- -

Freitag, 27. April 2018

Piz Sardona (3056m) - Westcouloir

Meine erste Skitour im Winter 17/18 führte mich auf den Fanenstock. Da gab es wieder einmal ausreichend Gelegenheit, die schönen Hänge im Segnes/Sardona-Kessel vis-à-vis zu bestaunen. Darüber hinaus publizierte ich dieses attraktive Bild. Das war der Auslöser, warum mir Michael schrieb. Er meinte, die Skitour von Elm über diese Hänge und schliesslich durch das Westcouloir auf den Piz Sardona müsste man doch einmal angehen. Ja, warum eigentlich nicht?!? Weil es sich dabei durch und durch um eine Frühlingstour handelt, war allerdings noch etwas Geduld gefragt. Nun, Mitte April 2018 klappte es jedoch famos mit einer Begehung. Die Route via Geissegg und Westcouloir zum Piz Sardona wird als Sommertour hin und wieder begangen, man findet im Netz diverse Berichte dazu. Bevorzugt ist dazu der Frühsommer zu wählen, solange im oberen Teil und im Couloir noch kompakter Altschnee liegt. Eine Begehung nach der Ausaperung ist zwar möglich, jedoch aufgrund vom schiefrig-schuttig-brüchigen Gelände wenig erquicklich. Von einer Begehung im Winter mit Ski konnte ich nichts in Erfahrung bringen, die ersten werden wir hier jedoch kaum gewesen sein, dazu ist die Route viel zu logisch und attraktiv. 

Blick vom Harscheisen-Montagepunkt auf das noch ziemlich weit entfernte Sardona-Westcouloir.
Dank der Westexposition und der relativ kurzen Anfahrt konnten wir für eine Frühlingstour an einem >20-Grad-Tag leidlich lange im Bett lieben bleiben und starteten schliesslich erst um 7.20 Uhr vom üblichen Parkplatz der Fanenstock-Tour in Elm bei P.1037. Im Tal lag bereits kein Schnee mehr, was wir genau so erwartet hatten und keinen Nachteil darstellt. Die untersten 400hm führen durch den steilen, waldigen Bergsockel. Hier mit Ski zu Steigen ist wohl nur selten möglich, zudem vermutlich auch eher beschwerlich. Für uns konnte es hingegen bequem mit Turnschuhen auf dem markierten Wanderweg dahingehen. Grundsätzlich gibt's 2 Möglichkeiten, um zum P.1564 bei Chalberweid zu gelangen. Der direkte Weg (siehe LK) ist kürzer, führt jedoch durch steileres Gelände, ist angeblich stark verfallen und stellenweise schwierig zu finden. Wir wählten den unteren, der eben markiert und gut ausgeprägt ist. Bis auf die problemlose Querung einzelner Lawinenreste in ein paar wenigen Couloirs war er easy zu gehen. Auf 1470m konnten wir schliesslich die Ski anziehen. Ab dort lag eine geschlossene und noch mächtige Schneedecke, darunter war es praktisch komplett aper - so sehen perfekte Verhältnisse für diese Tour aus!

Blick von der Ebene auf 1700m auf das Restprogramm: erst die wenigen Meter über die Ebene im Vordergrund, dann die kurze Abfahrt zur Alp Stäfeli (nicht sichtbar). Es folgt im mittleren Bildabschnitt das Horen-Couloir. Die Alp selber, die folgende kurze Abfahrt und der untere Teil vom Geissegg-Rücken sind nicht einsehbar. Man sieht erst wieder den oberen Teil der Geissegg, der schliesslich zum Couloir führt. Der Gipfel ist aus dieser Perspektive auch nicht sichtbar.
Über enges Steilgelände, welches etliche Spitzkehren erfordert, gelangt man schliesslich auf die Ebene auf knapp 1700m über der Alp Stäfeli. Hier gilt es zu entscheiden, wie man zur eine Terrasse höher gelegenen Alp Horen (P.1947) gelangt. Der in einer grossen Schleife verlaufende Sommerweg ist eine Option, auch er erfordert jedoch die Begehung von Hängen mit über 40 Grad Steilheit. Wir wählten die Direktvariante, wo man erst ~40hm hinunter zu den Alphütten von Stäfeli vernichtet und jenseitig durch das steile Horen-Couloir (bis 40 Grad) ansteigt. Die Verhältnisse dort waren sehr gut, wir konnten alles mit den Ski gehen und schliesslich mit den ersten Sonnenstrahlen bei den Hütten von Horen P.1947 eine Pause einlegen. Hier steht man im Angesicht vom Restprogramm, welches erneut mit dem Vernichten von ~30hm beginnt. Man gewinnt den Rücken der Geissegg, welchem man erst über moderat steile (25-35 Grad) Hänge folgt. Weiter oben steilt sich das Terrain schliesslich auf, irgendwo zwischen 2400m und 2700m hat man nach rechts in die Falllinie des markanten Westcouloirs zu queren und über 40 Grad steile Hänge dessen Mündung zu gewinnen.

Steiler Aufstieg über 40 Grad steile Hänge zum Couloir hin - besser bei lawinensicheren Verhältnissen.
Das Couloir soll im Sommer eng und schuttig sein, sowie 2 senkrechte Kletterstellen aufweisen. Von all dem war zum Zeitpunkt unserer Begehung nichts zu erahnen. Hier mussten viele Meter Schnee liegen, denn die Rinne war breit und sehr gleichmässig zwischen 45 und 50 Grad steil. Die ersten Meter konnte man sogar noch mit den Fellen aufsteigen, dann folgte ein Bootpack. Der Schnee war so gut trittig, dass wir auf die Montage der mitgeführten Steigeisen verzichten können und auch die Eisgeräte im Rucksack waren bloss unnötiger Ballast. Nach 150hm Stapfen gelangt man schliesslich auf's Gipfelplateau. Von hier warten noch 130hm zum Gipfelkreuz, welches wir nach insgesamt 4:30h Aufstieg erreichten. Das Panorama war fantastisch, doch ein schneidiger Wind liess uns von einem längeren Aufenthalt absehen. Sowieso wollten wir auch nicht den Zeitpunkt verpassen, um bei Al Dente Sulz abfahren zu können.

Bootpack im Aufstieg durchs Couloir, hier noch einen Tick steiler, ca. 45-50 Grad.
Bisschen windig aber sonst super Ambiente am Gipfel (der sich nicht beim Kreuz befindet, sondern 20m daneben?!?).
Auf dem Gipfeldach konnte man an den abscheinigen Hängen sogar noch so etwas wie Pulver finden. Dann ging's hinein ins Couloir. Dieses war ohne grössere Schwierigkeiten mit den Ski zu befahren (naja, Runterpurzeln wäre trotzdem kein erbauliches Erlebnis!). Der grosse Fahrspass wurde im Couloir wie erwartet nicht geboten, dafür war der Schnee zu wechselhaft (Hartschnee, Presspulver, Knollen). Danach war's dann dafür umso besser: war der Schnee im Aufstieg noch pickelhart gefroren, war er nun perfekt aufgefirnt und bot grössten Fahrspass. Zurück zur Alp Horen hatten wir einige Höhenmeter hinaufzutretteln und stachen dann gleich die Rinne hinunter, durch welche wir aufgestiegen waren. Auch hier wartete guter Sulz und die Befahrung machte Spass. Ein weitere Wiederaufstieg ohne Felle führte uns schliesslich zum Plateau auf 1700m. 

Couloir Skiing bei super Ambiente, so macht's Spass!
Im Vorfeld hatte ich darüber sinniert, mit meiner neuen, leichten Flugausrüstung von Horen oder Stäfeli bequem ins Tal zu gleiten. Diese Tour böte sich echt für eine Ski & Fly - Kombination an. Doch leider war eine Föhntendenz prognostiziert worden, am Gipfel blies dieser auch mit rund 40-50km/h. Somit war der Verzicht aufs Fliegen (bzw. nur schon auf das Mitführen der Ausrüstung) die einzig richtige und logische Konsequenz, auch wenn man sich bei Horen oder Stäfeli dann vermutlich doch hätte raushauen können. Doch Try & Error sollte man bei dieser Aktivität lieber tunlichst vermeiden. Nun denn, auf uns warteten noch gute 200hm Abfahrt zum Turnschuhdepot in bereits tieferem Sulz. Mit gewechselten Schuhwerk trotteten wir über den Wanderweg in einer guten halbe Stunde retour zum Ausgangspunkt, keine grosse Sache also. Nun galt es nur noch, die dreckigen Schuhe am Bach zu reinigen, bevor Heimfahrt, Getränkenachschub und Nachmittagssiesta warteten. Das hatte toll geklappt mit dem Sardona-Westcouloir, viva! 

Home stretch, bei bereits sehr frühlingshaften Bedingungen und Temperaturen.
Facts

Piz Sardona (3056m) von Elm P.1037 via Stäfeli - Horen - Geissegg - Westcouloir
Rund 7km Distanz pro Weg und total (mit den Gegenaufstiegen) ca. 2200hm.
Unten mehrfach 40 Grad, Couloir auf 150hm 45 Grad, Ski-Schwierigkeit S.
Material: Skitourenausrüstung, Steigeisen, evtl. Leichtpickel

Unsere Route zum Piz Sardona. Quelle der Karte: map.geo.admin.ch

Kommentare:

  1. Hoi Marcel
    Diese Rinne wurde mutmasslich zum ersten Mal von Hans Ueli Rhyner befahren, irgendwann Ende 80er, Anfang 90er. Er hat jeweils, der Lage im Glarnerland entsprechend, vom Sardona-Chämi gesprochen. Wir von der Bündner Seite haben diesen Namen übernommen. Ich selber bin ca. 2003 runtergefahren und seither haben immer wieder Gefährten von mir die Tour gemacht. Allerdings mit Aufstieg aus dem Skigebiet Flims und bevorzugt bei Pulver im Hochwinter. Die Querung entlang dem Wanderweg im unteren Teil lässt sich dann recht gut mit Fellen begehen.
    Noch schöner finde ich aber den nahegelegenen Zwilling dieser Rinne: das Segnes-Chämi.
    Ich wünsche dir schöne Touren und eine gute Zeit.
    Mathias

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo Mathias,

      Vielen Dank für die Infos - treffender Name!

      Lg, Marcel

      Löschen

Ich freue mich über Ergänzungen zu diesem Blog via Kommentarfeld!
Kontakt: mdettling@bluewin.ch.