen Meinung lohnt sich ein Kauf auf jeden Fall! Genau einen Viertel der 100 Touren habe ich schon begangen, bei 10 weiteren habe ich in derselben Wand schon unmittelbar benachbarte, vergleichbar anspruchsvolle Routen geklettert. Die allermeisten vom Rest bieten für meinen Geschmack höchst attraktive Ziele und während ich von den Wänden in Frankreich, in der Schweiz und in Italien schon die Mehrheit kenne, so sind es von jenen in Deutschland und Österreich noch genau null. Da verbleibt also noch ein bisschen etwas zu tun :-) und da haben mir die Modernen Zeiten wahrhaftig die Augen für manch tolle Felswand geöffnet.

Samstag, 20. Januar 2018

Arête des Sommêtres

Wer kennt das nicht auch?!? Draussen finden goldene Herbsttage statt, jedoch halten einen berufliche und sonstige weltliche Verpflichtungen davon ab, das tolle Bergwetter gebührend zu nutzen. Ja, mir geht's genau gleich. Trotzdem hatte ich für einmal Glück, führte mich doch ein Business Trip zumindest in die Nähe des Juras. Somit wollte ich auf dem Heimweg "no chli go laufe", so zumindest verabschiedete ich mich von meinen Kollegen. Mein Ziel war die Arête des Sommêtres, im neuen Plaisir Jura als sehr lohnende, 1200m lange Kletterei im Grad 3b beschrieben.

Die Arête des Sommêtres, gesehen aus dem Zustieg. Es handelt sich dabei jedoch nicht um die gesamte Kletterstrecke, sondern nur um einen Teil davon. In den Südwänden gibt's darüber hinaus auch  noch viele Klettereien, es handelt sich um einen verzweigten, etwas unbequemen Klettergarten.
Ein wenig unterschätzt hatte ich die abgelegene Lage im äussersten Nordwesten der Schweiz. Die Zugfahrt bis dahin zieht sich doch ziemlich in die Länge. Allerdings führt sie durch die äusserst sehenswerte Gegend der Freiberge/Franches Montagnes, wo ich mich bis anhin noch nie herumgetrieben hatte. Anyway, ich führte sowieso das ganze Büro mit, weshalb die Anreisezeit nebst den Blicken aus dem Fenster auch noch gut zur Arbeit genutzt werden konnte. Um 14.20 Uhr ging's schliesslich am Bahnhof von Le Noirmont los. Leider konnte ich vor Ort keine Schliessfächer entdecken und für eine Depotmöglichkeit lange herumsuchen oder -fragen wollte ich auch nicht. Somit kamen also notgedrungen Computer, Unterlagen und Arbeitsklamotten mit auf die Tour.

Die schwierigste, anhaltendste und vermutlich auch zwingendste Kletterstelle folgt unmittelbar nach dem Einstieg in dieser etwa 25m langen Verschneidung, die so im mittleren dritten Grad anzusiedeln sein dürfte. 

Rückblick auf den ersten Teil des Grats, der hier mehr nach einem bewaldeten Rücken aussieht.
Zuerst läuft man durchs Dorf in Richtung der Kirchen, um dort auf die Rue du Pylon einzubiegen (die Skizze im Plaisir Jura ist exzellent). Zügigen Schrittes ging's in die Combe von Les Sommêtres, wo schliesslich der Grat sichtbar wurde - wobei man aufgrund seiner enormen Länge von nirgends die ganze Route überblicken kann. Der Weg führt zum grössten Teil abwärts, bis man in der markanten Linkskurve oberhalb von P.815 einem ausgeprägten Trampelpfad nach links hinauf folgt. Dieser führt zum Einstieg, welcher sich im markanten Sattel zwischen P.909 und P.930 befindet. Bis hierhin war gerade eine halbe Stunde verstrichen. Während ich ein paar Kletterfinken mit dabei hatte, entschloss ich mich erst einmal mit den Trailschuhen loszusteigen - schliesslich blieb ich für die ganze Tour dabei, es ist definitiv das geeignetere Schuhwerk als die Kletterfinken.

Tiefblick hart am Abgrund ;-) Trailschuhe sind hier definitiv das bessere Schuhwerk wie Kletterfinken.

Rückblick auf einen der schwierigeren Abkletter-Boulder unterwegs. Wer möchte, kann die Stufe am Baum abseilen.
Die schwierigste und anhaltendste Kletterstelle folgt unmittelbar nach dem Beginn. Nachdem man von der Nordseite her auf den Grat gekraxelt ist, geht's über ca. 30m in einer schönen, steilen Verschneidung aufwärts. Wie mir schien, lässt sich diese 3b-Stelle auch nicht (bzw. zumindest nicht ohne grösseren Aufwand) links oder rechts umgehen. Aber eigentlich ist's ja auch ganz gut so, denn wenn man diese Stelle gemeistert hat, so wird man mit dem Rest keine Probleme haben. Danach folgen im Wechsel teils Gehgelände mit deutlichen Wegspuren, Kraxelei und hin und wieder auch ein paar Kletterstellen. Erwähnt sei, dass nach der Einstiegspassage die schwierigsten Stellen meist im Abstieg zu klettern sind. Vorwiegend handelt es sich dabei jedoch um kurze Boulder und besonders exponiert sind diese Stellen in der Regel auch nicht. Für jene, die ein Seil dabei haben, lassen sich diese Abkletterpassagen auch abseilen, meist steht genau an der richtigen Stelle ein Baum.

Ein weiterer Kraxel-Aufschwung. Vieles wäre auch linksherum in Schrofen und Wald umgehbar.

Der letzte Abschnitt des Grat mit dem berühmten, jedoch nicht sehr markanten Rasiermesser im Vordergrund.
Ich gelangte in einen tollen Kletterflow und die Stellen am Grat zogen nur so an mir vorbei. Wobei erwähnt sei, dass die markanten Passagen eben weitgehend fehlen, auch wenn man sich wie ich permanent an die Gratkante hält. Selbst das Rasiermesser kurz vor Schluss fand ich etwas enttäuschend, im Prinzip kann man sogar da fast mit den Händen im Hosensack drüberspazieren. Jedenfalls tauchte schon bald das Gipfelkreuz auf. Der letzte Aufschwung kann direkt über die linke Kante gemeistert werden (im Topo 5a, BH, m.E. deutlich einfacher), so kriegt man nochmals etwas steilen Fels unter die Finger, alternativ auch durch die einfache Rinne rechts davon. Nach 58 Minuten stieg ich über die Reling beim Aussichtspunkt und die Arête des Sommêtres lag hinter mir. Nach einem Rundblick über die schöne Gegend und einem Besuch in der schönen, heimeligen und stets offenen Hütte der GAFM unmittelbar unter dem Gipfel ging's gleich weiter Richtung Bahnhof. Gerade zwei Stunden nach meinem Aufbruch war ich wieder dort. Es reichte noch komfortabel, um sich Getränke zu kaufen und zurück in den Business-Mode zu schalten, womit ich die weite Heimfahrt erneut als Arbeitszeit nutzen konnte.

Die auf den Grat gebaute Hütte der GAFM, welche sich unmittelbar unter dem Gipfel befindet. Sie ist stets offen.

Heimelige Sache! Die Lage eignet sich aber wohl besser, um Feste zu feiern als für ernsthaften Alpinismus.

Facts

Arête des Sommêtres 3b - 1200m Kletterlänge

Langer Jura-Kraxelgrat in schönem und solidem Fels. Es handelt sich um eine Mischung von Geh-, Kraxel- und etwas Klettergelände. Länger anhaltende Stellen im Fels gibt's nur wenige und deren Schwierigkeiten sind überschaubar. Wenn man die Tour in Seilschaft angeht, kann man sich durch den ständigen Wechsel von Klettern, Gehen und Abseilen bestimmt ziemlich lange verweilen. Wer sich gar durchgehend sichern möchte (was aufgrund der oft minimalen Schwierigkeiten und nicht vorhandener Exposition definitiv nicht sinnvoll oder nötig ist), darf sich auf eine Unternehmung von 40+ Seillängen einstellen. Am lohnendsten ist es sicher, wenn man sich die Tour seilfrei zutraut. Aufgrund vom soliden Fels, der wenig anhaltenden, gut gestuften und griffigen, kontrollierbaren Kletterei ist dies definitiv kein Himmelfahrtskommando. Details und ein Topo findet man wie erwähnt im Plaisir Jura von 2017

Freitag, 12. Januar 2018

Jahresrückblick 2017

Wieder einmal ist es Zeit für den traditionellen Jahresrückblick, dieses mal aufs 2017. Vielleicht ist es dieses Mal fast einfacher zu sagen, was ich nicht gemacht habe: keine Nordwand, keine Pausetour, kein 4000er, kein Chamonix-Trip, undsoweiter. Wer also vor allem Interesse an alpinen Trophäen hat, der kann eigentlich schon weiterklicken. Wenn ich das Jahr 2017 charakterisieren müsste, so wäre wohl "im Zeichen der Familie" der passende Slogan. Wir haben gemeinsam auf dem Gletscher biwakiert, Routen eingebohrt, an Kletterwettkämpfen teilgenommen, ausgiebig MSL geklettert und Trips in Sportkletter-Hotspots wie St. Léger, Ceüse und Margalef unternommen - simply perfect! Darüber hinaus war das Jahr aber doch noch gewürzt mit einigen Highlights wie dem Silbergeier (8b+) im Rätikon, der Zahir (8b+) an den Wendenstöcken und unserer Erstbegehung Baci dal Nord (7c+/8a) im Tessin. Doch gehen wir es im Detail an...

Sportklettern

Im Gegensatz zum Vorjahr war die Frühjahressaison im 2017 viel besser, d.h. sie wurde nicht durch lange anhaltende Nässe in den Projekten und sonstige Problemchen charakterisiert. So konnte ich denn auch gleich fulminant starten und einige schwierige Routen punkten. Irgendwann in der zweiten Jahreshälfte ist mir dann das Momentum mit schnellen Erfolgen in schwierigen Routen jedoch zu Gunsten vom MSL-Klettern etwas abhanden gekommen. Daher ist es umso mehr spannend zu überprüfen, was zum Jahresende schlussendlich auf dem Konto steht. Und das sind dieses Mal 1x 8b, 1x 8a+, 7x 8a. Das wären dann 9 Routen im achten Franzosengrad, so viele wie noch nie. Im Bereich 7c/7c+ sind es 12, auf 7b/7b+ fallen 36 und in der Region 7a/7a+ sind es 91. Über alles gesehen vergleichbar mit dem Vorjahr mit ein bisschen grösserem Volumen, ich bin jedenfalls sehr zufrieden. Sportklettertrips unternahmen wir im 2017 ziemlich viele, so waren wir mehrmals im Tessin (1,2), in St. Léger, in St. Loup, in Reutte/Tirol, in der Region Chiavenna/Bergell/Engadin (1,2,3), in der Dauphiné und in Ceüse und zuletzt in Siurana und Margalef. Ebenfalls in diese Rubrik lasse ich die Teilnahme an diversen Wettkämpfen einfliessen. Angefangen hat alles mit dem Ticket to Rockstars, weiter ging's mit dem Eröffnungswettkampf der Boulderhalle Näfels, dem Contest zum Blockfeld-Jubiläum und schliesslich der Zürcher Klettermeisterschaft. Nunja, als alpin aufgewachsener Oldie bin ich hier ein wahrer Exot und grosse Erfolge zu erwarten wäre mehr als vermessen. Schlussendlich hat aber überall die ganze Familie teilgenommen und wir hatten extrem viel Spass dabei. Alle waren immer angespornt, auf den Punkt ihr bestes zu geben und einige gute Platzierungen sind dabei denn auch herausgekommen. Und wenn nicht, dann erfreuen wir uns am olympischen Geist, dass mitmachen wichtiger als gewinnen ist. Wenn ich jetzt aber erzählen würde, was wir an diesen Wettkämpfen alles an Sachpreisen abgeräumt haben, da würde bestimmt mancher neidisch werden - in diesem Sinne herzlichen Dank allen Organisatoren und Sponsoren dieser Events.

Kaum bekannt, aber ein wirklich cooles Gebiet das wir bei unserem Auffahrtstrip 2017 besucht haben: das Gsperr in der Gegend von Reutte. Landschaftlich sehr schön am klaren Fluss gelegen, der Canyon würde jetzt durchaus in einen Nationalpark der USA passen. Und gleich um die Ecke konnten wir unsere Nüsse knacken... :-)

MSL-Klettern

An MSL-Routen bin ich (ohne Bohrtage und dem Punkten selber eingebohrter MSL) zwischen 12. März und 21. Oktober insgesamt 27 Stück geklettert, wovon bereits 10 Stück mit der Familie waren. Klar, noch handelt es sich bei den letzteren vorwiegend um Unternehmungen im Plaisir-Bereich, wobei mit Routen wie der Ecrins Total (5c+) und der Albigna-Kombi Wassersinfonie/Piz dal Päl (6a, Beitrag folgt) bereits längere Unternehmungen dabei sind, welche durchaus einen gewissen alpinen Stellenwert aufweisen. Auch ist inzwischen genügend Routine vorhanden, dass in Seilschaft von 1 Erwachsenen mit 1 Kind sicher, effizient und zügig MSL geklettert werden kann. Nachdem die Kinder in den letzten Monaten klettertechnisch sprunghafte Fortschritte erzielt haben und es vorkommt, dass (indoor) auch mal eine 6a+ geflasht und als "einfach" oder "eher nur 5c+" bezeichnet wird, werden sich die MSL-Möglichkeiten schon im nächsten Jahr massiv erweitern. Hier nun mit konkreten Projekten zu prahlen wäre verfehlt, abgerechnet wird im Nachhinein. Erwähnt sei aber das Beispiel von Jim Herson (Half Dome RNWF in a day als die Kinder 9 waren, Nose in a day als die Kinder 12 waren) und vor allem die Freude und Begeisterung, welche seine Berichte und Fotos ausstrahlen. Wenn mir das keine Inspiration ist... Bei den MSL ohne Familie stechen natürlich die bereits erwähnten Routen Silbergeier (8b+) und Zahir (8b+) heraus - wobei diese ehrlich gesagt die Projekte von meinem Kletterpartner Dani waren und ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten hinterhergekämpft habe. Trotzdem unvergesslich, an diesen Geräten einmal Hand anlegen zu dürfen. Über 10 weitere MSL habe ich bereits Blogs verfasst, einige sehr interessante Geschichten bedürfen jedoch noch der Publikation. Konkret sind dies: Chöpfenberg, Isenburg (7c+); Wiss Stöckli, Grüter/Müller (7a); Dent de Ruth, Dealer (7a+); Rätikon, Schwarzer Diamant (7a+) und Freiheit, Rote Freiheit (6b+). Wir werden sehen, vielleicht finde ich noch die Zeit dafür, über diese Touren Beiträge zu tippen. Grosse Erlebnisse waren es auf jeden Fall allesamt.

Das Rätikon ist ein Garant für perfekten Kalk. Hier mit Kathrin in der neu fertiggestellten Schwarzer Diamant (7a+).

Bohren

Hier gilt es ganz klar zu sagen: im 2017 wurden Dinge realisiert, von welchen ich vor einem Jahr bestensfalls geträumt habe, oder die ich mir nicht einmal ausgemalt hätte. Einmal als Familie eine Erstbegehung zu machen, das war tatsächlich ein Traum. Dieser ist nun gleich mehrfach Realität geworden. Zuerst mit der 3-SL-Plaisir-Route Sunshine Reggae (5b) am Gamstritt in Partnun, später konnten wir dann mit der 5-SL-Plaisir-Route Geisterbahn (5a, Bericht folgt) am Seeflüeli in Partnun sogar eine noch bessere Linie finden. Aber das ist noch nicht alles - als ich zuhause von einem potenziellen Bigwall-Projekt schwärmte und dabei gleichzeitig über die Mühe klagte, dafür einen geeigneten Partner zu finden, da befand meine Tochter mit einer Mischung von Hilfsbereitschaft, Begeisterung fürs Klettern und kindlicher Naivität: "Papi, du kannst ja einfach mit mir gehen". Ich erklärte dann ein bisschen genauer, was das heisst - es schien ihr zu wenig abschreckend, das Angebot blieb bestehen. Stellte sich noch die Frage, ob ich bei einer meiner mutmasslich anspruchsvollsten, jedoch sicher längsten Erstbegehung tatsächlich mit einem Kind angreifen wollte. Aber eigentlich geht's ja beim Klettern genau darum, Herausforderungen zu überwinden und das unmöglich erscheinende zu realisieren - am Fels und im übertragenen Sinn. Also waren wir kurz darauf das erste Mal unterwegs, d.h. das Lanciamira-Projekt ist gestartet. Weiter gehört in diese Rubrik auch die Baci dal Nord (7c+/8a) an der Parete d'Iragna im Tessin. Diese Semi-Trad-Linie ist definitiv eine meiner coolsten Erstbegehungen. Die Mischung von abgefahrenen Wandstellen und cleanen Rissen ist total begeisternd, eine wahre Perle in meinem Palmares. Im Klettergarten habe ich hingegen nur eher wenig gebohrt, 2 Routen auf der Galerie und 2 auf der Deponie. 

Das macht Laune! Impressionen aus unserer Familien-Erstbegehung Geisterbahn (5 SL, 5a) im Rätikon.

Skitouren

Extrem viel gibt es hier nicht zu schreiben, auch wenn die Aktivität im Vergleich zum Vorjahr etwas höher war. Im Januar/Februar sowie im November/Dezember 2017 lag Schnee bis in tiefe Lagen, deshalb waren vor meiner Haustür Touren möglich. Diese brauchen keine Anfahrt, nur wenig Zeit und laufen eher unter der Rubrik "Alltagsaktivitäten" - auch wenn's natürlich jedesmal ein tolles Erlebnis ist und doch manch guter Pulverschwung zusammen kommt. Ohne es ganz genau benennen zu können, habe ich auf diese Weise ca. 30 Touren angegangen. So ganz "richtige" Skitouren mit allem Pipapo gibt's auch ein paar erwähnenswerte: die geniale auf den Piz Calderas, den April-Powder am Mutteri und die unverhoffte Clariden/Tüfelsjoch-Kombi. Saisonende war am 11. Juni mit der hammermässigen Familien-Biwaktour auf dem Rhonegletscher, wobei der Limistock (3189m) bestiegen wurde. Wieder los ging's am 14. November stimmungsvoll am Fanenstock und die originelle, kombinierte Ski- und Flugtour zum Näbelchäppler am Heiligabend 2017 fällt auch in diese Rubrik. Insgesamt ein Strauss an tollen Erlebnissen auf Ski, wozu für mich natürlich auch die vielen gemeinsamen Familien-Skitage auf den Pisten gehören.

Die wunderbare Frühlingstour zum Piz Calderas (3397m) gehört zu den Skitouren-Highlights im 2017.

Eis- und Mixedklettern

Im Januar 2017 gab's eine Kältephase, wo auch in tieferen Lagen der Alpennordseite wieder einmal ziemlich gute Bedingungen herrschten. Leider war sie nicht sehr langlebig und schon vorbei, bevor allzu viel realisiert werden konnte. Auch im Dezember 2017 wuchsen die Säulen und Zapfen überdurchschnittlich gut, so dass ich schliesslich auf total 8 Tage im Eis zurückblicken kann. Dabei konnte ich mit dem Vorstieg in Reise ins Reich der Eiszwerge (M6+) eines meiner Lifetime-Goals in dieser Spielart des Alpinismus erreichen. Daneben gelangen auch mit der Cascata da Cavloch (WI5), dem Krümelmonster im Brunnital (M8+) und dem Rattenpissoir (WI5+) rassige und renommierte Touren, während der Rest auf (natürlich ebenfalls sehr nette) kleinere Ausflüge und Trainings im Eis entfällt. Nicht weiter verfolgt habe ich im 2017 meine Drytooling-Aktivitäten - dafür war's schon früh im Jahr zu gut zum Sportklettern und auf allen Hochzeiten zu tanzen ist halt eben schwierig.

Impressionen aus der Reise ins Reich der Eiszwerge (M6+), definitiv eines meiner Lifetime-Goals.

Alpines

Hier sind wir schnell fertig: null, nix, nada. Klar wäre es schön, auch hin und wieder im Hochgebirge eine Tour zu machen oder eine Nordwand zu klopfen. Dagegen spricht das Privileg, während der alpinen Hauptsaison in den Sommerferien 5 Wochen gemeinsam mit der Familie unterwegs gewesen zu sein. Sowie natürlich die langen Abwesenheiten, die sich durch ambitionierte Alpintouren ergäben. Wenn ich bedenke, was dadurch an tollen Klettererlebnissen flöten gegangen wären, dann reut's mich nicht. Die Zeit, wo hochalpines mehr opportun ist, wird wieder kommen. Wenn auch kaum im 2018.

As alpine as it gets - ein bisschen grimmige und abenteuerliche Kletterei in der Grüter/Müller (21 SL, 7a) am Wiss Stöckli.
Wow, so entfährt es mir, nachdem ich alle diese Bergerlebnisse im 2017 beim Schreiben nochmals reflektiert habe. Ich bin höchst zufrieden, welch ein Privileg so leben zu können. Aufs kommende Jahr freue ich mich sehr, jedoch wie immer ohne konkrete Ziele zu definieren. Den Moment geniessen und dem Flow folgen, so soll es doch sein. Zuletzt möchte ich allen meinen Touren- und Kletterpartnern im 2017 herzlich für den Support und die gemeinsamen Erlebnisse danken. Besonders hervorzuheben gilt es hier meinen Vater Sepp, die viele Male uneigennützig mit mir an den Fels gekommen ist, um mich in einem Projekt zu sichern. Ein wesentlicher Teil meiner Sportklettererfolge fällt als beruflich und familiär vielbeschäftigter Mensch darauf zurück, auch kleine Zeitfenster nutzen zu können und dabei (fast) jederzeit auf einen Mitstreiter zählen zu können.



ALLES GUTE FÜRS BERGJAHR 2018 UND MIT BESTEM DANK AN MEINE PARTNER IM 2017!!!

Sonntag, 7. Januar 2018

Sportklettern in Margalef

Nachdem die Prognosen für den Jahreswechsel 17/18 hierzulande vor allem Sturm und Sauwetter verhiessen und für einmal auch im geliebten Tessin nichts zu holen war, schien uns einzig ein Trip in südlichere Breitengrade viel versprechend. Ab Zürich ist kaum eine Flugdestination in Europa so breit und günstig erschlossen wie Barcelona, also war die grobe Richtung gesetzt. Wenn das Wetter es zulassen würde, so hielten wir uns an die Gebiete ums Montsant-Gebirge, andernfalls wären auch die deutlich wärmeren Gefilde an der Costa del Sol noch gut erreichbar gewesen.

Raco de las Espadelles, einer der besten und grössten Sektoren für die kältesten Tage des Jahres. Hier findet man ganztags viel Sonne und inklusive der angrenzenden Felsen (nicht alle sichtbar auf dem Foto) ca. 300 Routen.
Das Schicksal wollte es schliesslich so, dass wir bis auf 2 Tage in Siurana zu Beginn ausschliesslich in Margalef kletterten. Diese Destination hatte ich bisher noch nie bereist, gefallen hat es der ganzen Familie vorzüglich. Dies insbesondere, weil es hier auf engstem Raum ein unglaublich breites Angebot vom vierten Schwierigkeitsgrad bis zum Grad 9b gibt, wobei sowohl die ganz einfachen, die mittelschweren und auch die ganz harten Geräte sehr lohnend sind. Es ist doch ziemlich einzigartig, dass das gesamte Spektrum in diesem Ausmass und einer solchen Qualität vorhanden ist. Für schon ernsthaft kletternde Kinder sind die Felsen aufgrund ihrer Beschaffenheit absolut prädestiniert - so konnten denn auch unsere beiden Kids in Margalef ihre Outdoor-Rekorde verbessern.

Golden Hour in Catalunya. Hier die Sektoren an der Cova del Cavall, der östlichen Verlängerung vom Espadelles-Felsband.
Beim Gestein handelt es sich um eine Art Konglomerat, welches jedoch mehr den Charakter von einem löchrigen Kalk hat. Positive Features wie Kiesel gibt's hier und da, meist sind sie jedoch eher klein und man hat nicht den Eindruck, sich an einem überhängenden Kartoffelacker zu befinden. Geklettert wird vorwiegend an 1-, 2- oder 3-Finger-Löchern, natürlich gibt's dann ab und an auch noch eine Kelle, wo man gleich alle Griffel versenken kann. In Bezug auf die Wandneigung gibt's von geneigten Platten bis zu dachartigen Zonen alles. In den oberen Graden dominiert jedoch stark athletische, dynamisch-brachiale und trittarme Kletterei an oft etwas schmerzhaften Löchern. Dass dies ganz und gar nicht mein favorisiertes Gelände ist, wird der versierte Blogleser bereits wissen... "Wegstehen" und Kletterstellen wegen Kraftmangel kreativ zu überlisten funktioniert in Margalef deutlich seltener wie andernorts, Blockierkraft und eine gewisse Vorliebe für Bolzerei sind da unabdingbar. Erwähnt sei auch, dass mich diese Art der Kletterei doch reichlich verletzungsträchtig dünkte: die Finger werden möglichst tief und klemmend in scharfkantige Löcher gesteckt, dann heisst's von schlechten und glatten Tritten dynamisch ziehen... wenn da zur Unzeit ein Fuss wegschlipft, puh!

Ausblick in die Weiten von Katalonien vom Sektor Cabernet bei der Ermita San Salvador. Hier kletterte ich die beinahe 40m lange und rund 10m überhängende Ausdauerroute Califate Coach (7b). Anhaltend schwierig, jedoch nie verzweifelt schwer und bevor ich abgefallen wäre, kam immer genau richtig wieder ein etwas besserer Griff, welche für die nötige Erholung sorgte. Das war definitiv die beste Route dieses Trips!
Naja, die sicherste Methode keine schwierigen Routen zu punkten ist es, gar nicht erst einzusteigen. Und genau das habe ich schliesslich in diesen Ferien gemacht... Ob den Gegebenheiten (Familie, Kletterei, Angst sich die Finger zu verletzten, ...) und dem schier unglaublichen Angebot an guten Touren schien es mir wenig erstrebenswert, hier in einer Route am persönlichen Limit um den roten Punkt zu kämpfen. Deutlich attraktiver war es da schon, sich richtiggehend durch das Angebot zu schlemmen und möglichst viele Touren zu klettern. Klar, wenn's nur um die reine Anzahl gekletterter Route ginge, dann wäre ich im fünften und sechsten Grad noch zu deutlich mehr gekommen. Aber ein bisschen spannend sollte es ja doch auch sein, weshalb ich mich vorwiegend im 7ab-Bereich betätigte. Mit Einsatz, guter Leistung und dem nötigen Quentchen Glück liegt da ein Onsight drin - tatsächlich konnte ich zum Ferienende auf 30 Routen zwischen 7a und 7b+ zurückblicken. Rückblickend kann ich nun sagen wow, das war echt cool - und in Margalef waren wir sicher nicht das letzte Mal!

Blick zur eher schattigen Seite des Tales, welches sich zum Stausee zieht. Das Felsband zieht sich praktisch rund um das Tal herum und ist fast überall lohnend zu beklettern. Darum gibt's so viele Routen auf engem Raum und auch darum findet man für jede Jahreszeit und Temperatur den passenden Sektor.
Facts

Margalef ist ein kleines Dorf in der hügeligen Sierra de Montsant, ca. 2 Fahrstunden bzw. 150km westlich von Barcelona gelegen. Es gibt ~1400 Routen, welche sich auf 82 Sektoren verteilen. Die Sektoren verteilen sich auf 2 Zonen um den Stausee und die Ermita San Salvador und sind oft sehr nahe beieinander gelegen. Vielfach ist es kein Problem, am selben Tag Touren aus verschiedenen benachbarten Sektoren zu klettern, zumal die Zustiege oft minimal sind und kaum je den einstelligen Minutenbereich überschreiten. Das Routenangebot ist wie folgt:

ca. 150 Routen in den Graden 4 und 5
ca. 450 Routen im sechsten Franzosengrad
ca. 500 Routen im siebten Franzosengrad
ca. 300 Routen im achten Franzosengrad
ca. 20 Routen im neunten Franzosengrad

Wie man sehen kann, ist vor allem auch die Dichte an schwierigen Routen enorm. Über deren Qualität kann ich (ausser, dass sie beliebt sind) nicht wirklich etwas sagen. Die einfacheren Routen sind jedoch meist sehr lohnend und wie bereits erwähnt, findet man auf engem Raum oft gute Touren in allen Graden. Viele Routen sind eher kurz, kräftig und daher mit fränkischem Charakter (80% der Routen sind kürzer als 20m). Andererseits gibt's aber auch krasse Ausdauergeräte wie z.B. die 50m lange Era Vella (9a), wo angeblich kein Move schwieriger wie Fb 7B sein soll, dies jedoch dann unglaublich anhaltend.

Der Stausee mit weiteren Felsen, welche jedoch noch wenig erschlossen sind. Alles, was mehr als ein paar Minuten vom Strassenrand weg ist, gilt als eher exotisch... das Potenzial für zusätzliche Routen ist hier sicher noch enorm.
Margalef ist auf ca. 600-800m gelegen und ein Ganzjahres-Gebiet. Es gibt eine grosse Auswahl von sehr sonnigen, halbschattigen und ganztags schattigen Felsen. Nun gut, zur Badesaison wird man hier vermutlich doch eher alleine sein, aber von September bis Mai findet man sicher immer einen Fels mit guten Bedingungen. Erwähnt sei, dass es in den ersten Januartagen 2018 fürs ernsthafte Sportklettern an den sonnigen Felsen bereits zu heiss war und man auch in den Schattenlöchern ohne allzu grosse Entbehrungen moven konnte. Allerdings profitierten wir während unserem Aufenthalt auch von bestem Wetter mit milden Temperaturen bis +19 Grad.

Man muss nicht direkt an der Strasse klettern, aber man kann. Vor unserer Rückreise machten wir für ein paar letzte Routen gerne Gebrauch davon. Es handelt sich übrigens um eine Sackgasse, welche nur zum Stausee führt und ausser von Kletterern kaum befahren wird.
Vor Ort gibt's einen kleinen Lebensmittelladen (täglich geöffnet, 10-13 und 18-20), wo man frisches Brot und sonst gerade so das allernötigste kriegt, um seinen Konsumbedarf so richtig zu stillen muss man jedoch bereits eine längere Strecke fahren (ja, die Gegend ist sehr dünn besiedelt!). Zwei, drei Bars wo man auch kleinere Gerichte erhält, gibt's ebenfalls. Zur Unterkunft findet man im Ort einige Adressen, die einschlägigen Portale helfen weiter. Ansonsten gibt's vor Ort auch diverse offizielle, halboffizielle und auch eigentlich verbotene Stellplätze - es handelt sich um einen bei Campingbus besitzenden Kletternomaden sehr beliebten Spot. Zuletzt vielleicht noch: alle Strassen in der Gegend sind äusserst kurvig, für die ca. 40km bis nach Siurana ist tatsächlich 1 Stunde Fahrzeit notwendig. Und ein bisschen überall sonsthin eigentlich auch - man berücksichtige dies bei der Planung.

Das ist das empfehlenswerte Topo von einem der Haupterschliesser Vicent Palau, Ausgabe 2017. Es ist vor Ort für 28 Euro erhältlich, ebenso wie in ausgewählten Fachgeschäften in Mitteleuropa. Einen Auswahlführer für grösseres Gebiet (z.B. Tarragona Climbs) zu verwenden als Notlösung denkbar, insgesamt aber eher suboptimal, da fehlen doch eine ganze Menge an interessanten Felsen und wissenswerten Infos.