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Donnerstag, 26. Juli 2018

Piz Frachiccio - Schildkröte (6a)

Wunderbares Wetter war zum Ferienauftakt angesagt, zu schade um weit in den Süden oder zum Sportklettern zu fahren. Somit war eine Tour gefragt, welche ein grosses, aber doch geeignetes Ziel für die Familie hergab. Im Plaisir Selection gibt's definitiv das eine oder andere derartige zu finden. Die Wahl fiel schliesslich auf die Schildkröte im Bergell mit ihren 500m an plattiger Granitkletterei. Hier gibt's die volle Dosis an alpinem Ambiente, trotzdem ist der Zustieg relativ kurz und die ganze Tour doch auch von einer gewissen Gutmütigkeit.

Aus dieser Perspektive hat er schon Schwung, der Piz Frachiccio. Über die hier sichtbaren Platten verlaufen die Routen.
Nach einer geruhsamen Nacht im Zelt starteten wir den Tag mit einem gemütlichen Frühstück und nahmen die Bahn um 8.00 Uhr hinauf bis unter die Albigna-Staumauer. Zuerst geht's hinauf zum Wärterhaus, wo man den etwas versteckten und nicht ausgeschilderten Pfad zum Cacciabella-Pass wählt, welcher (zurückhaltend) weiss-blau-weiss markiert ist. Schon bald kommen die Wände des Piz Frachiccio in Sichtweite, der Wanderweg verläuft schliesslich direkt an den Einstiegen der Touren im rechten Sektor (Via Roland, Arcobaleno, Forza Bregaglia, Tetti Neri, Via Kaspar) vorbei. Die Schildkröte liegt noch weiter links, dazu muss zuerst das grosse Couloir gequert werden. Zuerst steigt man an Ketten und Eisenbügeln hinauf (T4), dann traversiert man glattgeschliffene Granitplatten. Vorsicht wegen Steinschlag und im Frühsommer liegt hier noch Schnee, was alpine Gerätschaften unabdingbar machen kann. Wir mussten (Mitte Juli) jedoch nur etwa 3m über Schnee gehen, was problemlos war. 

Zmorgebuffett im grossen Couloir am Piz Frachiccio.
Nach einem kurzen Abstieg erreicht man schliesslich den Start der Schildkröte. Dieser befindet sich etwas links vom tiefsten Punkt der Felsen am linken Sektor. Ein blasser roter Pfeil ist auf ca. 8m über Grund vorhanden, die Bohrhaken sind jedoch eher schwierig auszumachen. Wir hatten es im Aufstieg relativ gemütlich genommen und gerade 1:00h gebraucht (Angabe im Kletterführer 0:45h, das ist realistisch). Um ca. 9.20 Uhr stieg ich schliesslich ein.

Eine Seilschaft schien über längere Zeit im Einstiegsbereich der Schildkröte blockiert. Ich fragte mich warum wohl?!? Von nahem zeigte sich dann, dass das Anklettern des ersten Bohrhakens tatsächlich eine heikle Geschichte war.
L1, 5c+: Der erste Haken steckt ca. 12m off-the-deck nicht eben bodennah und ist auch alles andere als einfach zu erreichen, nachdem sich den Spuren nach zu urteilen ein Ausbruch von ca. 2m x 2m ereignet hat. Somit klettert man eine der nominell schwierigsten Stellen (5c+) noch bevor eine Sicherung eingehängt werden kann. Ein Sturz auf die Schneereste oder das Geröll am Einstieg wäre sicherlich äusserst schmerzhaft. Der Rest von L1 (5c+) läuft dann gut vom Stapel, die Kletterei ist hier definitiv einfacher wie selbst in den 5b-Längen der 'Bruni Chue' am Räterichsbodensee.

Schöne Plattenkletterei in strukturiertem Granit in L1 (5c+).
L2, 5b und L3, 4b: Schön strukturierte Plattenkletterei ohne verrückte Schwierigkeiten, aufregend für die Nachsteiger ist hingegen der ungesicherte 8m-Quergang am Schluss der zweiten Seillänge zum Stand hinüber. Die dritte Länge schien mir nicht wesentlich einfacher wie die zweite (oder umgekehrt). Was man hier definitiv schon merkt: die Routenfindung ist nicht trivial, denn meistens könnte man ziemlich überall durchklettern und wegweisende Bohrhaken hat's nicht allzu viele, zudem sind diese nicht gut sichtbar.

Quergang am Ende von L2 (5b).
L4, 5b: Beginnt zur Abwechslung mit einem griffigen Überhang, dann geht's links die Rampe hinauf und zum grossen Spiegel. Über die eindrückliche Platte führt diagonal nach links hinauf ein erstaunlich einfacher Weg.

L5 bis L8, 4ab: Die nächsten Seillängen lassen sich gut gemeinsam abhandeln. Das Gelände wird nun ein bisschen weniger steil, hier und da klettert man auch am einen oder anderen Grasbüschel vorbei. Der Fels jedoch ist auch hier allererste Sahne: prima Bergeller Granit, gespickt mit Warzen und Noppen, so macht's trotz der geringen Schwierigkeiten grosse Freude. Die relativ kurzen L7 und L8 lassen sich mit 50m-Seil gerade so verbinden, sofern man die Sicherungen grosszügig verlängert und/oder der Strick noch nicht geschrumpft ist.

Die Plattenzone im Mittelteil. Trotz den Grasbüscheln schöne Kletterei!

Top Ambiente am Ende von L8.
L9, 4b: Auf der Kante geht's entlang von griffigen Seitschuppen bei recht weiträumiger Absicherung hinauf. Beim vierten Bohrhaken gilt es, die Abzweigung nach links nicht zu verpassen (ziemlich offensichtlich, der nächste BH links ist gut sichtbar). Nun in leicht absteigender Querung zu Stand in einer Grasrinne, die sich für eine Pause anbietet. In L10 wird die Grasrinne im Gehgelände 20m nach links zur grossen Platte hinüber gequert.

L11, 5b: Nur 5b, aber oho! Die Platte sieht nicht nur eindrücklich glatt aus, sondern klettert sich auch nicht ganz so einfach. Meines Erachtens eine der anspruchsvollsten Längen der Route. Über weite Strecken hilft ein Riss beim Fortkommen, der allerdings auch meist eher rund und nicht so griffig ausgefallen ist. Gesagt sei, dass hier auf 50m Kletterstrecke gerade mal 6 Sicherungspunkte vorhanden sind - abgesehen vom Weg zum allerersten Bolt der Route wohl die Crux für den Vorsteiger.

Eindrückliche Platte in L11 (5b).
L12, 4b und L13, 6a: Die zwölfte Länge kann man als Überführungsstück zum nächsten Abschnitt bezeichnen. Die Schwierigkeiten sind moderat, der zweite Teil ist sogar etwas grasig. Dafür geht's dann im folgenden, steilen Abschnitt zur Sache. Schon die ersten Meter sind nicht so einfach, dann quert man nach links in die steile, abdrängende Wand. Ein paar griffige Schuppen sind aber vorhanden, kulminieren tut die Sache in einem Überhang. Hier stecken 2 BH in 1m Abstand, notfalls hilft also der Textilgriff, allerdings ist die 6a-Bewertung für die freie Passage hier gutmütig ausgefallen.

L14, 5b: Nun hat man es schon bald geschafft: zuerst ein paar steil-griffige Meter zum Grat hinauf, wo sich nach ein paar einfachen Metern noch ein Boulder an einem überhängenden Gratabsatz in den Weg stellt. Der offizielle Stand befindet sich südseitig am höchsten Punkt des folgenden Gratabschnitts. Es macht jedoch im Gesamtkontext mehr Sinn, nordseitig auf einem Band gleich in die folgende Scharte zu queren und an einem Zacken Stand zu machen, weil dort der Abstiegspfad beginnt.

Um 15.30 Uhr war schliesslich die ganze Familie am Top. Somit hatte die Kletterei ziemlich genau 6:00h in Anspruch genommen, als Viererseilschaft mit den Kindern sicher eine gute Zeit für 14 SL und 500 Klettermeter. Gleichzeitig hiess das aber auch, dass nur noch 1:15h bis zur letzten Fahrt der Albignabahn blieben. Ich war der Meinung, dass dies wohl nicht reichen würde. Mit der nötigen Vorsicht stiegen wir im exponierten T5-Gelände zur Abseilstelle ab, wo man mit 2x25m über steile Felsen in einfaches Gelände gelangt.

Ambiente in der Albigna.
Nun hiess es erst, über die Blockhalde zum Cacciabella-Weg abzusteigen. Es war klar, dass nun ordentlich auf's Gaspedal gedrückt werden musste. Behände sprangen die Kinder über die Blöcke, später ging es dann im Trailrunning-Modus mit etwas Auf und Ab der Bergstation entgegen. Ich war sehr erstaunt darüber, welche Kräfte die Kids mobilisieren konnten und mit welchem Tempo wir unterwegs waren. Natürlich war es vor allem die schlechten Aussichten auf 1000hm zusätzlichen Fussabstieg statt gemutlicher Gondelei, welche hier den Ausschlag gaben. Doch der Effort wurde belohnt: just in time waren wir an der Bahn und konnten bequem zu Tale schweben 😀

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