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Montag, 5. September 2016

Rätikon / Schweizereck - New Age (8a+)

Die im Jahr 1988 von Beat Kammerlander und Gefährten eingerichtete und ein Jahr später schliesslich Rotpunkt gekletterte Route am Schweizereck gilt als grosser Klassiker und Meilenstein im Rätikon. Das liegt neben der kompromisslosen Linie vor allem daran, weil die freie Überquerung des grossen Daches in Wandmitte den zehnten Grad verlangt (UIAA 10-, bzw. eben F8a+). Dieser gilt auch heute noch als Massstab fürs Extreme, und so wollte sich auch mein Kletterpartner Dani der Herausforderung New Age stellen. Für mich als "Old Ager" (ich bin doch immerhin fast eine Generation älter als die Route) würden da zwar wohl nicht allzu viele Punkte zu holen sein, aber um einen Eindruck von diesem Meilenstein war ich natürlich höchst gespannt.

Das Schweizereck mit der von uns gekletterten Linie. Erst 3 Seillängen über Schweizerzoo, danach die New Age. Mit den orangefarbenen Punkten ist auch der alternative, bzw. originale Zustieg mit Einqueren von links her eingezeichnet.
Ein bisschen speziell an der New Age ist, dass sie erst in Wandmitte anfängt. Keine Ahnung, warum hier Beat Kammerlander seine Linie nicht am Wandfuss begonnen hat. Schliesslich herrschte zu der Zeit im unteren Teil noch komplett freie Bahn, und die ersten drei Seillängen der Schatila oder vom Schweizerzoo bieten jetzt durchaus lohnende und herausfordernde Kletterei, welche die Linie der New Age ideal komplettiert hätten. Klar, es warten dort keine eindrücklichen Dächer, sondern "nur" fordernde, technische Steilplattenklettereien - aber trotzdem. Auf mich wirkt die Linie der New Age auf diese Weise etwas kastriert, allerdings lässt sich der Start heute ja problemlos über eine der benachbarten Routen erreichen, somit gibt's eigentlich nicht viel zu motzen.

Im Zustieg zur New Age, das ist die anhaltende und geniale erste Länge von Schweizerzoo (7a).
Original gelangt man zum Einstieg der New Age jedoch, indem man von links her über exponierte Grasbänder quert. Es handelt sich zumeist um nicht allzu schwieriges Kraxelgelände, allerdings wartet auch eine Viererstelle und Seilsicherung ist angezeigt. Wie wir eine Woche später dann herausfinden konnten (story to follow...), ist man mit Einqueren auch nicht wesentlich schneller wie mit einem Einstieg von unten. Nun denn, wie in diversen Kletterführern empfohlen, wollten wir also die als "ideale Aufwärmlängen" beschriebenen drei Startsequenzen der Route Schweizerzoo (7a) klettern. Meine Aufgabe bestand darin, den Lead bis zum Einstieg der New Age zu übernehmen und den Sack zu haulen.

Dani folgt in L1 von Schweizerzoo (7a). Zähe, technische Kletterei in senkrechtem, knapp strukturiertem Fels. Super!
Wobei an dieser Stelle gesagt sei, dass man in meinem Fall bei diesen drei Seillängen im Schweizerzoo eher schon von einem Überhitzen denn von einem Aufwärmen sprechen musste. Besonders die erste Länge ist anhaltend und eine (geniale!) Pumpkröte erster Güte, da hatte ich schon Körner verschossen, welche weiter oben noch gut zu gebrauchen gewesen wären. Für Könner ist das vermutlich aber weniger akut - höchstens besteht die Gefahr der psychischen Verweichlichung, stecken doch in der New Age nachher deutlich weniger Bolts. Weil ich den Schweizerzoo wenige Zeit später komplett durchsteigen konnte (Beitrag folgt...), verzichte ich an dieser Stelle auf eine detaillierte Beschreibung der Einstiegslängen und fokussiere auf die New Age, mit welcher wir um 10.45 Uhr und somit 2 Stunden nach Aufbruch am Wandfuss starteten.

Unterwegs in L3 (6b) von Schweizerzoo, welche zuerst fantastische graue Platten mit einer etwas fiesen Crux bietet.
L1, 30m, 7a: Puh, am Fuss der irre glatten Platte, wo die Route beginnt, sieht man nur weit in der Ferne die Kabel von Fixkeilen aus einem Riss ragen, sonst ist kein fixes Equipment sichtbar. Es geht aber erst rechtsrum in noch einfachem Kraxelgelände. Dann beginnt die richtige Kletterei: erst sind Cams (0.3-0.5) zu legen, dann kommt ein Schlaghaken (bis hier 6b), gefolgt von dem mit dem Hammer in den Riss gedroschenen Fixkeilen (6c) und schliesslich geht's los: zwei Bolts stecken in relativ kurzem Abstand, hier warten technische 7a-Moves. Vor allem nach dem zweiten Bolt lässt's nicht gleich nach, erst zuletzt wird's griffig, bevor nach einem 10m-Runout der Stand kommt.

Die irre glatte Platte am Anfang von L1 (7a) in der New Age wird rechts umgangen. Super Ambiance!
Yours truly im Nachstieg in L1 (7a), den vorzüglichen Tropflochfels entgeht dem Blick des Kenners ganz bestimmt nicht.
L2, 15m, 7c: Der Stand ist reichlich unbequem, wohl dem, dessen Vorsteiger hier zügig durchsteigt. Das ist aber auf den ersten Metern alles andere als einfach. Bereits der erste BH ist so richtig zäh anzuklettern, sehr technisches Gelände praktisch ohne Tritte, es ist alles andere als einfach, den nötigen Gegendruck aufzubauen. Vom guten Klippgriff folgt dann gleich der nächste, technische Boulder zum zweiten Haken, unmittelbar nach diesem ist's in Bezug auf die Schwierigkeit gegessen. Nun sind es nur noch 10 einfachere Meter (ca. 6b) hinauf zum Stand, ein Cam lässt sich noch legen.

Die entspannt im Plaisirmodus zu kletternden Meter sind eher in der Minderzahl, aber es gibt einige wenige...
Zum Zeitpunkt unserer Begehung steckte noch das alte Hakenmaterial. Im unteren Teil waren das Kronenbohrhaken, die wie dieser häufig etwas von der Wand abstanden. Ab dem Dach handelte es sich um ältere Einschlaganker. Das ist jedoch alles passé, kurze Zeit nach unserer Begehung hat Dani die Route in Absprache mit Beat Kammerlander die Route saniert, d.h. die alten Bohrhaken 1:1 mit Inoxmaterial ausgetauscht. Normalhaken und Fixkeile wurden auf Wunsch des Erstbegehers wie ursprünglich belassen.
L3, 20m, 8a+: Aus dem Stand raus wartet kurz eine feine Stelle (~6c), dann geht's aber im Prinzip easy bis unters Dach hinauf. Aus dem Untergriff im Dachwinkel klippt man den dritten und letzten Bolt dieser Seillänge knapp vor der Dachkante, dann geht's los mit der schweren Kletterei. Eigentlich ist's nur ein kurzer Boulder. Fussklemmer im Winkel, an zwei mässigen Griffen im Dach rauslangen zu einem Schlitz fürs erste Fingerglied oberhalb der Kante - das geht noch recht gut. Nun aber die Füsse kommen lassen, rechts im Nichts auf Gegendruck antreten und links hinauf auf eine kleine Leiste schnappen, die Schwerkraft zieht dabei heftig am Allerwertesten. Anstrengend die Füsse rauf übers Dach und dann im 7a-Gelände in einem 8m-Runout an den Stand.

Auf diesem Bild lässt sich die Dimension des Dachs (L3, 8a+) gut erkennen. Genau ab hier wird's schwierig...

Anspannung total beim Überqueren des Dachs... Griffgrösse und deren Qualität lassen sich wohl ziemlich gut erahnen.
Crimp as crimp can. Immer noch die Crux der Route (8a+) mit der Überquerung des Dachs. Bald wird's einfacher...
L4, 30m, 7a: Die vier Haken stecken schön in einer Linie, die einfachste Kletterei macht jedoch den einen oder anderen Bogen darum herum. Am schwersten dünkte es mich im Prinzip gleich aus dem Stand raus zum ersten Haken, danach geht's dann für die 7a-Bewertung ganz ordentlich, es handelt sich um senkrechte Kletterei an mit Tropflöchern garniertem Fels, schön! Achtung, vom letzten Bolt geht's dann nicht diagonal nach rechts hinauf zum Stand, sondern nach links, um schliesslich ein grasiges Band zu gewinnen. Für den Nachsteiger ist dann (ausser der Vorsteiger finde oben links eine Möglichkeit für eine zuverlässige, mobile Sicherung) nur der direkte Weg diagonal rechts hoch über die Platte möglich, ansonsten droht der ultimative Pendler. Die Platte wird immer ärmer an Struktur, am härtesten sind die letzten Moves zum Grasband hinauf (ca. 7b, diese Stelle befindet sich 6-7m über dem letzten BH und ist daher höchstens für ganz abgebrühte Vorsteiger eine Option).

Sehr schöne, senkrechte Tropfloch-Kletterei wartet in L4 (7a).
Unterwegs in der immer glatter werdenden Nachsteiger-Direktvariante (7b) im oberen Teil von L4 (7a).
L5, 30m, 7a+: Sehr einschüchternd sieht's vom Stand aus - erst eine noch nicht allzu schwierige Stufe, welche noch ohne Zwischensicherung bei unklarer Routenführung mit reichlicher Kratergefahr geklettert sein will. Weiter oben sind in weitem Abstand dann Bolts erkennbar. Wie ich mir habe sagen lassen, stecken diese genau an den richtigen Stellen und sichern die schwersten Moves dieser überhängenden Kletterei in der angedeuteten Verschneidung ab. Dazwischen muss man selber absichern, und auch mal einen gewagten Move im 6c/7a-Bereich deutlich über der letzten Sicherung tätigen, vor allem der letzte 5-7m lange Abstand zum Stand hin habe es nochmals in sich.

Um noch ein bisschen schwieriger zu klettern (...;-)) wählen wir die 7b-Ausstiegslänge der Schatila.
...und erreichen hiermit nach langem Kampf und von der Sonne ziemlich ausgedorrt das Grasband am Ende der Route.
In Bezug auf die letzte Seillänge schreibe ich hier Second-Hand-Infos, ohne die Länge selber begangen zu haben. Bei unserem Ausflug waren Kräfte und Psyche des Vorsteigers bereits etwas angekratzt und ich konnte/wollte definitiv nicht in die Bresche springen. Deshalb wechselten wir nach rechts zum gut erreichbaren Ausstieg der Schatila. Damit hatten wir ja sowieso noch ein Hühnchen zu rupfen. Damals, bei unserer Begehung jener Route, war genau auf dieser Höhe eine Passage total nass und schleimig gewesen, so dass wir nicht durchkamen. Der Zufall wollte es nun, dass wir die Kletterei in der Schatila exakt genau an jenem Ort fortführen konnten. Hmm, schon im trockenen Zustand war der Runout zum nächsten Bolt hinauf nicht ganz unbedenklich. Einfaches Gelände im Prinzip, nur halt etwas unschön, heikel und mit Potenzial für einen schmerzhaften Sturz. Nun denn, wir kletterten noch die sogar mit 7b bewertete Ausstiegslänge der Schatila, welche echt harte Plattenmoves in etwas glattem und einfach nicht ganz so schönem Fels bietet, ein zähes Testpiece! Dafür ist die Absicherung dort deutlich enger und nervenschonender gehalten wie in der New Age.

Um 17.00 Uhr hatten wir den Ausstieg erreicht. Waren wir bis und mit der Dachseillänge bei angenehmen Temperaturen im Schatten geklettert, schlauchten uns hingegen die letzten beiden Sequenzen in der Sonne. Es fühlte sich schon beinahe in Kalymnos an, wo man sich jeweils an den Strand verzieht, sobald man geröstet wird. Das war hier nicht möglich, und dementsprechend platt und verdorrt waren wir am Top. Die Mission war ebenfalls nicht ganz erfüllt: Dani hatte hier auf eine komplette RP-Begehung in einem Tag spekuliert. Während die erste Länge noch onsight gelang und die zweite im Second Go fiel, zeigte sich das Dach dann widerspenstig. Es dauerte schon eine geraume Weile, bis eine tragfähige Lösung ausgebouldert war - leider scheiterte der alles entscheidende Versuch dann knapp. Danach, in der Sonne, schienen weitere Versuche der Cruxlänge von vornhinein aussichtslos, so dass wir einfach noch bis zum Top klettern wollten. Zur Ergänzung: bei seinem zweiten Besuch in der Route fiel der Rotpunkt dann, in dessen Zuge wurde die Route auch mit soliden Inoxbolts saniert.

Fussabstieg zum Schweizertor. Turnschuhe sicherlich keine schlechte Idee, wir gingen's mit Kletterfinken, auch möglich.
So blieb für uns nur noch der Abstieg: ein Abseilen über die Route ist gut machbar, im unteren Teil geht's über Schatila (bevorzugt) oder Schweizerzoo dem Wandfuss entgegen. Wir hingegen bevorzugten den Fussabstieg. Über ein Grasband quert man nach links hinunter. Das Gelände wird immer steiler, sieht jedoch von oben schlimmer aus, als es ist. Mit etwas Kraxelei (ca. T5, II) gelangt man auch ohne Seilhilfe in ca. 10 Minuten zum Schweizertor - zumindest solange es nicht noch Schneereste oder zuvor stark geregnet hat und Restfeuchte die Sache heikel macht. Eine Alternative zum Abkraxeln besteht darin, der Kante der Wand entlangzugehen, bis es definitiv zu steil wird. Hier steckt (leider nur ein einziger, aber solider) Bolt, an welchem man 50m über die Steilstufe bis in einfaches Gelände abseilen kann. Das ist sicher auch im Frühjahr und bei Nässe gut durchführbar. Zuletzt geht's dann zurück über die Landesgrenze und auf dem Steig retour zum Einstieg.

Meine Getränkevorräte sind schon längst erschöpft, so dass ich mich an diesem heissen Sommertag total dehydriert und wie in der Sahara fühle. Vom Melkplatz rollen wir talwärts, schon das Aussteigen als Beifahrer um die Gatter zu öffnen fordert einen Effort. Linderung kommt schliesslich in Schiers, wo ich an der Tanke einen Getränkevorrat für fast eine ganze Familie bunkere. Es verschwindet jedoch alles in meiner Kehle. Abends und selbst am nächsten Morgen beim Aufstehen fühle ich mich platt - ja gar so richtig platt, wie schon länger nicht mehr. Abgemacht ist aber abgemacht, und so geht's am Tag darauf trotzdem mit der Familie in den Klettergarten. Mein Erwartungslevel ist tief, was mich aber mit den Erinnerungen an solche MSL-Erlebnisse nicht weiter stört. Doch es kommt schliesslich ganz anders, der Klettersport verblüfft wieder einmal mit einer unerwarteten Wendung. In meinem 8a-Projekt, wo ich über ein Dutzend Mal zuvor bei deutlich idealeren Voraussetzungen gescheitert bin, fällt doch tatsächlich der rote Punkt!

Weitere Kletterimpression aus der New Age (L3, 8a+).
Und das in was für einer denkwürdigen Begehung: schon beim ersten schweren Move bleiben meine Finger nur ganz knapp am Zielgriff hängen, bei jedem der folgenden 8 Cruxmoves bin ich knapp vor dem Sturz. Doch irgendwie gelingt es mir, anders als sonst, mich doch noch irgendwie zu stabilisieren und festzukrallen. Schliesslich habe ich den Griff in den Händen, von wo die Kletterei etwas einfacher wird und man den Durchstieg nicht mehr herschenken sollte. Aber das waren natürlich Planspiele, ausgedacht in ausgeruhtem Zustand, und nicht mit einem solch deftigen Pump wie aktuell. Das Problem beginnt schon damit, dass ich den nächsten Bolt gar nicht klippen kann, so viele Reserven um das Seil hochzuziehen habe ich nicht mehr. Doch obwohl ich sonst eher der Schisser bin, an diesem Punkt mit der einmaligen Chance auf den Durchstieg vor Augen, kann ich den mentalen Schalter umlegen. Somit lasse ich das Klippen sein, klettere im pumpigen Gelände weiter und kämpfe mich durch - ich bin vollkommen im Tunnel, es gibt nur noch den Weg nach vorne, den drohenden Abflug kann ich wie sonst nie ausblenden! Noch 2-3x bin ich kurz vor dem Abkippen, die Präzision der Bewegungen lässt logischerweise nach, aber auf dem allerletzten Blatt wird die Umlenkung geklippt und der Durchstieg ist Tatsache. Das setzt den Schlusspunkt auf ein geniales Weekend: MSL und Sportklettern vom Feinsten, es ist einfach beides eine tolle Sache und ein besseres Weekend kann man sich kaum wünschen!!! 

Facts

Schweizereck - New Age 8a+ (7b obl.) - 5 SL, 130m - Beat Kammerlander et al. 1989 - *****;xx(x)
Material: 1x60m-Seil, 8 Express, Camalots 0.3-1, evtl. Keile

Ein grosser Klassiker mit sehr schöner, eindrücklicher Kletterei durch den oberen Wandteil am Schweizereck. Obwohl eigentlich nur fünf kurze Seillängen warten, werden sich die meisten hier einen ganzen Tag beschäftigen, zumal auch noch der klassische Weg mit Einqueren zum Einstieg (ca. 3 SL, 4a), oder dann drei Seillängen über Schweizerzoo (7a/6a+/6b) oder Schatila (6c/7a/7b) erledigt sein müssen. Zusammen mit dem gloorreichen Nimbus reicht's für die Höchstnote von fünf Sternen, und tatsächlich reisen ja auch Leute aus der ganzen Welt an, um hier nach dem roten Punkt zu jagen. Die Hauptschwierigkeiten der Route beschränken sich auf eine etwa 5m lange, technisch-bouldrige 7c-Passage am Anfang von L2, sowie den kurzen Boulder (8a+) übers Dach von L3. Der Rest der Route spielt sich grossmehrheitlich im 7a-Bereich ab. Die Absicherung ist nicht ganz so wild, wie es nach meiner Wahrnehmung suggeriert wird. Die Schlüsselstellen sind alle gut und fair eingebohrt, nur muss man da und dort halt 6c/7a auch 3 Meter über dem Haken noch sauber klettern können. Sowas ist dann doch eher selten, bzw.. aussergewöhnlich und erfordert natürlich schon, dass man sowohl mental wie technisch einiges auf dem Kasten hat. Da und dort kann man mit mobilen Sicherungen noch etwas ergänzen, zu Beginn von L1 ist dies sogar zwingend notwendig. Seit der Sanierung im September 2016 stecken nun solide Inox-BH, das zuvor altersschwache Material wurde mit Segen & Haken vom Maestro Beat Kammerlander 1:1 ersetzt. Ich wage jetzt einmal zu behaupten, dass die Route ein relativ dankbares Rotpunkt-Ziel abgibt. Sie ist nicht allzu lang, die beiden schweren Sequenzen sind kurz und lassen zahlreiche Versuche pro Tag zu und der Rest (wenn man ihn einmal kennt) sollte auf diesem Niveau nicht mehr das grosse Problem darstellen. Die an sich leichteren Via Acacia oder Hannibal's Alptraum erfordern wohl bestimmt nicht weniger Einsatz für einen stilreinen Gesamtdurchstieg. Die Route ist bis um ca. 13.00 Uhr im Schatten - zuvor ist es ausser an sehr heissen Tagen oft kühl, windig und fröstelig. Andererseits ist's ausser an herbstlich kühlen Tagen eher zu warm, wenn man an der Sonne klettern muss.

Topo

Die Route ist natürlich in diversen Führerwerken enthalten, z.B. im Panico-Führer zum Rätikon, dem Extrem Ost oder dem 94er-Extrem aus dem Filidor-Verlag oder dem SAC-Kletterführer Graubünden. Alle diese zeigen die Linie sehr generalisiert, wo man genau langklettern muss, bleibt an ein paar entscheidenden Stellen komplett im Dunkeln, bzw. wird sogar falsch suggeriert. Ein Beispiel ist das Ende von L4 - hier interpretiert man die meisten Topos so, dass vom letzten Haken direkt zum Stand geklettert wird. Erst geht das, während das Gelände dann 4-5m über dem letzten Haken immer schwerer wird. Eine richtige Falle also... der Erstbegeher hat hier definitiv einen anderen (d.h. den linken) Weg gewählt und hätte rechts einen Bolt gesetzt, wenn er dort durchgeklettert wäre. Aus diesem Grund hat Dani nach der Begehung ein stimmiges Topo angefertigt, herzlichen Dank dafür! Hier geht's zum PDF-Download in voller Auflösung.

Stimmiges Topo zur New Age. Man klicke hier für einen PDF-Download in voller Auflösung.


Freitag, 26. August 2016

Titlis Nordwand - Duracell (7b)

Die Duracell ist eine brandneue Route aus dem Jahr 2016 am Piz dal Nas, dem steilsten Felszapfen in der ohnehin schon stark überhängenden Titlis Nordwand. Erst vor wenigen Tagen hatte das Erstbegehungsteam die letzten Haken gesetzt und die Linie befreit, welche nun ihrer ersten Wiederholung harrte. Angela war darauf aus, ihre Sammlung in dieser Wand wieder zu komplettieren, ich hatte mit dem Lochblick und der Süpervitamin auch schon beste Erfahrungen gemacht. Als man dann bei der Schnittmenge von Hitzetag, Trockenheit, Freizeit und geladenen Akkus ein "Check" machen konnte, musste man nicht mehr lange studieren, wohin es gehen sollte. Wobei, das mit den geladenen Akkus ist ja so eine Sache: zuvor hatte ich trainiert, dann 2 Tage pausiert, also sollte deren Zustand eigentlich voll sein. Doch hat mich die Ladestandsanzeige auch schon des Öfteren getäuscht, die ist irgendwie notorisch schwierig zu interpretieren. Wie es sich zeigen sollte, dieses Mal aber nicht: es gelang eine sturz- und hängerfreie Begehung :-)

Das Topo der Erstbegeher zur brandneuen Route Duracell in der Titlis Nordwand.
Los ging's um 7.10 Uhr bei der Fürenalp-Bahn. Auf dem mir bestens bekannten Weg zum Klettergarten Schlänggen musste ich meinem kleinen Sohn am Telefon noch klar machen, warum wir nicht gleichzeitig die Akku- und die strombetriebene Stichsäge brauchen, welche er im Baumarkt-Katalog entdeckt hatte. Das war nicht ganz einfach, da wir doch schliesslich auch eine Akku- und eine strombetriebene Bohrmaschine besitzen. Mit dem Erklären vom Unterschied zwischen Sportkletterei und Sportholzerei und weiteren interessanten Diskussionen mit meiner Seilpartnerin ging der Aufstieg wie im Flug vorbei. Bereits nach 1:20 Stunden und damit deutlich schneller als die letzten beiden Male waren wir am Punkt, wo der Aufstieg aufs Band beginnt. Etwa anachronistisch beginnen die meisten Routen in der Titlis Nordwand ja nicht am Wandfuss, sondern etwas unterhalb der Wandmitte und beschränken sich so auf die steile Kletterei. Zur Duracell muss dieses Band ganz nach links hinüber gequert werden. Teils Gehpassagen, teils abschüssigeres mit Fixseilen versichertes Gelände, immer jedoch exponiert und absturzgefährdet über dem Wandsockel. Etwa 15 Minuten später waren wir auf der bequemen Einstiegsterrasse angelangt, um 9.00 Uhr starteten wir mit der Kletterei.

Schon noch speziell, dass man einfach so zu Fuss mitten in eine der steilsten Felswände der Schweiz reinlaufen kann.
L1, 20m, 5b: Gemütlicher Auftakt in geneigtem Fels, der aber sehr interessant mit diversen Löchern gespickt und total lässig zu klettern ist. Die prima Absicherung mit 3 BH sorgt auch gleich für gutes Vertrauen in die Route und steigert die Vorfreude auf das was kommt...

Schluck... der Blick vom Einstieg nach oben. Die Route verläuft von hier ziemlich genau gerade hinauf. Auf dem Foto wirkt's leider nicht ganz so wie in der Realität, wo einem der Piz dal Nas wirklich beinahe auf den Kopf zu fallen droht.
L2, 35m, 6b+: ...und das ist eine Länge, welche in Bezug auf die Absicherung schon deutlich mehr "allegro" ist. Sieben Bolts, welche teils deutlich überstiegen werden wollen, säumen den Weg. Passt aber schon, zumindest solange es trocken ist. Wenn noch Feuchtigkeit drückt, so könnte einen die (anfällige, aber aktuell trockene) etwas staubige Passage unter dem Dach wohl herausfordern. Die Kletterei ist lässig. Steil bereits und griffig, dann eben die etwas staubige Platte, gefolgt von einem Dach und athletischer Henkelzieherei mit weiten Moves - nicht geschenkt für den Grad.

L1 bietet gemütliches Aufwärmen, in der hier abgebildeten L2 (6b+) will dann aber schon ein erstes Mal zugepackt werden...
L3, 45m, 6c: Nach einem Auftakt mit bereits etwas knifflig-steiler Wandkletterei, wo für einmal die idealen Henkel fehlen, geht's in einer überhängenden Verschneidung an griffigem, wasserzerfressenem Fels aufwärts. Es stecken 9 BH, gut abgesichert, aber man muss trotzdem marschieren dazwischen. Mich pumpt's doch schon bereits ein bisschen und ich frage mich insgeheim, wie es wohl um meine Akkus steht, und ob die bis zum Ende der Route reichen werden. Ja, tun sie - der Pump liegt wohl daran, dass diese Länge total bereits etwa 4m überhängt und für eine 6c nicht geschenkt ist. Klar, es ist jetzt nirgendwo mega schwierig, aber eben auch durchgehend streng und nie einfach.

...und in L3 (6c) kann man sich bereits den ersten Pump holen. Anhaltend und gerade die Schlusszüge haben es in sich.
L4, 35m, 6c: Im Topo steht zwar 7a+, aber meines Erachtens macht das wenig Sinn. Doch im Einzelnen: hier wartet betont senkrechte Wandkletterei, für einmal (zumindest abschnittsweise) eher kleingriffig. Der in der Mitte glatte Fels mit den Streifen und ein paar Crimps erinnert sogar sehr an Kalymnos-Wandklettereien wie die Path to Deliverance. Die 7a+ ergibt sich, wenn man beim vierten BH (der im grauen Streifen liegt, siehe Fotos) den linken gelben Streifen zur Fortbewegung nutzt. Nimmt man den rechten, so liegt die Schwierigkeit bei 6c. Nun ist's so, dass einen das Gelände automatisch nach rechts drängt, wenn man im Onsight dem einfachsten Weg folgt, links hinauf wäre unlogisch. Heisst aber nicht, dass ich kein Verständnis für die Angabe der Erstbegeher habe: so wie ich beim Abseilen inspizieren konnte, hat's eben links entgegen dem ersten Anschein doch ein paar Griffe und vor allem quert man oberhalb des besagten vierten Bolts eben wieder nach links zurück. Wenn man's also mal kennt, so ist die Wahl des linken Streifens (7a+ Variante) schon auch nachvollziehbar. Im Ausstieg dann noch eine knifflige Stelle an einer Verschneidung, dann hoch in die Höhle mit den vielen losen Steinen am Boden. Den rechten (Abseil)stand kann man auch auslassen und gleich noch nach links queren.

In L4 (6c), der rechte gelbe Streifen bildet die 6c-Variante, der linke die 7a+. Der Bolt steckt genau in der Mitte im Grauen.
L5, 25m, 7a+: Auch wenn's bereits etwas Effort gefordert hatte, die Ladestation in der Höhle war für uns noch nicht zwingend zu benutzen, also ging's gleich weiter. Augenscheinlich folgt hier nun der steilere und noch schwierigere Part. Los geht's gleich fulminant mit stark überhängender Kletterei an den für die Wand typischen, positiven Henkeln und Töffgriffen. Wobei eben an zwei Stellen zwingend ein Move an einem kleinen Griff zum nächsten Henkel erforderlich ist, was durchaus Saft fordert. Auch wenn's lässig zu beklettern ist, die Felsqualität in dieser Seillänge ist sicherlich nicht überragend. Die Features, welche man zum Klippen des ersten (vor allem) und vierten Hakens benützt, schienen mir auch etwas fragil und ausbruchsgefährdet... Mit etwas Herzklopfen habe ich sie trotzdem benützt (der Onsight war wichtiger...), natürlich haben sie gehalten. Nachdem man nach etwa 15m dann in etwas einfacheres Gelände entlassen wird, ist der Stand deutlich auf der rechten Seite zu suchen.

Von unten ist die Wand fotogener wie von oben. Angela folgt in L5 (7a+), welche zuletzt einfacher und etwas durchzogen ist.
L6, 25m, 7b: Es wird sogar noch etwas steiler, eine wirklich ganz lässige Seillänge mit total etwa 7m Überhang! Uns schienen die Einzelstellen in L5 etwas schwerer, hier ist's dafür etwas länger anhaltend und eventuell ein bisschen pumpiger. Wobei, eigentlich hat's hier wirklich durchgehend Henkel, Töffgriffe und grosse Suppenschüsseln, wirklich erstaunlich die Felsstruktur. Wer die Kraftreserven hat, kann hier den Onsight wirklich fast nicht vergeben. Am dritten Bolt vorbei erfordert eine Passage kurz etwas durchziehen und der fünfte will mit etwas Kühnheit über eine etwas intensivere Sequenz angeklettert sein. Wobei aber gesagt sei, dass die Absicherung hier (und in den anderen 7ner-Längen) tadellos, ja eigentlich +/- klettergartentauglich ist. Während die Bewertungen der Sechserlängen uns eher tough schienen, fanden wir hier im Vergleich dazu die Einstufungen schon auch passend, aber eher auf der wohlwollenden Seite.

Ausblick auf die Cruxlänge (7b), das Materialseil zeigt schön die Steilheit der Wand.
Die (etwas haltlose) Gegenperspektive. Yours truly im Nachstieg der 7b-Crux noch easy drauf...
L7, 30m, 6b: Locker, leicht und flüssig wechselte ich vom Flash-Nachstieg in der 7b auf den Vorstieg in dieser 6b. Doch der Fluss kam bald zum Stocken, will doch schon der erste BH nichttrivial angeklettert sein. Ob's an mir (fehlende Pause, dumm angestellt) liegt, oder doch einfach etwas schwerer wie angegeben ist?!? Schwer zu sagen, ich plädiere auf Zweiteres. Auch danach will jeder Move geplant und sauber ausgeführt sein. In diesem steilplattigen Abschnitt fehlen plötzlich die positiven Griffe, die bisherige Taktik von Anziehen und zum nächsten Henkel greifen funktioniert da definitiv nicht mehr, die Füsse wollen sauber gesetzt sein. Super schön und lässig aber! Am Schluss dann nicht nach rechts zum sichtbaren Stand der Route "Piz dal Nas", sondern links hinauf, wo sich die Haken etwas versteckt halten.

Auch das Finish von L7 (6b) bietet etwas alpines Gelände. Davor ist's aber sehr kompakt und für den Grad harte Währung.
L8, 25m, 7a+: Vom Standplatz aus ist die Länge schwer einzustufen und in Abschnitte zu unterteilen, sprich man weiss nicht so recht, wo's schwer wird. Schon die erste Wand in teils etwas schmierig-glattem Fels ist nicht so easy wie gedacht. Nach einem Rastpunkt wartet eine technische Zauberstelle an eher kleinen Strukturen nach rechts, gefolgt von einem kleinen Runout in eine Nische hoch (der vielleicht forderndste Abstand der Route mit ein paar kleingriffigen Moves 1-2m über dem Bolt - passt aber schon, gutes Sturzgelände). Zuletzt dann noch an Henkeln die stark überhängende Abschlusswand mit weitem Schlusszug, somit wäre das währschafte und abwechslungsreiche Menü dieser Seillänge gegessen.

Ausblick auf L8 (7a+) mit dem schmierig-glatten Beginn und der Zauberstelle, wo Angela gerade klettert.
L9, 25m, 6a: Die Ladestandsanzeige meldet mir, dass es mit ein paar weiteren Längen in Kragenweite der vier vorangegangenen dann bald einmal knapp mit dem Strom werden würde... in dieser Hinsicht ist sie wohl zuverlässig, aber das ist jetzt egal. Es wartet nämlich nur noch der Schlussabschnitt mit griffiger Kletterei an einem breiten Riss entlang im 6a-Bereich. Das sollte für diejenigen, die es hier hinauf geschafft haben, dann natürlich in fast jeder Lebenslage zu meistern sein. Der zweite Teil der Länge dann in etwas gschüderigem, geneigtem und einfachem Gelände, Steine hüten ist angesagt.

In L9 (6a) bin ich vorgestiegen, aber da war die Nachsteigerin im (einfachen) Schlussteil so schnell, dass es kein gutes Bild mehr gegeben hat. Daher hier nochmals eins aus L8 (7a+). Gerade unter dem Stand wartet noch eine athletische Stelle mit einem weiten Move, hat man diese Henkel in der Hand, kann dann definitiv nix mehr schiefgehen :-) 
Um 14.00 Uhr nach 5:00 Stunden Kletterei haben wir das Top erreicht und damit die erste Wiederholung der Route zustande gebracht. Notabene noch im besten aller Stile, was will man mehr?!? Wir wechseln die paar wenigen Metern hinüber auf den bequemen Platz auf der Nase, die Route endet etwas links davon und meidet so den extrem überhängenden Schlussabschnitt. Hier sind wir an der Sonne, doch das wohlbekannte Nordwand-Hochgefühl, wenn einem am Ausstieg die Sonne das erste Mal wieder ins Gesicht scheint, stellt sich nicht auf diese Art ein - es war nämlich beim Klettern stets sehr angenehm gewesen (T-Shirt beim Moven und Nachsichern, Faserpelz für die zweite Hälfte der Vorstiegs-Sicherungsarbeit) und hier wird es mit der Zeit beinahe schon zu heiss, heute wäre man in einer Südwand wohl gegrillt worden.

Einzigartig! Auf der Nase kann man sich an die Kante setzen und die Beine ins Leere baumeln lassen. Darunter kommen 400hm nichts als Luft. Somit also vermutlich einer der tubelisichersten Base-Exits der Schweiz (wenn man bei dieser Betätigung dieses Attribut verwenden kann). Da ziemlich abgelegen und nicht ganz einfach zu erreichen, trotzdem nicht allzu häufig gesprungen. Tja, von hier in 2 Minuten ins Tal hätte schon seinen Reiz - brauchten wir doch 2 Stunden.
Die Seilschaft in der Süpervitamin (7b), der Vorsteiger hat eben gerade mit der Cruxlänge begonnen.
Wir chillen und sehen einer Seilschaft zu, wo der Vorsteiger gerade in die uns beiden bestens bekannte 7b-Crux der Süpervitamin startet. Souverän meistert er den ersten Teil, der ruhige Kletterstil und das Fehlen von hektischen Bewegungen deuten auf grosse Reserven hin. Auch die Crux wird mit Entschlossenheit souverän gemeistert, was die Aussichten auf das Beobachten einer interessanten Flugeinlage doch ziemlich schmälert. Aber dann passiert's: just an jener Stelle, wo ich bei meiner Begehung den Abflug 3m über dem Haken (siehe Bericht) nur um Haaresbreite vermeiden konnte, geht's in die Tiefe. Wobei: damals, voll gepumpt mit Adrenalin, fightete ich an jener Stelle vermeintlich um mein Leben und hielt mich mit allem fest, was ich noch in und an mir hatte. Von hier aus der Distanz sieht's (obwohl für MSL-Verhältnisse ein respektabler Abgang ist) aber doch fast etwas unspektakulär aus. Aber das ist ja genau auch das Tolle am Klettern, dass der subjektive Thrill eben so viel höher ist wie die effektive Gefahr durch einen Sturz.

Habe nicht gewusst, dass Arcteryx auch Kugelschreiber macht - so kann man sich edel und teuer ins Wandbuch eintragen.
Biwakplatz der Erstbegeher in der grossen Höhle nach L4, aka Ladestation.
Nachdem die Show vorbei ist und bald eine Überdosis Sonne droht, machen wir uns ans Abseilen. Die Wand ist steil, etwas Pendeln und das Beherrschen des Handlings ist unerlässlich. Immerhin geht's aber eigentlich immer schön gerade hinunter. Auch wenn wohlbekannt ist, wie viel ich vom Einhängen von Exen beim Abseilen halte ("wenn's mit Pendeln geht, sicher nicht!") komme ich beim steilsten Abseiler in die Höhle hinein doch nicht darum herum 1x einzuklippen - auch so muss man noch tüchtig pendeln. Bald darauf sind wir retour am Einstieg. Es bleibt der Abstieg zurück übers Band. Vorsicht, in dieser Richtung ist's etwas heikler und Fehler liegen keine drin. Danach geht's zügig Richtung Tal. Wir kokettieren damit, im Schlänggen mit dem Motto "Witness the Fitness" noch eine 8a zu reissen, lassen dann aber trotzdem die Vernunft walten und laufen am fast verwaisten Garten vorbei. Noch vor 17.00 Uhr sind wir retour beim Auto und freuen uns auf ein kühles Getränk. Herzlichen Dank den Erstbegehern für die prima Route!

Byebye, bis zum nächsten Mal, ich komme sicher wieder. Die Linie der Duracell an der Nase schon sehr markant.
Facts

Titlis Nordwand - Duracell 7b (6c obl.) - 9 SL, 240m - Markus Wicky et al. 2016 - ****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 10 Express

Der neue "Normalweg" auf den Piz dal Nas - was von unten unnahbar und beinahe unmöglich erscheint, ist dank der henklig-positiven Felsstruktur in der Titlis Nordwand eben doch mit nicht allzu hohen Schwierigkeiten machbar. Die Route bietet lässige Kletterei, die über weite Strecken athletisch und griffig ist. Auflockerungen mit Verschneidungspassagen und technischer Wandkletterei an kleineren Griffen gibt's aber auch, somit ein sehr abwechslungsreiches Menü. Die Felsqualität ist meist gut und vor allem sehr kletterfreundlich, auf den Bändern liegen aber (wie überall in dieser Wand) viele lose Steine herum, welche nur darauf warten, den Weg in die Tiefe anzutreten. An ein paar Stellen schadet etwas Umsicht bei der Griffwahl nicht, und natürlich war das Gestein auch noch überhaupt nicht abgeklettert und somit stellenweise etwas staubig oder brösmelig (bei einer ersten Wiederholung aber nicht anders zu erwarten und auch kein Problem). Somit also sicherlich eine lohnende Unternehmung mit eindrücklicher Linie, rein von der Kletterei her hat mir die Süpervitamin (und vor allem deren hammergeniale Cruxlänge) noch einen Tick besser gefallen - doch ich vergleiche natürlich sehr Gutes mit noch Besserem. Die Bewertungen der Erstbegeher passen unseres Erachtens, einzig L7 könnte man vielleicht noch ein bisschen aufwerten. Gesagt sei, dass wir die 6er-Längen eher tough, die 7ner-Längen dafür eher gutmütig für den Grad fanden. Die Absicherung mit grösstenteils verzinkten (unten) bzw. teilweise rostfreien Fixé-BH (oben) ist tiptop ausgefallen. Die schweren, athletischen Stellen sind auf Niveau xxxx sportklettermässig eingebohrt, in den 6er-Längen muss man teils auch etwas steigen (xxx), daher vergebe ich insgesamt die tiefere Note mit drei Kreuzen - es gibt aber keine gefährlichen oder psychisch sehr anspruchsvollen Stellen. Keile/Friends könnte man auf ein paar einfacheren Abschnitten sicherlich noch unterbringen, wenn man wollte. Wir fanden's aber genau so wie die Erstbegeher nicht nötig. Das im Topo empfohlene Prusikset um nach einem Sturz wieder an die Wand zu kommen - kann mir kaum vorstellen, dass dies für den Vorsteiger notwendig ist, da die steilsten Stellen eng gebohrt sind. Vielleicht für einen sehr überforderten Nachsteiger, der wirklich an der dümmsten Stelle rausfällt, doch selbst da bin ich skeptisch, ob's nicht ohne geht.

Hier noch die kompletten Infos zum Einbohr- und Rotpunkt-Team.

Sonntag, 21. August 2016

Ruchstock - Speck-Kante (7a)

Ich könnte an dieser Stelle von unser idealen Planung berichten, d.h. wie wir es bei widrigen Verhältnissen trotzdem geschafft haben, eine trockene und lohnende Kletterroute zu finden. Das wäre aber dann ein bisschen gelogen. Mit dem Ruchstock ist es nämlich ein bisschen ein Kreuz. Schon lange haben wir die beiden Routen Black Mamba und Dream Team durch die Südwand auf dem Radar. Doch einmal wurde ich in der Nacht vor der Tour plötzlich krank, ein anderes Mal hielt uns die Arbeit kurzfristig von einer Begehung ab und ja dieses Mal, da wurde es auch wieder nichts. Immerhin, so knapp wie dieses Mal sind wir noch nie gescheitert.

Alles wie frisch gewaschen... auf Ristis, bei der Bergstation der Brunnibahn vor dem Aufbruch.
Die Wetterprognose lautet auf einen trocken-sonnig-warmen Tag, ein bisschen Niederschlag am Vortag sollte der Begehung nicht im Wege stehen. Doch spätabends, als wir unser Ziel bereits fixiert haben, geht über Engelberg noch ein heftiges Gewitter nieder und deponiert 45mm Regen, ein Drittel des durchschnittlichen Monatsniederschlags. So erstaunt es dann nicht, dass die sich Wände im ganzen Talkessel am nächsten Morgen schwarz vor Nässe präsentieren. Da wir vor Ort sind und nicht noch in der Weltgeschichte herumfahren wollen, um an den nächsten Orten dasselbe Bild zu sehen, machen wir uns trotzdem auf den Weg. Womöglich würde ja die starke Sonneneinstrahlung der Nässe rassig den Garaus machen. Bei dem rauen Hochgebirgskalk und der Wandkletterei, welche die Routen bieten, ist das ein durchaus realistisches Szenario.

Schön anzusehen, aber einfach nicht ganz ideal für die Felstrocknung, diese Quellwolken.
So gondeln wir mit der Bahn nach Ristis und laden auch das Mountain Bike mit ein. Das kostet nur 4 CHF extra, ist somit günstiger als die Retourfahrt und bildet den Joker für einen bequemen Weg ins Tal, falls man die letzte Fahrt abends verpassen würde. Von Ristis (1599m) radelt man bequem auf nicht allzu steil ansteigender Teerstrasse bis zum Rigidalstafel (1747m) bzw. bis zum Vogelloch wenig oberhalb. Dort steht das Schild "Ende der Bikestrecke", und man müsste dieses auch für rund 100hm bis zum Holzstein schieben oder schultern. Danach wäre der mit etwas Auf und Ab nahezu horizontal verlaufende Pfad bis zum Planggenstafel wieder gut fahrbar, für jene die genügend Saft in den Beinen haben mit wenigen Schiebepassagen sogar der ganze Aufstieg bis zur Rugghubelhütte. Vor allem der Downhill von daselbst würde dann allererste Güteklasse aufweisen. Das alles jedoch im Konjunktiv, denn nebst dem ersten Schild am Rigidalstafel trifft man danach auf drei weitere Schilder, welche das Biken im Jagdbanngebiet untersagen.

Die Südflanke des Ruchstock mit dem besten Wegverlauf hinauf zur Route (ca. T5).
In 1:20 Stunden ab Ristis waren wir in der Hütte, von da wären es noch ca. 20 Minuten an den Einstieg. Leider herrschte aber nicht eitel Sonnenschein, sondern es waberte reichlich Quellbewölkung herum, so dass sich die Situation an der Wand noch nicht zu unseren Gunsten verbessert hatte. Also gingen wir erst mal eins trinken und trafen auf eine weitere Seilschaft, welche auch den Ruchstock auf dem Radar hatte und auf Besserung wartete. Nach einer Weile (bei immer noch unveränderter Lage) beschlossen wir, doch wenigstens mal am Einstieg nachzusehen. Erst noch dem Pfad entlang, dann die Grashänge hinauf und zuletzt die etwas mühsame Querung der labilen Geröllhänge - nur um zu sehen, dass die Wand nicht nur schwarz vor Nässe war, sondern dass ganze Kaskaden über den Routenverlauf tropfen. Da war dann gleich klar, dass dies nicht von einer Stunde Sonne in einwandfreien Zustand kommen würde. Somit war eine gute Alternative gefragt...

Gefunden, irgendwo im nirgendwo. Schon erstaunlich, wie selbst eine ganz einfache Beschreibung ausreicht, um den Einstieg aufzufinden, sofern der Weg dorthin und auch die Route absolut logisch sind.
Unsere Sandwiches verspeisend entschieden wir, einmal rechtsrum im Schrofengelände aufs Band in Wandmitte zu kraxeln. Dort wollten wir entweder die Speck-Kante (5 SL, 7a) anpacken, welche sich an einem Turm rechts aussen befindet, oder dann notfalls einfach den oberen Wandteil einer der langen Südwandrouten klettern. Der Aufstieg ist nicht allzu schwierig (ca. T5), aber doch exponiert und ein Ausrutscher liegt nirgendwo drin. Zusammen mit dem nassen Gras und dem komplett durchweichten Boden war reichlich Aufmerksamkeit nötig. Der beste Weg ist übrigens absolut logisch, und in der Toposkizze von Erstbegeher Sämi Speck (siehe unten) auch nachvollziehbar eingezeichnet. Im Gelände findet man zudem hier und da einen verblassten, roten Pfeil, der einem die Routenwahl bestätigt. Was wir zu Gesicht bekamen, war immerhin erfreulich. Der freistehende Turm der Speck-Kante, ohne jede Vegetation, war augenscheinlich trocken und würde einen Versuch zulassen. Um 11.55 Uhr und damit nach 3:45 Stunden nach unserem Aufbruch in Ristis waren wir (natürlich mit vielen Pausen und Umwegen) startbereit.

L1, 40m, 6a+: Nach den ersten, noch etwas brüchig-einfachen Metern sehr schöne Kletterei in rauem, kompaktem Hochgebirgskalk. Das Gestein ist speziell geschichtet, es gibt viele grosse, runde Griffe und Aufleger, aber kaum positive Henkel. Beim Klettern gab der Fels (zumindest uns) immer ein bisschen das Gefühl, dass wir uns ungeschickt anstellen - liegt wohl daran, dass das raue und nicht allzu steile Gestein den Eindruck vermittelt, hier einfach hochtänzeln zu können. Wegen der anhaltenden Rundheit müssen die Moves aber sorgfältig geplant werden.

Blick vom Einstieg nach oben. Sieht vielversprechend aus, cooles Wolkenbild dazu!
L2, 30m, 6b: Nun geht's nur wenig rechts der Kante steiler aufwärts. Sehr schöne Kletterei an immer noch vorwiegend runden Strukturen, mit ab und zu einem (natürlich ebenfalls abgerundeten) Riss, der einen Seitgriff hergibt. An sich gut abgesichert, mit zwei längeren Runouts in einfacherem Gelände in der Mitte, welche den Rahmen von xxxx-Absicherung sprengen. Der Fels natürlich auch super rau, Speck ist wohl der Name des Erstbegehers, aber ganz und gänzlich nicht die Situation am Fels.

Schöne Kletterei in rauem Hochgebirgskalk mit vielen runden Strukturen (wäre ideal für eine Finger-Reha!): L2, 6b.
L3, 25m, 6a: Es wird noch besser, es kommt die bisher schönste Seillänge. Die Zone unter dem grossen Überhang weist allerbesten, wasserzerfressenen Fels auf. Nun hat's auch einige griffige Tropflöcher und Briefkastengriffe der allerersten Güte. Ein grosser Genuss, hier hochzusteigen.

Sehr schöne Kletterei in fantastischem Fels wartet in L3 (6a).
L4, 35m, 7a: Achtung, hier gibt's zwei Varianten. Direkt ob dem Stand hoch führt die "Direkte Speck-Kante" (7b, siehe Beschreibung unten). Die Route führt aber eigentlich erst in einem Quergang nach rechts, und dann die Wand hinauf. Erst geht's eng abgesichert und noch recht griffig in schönem Fels aufwärts. In der Mitte kommt dann die Crux: der Fels ist irre rau, aber nicht so wirklich griffig. Technisch zaubern in senkrechtem Fels heisst es da für ein paar Meter, vor allem ist die beste Passage ob den unendlich vielen, etwa ähnlich guten oder eben schlechten Griffmöglichkeiten kaum zu erkennen. Pokern heisst es da, meine Variante geht jedenfalls in einem Onsight auf. Trotz der sehr guten Absicherung hatte ich den Eindruck, dass die schwersten Moves recht zwingend sind - aber vielleicht täuscht's auch, und man würde bei Verwendung einer Trittschlinge doch mit 6b A0 durchkommen. Zuletzt dann noch 10 einfachere Meter in plattiger Verschneidungswand zum Stand.

Coole Kletterei und das Ambiente passt: L4, 7a.
L5, 25m, 6b: Nun geht's noch auf den steilen Turm hinauf. Das Gestein sieht etwas nach Klausen-Klötzlifels aus. Allerdings entpuppt es sich als solide und ist auch cool zu beklettern. Eher etwas technisch und fein im ersten Teil, grossgriffiger und leicht überhängend dann zum Abschluss, wirklich lässig.

Klötzlifels in solider Ausprägung, hinauf auf den steilen Turm: L5, 6b.
Etwas vor 14.00 Uhr sind wir nach 2:00 Stunden Kletterei beim Ausstiegsstand. Wir steigen noch die wenigen Meter zum von uns Spitz Speck (oder auf Schweizerdeutsch eben "Schpitz Schpäck") genannten Gipfel auf. Leider gibt's weder ein Routen- noch ein Gipfelbuch, aber wir vermuten, dass hierhin noch nicht viele Begeher ihren Fuss gesetzt haben. In allen anderen Routen von Sämi, die zur selben Zeit erstbegangen wurden, hatte ich mir in den letzten Jahren eine Wiederholung bei noch einstelliger Besucherzahl buchen können. Somit dürfte hier, bei dieser eher kurzen Route mit sehr langem Zustieg bei ähnlichem Charakter und Schwierigkeit, eher noch weniger bzw. eben gar nicht geklettert worden sein. Wir halten uns eine Weile auf, bauen einen Steinmann und geniessen den Ausblick ins wilde, hintere Rugghubelgebiet. Landschaftlich ist's wirklich schön hier oben, das kriegt man definitiv etwas für den weiten Zustieg entschädigt. 

Oben auf dem Spitz Speck, wie viele waren vorher schon da?!?
Mein Plan ist es, der 7b-Länge an der direkten Kante noch einen Versuch zu geben. Wir seilen also 2x25m ab und stehen wieder am Stand nach L3. Meine Erwartungen und Hoffnungen werden erfüllt, ich kann auch diese Seillänge gleich im ersten Go punkten. Nachdem man direkt darüber abseilt habe ich gleich die Exen platziert und die Augen hatte ich natürlich auch nicht verbunden. Je nach persönlicher Ethik also ein Rotpunkt, Flash oder Onsight ;-) Eigentlich ja egal wie es heisst, das Ziel war hier einfach grad durchzusteigen, und das ist gelungen. So richtig schwer ist eigentlich nur eine kurze Passage, welche ein paar originelle kleine Schlitze und Löcher bei mässigem Trittangebot bietet und kurz entschlossenes Durchziehen verlangt. Der Rest der Seillänge bietet Genusskletterei im 6bc-Bereich in prima rauem Gestein. Wer möchte, kann übrigens (obwohl es im Topo nicht so aussieht) auch vom Stand dieser Variante danach noch L5 klettern.

Jonas folgt in der schönen 7b-Länge der direkten Kante, welche wir uns zum Dessert noch gegönnt haben.
Wir seilen danach zum Einstieg ab und wechseln das Schuhwerk. Sonne sei Dank haben die im Aufstieg komplett durchnässten Socken und Schuhe wieder eine akzeptable Trockenheit erreicht und auch im Gelände ist's nicht mehr so arg nass. Im unteren Wandteil von Black Mamba und Dream Team hat sich die Lage auch gebessert. Es verbleiben aber immer noch ein paar Wasserstreifen, also heute wäre da definitiv nicht zu holen gewesen. So steigen wir an vielen hüttenwandernden Personen (v.a. Familien) vorbei zu unseren Bikes ab, bevor der rasante Downhill nach Engelberg erfolgt. Das Fazit am Schluss ist glasklar: a) die Bike-Abfahrt fägt, das nächste Mal nehmen wir das Bergrad sicher wieder mit und b) auch wenn uns die langen Routen am Ruchstock erneut entgingen, die Speck-Kante war ein ganz nettes Tüürli. Klar, das Verhältnis von Zustieg zu Routenlänge ist leicht suboptimal. Das kümmert uns aber nicht weiter, den Wetterkapriolen zum Trotz gab's doch noch ein ganz gmögiges Tägli mit wirklich lohnender und zudem auch sportlich erfolgreicher Kletterei - a good day out in the mountains!

Facts

Ruchstock - Speck-Kante 7a (6b obl.) - 5 SL, 150m - Sämi Speck 2006 - ***;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 10 Express, Keile/Friends nicht nötig

Nette Route an einem einsamen, abgelegenen Turm in der oberen Ruchstock-Südflanke, welche wohl kaum Begeher sieht. Das liegt am langen Zustieg, welcher von Ristis auch bei zügigem Gehen rund 2.5 Stunden in Anspruch nimmt. Das schmälert die Attraktivität der Route, weshalb als Gesamtunternehmung nur ** angebracht sind. Es sei denn, man wandere gerne, sei gerade in einer Phase mit Konditionstraining oder sonstwie motiviert, diesen Ort aufzusuchen. Die Kletterei allerdings ist wirklich lohnend, der raue Hochgebirgskalk von guter Qualität und wie unsere Erfahrung zeigt, auch sehr schnell trocken. Bei der Absicherung hat sich Sämi Speck nicht lumpen lassen. Die BH stecken regelmässig und in freundlichen Abständen, nur im einfacheren Gelände muss man einmal ein paar Meter weiterklettern, Keile/Friends sind nicht nötig. Weil es in der Einstiegslänge sowie in L4 jeweils zwei Varianten gibt, können Motivierte noch zwei Zusatzlängen klettern. Besonders die 7b-Variante an der direkten Kante ist wirklich prima. Weil auf den Bändern reichlich Schutt herumliegt und ein Abseilen ohne Steine in die Tiefe zu schicken kaum möglich ist, verträgt es in dieser Route nur eine Seilschaft aufs Mal. Das dürfte jedoch aufgrund der tiefen Begehungsfrequenz kaum ein Hindernis darstellen, und eine Eigengefährdung ist nicht vorhanden.

Topo

Das Topo vom Erstbegeher Sämi Speck passt hervorragend, da braucht's nichts anderes. Danke Sämi!