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Freitag, 24. Oktober 2025

Rätikon / Schweizereck - Parabol (7c+)

Ein Bericht von der Recherchearbeit für den Rätikonführer: bei der hier beschriebenen Kletterei handelt es sich um eine der zahlreichen Routen im Gebiet, welche bis dato nie in gedruckter Literatur dokumentiert wurden, deshalb kaum bekannt sind und noch fast nie begangen wurden. Dies bescherte uns eine spannende Entdeckungsreise dieses Werks, welches von zwei Exponenten an die Wand gezaubert wurde, die sich in der Comp-Szene einen Namen gemacht haben. Eingebohrt schon anno 2001 von Urs Stöcker, fertiggestellt erst im 2018 von Dirk Uhlig, gepunktet von letzterem im August 2020.

Die Wand vom Schweizereck im Abendglühen. Start- und Endpunkt von Parabol sind markiert. Für den genauen Routenverlauf und auch ein schematisches Topo verweise ich auf die neue Ausgabe vom Rätikonführer im Panico-Alpinverlag, welche voraussichtlich auf die Saison 2026 erscheint. Ein bisschen ein schlechtes Gewissen habe ich ja schon, diese schönen Dokumente nicht gleich zu teilen. Andererseits lässt sich die Route mit den in diesem Beitrag vermittelten Infos problemlos begehen. Wir wussten bei unserem Go einzig die Bewertungen der Seillängen und den ungefähren Startpunkt, was noch viel weniger ist, als hier steht.

Angie weilte bereits oben im Rätikon, also fuhr ich mit meinem Bike auf's Grüscher Älpli (wohlgemerkt nicht von daheim) und wir liefen hinauf zum Einstieg. Man kann sowohl links wie rechts vom Pardutzkessel durch, es kommt wohl beides in etwa auf dasselbe raus. Zuletzt gilt es dann eine grössere Graszone über einem Felsriegel zu erreichen, schrofige Kraxelei (T4+) bringt einen da rauf. Der Einstieg ist mit etwas Spürsinn gut zu lokalisieren und durch einen Stand markiert, welcher mit 2 korrodierten, verzinkten BH ausgerüstet ist, deren Laschen mit kleiner Öffnung nur 1 Karabiner aufnehmen. Um ca. 10.15 Uhr starteten wir mit der Kletterei, noch tief im Schatten des Berges, was an diesem sehr milden Spätsommertag jedoch kein Problem war.

Ausblick auf L1 (6b), welche das komplette Trad-Gear erfordert.

L1, 50m, 6b (original 6a): Definitiv kein Bijou und vielleicht dass man diese Länge trotzdem in Erinnerung behält, ist sie so spärlich abgesichert. Wobei die ersten 5m schlabbrig-kompakten Fels aufweisen und mit einem BH abgesichert sind - das ist die Crux, nit mal so easy. Weiter geht's dann grasdurchsetzt in auch nicht immer bombensolidem Fels, fixe Absicherung gibt's keine. Es geht aber immer gerade so einigermassen mit Bewuchs, Felsqualität und Placements. Markant sind ein rissiger Überhang in der Mitte und eine nochmals plattigere Zone mit 2 BH am Ende.

Die Gegenperspektive, Nachstieg in L1 (6b).

L2, 45m, 6c: Es geht deutlich freundlicher weiter, so richtig hammermässig ist aber auch diese Länge nicht. Erst hinauf durch Verschneidungen, wo nebst 2 BH noch Cams zu legen sind. Steht man dann auf einem grasigen Pfeilerkopf, so geht's richtig los. Eine seitgriffbetonte Wandstufe will erklettert sein. Ganz ordentlich da, jedoch ist das Gestein etwas staubig und teilweise auch nicht frei von einer Prise Splittrigkeit.

Das sieht doch schon viel besser aus - und ist es tatsächlich auch: L2, 6c.

L3, 30m, 7c: Hier führt die Route durch einen von weither sichtbaren, markanten schwarzen Wasserstreifen. Manchmal findet man in solchen Zonen super strukturierten Henkelfels. Solchen hätten wir gerne angetroffen, es manifestierte sich leider nicht ganz so. Erst noch easy durch eine Art Verschneidung mit verkeilten Blöcken auf den Pfeilerkopf. Von diesem weg wartet eine Boulderstelle an Slopern in die steile Wand hinein, welche nach ca. 10 weiteren Metern mit der Crux aufwartet. Diese konnten wir nicht freiklettern: der Fels ist mit einer dicken Schicht von staubigem Belag überzogen, da müsste zuerst einmal richtig gebürstet werden. Doch ob dann ausreichend Griffe für eine machbare 7c zum Vorschein kämen?!? Ich bin mir da nicht so sicher. Nach diesem Abschnitt folgt ein sloprig-abschüssiges Finish über ein Dach hinweg. Diese Passage konnte ich entschlüsseln - es ist wieder etwas einfacher, dünkte mich aber immer noch im Bereich 7b+/7c.

Zähes Finish an abschüssigem Fels in L3 (7c).

L4, 30m, 6c+: Ich würde sagen, die zweitschönste Seillänge der Route. Sie bietet typisch steilplattiges Rätikongelände. Auf den ersten Metern quert man erstaunlich griffig nach rechts aus dem staubigen Wasserstreifen hinaus und erreicht so richtig raues, schönes Gestein. Ein paar abgefahrene Reibungsmoves warten, aber es löst sich alles gut auf. Im letzten Abschnitt erreicht man dann den die gesamte obere Routenhälfte prägenden Diagonalriss. Diesem entlang, nun schon wieder etwas grasig-alpin, zum Stand.

Mit Ausnahme der letzten paar Meter findet man in L3 (6c+) tolle, rätikontypische Plattenkletterei. 

L5, 50m, 6b: Einen solchen Abschnitt könnte man sehr gut in einer klassischen Führe aus der Pionierzeit einordnen. Man folgt alles dem Risssystem bzw. der Rampe. Erst durchquert man mittels Risskletterei nochmals den (bei unserer Begehung zum Glück trockenen) Wasserstreifen v.r.n.l., dann folgt ein Abschnitt, wo man in der Rinne stemmt, während man zuletzt an die linke Kante geht und noch steil bzw. überhangend um einen grossen Klemmblock herumkommen muss. Oberhalb von diesem befindet sich ein grosses Plateau mit bequemem Stand.

Eher klassisches Alpingelände mit Rissen und Kaminen in L4 (6b), die aber schön zu klettern ist.

L6, 15m, 7a: Molto particolaaare... Erst noch kurz einfach über die Rampe, um zu sehen, was da kommt. Nun, das Risssystem hat da eine Unterbrechung, sprich es gilt einen Abschnitt in Wandkletterei zu meistern. Zwei grosse Ausbuchtungen mit ca. 1m Durchmesser prägen diese Stelle. Es heisst Sloper patschen und sich dann gekonnt unter Nutzung der beiden Features durch die überhängende Wand mogeln. So kommt man wieder auf die Rampe und klettert ein paar Meter in etwas grasigem Terrain zum Stand.

Hepp und Patsch heisst es in der Crux von L6 (7a), zuletzt mit Ausstieg auf die Grasrampe.

L7, 30m, 7c+: Während die Rampe nach links weiter ginge und wohl im Bereich 6b-7a kletterbar wäre, orientiert sich die Route nach rechts in die kompakte Wand. So erlebt man hier noch die schönste Länge der Tour. Die leicht aufwärts führende Querung gleich zu Beginn bietet über die ersten 3-4 BH gleich die Crux. Sehr technische, bewegungsintensive Kletterei an kleinen Kratzern. Mit dem ersten Ausstieg auf ein Sloperplateau wird es dann etwas einfacher. Der obere Teil checkt noch bei ca. 7b/+ ein, wobei es der letzte Mantle auf die finale Platte nochmals in sich hat - tricky! Zum Abschluss wartet dann noch etwas toller Kaktusfels wie in der Saguaro, ein Genuss. Diese Länge konnte ich all free klettern. Ob einfacher als L3 vermag ich nicht wirklich zu sagen - viel, viel schöner jedoch, da gibt es keine Zweifel.

Schöne, aber harte und sehr technische Wandkletterei in L7 (7c+).

Um 16.30 Uhr hatten wir nach 6:15h der Kletterei das Top erreicht - wieder einmal ganz und gar keine Speedbegehung also. Aber wenn man an beiden Seilenden eine 7c/+ auschecken will, so dauert eine solche SL dann rasch mal 1:30-2:00h, somit ist der totale Zeitbedarf nicht verwunderlich. Die Bilanz bestand aus os/flash bis auf die beiden schwierigsten, wobei die letzte eben lösbar war, während bei der ultrastaubigen 7c etliche Fragezeichen verblieben. Ob ich zurückkommen werde, um diese aufzulösen?!? Auf die Schnelle wohl eher nicht.

Angie beim Mantle in L7 (7c+), welcher die letzte Abwurfstelle der Route präsentiert. Auf der finalen, sehr genussreichen Passage im 6c-Bereich wird man es sich dann sicher nicht mehr nehmen lassen.

Für uns hiess es, die Abseilfahrt anzutreten. Mit L7 waren wir wieder so weit nach rechts geklettert, dass sich der Stand nach L5 ob dem Klemmblock in ziemlich direkter Linie erreichen liess. Die nächste Strecke über die diagonal verlaufende L4 war dann eher etwas mühsam. Einmal geschafft, waren es noch 2 Manöver von Stand 3 nach 1 und von dort zum Boden. Wir liefen zurück zum Melkplatz, wo ich mich auf's Bike schwang und dem Tal und den dort auf mich wartenden Pflichten entgegen brauste. Angie hingegen blieb vor Ort, denn am übernächsten Tag wollten wir gleich nochmals ein unbekanntes Rätikon-Mysterium ergründen. Der entsprechende Bericht wird irgendwann zukünftig auch auf diesem Blog erscheinen.

Wunderbar wie immer das Panorama im Rätikon!

Facts

Rätikon / Schweizereck - Parabol 7c+ (6c+ obl.) - 7 SL, 250m - Stöcker/Uhlig 2001/2018 - **;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 10 Express, Camalots 0.2-2, evtl. Keile

Eine bisher kaum bekannte und begangene Route im rechten Teil vom Schweizereck, welche einen Mix zwischen harter Sportkletterei, schönen Rätikon-Steilplatten und einem nicht unwesentlichen Teil von alpin angehauchtem Trad-Gelände bietet. Stellenweise ist der Fels super, in den einfacheren Abschnitten jedoch auch teils grasig und/oder etwas lottrig. Da die Route im Bereich eines wasserführenden Streifens verläuft (und damit nur nach Trockenperioden ein sinnvolles Ziel darstellt), ist der Fels auch teilweise von einer Staubschicht überzogen. Die Absicherung ist über weite Strecken und insbesondere in den schwierigen Passagen sehr gut auf Niveau xxxx bis xxxxx. In L1 muss ein grosser Teil mobil abgesichert werden (in unschönem, aber einfachem Gelände), auch in L2, L5 und am Ende von L6 sind Cams zu platzieren. Ein Set von 0.2-2 war uns ausreichend, für L1 könnten allenfalls noch Keile hilfreich sein. Zu erwähnen ist auch noch, dass grösstenteils verzinktes Material steckt, welches teilweise schon deutliche Korrosion aufweist.

Hinweis: in der Route (von Beginn von L3 bis zum Ende von L6) hängen defekte Fixseile, welche keinen Nutzen mehr bringen und sowohl die Optik wie auch die Kletterei stören. Es wäre aus meiner Optik wünschenswert, dass diese Seile entfernt und entsorgt werden. Wir hatten leider kein Messer dabei und ohne ein solches sind die stark versprödeten Knoten unmöglich aufzukriegen.

Mittwoch, 29. September 2021

Rätikon - Lilith (7c+)

Ja die Lilith, diese mit 5 Sternen hoch dekorierte Route am Schweizereck, hatte ich natürlich schon lange auf dem Radar. Aber wie so oft hat es sich auch hier gelohnt, auf den richtigen Moment zu warten, bis der Wunsch in Erfüllung ging. Stimmen muss nämlich nicht nur die Form für diese anhaltend schwierige, steile Kletterei, sondern es gilt auch, die äusseren Bedingungen perfekt zu erwischen. In der WSW-Wand kommt die Sonne nämlich erst nach dem Mittag zu Vorschein, zudem pfeift hier nahe am Übergang des Schweizertors oft ein lästiger Wind. An manchen Tagen hat man die Wahl, entweder zuerst an der Kälte zu schlottern oder dann in der Sonne geröstet zu werden. Beides zusammen zu vermeiden ist gar nicht so einfach, doch an einem windstillen, traumhaften Septembertag ist uns dies fast perfekt gelungen. Von den zahlreichen Routen (1,2,3,4,5,6) die ich am Schweizereck bisher klettern konnte, fand ich die Lilith die beste - das will etwas heissen!

Die Wand am Schweizereck mit dem Verlauf der Lilith (9 SL, 7c+)

Nach schon vielen Besuchen in den vergangenen Jahren, zuletzt kurz davor für die Beendigung des Lanciamira-Projekts (Blog folgt) gibt's über den Weg nicht mehr viel Neues zu erzählen. Ausser, dass der Alpweg von Schuders zum Grüscher Älpli neu mit einer Taxe von 10 CHF/Tag belegt ist, welche am Ortseingang von Schuders per Twint- oder Parkingpay-App bezahlt werden muss. Hoffen wir, dass der Obulus dazu genutzt wird, um mittels Unterhalt die Piste immer vernünftig befahrbar zu halten. Der Parkplatz unterhalb der Kletterhütte war an diesem Tag verwaist, somit gab es keine Sorgen, das Automobil zu platzieren. Um ca. 9.40 Uhr liefen wir guter Dinge los. Auf dem üblichen Weg ging's unter die Kirchlispitzen und über den Klettersteig in ca. 45 Minuten zum Einstieg. Dieser befindet sich ca. 5m links vom Punkt, wo der kleine Pfad vom Klettersteig wieder auf den Wanderweg trifft. Angeschrieben sind die Routen nicht (mehr), es starten an dieser Stelle gleich drei Touren unmittelbar nebeneinander (Intifada, Lilith, Blue Veins). Die Lilith in der Mitte weist am Einstieg einen Mammut-Longlife-BH als Erkennungsmerkmal auf. Um ca. 10.45 Uhr stiegen wir schliesslich ein, noch tief im Schatten des Berges. Die Sonne bestreicht den Einstieg erst ab ca. 12.00 Uhr, die mittleren Seillängen der Route sogar erst eine halbe bis eine ganze Stunde später.

Ein Vorgeschmack auf das was folgt soll nicht fehlen!

L1, 40m, 6c: Tja, über die allesamt nicht leichtverdaulichen Auftaktseillängen der Schweizereck-Routen hatte ich ja schon hin und wieder lamentiert... Auch wenn's im Topo der Lilith mit einer 6c nach einem im Vergleich zum Restprogramm gemächlichen Länge aussieht, so stimmt das nicht ganz mit unserer Realität überein. Schlabbrig-glatt und knapp strukturiert kommt auch hier der Fels daher, noch ohne das Mojo in der Tasche und bei kühlen Temperaturen steigt man hier nicht wirklich entspannt. Auch wenn diese Länge in jeder Hinsicht zugänglicher ist wie jene der Intifada gleich nebenan: zum hoch steckenden zweiten Haken klettert man de fakto ein Stück freesolo auf bereits beunruhigender Höhe; ein dafür nahe am dritten steckender vierter Haken lässt eine erste Crux vermuten und bietet diese stehtechnisch, inkl. einem heiklen Klipp und einem Grasbüschel-Mantle als Exit. Die plattige Querung danach ist herausfordernd und schwierig zugleich, der abschliessende Runout über eine Grasrampe zwar relativ einfach, aber stürzen sollte man da besser nicht.

Nein, nicht das beste Foto... aber solche Verrenkungen sind in L1 (6c) tatsächlich nötig, um für Fortschritt im unangenehm abschüssig-glatten Fels zu sorgen. Der Exit übers Gras und nicht mehr ganz so soliden Fels 6-8m über der letzten Sicherung sorgt dann auch noch für Anspannung.

L2, 35m, 7a+: Links geht's weiter (die goldenen Bolts rechts gehören zur Route Blue Veins). Man überlistet die ersten 2 Haken, nimmt die sauberen Tropflochleisten zum nächsten, klettert griffig und eng gesichert ein kleines Dach und gelangt so zur Cruxzone. Athletisch-crimpy geht's zur Sache, ein wenig passen die Tritte nicht zu den Griffen (oder umgekehrt) und nachdem ich eine entscheidende Leiste erfolgreich ausblende klappt's leider nicht im Onsight. Im nächsten Anlauf passt's dann, nun muss noch der Rest zum Stand sitzen. Der wartet noch mit einer sloprigen Stelle auf, welche einiges an Entschlossenheit verlangt, gemessen an den restlichen Abständen dieser Länge könnte man sagen "da fehlt ein Bolt". Zuletzt dann gut abgesichert und gemässigt schwierig zum Stand, wo mich beim Nachsichern die ersten Sonnenstrahlen treffen.

Aaaah, Sonne! Angie folgt im etwas gemütlicheren Finish von L2 (7a+), während ich die erste, wohlige Wärme geniesse. Es war davor zwar nicht sonderlich kalt, aber auf diesen Moment freut man sich trotzdem. 

L3, 30m, 6c+: Eine richtige Genusslänge, nach unserem Gusto der zugänglichste Abschnitt der Route, den wir mühelos durchsteigen konnten! Die griffige Tropflochkletterei ist hervorragend, absolut vergleichbar mit dem, was man in den Längen 2, 4, 5, 8 auch trifft, einfach ohne eine richtig giftige Stelle wie in jenen Sequenzen. Auch hier ist die Absicherung ein wenig inhomogen - erst sehr eng, da wo es am schwierigsten ist aber doch wieder etwas weiter. Passt aber, das muss man in dieser Route einfach bieten. Danke Jack für den im Zuge einer Sanierung etwas nach oben verschobenen Stand, der hier einen bequemen Aufenthalt ermöglicht!

L3 (6c+) bietet super schöne Kletterei, nach unserem Gusto die am leichtesten verdauliche Seillänge der ganzen Tour (definitiv angenehmer wie L1!). Wie man sieht bewegen wir uns hier um 13.00 Uhr immer noch hart an der Licht/Schatten-Grenze. Die mittleren Seillängen erhalten erst etwas später Sonne wie der Einstieg.

L4, 30m, 7a+: Rechtsherum zu einer ersten, schwierig zu lesenden Sequenz in etwas schräg geschichtetem Fels, der kurzfristig nicht ganz der Top-Qualitätsklasse zuzuordnen ist. Nachher verläuft die Route im Bereich einer schwach ausgeprägten Kante - ob links, zentral oder rechts möge jeder Aspirant für sich entscheiden, die Haken jedenfalls wären ziemlich weit links aussen. Die Crux folgt schliesslich im letzten Drittel mit einer Sequenz, wo man mutig auf abschüssigem Gelände antreten muss und nachher an Tropflöchern durchzuziehen hat. Der Bolt steckt da nicht sonderlich konsumentenfreundlich (etwas abseits, schwierig zu klippen, die härtesten Moves sind Kopfsache). Doch inzwischen war mein Flow da, ich konnte die unangenehme Situation ausblenden und den Fokus aufs Weitersteigen legen. Mit ein paar richtig coolen Tropflochmoves erreichte ich den etwas nach oben in die bequeme Nische verlegten Stand im Onsight, mein erster Vorstiegsblock war damit abgeschlossen.

Zwischendurch muss man schon ein wenig 'auspacken', hier in L4 (7a+), zudem auch die Felsstruktur klar erkennbar!

Mein erster Vorstiegs-Block war mit L4 (7a+) beendet, Zeit für eine kleine Pause. Ich meine, dass Schoggimuffin-Power deutlich besser über die anstregenden, oberen Längen hilft wie Carrot-Power - in diesem Sinne vielen herzlichen Dank fürs Backen Larina und Noemi, hat suuuper geschmeckt! 

L5, 30m, 7a+: Auf dieser Länge beschreibt die Route ein grosses 'S' und bietet hervorragende, ziemlich homogene Kletterei an Tropflöchern. Während sich auch hier eine Cruxsequenz identifizieren lässt, so empfanden wir dies als die 7a+ Länge mit den anhaltendsten Schwierigkeiten. Inzwischen gut aufgewärmt ging mir dieser Abschnitt ziemlich leicht von der Hand - wobei man im Nachstieg halt immer noch ein wenig frecher und kraftsparender klettern kann, selbst bei so guter Absicherung wie hier.

Nicht nur die Ästhetik passt, auch die Kletterei ist genial gut in L5 (7a+)!

L6, 20m, 7b: Hier hat die Kletterei einen anderen Charakter wie davor, so viel ist bereits vom Standplatz aus klar. Denn die initiale Balance-Traverse über die blau-grau versinterte Wand bietet eher wenig Struktur. Während für die Füsse ein paar vernünftige, aber (zu) weit auseinander liegende Tritte erkennbar sind, fehlen umso mehr die Möglichkeiten für die Hände, die es hier trotz leicht liegendem Charakter zwingend braucht. Am Abschmier-Limit ging's mir schliesslich grad auf, aber ob ich es bei einem nächstem Mal wiederholen könnte, ist unsicher... Nach dieser Stelle kann man sich kurz etwas sammeln, danach musste ich mich dann aber nochmals zünftig anstrengen, in einem seichten Winkel sehr kleine Griffe bedienen und mich geschickt reinstemmen, bevor der bequeme Stand erreicht wird.

Die heikle, sehr technische Querung am Anfang von L6 (7b).

L7, 20m, 7b+: Was für eine absolut geniale Seillänge, vielleicht die allerbeste einer erstklassigen Route! Gerade der Start könnte aber gerne nass sein, bei unserer Begehung hörte der Wasserstreifen jedoch 10m oberhalb auf und schickte nur vereinzelt einmal ein paar Tropfen herunter. Geklettert wird entlang von einer (mehr oder weniger) henkligen Fuge, die sich diagonal nach rechts oben zieht. Das Trittangebot ist nicht immer üppig, d.h. es ist so richtig athletisch und man wird je nach vorhandenen Körnern und Fitnessstand durchaus schon gut gegrillt. Die Klimax dann dort, wo man vom Ende der Fuge gerade hinauf muss - die Griffe sind "gut", es hat kleine, positive Leisten. Doch man muss hier schon echt aufs Gaspedal drücken! Leider, leider habe ich hier im Notstrom-Modus und leicht benebelt von all den Botenstoffen an der Blut-Hirn-Schranke die entscheidende, kleine Trittmöglichkeit nicht wahrgenommen, welche wohl den Unterschied zwischen Durchstieg und einem Absitzer ins Seil gemacht hätte. Diese Länge wurde ursprünglich als 7c gehandelt, aber 7b+ passt wohl tatsächlich besser.

Erst henklig, dann den Turbo zünden - L7 (7b+) ist eine absolut geniale Länge!

L8, 30m, 7a+: Zurück ans Ruder für meinen zweiten Vorstiegsblock hiess es hier - also erst mal den Pump von der Länge davor vergessen machen! Auch hier geht's auf einem etwas verschlungenen Pfad durch die attraktive und weiterhin steile Wand, welche sich aber gegenüber L7 doch massiv zurückgelegt hat. So löst sich auch alles, erst rechts, dann links und wieder rechts, vorerst einmal ziemlich gut auf. Das Problem ist mehr, dass die Haken etwas kreuz und quer seilzugträchtig stecken. Das wird in der Crux zum Faktor, denn auch da steckt der Haken alles andere als optimal und bietet das Potenzial für zwar nicht sehr weite, aber unangenehme Stürze bei der bouldrigen Stelle, wo es wieder einmal schwierig ist, den nötigen Druck von mässigen Griffen auf fast inexistente Tritte zu bringen. Das Finish bietet dann nochmals eine Linksecke mit echt coolem Rettungsgriff, toll!

Geniale Wandkletterei in L8 (7a+). Und wie das Foto schon erahnen lässt, stecken nach meinem Gusto hier nicht alle Haken ganz auf der logischen Linie... nicht böse gemeint, so geht's halt manchmal aus, wenn man von unten bohrt und der weitere Verlauf nicht glasklar gegeben ist.

L9, 30m, 7c+: Nun wartet noch das Schlussbouquet, wohl dem, der seinen Extrastrom noch bis dahin konservieren konnte. Wobei, so viel sei an dieser Stelle verraten: sollte dies nicht der Fall sein, so wird es mit dem schieren Hochkommen vermutlich doch noch klappen. Die Länge ist freundlich gebohrt und wenig obligatorisch. Unter dem Strich sind es nur ca. 3m, welche hier richtig Bauchweh machen, nämlich die Passage gleich unter bzw. ins Dach oberhalb vom Stand. Im nahezu strukturlosen, senkrechten Gelände heisst es sich zu positionieren, um den offensichtlichen Henkel zu schnappen. Doch wie macht man einen langen Move nach oben-hinten-aussen, wenn man schon die  Ausgangsposition an der Abschmiergrenze kaum halten kann und alles nach unten zieht?!? Mir hat sich das nicht erschlossen und während ich sonst den ganzen Rest klettern konnte, fand ich da keine Lösung - allzu lange gesucht habe ich dann aber eben auch nicht. Oberhalb vom Dach geht's erst technisch fordernd weiter, der Fels hat hier wieder die typische Schweizereck-Tendenz, glatt und abschüssig zu werden - passt aber schon. Bald einmal trifft man dann auf den grossen Quergang der Intifada, wo man noch die klettertechnische Crux jener Länge klettert (laut dem Topo von Thomas Behm, ich habe nicht viel davon bemerkt), einen längeren Hakenabstand in einfachem Gelände überwindet (Cam im Grössenbereich 0.3-0.5 evtl. nützlich) und mit einem Ausstiegsmantle das Routenende erreicht.

Schau genau... 'free the heel' lautet da Angies Motto am Ende von L9 (7c+) ;-) Die Wahl der Schuhwerks ist übrigens gar nicht mal so einfach. Enge, präzise Schuhe sind grundsätzlich sehr hilfreich an den Cruxen, aber die Belastung auf die Füsse ist während den vielen Stunden an schwieriger Kletterei dafür entsprechend hoch. Meine bequemen Treter machten diesbezüglich weniger Sorgen, dafür mehr Schwierigkeiten an den oft kleinen Strukturen anzutreten (d.h. ich hätte mir hier und da härtere Schuhe gewünscht). 

Um 17.50 Uhr und somit nach rund 7:00 Stunden Kletterei hatten wir diesen erreicht. Sicher keine Speedbegehung - nein, wir hatten es sehr genossen und waren ja gekommen, um möglichst jeden Meter der Route sauber zu klettern. Dieses Ziel hatten wir zwar wegen der bockharten, technischen Passage in L9 nicht ganz vollständig erreicht, es tat dem Vergnügen und der Zufriedenheit aber keinen grossen Abbruch. Das war nun eine echt geniale, fordernde und homogen schöne, anhaltende Kletterei gewesen. Noch dazu waren die äusseren Bedingungen perfekt gewesen. Beim Start im Schatten war es zwar frisch, aber nicht unangenehm kalt gewesen, später an der Sonne dann einfach perfekt angenehm warm. Traumtag, Traumkletterei, was will man mehr?!?

Eigentlich ist's ja nur Beigemüse nach dem Hauptgang, aber im Prinzip ist das Abseilen über solch extrem steile Wände ja schon unglaublich spektakulär. Auch hier gibt's die Emotion, dass die Seilenden 50-60m weiter unten ins Leere baumeln und man pendelnd dafür sorgen muss, wieder an die Wand zu kommen. Sehr cool, nicht nur für die Fotos!

Nachdem wir für ein paar Minuten auf dem bequemen Grasband gechillt hatten, warfen wir die Seile aus. Das Abseilen vollzieht sich sehr speditiv, selbst mit 2x50m reicht's gerade knapp in 4 Manövern (9 -> 7 -> 4 -> 2 -> Boden), auch wenn man jeweils unter Nutzung der Dehnung bis ganz ans Ende abfahren muss. Alternativ entweder längere Seile mitbringen oder mehr Manöver durchführen, es sind ja alle Standplätze zum Abseilen eingerichtet. Es sei auch erwähnt, dass man in der steilen Wand teils reichlich pendeln muss, um die nächste Kette zu erreichen. Wir packten unsere Siebensachen und liefen bei wunderschönem Alpenglühen zurück zum Parkplatz - an diesem Traumtag waren wir die einzige Seilschaft im ganzen Bereich des Grüscher Älpli gewesen, was die Erfahrung umso spezieller machte.

Alpenglühen an der Drusenfluh, wunderschön!

Facts

Rätikon/Schweizereck - Lilith 7c+ (7a obl.) - 9 SL, 250m - Tischhauser/Wieser 1996 - *****;xxxx

Material: 2x50m-Seile (2x60m komfortabel zum Abseilen), 12 Express, Cams/Keile nicht nötig

Grandiose MSL-Sportkletterei in meist bestem Tropflochfels, welche die proklamierten 5* absolut verdient, trotz dem Wermutstropfen, dass sie nicht die ganze Wand bezwingt, sondern mittendrin aufhört. Mit Ausnahme der noch nicht so attraktiven, plattigen ersten Seillänge verläuft die Route durchgehend im senkrechten bis leicht überhängenden Steilgelände und bietet technisch anspruchsvolle Wandkletterei. Die Schwierigkeiten sind sehr anhaltend im 6c+/7a-Bereich, gewürzt mit ein paar meist eher kurzen, schwierigeren Einzelstellen (mehrmals 7a+, 7b, 7b+) und einem kleinen "Schönheitsfehler" in der letzten Seillänge, eine 3m lange, nahezu grifflose, ultratechnische Passage im Bereich 7c+. Die Absicherung ist meist sportklettermässig sehr gut (xxxx), wobei dies für die erste Länge nicht zutrifft (xx-xxx) und man auch sonst hin und wieder etwas erratisch auf einen längeren Abstand mit xxx-Charakter trifft. Auch die Angabe von 7a obligatorisch trifft wohl zu, wobei dies nicht harakirimässig 3m über dem letzten Haken im unsicheren Stehgelände zu bieten ist, sondern eher so in der Art von 1m diagonal versetzt vom Haken weg an Tropflochcrimps, sprich vergleichsweise (psychisch) angenehm. Mit Cams/Keilen kann und muss man wenig anfangen, einzig in der Schlusslänge gibt's einen 8-10m langen Abstand, den man gut verkürzen könnte, aber das ist höchstens 6a-Kletterei. Topos findet man z.B. im Extrem Ost (Filidor), Rätikon Süd (Panico) oder Kletterführer Graubünden (SAC), alternativ hier auch das originale PDF. Zuletzt: zum Zeitpunkt unserer Begehung waren die Standplätze sowie die letzte Seillänge saniert (1:1-Ersatz der Haken, durch Jack mit Material von Eastbolt, vielen Dank!), der Rest folgt dann möglicherweise noch!?!

Montag, 19. September 2016

Rätikon / Schweizereck - Schweizerzoo (7a)

Nach unserer Begehung der New Age lockte mich das Schweizereck schon bald wieder ins Rätikon. Dafür sprachen verschiedene Gründe: in erster Linie lag es mir daran, den Schweizerzoo endlich einmal zu komplettieren. Bereits 1999 war ich ein erstes Mal eingestiegen, wobei uns ein gewittriger Schauer in L5 stoppte. Dann war da natürlich kürzlich das Klettern von L1-L3 als Zustieg zur New Age womit ich die Route ein weiteres Mal angefangen, aber nicht komplettiert hatte. Somit lag es mir daran, hier endlich einmal bis zum Ausstieg zu klettern. Dass der angeknackste Fuss meines Kletterpartners sowieso keine weiten Zustiege und extralangen Routen zuliess, passte auch ins Konzept und als Zückerchen würde es obendrein noch einige interessante Sachen am Schweizereck zu beobachten geben...

Wandansicht mit Routenverlauf von Schweizerzoo (7a) am Schweizereck im Rätikon.
Während wir vor Wochenfrist alleine im Sektor waren, herrschte diese Mal schon beinahe Grossandrang. So wollten nicht nur Dani & Kojak die New Age sanieren und klettern, sondern es fand sich mit Babsi & Erik ein weiteres Team zur Jagd auf den roten Punkt ein. Mehr oder weniger gleichzeitig mit den letzteren beiden gingen wir am Parkplatz los. Nach einer halben Stunde hatten wir unseren Einstieg erreicht. Dieser ist nicht markiert und auch sonst ziemlich unauffällig, etwa 20m rechts der markanten Eisenleiter geht's los - man sehe sich vor, dass man nicht irrtümlicherweise in die haarsträubend abgesicherte Tschechenvariante links davon gerät. Wir hielten einen letzten Schwatz mit Babsi & Erik, die beiden wollten die Einquervariante zur New Age wählen. Oben am Berg ratterte hingegen bereits Danis Bohrmaschine und so stieg ich um 10.20 Uhr ein.

Sanierung der Route New Age (8a+) durch Dani & Kojak - herzlichen Dank für diese Arbeit!
L1, 40m, 7a: Ein fulminanter Auftakt mit anhaltender, technisch anspruchsvoller, senkrechter Kletterei. Es wartet viel Abwechslung, feine Stehprobleme, Unter- und Seitgriffe, kleine Tropflochcrimps, grosse Sloper, einfach von allem ein bisschen. Um hier stilrein durchzusteigen braucht es Geduld, Übersicht, die nötigen Bewegungsmuster und auch ein wenig Kraft. Im Internet und in einigen Kletterführern liest man, diese Länge sei nach Griffausbruch härter wie 7a. Ich konnte jedoch nicht erkennen, dass ein entscheidender Griff fehlt, es gibt auch keine Einzelstelle, welche deutlich schwieriger wie der Rest ist. Die Bewertung mit 7a ist global gesehen sicherlich hart, für Rätikon-Verhältnisse aber auch nicht völlig aus dem Rahmen. Andererseits fand ich persönlich eigentlich alle MSL-Routen im 7ab-Bereich, welche ich diesen Sommer geklettert hatte, eher einfacher. Wie auch immer, die RP-Begehung konnte ich mir sichern. Zur Absicherung ist noch zu sagen, dass diese hier grundsätzlich sehr eng gehalten ist (11 BH). Der erste Bolt steckt aber nicht gerade bodennah (Klemmkeil oder Microcam dienlich) und auf den letzten, etwas einfacheren Piaz-Ausstiegsmetern ist ein Runout fällig. Zudem ist am Ende der Rechtsquerung nach dem ersten Drittel eine wirklich zwingende Stelle nahe der Hauptschwierigkeiten zu finden. Der Abstand ist zwar nicht sehr weit dort, es droht aber ein unangenehmer Pendler und vor allem lässt sich der nächste Bolt auch nur notorisch schwer klippen - hier gab's wohl schon manchen Abflug, wie die böse verbogene Öse am Bolt darunter zeigt.

Yours truly ist gestartet zur Mission Rotpunktbegehung in L1 (7a). Bis zur  sichtbaren Stelle ist's zwar auch nicht völlig banal, aber ab hier geht's dann so richtig los mit der schweren Kletterei. Die Rechtsquerung, zu der ich ansetze, hat es in sich. Danach geht's mehr oder weniger dem schwach sichtbaren gelben Streifen oberhalb meiner rechten Hand entlang.
Ich bin schon gut aufgewärmt, nun hat Frieder das grosse Vergnügen in L1 (7a) - eine wirklich tolle, anhaltende Länge!
L2, 35m, 6a: Vom Stand weg sieht's formidabel aus und genauso klettern sich die ersten Meter auch. Bald folgt ein weiter Hakenabstand mit etwas unklarer Routenlinie (mehrere Optionen möglich, mittlere Cams dienlich). Danach wird das Gelände einfacher und etwas weniger schön, es geht diagonal nach rechts hoch (es steckt 1 weiterer Bolt, 1 grosser Cam ist hilfreich).

L2 (6a+) von Schweizerzoo ist nicht so fotogen, darum hier ein Seiteblick zu L1 (7a) von New Age.
L3, 40m, 6b: Auch hier wieder klettert man die ersten 20m sehr schön in einem kompakten Wandabschnitt mit grauem, strukturiertem Fels. Am Ende dieser Wand wartet dann eine ziemlich arschige Stelle, wo der Bolt erst nach dem schwersten Zug dieser Länge geklippt werden kann. Der Hakenabstand ist hier erneut nicht sonderlich weit, es ist aber halt einfach zwingend und das Potenzial für einen unangenehmen Sturz deutlich vorhanden. Danach geht's in der zweiten Hälfte dieser Seillänge mehr oder weniger geradeaus in schrofigem, einfachem Gelände. Der nächste Standplatz befindet sich am Fuss des markanten Turms. Babsi & Erik hatten inzwischen gerade mit der ersten Länge der New Age begonnen - das lässt vermuten, dass man mit der Einquervariante gegenüber dem Klettern der ersten 3 Schweizerzoo-Längen wohl nicht allzu viel Zeit spart.

Die Felsqualität überzeugt auch im ersten Abschnitt von L3 (6b) vollends. 
L4, 30m, 6b+: Zu Beginn versucht die Route (bzw. die Erstbegeher) einen mittels eng gesetzten Haken vom unschön-brüchigen, kaminartigen Riss links fernzuhalten, um stattdessen in der kompakten Wand rechts davon zu klettern. Das lohnt sich auch wirklich, wobei die linke Hand gerne die Kante des Kamins benützt. Somit passiert man hier ohne grössere Sorgen und bei sehr guter Absicherung. Der obere Teil dieser Seillänge ist dann etwas grasig und einfacher. In Summe eher einfacher wie L3, ja vielleicht sogar die gängigste Länge überhaupt.

Zu Beginn von L4 (6b+) stecken die Bolts rechts im kompakten Fels, doch der brüchige Riss links lockt mit besseren Griffen.
Wir haben einen Logenplatz, um dem Treiben in der New Age (L2, 7c) zuzusehen. Babsi gibt einen guten Onsight-Fight.
L5, 35m, 6c+: Ein ziemlich überraschendes Teilstück mit verblüffenden Windungen! Der erste Teil bietet vorwiegend Reibungskletterei in sehr kompaktem, reichlich glattem Fels. Die Absicherung ist gut, aber dennoch zwingend. Wer dem Gummi nicht vertraut, wird sich hier vermutlich schwertun. Danach folgt dann eine Querung nach links, wer die Halbseile nicht vorausschauend getrennt einhängt, bremst sich wohl bald durch üblen Seilzug aus. Doch damit ist noch nicht fertig: nun will nämlich der beinahe schluchtartig anmutende Kamin (in welchem der historische RS-Ausflug (6b) verläuft) gequert werden. Gefragt ist ein athletischer Boulder an der überhängenden Seitenwand, ein stehtechnisch heikler, weiter Zug an einen guten Henkel und der abschliessende Aufrichter, wobei die Hände die Grasbüschel benützen müssen - alles an sich gut gesichert, aber auf A0 kann man hier nicht zurückgreifen.

Zäher Auftakt in schwerer Reibungskletterei in glattem, strukturarmem Fels in L5 (6c+).
Blick nach oben aus der Mitte von L5 (6c+): Schluchtquerung (nicht sichtbar) und ein Boulder-Finish warten noch.
Der weite Move am Ende von L5 (6c+), je mehr man den Füssen auf der arschglatten Platte traut, desto besser geht's.
L6, 20m, 6c: Man wähnt sich schon beinahe am Ausstieg, blickt man nach links hinauf, so scheint die obere Begrenzungskante der Wand zum Greifen nah. Nichtsdestotrotz waren noch zwei so richtig anspruchsvolle Seillängen! Hier geht's noch einfach los, dann will ein erstes Dächli knifflig erbouldert werden, und der anschliessende Mantle erfordert auch etwas Einfallsreichtum. Hat mir sehr gut gefallen!

Die letzten zwei Längen von Schweizerzoo verlaufen durch die glatte Plattenzone, hier der Blick vom New Age Ausstieg.
Ein bisschen andere Perspektive, aber immer noch der Autor am kämpfen in L6 (6c).
Bouldrige Kletterei auf den glatten Steilplatten in L6 (6c), Bewegungstalent und Einfallsreichtum helfen.
L7, 20m, 7a: Das finale Testpiece, das wohl schon manchen Besucher perplex zurückgelassen hat. Bereits nach dem ersten Zwischenbolt folgt ein heftiger Boulder - gut gesichert, aber zwingend. Die beste Lösung für diese Traverse nach rechts ist nicht ganz offensichtlich, so wie ich es schliesslich geklettert habe, passt's meines Erachtens aber durchaus in den Rahmen von 7a. Nach 2-3m wird das Gelände einfacher (und der Fels etwas lottrig), es geht dann aber nochmals ca. 4-5m (gerade hinauf) zum nächsten Bolt. Die nun sehr nahe steckenden BH lassen vermuten, dass es nochmals zur Sache geht, und so ist es dann auch! Der glatte, griff- und trittarme Fels ist nicht einfach zu beklettern und direkt über die Haken ist's auch sicher deutlich schwerer wie 7a. Mit etwas freierer Interpretation der Linie (aber so, dass sich alle Haken gut klippen lassen) geht's aber durchaus. Natürlich, auch dies ist global gesehen eine harte und zudem sehr wenig offensichtliche 7a, im Vergleich zum Rest der Route und dem üblichen Massstab am Schweizereck aber schon +/- im Rahmen. Die letzten Meter haben es dann auch noch in sich: sie verlaufen gemeinsam in der überhängenden Verschneidung mit dem RS-Ausflug (V+ A2, frei 6b). Das mit dem A2 relativiert sich hier, da auf den letzten Metern keine NH mehr stecken - die 6b will demnach obligatorisch und etwas unangenehm 3-4m über dem letzten Bolt geklettert sein. Womöglich könnte man mobil sichern, doch die Cams hängen am Gurt des Nachsteigers - Augen zu und durch heisst die Devise.

Der erste Test in L7 (7a): zwingende Boulderstelle diagonal nach rechts hinauf über das Dächli - sehr abschüssig zum Treten und ausser ein paar mässigen Untergriffen gibt's für die Finger auch nicht allzu viel nutzbares. Nicht wirklich mein favorisierter Kletterstil, aber aussuchen kann man sich's nicht - man muss sich den Herausforderungen stellen, das ist doch auch das Schöne am Klettersport.
Das Finish von L7 (7a) wartet dann erst mit irre glatter Platte, wo man sich einen guten Plan entlang der wenigen verfügbaren Strukturen zurechtzimmern muss. Kurz vor dem Ausstieg wartet dann noch der cleane 6b-Riss vom RS-Ausflug im Vordergrund - nur nicht mehr abschütteln lassen!
Um 15.30 Uhr haben wir den Ausstieg erreicht. Gut 5 Stunden Kletterzeit für 7 eigentlich relativ kurze Seillängen zeigen: auch wenn noch diverse Pausen für das Spektakel in der New Age dabei waren, für einen sauberen Durchstieg muss man tüfteln und etwas Zeit einberechnen, jedenfalls auf meinem Niveau. Für den Weg zurück gibt's die Möglichkeit, über die Route abzuseilen. Der oberste Stand (1 BH, 3 NH) ist nicht so wirklich toll eingerichtet, diejenigen unterhalb dann aber prima). Mit 2x50m-Seilen kann aber nur ein einziger Stand übersprungen werden, 6 Manöver sind fällig. Ebenso gibt's die Möglichkeit von einem Fussabstieg hintenrum. Hierfür besser Turnschuhe mitnehmen, notfalls geht's auch mit Kletterfinken. Man steigt dabei die grimmig aussehende, geröllige Rinne hinab (ca. T5 II). Alternativ kann man vom Ausstieg auch der Abbruchkante der Wand folgen, und an einem (soliden) Einzelbolt einen 50m-Abseiler in weniger steiles Gelände ziehen.

Dort hinunter müssen wir wieder... Tiefblick zum Schweizertor vom Ende der Route Schweizerzoo.
In der New Age ist das Tageswerk hingegen noch nicht vollendet. Babsi in L4 (7a).
Für mich sind die Aufgaben noch nicht ganz erledigt. Ich muss noch zum Ausstieg der Kamala an der 7. Kirchlispitze hinauf, um endlich die Wandbuchdose wieder mit einem Deckel zu versehen und ein neues Buch zu legen. Bis die wassergefüllte Dose gereinigt und wieder einsatzbereit ist, und zudem alles gesichert, festgezurrt und beschrieben, vergeht doch seine Zeit. Während ich mich in den Rätikon-Spitzen herumtreibe, geniesst mein Kletterpartner bequem ein Nickerchen und lagert seinen angeschwollenen Fuss hoch. Das Wetter lädt ja förmlich dazu ein, und in der New Age gibt's erst noch gratis und franko faszinierenden Klettersport zu beobachten. Irgendwann haben wir's geschafft und rollen talwärts. Ich zähle darauf, dass das Aufwärmen am Schweizereck mir am Tag drauf wie nach der New Age wieder Schub in einem Sportkletterprojekt gibt. Mit 8b bewertet ist's dieses Mal (man kann's ja mal versuchen...), doch die Magie des Zauberstabs "Schweizereck" hilft leider nicht. Ausser von heftig wirkender Schwerkraft und blutigen Fingern gibt's dieses Mal nichts zu berichten.

Das Wandbuch der Kamala ist nun wieder einsatzbereit! Der Deckel bleibt von nun an hoffentlich vor Ort.
Facts

Schweizereck - Schweizerzoo 7a (6c obl.) - 7 SL, 220m - Adank/Bodenwinkler 1991 - ***;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Camalots 0.3-1 plus 1 kleinerer

Schöne, abwechslungsreiche und interessante Kletterei in meist gutem Fels. Typisch für diesen Sektor ist er oft relativ struktur- und im oberen Teil auch reibungsarm, somit wirkt er nicht überaus kletterfreundlich. Für die erste Cruxlänge sollte man einerseits in senkrechter Wandkletterei bewandt sein, während in den oberen schwierigen Sequenzen eher gutes Antreten auf glatter Reibung und Bewegungsgefühl gefragt sind. Die Bewertungen dieser Längen sind auf der harten Seite und haben schon manchen Aspiranten auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt - mit roher Kraft allein ist es hier definitiv nicht getan. Die Route ist mit vielen BH gut abgesichert. In den schweren Längen stecken diese teilweise sehr eng (Niveau xxxx bis xxxxx). Trotzdem gibt's auch dort die eine oder andere zwingende Passage nahe der Höchstschwierigkeiten, weil's halt einfach keine guten Griffe hat und die Erstbegeher keine Hand zum Bohren frei hatten. Die einfacheren Abschnitte sind etwas weiter gesichert, so dass ein Set Cams von 0.3-1 plus ein kleinerer sich durchaus mitzunehmen lohnen. Alles in allem ist's vermutlich doch die zugänglichste Route am Schweizereck.

Topo

Ein solches findet man in diversen Rätikon-Führern (Extrem Ost, Panico Rätikon Süd, SAC-Führer Graubünden, Versante Sud Arrampicare in Svizzera). Die einen sind etwas besser, die anderen etwas weniger genau, eine grosse Rolle spielen tut's nicht. Hat man den Einstieg einmal gefunden, kann man einfach den BH entlangklettern, Routenfindungsprobleme gibt's hier keine. Daher reicht auch die Skizze aus dem 94er-Schweiz-Extrem, die es auf alpinrouten.de gibt:

Topo vom Schweizereck. Quelle: alpinrouten.de

Montag, 5. September 2016

Rätikon / Schweizereck - New Age (8a+)

Die im Jahr 1988 von Beat Kammerlander und Gefährten eingerichtete und ein Jahr später schliesslich Rotpunkt gekletterte Route am Schweizereck gilt als grosser Klassiker und Meilenstein im Rätikon. Das liegt neben der kompromisslosen Linie vor allem daran, weil die freie Überquerung des grossen Daches in Wandmitte den zehnten Grad verlangt (UIAA 10-, bzw. eben F8a+). Dieser gilt auch heute noch als Massstab fürs Extreme, und so wollte sich auch mein Kletterpartner Dani der Herausforderung New Age stellen. Für mich als "Old Ager" (ich bin doch immerhin fast eine Generation älter als die Route) würden da zwar wohl nicht allzu viele Punkte zu holen sein, aber um einen Eindruck von diesem Meilenstein war ich natürlich höchst gespannt.

Das Schweizereck mit der von uns gekletterten Linie. Erst 3 Seillängen über Schweizerzoo, danach die New Age. Mit den orangefarbenen Punkten ist auch der alternative, bzw. originale Zustieg mit Einqueren von links her eingezeichnet.
Ein bisschen speziell an der New Age ist, dass sie erst in Wandmitte anfängt. Keine Ahnung, warum hier Beat Kammerlander seine Linie nicht am Wandfuss begonnen hat. Schliesslich herrschte zu der Zeit im unteren Teil noch komplett freie Bahn, und die ersten drei Seillängen der Schatila oder vom Schweizerzoo bieten jetzt durchaus lohnende und herausfordernde Kletterei, welche die Linie der New Age ideal komplettiert hätten. Klar, es warten dort keine eindrücklichen Dächer, sondern "nur" fordernde, technische Steilplattenklettereien - aber trotzdem. Auf mich wirkt die Linie der New Age auf diese Weise etwas kastriert, allerdings lässt sich der Start heute ja problemlos über eine der benachbarten Routen erreichen, somit gibt's eigentlich nicht viel zu motzen.

Im Zustieg zur New Age, das ist die anhaltende und geniale erste Länge von Schweizerzoo (7a).
Original gelangt man zum Einstieg der New Age jedoch, indem man von links her über exponierte Grasbänder quert. Es handelt sich zumeist um nicht allzu schwieriges Kraxelgelände, allerdings wartet auch eine Viererstelle und Seilsicherung ist angezeigt. Wie wir eine Woche später dann herausfinden konnten (story to follow...), ist man mit Einqueren auch nicht wesentlich schneller wie mit einem Einstieg von unten. Nun denn, wie in diversen Kletterführern empfohlen, wollten wir also die als "ideale Aufwärmlängen" beschriebenen drei Startsequenzen der Route Schweizerzoo (7a) klettern. Meine Aufgabe bestand darin, den Lead bis zum Einstieg der New Age zu übernehmen und den Sack zu haulen.

Dani folgt in L1 von Schweizerzoo (7a). Zähe, technische Kletterei in senkrechtem, knapp strukturiertem Fels. Super!
Wobei an dieser Stelle gesagt sei, dass man in meinem Fall bei diesen drei Seillängen im Schweizerzoo eher schon von einem Überhitzen denn von einem Aufwärmen sprechen musste. Besonders die erste Länge ist anhaltend und eine (geniale!) Pumpkröte erster Güte, da hatte ich schon Körner verschossen, welche weiter oben noch gut zu gebrauchen gewesen wären. Für Könner ist das vermutlich aber weniger akut - höchstens besteht die Gefahr der psychischen Verweichlichung, stecken doch in der New Age nachher deutlich weniger Bolts. Weil ich den Schweizerzoo wenige Zeit später komplett durchsteigen konnte (Beitrag folgt...), verzichte ich an dieser Stelle auf eine detaillierte Beschreibung der Einstiegslängen und fokussiere auf die New Age, mit welcher wir um 10.45 Uhr und somit 2 Stunden nach Aufbruch am Wandfuss starteten.

Unterwegs in L3 (6b) von Schweizerzoo, welche zuerst fantastische graue Platten mit einer etwas fiesen Crux bietet.
L1, 30m, 7a: Puh, am Fuss der irre glatten Platte, wo die Route beginnt, sieht man nur weit in der Ferne die Kabel von Fixkeilen aus einem Riss ragen, sonst ist kein fixes Equipment sichtbar. Es geht aber erst rechtsrum in noch einfachem Kraxelgelände. Dann beginnt die richtige Kletterei: erst sind Cams (0.3-0.5) zu legen, dann kommt ein Schlaghaken (bis hier 6b), gefolgt von dem mit dem Hammer in den Riss gedroschenen Fixkeilen (6c) und schliesslich geht's los: zwei Bolts stecken in relativ kurzem Abstand, hier warten technische 7a-Moves. Vor allem nach dem zweiten Bolt lässt's nicht gleich nach, erst zuletzt wird's griffig, bevor nach einem 10m-Runout der Stand kommt.

Die irre glatte Platte am Anfang von L1 (7a) in der New Age wird rechts umgangen. Super Ambiance!
Yours truly im Nachstieg in L1 (7a), den vorzüglichen Tropflochfels entgeht dem Blick des Kenners ganz bestimmt nicht.
L2, 15m, 7c: Der Stand ist reichlich unbequem, wohl dem, dessen Vorsteiger hier zügig durchsteigt. Das ist aber auf den ersten Metern alles andere als einfach. Bereits der erste BH ist so richtig zäh anzuklettern, sehr technisches Gelände praktisch ohne Tritte, es ist alles andere als einfach, den nötigen Gegendruck aufzubauen. Vom guten Klippgriff folgt dann gleich der nächste, technische Boulder zum zweiten Haken, unmittelbar nach diesem ist's in Bezug auf die Schwierigkeit gegessen. Nun sind es nur noch 10 einfachere Meter (ca. 6b) hinauf zum Stand, ein Cam lässt sich noch legen.

Die entspannt im Plaisirmodus zu kletternden Meter sind eher in der Minderzahl, aber es gibt einige wenige...
Zum Zeitpunkt unserer Begehung steckte noch das alte Hakenmaterial. Im unteren Teil waren das Kronenbohrhaken, die wie dieser häufig etwas von der Wand abstanden. Ab dem Dach handelte es sich um ältere Einschlaganker. Das ist jedoch alles passé, kurze Zeit nach unserer Begehung hat Dani die Route in Absprache mit Beat Kammerlander die Route saniert, d.h. die alten Bohrhaken 1:1 mit Inoxmaterial ausgetauscht. Normalhaken und Fixkeile wurden auf Wunsch des Erstbegehers wie ursprünglich belassen.
L3, 20m, 8a+: Aus dem Stand raus wartet kurz eine feine Stelle (~6c), dann geht's aber im Prinzip easy bis unters Dach hinauf. Aus dem Untergriff im Dachwinkel klippt man den dritten und letzten Bolt dieser Seillänge knapp vor der Dachkante, dann geht's los mit der schweren Kletterei. Eigentlich ist's nur ein kurzer Boulder. Fussklemmer im Winkel, an zwei mässigen Griffen im Dach rauslangen zu einem Schlitz fürs erste Fingerglied oberhalb der Kante - das geht noch recht gut. Nun aber die Füsse kommen lassen, rechts im Nichts auf Gegendruck antreten und links hinauf auf eine kleine Leiste schnappen, die Schwerkraft zieht dabei heftig am Allerwertesten. Anstrengend die Füsse rauf übers Dach und dann im 7a-Gelände in einem 8m-Runout an den Stand.

Auf diesem Bild lässt sich die Dimension des Dachs (L3, 8a+) gut erkennen. Genau ab hier wird's schwierig...

Anspannung total beim Überqueren des Dachs... Griffgrösse und deren Qualität lassen sich wohl ziemlich gut erahnen.
Crimp as crimp can. Immer noch die Crux der Route (8a+) mit der Überquerung des Dachs. Bald wird's einfacher...
L4, 30m, 7a: Die vier Haken stecken schön in einer Linie, die einfachste Kletterei macht jedoch den einen oder anderen Bogen darum herum. Am schwersten dünkte es mich im Prinzip gleich aus dem Stand raus zum ersten Haken, danach geht's dann für die 7a-Bewertung ganz ordentlich, es handelt sich um senkrechte Kletterei an mit Tropflöchern garniertem Fels, schön! Achtung, vom letzten Bolt geht's dann nicht diagonal nach rechts hinauf zum Stand, sondern nach links, um schliesslich ein grasiges Band zu gewinnen. Für den Nachsteiger ist dann (ausser der Vorsteiger finde oben links eine Möglichkeit für eine zuverlässige, mobile Sicherung) nur der direkte Weg diagonal rechts hoch über die Platte möglich, ansonsten droht der ultimative Pendler. Die Platte wird immer ärmer an Struktur, am härtesten sind die letzten Moves zum Grasband hinauf (ca. 7b, diese Stelle befindet sich 6-7m über dem letzten BH und ist daher höchstens für ganz abgebrühte Vorsteiger eine Option).

Sehr schöne, senkrechte Tropfloch-Kletterei wartet in L4 (7a).
Unterwegs in der immer glatter werdenden Nachsteiger-Direktvariante (7b) im oberen Teil von L4 (7a).
L5, 30m, 7a+: Sehr einschüchternd sieht's vom Stand aus - erst eine noch nicht allzu schwierige Stufe, welche noch ohne Zwischensicherung bei unklarer Routenführung mit reichlicher Kratergefahr geklettert sein will. Weiter oben sind in weitem Abstand dann Bolts erkennbar. Wie ich mir habe sagen lassen, stecken diese genau an den richtigen Stellen und sichern die schwersten Moves dieser überhängenden Kletterei in der angedeuteten Verschneidung ab. Dazwischen muss man selber absichern, und auch mal einen gewagten Move im 6c/7a-Bereich deutlich über der letzten Sicherung tätigen, vor allem der letzte 5-7m lange Abstand zum Stand hin habe es nochmals in sich.

Um noch ein bisschen schwieriger zu klettern (...;-)) wählen wir die 7b-Ausstiegslänge der Schatila.
...und erreichen hiermit nach langem Kampf und von der Sonne ziemlich ausgedorrt das Grasband am Ende der Route.
In Bezug auf die letzte Seillänge schreibe ich hier Second-Hand-Infos, ohne die Länge selber begangen zu haben. Bei unserem Ausflug waren Kräfte und Psyche des Vorsteigers bereits etwas angekratzt und ich konnte/wollte definitiv nicht in die Bresche springen. Deshalb wechselten wir nach rechts zum gut erreichbaren Ausstieg der Schatila. Damit hatten wir ja sowieso noch ein Hühnchen zu rupfen. Damals, bei unserer Begehung jener Route, war genau auf dieser Höhe eine Passage total nass und schleimig gewesen, so dass wir nicht durchkamen. Der Zufall wollte es nun, dass wir die Kletterei in der Schatila exakt genau an jenem Ort fortführen konnten. Hmm, schon im trockenen Zustand war der Runout zum nächsten Bolt hinauf nicht ganz unbedenklich. Einfaches Gelände im Prinzip, nur halt etwas unschön, heikel und mit Potenzial für einen schmerzhaften Sturz. Nun denn, wir kletterten noch die sogar mit 7b bewertete Ausstiegslänge der Schatila, welche echt harte Plattenmoves in etwas glattem und einfach nicht ganz so schönem Fels bietet, ein zähes Testpiece! Dafür ist die Absicherung dort deutlich enger und nervenschonender gehalten wie in der New Age.

Um 17.00 Uhr hatten wir den Ausstieg erreicht. Waren wir bis und mit der Dachseillänge bei angenehmen Temperaturen im Schatten geklettert, schlauchten uns hingegen die letzten beiden Sequenzen in der Sonne. Es fühlte sich schon beinahe in Kalymnos an, wo man sich jeweils an den Strand verzieht, sobald man geröstet wird. Das war hier nicht möglich, und dementsprechend platt und verdorrt waren wir am Top. Die Mission war ebenfalls nicht ganz erfüllt: Dani hatte hier auf eine komplette RP-Begehung in einem Tag spekuliert. Während die erste Länge noch onsight gelang und die zweite im Second Go fiel, zeigte sich das Dach dann widerspenstig. Es dauerte schon eine geraume Weile, bis eine tragfähige Lösung ausgebouldert war - leider scheiterte der alles entscheidende Versuch dann knapp. Danach, in der Sonne, schienen weitere Versuche der Cruxlänge von vornhinein aussichtslos, so dass wir einfach noch bis zum Top klettern wollten. Zur Ergänzung: bei seinem zweiten Besuch in der Route fiel der Rotpunkt dann, in dessen Zuge wurde die Route auch mit soliden Inoxbolts saniert.

Fussabstieg zum Schweizertor. Turnschuhe sicherlich keine schlechte Idee, wir gingen's mit Kletterfinken, auch möglich.
So blieb für uns nur noch der Abstieg: ein Abseilen über die Route ist gut machbar, im unteren Teil geht's über Schatila (bevorzugt) oder Schweizerzoo dem Wandfuss entgegen. Wir hingegen bevorzugten den Fussabstieg. Über ein Grasband quert man nach links hinunter. Das Gelände wird immer steiler, sieht jedoch von oben schlimmer aus, als es ist. Mit etwas Kraxelei (ca. T5, II) gelangt man auch ohne Seilhilfe in ca. 10 Minuten zum Schweizertor - zumindest solange es nicht noch Schneereste oder zuvor stark geregnet hat und Restfeuchte die Sache heikel macht. Eine Alternative zum Abkraxeln besteht darin, der Kante der Wand entlangzugehen, bis es definitiv zu steil wird. Hier steckt (leider nur ein einziger, aber solider) Bolt, an welchem man 50m über die Steilstufe bis in einfaches Gelände abseilen kann. Das ist sicher auch im Frühjahr und bei Nässe gut durchführbar. Zuletzt geht's dann zurück über die Landesgrenze und auf dem Steig retour zum Einstieg.

Meine Getränkevorräte sind schon längst erschöpft, so dass ich mich an diesem heissen Sommertag total dehydriert und wie in der Sahara fühle. Vom Melkplatz rollen wir talwärts, schon das Aussteigen als Beifahrer um die Gatter zu öffnen fordert einen Effort. Linderung kommt schliesslich in Schiers, wo ich an der Tanke einen Getränkevorrat für fast eine ganze Familie bunkere. Es verschwindet jedoch alles in meiner Kehle. Abends und selbst am nächsten Morgen beim Aufstehen fühle ich mich platt - ja gar so richtig platt, wie schon länger nicht mehr. Abgemacht ist aber abgemacht, und so geht's am Tag darauf trotzdem mit der Familie in den Klettergarten. Mein Erwartungslevel ist tief, was mich aber mit den Erinnerungen an solche MSL-Erlebnisse nicht weiter stört. Doch es kommt schliesslich ganz anders, der Klettersport verblüfft wieder einmal mit einer unerwarteten Wendung. In meinem 8a-Projekt, wo ich über ein Dutzend Mal zuvor bei deutlich idealeren Voraussetzungen gescheitert bin, fällt doch tatsächlich der rote Punkt!

Weitere Kletterimpression aus der New Age (L3, 8a+).
Und das in was für einer denkwürdigen Begehung: schon beim ersten schweren Move bleiben meine Finger nur ganz knapp am Zielgriff hängen, bei jedem der folgenden 8 Cruxmoves bin ich knapp vor dem Sturz. Doch irgendwie gelingt es mir, anders als sonst, mich doch noch irgendwie zu stabilisieren und festzukrallen. Schliesslich habe ich den Griff in den Händen, von wo die Kletterei etwas einfacher wird und man den Durchstieg nicht mehr herschenken sollte. Aber das waren natürlich Planspiele, ausgedacht in ausgeruhtem Zustand, und nicht mit einem solch deftigen Pump wie aktuell. Das Problem beginnt schon damit, dass ich den nächsten Bolt gar nicht klippen kann, so viele Reserven um das Seil hochzuziehen habe ich nicht mehr. Doch obwohl ich sonst eher der Schisser bin, an diesem Punkt mit der einmaligen Chance auf den Durchstieg vor Augen, kann ich den mentalen Schalter umlegen. Somit lasse ich das Klippen sein, klettere im pumpigen Gelände weiter und kämpfe mich durch - ich bin vollkommen im Tunnel, es gibt nur noch den Weg nach vorne, den drohenden Abflug kann ich wie sonst nie ausblenden! Noch 2-3x bin ich kurz vor dem Abkippen, die Präzision der Bewegungen lässt logischerweise nach, aber auf dem allerletzten Blatt wird die Umlenkung geklippt und der Durchstieg ist Tatsache. Das setzt den Schlusspunkt auf ein geniales Weekend: MSL und Sportklettern vom Feinsten, es ist einfach beides eine tolle Sache und ein besseres Weekend kann man sich kaum wünschen!!! 

Facts

Schweizereck - New Age 8a+ (7b obl.) - 5 SL, 130m - Beat Kammerlander et al. 1989 - *****;xx(x)
Material: 1x60m-Seil, 8 Express, Camalots 0.3-1, evtl. Keile

Ein grosser Klassiker mit sehr schöner, eindrücklicher Kletterei durch den oberen Wandteil am Schweizereck. Obwohl eigentlich nur fünf kurze Seillängen warten, werden sich die meisten hier einen ganzen Tag beschäftigen, zumal auch noch der klassische Weg mit Einqueren zum Einstieg (ca. 3 SL, 4a), oder dann drei Seillängen über Schweizerzoo (7a/6a+/6b) oder Schatila (6c/7a/7b) erledigt sein müssen. Zusammen mit dem gloorreichen Nimbus reicht's für die Höchstnote von fünf Sternen, und tatsächlich reisen ja auch Leute aus der ganzen Welt an, um hier nach dem roten Punkt zu jagen. Die Hauptschwierigkeiten der Route beschränken sich auf eine etwa 5m lange, technisch-bouldrige 7c-Passage am Anfang von L2, sowie den kurzen Boulder (8a+) übers Dach von L3. Der Rest der Route spielt sich grossmehrheitlich im 7a-Bereich ab. Die Absicherung ist nicht ganz so wild, wie es nach meiner Wahrnehmung suggeriert wird. Die Schlüsselstellen sind alle gut und fair eingebohrt, nur muss man da und dort halt 6c/7a auch 3 Meter über dem Haken noch sauber klettern können. Sowas ist dann doch eher selten, bzw.. aussergewöhnlich und erfordert natürlich schon, dass man sowohl mental wie technisch einiges auf dem Kasten hat. Da und dort kann man mit mobilen Sicherungen noch etwas ergänzen, zu Beginn von L1 ist dies sogar zwingend notwendig. Seit der Sanierung im September 2016 stecken nun solide Inox-BH, das zuvor altersschwache Material wurde mit Segen & Haken vom Maestro Beat Kammerlander 1:1 ersetzt. Ich wage jetzt einmal zu behaupten, dass die Route ein relativ dankbares Rotpunkt-Ziel abgibt. Sie ist nicht allzu lang, die beiden schweren Sequenzen sind kurz und lassen zahlreiche Versuche pro Tag zu und der Rest (wenn man ihn einmal kennt) sollte auf diesem Niveau nicht mehr das grosse Problem darstellen. Die an sich leichteren Via Acacia oder Hannibal's Alptraum erfordern wohl bestimmt nicht weniger Einsatz für einen stilreinen Gesamtdurchstieg. Die Route ist bis um ca. 13.00 Uhr im Schatten - zuvor ist es ausser an sehr heissen Tagen oft kühl, windig und fröstelig. Andererseits ist's ausser an herbstlich kühlen Tagen eher zu warm, wenn man an der Sonne klettern muss.

Topo

Die Route ist natürlich in diversen Führerwerken enthalten, z.B. im Panico-Führer zum Rätikon, dem Extrem Ost oder dem 94er-Extrem aus dem Filidor-Verlag oder dem SAC-Kletterführer Graubünden. Alle diese zeigen die Linie sehr generalisiert, wo man genau langklettern muss, bleibt an ein paar entscheidenden Stellen komplett im Dunkeln, bzw. wird sogar falsch suggeriert. Ein Beispiel ist das Ende von L4 - hier interpretiert man die meisten Topos so, dass vom letzten Haken direkt zum Stand geklettert wird. Erst geht das, während das Gelände dann 4-5m über dem letzten Haken immer schwerer wird. Eine richtige Falle also... der Erstbegeher hat hier definitiv einen anderen (d.h. den linken) Weg gewählt und hätte rechts einen Bolt gesetzt, wenn er dort durchgeklettert wäre. Aus diesem Grund hat Dani nach der Begehung ein stimmiges Topo angefertigt, herzlichen Dank dafür! Hier geht's zum PDF-Download in voller Auflösung.

Stimmiges Topo zur New Age. Man klicke hier für einen PDF-Download in voller Auflösung.