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Montag, 27. April 2026

Skitour Chilchalphorn (3039m) & Lorenzhorn (3048m)

Das Saisonende für Skitouren naht, doch die guten Verhältnisse wollen zur Erholung vom Sportklettern nochmals ausgenutzt werden. Mit den noch nicht geöffneten Passstrassen stehen nur relativ wenige Touren mit entsprechend viel Andrang zur Verfügung. So will ich kreativ werden und eine Tour angehen, welche sich nur in Kombination mit dem E-Bike lohnt. Mit dem sehr populären Chilchalphorn ist diese identifiziert. Bei winterlichen Powder-Verhältnissen wird diese Tour von Alpinisten aus Nord und Süd überrannt. Aber jetzt, wo unterhalb von 2000m schon gar kein Schnee mehr liegt, ist man da alleine unterwegs. Die eingesparten Höhenmeter zu Beginn der Tour habe ich den Abstecher zum Lorenzhorn investiert. Einsam und abgelegen erreicht man dieses Ziel über den Fanellgletscher in sehr schöner Landschaft und exzellentem Skitouring.

Hier ist noch (fast) alles grün, und wir sind doch schon auf 2000m! Aber der Schnee kommt, und es geht wirklich vom (sich im Bildzentrum befindenden) Bikedepot weg. Links dann der Gipfel des Chilchalphorns (3039m), rechts der Wenglispitz (2841m).

Um 7.45 Uhr sattle ich das Schneetaxi unmittelbar bei der Autobahnausfahrt von Hinterrhein. Preu heisst diese Lokalität, und somit gleich wie der Informatiklehrer meiner Tochter. Nein, ich glaube dieser Computer-Nerd hätte keine Freude an einer solchen Tour. Zügig geht's über den betonierten Chilchalpweg mit dem Boost-Modus in die Höhe. Bei P.2084 überdeckt der erste Schneefleck die Strasse, mit dem Bike kann er über die Wiese umfahren werden. Nach 20 Minuten (4.4km, +500hm) bin ich bei der Brücke über den Rappierbach auf ca. 2110m. Hier ist Bikedepot und Wechselzone, ein schmaler Schneestreifen neben dem Bach erlaubt es, direkt mit den Fellen loszugehen.

Hier nebem dem Rappierbach geht's mit den Fellen los, im Visier das Chilchalphorn.

Das Gelände im unteren Teil der Tour ist schon recht stark ausgeapert. Ich habe aber Glück, finde die richtige Linie und komme komplett mit den Ski durch. Nach Belieben konnte ich mir einen Plan zurechtlegen. Erst zum Lorenzhorn? Oder erst zum Chilchalphorn? Mein Entscheid fiel auf letzteres. Mit dieser Reihenfolge vermutete ich, noch besser von den Schneeverhältnissen profitieren zu können. Und es erlaubte mir, auf dem Rückweg von der Chilchalplücke direkt gen Tal gehen zu können - was ja durchaus auch ein Faktor sein kann, bei vorherrschender Müdigkeit und Wärme. Eventfrei habe ich schliesslich den Gipfel um ca. 10.30 Uhr erreicht. Direkt am Top ging ein giftiger Nordwind, südseitig unterhalb fand ich einen bequemen, windstillen Sitzplatz - perfekt!

Top of Chilchalphorn mit Blick in die Talschaft Rheinwald.

Dann wurden die Ski angeschnallt und in die Tiefe gestochen. Ganz oben an den NE-seitig ausgerichteten Hängen fand ich sogar noch etwas lockeren Schnee auf solider Unterlage, der genussvolle Schwünge erlaubte. Die Chilchalplücke liess sich direkt ohne Aufstieg anfahren, ich wechselte auf die Westseite. Naturgemäss war der Schnee da eher auf der harten Seite. Geräuschvoll schwang ich in die Tiefe, erst im flachen Gelände auf 2550m kamen die Ski zum Stehen und es wurde angefellt. Mein Interesse war von einem Loch im Gletscher geweckt worden, welches ich unbedingt besichtigen wollte.

Der Gletschertunnel, ein sehr eindrückliches Erlebnis!

Tatsächlich war es dann ein ca. 80-100m langer Gang in der Grösse eines Strassentunnels. Ganz ungefährlich war dessen Begehung aufgrund von Einsturzgefahr sicherlich nicht. Trotzdem, diese einmalige Gelegenheit wollte ich mir dann doch nicht nehmen lassen. Sehr eindrücklich war es, schön auch, gleichzeitig aber auch traurig - das Loch ist ja nur deswegen entstanden, weil der Gletscher am Sterben ist. Schon im nächsten Sommer wird es vermutlich Geschichte sein und das verbleibende Eis des Fanellgletschers hat auch höchstens noch ein paar Jahrzehnte vor sich. Umso besser, dass ich es noch in seiner ganzen Länge bis zur Rotgrätlilücke beschreiten konnte. Es zieht sich, ist aber eine wunderbare Passage in einer abgeschiedenen Landschaft. Man fühlt sich da weit abseits der Zivilisation, fast ein wenig wie in Grönland - zumindest in Bezug auf Handy-Empfang sind die Verhältnisse gleich.

Blick zum Fanellgletscher, der Tunnel ist zu erahnen. Links der Bildmitte das Lorenzhorn (3048m).

Schliesslich erreichte ich die Lücke und beschritt die Nordhänge gegen den Gipfelkamm hinauf. Hier lag wieder ein wenig pulvriger Schnee auf kompakter Unterlage, der es einem nicht so leicht machte. Bald war ich aber da und deponierte meine Ski am Fuss des kecken Gipfelturms. Dieser erfordert zuerst plattige Kletterei, zuletzt geht's über den schmalen, exponierten Grat in leichter Kletterei zum Top. Ja, es ist richtig luftig über der überhängenden Südwand. Um ca. 12.10 Uhr hatte ich den kleinen Platz am höchsten Punkt mit seinem kümmerlichen Steinmann erreicht. Und verliess ihn nach einem Rundumblick gleich wieder - das Skidepot versprach die gemütlichere Rast.

Der kecke Gipfelaufbau vom Lorenzhorn (3048m) von unten gesehen...
Im Vordergrund der Gipfelgrat, der sich ganz schön luftig präsentiert. Am Horizont Rheinwaldhorn und Güferhorn.

Die Abfahrt zur Rotgrätlilücke war dann prima, jene in Traumsulz über den Fanellgletscher sogar exzellent. So hätte das noch ewig weitergehen dürfen, aber im flachen Gelände auf 2550m kamen die Bretter zum Stoppen und wurden wieder mit den Fellen beklebt. Es wartete die Pflichtaufgabe mit dem 260hm umfassenden Wiederaufstieg zur Chilchalplücke. Bald war diese erreicht, die Abfahrt von da bot dann auch nochmals tollen Sulzgenuss in abwechslungsreichem Gelände. Nur die letzten 100hm zum Bikedepot waren dann auf dem letzten Streifen an schon etwas faulem Schnee nicht mehr der Brüller, aber doch bis zum Zweirad fahrbar. Um 13.30 Uhr setzte ich mich auf den Sattel, zuerst müssen noch einige Höhenmeter gewonnen werden, bald heisst es dann aber die Handkraft einzusetzen, um auf der steilen Betonstrasse die potenzielle Energie in Reibungswärme zu verwandeln. Etwa so heiss wie die Bremse war diese Tour, eine geniale Sache!

Traumhafte Bedingungen mit zischendem Sulz auf dem Fanellgletscher.
Der Schnee ist auch auf dem Rückweg noch da :-) Abschwingen also direkt neben dem Bike.

Sonntag, 19. April 2026

Terasc - Alice (7a+)

Diese Route ist monumental, aber doch nur wenig bekannt. Dazu passend hat der lockende, eindrückliche Gneisdom im Val Bavona, an welchem sich die Kletterei abspielt, noch nicht einmal einen Namen auf der Landeskarte. Wie kann das sein, bei einer Route die von der Strasse aus gut sichtbar und auch relativ rasch erreichbar ist? Ein Grund ist natürlich der Felssturz im Jahr 2023, welcher die Route in L6 unmöglich gemacht hat. Wir haben an dieser Stelle nun eine neue Seillänge eingerichtet, womit die Alice neu zum Leben erweckt ist. Trotzdem muss man für einige Herausforderungen gewappnet sein, welche dieser Bericht darlegt. Doch so viel vorweg: ursprünglich, d.h. für die erste Zeit nach der Erschliessung wurde die Route El Cagon ("der Hosenscheisser") genannt, bevor sie später zu Alice umgetauft wurde. Der erstvergebene Name kommt sicher nicht von ungefähr, denn auf dieser Kletterei zum Hosenscheisser zu werden ist relativ leicht möglich.

Blick vom Talboden auf unser Programm am Osterweekend 2026: Filo a piombo und Alice.

Prolog

Das Valle di Foiòi ist ein mythischer und geschichtsträchtiger Ort. Dies hat vor allem mit Giuseppe Zan Zanini zu tun, welcher hier ab 1833 in mühevoller Handarbeit einen Zugang in der Form eines Alpwegs geschaffen hat, welcher unwegsames Gelände mit Hilfe von Steintreppen überwindet.

Io Giuseppe Zan Zanini di Caveg fece la strada per pasare le bestie bovine su l’alpe l’anno 1833+

So lautet die Inschrift an den Felsen an der Stelle, wo der schärfere Teil des Zustiegs beginnt. "Ich, Giuseppe Zan Zanini aus Cavergno habe diesen Weg ab 1833 erstellt, um das Vieh auf die Alp zu treiben". Zuerst einmal scheint es aus heutiger Perspektive unglaublich, dass Rinder diesen Weg überhaupt beschreiten können, bzw. konnten. Zudem muss der Aufwand für die Erstellung von Mauern, Treppen und Behausungen aus Natursteinen in reiner Handarbeit gigantisch gewesen sein. Das kann nur vermuten lassen, wie gross die aus der Not und Entbehrlichkeit geborene Motivation der Menschen damals gewesen sein muss - es gab schlicht keine Alternativen. Eckpunkte aus der Biografie von Zan Zanini unterstreichen dies. Während er selbst erst im Alter von 75 Jahren verstarb, so war der Tod im gefährlichen Alltag ein ständiger Begleiter. Insgesamt 39 Kühe stürzten beim Alpauf- und -abtrieb in den Tod. Zan Zanini überlebte auch seine 3 Ehefrauen, mit denen er insgesamt 17 Kinder zeugte. Viele von diesen verstarben bereits im Kindesalter, nicht ungewöhnlich für die damalige Zeit. Ein heftiger Schlag des Schicksals muss jedoch der tödliche Absturz seiner 20-jährigen Tochter auf dem Alpweg gewesen sein. Kurzum, man begibt sich hier auf historisches und nicht ungefährliches Parkett.

Die sehr gut erhaltene Hütte von Terasc P.1267, vor knapp 200 Jahren von Zan Zanini im mühevoller Handarbeit erbaut. Bei der Alice kommt man hier nur auf dem Fussabstieg vorbei, das Foto wurde bei unserem Erkundungsgang am Folgetag der Tour aufgenommen.

Zustieg

Wie schon am Vortag für die Filo a piombo starten wir bei der Brücke nach Faedo. Dieses Mal sind wir deutlich früher unterwegs und laufen um 7.50 Uhr los. Es gilt die Brücke zu überqueren, dann folgt man der Bavona rund 500m talaufwärts. Nachdem man das (oft trockene) Bett des aus dem Foiòi kommenden Bachs traversiert hat und kurz vor der Lichtung von La Sertà zweigt man rechts ab auf den Pfad, der ins Foiòi führt. Am Eingang des Canyons 50 Höhenmeter weiter oben gibt es eine kurze Stelle mit Eisenbügeln und Kette, dann folgt man weiter dem Weg, bis dieser auf ca. 915m kehrt macht und nach links hinauf zur berühmten Treppenpassage mit der oben erwähnten Inschrift führt. Die Treppe hinauf und dem Weg entlang zuerst ein "Hufeisen" beschreibend, dann nordwärts dem Hang entlang, bis sich der Weg beim (ehemaligen P.1037) wieder nach rechts wendet. Bald danach kommt die Stelle "Barbacane" mit der an den Fels gebauten Mauer und dem alten Drahtseil. Von dort sind es noch ca. 100m (?) weiter bis zu einer 2m hohen Platte mit 3 Eisenbügeln. Nur 5m weiter zweigt der Zustieg zur Alice vom Weg ab (evtl. Steinmann vorhanden). Zuerst ca. 25m hinauf, dann eine Platte nach links queren. Man traversiert über eine Kante hinweg und quert einen Kessel, bevor wieder einfacheres, bewaldetes Gelände folgt. Zuletzt wartet nochmals eine Kraxelpassage, in welcher man etwas absteigend zum Einstieg gelangt. Auf diesem letzten Teil sind ca. 3 Markierungen in Form von alten, blauen Bandschlingenstücken an Bäumen vorhanden. Das Gelände ist teilweise exponiert und bei Nässe, Laub oder dürrem Gras heikel. Sichern bzw. Gehen am laufenden Seil ist sicherlich kein Fehler.

Ich weiss, es ist kein extrem hilfreiches Foto. Aber an dieser Stelle zweigt der letzte Teil des Zustiegs zur Alice vom Zanini-Weg ab. Auf diesem Foto sieht das Gelände sehr banal aus. Auch wenn es nicht wirklich extrem ist, gänzlich harmlos ist der letzte Teil vom Zustieg dann auch wieder nicht.

In die Route starteten wir schliesslich um 9.27 Uhr. Davor hatten wir uns noch die Freiheit genommen, am Einstieg einen BH zu setzen. Da wir die Ausrüstung zum Sanieren von L6 dabei hatten, schien dies ein sinnvoller Move. Man steht am Einstieg im Absturzgelände und es gab zuvor keine Möglichkeit sich zu sichern. Sprich, das Risiko von einem Seilschaftsabsturz, bevor der erste BH auf 7m Höhe geklippt ist, war real.

Routenbeschreibung

L1, 50m, 6a+: Rein optisch ist der Eindruck nicht mega berauschend. Aber es handelt sich hier wirklich um eine schöne Steilplatten- und Wandkletterei mit horizontalen Leisten. So gesehen die einzige Seillänge mit Plaisircharakter, ein angenehmer, aber nicht ganz repräsentativer Auftakt in Route. Mit 9 BH ordentlich abgesichert, bis auf die Linkstraverse durch die Botanik am Schluss, wo 1-2 Cams nötig sind.

Los geht's mit L1 (6a+), der neu gesetzte BH am Einstieg ist in der rechten, unteren Bildecke gerade noch sichtbar. Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass die Fotoausbeute von dieser Tour etwas eingeschränkt ist. Durch einen Defekt beim Ladegerät im Bus war strenge Akku-Rationierung angesagt, damit im Falle des Falles noch das Absetzen eines Notrufs in Frage gekommen wäre.

L2, 35m, 6a+: Es gilt zuerst rechts auszuholen zu nicht sichtbarem BH, ob welchem es gerade voraus in die Verschneidung mit dem dünnen Fingerriss im Grund ginge (6c+). Eher logischer ist der breite Riss ob dem Stand. Nach einem weiteren BH passen erst #2, dann #3, später dann nur noch #4 oder sogar #5. Dank einigen Leisten und schön scharfer Risskante geht's auch ohne viel Rampf und mit einem Runout ohne die grossen Geräte (für welche es später keine Einsatzmöglichkeiten mehr gibt). Dann etwas rechtsherum, hinauf über eine steile Zone und über ein Platte zu Stand.

L3, 30m, 7a+: Zuerst gilt es ganz klar festzuhalten: 7a+ ist diese Länge nur auf dem Topo-Papier, mit der Realität hat diese Einstufung gar nichts zu tun. Das gilt selbst eine potenzielle Pinkpoint-Begehung für Grossgewachsene. Rotpunkt ist das eine andere Nummer: das Platzieren vom Gear aus der Kletterstellung ist herausfordernd. Onsight ist das gleich nochmals fordernder, zudem ist der Riss oft etwas dreckig, bei unserer Begehung war es sogar teilweise komplett zugemoost. Uns kam es so vor, als dass diese Länge schwieriger zu punkten wäre wie die 7c der Filo a piombo (wobei wir weder das eine noch das andere gemacht haben...). Zuletzt: für Kleingewachsene, welche nicht direkt über den ersten BH hinauf können (je nach Armlänge ist die entscheidende Passage unter ca. 180cm unmöglich) und den Untergriffpiaz von links her machen müssen, ist die Schwierigkeit vermutlich nochmals in einer anderen Dimension.

Viktor in L2 "an der Arbeit", "beim Klettern" kann man ja nicht wirklich sagen.

Das Klettertechnische im Einzelnen: es geht kurz links ausholend an einem Hangelriss zum BH, dann folgt das erwähnte Grössenproblem hinauf in den Untergriffriss, gefolgt von strengen Moves um die Ecke zum zweiten BH (bis da schon ca. 7a). Nun folgt der anstrengende Piaz an Fingertips-Riss mit Füssen auf glatter und etwas brösmeliger Platte. Erst noch kletterbar, dann wird der Riss dünner und neigt sich ungünstig gegen rechts...zum dritten BH hin heisst es dann irgendwas zusammenzaubern. Erwähnt sei, dass dort im schwierigsten Abschnitt auch oft die Feuchtigkeit aus dem Riss drückt. Der finale Abschnitt verläuft dann mehr oder weniger horizontal unter dem Dach nach rechts, an sehr kleinen und schlechten Untergriffen, bei mickrigem Trittangebot. Erst drüben an der Kante folgen dann schliesslich die rettenden Henkel, zuletzt 2m absteigen zum Stand beim Baum. Für RP-Aspiranten sei noch erwähnt, dass man von dieser Stelle nur sehr erschwert zum unteren Stand zurück kommt (Tagline bzw. fixiertes Seil nötig).

Auf diesem Bild sieht man deutlich das Moos, welches teilweise wichtige Untergriffe besetzt. Die BH in der Rechtsquerung sind apropos auch eher tief und Aid-optimiert gesetzt. Zum Freiklettern müsste man Vollgas am Untergriff-Riss und an jenem im Dach möbeln, wobei die Bolts dann eher auf Fusshöhe unten sind.

Für die meisten Begeher heisst die Realität hier wohl Tekkno... Die Länge ist mehr oder weniger vollständig als Aid-Länge kletterbar, es gibt kein nennenswertes mandatory free climbing. Im Valley ginge dies wohl schon auch als C1 durch (und dann stecken ja noch die 5 BH zur Versicherung). Trotzdem ist es deutlich anspruchsvoller zu techen wie die 7c von Filo a piombo. Gute Selektion von kleinen Cams und Micros/TCUs nötig (mind. 2 volle Sätze) und das Vertrauen in diese darf dann nicht fehlen. Die Placements sind teils eher marginal, etwas dreckig und/oder feucht - viel Spass!

Hier der Blick auf den längeren Aid-Abschnitt von BH #2 zu #3. Da sind doch ein paar kleine Cams nötig!

L4, 25m, 6b+: In griffigem Fels hinauf zu markanter, athletischer Bouldercrux nach dem zweiten BH, der offizielle Grad ist eher tief gegriffen. Obwohl eigentlich gut gesichert (Füsse auf Hakenhöhe) ist die Passage zwingend. Das Hauptproblem besteht im Baum, der sich unterhalb im Sturzraum befindet... Vielleicht auch eher 6c+, oder ist es nur das Gefühl vom ja-nicht-stürzen-dürfen?!? Wenn man den Cruxmove gepackt hat, geht's links hinauf an/neben Verschneidung, zum Schluss deutlich linkshaltend in grasigem Gelände zum Stand. Die BH gerade voraus gehören zu einer anderen Route/Projekt.

Lieber ein kurzer Check bei der (harten) Crux in L4 (6b+), statt bei einem Sturz im Baum zu landen.

L5, 30m, 6b: Neben der allerersten Länge ist dies der einzige weitere Abschnitt, welcher einen Plaisircharakter hat. Bohrhaken gibt's hier jedoch nur limitiert und vorwiegend zu Beginn, wo eine Wandstufe mit ein paar kniffligen Moves zu meistern ist. Später folgt dann eine schöne Schuppe, welche genussvoll zu klettern und mit Cams abzusichern ist.

In L5 (6b) folgt nochmals ein Abschnitt ohne Mängelrüge. Schöne Kletterei, gute Absicherung.

L6, 25m, 6b+, NEU: Hier hat sich 2023 der Felssturz ereignet, wo auf ca. 10-15m Kletterstrecke das Material ausgebrochen ist. Früher wurde anscheinend an einer Schuppe kaminartig an Höhe gewonnen, diese ist nun nicht mehr vorhanden. Interessanterweise sind die Haken bis dahin alle unbeschädigt und auch die ersten 2 BH der früheren Linienführung dieser Länge sind noch präsent. Die neue Variante haben wir nicht direkt hoch durch den Ausbruch gelegt. Dies wäre eventuell schon möglich und frei kletterbar (Wandkletterei mit Gegendruck an Kanten), aber sicher nicht im 6b/6c-Bereich. Unsere Option zieht diagonal nach links mit plattigen Moves, folgt dann einer Fuge und quert links um die Kante. Dort griffig hinauf und vor dem Gebüsch wieder nach rechts in die Wand hinaus, dann zu bequemer Stand-Terrasse. Die Schwierigkeit liegt (im Kontext der Route) bei geschätzt ~6b+, der Einsatz von verlängerbaren Alpinexen ist ob der Linienführung zwingend. Die Länge ist nicht speziell hübsch, könnte noch besser geputzt werden - aber sie funktioniert und macht die Route wieder begehbar (6 BH, evtl. Cam 0.3).

Marcel (gut getarnt) beim Einbohren der neuen L6 (6b+). Auf den allerersten Metern quert man die Ausbruchzone auf dem gut begehbaren Band in der linken, unteren Bildecke. Nachher führt die neue Linie links der vom Ausbruch betroffenen Zone hinauf. 

L7, 25m, 6b, NEU: Eine kurze Traverse (1 BH) führt zurück auf die vorherige Linienführung (Achtung, nicht das erste Risssystem wählen, welches nach links hoch zur Kante führt, sondern erst den nächsten Riss rechts. Mit dem BH sollte der Weg klar sein). Dieser Fingerriss war komplett zugewachsen. Einmal geputzt, bietet er sicherlich schöne Kletterei. An seinem Ende ist der Verlauf dann etwas unklar, am einfachsten wohl nach rechts mit Hilfe des Baums gegen den Kamin hin... und hinauf zum ehemaligen Stand von L6. Diesen kann man Auslassen und das 10m lange 4c-Verbindungsstück (ehemalige L7) gleich anhängen. Direkt hoch war alles zugewachsen und schien sehr unangenehm, wir sind eine grosse Linksschleife geklettert.

Ein wenig repräsentative Bild für die neue L7, welche schöne Kletterei an einem 6b-Fingerriss bietet. Zumindest dann, wenn dieser geputzt und nicht verwachsen ist, was wir verbessert haben. Das Bild zeigt die ehemalige L7, d.h. das kurze 10m-Verbindungsstück durch die Botanik, hinauf zum Start der 7a-Länge.

L8, 55m, 7a: Boah, welch ein Pièce de Résistance, sehr taff bewertet, mit heftigen zwingenden Stellen und abschnittweise weit gesichert mit Potenzial für Stürze, die nicht verletzungsfrei ausgehen (starke Schürfungen, Prellungen, Füsse kaputt...). Die Seillänge schien uns wegen Länge und eckiger Linienführung kaum in einem Stück kletterbar. Der Seilzug macht die eh schon schwierige Kletterei nicht einfacher und die fehlende Sichtverbindung die Runouts nicht weniger heikel. Wir haben uns mit einem improvisierten Zwischenstand hochgekämpft und finden 7b (7a obl.) angebracht. Im Einzelnen:

Der Auftakt in L8 (7a) ist noch gut kletterbar und auch die Absicherung im grünen Bereich.

Zu Beginn ist es noch einfach und griffig, 1-2 Cams sind für den Abschnitt zum ersten BH hilfreich. Es folgt eine Traverse nach rechts. Wer die Seillänge komplett durchsteigen möchte, sollte den rechts aussen steckenden BH #3 massiv verlängern (120er-Schlinge), auch wenn es wegen der folgenden Plattenstelle unangenehm ist - sonst bremst der später massiv. Dann zunehmend plattig hinauf, erst helfen coole Knobs, ein paar Leisten und Löcher noch weiter. Taffe Reibung folgt aber... Empfehlung: vom BH #6 wieder zu BH #5 ablassen und dort nach ~25-30m Kletterei (bis dahin unsere Bewertung 7a) auf guter Trittleiste (No-Hand-Rest) einen Zwischenstand improvisieren.

Mangels eigener, guter Fotos und um einen Eindruck der Seillänge zu vermitteln, habe ich hier die Bilder der Erschliesser von geklaut. Wie man sieht, es ist brutal plattig und die Abstände sind weit. Der Akteur ist hier gerade in der im Text erwähnten Stelle nach BH #3. Wer die 55m durchsteigen will, muss diese Sicherung massiv verlängern - nicht angenehm im Angesicht von dem, was danach kommt! (c) by Picalciot.

Der zweite Teil ist deutlich schwieriger: harte und sehr zwingende Sektion vom BH #6 weg mit weitem Runout (ca. 8m) zu BH #7. Es wird dann zuletzt wieder einfacher, es gilt jedoch 5m über dem Haken noch eine gewagte Rechtsquerung zu machen. Wer da fällt und vom Stand nach L7 gesichert wird, kann sich ob dem Seilverlauf auf einen 15m-"Plattenrutscher" einstellen... nein danke! Nach BH #8 dann der unseres Erachtens schwierigste Boulder (min. Fb 6C Plattenboulder, mit Knien bis Füssen auf Hakenhöhe). Dann etwas einfacher werdend ein Mantle auf Trittleiste und mit Runout nach links über die runde Kante hinweg). Das Finish dann etwas zugänglicher mit Linksquerung und einer nochmals steilen Stufe (kann nass sein!), spätestens da würde einen der Seilzug definitiv killen, wenn man das am Stück durchzieht.

Nochmals eines der Erschliesser das zeigt, wie crazy dieser Shit ist. Das ist die im Text erwähnte Stelle von BH #6 weg. Der Hakenabstand ist hier geschätzte 8m bei brutal plattiger, maximal schwieriger Kletterei - noch dazu ohne Sichtverbindung zum Stand. Und der Clou (wie wir im Nachhinein mit diesen Fotos herausgefunden haben) ist noch: wir haben da eine andere Beta geklettert. Dass es vom unteren Haken weg rechts raus klettern könnte, stellten wir auch fest. Aber ob es dann weit über dem Haken wieder nach links zurück zum BH geht, schien sehr, sehr unsicher. Wir sind darum erst links vom BH gestiegen, da ist die (taffe!) Crux wenigstens auf den ersten 3-4m nach dem Bolt, während sich das Gelände in der zweiten Hälfte des Runouts dann etwas zurücklegt. (c) by Picalciot.

L9, 30m, 6b+: Plattige Sache mit der Crux gleich zu Beginn: ein dynamischer Aufsteher gefolgt von einer Mantle-Sequenz. Das Band unterhalb ist noch nah, aufmerksame Sicherungsarbeit ist nötig und den letzten Aufsteher sollte man besser nicht vergeigen. Dann weit und relativ easy etwas gestuft hoch mit teilweise guten Leisten/Absätzen, bevor es am Ende nochmals kurz steil und dann sehr plattig wird. Dank 2 BH ist das zum Glück nicht so wild.

L9 (6b+). Auch nicht einfach, aber einfacher wie die davor und danach. Und die Sonne hat schon "ciao" gesagt.

L10, 50m, 6c: Nochmals ein 50m-Plattenschocker in ähnlichem Stil wie L8, wenn auch nicht ganz so verschärft von der Kletterei her - die Absicherung ist jedoch gleichermassen crazy. Erst plattig nach rechts hinaus, wobei man die Linie gut wählen/erkennen muss. Es folgt eine seichte, runde Rissspur (tricky), bevor man zur genialen Quarzleiter kommt. Diese lässt einen mühelos ein paar Meter machen, ist aber leider viel zu kurz. Weiter dann nach rechts zu einer weiteren Rissspur, gefolgt von sich etwas zurücklegendem, aber zunehmend plattigem Gelände. Die Abstände sind extrem weit und es läuft auf ein Spekulieren hinaus, mit welcher Beta man den nächsten BH ungerupft erreicht. Auch da fehlt die Sichtverbindung zum Stand und 15 oder sogar 20m-Stürze liegen locker drin, mit entsprechenden Konsequenzen für das Wohlergehen. So richtig cool ist es schon, dass die Sequenz mit den vereinzelt vorhandenen Knobs aufgeht, ohne dass es nochmals richtig hart würde - psycho ist es trotzdem. Der Stand dann vor dem Steilriegel.

Nochmals eines der Erschliesser um zu zeigen, was hier in L10 (6c) Sache ist. Es lohnt sich, genau hinzuschauen: die letzte Exe ist am unteren Bildrand geklippt, der nächste BH befindet sich in der linken, oberen Bildecke - ein unverantwortlicher Runout, anders kann man es nicht benennen. (c) by Picalciot.
Die Quarzleiter in L9 (6c) ist richtig cool, diese quasi geschenkten Meter nimmt man sehr gerne. Es sind allerdings nur etwa 5 auf 50 Meter...

L11, 50m, 6a+: Easy peasy denkste nun, nix da! Links um den Riegel herum (BH an seinem Ausläufer) und hinauf. Hier hat's auch einiges an Moos auf den Platten und Botanik, welche die Risse besetzt. Mittig dann eine heikle Plattensequenz über einem Band, die Absicherung schützt nicht wirklich vor einem Sturz auf dieses. So scheint auch diese 6a+ nochmals richtig schwierig, es wird einem nichts geschenkt...

Nicht so das Filetstück der Route. Grasige Risse und moosige Platten in L11 (6a+, hart für den Grad!)

L12, 15m, 5c: Kurzes 15m-Stück mit 2 BH, welches ohne den Ausflug an den grasig zugewachsenen Riss rechts seine Bewertung sicherlich auch übersteigt (eher 6b-Platte ohne Nutzung der Graswasen). Wenigstens ist es schnell einmal vorüber. Zuletzt dann hinauf zum Top mit Schlingen an Baum, vergammelten Pappmaché-Wandbuch, einem Bärli und einer Seifenblasen-Dose...

Es war inzwischen 20.15 Uhr und die Dämmerung war schon weit fortgeschritten. Wir hatten aber nicht klein beigeben können und wollten die Sache unbedingt zu Ende bringen, so wie es die Grössen à la Seb Berthe auch zu tun pflegen. Dies mit einer neu eingebohrten Seillänge, 10:48h Kletterzeit und unter Inkaufnahme von einem Abseilen im Stirnlampenschein, was - wenn auch etwas spooky - gut zu verantworten schien. Jedenfalls war das Tageswerk mit L12 beschlossen, die (sowieso etwas fakultativ wirkende und im Extrem Sud nicht verzeichnete) Schlusslänge L13 auf dem Abstiegsweg lag nicht mehr drin. Somit fädelten wir die Seile und glitten in die Tiefe: 12 -> 11 -> 10 -> 9 -> 8 -> 7 -> 5 -> 4 waren problemlos. Der untere Teil ist hingegen kniffliger und man muss zwingend mindestens einen Stand auslassen (3 -> 2 ist nicht möglich), zudem war es inzwischen zappenduster. Wir entschieden uns schliesslich für 4 -> 2 -> 1 -> Einstieg. Das Erreichen von Stand 2 ist aber nicht so einfach, es sind ca. 10m Traverse in steilem, plattigem Gelände und man berührt den Fels nur knapp. Nichtsdestotrotz, um 21.25 Uhr und damit nach 70 Minuten Abseilen waren wir relativ zügig retour am Einstieg. 

Nun ja, vom Abseilen gibt es nicht viel zu zeigen. Die Gegend ist wunderschön. Das Foto wurde am Start der Route aufgenommen. Der Ausgangspunkt bei der Brücke über den Fluss ist am unteren Bildrand gut sichtbar.

Nun galt es noch, die Traverse zum Zan Zanini-Pfad retour zu gehen. Diese fanden wir im Stirnlampenlicht problemlos, am Ende über die Platte haben wir aber nochmals einen 25m-Abseiler von einem Baum über die Platte gezogen. Nun konnten wir die Klettersachen ablegen und versorgen, der Abstieg über den Weg war dann Formsache, um 22.35 Uhr waren wir schliesslich zurück beim Ausgangspunkt. Das macht Summa Summarum 14:45h Car-to-Car, ein episches Abenteuer.

Jeder Meter will geklettert sein!

Am nächsten Morgen besprachen wir unsere Pläne. Da sich Viktor bei einem Sturz erheblich an den Fingern abgeschürft hatte, war eine anspruchsvolle MSL nicht mehr realistisch. Nun hätte man die Sache bequem handhaben und eines der Sportklettergebiete ansteuern können, welches es im Bavona sogar unmittelbar an der Strasse gibt. Das traf jedoch das Gusto nicht und so entschlossen wir uns schliesslich, auf dem von den Erschliessern beschriebenen Abstiegsweg zum Top zu gehen und dort noch die am Vortag ausgelassene L13 (6c) und ihre Rechtsvariante (7a) in Augenschein zu nehmen. Schliesslich schien schon der (Weiter)weg auf den historischen Pfaden zur Hütte von Terasc und zu den früheren Installationen interessant.

Sorry, das muss sein. Rissklettern, schmerzhafte Sache. Und der Grund für unsere Planung an Tag 3.

Nun denn, um 9.55 Uhr zottelten wir los, liefen wie an den Vortagen in den Canyon de Foiòi hinein und über den Treppenweg hinauf. Vorbei am Abzweig zum Einstieg von Alice und am Abzweig zum Ausstieg von Filo a piombo gelangten wir schliesslich zur erstaunlich gut erhaltenen Steinhütte von Terasc (11.00 Uhr), welche von Zan Zanini im frühen 19. Jahrhundert erbaut worden war. Von dieser folgt man noch für ca. 70m dem Pfad, bevor man VOR der nächsten Rinne (mit ihrer Steinmauer) über den Rücken hinaufsteigen muss. Zuerst über dürres Gras zu einer Platte (mit Eisenstift). Hier nahmen wir ob dem sehr exponierten Gelände das Seil hervor. Nach ca. 25m kommt man wieder in waldiges Gelände (mit viel rutschigem Laub bedeckt). Immer im flachsten Terrain verbleibend kamen wir in einer grossen rechts-links-rechts-links-Schleife auf das ebene Terrain am Top des Berges auf ca. 1480m. Über eine kleine Scharte gelangten wir zu P.1470, welcher das Top von L13 markiert (ca. 12.00 Uhr). Schliesslich identifizierten wir den Stand und konnten ihn an einem Baum abseilend erreichen. So gelangten wir auf die flache, idyllische Waldterrasse am Top von L12. Nach einer Mittagspause griffen wir schliesslich an.

Im Aufstieg zum Top der Route. Genau am Standort des Fotografen verlässt man den Weg von Zan Zanini nach links hinauf. Ich bin da schon zu weit um kurz Nachschau zu halten, ob nicht eine noch geeignetere Stelle für den Aufstieg folgt. Dem ist aber nicht so.  

L13 (rechte Variante), 25m, 7a: weil das Seil schon installiert war, ob der mit nur 5 BH knapp gehaltenen Absicherung und wegen zwei bereits vorhandenen Bail-Karabinern zogen wir es vor, diesen Abschnitt im Toprope anzugehen. Zu Beginn geht's noch gut, an einem Riss kann man Cams (0.3/0.4) legen, nach BH #3 kommt die Crux. Heftige Sache an etwas flechtig-rutschigen Slopern, quasi trittlos. Wir kriegten es nach einigem Üben gerade so hin, unseres Erachtens eher 7b als 7a und zudem zwingend (7a obl.). Der Rest geht dann besser, bis auf den finalen Abschnitt zum Stand. Direkt über den BH verdient dies das Prädikat unmöglich. Rechts herum ist es wohl kletterbar. Der Mantle auf das dreckige Ausstiegsband (Flechten, Nadeln, Brösmelibelag, Dreck) ist aber etwas heikel und man nimmt das Risiko eines fetten Pendlers in Kauf - naja! Von einem Vorstieg sah ich schliesslich aufgrund der Gegebenheiten ab, die Seillänge ist eher unlohnend.

L13 (linke Variante), 25m, 6c (???): Mein Minimalziel bestand noch darin, wenigstens hier den Punkt zu holen - etwas Besseres konnte ich nämlich in der Alice noch nicht vorweisen. Da ich 6c (solange nicht objektiv gefährlich) unter mehr oder weniger allen Voraussetzungen onsight klettern kann, sollte das in einer übersichtlichen 25m-Länge mit 9 BH in Wandkletterei keine grosse Sache sein. Die Mission hätte aber nicht krachender scheitern können: 6c, wtf!!!

Das ist die linke Variante von L13 (6c, wtf!). Die Absicherung ist gut, aber die Moves ultrahart.

Schon das, was zu Beginn optisch noch recht einfach aussieht, ist ob dem nicht recht griffigen Fels taff. Bis kurz vor BH #4 kam ich noch in sauberem Stil - aber doch schon mit 2-3 Slab-Bouldern, welche im Minimum definitiv als blau (Fb 6C-7A) bewertet würden. So erreicht man eine Sektion mit einer schlechten Pinch, die zu einem diagonalen Untergriffrail führt, an welchem man +/- trittlos durch senkrechtes Gelände moven muss. Nur schon das Etablieren in einer Position ist hart, das Moven zwischen den Positionen und Füsse umstellen war teilweise unmöglich. Gewürzt wir die Sache von einem grifflosen Exit, wo wir mit aller Fantasie keine Lösung erkannten. Über die letzten 2 BH geht's dann wieder besser, so à la 6c/7a-Gelände mit engagée-Touch.

Diese linke Variante ist sicherlich besser und lohnender wie die rechte. Aber auch viel schwieriger. Eine 6c ist das definitiv nie und nimmer. Ich wage sogar die Behauptung, dass 8c näher an der Realität liegt wie 6c. Denn unter 7c geht dieser Abschnitt bestimmt nicht weg, so weit wage ich mich auf das Glatteis (oder eben die Reibungsplatte) hinaus. Zu erwähnen ist auch noch der körnig-scharfe, aber doch etwas brösmelige Fels - ein Hautfresser par excellence. Kurzum, "normale Leute" werden das nach den ersten 12 SL der Alice kaum mehr klettern wollen (und können). Wenn, dann würde man die Längen vermutlich eher auch Umlenken als oben Stand machen und aussteigen, auch wenn der Abstieg von oben (P.1470, nach L13) etwas einfacher ist wie vom unteren Plateau nach L12. 

Abstieg

Die Beschreibung der Erschliesser (siehe hier für die Details) ist sehr gut. Sie sei hier aber mit noch etwas mehr Worten in tedesco angereichert: vom Stand nach L12 mit Wandbuch ca. 30m durch das flache Waldstück zum nächsten Felsriegel (ca. 1430m), wo die beiden Varianten von L13 beginnen. Hier nach rechts über ein Band am Fuss der Felswand queren. Das geht erst problemlos, zum Ende kommt aber eine enge, exponierte und häufig nasse Stelle. Diese entweder klettern (Stelle 2) oder an Stand mit 2 BH ca. 15-20m abseilen. Nun auf keinen Fall das Couloir hinabsteigen, sondern (eher etwas aufsteigend) auf den folgenden, ca. 100m breiten Rücken traversieren (ca. 1440m).

Das Routenbuch muss man leider als verloren werten - total durchnässt und vergammelt. Wir haben es zwar zum Trocknen ausgelegt, aber das hat nicht wirklich funktioniert. Einträge darin haben wir nur ganze 2 Stück entdecken können... Es wäre echt noch wissenswert, wie viele Komplettbegehungen die Route erhalten hat. Die wenigen Einträge, welche man online findet, zeigen alle nur Fotos bis maximal L6 - nicht ohne Grund vermutlich.

Wer L13 auch geklettert hat, geht vom Ausstieg Richtung NE über den flachen Boden (P.1470), überschreitet eine kleine Scharte und erreicht etwas aufsteigend das Plateau auf ca. 1480m, welches das Top des vorher erwähnten, ca. 100m breiten Rückens darstellt. Bei beiden Varianten steigt man nun "der Nase nach", d.h. etwas mäandrierend und im am wenigsten steilen Gelände bleibend über den Rücken ab. Der in den Beschreibungen erwähnte Köhlerplatz ist wenig markant (kurzes Flachstück mit kleiner Steinmauer talseitig) und folgt ca. mittig in diesem Abstieg. 

Der Rücken wird schliesslich ca. 70m im ENE der Hütte von Terasc verlassen, bzw. man trifft dort auf die Wegspur. Das steilste Stück folgt fast am Ende auf ca. 1330m und wird durch eine kompakte Felsplatte markiert. Die Kletterei ist in der Plattenzone zwar relativ einfach (Stellen 2), Nässe, Laub und rutschiges Gras können aber stören. Zudem ist die Stelle sehr exponiert. Deshalb am besten 25m von einem Baum über die Platte abseilen, dann in einfacherem Gelände zum Weg hinab und rechtshaltend unmittelbar zur Hütte von Terasc.

Das ist die Platte, über welche wir 25m an einem Baum abgeseilt haben.

Von dieser auf der mit einigen farbigen Punkten markierten und meist gut erkennbaren Wegspur ins Tal. Dieser Abschnitt wird als T5 gewertet. Wenn auch unschwierig, so ist das Gelände exponiert, bei einem Fehltritt droht einem dasselbe Schicksal wie Zan Zaninis Tochter und seinen Kühen: ein Absturz über die Wand des Canyon de Foiòi wäre kaum mehr aufzuhalten.

Fazit

Alice ist ein Monument, welches Respekt, Ausdauer und die richtige Einstellung erfordert. Mit der von uns erschlossenen, neuen Seillänge 6 wurde der Route nach dem Bergsturz 2023 wieder neues Leben eingehaucht. Auf Konsum und Bequemlichkeit orientierte Kletterer sind hier sicher fehl am Platz - auch wenn's Einsatz braucht, ganz den Schnauf, die Entbehrungen und Verluste von Giuseppe Zan Zanini muss man zum Glück nicht in Kauf nehmen, um hier eine Portion Ambiente im Valle di Foiòi zu schnuppern.

Die gute Frage: was ist der richtige Weg beim/zum Klettern? 

Das grosse, logische Projekt wäre eigentlich der Link-Up von Filo a piombo und Alice. Laut Topo macht das 24 SL bis maximal 7c. Trotzdem - da bin ich mir sicher - braucht es doch schon eine satte Portion an Fähigkeiten, um das in 1 Tag zu realisieren. Ich zweifle nicht, dass es im Yosemite Valley eine ganze Menge an Leuten gibt, welche diesen Feat pullen könnten und auch würden - insgesamt ist es wohl "nur" in der Grössenordnung von einem Half Dome Regular NW Face. Die Routen am El Cap sind sowohl länger wie auch schwieriger, und selbst da sind Tagesbegehungen keine Seltenheit. Wie es aber scheint, gibt es hierzulande kaum Climbers, welche Ambitionen auf einen solchen Link-Up haben. An Ostern 2026 war zwar ein grosser Trupp von starken Jungs und Mädels im Val Bavona. Diese haben sich aber alle an den Blöcken im Talgrund vergnügt... wer kann es ihnen verübeln? Bequemer hat man es ganz sicher und die soziale Interaktion ist ebenso umfangreicher.

Facts

Terasc - Alice 7a+ (6c obl.) - 13 SL, 450m - Koch, Cavargna, Pagano, Gehring 2014 - ***;xx
Material: 2x60m-Seile, 12 Express, 2 Sätze Cams von Micro-0.75, evtl. Grösse 4, evtl. plus 0.2-0.5

Ein Gewaltsunternehmen, welches in der unteren Hälfte bis und mit L7 vorwiegend Riss-, Verschneidungs- und Wandkletterei bietet, oberhalb dann mehrheitlich anspruchsvolle Platten. Zu beachten sind die harten, teils sogar komplett unrealistischen Bewertungen. Insgesamt ist die Route deutlich anspruchsvoller wie das Topo suggeriert. Die Gesamtanforderung ist ob Länge, Schwierigkeit und Absicherung viel höher wie z.B. in der Filo a piombo. Die Absicherung ist eher knapp. Einige clean gebliebene Passagen an Rissen und Verschneidungen sind da nicht das Problem, die können mit Cams gut passiert werden. Hingegen sind Platten im oberen Routenteil sehr fordernd gebohrt. Mehr als Stufe xx ist das nicht, mit zwingenden Schwierigkeiten deutlich über dem Haken! Es ist ein klares Verletzungspotenzial bei Stürzen vorhanden. Lebensgefährlich ist das schon nicht gerade, mit heftigen Abschürfungen, Prellungen und beschädigten Fussgelenken ist im Falle des Falles aber schon zu rechnen. Was man auch noch wissen muss: die Risse wachsen offenbar recht schnell wieder zu. Sollte dies der Fall sein, dann ist natürlich sowohl das Klettern wie auch das Absichern schwierig und ohne laufend zu putzen, kommt man nicht voran (genügend Begehungen bitte, dann ist das kein Problem). Die Route ist nur nach einer Trockenperiode sinnvoll. Aus der Rissverschneidung in L3 saftet es sehr lange raus, die ist sogar eher nur im Ausnahmefall in richtig guten Bedingungen. Ob der Länge, den Schwierigkeiten und der spärlichen Absicherung ist eine Begehung zeitraubend (jedenfalls für Normalos). Wenn man oben ankommen will, dann ist ein früher Start wichtig. Die Sonne erreicht den Einstieg jedoch erst spät (ca. um die Mittagszeit). Der obere Routenteil ist sehr sonnig und wird bis in den Abend bestrahlt. Den Füssen und der Reibung zuliebe wählt man besser einen nicht zu warmen Tag. Der Zustieg und auch der Fussabstieg sind mit den Beschreibungen gut machbar. Das Terrain ist jedoch hier wie da >45 Grad steil. Bei Nässe, Dunkelheit bzw. schlechter Sicht würde ich vom Fussabstieg abraten. Das Abseilen funktioniert gut und zügig - ausser im Optimalfall und für Ortskundige ist es vermutlich nicht so viel zeitraubender wie der Fussabstieg. Die Route ist im Extrem Sud und im SAC-Kletterführer Tessin beschrieben. Sehr empfehlenswert ist die Original-Doku der Erschliesser. Hier als Bild das Update mit der neuen Situation in L6/L7.

Update vom Originaltopo der Erschliesser mit den neuen L6 und L7.

Literatur

Wer mehr über die Geschichte dieser Gegend und ihren prägenden Protagonisten Giuseppe Zan Zanini erfahren möchte, dem seien die folgenden beiden Bücher ans Herz gelegt: (1) "Giuseppe Zan Zanini e la Valle di Foiòi" von Giuseppe Brenna. Das Buch gibt es nur auf Italienisch, hier erhältlich bei Pizbube. (2) "Il fondo del sacco" oder die deutsche Version "Nicht Anfang und nicht Ende" von Plinio Martini, welche beide einfach im allgemeinen Buchhandel erworben werden können. Es handelt sich um einen Roman, welcher das harte Leben in den Tessiner Tälern beschreibt und auch das Schicksal von Zan Zanini aufgreift.

Freitag, 10. April 2026

Canyon di Foiòi - Filo a piombo (7c oder 5.11 C1)

Die gegen 200m hohe Wand im Canyon de Foiòi wurde erst 2008 zum Klettern entdeckt und bietet mit der Filo a piombo ein Trad-Gustostücklein erster Güte. Weitgehend clean, mit nur wenigen, strategisch platzierten Bolts gewinnt man hier entlang von Rissen und Verschneidungen an Höhe. Das Gelände ist eindrücklich steil, die Wand im Schnitt überhängend und weitgehend vor Regenfällen geschützt. Die Kletterei folgt dem natürlich-logischen Weg und fragt viele verschiedene Styles ab: nebst vortrefflichen Jam-Rissen gibt es Layback-Verschneidungen, gewürzt ist das Ganze mit einigen kniffligen Wandstellen. Sicherlich ein Highlight im Schweizer Gneis!

Die Wand im Canyon di Foiòi mit dem Verlauf von Filo a piombo (7c oder 5.11 C1).

Vorgeschichte

Der Wettkampfsport fordert wieder einmal seinen Tribut, ein Familientrip liegt an Ostern 2026 wegen dem Selektionswettkampf im Bouldern nicht drin. Wenn auch schade, so gilt es keinen Trübsal zu blasen: ich kann mit Viktor gemeinsame Sache machen. Es soll für 3 Tage ins sonnige Tessin gehen, um gneisige MSL zu attackieren. Wir entscheiden uns für das abgelegene Val Bavona, welches wir bisher noch nie im Rahmen eines Tagestrips angesteuert haben. Während wir vorab ausgiebig über Ziele und Strategien diskutieren, so bleibt uns auf der etwas Sitzleder und Geduld erfordernden Anreise am Gründonnerstag genügend Zeit, um nochmals alle Optionen durchzuspielen. Nach einer mässig gemütlichen Nacht auf einem Autobahnparkplatz legen wir die letzten Kilometer zurück und erhalten die gelobten Wände zu Gesicht. Das was wir wollen ist trocken und scheinbar in Top-Conditions. Also gehen wir, solange wir noch im Vollbesitz der Kräfte sind, gleich aufs Ganze und setzen auf die Filo a piombo.

Da wird es einem gleich warm ums Herz, wenn man ins Little Yosemite of Switzerland einbiegt. Hier im Blick die majestätische Cascata di Foroglio, gleich oberhalb die Wand von Puntid im Val Calnègia, welche eine plattige MSL-Challenges bereithält. Wir blieben stehen und überlegten, ob wir gleich hier schon attackieren sollten - schliesslich hatte ich mit der Tis-sa-ack weiter hinten in diesem Seitental sehr gute Erfahrungen gemacht. Doch es zog uns schliesslich weiter...

Zustieg

Wir stationieren bei der Brücke nach Faedo, exakt von da startet auch der Zustieg. Um 10.30 Uhr liefen wir schliesslich los, d.h. überquerten die Brücke und folgten der Bavona rund 500m talaufwärts. Nachdem man das (oft trockene) Bett des aus dem Foiòi kommenden Bachs traversiert hat und kurz vor der Lichtung von La Sertà zweigt man rechts ab auf den Pfad, der ins Foiòi führt. Am Eingang des Canyons 50 Höhenmeter weiter oben gibt es eine kurze Stelle mit Eisenbügeln und Kette, dann folgt man weiter dem Weg, bis dieser auf ca. 915m kehrt macht und nach links hinauf zur berühmten Treppenpassage führt. Zum Einstieg der Filo a piombo geht's hingegen noch ca. 50m geradeaus weiter der Wand entlang nach rechts. Der Start ist nicht näher bezeichnet, er befindet sich kurz bevor man auf das Geröllfeld käme, die ersten 2 BH der Route sind gut sichtbar. Der Zustieg hatte uns knapp 30 Minuten in Anspruch genommen. Während ein schneidig-kühler Bergwind durch die Schlucht pfiff, machten wir uns bereit und packten uns dementsprechend ein. Ob der Verhältnisse hatten wir uns für einen Blockvorstieg entschieden, ich legte um 11.30 Uhr los.

Ja, genau an dieser Stelle startet die Route. Die Crux von L1 (7a) besteht darin, das Dach zu überwinden. Ein richtiger Kaltstart also, der zudem durch die vorherrschenden Verhältnisse noch akzentuiert wurde. Die Route führt dann mehr oder weniger direkt oberhalb vom Kletterer durch die Wand hinauf.

Routenbeschreibung

L1, 30m, 7a: Der Eindruck vom Einstieg überzeugt auf den ersten Blick nicht wahnsinnig. Die Wand wirkt am Sockel ziemlich botanisch und der Fels etwas dreckig. Schlussendlich ist das aber eine Täuschung, schon dieser erste Abschnitt bietet lässige Kletterei. Die Crux mit einem kniffligen Boulder wartet gleich zu Beginn. Mit den 2 BH ist sie fair gebohrt. Aufmerksam sichern muss man trotzdem, denn man kann da schon abgeworfen werden... so geht's mir. Beim Restart kann ich rp passieren. Nach leichterem und etwas durchzogenem Gelände folgen schöne und nicht allzu schwierige Risse, die mit eher kleinem Gear zu sichern sind. Der Stand auf der markanten Schuppe muss dann selbst eingerichtet werden. Z.B. mit den Camalots 2 und 3, zusätzlich habe ich so hoch wie möglich einen weiteren 3er als Dummy Runner für die nächste SL mit einbezogen. Zum Glück ist der Wind auf dieser Höhe nicht mehr fühlbar und bald kommt beim Nachsichern die Sonne und es wird wohlig warm.

Der Auftakt ist nicht so mega-mega, das Finish von L1 (7a) an diesem Riss ist aber toll.

L2, 25m, 6b+: Den Faustriss jammend geht's steil und zackig die Rissverschneidung hinauf auf die Schuppe, dann folgt eine coole Hangelquerung an grossen Slopern nach links. Die Stelle, wo man nach oben abzubiegen hat, ist gar nicht mal so offensichtlich. Ich wurde mir erst 5m zu weit drüben gewahr, dass der Weg da nicht weiterführt und musste wieder ein Stück retour klettern. Die mit einem BH abgesicherte, griffige Wandstelle ist nicht ganz trivial, aber doch gut machbar. Wenige Meter später steigt man auf ein Band aus und findet den Stand.

Steile Jamming-Passage an dieser Schuppe zum Auftakt in L2 (6b+).

L3, 15m, 7a+: Zuerst über ein paar Stufen hinauf zur kompakten Wand, wo sich der nächste Abschnitt in einem seichten Winkel abspielt. Zuerst mit ein paar artistischen Verrenkungen über den ersten BH hinweg, wenn man den bald folgenden zweiten geklippt hat, heisst es dann sich Übersicht zu verschaffen, sich eine gute Strategie zurechtzulegen und diese dann gekonnt auszuführen. Bisschen Zauberei an kleinen Griffen, die Balance und gutes Antreten sowie eine Portion Committment verlangt. Mit dem Ausstieg auf das Band ist schon der Stand da. Voll im Schwung liess ich diesen aus und hängte den nächsten Abschnitt gleich an, was gut möglich ist. Auch zu erwähnen: vermutlich könnte man diesen Abschnitt komplett linksherum in einfachem Gelände umgehen (de visu, von uns nicht verifiziert).

Nicht so das Hammer-Foto von L3 (7a+). Ich habe aber leider nur das. Wie man sieht, die beiden BH sind geklippt. Nun heisst es die beste Lösung finden und sie dann ausführen. Die Route führt dann durch das steile Gelände oberhalb weiter. Zuerst rechts der Bildmitte, später dann links.

L4, 30m, 6c: Zu Beginn scheinen mehrere Möglichkeiten zu existieren. Durch den kolossal rostigen Schlaghaken links der Rampe reduziert sich das aber rasch. Schliesslich in cooler Wandkletterei an einem BH vorbei zu einem weiteren NH, wo man sehr cool an einer sloprigen Rampe die Füsse von links nach rechts zu schwingen hat. Das Finale besteht aus einer seichten Verschneidung mit zwei dünnen Rissen und ist neben einem BH selbst mit kleinen Cams oder gar Micros zu sichern - cool stemmen und den Füssen vertrauen heisst die Losung, die einen auf die sehr bequeme Stand-Terrasse führt.

Tolle und sehr fotogene Sektion zum Ende von L4 (6c), die mit Micro-Cams abzusichern ist.

L5, 25m, 7c oder 5.11a C1: Wenn man sich den Freikletterpunkt holen will, dann heisst es nun Guzzi geben! Diese Länge wurde tatsächlich von Könnern schon onsight geklettert. Für einen Menschen wie mich, der 7c pro Jahr unter Idealvoraussetzungen in einem soften Sportklettergebiet höchstens 1-2x pro Jahr in diesem Stil schafft, war das Spiel schon vor dem Start entschieden. Einen Versuch mit der Einstellung "es ist eh aussichtslos" schon im Vornhinein zu verwerfen kann man als mutlos verurteilen, doch aus meiner Perspektive war das einfach purer Realismus. Also machte ich mich auf, diesen cleanen Abschnitt (es ist nur in der Mitte 1 alter Fixkeil vorhanden) mit Cams und Keilen zu techen. Das geht geschmeidig, ist wenig mühsam und macht durchaus Spass - straightforward and easy aid! Grundsätzlich ist diese Passage aber sicher kletterbar: erst ein stark überhängender Fingerriss, dann etwas "Erholung" an ein paar Fist Jams, knifflig an einem dünnen Flake, zuletzt bringen einen Wand- und Gegendruck-Moves zu ein paar Henkeln. Gerade hinauf ginge es von da nahtlos mit der 7a+ weiter. Der Stand befindet sich aber ca. 7m links auf einem Band und ist mit einer obligatorisch zu kletternden Traverse im 6c-Bereich anzuklettern - da liegt kein Gear mehr, die Absicherung ist aber sowohl für den Vor- wie auch den Nachstieg gut.

Die Cruxlänge L5 (7c) von unten, mit dem Akteur bereits am Standplatz.

Die Gegenperspektive in L5 (7c), Viktor in der Gegendruck-Passage.

L6, 30m, 7a+: Eine Hammerlänge! Die Topos zeigen zwar ein etwas anderes Bild, aber de fakto klettert man hier zuerst die 7m lange Traverse genau gleich zurück zu den Henkeln ob dem 7c-Riss. Dann kräftig hinauf an einer Schuppe. Wenn man einmal auf dieser steht, kann man sich kurz etwas sammeln, bevor es mit kräftigem Gegendruck eine Rissverschneidung im besten Yosemite-Style hinaufgeht. Ein paar Jams sowie gelegentliche Möglichkeiten das Gewicht ein wenig auf die Füsse zu stellen, sorgen für etwas Entlastung. Das Finish nach links hinaus auf die nächste Terrasse ist dann nicht mehr so schwierig, aber doch etwas knifflig und v.a. nässeanfällig (bei uns war es zum Glück zu 98% trocken). Zuletzt noch ein Strategie-Tipp: da wir L5 und L6 im Wechselvorstieg gemacht haben (und den 7c-Riss eh geaidet haben), hat sich Viktor die hin-und-her-Traverse an den Stand geschenkt und ist direkt hinauf. Wer genügend Gear hat, wenig legt oder ausreichend Backcleaning macht, kann die beiden Abschnitte auch im Vorstieg gut verbinden.

Kräftiger Layback in L6 (7a+), die folgenden Meter ab diesem Sammelpunkt sind die Crux.
Die Gegenperspektive, Marcel am "Buckeln" im entscheidenden Abschnitt von L6 (7a+).

L7, 15m, 6a: Kurze, horizontale Traverse nach links. Sie nimmt im ersten, einfacheren Teil etwas Gear, im schwersten Abschnitt ist dann ein BH vorhanden. Also ehrlich gesagt ist die Kletterei etwas mühsam und unter dem Dach saftet es auch oft raus. Andererseits ist es herrlich luftig, exponiert und super fotogen, dann muss man sich erst klein machen und unters Dach quetschen und am Ende an einem Henkelband hangeln - so verbleibt das Fazit am Schluss dieses Verbindungsabschnitts doch bei "leider geil".

Eigentlich ist L7 (6a) nur ein Verbindungsstück - trotzdem fotogen und cool.

L8, 25m, 6b: Das letztgenannte Prädikat vergibt man hier gerne schon im Voraus. Der Splitter in Faustbreite auf der luftigen Rampe ist schlicht und einfach genial - und weder richtig schwierig noch richtig einfach (umso mehr wohl für diejenigen mit filigranen Händen). Der Schluss dann etwas spooky an Klemmschuppe und -block, den man zudem auch noch voll auf Gegendruck aus der Wand zu hebeln versucht. Was Millionen von Jahren an Schwerkraft und schon Dutzende von Climbers versucht haben, ist uns aber auch nicht gelungen (zum Glück natürlich...). Der Stand dann um die Ecke auf der Rampe an 2 BH vor dem Wachholder-Gebüsch (Hinweis: die älteren Topos wie z.B. im Extrem Sud weisen diesen Abschnitt als 2 SL aus, das war für uns im Gelände aber nicht nachvollziehbar).

Toller Faust-Splittercrack in L8 (6b), der einen elegant über steiles Gelände hinwegbringt.

L9, 30m, 6c: Zuerst durchs Gebüsch, dann die Verschneidung mit dem breiten (Offwidth-)Riss hinauf, hier sind die 4er-Cams nötig! Je nachdem wie gerne man rampft, wird die Wahrnehmung der Schwierigkeit wohl stark unterschiedlich sein. Man kommt dann in eine Ecke, wo man sich fast kaminartig verklemmen kann, bevor es links über die Rampe hinausgeht. Bevor man den BH klippen kann, ist das mal rasch nicht so günstig gesichert (aber einfach). Auch die Rampe selbst geht dann (sofern nicht nass, was hier öfters der Fall sein könnte) gut, man entsteigt so dem steilsten Wandteil - oberhalb ist der Fels wiederum nicht mehr gleich kompakt und schön.

Die Rissverschneidung von L9 (6c) mit einer Offwidth-Passage an der Stelle mit dem Akteur.

L10, 30m, 6c: Hinauf an Rissspuren unter das erste Dach, dieses nach links unterqueren und hinauf ans rechte Ende des zweiten Dachs. Hier sind die Topos nicht so eindeutig. Viktor ist im Vorstieg schliesslich rechts vom zweiten Dach hoch und ist oberhalb nach links gequert. Das hat gut funktioniert, der Fels wirkte aber etwas brösmelig und ungeputzt. Vermutlich wäre es im Sinne des Erfinders (und mutmasslich schwieriger), hier unterhalb vom zweiten Dach zu queren und an dessen linkem Ende steil am Riss hochzuklettern. Schlussendlich führen aber beide Wege nach Rom, bzw. kommen wieder zusammen und bald darauf ist der Stand auf einer Terrasse erreicht.

Nachstieg in L10 (6c), hier pfeift's luftig bis weit in den Canyon hinunter!

L11, 30m, 6a: Der Originalausstieg bietet botanisches Abenteuergelände, ist nicht ganz einwandfrei abzusichern, zudem war der Anfang auch noch nass (aber trotzdem gut kletterbar). Ist man einmal um die erste Ecke, erreicht man einen Grasfleck und quert auf einem überwucherten Thank-God-Ledge etwas absteigend nach links um die nächste Ecke (nicht vom Grasfleck direkt die Verschneidung hinauf!). Hier ist die Sicherung eher schlecht... ist man um die zweite Ecke gequert, geht's dann an Rissspuren hinauf, zuletzt warten nochmals ein paar steile aber griffige Meter, bis man die Wand verlässt und oberhalb vom markanten, in die Wand herausragenden Baum Stand macht.

Der letzte Abschnitt (L11, 6a) ist botanisch, unlohnend, mässig gesichert und etwas heikel.

Alternativ könnte man nach L10 auf dem Band auch nach rechts queren und dort die rechte Ausstiegsvariante (hinzugefügt 2019, mit 2 SL à 7c, 5c) klettern. Der erste Abschnitt führt zuerst über eine Dachzone hinweg, welche boulderig aber doch recht griffig aussieht, der weitere Verlauf ist nicht einsehbar. Das noch zu probieren lag aber aus zeitlichen Gründen gar nicht erst drin... Bis wir die Route komplettiert hatten, schlug es bereits 20.00 Uhr und das Tageslicht war zügig am Schwinden. Das macht also 8:30h an Kletterei, das Schneckentempo sei mit viel selbständigem Absichern und dem Reorganisieren von 3 Komplett-Racks an jedem Standplatz und dem Haulen erklärt. Rein vom Klettern her war es aber prima gelaufen, bis auf die 7c hatte ich die ganze Route punkten können, somit absolut zufriedenstellend.

Fussabstieg auf dem "Weg", welcher im Gelände oft nicht viel besser ersichtlich ist, wie hier auf dem Foto. Wer jedoch nicht zum ersten Mal in alpinem Gelände bzw. in den steilwaldigen Tessiner Bergsockeln unterwegs ist, wird da keine Probleme haben, die Passage zu finden.

Vom Baum am Ausstieg sind es noch ca. 40-50m an Traverse auf die Wegspur von/nach Terasc. Das Gelände ist exponiert und das dürre, rutschige Gras sowie Laub erheischen Vorsicht und Seilsicherung. Einmal auf dem Pfad konnten wir die Sachen aber ablegen, zusammenpacken und dann loslaufen. Der Weg führt durch eindrückliches Steilgelände, ist aber gut zu verfolgen und wo nötig mit Drahtseilen oder aufwändig gebauten Steintreppen gut hergerichtet (die Story dazu gibt's dann im Folgebeitrag). Man kommt nochmals in 50m Distanz am Einstieg vorbei und kann dort deponierte Sachen abholen. Insgesamt brauchten wir ca. 40 Minuten Gehzeit vom Ausstieg bis zum Parkplatz, wo wir hungrig und müde eintrafen. Das war jetzt aber ein genialer Auftakt gewesen - dass uns diese auf dem Papier so richtig anforderungsreiche und einschüchternde Route so gut gelungen war, erfüllte uns mit viel Freude.

Facts

Canyon di Foiòi - Filo a piombo 7c (5.11 C1, 6c obl.) - 11 SL, 280m - Auguadri/Mazzuchelli 2008 - ****;xxxx
Material: 1x50m-Seil plus Tagline, 12 Express, 2 Sets Cams von Micro bis Grösse 4, Keile

Tolle und etwas abenteuerliche, aber doch gut machbare, freundliche Trad-Route auf einer natürlichen Linie durch eine eindrücklich steile Wand. Die Felsqualität ist dabei weitestgehend sehr gut, wobei es am Anfang und Ende etwas Botanik gibt. Einige Abschnitte können nach intensiven Regenperioden oder der Schneeschmelze nass sein, extrem anfällig ist die Route aber nicht (den markanten dunklen (Wasser)streifen in L6 lässt man knapp links liegen). Achtung, obwohl nach Süden exponiert, erhält die Route im engen Canyon nicht so viel Sonne. Anfang April ist der Einstieg ab etwa 13 Uhr besonnt, die Wand oberhalb schon etwas früher, die Sonne bleibt dann bis um ca. 17.30 Uhr in der Wand. Im Herbst. Gerade im Herbst dürfte das Sonnenfenster nur sehr kurz sein. Die Bewertungen schienen uns fair und realistisch. Obwohl nur 10 BH als Zwischensicherungen in 11 SL stecken, darf man hier auch als Normalo einsteigen. Die Bolts sind fair und sinnvoll platziert, den Rest kann man mit Cams meist sehr gut absichern. "Gfürchige" Stellen mit schlechter Sicherung gibt es eigentlich nicht, bzw. höchstens im einfachen Gelände ganz am Ende. Als Minimalanforderung würde ich eine 6c obl. bzw. ein 7a-Onsight-Niveau sehen. Die deutlich schwierigere Cruxlänge kann man damit natürlich nicht freiklettern. Die Route lohnt sich aber absolut auch (und ist ein tolles Erlebnis), wenn man diese 20m am steilen Riss technisch begeht. Bei uns ist dieser Stil halt wenig geläufig, im Yosemite wäre die Route wohl ein sehr gesuchtes Ziel mit einer Bewertung von 5.11 C1. Als Material braucht es für Normalos sicher zwei volle Sätze Cams von sehr klein bis Grösse 4 plus einen Satz Keile. Von den Grössen 0.3-3 noch ein drittes Exemplar mitzuführen vereinfacht das Techen der Cruxlänge weiter. Zum Abseilen ist die Route nicht eingerichtet und auch nicht so geeignet, sowieso ist der Fussabstieg schneller und bequemer. Die Standplätze sind bis auf denjenigen nach L1 mit BH ausgerüstet (meist 2 Stück, tw. 1 BH, 1 NH). Falls ein Rückzug nötig ist, kommt man schon wieder runter. Ein Topo zur Route findet man im SAC-Kletterführer Tessin oder im Extrem Sud (Achtung, dieses zeigt nicht den neusten Stand). Die Bemerkung in Klammern gilt auch für das Originaltopo der Erschliesser, welches via picalciot.ch abzurufen ist.