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Montag, 10. August 2020

Gross Bielenhorn - Nolens Volens (6c)

Am Gross Bielenhorn oberhalb der Sidelenhütte am Furkapass findet man mitunter den besten Klettergranit der Schweiz. In früheren Jahren war ich schon in der Niedermann (6a) und der Fandango (6c+) zu Gange, der letzte Besuch lag aber doch schon wieder Jahre zurück. Kein Wunder, den um hier oben mit Genuss zu klettern, muss einiges zusammen passen: warme, wettersichere Tage ohne Wind und Quellbewölkung, sonst macht es keinen Spass. Erst kurz vor Mittag kommt die Sonne an die Wand. Nicht unbedingt ein Spot also für Frühaufsteher, dafür klettert man dann bis am Abend an der wärmenden Sonne. Um sich einen weiteren Punkt auf dem "Moderne Zeiten"-Konto gutschreiben lassen zu können, wählten wir den Remy-Klassiker Nolens Volens (10 SL, 6c) von 1987. Das ist allerdings fast ein wenig despektierlich ausgedrückt, denn diese famose Tour verdient einen Besuch unbesehen von jeglichen Punkten und Listen!

Unterwegs ins Sidelengebiet. Hinter der Kletterin der Hanibalturm und der Galenstock, rechts das Gross Bielenhorn.
Den Zustieg wählten wir vom Refuge Furka (2428m), wo wir um ca. 10.20 Uhr losgingen und nach einer knappen Stunde bei der Sidelenhütte eintrafen, wo wir uns erst einmal mit einem kühlen Getränk auf der Terrasse erfrischten. Wer die Höhenmeter effizient frisst und einen der eher raren Parkplätze ergattert, erreicht die Hütte möglicherweise schneller vom Sidelenbach (P.2279, +150hm, weniger Distanz). Von der Hütte dann etwas absteigend in Richtung der Kamele und Wegspuren folgend in einer Rechtsschleife zur Südecke vom Gross Bielenhorn. Die verlockenden Direktwege durchs Gletschervorfeld zahlen sich eher nicht aus. Nun über Schneefelder bzw. den östlichen Teil vom Sidelengletscher unter der Wand traversieren und zum Schluss steil zu dieser hinauf. An sich ist das Gelände unschwierig, zuletzt aber doch gegen 45 Grad steil. Bergschuhe und Pickel sind wohl fast immer nötig, Steigeisen ein Sicherheitsplus. Auch ich hatte sie an diesem Tag gerne eingesetzt. Spannend ist dann immer die Frage, wie gut sich die Randkluft vom Gletscherhang gegen den Fels hin überwinden lässt. Für uns ging es ganz ordentlich, etwas alpiner Sachverstand und das Bewusstsein um allfällige Gefahren war jedoch durchaus nützlich. Um 12.20 Uhr und damit ziemlich genau 2:00 Stunden nach Aufbruch erreichten wir einen Einzelbolt auf einem etwas abschüssigen Band, wo wir von der Alpin- auf die Kletterausrüstung umsatteln konnten. Eine Viertelstunde später ging es schliesslich mit der Kletterei los.

Ich bin auch eine Alpinistin... Passage der Randkluft.
L1, 10-30m, 5c: Je nach Schneehöhe kürzerer oder längerer Abschnitt entlang von Rissen über Stufen hinweg. Die Orientierung gar nicht so einfach hier, weil man üblicherweise nicht so richtig weiss, auf welcher Höhe man denn nun startet. Wer mit einem 50m-Seil den Stand nach L2 erreichen möchte, muss bei der Markierung (roter Farbpunkt, roter Einzel-BH etwas oberhalb) Halt machen.

L2, 45m, 6a+: Coole Kletterei, die vom roten BH nach links führt. Nach heiklem Auftakt-Move geht's an einigen Piazverschneidungen und breiten Rissen vorwärts, nur relativ spärlich mit BH abgesichert. Hier und da bringt man auch kleines Gear unter, gerade am Ende müssen aber für optimale Absicherung sicher der 3er- wenn nicht sogar der 4er-Cam mit. Wer über der Schwierigkeit steht, kommt ohne aus - die Kletterei dort ist moderat schwierig und der auch neben den Rissen super strukturierte Fels erlaubt kontrolliertes Steigen.

Breite Risse charakterisieren die Kletterei im oberen Teil von L2 (6a+).
L3, 45m, 6c: Die schwierigste, aber auch die beste und abwechslungsreichste Seillänge der Route. An ein paar griffigen Rissen geht's los, über ein erstes Dächli hinweg noch relativ gutmütig zu einem genialen, schräg nach oben ziehenden Riss, den man für die Füsse als Rampe benutzen kann. Dann ist fertig, eine erste Reibungsstelle am Limit bringt einen zu einem Ruhepunkt, bevor es nochmals Vollgas auf Reibung geht. Es ist aber keine reine Schleicherei, die steile Wand ist mit Noppen und Crimps garniert, super! Im unteren Teil gibt's hier durchaus etwas Luft zwischen den Haken, der erste Reibungstest ist ebenfalls noch recht zwingend, nur ganz am Ende stecken die Bolts dann eng.

Erst super Risse, dann fordernde Steilplattenkletterei wartet in der Crux (L2, 6c).
L4, 35m, 5b: Nun soll es deutlich einfacher werden, zuerst merkt man gar nicht mal allzu viel davon. Erstaunlich knifflig geht's hinauf und an einem schönen Quarzband nach links. Eine rissige Verschneidung und später ein paar Stufen bringen einen weiter voran zu einem ersten Grasband (BH). Der Stand liegt aber noch eine Etage höher auf dem nächsten Band.

L5, 35m, 6a: Sieht von unten nicht so überzeugend aus, entpuppt sich aber als Klasse-Länge! Obwohl es linksrum vielleicht einfacher ginge, geht's an Bolts und einer Rissspur in prima strukturiertem Fels gerade hinauf. Man gelangt schliesslich zu einer Rissverschneidung, wo man mobil absichern muss, an dieser Stelle geht's für einmal nicht ganz perfekt und es ist etwas das Auge nötig. Mit einem nochmals kniffligen Schritt gelangt man zum Stand.

Super Kletterei mit einer griffigen Struktur stets in der Nähe wartet in L5 (6a).
L6, 35m, 6b+: Steil und spektakulär! An griffigen Rissen und Schuppen überwindet man eine erste Steilzone mit einem Beinahe-Dach. Auf einem kleinen Band kann man sich schliesslich eine Verschnaupause gönnen und den Weiterweg überlegen. Dieser führt nicht gerade obsig in den cleanen Riss, sondern kurz rechts absteigend den eng steckenden Bolts entlang durch die Wand. Während man erst ob dem Cruising-Gelände frohlockt, kommt dann plötzlich doch noch ein kniffliger Schritt. Zuletzt nochmals piazend an Rissen und Kanten athletisch um die Ecke zu gemeinsamem Stand mit der Niedermann.

Man sieht's am Schlaghaken, am Ende der steil-spektakulären  L6 (6b+) trifft man mit der Niedermann zusammen.
L7, 30m, 6a+: Die Bohrhaken leiten einen hier quasi automatisch auf die richtige Fährte. Es geht nach rechts durch die Wand, welche super strukturiert daherkommt. Auch um die Ecke geht's gut und griffig voran. Zum Schluss gilt es dann, noch eine Art Couloir zu überqueren. Entweder habe ich das saublöd erwischt, oder es ist nicht gänzlich nichttrivial.

L8, 40m, 6a+: Eine anhaltende Super-Seillänge! Gleich vom Stand weg mal parat sein und auf ein paar kleinen Leisten antreten. Nun geht's etwas im Zickzack hinauf, wobei immer mal wieder ein gut sichtbarer Bolt bei der Orientierung hilft. Neben dieser Grundabsicherung wollen aber auch immer mal wieder Cams platziert werden. Das Finish dann nochmals steil und speziell genial mittels Brotlaib-Pinching.

Ich glaube, sie hatte sowas gesagt wie "eigentlich ist die ganze Route ein No-Hand-Rest". Im Vordergrund sieht man sehr schön die Felsstrukturen, welche am Ende von L8 (6a+) sehr schön zum sogenannten Brotlaib-Pinching verwendet werden müssen.
L9, 25m, 5c+: Hier dünkte mich der Verlauf durchaus etwas unlogisch. Vermeintlich könnte man (leichter?!?) direkt oberhalb vom Stand durch die rissige Verschneidung klettern. Aber nein, die Bolts indizieren den Routenverlauf linksherum mit ein paar kräftigen, piazartigen Zügen. Schliesslich wechselt man dann doch gutgriffig in die ursprüngliche Verschneidung zurück und erklettert diese zum bald schon folgenden Stand.

Fantastischer Ausblick auf die letzten beiden Seillängen (L9/L10). Die Route verläuft hier allerdings etwas unlogisch nicht direkt hinauf durch die Verschneidung zu den Kletterern, sondern schlägt eine eine in die linke, untere Bildecke. Wir folgten dieser und den dortigen BH gehorsam, so wundert es mich nun umso mehr, wie schwierig es direkt hoch wohl wäre.
L10, 35m, 6a+: Nochmals ein prima Gerät zum Abschluss: steil, anhaltend, griffig an tollen Rissen! Eine Grundabsicherung mit BH ist vorhanden, mobil Sichern geht fast nach Belieben. Zuletzt dann nochmals extrasteil und henklig auf die bequeme Plattform bei der markanten Felsnadel, welche nicht ganz den Gipfel des Gross Bielenhorn darstellt.

Fantastische, steile und griffige Kletterei bis zuletzt in L10 (6a+).
Um 17.30 Uhr und damit nach rund 5 Stunden absolut genialer Kletterei hatten wir das Top erreicht und konnten an beiden Seilenden eine perfekte Onsight/Flash-Begehung verbuchen. Rein von Wetter und Stimmung her hätten wir nun durchaus eine längere Zeit hier oben chillen können. Allerdings waren neben uns noch 2 weitere Seilschaften zugegen und es stellte sich die Frage, in welcher Reihenfolge das Abseilen angegangen würde. Uns wurde der Vortritt angeboten, somit beschränkten wir unseren Gipfelaufenthalt und fädelten die Seile. Um zügig vom Acker zu kommen und weil ja gleich jemand nachfolgte, "riskierten" wir es, die ersten beiden Teilstrecken (L9/L10) zu kombinieren. Aber wie es im Plaisir steht, der Seilverhänger ist quasi garantiert... ich habe mein Bestes versucht, konnte ihn aber nicht vermeiden. Nun denn, das Malheur war durch die Nachfolger subito korrigiert (Dankeschön!). Mit unserem dritten Abseiler ging's direkt hinunter auf das Grasband zu Stand der Niedermann (Achtung, 50m-Seile knapp!). In 4 weiteren Manövern waren wir zurück bei den Schuhen, von wo wir noch über die Randkluft und den obersten, steilen Schneehang abseilten. Bequem im Schnee absteigend waren wir bald (19.00 Uhr) retour bei der Sidelenhütte, wo wir nochmals eins tranken, bevor wir in 35 Minuten zügig zum Furkapass liefen.

(K)eine Remy-Route ohne Bohrhakenkontroverse?!?

Die Route wurde 1987 von den Remy-Brüdern erschlossen und nach der Jahrtausendwende in mehreren Etappen mit rostfreiem Material saniert. Soweit ich das vor Ort wahrgenommen habe, wurden bei dieser Sanierung die Sicherungspunkte grundsätzlich 1:1 ausgetauscht, wobei die Positionierung manchmal optimiert wurde. Bei unserer Begehung im Juli 2020 war es dann aber so, dass im oberen Routenteil an zahlreichen (ca. ein Dutzend?) sanierten Haken die Laschen fehlten. Das war nicht ganz so tragisch, denn die Kronenbohrhaken der Erstbegehung sind an den jeweiligen Stellen auch noch vorhanden und nutzbar. Überdies kann man an diesen Stellen in unmittelbarer Nähe meist auch gut mobil absichern. So gesehen sind die Bolts "sowieso unnötig". Somit werde ich den Verdacht nicht los, dass die fehlenden Laschen vielleicht doch nicht einfach der Schwerkraft zum Opfer gefallen sind, sondern mutwillig entfernt wurden.

Quarz, Kamele, Schildkröte und der versteinerte Nixen - eine fantastische Gegend!
Ob nun Bolts neben mobil abzusichernden Rissen oder solche Guerilla-Aktionen (wenn es denn eine war...) sinnvoller sind, dürfte Anlass zu manchem Klettertalk sein. Ich würde einfach vorschlagen, dass hier ein klarer Entscheid gefällt wird. Entweder werden die fehlenden Laschen ersetzt (ca. 10-15 Stück, rostfrei inklusive Mutter M10 nötig) und gleichzeitig die alten Bolts entfernt (Hammer, Inbus in allerlei Grössen und/oder Akkuflex nötig). Oder dann entscheidet man sich, überall dort wo mobil gesichert werden kann, die Bolts komplett zu entfernen. Aber wenn, dann bitte in sauberer Arbeit und mit einer offiziellen Kommunikation, so dass man auch weiss, was einen erwartet... aber ich gehe jetzt einmal davon aus, dass bis auf Weiteres alles so bleibt, wie es im Moment ist.

Nachtrag vom 13.8.2020

In verdankenswerterweise haben Tobias und Joachim am 9.8.2020 auf meine Anregung hin die fehlenden Laschen ersetzt. 9 Stück waren es insgesamt, somit kann die Tour nun wieder an perfekt saniertem Inoxmaterial begangen werden. Einzig die alten Kronenbohrhaken sind immer noch vor Ort, die könnte/sollte man einmal noch mit entsprechendem Gerät entfernen. Nachfolgend einige Bilder, die mir Tobias zugesandt hat.






Facts

Gross Bielenhorn - Nolens Volens 6c (6b obl.) - 10 SL, 350m - C. & Y. Remy 1987 - *****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12-14 Express, Cams 0.2-3 plus evtl. 4, evtl. Keile

Fantastische Kletterei durch Gestein, das mitunter zum besten Granit in der Schweiz gehört und definitiv in die gleiche Güteklasse wie jenes im hochgelobten Chamonix gehört. Die Route bietet meist Kletterei an angenehmen und wenig beschwerlichen Rissen, Verschneidungen und griffigen Schuppen. Die Crux spielt sich hingegen an einer recht fordernden Steilplatte ab - mit etwas Einsatz kommt man hier auch ohne absolute Beherrschung der Schwierigkeiten mit A0 wohl noch mehr oder weniger durch. Trotzdem, der in der Literatur verzeichnete obligatorische Grad von 6a+ dünkt mich zu knapp. Generell ist eine gute Grundabsicherung mit BH vorhanden. Wer die Schwierigkeiten gut drauf hat, muss nur punktuell mal einen Cam legen und kommt mit einem abgespeckten Set von 0.3-2 aus. Es wäre aber zumeist durchaus möglich, mit mobilem Material auf eine sportklettermässige Absicherung (xxxx) zu kommen, dafür muss man dann jedoch genügend (auch grosse) Cams und allenfalls Keile mitführen. Ein Topo findet man z.B. im Plaisir West 2019 oder auch (nicht mehr ganz aktuell) im SAC-Führer Urner Alpen 2 oder im Topoguide Band I. Die Bewertungen in meinem Bericht habe ich aus dem Plaisir übernommen, sie sind grösstenteils etwas höher als jene in den älteren Führern, schienen mir aber stimmiger.

4 Kommentare:

  1. Hallo Marcel
    Immer wieder spannend was Du/ihr so treibt, war vorletzte Woche mit meiner Tochter auch grad in dem Gebiet...darf ich fragen wie Du sicherst? ..verwendet ihr ein Ohm, was für ein Sicherungsgerät?

    Besten Dank für eine gelegentliche Rückmeldung und weiterhin spannende und unfallfreie Touren.
    Gruss Renà

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    1. Hallo Renà,

      Das Ohm verwenden wir zum Sportklettern, auf MSL nehme ich das normalerweise nicht mit. Wir sichern vom Fixpunkt (d.h. Stand) mit dem Grigri. Funktioniert perfekt so, einzig am Einstieg ist jeweils etwas Kreativität nötig... In diesem Beitrag hat es ein Foto vom Setup mit ein wenig Text (in der Essenz dasselbe wie hier im Kommentar).

      Lieber Gruss und euch auch viel Kletterspass!

      Marcel

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    2. Hallo Marcel
      Besten Dank für die Info..dachte ich mir schon, wollte die Gelegenheit gerne nutzen um mich zu updaten ... ;o)

      Gruss René

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  2. Tobias hat am 9.8.2020 die fehlenden Laschen (9 Stück) wieder angebracht. Die Tour kann nun also wieder in perfekt saniertem Zustand komplett an neuwertigen Inoxmaterial geklettert werden. Herzlichen Dank für das prompte Erledigen! Was immer noch zu tun bliebe ist das Entfernen der alten Kronenbohrhaken... Inbus, Hammer oder eine Akkuflex wären dazu nötig.

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