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Donnerstag, 4. Oktober 2012

Zweiter Kreuzberg (1970m) - Elysium (7b+)

Schon lange hatte ich das Topo vom Erstbegeher Thomas Wälti in der Schatulle gehütet und immer gehofft, dass sich eine Gelegenheit ergeben würde, diese Route kennenzulernen. Nun kam sie, diese Möglichkeit - für mich auch ein Formtest, denn seit meiner letzten alpinen Sportklettertour waren doch schon ganze 6 Wochen vergangen. Also mal schauen, wie gut die Umstellung von den steilen Sinterrouten auf Kalymnos zu den diffizilen Platten im Alpstein klappt.

An die Südwand des zweiten Kreuzbergs, seines Zeichens als zweithöchste Wand im Alpstein gerühmt, verbinden mich gute Erinnerungen. An Auffahrt im Mai 2004 hatte ich die Südverschneidung, ein im extremen Pause aufgenommenes Werk vom legendären Duo Max Niedermann und Seth Abderhalden erfolgreich begehen können. Dass seither etwas Zeit vergangen ist, merkte ich nur schon daran, dass wir die Zufahrt zum Parkplatz Nasseel P.814 in Rofisbach etwas suchen mussten.

Imposant bauen sich die Kreuzberge 3-1 (v.l.n.r) über der Unteralp auf.
Der Zustieg zur Unteralp P.1393 verlief dann rasch und ohne Probleme. Wir entschieden uns, nicht über die Tour abzuseilen, sondern den nordseitigen Fussabstieg zu nehmen. Dies bedeutete, auf der Unteralp ein Depot einzurichten. Dann konnte es losgehen mit dem letzten Teil des Zustiegs über steile Schrofenhänge. Dass diese steil und insbesondere bei ungünstigen Verhältnissen (Nässe, von Schnee plattgedrücktes oder glattes Spätherbst-Gras) heikel sind, war mir schon noch in Erinnerung. Aber schliesslich hatte ich anno 2004 meine Begleiterin auf ihre erste Alpinklettertour mitgenommen und alles verlief problemlos, also sollte das nicht die grosse Hürde sein. Doch gewisse Dinge blendet man im Laufe der Zeit einfach aus, bzw. deren Schwierigkeiten verblassen in der Erinnerung...


Ein wunderbarer Herbstmorgen mit tollem Tiefblick ins Rheintal: Depot auf der Unteralp
Wir erwischten einmal kurz nicht den einfachsten Weg und fanden uns alsbald im unangenehmen T6-Gelände wieder. Steil, haltlos und vor allem, kaum gestuftes Steilgras. Für einen allfälligen Rückzug stecken ca. alle 50m Bohrhaken, welche auch den einfachsten Aufstieg definieren dürften. Einfach zu finden sind sie allerdings nicht, weshalb man durchaus neben den besten Weg geraten kann. Nach dem ersten Steilriegel quert man auf einem gut gangbaren Wildwechsel etwas nach rechts, um dann bei der markanten Tanne zum Wandfuss hinaufzusteigen. Auch diese 50m lange Passage ist steil, schrofig, mit losen Felsen und ohne Sicherungsmöglichkeiten. Immerhin ist das Gelände hier etwas besser gestuft, so dass es nicht in eine komplette Harakiri-Aktion ausartet. Wir waren nach 7.30 Uhr von Nasseel losgegangen und waren kurz nach 9.30 Uhr startbereit. Also konnte es losgehen:


Das Schrofengelände zum Einstieg hoch ist wirklich extrem steil, die Perspektive täuscht nicht!
SL 1, 25m, 7a: Auf den ersten Blick denkt man hier "viele Haken, schaut nicht so schwer aus", auf den genaueren, zweiten Blick erkennt man, dass es vielleicht doch kniffliger ist als man meint. Und steigt man dann ein, so ist es einfach sauschwer. Schon am zweiten Bolt wird manch einer (wie wir auch) im kleingriffig-technischen Gelände seine Onsight-Ambitionen begraben müssen. Und nach dem dritten Bolt wartet eine verdammt schwere, zwingende Passage in plattiger Kletterei an kaum strukturiertem Fels - da wird einem der Tarif gleich durchgegeben, prost! Der Rest zum Stand hin ist dann einfacher, dafür in mässigem Fels.


Dani startet in SL 1, 7a. Sieht gutmütig aus, ist es aber nicht!
SL 2, 35m, 6c: Die ersten 5m vom Stand weg nach links sind einfach, dafür brüchig und ohne Sicherungsmöglichkeit. Danach folgt eine Passage über 3 BH an Untergriffen und mit schlechten Tritten, für 6c muss man gleich ordentlich Gas geben. Auf jeden Fall mehr, als ich heute draufhabe. Aber wenn man wegen dem Kopf, der sich diese Art der Kletterei nicht mehr gewöhnt ist, so schlecht hinsteht, dann geht es einfach nicht, egal wie viel Kraft man hat. Weiter geht es dann einer Piazschuppe entlang, bevor noch viele anhaltende Meter mit sehr schöner, aber anspruchsvoller, kniffliger Kletterei über Platten mit Seit- und Untergriffschüpplein folgen, die Absicherung auch eher von der Sorte allegro.

SL 3, 25m 6a: Eine etwas einfachere Seillänge, die an einem steilen Riss zwingend selbst abgesichert werden muss. Hat man diesen einmal überwunden, so geht es leichter, dafür in etwas unsicherem Fels, zum Stand hin. An etwas unlogischer Position, sprich abseits der einfachsten und natürlichen Linie steckt am Schluss rechts nochmals ein Bolt. Diesen hatte ich übersehen und mich mit Herzklopfen in einem Wahnsinns-Runout zur Kette gezittert...

Die letzten Meter in SL 3, 6a. Eher ungutes Gelände hier, vor allem, wenn man noch einen BH auslässt...
SL 4, 40m, 6b+: Sehr fotogener Start in einer Linksquerung an steilem Fels, ein Bild von hier hat auch Aufnahme in das Buch Schweiz Alpin von Röbi Bösch gefunden. Allerdings sollte man dabei nicht vergessen, dass ein Sturz vor dem zweiten BH mit Aufschlagen auf die darunter liegende Rampe endet, was bestimmt nicht folgenlos bliebe. Hat man sich einmal auf der Rippe darüber etabliert, ist die Kletterei einfacher, dafür sind die Hakenabstände wiederum weit, und der Fels ist einfach nicht ganz bombenfest - wenn man aufpasst und die richtigen Griffe nimmt, hält schon alles, aber wenn nicht...

Dieser ersten 4 SL hatten uns noch gar nicht in Begeisterung zu versetzen vermocht. Die Route sucht sich zwar die kompakten Passagen mit gutem Fels, unmittelbar daneben wäre es aber einfacher, wenn auch grasig und brüchig. Zudem lässt sich der etwas glatte, knapp strukturierte und sehr trittarme Fels für uns einfach nicht entspannt und mit Genuss beklettern. Subjektiv würde ich diesen Teil mit nur ** bewerten - man darf es aber gerne auf meine Überforderung schieben und trotzdem einsteigen.

Fotogener Start in SL 4, 6b+. 
SL 5, 35m, 6c: Hier aber sieht der Fels nun endlich etwas besser strukturiert aus, das Gelände wird steiler und verspricht eine interessantere Kletterei. Auf dem Topo steht lapidar etwas von einem Runout. Dani geht vor, er klettert 8b+ rotpunkt, als wird es das wohl können. Aber diese SL zeigt wieder einmal, wie relativ Schwierigkeitsgrade beim Klettern sind. Der Runout beinhaltet einen 6m-Abstand zum nächsten BH, und man bewältigt die Crux der SL, wenn man mit den Füssen etwa 2m über dem letzten Bolt steht. Ein Sturz an dieser Stelle wäre jetzt nicht lebensgefährlich, allerdings ist das Gelände dort alles andere als optimal und eine Fussverletzung im Falles des Falles liegt sicher im Bereich des zu Erwartenden. Die Kletterei an dieser Stelle übrigens von eher unsicherer Natur, an Auflegern und auf Reibung. Nach einigen Versuchen, Diskussionen ob Rückzug oder nicht, steigt Dani dann schliesslich doch drüber. Meinerseits kann ich die Stelle im Nachstieg nicht einmal freiklettern - habe auch nicht lange gesucht und geübt, aber trotzdem: die Bewertung von 6c empfinde ich hier als schlechten Witz und den Runout als erzwungen, denn selbst ich hätte zum Beginn der schwersten Moves im Vorstieg einen Bolt setzen können.

Soll und kann es weitergehen? Kontemplation bevor der Runout in SL 5, 6c nochmals angepackt wird.
SL 6, 25m, 6c+: Wohlwollend nehmen wir zur Kenntnis, dass das Gelände hier noch mehr aufsteilt. Die Seillänge entpuppt sich denn auch als weitgehend gutmütig, mit einer kurzen Einzelstelle an einer Unter- und Seitgriffrippe als Crux. Im Gegensatz zur vorangehenden SL kann ich diese Stelle nun auch problemlos klettern. Der Rest bietet gut strukturiertes, griffiges Gelände. Wir finden, es sei die bisher schönste SL.

Endlich mal schwere Züge, wo man nicht nur schleichen muss: SL 6, 6c+
SL 7, 20m, 7a: Hier wird es nun noch steiler und athletischer, der Fels fast ein bisschen versintert. Zu Beginn warten schöne Züge an Löchern und Schuppen, die Crux dann im zweiten Teil mit weiten Moves, erneut an Löchern und Schuppen. Hier haben die Erstbegeher mit den Bohrhaken und dem Schwierigkeitsgrad für einmal nicht gegeizt, so dass ich auch diese sehr schöne SL problemlos flashen kann. Es ist nicht so, dass ich den angegebenen Grad jetzt total unpassend finde, nur steht er meines Erachtens in keinem Vergleich zu denjenigen von SL 1 und SL 5. Oder mit anderen Worten: im Plattenklettern bin ich anscheinend einfach nicht genügend gut!

Der Tiefblick auf die Unteralp und das Rheintal: grandios!
SL 8, 50m, 6a+: Lange und sehr genussvolle SL mit den schwersten Moves auf den ersten 8m. Bezüglich der Schwierigkeit muss man sich hier nicht die einfache Aufwärm-6a+ aus dem heimischen Klettergarten vorstellen, sondern mehr sowas wie die SL 2 oder SL 6 von Chico Mendez am Zuestoll. Nach der Crux folgen noch über 40m schöne und etwas einfachere Kletterei an gutgriffigen Schuppen mit jedoch nur 5 BH - Stürzen sollte man hier nicht!

Von oben sieht alles grasig aus, von unten sieht man nur Fels. Dani folgt in der schönen SL 8, 6a+
SL 9, 15m, 3a: Kurze Querung in grasigem, aber meist solidem Fels in die Rinne vor der Schlüsselseillänge

Easy Querung in SL 9, 3a. Genau hinter dem Akteur führt SL 10, 7b+ durch die steile, kompakte Headwall.
SL 10, 45m, 7b+: Sehr schön sieht sie aus, diese Headwall, vom Stand nach SL 8 hat man den perfekten Blick darauf. Die Kletterei beginnt grossgriffig und athletisch. Nach den ersten Metern wird das Gelände +/- senkrecht, dafür auch die Schüpplein kleiner. Die Kletterei aber echt genial, so geht das über viele Meter dahin. Nach etwa zwei Dritteln der SL folgt eine kräftige Linksquerung, nach welcher man eine gute Schüttelposition erreicht. Bis dahin ist es vielleicht 7a+. Unmittelbar danach folgt dann aber Gelände, wo man zaubern muss: schwer zum Stehen, für die Hände nur noch Aufleger oder kleinste Käntchen, einfach richtig schwer, erst die letzten 7m zum Stand sind dann wieder einfacher. Dani zieht es sauber Onsight, ich habe die Magie des Zauberstabs leider schon vorher verbraucht...

Hier nun die Sicht von unten auf SL 10, 7b+. Die ersten Meter athletisch und grossgriffig, danach gilt es, kleine Schüpplein zu krallen.
SL 11, 25m, 5c+: Ganz und gar nicht banale, steil-griffige Kletterei an Pfeilern, Schuppen und Rissen - prima Sache! An zwei Stellen muss hier auch zwingend mit Friends zusätzlich abgesichert werden, was jedoch gut möglich ist. Urplötzlich holt uns hier auch der Nebel ein, sprich die ganze östlichste Alpsteinkette wird innert Minuten von kompakter Quellbewölkung eingehüllt.

Pfeiler-Ausstieg in SL 11, 5c+, auch Vereinigungspunkt mit der Südverschneidung. Kein Gelände für den reinen Sportkletterer.
SL 12, 30m, 6a+: Zum Abschluss folgt eine weitere steile und sehr schöne, griffige Seillänge. Die Absicherung hier für einmal tadellos, so dass man ohne Sorgen den Stand wenige Meter und dem Gipfel erreicht.

Es ist gut 16.30 Uhr, ganze 7 Stunden hat die Kletterei in Anspruch genommen. Mehr als wir gedacht hatten, allerdings war die Sache auch deutlich schwerer, wie wir angenommen hatten. Die erstklassigen oberen Seillängen hatten uns nun wieder mit dem weniger schönen Beginn versöhnt, so dass wir der Tour insgesamt doch solide *** Sterne vergeben können. Wir tragen uns ins Gipfelbuch ein, 6 Wochen war niemand da, gleich lange wie ich nicht mehr alpin geklettert bin.

Mystische Nebelsuppe am Gipfel, im Bild der erste Teil des Abstiegs über den Westgrat.
Der Abstieg dann ist alpin und eindrücklich, immer noch hüllt uns der dichte Nebel ein. Eigentlich bin ich hier ja schon einmal runter, ich kann mich aber nur noch vage an Details erinnern. Erst klettern man über den luftigen Gipfelgrat nach W und benützt dann einen zuerst steilen Kamin, um in die Scharte zwischen den Kreuzbergen 2 und 3 zu gelangen. Hier könnte man Abseilen, wir klettern ab, es ist eine alpine Dreierstelle, dafür nicht so exponiert. Ab der Scharte folgt dann weiter steiles Gelände, das wir Abklettern, erst im Fels, danach im Gras - die Sache ist aber vernünftig gestuft und genügend solide, wird aber dennoch als T6, II bewertet. Es ist aber kein Vergleich zum Schrofengelände, über welches man den Einstieg der Tour erreicht, denn dieses wäre im Abstieg mit Sicherheit viel unangenehmer. Wer will/muss, kann den Teil ab der Scharte auch abseilend bewältigen. Ab der Roslenalp geht es dann zügig dahin, um 18.15 Uhr beschliessen wir die Tour in Nasseel.

Die Crux im Abstieg ist dieser enge Kamin, der eine steile Dreierstelle bereithält.
Facts

2. Kreuzberg - Elysium 7b+ (7a obl.) - 12 SL, 370m - Th. Wälti & Chr. Angst 2003 - ***, xxx
Material: 14 Express, Camalots 0.3-1, plus evtl. Grösse 2, Keile nicht nötig, 2x50m-Seil

Sehr anspruchsvolle alpine Sportklettertour durch die zweithöchste Wand im Alpstein. Ein steiler Schrofenzustieg, zwingende Plattenmoves und athletisch-anhaltende Kletterei erfordern komplette und kompetente Aspiranten. Die ersten 4 SL der Tour sind noch nicht das Nonplusultra und können im knapp strukturierten Fels als etwas gesucht bezeichnet werden. Die  schönen Seillängen in den oberen zwei Dritteln entschädigen dann dafür. Der Fels ist grundsätzlich solide und von guter Qualität. Einige Schüpplein, bzw. die Griff- und Trittwahl erfordern aber an manchen Stellen, auch wegen den bisher sehr wenigen Begehungen, durchaus Aufmerksamkeit. Die Absicherung ist an den schweren und steilen Stellen gut ausgefallen. Wie im Text erwähnt, warten aber auch fordernde Runouts im plattig-schweren Gelände. Schwierigkeiten <= 6b sollte man im Angesicht von regelmässigen 5-10m Abständen gut beherrschen, zusätzlich abgesichert werden kann nämlich nur selten.

Topo

Das Originaltopo von Thomas Wälti ist sehr genau und uneingeschränkt empfehlenswert!


Sonntag, 23. September 2012

Fixe Exen: bequem, aber gefährlich!

Am 22. September 2012 hat sich im Klettergarten Magletsch, in der Route Dr. Tabu (7b+) ein tödlicher Unfall durch einen Seilriss ereignet (Pressebericht). Ganz bestimmt die Horrorvorstellung für alle, die im Fels unterwegs sind. Wie kann so etwas heutzutage, trotz moderner Materialien, passieren? 

Das ist ein Blick auf die Route Dr. Tabu (7b+) im Magletsch. Bild: M. Dettling
Natürlich muss die Unfallursache in einer polizeilichen Untersuchung erst hieb- und stichfest abgeklärt werden. Somit kann hier keine definitive Antwort erfolgen. Ich erachte es aber als sehr wichtig, auf eine Gefahrenquelle hinzuweisen, die selbst bei einem fabrikneuen Seil zum Riss führen kann, und der ich mir (wie bestimmt viele andere) bis dato nicht in diesem Ausmass bewusst war: nämlich fixe Expressschlingen, welche durch die ständige Seilreibung eingeschliffen werden. Es ist gut vorstellbar, ja aufgrund der Indizien sogar wahrscheinlich, dass dies im aktuellen Fall die Ursache war. Doch auch wenn es nicht so sein sollte: in Zukunft ist bei fixen Exen höchste Vorsicht angebracht!

Die Route Dr. Tabu ist enorm (ca. 10-15m) überhängend und mit fixen Expressschlingen ausgerüstet. Somit entfällt nach einer Begehung das in diesem Gelände mühsame und auch nicht ganz ungefährliche Abbauen des Materials und dank korrekt eingestellter Schlingenlänge stellt sich auch weniger Seilzug ein. Die fixen Karabiner unterliegen aber einer starken Abnutzung. Zumindest teilweise war dies sicher schon bei meiner Begehung im Frühling gegeben. Ich nahm das höchstens als etwas suboptimal war, einer besonderen Gefahr war ich mir jedoch nicht bewusst. Erst kürzlich hat Bruno in einem Kommentar auf die eingeschliffenen Fixexen hingewiesen, mir war das ja nicht einmal eine Erwähnung wert!

Gemäss einem Artikel in bei klettern.de der Unfallkarabiner aus der Prager Kletterhalle. Bild: CHS / klettern.de

Weltweit sind bisher erst einige wenige Unfälle aufgrund von Seilrissen durch eingeschliffene Karabiner bekannt. Dokumentiert ist einer aus einer Prager Kletterhalle, der, da noch bodennah, glimpflich ausgegangen ist. Auch aus der Red River Gorge / USA wurde ein Seilriss aufgrund eines eingeschliffenen Karabiners gemeldet. Dies hat die Leute bei Black Diamond dazu veranlasst, Versuche auf der Sturzanlage zu machen. Resultat: selbst ein fabrikneues Seil riss bei einem normal harten Sportklettersturz über einen eingeschliffenen Karabiner, welcher aus einer Sportklettertour in freier Wildbahn entfernt wurde. Das zeigt, wie brisant das Thema ist!

Die Abnutzung fixer Karabiner ist besonders gefährlich, wenn die Belastung unter einem stumpfen Winkel erfolgt, d.h. das Seil zwar Druck auf den Karabiner ausübt, aber nur wenig umgelenkt wird. Mit anderen Worten: wenn es fast gerade hindurchläuft. Das ist jeweils insbesondere bei der ersten Exe der Fall, und weiter oben bei jenen, die etwas ausserhalb der Linie stecken. In der Dr. Tabu treffen diese ungünstigen Kriterien gleich bei mehreren Schlingen ein.

Dieser eingeschliffene Fixkarabiner aus einer Sportkletterroute hat das fabrikneue Seil in einem Test zerschnitten. Bild: blackdiamondequipment.com
Was können wir für die Zukunft lernen? Bei fixen Exen ist grösste Vorsicht angebracht. Wenn man sich nicht sicher ist, dass der Karabiner keine scharfen Kanten aufweist, so platziert man besser eine eigene Schlinge und hängt das Seil gar nie in den fixen Karabiner ein. Beobachtet man einen eingeschliffenen Karabiner, so entfernt und ersetzt man diesen am besten sofort. Idealerweise mit einem Stahlkarabiner (z.B. einem solchen hier), welche sich durch eine viel geringere Abnutzung durch Seilreibung auszeichnen. Es wäre schön, wenn möglichst viele Kletterer hier mitarbeiten und für ihre eigene Sicherheit und die der Kameraden sorgen.


Sonntag, 2. September 2012

Wendenstöcke - Strada del Sole (7a+)

Endlich mal wieder ist die Gelegenheit für eine gemeinsame Klettertour mit Christoph da, nach einigen Klimmzügen mit sonstigen Verpflichtungen klappt es dann tatsächlich und die Vorfreude ist so gross, dass auch das Aufstehen um 4 Uhr morgens ohne gedankliches Murren in Kauf genommen wird. Um ziemlich genau 7.00 Uhr geht es auf der Wendenalp los. Die Wände sind noch grossflächig von schwarzen Wasserstreifen überzogen, Überbleibsel der Kaltfrontpassage am Vorvortag. Praktisch nirgends sieht es aber so gut aus wie an der von uns geplanten Route, der Strada del Sole. Also los. 

Hinweis: die Route wurde im Sommer 2025 von Michal Pitelka und Alban Hayoz saniert. Dabei wurde die Absicherung punktuell verbessert. Die aktuellen Gegebenheiten entsprechen nicht mehr überall der Situation, wie wir sie damals bei unserer Begehung im Mai 2011 angetroffen haben. Mein damaliger Erlebnisbericht bleibt jedoch unverändert stehen. Die Facts am Ende wurden hingegen angepasst: mit der neusten Materialempfehlung und redigiertem Text, ebenso findet man dort das Topo, welches den Stand nach der Sanierung zeigt.

Mähren, Pfaffenhuet und die Pfeiler des Gross Wendenstock beim Zustieg frühmorgens.
Ansonsten sieht der Zustieg Ende Mai 2011 bereits sehr sommerlich aus, die Lawinenresten sind schon massiv abgeschmolzen, so dann man zum Gross Wendenstock mit all seinen Pfeilern bereits gelangen kann, ohne auf Schnee treten zu müssen. Achtung, beim Pfaffenhuet trifft dies (noch) nicht zu, ein Pickel ist dort sicher nützlich, je nach Verhältnissen sogar Steigeisen. Auf den letzten 200 Höhenmetern, über weglose, steile Schrofen zeigen sich dann aber auch noch einige Überreste der Kaltfront. Die Erde ist noch feucht und schmierig, und auf allen etwas flacheren Tritten liegen noch Neuschneereste. Nicht gerade Top-Bedingungen im T6-Gelände, der mitgeführte Ankerpickel leistet im Gras sehr gute Dienste. So geht es schliesslich doch gut. 

Zuerst auf Wegspuren unter den Sektor Dom hochsteigend, dann über noch gut gestuftes Gelände leicht rechts aufwärts querend gilt es schliesslich, etwa 30-50hm unter dem Wandfuss nach rechts zu queren. Es empfiehlt sich, nicht zu früh zu hoch hinauf zu steigen. Das Gelände ist vernünftig gangbar, aber exponiert. Man erreicht schliesslich die Nische mit dem Einstieg der Route Aureus, von wo man über wieder etwas leichteres Gelände noch 50m weiter nach rechts quert. Um 8.20 Uhr sind wir dort. Den Einstieg der Strada del Sole auszumachen ist gar nicht einfach, steckt der erste BH doch in 20m Höhe und ist kaum zu sehen. Am hilfreichsten dafür ist sicher der Bolt am Einstieg der Nachbarroute Portami Via – und 5m links davon geht’s los, man suche sich auf den ersten 20m selber den einfachsten Weg. Nach einem Zmorge im wärmenden Sonnenschein steigen wir um 8.45 Uhr ein: 

Blick vom Einstieg nach links zum Sektor Lochstreifen, mit Routen wie Zahir, Hakuna Matata und Ben Hur.
SL 1, 45m, 6b+: wie geschrieben, der erste BH steckt in 20m Höhe, bis dort gibt es, wie sich aus der Nähe zeigt, noch 3 marode SU-Schlingen, und auch Keile und Friends können gelegt werden. Doch noch vor dem BH beginnt die anspruchsvolle, plattige Kletterei, und danach geht’s dann Vollgas los: kompromisslos muss auf Reibung und kleinen Käntchen angetreten werden, die Schwierigkeiten sind anhaltend und voll obligatorisch, man steigt jeweils 7-8m, bis wieder geklippt werden kann. Die blutigen Schürfwunden, die es im Falle eines Falles gäbe, blendet man dabei besser aus... Der Stand, an welchem diese Seillänge endet, ist erbärmlich: ein im Dreck steckender Schlaghaken, einige Schnüre durch eine dünne Sanduhr und die Möglichkeit für einen mässigen Friend in einem Loch. Der im Topo eingezeichnete BH existiert nicht. Besser wählt man den Stand der Portami Via etwa 4m weiter rechts, er ist gut erreichbar und liegt fürs Weiterklettern auch günstig. 

Der Start in SL 1 (6b), die zweite SL geht etwas rechts des Kletterers durch die steile Wand. Rechts in der Verschneidung die Portami Via.
SL 2, 40m, 7a+: diese SL ist sowas von genial, darum kommt man immer und immer wieder an die Wenden. Bis zum 2. BH geht's gut (ca. 6c), dann wartet die erste Knaller-Stelle: 2m über dem Bolt an Untergriffschuppe, auf schlechten Tritten anlaufen, durchblockieren zu Auflegern und gleich weiter, bis auf einem besseren Tritt aufgehockt werden kann (ca. 6c+/7a, uiuiui). Man klippt eine gebohrte Sanduhr mit zu Fäden aufgelöster Schlinge, es folgen einige strenge, weite Züge an guten Griffen, bevor wieder mal ein BH geklippt werden kann. Die folgenden Meter sind dann der Hammer: in deutlich überhängendem Gelände gilt es kleine Tropflochleisten zu krallen und sich höher zu arbeiten. Gute Übersicht, Technik, Fingerkraft und entsprechende Ausdauer sind unabdingbar, die Psyche wird mit BH-Abständen um 4m für einmal nicht aufs äusserste gefordert. Stand schliesslich wegen Seilzug nach 40m an einem einzigen BH und einer Kevlar-Schlinge in dünner Sanduhr. 

Beim späteren Abseilen über SL 2, die kompromisslose Steilheit kommt gut zum Ausdruck.
SL 3, 10m, 6c: die Wand wird sogar noch steiler, dafür gibt es gute Griffe (wenn man sie denn findet). Vom Stand gerade hoch zu Fixkeil, welcher mit einem kleinen Camalot komplementiert werden kann, dann anstrengend zum BH und überaus athletisch weiter. Der Mantle ins flachere Gelände hinaus ist die Crux, der Bolt auf schon wieder 2m unter den Füssen entschwunden. Am besten macht man dann bereits wieder Stand an BH und gebohrter Sanduhr. Zusammenhängen mit SL 2 ist wegen massivem Seilzug höchstens mit konsequenter Halbseiltechnik UND massiven Schlingenverlängerungen sinnvoll. 

SL 4, 40m, 6b: vom Stand nach links auf die Platte mit der markanten Wasserrille hinaus. Die erste und einzige fixe Sicherung dieser Seillänge besteht aus einem Hexcentric, welcher gewaltsam in die Rille verkeilt wurde. Der hält wohl, doch leider ist die an ihm befestigte Schlinge verrottet und nicht zu ersetzen – ein BH wäre hier deutlich ästhetischer, vom Gewinn an Sicherheit gar nicht zu sprechen... Die Rille wird danach über viele Meter weiter verfolgt, zwar nicht besonders schwierig, aber auch nicht trivial und Sicherungsmöglichkeiten gibt es eigentlich keine tauglichen. Zuletzt leichter auf ein etwas brüchiges Band, wo ein BH steckt. Danach links etwa 5m abklettern, weiter nach links traversieren, wieder hochsteigen und noch weiter nach links zum Stand traversieren. 

Wendenpanorama in die Berner Hochalpen, immer wieder ein Genuss!
SL 5, 50m, 7a: eine Traumlänge! Vom Stand über den auf dem ersten Meter etwas brüchigen Wulst hinauf. Danach einfach perfekter Fels, superscharf und mit vielen Tropflöchern garniert. Die ersten 3 BH stecken noch vernünftig nahe, doch dann geht’s zur Sache: bei sehr anhaltenden Schwierigkeiten muss stets 6-8m weitergestiegen werden, bis das Seil wieder einmal eingehängt werden kann. Hier sollte man doch über gewisse Reserven verfügen, damit man jedes Grifflein richtig einsortieren kann, und die Übersicht nicht verloren geht. Sonst gibt’s ganz weite Flüge hier, welche aber in der überhängenden Wand nicht besonders gefährlich wären. Falls es nötig werden sollte, könnte an einem Cliff eigentlich auch fast überall ausgeruht werden... 

Steile, athletische und griffige Traumkletterei in SL 5 (7a).
SL 6, 50m, 6b: die ersten Meter aus dem Stand hinaus sind gleich super-pumpig und schwierig. Wenn das als Referenz-Siebner durchgeht, so müsste man sicher grossflächig mit abwerten beginnen... Auch nach dem Auftakt geht’s nie trivial weiter, doch weil die Wand hier nicht mehr ganz so kompromisslos steil ist, gibt es auch einige Rastpositionen, wo man wieder Kräfte sammeln kann. Auf den 50m stecken bloss 3 Bolts, einige SU-Schlingen dienen mehr der Wegweisung, doch recht gute, zuverlässige mobile Sicherungen lassen sich wiederholt anbringen. 

Nachstieg in SL 7 (6c).
SL 7, 45m, 6c: vom Stand weg geht’s gleich supersteil an riesigen Suppenschüsseln als Griffen los, die Schwierigkeit ist ca. 6a+. Das ist/wäre superspassig, doch müssen auch etwa 12m geklettert werden, bis die erste Sicherung, eine SU-Schlinge, eingehängt werden kann. Weil davor ein Sturz in den Stand und auf die Sicherungsperson droht, ist eine gewisse Anspannung nicht zu verneinen. Danach geht’s dann etwas einfacher in strukturierterem Gelände dahin, bevor auf den letzten 10m dann noch 3 BH stecken. Dies lässt schon einiges erahnen, vergeudet werden die Sicherungen ja hier nicht und tatsächlich sind die letzten Meter nochmals technisch sehr anspruchsvoll und erfordern präzise Bewegungen. Bevor man sich an den Stand wuchten kann, wartet noch die Abschlusscrux an einem unangenehm runden, glatten Riss. Hier wurde die Route nach der Erstbegehung noch neu gelegt, daher stimmt auch das seit Jahren immer wieder abgezeichnete Originaltopo längst nicht mehr, und auch die Originalbewertung von 6b ist falsch. 

Die letzten Meter der Route wurden irgendwann neu durch eine kompakte Zone gelegt. Sie bilden ein Finale Furioso.
Um 15.05 Uhr sind wir oben, die Begehung hat also über 6 Stunden gedauert. Bei diesen sehr anhaltenden Schwierigkeiten und den langen Seillängen nicht weiter erstaunlich. Wir beobachten noch kurz eine Nachbar-Seilschaft, die in der teilweise nassen Aureus doch einen Weg bis zur letzten Seillänge gefunden hat, peppen den mit 1 BH und diversen gebohrten SU ausgerüsteten Stand noch mit neuen Schlingen auf und machen uns an die Abseilfahrt. 

Hierzu benützt man mehrheitlich die Stände der benachbarten Portami Via. Diese sieht auf den ersten Blick nicht ganz so hübsch aus, die 7c+-Cruxlänge scheint eher von der Sorte „gesucht und erzwungen“ zu sein. Zudem sieht die Länge schon auf den ersten Blick wegen mangelhafter Absicherung lebensgefährlich aus, wie dies auch von den Erstbegehern propagiert wird. Mir ist unklar, warum in einer mit gegen 50 BH abgesicherten Route diese Stelle nicht entschärft wurde. Aber na ja, jedem das Seine, diese Route werde ich bestimmt nie klettern... 

Happyness on the Top!
Ohne grössere Schwierigkeiten, von einem Stand-Plättli mit fehlender Mutter abgesehen, erreichen wir den Wandfuss und machen uns an den Abstieg. Das Gelände hat tagsüber schon gut abgetrocknet, weshalb wir die obersten und exponiertesten Meter mit weniger Anspannung bewältigen können. Kurz nach 17 Uhr sind wir zurück auf der Wendenalp – das war wieder mal ein geniales Wenden-Abenteuer! 

Facts

Wenden – Strada del Sole 7a+ (6c+ obl.) – 7 SL, 280m - P. Lechner & M. Pitelka 1991 - ****, xx
Material: 2x50m-Seile, 14 Express, Camalots 0.3-2, 1-2 SU-Schlingen, evtl. Keile

Sehr schöne und eindrückliche Kletterei in fast durchgehend bestem Tropflochfels. Es handelt sich um eine der Wendenrouten, welche nach Regen- und Schneefällen am schnellsten abtrocknen. Die Seillängen sind alle lang und die Schwierigkeiten anhaltend, trotz nur 7 SL ist die Tour nicht zu unterschätzen. Bei unserer Begehung im 2011 waren nur die beiden Cruxlängen ordentlich abgesichert: luftig und zwingend, aber ungefährlich. Sämtliches einfacheres Gelände im 6b-Bereich war damals sehr knapp behakt, hart bewertet und erforderte zumindest teilweise mutiges, plattiges Hinstehen. Auch wenn da und dort noch selbst hinzugelegt werden konnte, waren einige Reserven und Coolness nötig, um sich und den Seilpartner nicht zu gefährden. Bei der Sanierung im 2025 wurden (laut meiner Interpretation des Topos) einige zusätzliche BH gesetzt, welche sicher entschärfend wirken und damit die gesamte Route auf Absicherungsstand xxx bringen. Der beste und aktuellste Kletterführer für die Wendenstöcke ist zur Zeit (Nov. 2025) der Extrem West, Band II.

Das Topo zur Strada del Sole aus dem Extrem West, Band II mit Update der Sanierung 2025.