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Sonntag, 15. Juli 2012

Bockmattli - Echo der Zeit (6b)

Die Westwand des kleinen Turms am Bockmattli ist ein sehr beliebtes Kletterziel. Sie ist leicht erreichbar, bietet meist sehr schönen Fels und ist von der Sonne durchflutet. So erstaunt es nicht, dass es in dieser Wand bereits eine Vielzahl von Routen allen Datums und aller Schwierigkeitsgrade gibt. Von daher nicht gerade das prädestinierte Gelände für eine Neutour. Doch mit scharfem Auge liess sich eine Kombination von neuen Teilstücken und einigen bereits bestehenden Metern entdecken, die homogene Schwierigkeiten, beste Kletterei und damit eine lohnende Plaisirtour versprach.

Somit brauchte Erich nicht lange, um mich für dieses Projekt zu motivieren. Am 23.6.2012 machten wir uns auf, und konnten die Tour gleich komplett durchklettern. Teilweise allerdings in eher kühner Manier, mit z.B. nur gerade 2 BH als Sicherung, jeweils in der 3. und in der 6. SL. Somit war ein zweiter Bohrtag nötig, um die Route vernünftig auszurüsten und die Rotpunktbegehung zu erledigen. Die Gelegenheit kam ziemlich unverhofft am 14.7.2012. Wechselhaftes Wetter war angesagt, der Vormittag herbstlich grau. Doch ab Mittag kam mehr und mehr die Sonne zum Vorschein und da war auch schon Erich am Telefon. Sobald wir unseren Familien-Grosseinkauf erledigt hatten, machte ich mich auf den Weg ins Wägital. 

Erich im Nachstieg in SL 4, unten das Weglein durch die Gross Chälen.
Nach Zustieg und Vorbereitung kletterten wir um 17 Uhr los. Das reichte, um um 21 Uhr am Ende der Route zu sein, und dabei auch die noch fehlenden 12 Bolts zu setzen. Es ist schon erstaunlich, wie viel schneller man vorankommt, wenn einmal klar ist, wo die Linie durchführen wird und es kein Werweissen mehr darüber gibt, wo die Bolts am besten platziert werden. Die Stimmung in den oberen Seillängen war einmalig schön: wir waren zwar unter einer kompakten Wolkendecke, doch im Westen war es offen. Somit leuchtete die Abendsonne genau auf uns. Nachfolgend nun eine Beschreibung der Seillängen.

SL 1, 28m, 6a: diese Seillänge hatte Erich bereits 2001 unter dem Namen "Amuse Bouche" als Baseclimb eröffnet. Sie startet am selben Punkt wie das "Westwändli", zieht dann aber 2-4m rechts eines markanten Risses in superschöner, grossgriffiger und athletischer Kletterei hoch. Im Riss selbst stecken einige Normalhaken-Leichen, dieser wurde also schon früher probiert oder geklettert. In der Literatur, d.h. in den alten Bockmattli-Kletterführern, welche mir vorliegen, finden sich aber keine Hinweise darauf.

SL 2, 22m, 5c: das Verfolgen der Risslinie bis auf den grossen Absatz in der Westwand scheint logisch. Da auch hier alte Schlaghaken stecken, wurde dies ebenso bereits früher durchgeführt. Hier folgt unsere Linie direkt dem Riss (2 BH). Die Schwierigkeiten lassen bald nach, an einer soliden Föhre kann noch eine Schlinge gelegt werden, danach findet sich noch eine Sanduhr mit bereits gefädelter Schlinge. Man kann übrigens SL 1 und SL 2 mit 50m-Seilen tout juste in einer einzigen Seillänge klettern. Verbale Kommunikation zwischen Stand und Einstieg ist dann aber nicht mehr möglich, es sei denn, man benütze die ganze Gross Chälen als Resonanzkörper.

SL 5, 6b: erst steile Lochkletterei, dann ein athletischer Piaz, super lohnend!
SL 3, 40m, 5c: vom Stand auf dem Absatz führt(e) eine nicht ausgerüstete Seillänge aufs nächste Band zum Beginn der schweren Seillängen von "Gilgen an Galgen" und "Frick an Strick" hoch. Sie verläuft erst links durchs Gemüse, dann direkt durch die häufig nasse Verschneidung. Hier haben wir eine eigene, deutlich lohnendere Linie rechts über die schönen Platten gewählt. Jetzt erfreut man sich an prima Genusskletterei!

SL 4, 40m, 6b: diese Seillänge folgt in ihrer ersten Hälfte der "Gilgen an Galgen" und bietet sehr schöne, steile Kletterei an fast unverschämt griffigen Schuppen. Eine etwas knifflige Bewegungscrux folgt gleich nach dem 1. BH. Die Originallinie zieht schliesslich rechts hinaus zu einem Föhrenstand, wir haben aber einen direkten Ausstieg zum nächsten Pfeilergipfel eingerichtet. Original steckten in dieser SL ein BH und vier NH, nun sind es bei anderer, schwerer Linienführung und 10m mehr Kletterstrecke sieben BH. Die Sache klettert sich mit Sicherheit noch schöner als zuvor, bestimmt auch etwas entspannter, der Charakter wurde aber trotzdem kaum verändert.

SL 5, 30m, 6b: vom gemeinsamen Stand mit dem "Westwändli" verfolgt unsere Route eine Linie links, welche komplett neu und noch nie zuvor begangen sein dürfte. Geboten wird erst athletische Kletterei an griffigen Löchern, danach eine anstrengende Piazschuppe. Der Schwierigkeit angemessen stecken hier die BH aber in engeren Abständen. Danach geht es leicht links hinaus, an einer Föhre kann noch eine Schlinge als Sicherung gelegt werden. Auf den letzten 10m an den Stand steckt dann kein fixes Material mehr. Man bewegt sich hier im 3./4. Grad mit guten Möglichkeiten, um selber abzusichern. Deshalb schien uns das Bohren von fixen Sicherungen, welches auch den Charakter des in derselben Zone verlaufenden "Westwändli" verändert hätte, nicht opportun.

Geschafft! Die letzten 5m zum Top der Route auf der Westschulter. Unten der Wägitalersee.
SL 6, 40m, 6a: vom erneut gemeinsamen Stand führt das "Westwändli" links hoch durch den Kamin zum Klemmblock. Unsere Route folgt dem steilen Doppelriss gerade hinauf, rechts hinaus in die Plattenflucht zieht auch noch die "Koch ins Loch" (schöne SL, aber stark sanierungsbedürftig). Auch auf diesem Abschnitt steck(t)en einige marode Normalhaken, die von früheren Versuchen und/oder Verhauern zeugen. Doch auch davon ist in aktuellen und alten Führern nichts zu lesen. Anyway, die Kletterei ist athletisch und prima, am letzten Überhang darf man dann nochmals richtig zupacken!

Von der Terrasse mit den letzten Stand (4 BH) erreicht man in wenigen Schritten linksherum die eigentliche Westschulter, von wo ein Weglein in die Kleine Chälen hinunterführt. In leichter Kletterei (T5) erreicht man durch diese in nur rund 10 Minuten wieder den Einstieg. Weil das Gelände grösstenteils felsig ist, kann man hier sogar mit den Kletterfinken absteigen. Ein Abseilen über die Route empfehlen wir nicht, da es etwas umständlich wäre und viel mehr Zeit in Anspruch nimmt als der Fussabstieg. Ein Rückzug durch Abseilen ist jedoch stets möglich. Hierzu noch ein Tipp: vom dritten Stand kann man abseilend die Graszone des ersten Absatzes erreichen. Pendelt man (in Wandansicht) etwas nach rechts (östlich), so erreicht man am Seil die Wegspuren in der kleinen Chäle, von wo man in 3 Minuten den Einstieg erreicht.

Einmalige Abendstimmung in den letzten Seillängen, Zürich-, Greifen- und Pfäffikersee liegen wie flüssiges Blei in der Landschaft.
Zum Material ist noch folgendes anzumerken: im Prinzip reichen 10 Expressschlingen zur Sicherung aus. Ich werde bei zukünftigen Begehungen keine Klemmgeräte und Keile mitführen. An einigen Stellen mit deutlich einfacherer Kletterei, maximal im 4. Grad (z.B. am Ende der 4., 5. und 6. SL) muss jedoch durchaus etwas über die Haken gestiegen werden. Diese Stellen können mit selbst gelegten Sicherungen jedoch problemlos "entschärft" werden. Hierfür wäre dann ein Set mit kleinen und mittleren Friends (z.B. Camalots 0.3-0.75) oder ein Keilset zu empfehlen. Wer sicher ist, die Route bis zum Ende durchzuklettern, kann auch gut mit einem 50m-Einfachseil anrücken. Für einen allfälligen Rückzug sind 2x50m natürlich viel bequemer, doch auch mit dem Einfachseil käme man im Notfall bestimmt wieder ohne die Bergrettung zurück zum Wandfuss.

Das Topo gibt es hier als PDF-File, und unten zur Vorschau als gewöhnliche Bilder. Und nun freuen wir uns über viele Wiederholungen dieser Tour. Lasse uns doch wissen, wenn es Dir gefallen hat! Und falls es tatsächlich etwas zu kritisieren geben sollte, so nehmen wir sachlich formulierte und freundliche Meldungen natürlich ebenfalls gerne an.



Mittwoch, 4. Juli 2012

Grand Capucin (3838m) - Voyage Selon Gulliver (7a+)

Wenn man in Nordamerika nach DER Granitwand fragt, so nennen die meisten sicher den El Capitan. Hier in Europa ist die Sache weniger klar. Doch auch wir haben einen Cap, nämlich den Grand Capucin, einen eindrücklichen Granit-Monolithen im Massiv des Mont Blanc. Dass er weniger berühmt ist wie sein Gegenstück in Nordamerika hat seine Gründe. Er liegt halt nicht unmittelbar neben der Strasse, sondern abgelegen in einem Gletscherbecken am Fusse des Mont Blanc du Tacul. Auch ist er viel weniger mächtig, sondern markiert seinen Platz "nur" als elegante Felsnadel im Hochgebirge. In Kletterkreisen ist der Grand Capucin aber dennoch wohlbekannt, dies insbesondere seit der legendäre Walter Bonatti ihm nach mehreren Anläufen in einer epischen, 3-tägigen Begehung eine erste Route direkt durch seine steile Seite abringen konnte. Wenig erstaunlich, dass dieser Gipfel auch hoch auf unserer Wunschliste steht. Die Anforderungen sind aber alles andere als trivial, die einfachste Route erfordert in freier Kletterei einen Grad von ca. 6a+, wobei kaum fixe Absicherung vorhanden ist. Zudem fordert die Lage im Hochgebirge einwandfreies Wetter, passende Bedingungen und gute Akklimatisation.

Elegant, 500m hoch und steil: die Granitnadel des Grand Capucin
Nachdem wir am Vortag von zuhause via Aiguille du Midi und einer Akklimatisationstour in der Goulotte Chèré ins Rifugio Torino gereist waren, begann der Tourentag mit dem um 4.00 Uhr schrillenden Wecker. Nach einem Frühstück stiegen wir zügig zum Col Flambeau (3420m), wo wir unsere Skis deponiert hatten. Auf gefrorener und glatter Schneedecke machten wir im Nu 2km Distanz gut und fellten auf rund 3300m unter der Tour Ronde Nordwand an, um die letzten knapp 200hm zum Einstieg zurückzulegen. Etwas vor 6.00 Uhr waren wir da, eine andere Seilschaft überstieg gerade den Schrund, und machte sich auf, um durch das Couloir des Aiguilettes zum Einstieg der Schweizerführe zu gelangen.

Überblick über die Südseite des Mont Blanc du Tacul mit seinen Satelliten. Der Grand Capucin der höchste und schönste.
Wir indessen hatten im Vorfeld lange diskutiert, welche Route denn zu wählen wäre. Es kristallisierte sich schliesslich heraus, dass wir am besten und liebsten gleich am Fuss des Berges mit der Kletterei beginnen würden. Die beiden einfachsten und kürzesten Routen auf der linken Seite, O Sole Mio und die Voie des Suisses, haben ihren Einstieg nämlich erst auf halber Höhe und erfordern einen Aufstieg durch das objektiven alpinen Gefahren (Steinschlag, Lawinen) ausgesetzte Couloir, und danach einige Seillängen über felsiges Bruchgelände. Während dies frühmorgens im Aufstieg noch einigermassen sicher sein mag, wird dann spätestens Abseilen und Abstieg eine heikle Sache. Und natürlich verpasst man so auch mehr als 200 formidable Klettermeter.

Blick vom Einstieg nach oben. Da wartet eine ganze Menge Granit auf den Kletterer!
Somit begannen wir unseren Aufstieg mit der gängigsten Variante vom Wandfuss, d.h. den ersten 6 Seillängen der Route Elixir d'Astaroth. Erst galt es den tiefen Bergschrund zu überwinden, was dank einer hart gefrorenen Schneebrücke gut möglich war. Allerdings sei hier auch gesagt, dass diese am Nachmittag bei unserem Abstieg ob der massiven Wärmeeinwirkung schon nicht mehr existierte, und mir das Passieren des Schrundes im Aufstieg schon sehr herausfordernd schien. Hier nun einige Details zur Route:

Dank Schneebrüggli über den Bergschrund, dann geht's ab in die 1. SL
SL 1, 35m, 5a: Recht bequem konnten wir unsere Skischuhe in einem Felsspalt versorgen und auf die Kletterfinken wechseln. Durch den Rückgang des ewigen Eises wartete dann schon eine ganze Seillänge zum im Topo verzeichneten Beginn der Route. Man folgt zuerst einem schönen diagonalen Riss, dann über einfacheres, terrassiertes Gelände, zu Stand an 2 BH.

SL 2, 35m, 6b: Nun geht es richtig los, über die steilen Risse zu 2 markanten, dreieckigen Dächern. Es stecken überhaupt keine Sicherungen, so dass man durchaus noch einmal leer schlucken kann, bevor man anpackt. Doch mit meiner Psyche stimmt es heute bestens, so mache ich mit dem richtigen Mindset auf den Weg. Tatsächlich ist die Kletterei genussvoll, der Riss nimmt Cams als zuverlässige Sicherungen willig auf, so dass ich bald unter dem Dach bin. Das Topo suggeriert eine Unterquerung rechtsrum, ich gehe aber am linken Ende athletisch über die Kante, was sehr gut geht. Oberhalb an der Schuppe liegt der 3er-Camalot perfekt, und mit Wandkletterei an schönen Schuppen geht es zum Stand mit 2 BH.

Ein erstes, athletisches Dacherl in der 2. SL
SL 3, 20m, 6a: Unser Topo suggeriert eine 6a-Länge, welche offensichtlich dem diagonalen Riss folgt. Jonas steigt vor, die Kletterei ist prima und auch hier versorgt man perfekt Keile und Friends. Nach 20m wird die Kletterei aber schwerer, ja zu schwer für 6a. Jonas wird sich unsicher, und kehrt zurück. Wir richten schliesslich auf einer schmalen Leiste einen Stand an 2 Cams ein.

Schöne Kletterei, perfekt abzusichern: 2. SL, 6a
SL 4, 30m, 6c: Dann will ich mal sehen, wie es da weitergeht. Die Wand wird steiler, der Riss ist nicht mehr so ausgeprägt. Die folgenden 20m im Grad 6a+/6b gehen aber immer noch gut, und sind mit kleinen Friends und Keilen auch gut zu sichern. Doch dann verengt sich die Rissspur, so dass sich nichts mehr legen lässt. In etwas kühner Kletterei folgt schliesslich die Crux, die letzten 7-8m über eine steile, recht gut strukturierte Platte mit Knobs zum Stand. Es ist wohl eine leichte 6c, aber obligatorischer könnte die Stelle nicht sein. Ich habe die Entschlossenheit, und ziehe den Runout sauber onsight durch - yes! Stand an 2 BH, die man mit einer 50m-Länge auch direkt von Stand 2 erreichen könnte.

Jonas folgt in der kühnen Crux der 3. SL, 6c
SL 5, 40m, 6a+: Riss- und Verschneidungskletterei, die sich als ausreichend gutmütig entpuppt. Der steile Beginn ist problemlos abzusichern, danach nehmen die Schwierigkeiten deutlich ab. Über einige Terrassen erreicht man den Stand mit 2 BH.

SL 6, 30m, 5b: Nun gilt es, eine weitere Verbindungslänge zum Start der Voyage Selon Gulliver zu meistern. An zwei breiten, fast kaminartigen Rissen spielt sich das ab, die Kletterei gar nicht so einfach, wie man auf den ersten Blick meinen könnte. Stand dann erneut an 2 BH.

Zwei breite Risse in SL 6, 5b. Oben geht's dann steiler weiter...
Somit haben wir also den ersten Teil bewältigt und die sogenannten Bonatti-Bänder erreicht, von wo die meisten anderen Routen starten. Im Vornhinein hatten wir hauptsächlich 3 Routen auf dem Radar. Die einfachere und schöne O Sole Mio (6b+) ganz links, die klassische Bonatti/Ghigo (7a+) mit vielfach Techno-Kletterei an Normalhaken rechts und in der Mitte die Königslösung, die Voyage Selon Gulliver, die alpenweit als eine der besten Granitrouten gehandelt wird. Mit weiteren 11 Seillängen bis zum Gipfel bietet sie einen aussergewöhnlichen und ausgeklügelten Weg durch die steile Wandflucht. Speziell ist auch, dass trotz den anhaltenden und hohen Schwierigkeiten nur gerade 7 fixe Zwischensicherungen in Form von Bohrhaken die 400 Klettermeter zum Gipfel säumen.

Wie geht's weiter? Topostudium, im Hintergrund der Trident du Tacul.
Da der Auftakt über die Elixir d'Astaroth perfekt und reibungslos gelaufen war, wir auf Normalhakenzieherei keine Lust hatten und auch die Traverse über die Bonatti-Bänder zur O Sole Mio nicht gerade zuoberst auf der Wunschliste stand, beschlossen wir, einmal zu sehen, wie weit wir in der Voyage Selon Gulliver noch kommen könnten.

SL 7, 50m, 6a+: Steile und anspruchsvolle Seillänge, die mehrheitlich Wandkletterei bietet. Immer wieder findet sich aber ein Rissspur, welche zum Platzieren einer Zwischensicherung genutzt werden kann. Auch wenn die Absicherung vernünftig ist, insgesamt doch eine eher kühne Sache. Der athletische Abschlusswulst mit seiner wohl griffigen Piazschwarte ist auch klettertechnisch nicht ganz trivial. Stand an 2 BH.

Super Granit in der Voyage, hier die erste nominelle Länge, insgesamt SL 7, 6a+
SL 8, 40m, 6c: Hier folgt nun ein weiterer Test für den Vorsteiger. Nach dem Stand erst einfach in geneigtem Gelände linkshaltend hoch zu einem BH, und nicht gerade hoch den eigentlichen logischen Weg in die cleane Verschneidung der Ragni-Route. Nachdem der BH geklippt ist, warten erste, schwere Plattenmoves (ca. 6b) zu einem Band hin. Ab diesem erst die gut abzusichernde Verschneidung hoch. Diese läuft aus, es folgt plattige Wandkletterei zu einem zweiten BH. Ist dieser geklippt, geht es leicht rechts in plattiger Wandkletterei an Knobs hoch zum Stand. Auch diese Passage ist für 6c nicht sonderlich hart, die Crux ist aber etwa 2m über dem Bolt zu finden und daher 100% obligatorisch, und danach geht es noch ca. 8m weiter bis zum Stand mit 2 BH.

Tout simplement fantastique! Kühne SL 8, 6c, mit gerade mal 2 BH
Die andere Perspektive: Jonas am Beissen in der voll obligatorischen Crux, SL 8, 6c
SL 9, 30m, 6b: Vom Stand nach rechts und im ersten Riss hoch. Wo dieser ausläuft, folgt eine plattige Passage, die durch einen weiteren BH abgesichert ist. Danach Untergriffquerung am Wulst nach links, zu Stand an 2 BH.

Für einmal etwas gemütlicher, auch wenn es nicht einfach aussieht: SL 9, 6b
SL 10, 35m, 7a+: Nun gilt es mit der ersten Cruxlänge ernst. In Piazkletterei geht es einem Riss entlang aufwärts (ca. 6b) bis zum Pendelbolt. Dort gilt es nach links in das nächste Risssystem zu wechseln. Dies ist nicht weit entfernt (nicht mal 2m), dennoch wartet hier eine schwere Freikletterstelle, die meine Ambitionen auf irgendwas sofort beendet (bis dahin war meine Begehung noch perfekt). Auch der folgende, steile, schmale und ausdrehende Riss verlangt einiges an Technik und Athletik. Saubere Fingerklemmer müssen gesetzt werden, stets auf das labile Gleichgewicht achtend, und Tritte gibt es kaum brauchbare. Ich verlege mich aufs Aidclimbing, wenn man den kleinen Keilen und Friends vertraut, geht das problemlos (C1). Erst die letzten Meter zum Stand (1 BH + 1 NH) sind wieder einfacher und gehen für mich frei.

SL 11, 35m, 6a: Kleine Verschneidung mit Doppel- oder Dreifachriss, die gar nicht ganz so einfach ist, wie sie auf den ersten Blick aussieht, oder wie der vergebene Schwierigkeitsgrad suggeriert. Anyway, es ist dennoch die bisher einfachste Seillänge der Voyage, und sie führt zum Stand mit 2 BH.

Die Höhe des Trident du Tacul haben wir erreicht, oben sind wir noch lange nicht. Nochmals SL 8, 6c
Als wir beide am Stand sind, halten wir Lagebesprechung. Bisher ist es zwar wirklich gut gelaufen und es ist erst 12.00 Uhr, doch warten bis zum Gipfel auch noch 4 schwere Seillängen, wovon 2 sich im siebten Franzosengrad abspielen. Nach der Erfahrung in SL 10 ist mir auch klar, dass ich diese cleanen Längen wohl kaum werde onsighten können, und beim Vorsteigen wieder aiden muss. Ich meine, 7a oder 7b ist schon gut als Onsight-Challenge, im Klettergarten, mit der mir vertrauten athletischen Wandkletterei. Hier, auf 3700m Meereshöhe, an den ungewohnten Granitrissen und komplett selbst absichernd, ist das natürlich eine andere Schuhnummer. Zudem spüre ich nun, wohl wegen einem Mix aux fehlender Höhenakklimatisation, Dehydration, Kalorien- und Schlafmangel sowie 11 bereits gekletterter, schwerer Seillängen, eine gewisse Mattheit und Konzentrationsmangel. Dies mag es im Vorstieg in solch anspruchsvollem, selbst abzusicherndem Gelände einfach nicht leiden. Ohne Emotionen über das Aufgeben der Voyage beschliessen wir, dass die Route gewechselt und über die O Sole Mio auf den Gipfel gestiegen werden soll.

Blick zur Tour Ronde, die Nordwand (links), und das Rebuffat- und das Gervasutti-Couloir auch schöne Tourenziele
Das geht von dieser Stelle nicht so ohne weiteres, doch mit einem 60m-Abseiler lässt sich der Beginn der grossen Verschneidung der Voie des Suisses erreichen. Gesagt, getan, nach kurzer Zeit kann es dort weitergehen. Und da wartet noch das folgende Menü auf uns:

SL 12, 50m, 5c+: Wir verfügen nur über ein altes Topo dieser Route, wo die Schwierigkeit dieser Verschneidungslänge mit einer lapidaren französischen 5 (entspricht so 5b/5c) angegeben ist. Tatsächlich ist die Kletterei auch hier nicht geschenkt, wir hätten es nicht anders erwartet. Wohl auch stecken einige alte Schlaghaken, jedoch von dermassen desolater Qualität, dass man lieber selber ein paar Friends und Keile versorgt, was jedoch sehr gut möglich ist. Auch den Stand müssen wir improvisieren.

SL 13, 30m, 5a: Nun wartet sogar eine franzöische 4, es sieht zwar nicht wirklich danach aus und ist auch ein ganzes Stück schwerer. Trotzdem, es sind die einfachsten Meter bisher, und die Kletterei ist auch hier gut. Schliesslich erreicht man einen gemeinsamen BH-Stand mit der O Sole Mio, beim als "komfortable Terrasse" bezeichneten Band, welches jedoch noch ziemlich üppig verschneit war.

Nach dem Wechsel klettern wir eine Länge der Schweizerführe, auch sehr schön!
SL 14, 25m, 5b: An dieser Stelle verlaufen die Schweizerführe und die O Sole Mio nahe beeinander. Da auch kaum etwas steckt, ist es gar nicht so einfach, den richtigen Weg zu finden. D.h., man klettert ganz einfach dort durch, wo es einen am attraktivsten dünkt. Jonas zieht auf einer Art Rampe nach links hoch und macht nach 25m einen improvisierten Stand.

SL 15, 25m, 5c+: Ich gehe nun wieder in steilerer Wandkletterei weiter. Obwohl steil und schwierig aussehend, löst sich das sehr gut auf, und die Schwierigkeiten sind überschaubar. Zudem finde ich hier wieder einen Stand an 2 BH, ziemlich rechts an der Kante.

Jonas folgt, dies ist unsere SL 15, 5c+, die Kletterei auch hier selbst abzusichern, und der Hammer!
SL 16, 25m, 6a+: Jonas ist wieder dran, der Weiterweg ist ziemlich unklar. Er wählt einen Handriss leicht rechts der Kante. Dieser wurde gemäss zwei, drei stecken gebliebener Keile/Friends auch schon begangen, gehört aber vermutlich weder zur Voie des Suisses noch zur O Sole Mio!?! Jedenfalls ist er ziemlich heimtückisch und glatt, er verlangt einiges an Engagement. Zum Schluss klettert Jonas nur leicht nach links, und befindet sich an einem 2-Bolt-Stand der O Sole Mio.

SL 16 bietet einen tollen Handriss (hier nicht sichtbar), ca. 6a+.
SL 17, 35m, 6b: Hier irgendwo müsste man nun markant nach rechts abbiegen, um in einer Seillänge Hakenzieherei die Schweizerführe weiter zu verfolgen. Das wirkt unlogisch, zudem ist es wegen tropfendem Schmelzwasser nass. Hier bin ich nun definitiv auf der O Sole Mio unterwegs, erst in Wandkletterei mit 2 Bolts, dann an schönen, komplett selber abzusichernden Rissen zu Stand an 2 BH.

Yours Truly on lead, in der teilweise etwas feuchten SL 17, 6b. Am Anfang mal ein Bolt, dann selber abzusichern
SL 18, 40m, 6a+: Am Stand ein kleiner Schock, die vermeintliche Ausstiegsverschneidung ist patschnass und mit abschmelzendem Eis bekleistert. Das wäre unangenehm und vielleicht gar nicht machbar. Schliesslich geht es mir auf, dass die Route hier aber links in Wandkletterei hochführt. Bei genauerem Betrachten sind auch die 2 BH ersichtlich, welche das Gelände sichern, wo nicht selber gelegt werden kann.

Die letzte "richtige" Kletterlänge, Nr. 19, 6a+. Die Felsqualität auch hier unübertroffen.
SL 19, 50m, 4a: Nun ist die Gipfelabdachung erreicht, der Weg zum Gipfel zwar noch nicht sehr nahe, doch die Schwierigkeiten sind vorbei. Aber nicht die Herausforderungen: auf dem schrägen Dach liegt noch recht viel vereister Schnee, der in Schlangenlinie umklettert werden will.

SL 20, 50m, 3a: Es wartet eine weitere, einfache Seillänge in immer noch solidem Granit. Der Gipfel ist bloss ein schmaler Grat, den wir überschreiten, um dahinter den BH-Stand mit Beginn der Abseilpiste zu erreichen.

Auf der Gipfelabdachung, Jonas in SL 19, 4a.
Ziemlich genau um 16.00 Uhr sind wir beide am Top angelangt, nach 10 Stunden Kletterzeit und 20 SL. Das Wetter hat sich bestens gehalten, darum sind wir gar nicht in Eile. Trotzdem wartet noch ein langer Rückweg mit vielen Abseilmanövern, so dass wir bald wieder aufbrechen. Wir entscheiden uns für die Abseilpiste entlang der Route Echo des Alpages. Diese soll eine steile und schnelle Rückzugsmöglichkeit bieten und wird uns zudem genau zu den Skischuhen am Wandfuss zurückführen.

In der Tat gestaltet sich das Abseilen problemlos. Das Gelände im oberen Teil ist eindrücklich steil und vielfach überhängend. So erstaunt es wenig, dass wir hier nicht mit Seilverklemmern usw. zu kämpfen haben, sondern zügig nach unten kommen. Unsere Nachfolger-Seilschaft, die als Rückweg wieder die Voyage Selon Gulliver wählt, hat da weniger Glück: sie müssen zwei komplette, schwere Seillängen im oberen Wandteil ein zweites Mal bewältigen, um ein verklemmtes Seil zu lösen.

Geschafft! Nach 10 Stunden und 20 SL Kletterei ist der Gipfel (3838m) erreicht.
Am Bergschrund hat sich seit unserer Ankunft einiges getan, der Schnee ist da wie Butter geschmolzen und so mir nichts, dir nichts schien er mir gar nicht mehr passierbar. Abseilend aber natürlich null problemo, ausser dass ich die Skischuhe dabei mit Sulzpflüdi aufgefüllt habe... Wir schmeissen unser Material in die Rucksäcke und beschliessen, ob dem pflüttrigen Schnee angeseilt skizufahren. Das ist wie immer mässig spassig, aber bald haben wir sowieso den Punkt erreicht, wo wieder angefellt und zum Col Flambeau hochgestiegen werden will.

Man macht, was man machen muss, und so sind wir gegen 19.00 Uhr retour im Rifugio Torino. Lernfähig aufgrund der gestrigen Erfahrung und aufgrund des knurrenden Magens positionieren wir uns rechtzeitig vor der Türe zum Essraum, so dass das Schlange stehen dieses Mal entfällt. Die Portionen sind unserem Appetit immer noch nicht adäquat, so drei, viel Tellerchen Pasta anstatt dem einen einzigen hätten schon Platz gehabt. Mit noch reichlich Flüssigkeit und etwas Kuchen wird der Magen aber voll, und da wir sowieso müde sind, legen wir uns schon bald auf die Pritschen.

Viel Platz hat es nicht am höchsten Punkt. Jonas auf dem "very top". 
Facts:

Grand Capucin - Kombination Quadruple Indirect 7a+ (6b+ obl.) - 20 SL, 710m, ED
Material: 14 Express, Rocks 1-10, 1 Set Camalots 0.3-3

Lange, fantastische Granitkletterei und sehr lohnende Variante, um auf den Grand Capucin zu gelangen. Der Einstieg über die Elixir d'Astaroth ist sicher der schönste Zugang zu den Bonatti-Bändern auf 1/3 Wandhöhe. Um die unschöne Traverse zu den einfacheren O Sole Mio und Voie des Suisses zu vermeiden haben wir 5 weitere SL der Voyage Selon Gulliver geklettert, um dann mit einem 60m-Abseiler in die O Sole Mio zu wechseln, welche wir (nicht ganz konsequent, d.h. mit einigen Abweichungen in die Voie des Suisses) zum Gipfel verfolgt haben. Der Fels ist über die ganze Strecke von erstklassiger Qualität: sauber, bombenfest und meist gut strukturiert. Fixe Absicherung ist ausser perfekt gebohrten Ständen kaum vorhanden. Die Kletterei lässt sich aber weitestgehend mit je 1 Standardset Friends und Keilen perfekt absichern, nur in SL 4 und SL 8 wartet je ein etwas plattiger Runout, der einen beherzten Vorstieg erfordert.

Topo:

Kaum zu glauben, dass es vom Grand Capucin kein vernünftiges, komplettes Topo gibt. Und dies weder käuflich noch online! Zur Verfügung standen uns der Führer von Eberlein aus dem Rother Verlag, sowie eine Übersichtsskizze mit Routenlinien (siehe unten) und ein altes Piola-Topo der Voyage. Von Nutzen können allenfalls auch die käuflich zu erwerbenden Werke von topoguide.de (Voyage, O Sole Mio) sein.

A=O Sole Mio; B=Voie des Suisses; N=Voyage Selon Gulliver; F=Elixir d'Astaroth 
Fundstück aus dem Internet, Topo von Elixir d'Astaroth (3) und Voyage Selon Gulliver (1)

Montag, 2. Juli 2012

Mont Blanc du Tacul - Chèré Couloir (D, WI4, 85°)

Nachdem durchzogenes Wetter viel Geduld erfordert hatte, bahnte sich nun endlich eine geeignete Wetterlage an, welche ich mit Jonas für einen 3-Tage-Trip nach Chamonix nutzen konnte. Zu nachtschlafener Stunde machte ich mich auf den Weg, schwer bepackt mit Fels- und Eismaterial, dazu auch die Skiausrüstung, um sich im Hochgebirge auf den verschneiten Gletschern zu bewegen. Und dies an einem Tag, an welchem Temperaturen jenseits von 30 Grad angesagt waren. Kaum überraschend, dass ich von den Mitfahrern in der S-Bahn, die meisten vom Typ beruflich ambitionierter Frühaufsteher, eher komisch gemustert wurde.

Anreise und Wartezeit bei sommerlichen Bedingungen, die Aiguille du Midi (3842m) noch fast 3000hm entfernt.
Aber egal, schliesslich erreichten wir Chamonix und trotteten zur Bahn, welche ins gelobte Alpinistenland, nämlich auf die Aiguille du Midi (3842m) führt. Nebst zahlreichen kurz behosten Touristen gab es hier nun auch einige Bergsteiger, doch mit unseren Skis waren wir auch hier Exoten. Schlimmer wog jedoch, dass wir ob dem Andrang eine Wartezeit von über einer Stunde zu vergegenwärtigen hatten. Diese hatten wir so nicht einkalkuliert, und dementsprechend gefährdete sie auch unsere Pläne, an diesem Anreisetag noch eine Route zu klettern.

Schon etwas näher, auf Plan de l'Aiguille (2370m). Im Bild die Nordwand der Midi, auch Hort von tollen Routen.
Unser Ziel war nämlich die Goulotte Chèré am Triangle du Tacul (3970m). Dieses Felsdreieck ob dem Col du Midi bietet einige kurze, aber dennoch sehr interessante, technische Nordwandtouren. Es handelt sich hierbei durchaus um sogenannten Sportalpinismus, ist doch der Gipfel des Dreiecks vollkommen unbedeutend. Die meisten Begeher nehmen sich denn auch nicht die Mühe, nach einer Tour am Triangle noch den 1-stündigen Aufstieg zum Gipfel des Mont Blanc du Tacul (4248m) auf sich zu nehmen, sondern ziehen den bequemen Rückweg durch Abseilen vor. Dass die Routen so beliebt sind, liegt natürlich am kurzen Zugang von der Midi-Seilbahn - hier kann man in einer Tagestour Nordwandklettern, und dies erst noch praktisch das ganze Jahr über, was will man also mehr.

Triangle du Tacul, die Goulotte Chèré ganz rechts in den Felsen, direkt über den Leuten, sichtbar
Um 14.15 Uhr waren wir endlich auf der Aiguille du Midi, flugs war die Ausrüstung montiert und eine schöne, sulzige Abfahrt in kompakten Sommerschnee führte uns rasch zum Einstieg der Route. Zwei Engländer beendeten eben ihren Rückzug, so hatten wir die Bahn frei. Eine erste Seillänge führt problemlos über den Bergschrund und einen etwa 50 Grad steilen Hang zu einem Bohrhakenstand am Fels. Allerdings ist dieser etwa 3-4m über dem Schnee gelegen und nur noch dank einem Fixseil nutzbar. Die Klimaerwärmung zeigt da ganz klar ihre Spuren, das ewige Eis schwindet auch hier auf beinahe 4000m zügig. Vom Klima zum Wetter, da windstill und etwas von der Sonne beschienen, waren die Temperaturen mehr als angenehm, ein paar dünne Handschuhe und ein leichter Pullover waren ausreichend - immer ein Genuss, so im Eis klettern zu können, und dies erst noch bei guten und sicheren Bedingungen.

Jonas im Vorstieg, zweite Seillänge, 70 Grad.
Zweite Seillänge im Rückblick, an dieser Engstelle ist es manchmal Mixed.
In der zweiten Seillänge übernahm Jonas die Führung. Sie ist nicht sehr steil (max. 70 Grad), bietet aber bei wenig Vereisung manchmal etwas Felskontakt. Dies war aber bei unserer Begehung nicht der Fall, und so war zügig nach 50 Klettermetern der nächste Stand rechts im Fels erreicht. Nun wartete die dritte, d.h. die Cruxlänge, welche mir zufallen sollte. Die Neigung wird hier in den einschlägigen Quellen mit 85 Grad bezeichnet und als Grad wird WI4 zitiert. Während die Steilheit vielleicht durchaus gute 80 Grad erreichen mag, fand ich den Eisgrad aber bei den von uns angetroffenen Bedingungen weit übertrieben: die Geräte bissen einfach perfekt ins Eis, welches zudem schön strukturiert war und deshalb beinahe von einem Komfortdesigner entworfene Fusstritte aufwies. Mit mehr wie WI3- hätte ich dies subjektiv kaum eingestuft.


Yours Truly in der Schlüsselstelle, gute 80 Grad steil.

Jonas folgt in der Cruxlänge, tolle Bedingungen, und wir haben doch etwas Exposition gegenüber unserem Depot unten
Den Stand bezog man wieder nach 50m auf der rechten Seite an Bohrhaken. Jonas überliess dann freundlicherweise auch auf der vierten Seillänge die Führung mir. Diese wartet nach einem ersten Flachstück nochmals einige steilere Meter (gegen 80 Grad) auf. Doch auch diese kletterten sich problemlos und sehr genussreich, so dass ich auch hier super zügig den Bohrhakenstand nach 50m, dieses Mal auf der linken Seite, erreichte. Um 16.25 Uhr, d.h. nach nur 1:15 Stunden Kletterzeit, waren wir schon beide am Top der spannenden Kletterei. Natürlich könnte man von hier über 50 Grad steiles Gelände den Gipfel des Triangle du Tacul erreichen und noch zum Gipfel weitergehen. Dies hätte mich auch durchaus gereizt, doch schliesslich rief auch noch der Weg ins Refugio Torino, wo wir rechtzeitig zum Znacht eintreffen sollten.

Letzte Seillänge, nochmals gegen 80 Grad steil, aber eigentlich easy peasy.
So machten wir uns ans Abseilen, welches eventfrei und zügig vonstatten ging. Mit 50m-Seilen reicht es ganz unten nur knapp über den Bergschrund hinunter, aber es langt gerade, und das zählt ja. Wir sattelten wieder auf die Skis um, und während auf dem Plateau des Col du Midi erst noch etwas Stockeinsatz vonnöten war, gab es danach eine tolle Sulzabfahrt unter den imposanten Ostwänden des Mont Blanc du Tacul, bis auf etwa 3180m hinunter. Damit war das Tagwerk aber noch nicht getan, wartete noch der Gegenaufstieg zum Col du Flambeau (3420m). Mit unseren schweren Säcken, ohne Akklimatisation, müde vom langen Tag, im sulzigen Schnee und der Nachmittagshitze ging der gar nicht so leicht von der Hand.

Jonas am Top (d.h. beim letzten BH-Stand), weit unten das Tal von Chamonix.
Doch noch vor 19.00 Uhr waren wir da, und damit rechtzeitig aufs Znacht. Auf die Hütte war ich ziemlich gespannt, hatte ich doch einiges schlechtes darüber gehört. Sicherlich ist sie nicht das mit viel Charme geführte Bijou, doch ich muss sagen, dass ich einige Worte und Zeilen darüber doch auch ziemlich übertrieben fand. Die 3 Tage, die wir dort verbrachten, waren auf jeden Fall sehr gut auszuhalten. Mit grossem Hunger machten wir uns auf zum Znacht, den man sich aber erst mit etwas Anstehen in der Schlange verdienen muss. Und dass bei einer maximal mittelgrossen Portion Pasta und dem aus einem Fleischli und etwas Spinat bestehenden Secondo kein Nachschlag möglich ist, bildet für hungrige Mäuler durchaus einen Challenge. Nicht ganz alles ist also so, wie man sich das von einer währschaften Schweizer SAC-Hütte gewohnt ist. Aber zum Glück war da noch eine Extratafel Schoggi im Rucksack, so konnten wir nach Topostudium und Lagebesprechung, doch noch gesättigt, zeitig in die Federn, in Vorfreude auf das grosse Projekt... über welches hier demnächst berichtet wird!

Schöne Sulzschwünge bei der Abfahrt über den Glacier du Géant
Landschaftlich schöner, aber zäher Gegenaufstieg zum Rifugio Torino. Hinten der Dent du Geant (4013m).
Facts:

Mont Blanc du Tacul / Triangle du Tacul - Goulotte Chèré - D, WI4, 85 Grad
Material: 2x50m Seil, 6-8 Eisschrauben

Sehr genussvolle Plaisir-Eiskletterei, welche in 4 Seillängen durch die Nordwand des Triangle du Tacul führt. Sie ist sehr beliebt, häufig begangen und beinahe das ganze Jahr hindurch machbar. Bei guten Bedingungen sind die Schwierigkeiten überschaubar und die Begehungszeit kurz, so dass ein Spontanbesuch zur aktiven Akklimatisierung am An- oder Abreisetag gut möglich ist. Für den, der mehr Zeit hat, bietet es sich sicher an, die Tour mit dem alpinistisch lohnenden Aufstieg zum Gipfel des Mont Blanc du Tacul zu verlängern. Eine Eis-Genusskletterei mit zwar ganz anderem Ambiente, aber ähnlichem Charakter, leider jedoch viel, viel kürzerem Begehungsfenster ist übrigens unser Tapis Volant im Sellbach am Walensee.

Topo vom Triangle du Tacul. Quelle: Thomas Charbonneau, camptocamp.org