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Dienstag, 10. April 2018

Skitour Stucklistock (3313m)

Das Lawinenbulletin zeigte zwar Stufe 2, dies aber doch noch mit einer gewissen Schärfe, zudem würde die tageszeitliche Entwicklung die Situation nicht verbessern. Da war die Idee für ein gutes Tourenziel gefragt, zumal ich kurzfristig alleine unterwegs sein musste. Meine Wahl fiel schliesslich auf den Stucklistock. Dort sind die Hänge am Bergsockel zwar steil, aber unterhalb von 2000m, zudem kann man sich meist an positiv aus der Landschaft hervortretende Strukturen halten und so allfälligen Triebschnee vermeiden. Obenraus überschreitet dann nur noch der kurze, wenig problematische Schlussaufstieg in die Lücke P.3165 die kritische 30 Grad Marke.

Aufbruch von Färnigen zum Stucklistock, unten die Brücke über die Meienreuss, der tiefste Punkt der gesamten Tour.
Ehrlich gesagt hatte ich mit vielem gerechnet, aber definitiv nicht damit, dass ich morgens um 6.30 Uhr alleine am Startpunkt der noch ungespurten Route stehen würde. Ich war etwas hin- und hergerissen... eigentlich war ich mir meiner Sache bzw. der Einschätzung der Tour sicher, andererseits wartete auch ein heftiger Brocken Arbeit, die 1900 Höhenmeter alleine zu spuren. Als ich mich schliesslich bereits für eine Alternativtour Richtung Gorezmettlen entschieden hatte, sah ich von oben an der Strasse, wie nun doch 3 Tourengänger in Richtung Stucklistock aufbrachen. Somit vernichtete ich erst einmal gute 100 Höhenmeter, fuhr zur Brücke über die Meienreuss ab und wollte nun also doch zum Stucklistock gehen. Schon nach wenigen Minuten in der ersten Stufe nach Äbnet hinauf zeigte sich, dass die 3 viel mehr von mir als ich von ihnen abhängig waren. Für einen Beitrag an der Spurarbeit war ihrerseits weder Mumm noch Kondition vorhanden und es dauerte in der Folge nicht lange, bis ich sie ausser Sichtweite abgehängt hatte.

Die steilen Hänge am Bergsockel sind durchschritten, hier öffnet sich die Landschaft und die Perspektive.
Der Aufstieg über die steilen, unteren Hänge war kraftraubend. Die Unterlage war kompakt und sicher, darauf lag jedoch eine rutschige Pulverauflage. Um gar kein Risiko einzugehen, hielt ich mich konsequent an die am wenigsten steile Aufstiegsroute und von allen Rinnen fern, was viele Dutzend Spitzkehren erforderte. Schon erstaunlich, wie viel defensiver man am Weg ist, wenn man alleine unterwegs ist. Paradox ist dies vor allem, weil eine Gruppe im Aufstieg hier kaum mehr Sicherheit, jedoch bestimmt mehr Risiko böte. Wenn in einer der Rinnen ein Rutsch abginge, so wäre sowieso die ganze Gruppe betroffen, zudem ist die Belastung der Schneedecke in der Gruppe höher. Anyway, das sind theoretische Überlegungen. Nach diesem steilen Sockelbereich, oberhalb von 2000m, öffnet sich das Gelände. Von Verfolgern war weit und breit nichts mehr zu sehen, aber hier war für mich alles im grünen Bereich, aufgrund der Steilheit war der folgende Abschnitt kein potenzielles Lawinengelände mehr und ich setzte meinen Aufstieg frohen Mutes fort.

In Bildmitte (tiefster Punkt am Horizont) die Lücke P.3165, welche ich schliesslich angepeilt habe. Der Gipfel rechts der Lücke ist der Stucklistock. Man erreicht diesen besser über die sehr steilen Schneehänge in der Ostflanke, als über den Grat der von P.3165 hinaufzieht.
Das letzte Stück hinauf in die Lücke P.3165 war dann nochmals ein hartes Stück Arbeit (sehr steil, kompakt-feste Unterlage, rutschiger Pulver darauf), doch schliesslich war der Skiteil vollbracht. Der Grat Richtung Gipfel, den man zuerst auf der SW-Seite begeht schien breit und grösstenteils aper, so würde ich wohl bald auf dem Gipfel sein. Doch den Vorgipfel erklommen, änderte sich die Sache plötzlich. Auf der abgewandten Seite wurde der Grat sehr schmal, exponiert und war winterlich verschneit. Im Reitersitz kraxelte ich Stück für Stück vorwärts, doch beim finalen Abkletterstück hinunter in die Lücke war finito. Gehörige Exposition, unkonsolidierter Pulver und der wenige Fels der hervortrat, war auch nur mässig solide. Ich sah absolut keine Chance, hier mit 100% Kontrolle über die Situation abzuklettern und somit gab es leider nur eines, den Rückzug. Es wäre gar nicht allzu weit gewesen, jenseitig hätte dann problemloses Gelände zum Gipfel geführt. Doch ein Sturz an jener Schlüsselstelle wäre definitiv das Ende gewesen. Zu viel an Risiko, wo nix zu machen ist, ist nix zu machen. 

Blick von der Lücke P.3165 hinauf zum ersten, gut ausgeaperten Gratteil. Dieser lässt sich ohne grosse Schwierigkeiten mit etwas Kletterei im zweiten Grad gut begehen. Die Problemzone beginnt hinter dem Vorgipfel (höchster Punkt im Bild), hinter welchem ein schmales, exponiertes und heikles Gratstück folgt. Ich hatte es unterlassen, dort noch Bilder zu schiessen...
Während diese Stelle (wie ich im Nachhinein in Erfahrung bringen konnten) scheinbar bei fortgeschrittener Ausaperung überwindbar ist, führt die allgemein beste Route zum Gipfel durch das Couloir in der NE-Flanke, welches die Lücke wenig nördlich von meinem Umkehrpunkt direkt erreicht. Dieses Couloir noch anzugehen, war für mich keine Option. Die Summe machte es aus... im >45 Grad steile Couloir lag offensichtlich Triebschnee (Lawinengefahr), um mich an die im Vornhinein festgelegte Rückkehrzeit im Tal zu halten blieb keine Zeit für weitere Eskapaden und zuletzt fehlte mir aufgrund der Umstände auch etwas der Mumm. So bedauernswert eine Tour ohne Gipfelerfolg ist, so war's nun hier halt einfach so - nix zu machen. Insgesamt war's aber doch eine tolle Sache gewesen. Als Erster bei grandiosem Wetter komplett alleine durch die unberührte Gebirgslandschaft schreiten zu können war ja eigentlich sogar das schönere und exklusivere Erlebnis als der Gipfel an sich. Die Abfahrt präsentierte sich dann ganz ordentlich: ganz oben eher decklig, dann ein langes Stück mit gutem, windgepresstem Pulver und zum Schluss bereits angefeuchteter, aber gut drehbarer Schnee. Der härteste Abschnitt war dann jener ganz am Schluss, der Wiederaufstieg von gut 100hm zum Automobil an der Passstrasse oben an der prallen Sonne durch den feuchten Pflutter. Wohl bekomm's, ich war jedenfalls danach bedient! 

Nur Plan B aber eigentlich eben doch auch ganz famos: Sportklettern bei frühlingshaft perfekten Temperaturen am steilen Fels!
Der aufmerksame Leser hat's vielleicht bereits gemerkt: dieser Bericht ist nicht (mehr) ganz aktuell und bezieht sich nicht auf das eben vergangene Wochenende. Da war es mir aufgrund der Umstände trotz dem fantastischen Wetter nicht vergönnt, ins Gebirge aufzubrechen. Umso besser, dass der Bergsport für fast jede Situation und jedes Zeitbudget spannende Herausforderungen bietet. So gab's für mich dieses Mal "nur Sportklettern", dies jedoch bei idealen Bedingungen, mit grossem Genuss und einigem Erfolg. Beim alten Jäger und Sammler fielen diese Woche nämlich gleich 2 Schallmauern auf der Tickliste: nämlich jene von exakt 100 gepunkteten Routen im Grad 7c und jene von 1000 gepunkteten Seillängen mit Schwierigkeitsgrad >=7a. Jaja, diese Errungenschaften sind eigentlich total 'pointless' und kaufen kann man sich damit auch nichts - aber die besten Dinge sind einfach jene, die unbezahlbar, nicht käuflich und nur für die persönliche Befriedigung sind. In diesem Sinne: Allez, auf zum nächsten Ziel :-)

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