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Montag, 22. Juni 2026

Bockmattli - Chronos (6b, 5 SL, Erstbegehung)

Mit dem nahenden zweiten Geburtstag unserer Route Kairos in der Nordwand vom Namenlosen Turm im Bockmattli 2 Jahre alt wurde es Zeit, Familienplanung zu betreiben, sprich über ein Geschwister nachzudenken. Mein Besuch am Kleinen Turm im Mai mit bestem Blick auf die bereits früher erspähte Möglichkeit intensivierte diesen Kinderwunsch markant. Als ich Guido über meine Pläne orientierte, so wollte er diesen Plan "auf keinen Fall verhüten", so war die Sache geritzt und es waren dieselben Eltern bei der Entstehung beteiligt. Was dabei herauskam: ein Geschwister, das seine Familienzugehörigkeit auf keinen Fall leugnen kann, aber trotzdem ein Unikat ist und seinen ganz eigenen Charakter hat.

Unterwegs zum Bockmattli - immer ein erhabenes Gefühl, diesem Gebirge näher zu kommen!

Erschliessung

Dem trockenen Wetter im Frühling und Vorsommer 2026 sei Dank mussten wir uns bei Chronos nicht so lange der Enthaltsamkeit verpflichten wie bei Kairos. Nach dem Entschluss zur Familienvergrösserung schickte der Winter zwar nochmals einen Gruss, doch nachdem ich diesen am Klausen gebührend verabschiedet hatte, war es zwei Wochen später am 29. Mai 2026 soweit. Kairos hatten wir in einem einzigen, langen Tag komplett erschaffen können. Somit schien es attraktiv, diese Genesis auch bei Chronos anzustreben. Doch bei jeder Geburt gibt es Überraschungen und Unabwägbarkeiten. Immerhin war uns ein stabiler Tag mit sehr angenehmen Bedingungen und langem Tageslicht sicher. Die Frage war also, wie weit Akkukapazität, Hakenvorrat und unsere Energie reichen würden.

Mit grosser Freude an der Arbeit. Hier wird der zweite Standhaken in L2 gesetzt.

Um 9.30 Uhr wurde der Bohrer das erste Mal in Betrieb gesetzt. Hernach kamen wir zügig voran: was in L1 mit einigen Metern Horizont glatt aussah, offerierte dort wo nötig Löcher und Leisten. Die Sanduhrbrücke in L2 liess sich elegant überschreiten und es fand sich an idealer Stelle ein Halt. In L3 gilt es nämlich durch eine Art Geheimgang nach backstage zu kommen. Sprich, mit einer Querung durch einen schluchtartigen Kamin die weiter rechts hinten liegende Wand zu erreichen. Diese ist von einer markanten, diagonal verlaufenden Fuge durchzogen und erlaubte uns - wie erhofft - durch glattes, sehr luftiges und kompaktes Gelände voranzuschreiten. Sodann war es nur noch eine Seillänge bis zum bequemen Band unter der Gipfelplatte. Es blieben noch ausreichend viele Bolts im Haulbag und Wattstunden im Akku. So war auch das letzte Teilstück bald erledigt und wir konnten noch vor 18.00 Uhr zum Handshake auf dem Gipfel ansetzen. In 8:30h war das nun absolut keine Zangengeburt, sondern es war wie am Schnürchen gelaufen. Was im Angesicht unserer gleichartigen Erfahrungen bei der Kairos schon fast wie eine Selbstverständlichkeit scheint, ist es absolut ganz und gar nicht: es waren doch 43 Bohrhaken zu setzen und ganz viele Kletterstellen zu lösen!

Blick auf den Start und das Wandbuch, welches am Stand nach L4 platziert ist - es freut sich auf deinen Eintrag. Zu den Kletterfinken ist noch zu sagen: unwahrscheinlich, dass ER sich einmal auf diese Route begeben wird. Aber so war er doch immerhin auch einmal dabei. Allerdings ist die Verwendung dieses Schuhwerks eher ein Zeugnis für mein Kletterfinken-Missmanagement. Alles so durchgeklettert, ohne sich rechtzeitig um Alternativen zu kümmern, dass nur noch diese Indoor-Treter als bequeme Möglichkeit für diesen warmen Tag blieben.

Drei Wochen später konnten wir dann zum Genussprogramm mit der Rotpunktbegehung schreiten. Etwas unverhofft liess sich auch noch eine Gotte für Chronos finden. Im realen Leben ist sie durchaus meine Frau, aber in diesem Fall gehört ihr im Familienstammbaum nur dieser sekundäre Platz. Da mit leichtem Gepäck und grosszügigem Zeitbudget unterwegs, wollten wir Chronos so klettern, dass es richtig viel Klettergenuss gibt. Nämlich mit einem Link-Up einer Tour, welche zur Westschulter des Kleinen Bockmattliturms führt. Die logische und schwierigkeitsmässig am besten passende Wahl ist das Echo der Zeit, von dessen Top es nur ein Katzensprung an den Einstieg ist. Seit dessen Eröffnung im 2012 hatte ich das Echo nie mehr komplett geklettert - und konnte es mit den durch diese lange Zeit begründeten Erinnerungslücken nun fast mit der Wahrnehmung eines "normalen Wiederholers" klettern. Hui, der Auftakt in L1 ist ganz schön sec und die 6a-Bewertung wohl ein gehöriger Sandbag, 6a+ oder sogar 6b wohl passender. Da fiel mir die schon in den 1980ern mit 6b bewertete L4 (ehemals Gilgen an Galgen) doch eher einfacher - aber was für eine fantastische Turnerei an tollem Fels sie ist. Am Piazriss von L5 war ich gefordert: da muss doch kurz mal ordentlich zugepackt werden und die ehemals vergebene 6b hat sich das heute im Plaisir vergebene Plus ganz sicher verdient. Nach einer weiteren Henkelparade (L6, 6a) waren wir auf der Westschulter und wenige Minuten später am Start von Chronos.

Gleich am Anfang vom Echo der Zeit geht's zur Sache. L1 ist offiziell 6a, aber die 6b passt wohl besser.

Die Crux von Echo der Zeit (L5, 6b+), ein kräftiger Piaz, wo man sich festhalten muss!

Ob meinen vielen Zeilen zum Echo der Zeit könnte man nun meinen, dass der Hauptevent schon vorbei gewesen wäre. Insbesondere, weil er in diesem Paragrafen mit gar nicht ganz so vielen Zeilen gewürdigt wird. Aber die Detailbeschreibung der Seillängen kommt halt erst weiter unten. Jedenfalls, mit grossem Genuss erkletterten wir die neuen Seillängen der Chronos und erfreuten uns ab unserer "Produktion". In der zweiten Seillänge holte uns schliesslich die Sonne ein und sorgte für warme, aber immer noch erträgliche Bedingungen. So genossen wir als Highlight die 50m lange Crux-Sektion, welche sehr viel Abwechslung und anhaltend fordernde Kletterei bietet - da erlebt man auf einer einzigen Länge mindestens gleich viel, wie in einer ganzen Session in der Kletterhalle ;-) Mit durchaus durstigen Kehlen erreichten wir ein wenig später den Gipfel - alle 3 mit einer lupenreinen Begehung. Was für ein grandioser Tag und welch ein tolles Erlebnis - herzlichen Dank Kathrin und ganz insbesondere Guido für den Support und die Mitarbeit bei diesem Projekt.

Dass Routenanschreiben so trizepsintensiv ist, habe ich nicht gewusst 🤪

Zustieg

Vom Wägitalersee entweder zu Fuss oder bequemer und zeitsparend per Bike zur Schwarzenegg. Ein markierter Wanderweg führt weiter zur am Wochenende bewarteten Kletterhütte Bockmattli. Von dieser kurz durch die Gross Chälen hinauf, bis in der fünften Kehre nach dem Wegweiser ein deutlicher Pfad nach links in die Kleine Chälen abzweigt. An deren Fuss gute Depotmöglichkeit, dann ~10 Minuten auf guten Trittspuren durch die Rinne hinauf bis zum Punkt, wo die Spur von der Westschulter des Kleinen Turms von links her einmündet. Nach einer kurzen Traverse von 20m nach rechts befindet man sich auf dem bequemen Einstiegsband. Links am Fuss einer Verschneidung startet Meriba (5c+), die mit Fixé-Laschen mit Bächli-Imprint ausgerüstet ist. Zehn Meter rechts davon ist der Einstieg von Kairos (Austrialpin-Plättli), gekennzeichnet durch 2 SU-Schlingen und einem eingemeisselten 'K'. Wer weitere 5m nach rechts schreitet, findet 1 SU-Schlinge und den (Stand 2026) angeschriebenen Einstieg von Chronos (Koordinaten CH LV95 2'715'010/1'217'660 bzw. WGS84 47.09993, 8.95372, Höhe 1660m). Gehzeit vom See zu Fuss ca. 75-90 Minuten (750hm), mit Bike ca. 30 Minuten schneller.

Wie viele Prozent der Leistung kommen aus den (welchen) Beinen und wie viele vom Motor?

Und wenn wir schon beim Zustieg sind: Kairos lässt sich ideal mit allen Routen kombinieren, welche auf der Westschulter des Kleinen Bockmattliturms enden (u.a. Echo der Zeit, Element of Slime, Skyrace und Prachtsexemplar). Insbesondere zum Echo der Zeit ist es schwierigkeitsmässig die perfekte Ergänzung. Von dessen Ausstieg an der Westschulter erreicht man in nur 2 Minuten den Einstieg von Chronos (oder Kairos) und kann gleich wieder loslegen, es ist ein absolut logisches Enchainement.

Der Blick vom Kletterhüttli auf das von uns gekletterte Enchainement von Echo der Zeit und Chronos.

Routenbeschreibung

Bockmattli / Namenloser Turm - Chronos 6b (6a+ obl.) - 5 SL, 185m - M. Dettling & G. Arnold 2026
Material: 50m-Seil, 12 Express, Cams 0.3-2 und/oder Keile einsetzbar, aber nicht zwingend nötig

L1, 30m, 6a: Ein sehr griffiger Auftakt an Henkeln und Schlitzen führt über den ersten Bauch hinweg. Im nun eigentlich flacheren Gelände, muss die Beta für die nächste Sequenz jedoch sorgfältig analysiert werden. Es gibt aber eine gute Lösung und so klettert man bald an Leisten und Löchern dem Himmel entgegen. Was man als schwierig vermuten könnte, löst sich stets sehr gut auf. Kurz vor Schluss erreicht man eine Rinne, der BH befindet sich am Grat links, etwas links ausholend erreicht man den bequemen Stand.

Das ist der griffige Auftakt in L1 (6a). Es war gegen 13 Uhr, der Schatten wurde schon fast knapp.

L2, 45m, 6a: Diese Seillänge ist geprägt von einer riesigen Sanduhr. Oft gleichen die von uns Kletterern so benannten Strukturen den tatsächlichen Zeitmessern ja nur sehr entfernt - nicht so hier, insbesondere wenn man vom Kleinen Turm hinüberguckt! Die ersten Meter bis dahin sind gemütlich, doch mit dem Überschreiten der Brücke geht die Crux los und sie erfordert etwas Zupacken. Dies geschafft, überschreitet man eine Kante (BH an dieser bevorzugt lang einhängen!) und klettert jenseits in gängigem Gelände knapp links des Grates noch 25m weiter bis zum Stand.

Am Einrichten von L2 (6a), die Stelle mit der Sanduhrbrücke wurde eben überschritten.

L3, 50m, 6b: Wie schon angekündigt, diese Seillänge bildet das Herzstück der Route. Erst heisst es Abklettern, auf einem diagonal verlaufenden Band steigt man zum schluchtartigen Kamin ab (ca. 5b). Für den/die Seilzweiten kann ein zu Beginn gesetzter Cam 0.75 beruhigend sein, zwingend ist er nicht. Die Schlucht wird dann mittels einem Überfall und Spreizschritt gleich überwunden, ohne darin zu klettern. Jenseits ermöglicht stark vom Wasser zerfressener Fels überhaupt nur die Passage. Nun geht's durch die Plattenwand diagonal in die Höhe. Erst noch gut machbar, fordert später eine plattige Stelle. Ein paar Reibungstritte und Thank-God-Pockets machen es jedoch im 6b-Rahmen möglich. Das Schlussbouquet sind dann die luftig-anhaltenden 20m entlang der Diagonalfuge. Da müssen viele Register der Klettertechnik gezogen werden und it ain't over till it's over!

In L3 (6b) wird zuerst abwärts geklettert, bevor es an zerfressenem Fels wieder hinauf geht...

Das Finish von L3 (6b) entlang der Diagonalfuge in kompaktem Gelände in luftiger Position.

L4, 35m, 5c+: Auf den ersten Blick vermutet man hier zügig abspulbares Gelände, sieht der Fels doch reichlich strukturiert aus. Das manifestiert sich beim Klettern aber nicht so ganz wie gedacht. Da ist man doch immer am Griffe suchen und ohne etwas Einsatz geht es vorerst nicht. Schliesslich steigt man auf eine grasige Schulter aus, geht rechts an einem Turm vorbei (an diesem steckt ein BH, welcher leicht zu übersehen ist!), bevor es übers Grasband gerade voraus zum Stand mit Wandbuch (in kleiner Höhle direkt unterhalb der Haken) geht.

Dieser Stunt am Ende von L4 (5c+) ist fakultativ, aber für das Foto hat er sich definitiv gelohnt!

L5, 25m, 5c+: Der Gipfel ist schon nahe, aber dieses Dessert lässt man sich ganz sicher nicht entgehen. Vor langer Zeit muss an dieser Stelle das Gestein abgerutscht sein. Hervorgekommen ist eine vom Wasser bearbeitete und stark strukturierte, fast korallenähnliche Wand. Nach 15m hat man dieses Stück bewältigt, ein Dächli wird an Henkeln überwunden. Diese finden sich auch auf der Zielgeraden, bevor man direkt zum Top vom Namenlosen Turm aussteigt (Stand an Muniring und BH etwas zurückversetzt).

Die letzten Moves in L5 (5c+). Die Getränkebestellung kann man schon zur Kletterhütte rufen...

Abstieg

Von Namenlosen Turm gibt es zwei ideale, zügige und unkomplizierte Fussabstiege. Dazu vom Gipfel 100m ostwärts auf gut sichtbarer Wegspur der Krete entlang bzw. leicht nordseitig unterhalb gehen bis zu einem kleinen Sattel. Nun entweder a) nach rechts auf einem Weg in die Gross Chälen absteigen, was in 20 Minuten zur Kletterhütte Bockmattli führt. Alternativ b) vom Sattel nach links weglos über die wenig steile Grasflanke absteigen. Diese führt einen (zuletzt über eine kurze Stufe) zur Kleinen Turmscharte am oberen Ende der Kleinen Chäle. Dann durch diese auf Trittspuren hinunter zurück zur Kletterhütte. Der Zeitbedarf dafür ist etwas länger, dafür kommt man nochmals am Einstieg vorbei. Ein Abseilen vom Gipfel ist hingegen nicht möglich und sinnvoll. 

Auf dem Abstieg in die Gross Chälen, Doppelspur mit Überholmöglichkeit ;-)

Rückzugsmöglichkeiten

Von Stand 1 kann man problemlos abseilen, auch von Stand 2 steht diese Option mit etwas Umsicht offen. Von Stand 3 hingegen wird es umständlich: gerade hinunter kommt man ins Niemandsland, dementsprechend muss man sich diagonal "zurückarbeiten", was nicht ohne Aufwand und allenfalls Materialverlust geht. Als Aufmunterung: von Stand 3 ist es nicht mehr sehr weit zum Gipfel. Bei Zeitnot oder Wetterumschwung kann man ab Stand 4 mit gross ausholendem Rechtsumweg über die letzte Länge der Namenlosen Kante (2a) den Gipfel noch zügiger erreichen.

Ich hoffe, es können alle ihre Tour so zufrieden und bei besten Verhältnissen beenden, wie das hier bei mir am Ende des langen Bohrtages der Fall war. Das war definitiv wieder ein Tag für das persönliche Geschichtsbuch!

Material, Absicherung & Topo

Die Route ist mit total 45 rostfreien Bohrhaken (die 2 auf dem Gipfel sind ausgeliehen ;-)) gut abgesichert. Das ist exakt 1 Exemplar weniger als in der Kairos. Somit vergrössert sich nach Adam Riese die mittlere Distanz zwischen den Haken von 4.02m auf 4.11m. Natürlich, diese Mathematik ist blosse Spielerei (und berücksichtigt auch nicht die Doppelhaken an den Standplätzen). Sie signalisiert aber doch, dass zwischen den Sicherungspunkten geklettert werden muss. Insbesondere in der diagonal verlaufenden Cruxlänge von Chronos hilft die Strategie A0 nur sehr beschränkt weiter. Ob deren Natur mit Abklettern, zwingendem Spreizschritt und anhaltender Traverse sollte auch die Person am hinteren Seilende einer 6b vernünftig gewachsen sein. Und eben, einfach Ablassen und Heimgehen geht da auch nicht so prickelnd. Alles in allem würde ich sagen, dass Chronos trotz gleichen Freikletter-Graden, nahezu gleich vielen Bolts und vergleichbarem Charakter schon einen Tick anspruchsvoller wie Kairos ist. Sprich, wer zweifelt und hadert, probiert besser zuerst Kairos.

Gut kalkuliert ist halb geklettert - wir wünschen euch viel Spass!

Dank der guten Grundabsicherung mit strategisch platzierten BH ist die Route für mich ohne mobile Sicherungen machbar. Sicherlich sind an diversen Stellen SU-Schlingen, Cams (0.3-2) und/oder Keile für zusätzliche mobile Sicherungen einsetzbar - je nach Können vielleicht eine prüfenswerte Option! Ein paar weitere Planungsgrundlagen: die NW-seitig ausgerichtete Route liegt bis am frühen Nachmittag im Schatten, hat grob von Mai-Oktober Saison und trocknet dank der Wandkletterei über kompakte Wandzonen (für Bockmattli-Verhältnisse) zügig ab. Generell macht's (mir) am Bockli aber am meisten Spass, wenn's so richtig trocken ist und nicht aus jeder Ritze die Feuchtigkeit drückt. Als vorletzter Punkt darf die Namenswahl erklärt werden: während Kairos den günstigen Moment beschreibt, so steht Chronos für die vergehende Zeit und deren Planung. Zusammen mit der grossen Sanduhr in L2 als Symbol dafür gab es hier nur eine logische Wahl. Somit ist alles geklärt: es verbleibt mir wie immer nur, viel Spass zu wünschen! Hier gibt's das Topo als PDF, allez les amateurs! 

Das Topo von Chronos, es ist auch als PDF verfügbar.

Donnerstag, 26. März 2026

Trollfels News

Der Trollfels ist ein kleiner Klettergarten in unmittelbarer Nähe der Plattenwand, am Eingang zum Glarnerland. Er überzeugt mit einem kurzen Zustieg und ein paar spannenden Linien im siebten Franzosengrad in seiner Nordwand. Auf der Westseite gibt es einige einfachere Klettereien in schönem, sandsteinartigem Fels. Im 2025 und 2026 hat es nun einen Zuwachs an Routen gegeben, so dass nun statt 10 neu 12 bzw. 13 Möglichkeiten zur Verfügung stehen.

Toller, strukturierter, sandsteinartiger Lochfels. Diese Griffe nutzt man in der Bucolique (6b).

Kissing Arete (7b)

Diese Route verläuft unmittelbar rechts der Kante, welche die Nord- von der Westseite trennt. Sie bietet trickreiche, fingerkräftige, leicht überhängende Ausdauerkletterei mit homogener Schwierigkeit. Es stecken 6 BH, die Kletterlänge beträgt ungefähr 15m. Sicherlich eine gute Route zum Projektieren, wenn dies der persönliche Pay Grade ist.

Blank Space (8a) 

Das ist die Verlängerung der Kissing Arete, und die Route heisst nicht umsonst so. Kompromisslos senkrecht schiesst hier die strukturarme Platte in den Himmel, auf den ersten Blick unmöglich. Doch die rechte Hand findet zwei ~8mm-Crimps und mit der Linken an der sloprig-stumpfen Kante lässt sich Compression generieren. Das ist auch nötig, denn das Trittangebot ist mässig - und klippen muss man auch noch einmal. Schliesslich erhascht man etwas bessere Leisten am Ende der Kante und muss der Sache fast campusmässig entkommen. Insgesamt eine taffe Bouldersequenz.

Hier verläuft die Kissing Arete im Bereich rechts der Kante, dann über das kleine Dächli hinweg und links am Moos vorbei. Oben ist die äusserst kompakte Platte, eben der Blank Space gut zu erahnen. Diese Boulderstelle hebt den Grad von 7b für den unteren Teil auf 8a für die volle Linie.

Bucolique (6b)

Gereizt hat mich diese potenzielle Möglichkeit an der rechten Kante vom Trollfels sofort, eingerichtet habe ich die Route schliesslich während meinen Pausen zwischen den Versuchen in der Blank Space. Die Route startet mit wunderschönem, griffigem Lochfels, orientiert sich dann zur Kante, wo man sich gegen die offene Tür wehren muss und kulminiert mit der Crux im Ausstieg, wo man nicht die (Tritt-)Übersicht verlieren darf.

Ob hier drin der Troll daheim ist?!?

Topo

Der Trollfels ist im SAC-Kletterführer Glarnerland von Sämi Leuzinger und Thomas Wälti veröffentlicht und beschrieben. Unten das (nicht vollständige) Topo aus diesem Führer, dafür ergänzt um die neuen Möglichkeiten auf der Westseite.

Dank

Gebührt meinem Vater für die tatkräftige Unterstützung bei diesen Projekten. Merci vielmals Neni!

Freitag, 7. November 2025

Furka / Sunnig Berg - Via Matthias (6b+) & Kein Bockmist (6b+)

Noch nie war ich bisher am eleganten Winterstock im Furkagebiet geklettert, noch weniger am kaum bekannten Sunnig Berg, welcher sich unweit davon und im selben Kessel befindet. Viktor hatte im Sommer 2025 die Via Matthias saniert, wollte sein Werk nochmals überprüfen und machte mir so eine Begehung schmackhaft. Als zusätzliche Motivation lockten die Erstbegehung einer direkten Linie im oberen Teil der Route, sowie eine Verlängerung an Felstürmen oberhalb. Der Tag wurde ein voller Erfolg: lässige Semi-Trad-Kletterei in der Via Matthias, das Eröffnen von einem neuen, logischen Direkausstieg zu dieser und eine formidable 2-SL-Trad-Erstbegehung an einem Felsturm unweit vom Top der Via Matthias.

Wunderbar die Wand vom Sunnig Berg, durch welchen die Via Matthias verläuft.

Wir fuhren hinauf zum Furkapass bis Tiefenbach, nahmen da die taxpflichtige Strasse Richtung Tätsch und verfolgten diese bis zum Fahrverbot bei Gspenderboden P.2263, wo es 2-3 Parkplätze gibt. Diese waren frei, so liefen wir in sehr schönem Bergambiente ins Tal des Lochbergbachs, durch welches man in 50-60 Minuten den Einstieg erreicht. Dieser ist farblich markiert, zudem ist die gebogene Verschneidung von L1 sehr markant. Am bequemen Wandfuss bereiteten wir uns auf die Kletterei vor und legten um 10.50 Uhr schliesslich los - mit reichlich Cams am Gurt und dem Bohrzeug im Haulbag.

Tolles Bergambiente im einsamen Tal des Lochbergbachs.

Via Matthias mit Direktausstieg (7 SL, 6b+)

L1, 25m, 6b: Achtung, je einen BH gibt's hier nur am Anfang und am Ende, das ist nicht dort, wo die Kletterei am schwierigsten ist. Im zentralen Teil kann gut, aber nicht überall nach Belieben selbst abgesichert werden. Die Sache fühlt sich doch etwas committing an: die Seitenwände sind recht glatt, der Riss nicht immer super griffig und bei der Crux zusätzlich noch abdrängend. Das brachte mich jetzt nicht grad in Nöte, aber durchaus an den Rand meiner Komfortzone.

Sehr ästhetische Kletterei in L1 (6b), gerade in der persönlich als Crux der Route empfundenen Stelle.

L2, 20m, 6a+: Durch eine nach rechts offene Verschneidung gilt es sich in recht komplexer 3d-Manier in die Höhe zu schieben, eine spannende Sache. Dies ist selbst abzusichern, was jedoch nach meinem Gusto komfortabel möglich ist, es steht ein idealer Riss oberhalb der Verschneidung zur Verfügung. Das einfachere Finish dann eher wandartig und mit einem BH gesichert.

Die dettling'sche Tendenz zum Hinliegen beim Klettern scheint System zu haben (L2, 6a+).

L3, 20m, 6b+: Der Hauptact ist hier die powerig-athletische Stufe gleich zu Beginn, welche mit Schuppen, Leisten und Rissspuren aufwartet. Es stecken 2 BH, die Crux riegelt man jedoch dazwischen und sogar recht zwingend durch, gesichert von einem kleinen Cam. Nachher folgt dann gestuft-griffigeres Gelände mit tieferen Schwierigkeiten.

Nein, die kräftig-athletische Crux in L3 (6b+) geht weder im Schlaf noch im Liegen 😁

L4, 25m, 6b+: Die erste Hälfte der Seillänge ist die einfachere, die enge Verschneidung lässt man links liegen und klettert vorbei an einem BH durch die plattige Wand und später über einen Aufschwung zum Kernstück der Länge. Steil geht's erst neben und dann in der Verschneidung, zuletzt an den Henkel an der Kante links. Dieser Abschnitt ist sehr eng mit BH gesichert und ging mir leicht von der Hand (im Vergleich zu L1), er könnte aber etwas grössenabhängig sein. Zuletzt gibt's dann noch eine coole Stelle an einer Untergriffschuppe zum Stand.

Wer diesen Henkel in L4 (6b+) hat, der hat gut Lachen - der ist mehr als die halbe Miete hier.

L5, 25m, 6b+: Hier kommt die Crux gleich am Anfang. Bis zur Sanierung wurde sie A1 geklettert, d.h. nicht in freier Kletterei. Nachdem die dünnen Risse jedoch geputzt wurden, ist das gut machbar. Ein paar kräftige Züge auf Gegendruck bzw. mit Compression, dann ist es gegessen. Es stecken 2 BH, dazwischen legt man gerne noch einen kleinen Cam. Der obere Teil legt sich dann zurück, in gestuftem Gelände erreicht man den Stand auf der Rampe.

Die ehemalige A1-Stelle am Anfang von L5, dank geputztem Riss nun gut kletterbar (6b+).

L6, 50m, 6a+: Die Route verläuft hier plattig auf der etwas grasigen Rampe. An sich nicht schwierig (5b), ein paar Schritte sind aber doch nicht ganz easy und nebst den 2 BH legt man besser noch etwas dazu, wobei die super Placements nicht üppig sind. Die originale Route biegt beim prominent platzierten dritten BH dann um die Ecke nach rechts raus zu Stand, hier zweigt die Direktvariante ab, welche wir an diesem Tag eröffneten. Es geht links hinauf an Schuppen unterhalb von einer dachartigen gestuften Verschneidung. Erst griffig und gemütlich, am Ende wird die Struktur dann zu einer kaminartigen Schuppe, wo ein kurzer Squeeze wohl die beste Lösung ist, bevor man am Ende ausspreizen kann. Dieser neue Teil ist komplett mobil zu sichern (gut möglich), der Stand auf dem Band ist gebohrt.

Viktor bei der Erstbegehung des neuen Direktausstiegs (L6, 6a+). Die Originalroute der Via Matthias quert beim hellorangen Wandstück rechts um die Ecke herum und wurde bei der Sanierung im August ebenfalls mit BH ausgerüstet.

Etwas verklemmt am Ende des neuen Teilstücks in L6 (6a+).

L7, 35m, 5a: Grundsätzlich "der Nase nach", d.h. das gestufte einfache Gelände bietet wohl mehrere Optionen. Die für uns logischste Linie geht vom Stand nach rechts und dann hinauf, wo man auf den Schlussstand einer unbekannten Route trifft (diese verläuft unten rechts der Via Matthias und kreuzt sie wohl irgendwo im zweiten Teil des Quergangs von L6). Schliesslich erreicht man das Top mit seinem sehr bequemen Plateau.

Wer kann sachdienliche Hinweise hierzu liefern? Es ist der finale Stand der nirgendwo in der Literatur oder im Netz verzeichneten Route, welche rechts der Via Matthias verläuft. Wer hat ihn platziert und/oder kann mehr Infos zu dieser Route liefern? Oder weiss jemand zumindest, wer solche Standplätze produziert hat? Eventuell bringt uns das ja einen Schritt weiter.

Kurz vor 15.00 Uhr und damit nach knapp 4:00h der Kletterei mit zwei neu eröffneten Seillängen waren wir da. Wir hielten nur kurz inne und richteten den Blick gleich nach vorne. Viktor hatte mir schon lange von seinem Projekt "Vier gewinnt" geschwärmt - ein attraktiver Off-Width-Riss (wenn es so etwas überhaupt gibt 🤪) etwas zurückversetzt an einem Felsturm. Mit einer kurzen, grundsätzlich unschwierigen und gut auch in Kletterfinken machbaren Traverse in etwas schuttig-labilem Gelände gelangt man an dessen Fuss. 

Marcel unterwegs zum hinteren Felsturm mit dem markanten Offwidth.

Schon aus der Ferne und noch viel mehr aus der Nähe schien mir der angepeilte Shaft aber abschreckend, schwer absicherbar und auch sauschwierig. Mein Statement dazu: "Looks good, you can go first!". Mein erster Eindruck täuschte in keiner Hinsicht: die beiden mitgeführten 5er-Cams waren deutlich zu klein, somit war an mobile Sicherung nicht zu denken. Nach zähem Ringen und zwei gesetzten BH musste Viktor schliesslich das Handtuch werfen - die Zeit war schon fortgeschritten und es war im Schatten (zumindest beim Sichern) empfindlich kühl geworden. Trotzdem, das Risssystem links war einfach zu attraktiv, um es unversucht zu lassen und nach Hause zu gehen. Aus diesem Vorhaben wurde schliesslich...

Kein Bockmist (2 SL, 6b+, Trad, Erstbegehung)

Man könnte jetzt sagen, die Namensgebung komme daher, dass im Bereich zwischen der Via Matthias und dem oberen Felsturm eine erstaunliche Menge an Bockmist präsent war, den man dann auf der Route endlich wieder los war (offenbar nutzen Tiere dieses Gelände als Lagerplatz, nicht jedoch zum Zeitpunkt, wo wir dort waren). Die alternative Interpretation der Namensgebung überlasse ich jetzt gerne der Fantasie der Leser... Jedenfalls, ich machte mich auf den Weg und dieser entpuppte sich durchaus als eine Perle.

L1, 25m, 6b+: Gar nicht mal so einfach über die Einstiegsverschneidung hinauf, zur steilen Stufe mit dem markanten Riss rechts. Kurz an diesem hinauf, die sich verbreiternde Fortsetzung wäre evtl. auch kletterbar. Mir schien es jedoch günstiger, nach links in den eleganten Fingerriss abzubiegen. Immer dünner werdend und zuletzt in der Platte auslaufend war aber die Frage, ob ich mich da nicht in eine Sackgasse begeben hatte. Mit einigem Herzflattern arbeitete ich mich vorwärts, legte den 0.3er-Cam ins letzte Placement... und dann?!? Zwei beherzte Züge an sich genau an der richtigen Stelle befindlichen Leisten später war die Sache geritzt. Ich erreichte eine Nische, wo sich ein bequemer Stand anbot (mit 2 BH ausgerüstet).

Kurz vor Erreichen des Standplatzes in L1 (6b+).

L2, 30m, 6b: Der Blick nach oben zeigte es: die grossen und schweren Cams waren nicht vergebens mitgekommen. Der Start dieser zweiten Länge bietet auch wieder Optionen: links ein steiler und breiter  Jam-Riss (ca. Camalot 3 oder 4) oder rechts eine Layback-Verschneidung, wo an sehr breiten Rissen gesichert werden muss (Camalot 4 oder 5). Mit den grossen Gerätschaften am Gurt entschied ich mich für den Layback, der kommoder und einfacher wirkte. Es ist nicht so schwierig, mit etwas Courage kommt man vermutlich sogar mit nur einem Camalot 4 aus?!? So erreicht man einen Absatz, bei welchem man links um die Ecke biegt und über eine Steilstufe eine Schuppe erreicht. Dieser griffig entlang, als letzter Challenge wartet dann jedoch noch ein kniffliger Mantle auf die abschliessende Platte zum Stand, welcher ebenfalls mit 2 BH ausgerüstet ist. 

Im Ausstieg noch ein Platten-Mantle...

Um etwa 18.30 Uhr waren wir zwar noch nicht auf dem Gipfel des Felsturms, jedoch am logischen Routenende. Das eher blockig-labil aussehende Gelände zu dessen Top schien unlohnend. Während dem Erstbegehen der beiden Kein Bockmist-Längen waren meine schlotternden Glieder zum Glück wieder auf Betriebstemperatur gekommen. Doch trotzdem, es war Zeit, den Heimweg anzutreten, Viktors Offwidth-Projekt würde vielleicht irgendwann in der Zukunft seine Vollendung erfahren. Die beiden Längen am Turm lassen sich mit 2x50m-Seilen gerade in 1 Strecke bewältigen, vom Top der Via Matthias ist man in 4 weiteren Manövern zurück am Einstieg. Mit der nötigen Vorsicht konnten wir unsere Finken frei vom Bockmist halten, sie sorgenlos im Rucksack verstauen und frohen Mutes zum Parkplatz absteigen. Ein toller und auch abenteuerlicher Tag im Urner Granit war's gewesen, davon nehmen wir immer gerne mehr.

Facts

Sunnig Berg - Via Matthias 6b+ (6a+ obl.) - 7 SL, 200m - Fodor/Skinner 1988, saniert 2025 - ***;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 10 Express, Cams 0.2-3, evtl. Keile und/oder Cams 0.2-0.5 zusätzlich

Spannende Semi-Trad-Kletterei in solidem Fels, der unten sehr sauber, oben dann etwas mehr mit Flechten bewachsen ist. Meistens klettert man entlang von Verschneidungen oder Schuppen, teilweise gibt es etwas Wandkletterei dazu, Jam-Risse kommen hingegen kaum vor. Die Route muss über einen substanziellen Teil der Strecke mobil abgesichert werden, was an den entsprechenden Stellen gut möglich ist. Wo die guten Placements fehlen, trifft man auf eine gute Absicherung mit Inox-BH. Dank den kurzen Seillängen kommen versierte Kletterer vermutlich mit einem Set Cams aus. Ein zweites Set bis zu den mittleren Grössen und/oder Keile bietet zusätzlichen Spielraum. Zu erwähnen ist noch: die Verschneidungen sind eigentlich alle nach rechts (Norden) offen, somit klettert man in dieser Ostwand relativ früh komplett im Schatten. Dadurch mit Einstieg auf 2500m eher ein Ziel für die warme Jahreszeit. Weitere Infos zur Route und zur Sanierung im 2025 findet man auf dem Blog von Viktor, hier geht's zum PDF-Download vom Topo.

Das Topo zur Via Matthias, (c) by Viktor.

Sunnig Berg - Kein Bockmist 6b+ (6b obl.) - 2 SL, 50m - M.Dettling/V.Wegmayr, 24.8.2025
Material: 2x50m-Seile, 10 Express (teils verlängerbar), Cams 0.2-5, evtl. lieber doppelt

Kurze Trad-Route, welche sich ideal als Ergänzung zur nicht überaus langen Via Matthias anbietet. Die Schwierigkeiten sind an sich nicht höher als dort, da aber ausser an den Standplätzen gar keine BH stecken, ist die Sache doch etwas fordernder und aufregender. Auf dem Programm stehen Risse aller Breiten von sehr dünn bis zur Offwidth-Breite. Der Fels ist an sich top und sehr solide mit tollen Splitter Cracks, teilweise jedoch mit Flechten bewachsen. Wer dem Gear vertraut und dementsprechend über die Sicherungen steigt, kann die Route wohl mit einem Set Cams klettern. Ein grosses Gerät (mindestens 4, besser 5) ist aber zwingend - und ein Doppelset von klein bis gross bietet sicherlich mehr Marge. Hier unten bzw. als PDF-Download das Topo zu dieser Route - wir wünschen viel Spass und freuen uns auf die ersten Wiederholer!

Das Topo zur Verlängerung mit dem Namen "Kein Bockmist".

Dienstag, 7. Oktober 2025

Rätikon - Saguaro (10 SL, 8a, Erstbegehung)

Hart, komplex und mit maximaler Schärfe, so kann man diese Route sicherlich charakterisieren. Sie wurde schon 1991 durch Andreas Audétat und Gefährten begonnen und führt durch einen der steilsten Bereiche der Gamstobelwand bei Partnun im Rätikon. Nur 25m vor dem Ende der Schwierigkeiten ging den Pionieren der Schnauf für die Vollendung ihres Projekts aus, und so blieb die Route trotz bestem Tropflochfels und sehr guter Absicherung mehr als drei Jahrzehnte lang unbekannt. Erst im Jahr 2025 erhielt Daniel Benz Kenntnis von der Sache und vollendete die Linie im August mit Dominic Eggenberger. Ein paar Besuche zwecks Sanierung, Linienoptimierung und Training war Zeit für die Erstbegehung und den Rotpunkt-Go. Bei diesem Anlass konnte ich mit dabei sein, hier mein Bericht dazu.

Die steile Gamstobelwand an der Sulzfluh im Rätikon mit dem Verlauf von Saguaro 

Unsere Tour startete um ca. 9.15 Uhr beim P6 in Partnun Äbi (1620m). Der erste Teil vom Zustieg bietet ideales E-Bike-Gelände über Strassen mit Hartbelag bis auf 2050m. Hier geht's zu Fuss weiter auf dem markierten Wanderweg - mir bestens bekannt, hatte ich doch an den Wänden links vom Gamstritt auch schon geklettert, bzw. zwei Neutouren realisiert (Sunshine Reggae (5b) sowie die bisher noch undokumentierte Die Katze Bekova (6c) aus dem Jahr 2023). Nach Überwindung der Steilstufe erreicht man den Gemschtobel, wo man auf ca. 2330m den Weg verlässt und über die gut begehbare Geröllhalde den Wandfuss erreicht. Dieser befindet sich ca. 200m rechts (östlich) vom Beginn des Klettersteigs Partnunblick und ist mit dem Wandfoto gut identifizierbar. Um 10.30 Uhr starteten wir schliesslich mit der Kletterei.

Unterwegs zum Kessel vor dem Gamstritt. Die im Text erwähnte Neutour Die Katze Bekova (6 SL, 6c) von Larina und mir befindet sich am linken Bildrand, in der Platte links der Bildmitte findet man unsere Familien-Erstbegehung Sunshine Reggae (5 SL, 5b).

L1, 45m, 6a+: Vergnügliche, gut abgesicherte und relativ leicht verdauliche Plattenkletterei.

L2, 25m, 7a: Ein paar einfache Meter führen zu einer oft nassen Verschneidung heran, in deren überhängender Seitenwand es dann mit einer Traverse gleich heftig zur Sache geht. In etwas klötzlig-splittrigem Gestein müssen ohne Rücksicht auf Verluste ein paar Stellerleisten heftig zugeballert werden, bevor man kräftig an Seit- und Untergriffen auf ein Podest aussteigt. Puh, da war ich meinem Limit schon nahe.

"Nur" eine 7a, aber am Ende von L2 muss man definitiv schon parat sein und Leisten zuschrauben.

L3, 25m, 7c+: Die ersten Meter noch gängig zu einem Turm und an diesem hinauf. Einmal an der Hauptwand, schlägt dann schon die Stunde der Wahrheit. An kleinen, scharfen Kratzern und fast inexistenten Rauigkeiten für die Füsse gilt es für Fortschritt zu sorgen. Im Prinzip anhaltend fordernd, auch wenn der Experte hier drei besonders fordernde Einzeleinheiten erkennt. Bei mir setzte sich v.a. die Erkenntnis durch, dass diese kein bequemes Konsumgut darstellen, d.h. ich konnte nicht alle in Freikletterei lösen.

Das Gestein ist extrem rau, gute Griffe sind aber Mangelware (L3, 7c+).

L4, 20m, 8a: Eine längere Boulderstelle zu Beginn markiert die Hauptschwierigkeit. Diese ist grundsätzlich im ortsüblichen Stil konstruiert, wobei hier tatsächlich ein dynamischer Move oder Sprung an einen grösseren Sloper zum Programm gehört. Die obere Hälfte der Seillänge bietet dann vergleichsweise gutgriffiges ~7b-Gelände, da ist noch einiges an Rési gefragt - diesen Abschnitt konnte ich im Gegensatz zum ersten Teil am Stück durchsteigen.

Die Crux in L4 (8a) ist in der Tasche, nun nur nicht mehr Abwerfen lassen!

L5, 20m, 7c: Hatte ich in den letzten beiden Längen hart zu beissen, so lief es hier zum Glück wieder etwas flotter. Die Kletterei hier einen Tick steiler wie in den Cruxzonen von L3/L4, griffiger und damit nicht nur einfacher, sondern auch zugänglicher. In verschärfter Wandkletterei im Bereich 7b/+ geht's zu einem kleinen Dächli mit der Hauptschwierigkeit, wo ich 2-3x ansetzen musste, bis die Lösung sass. Von da bis zum Stand kann man durchaus noch versauern, erneut im Bereich 7b/+ wird Ausdauer und Übersicht gefordert - mir ging's grad auf.

Die typische Felsstruktur anhand von diesem Shot in L5 (7c) gut erkennbar. Es gibt viele kleine Käntchen in diesem scharfen Fels. Allerdings müssen diese auch ausreichen, denn schön positive Leisten sind meistens Mangelware.

L6, 20m, 7c+: Ein fotogener Abschnitt, welcher mit einer Querung nach links hinaus beginnt, wobei Fels, Kletterei und Schwierigkeit nahtlos wie zuletzt fortsetzen. Die Crux folgt an der Stelle, wo man den Pfeiler linkerhand gewinnen muss. Es gilt, sich geschickt in einem Winkel zu platzieren, dann scharfe Kratzer zu erhaschen und entschlossen zu einem tollen Finish in genialem Fels zu entkommen. Ich vermute, diese Länge könnte an der Crux (da im Winkel) etwas grössenabhängig sein - mir ging das relativ gut, während sich Daniel da schwerer tat und seinen einzigen Fehlversuch hatte, welche mit einem Second Go dann ausgebügelt werden konnte. 

Der Akteur gerade in der Cruxzone von L6 (7c+).

L7, 25m, 7a+: In einer grauen Spritzbeton-Zone geht's in einem langen Quergang nach rechts. V.a. der Fels, aber auch die sonstige Anlage erinnert durchaus an L4 (7a+) im Silbergeier. Obwohl deutlich einfacher wie die umliegenden Teilstücke, so ist dieser Abschnitt dann doch nicht geschenkt und trotz der guten Absicherung muss man sich v.a. auch am hinteren Seilende so richtig engagieren. Endlich wieder einmal eine, die ich flashen konnte - ohne jedwelche Reserve, allerdings.

Die Querung im Spritzbeton-Fels von L7 (7a+) - super Kletterei!

L8, 20m, 8a: Während die Route sonst 1:1 dem Verlauf von Andreas Audétat aus dem Jahr 1991 folgt, hatte dieser sich damals auf dieser Höhe wenige Meter links in einer splittrigen, kaum frei kletterbaren Zone versucht (und das Projekt nicht zuletzt deswegen aufgegeben). Nun geht's ein paar Meter rechts davon am Rand eines dunklen, oft Wasser führenden Streifens hinauf - dies mit dem Nachteil, dass der Fels etwas staubig ist, dafür ist er strukturierter. Trotzdem, es geht gleich volle Kanne los, an kleinen Leisten und Zacken gilt es trittarm und deshalb mit viel Körperspannung zu arbeiten. Hier warf ich (ausnahmsweise) relativ zügig das Handtuch, der Nachstiegs-Flash war bald vergeigt und der Textilgriff zu verlockend. Nach dem Auftakt gehen die Schwierigkeiten etwas zurück, doch es bleibt bis zum Klippen des Stands sehr fordernd und technisch.

Unglaublich kompakter Fels mit dementsprechend anspruchsvoller Kletterei in L8 (8a).

L9, 30m, 7c: Bis zum BH #3 dieser Länge kamen die Ersterschliesser im 1991, da wartet noch die übliche, scharfe Wandkletterei. Ein paar leidliche Leisten später kommt dann die Crux mit einer coolen, bewegungsintensiven Bouldersequenz - auch da ist der Fels kurz etwas staubig und man findet nicht den 1a-Grip wie sonst in der Wand. Als letzter, optisch durchaus abschreckender Programmpunkt der Länge folgt dann eine überhängende Gegendruck-Verschneidung - sie geht besser wie befürchtet und bietet Ausdauergelände im 7a-Bereich.

Wandkletterei in L9 (7c), bevor der letzte Teil durch eine steile Verschneidung führt.

L10, 25m, 6b: Im Prinzip ein kurzes Outro, welches aber wunderschönen Premier-Cru-Fels bietet, wie man ihn von den Kirchlispitzen kennt. Die Idee wäre, den Abschnitt rechts in der Wand zu klettern und nicht an den Turm zu spreizen, was die Sache deutlich vereinfacht. Zuletzt dann einfacher zum Routenende auf einem Pfeilerkopf, von welchem man zu Fuss aufsteigend das Karrenfeld der Sulzfluh erreichen kann.

Um ca. 17.30 Uhr nach rund 7:00h der Kletterei waren wir am Top. Daniel wieder einmal mit einer schier unglaublichen Performance! Für mich sehr eindrücklich, alle diese schwierigen Stellen so sauber und souverän durchziehen zu können - das war wieder einmal Klettersport vom Feinsten, welchem ich da zusehen konnte. Meine Leistung war nicht ganz so überragend: die einfacheren Seillängen hatte ich durchsteigen können, ein paar der harten Pitches (L5, L6, L9) gelangen mir immerhin komplett frei, während gewisse Passagen in L3, L4 und L8 zur Rubrik Aktenzeichen XY ungelöst gehören und ich mich dort mit dem Linken der einfacheren Passagen zufrieden geben musste. Aber natürlich hatte es trotzdem enormen Spass gemacht. 

Riding the pig... steiles Abseilen über die Gamstobelwand.

Wir machten uns schliesslich ans Abseilen. Im Nachhinein hat Daniel die Abseilpiste mit einem routenunabhängigen Stand noch deutlich bequemer gemacht. Somit verweise ich auf das Topo, unsere Variante von diesem Tag zu beschreiben macht hingegen keinen Sinn. Am Einstieg durfte ich dann die 7 Buchstaben von SAGUARO mit roter Farbe auf dem Fels verewigen, bevor wir talwärts liefen bzw. später fuhren. Ein genialer Tag neigte sich dem Ende zu - ich bin gespannt, wann die ersten Wiederholungen dieser Route erfolgen werden.

Büroarbeit am Fels... die Nische am Einstieg ist sehr charakteristisch.

Video

Daniel hat das Videomaterial und einige Fotos zu einem Video geschnitten, das es hier auf Youtube zu bestaunen gibt. Vielen herzlichen Dank für diese Arbeit!


Facts

Rätikon / Gamstobelwand - Saguaro 8a (7a+ obl.) - 10 SL, 255m - A. Audétat 1991 / D. Benz 2025 - ****;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 11 Express, Cams/Keile nicht nötig und kaum einsetzbar

Grossartige und eindrückliche Kletterei, welche in ihrem zentralen Teil mit einigen anhaltenden Seillängen von hoher Schwierigkeit aufwartet. Die Kletterei mit vielen kleinen Kratzern, scharfen Tropflöchern und abschüssigen Tritten erfordert oft einiges an technischer Zauberei. Nur starke athletische Fähigkeiten mitzubringen dürfte für einen Erfolg kaum ausreichend sein, da muss man einfach richtig gut klettern können. Die Felsqualität ist meist sehr gut, der stachelige Kaktusfels bietet hervorragende Reibung, erfordert aber entsprechend Haut auf den Fingerkuppen. An einigen wenigen Stellen wirken die zu verwendenden Strukturen etwas fragil, wenngleich bei meinem/unserem Go alles Stand gehalten hat. Die Absicherung der Route war im Originalzustand sehr eng gehalten. Bei der Sanierung 2025 wurde dies so beibehalten, fast alle BH wurden jedoch durch rostfreies Material ersetzt, wobei deren Platzierung teilweise optimiert wurde und die Standplätze an bequemere Ort verlegt wurden. Daniel hat ein sehr präzises Topo zur Route gezeichnet, es ist unten als Bild vorhanden und kann auch als PDF runtergeladen werden.

Das Topo zur Saguaro von Daniel. Bessere Qualität gibt's im PDF-Download.