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Sonntag, 25. Dezember 2016

Graustock - Stei Route (AD+ WI3 M3)

Die Nordwand des Graustock thront über dem Trübsee im Engelberger Tal und weist mit einer Wandhöhe von 850m durchaus respektable Ausmasse auf. Egal von wo man sie anschaut, sie wirkt unnahbar und schwierig. Die Tatsache, dass es hier extreme Nordwandrouten von Jasper, Odermatt und Konsorten gibt, hat ihren Ruf noch weiter befeuert. Kaum zu glauben also, dass es durch diese Wand einen Weg von moderater Schwierigkeit gibt. Doch tatsächlich, die Stei Route nützt ein System von Bändern, welches durch eisige Stufen und einfache Mixed-Rampen miteinander verbunden ist.

Blick auf die Graustock Nordwand vom Trübsee im Skigebiet von Engelberg.
So wollte ich zusammen mit Sandro im extrem schneearmen Dezember 2016 eine weitere Nordwand anpacken. Gleich an dieser Stelle sei gesagt, dass die Verhältnisse für eine Begehung der Stei Route absolut einwandfrei stimmig sein müssen. Zu fürchten ist vor allem die Lawinengefahr: die Schneepassagen sind mit Steilheiten im Bereich von 35-50 Grad und dem steil abbrechenden Gelände darunter extrem ausgesetzt. Zum aktuellen Zeitpunkt war dies jedoch kein Thema. So konnte unsere Tour am Schalter der Titlisbahnen beginnen. Für 22.50 CHF (mit GA/Halbtax) erwirbt man ein Rundreiseticket nach Trübsee und retour ab Jochpass. Dies ermöglicht es, den spannenden Teil ohne allzu lange Fussmärsche zu erledigen. Insgesamt sind es von der Station Trübsee etwa 2km Horizontaldistanz, 200 Netto-Höhenmeter und eine knappe Stunde Gehzeit bis zum Wandfuss auf 1840m. Alternativ kann man diesen Punkt in knapp 2h Aufstieg über die verschneiten Skipisten auch direkt ab der Talstation in Engelberg erreichen.

Schöner Tiefblick ins Engelberger Tal vom Wandfuss. Der Graustock thront prominent über dem Talschluss und ist bei der Anfahrt von Stans nach Engelberg gut zu erkennen. Zumindest, wenn es nicht so viel Nebel wie an dem Tag hat...
Die Nah-Perspektive vom Wandfuss. Da baut sich schon ziemlich imposant etwas über einem auf! Die in der Führerliteratur beschriebenen Eisfälle (Nerven auf Eis, Horror Show, beide am linken Bildrand sichtbar) sowie die schwierigen Mixed-Routen weisen im Moment keine guten Verhältnisse auf. Es fehlt an Eis - dies nicht etwa,  weil es zu warm wäre, sondern weil es zu trocken ist.
Wir schirrten uns auf, denn der Einstieg in die erste Eiskletterei war bereits sichtbar. In 3 gestreckten 50m-Seillängen (WI2/WI2/WI3) bewältigt man diesen ersten Teil in genussvoller Pickelei. Beim Eis handelte es sich auf die finale Steilstufe meist um bestes Softeis. Als nächstes gilt es, ein rund 45 Grad steiles Schneefeld seilfrei nach links hinauf zu queren. Dessen oberes Ende wird durch eine kurze Stufe markiert, welche in rund 10-15m an Kletterei über etwas lose Felsen, gefrorenen Dreck, Grasbüschel und Schnee erkraxelt wird. Das ist easy (ca. M2/M3), um Sicherungsmöglichkeiten ist es jedoch eher bescheiden bestellt. Mit einer kurzen Querung nach links erreicht man den Eisschlauch, welcher das erste und das zweite Schneefeld verbindet.

Alles Material ist auf Mann, es sind nur noch wenige Schritte zum Beginn der Eiskletterei. Dabei wählt man den linken Eisstreifen. Der rechte wäre sicherlich auch sehr schön zu begehen, allerdings führt der ins Juhee...
Tiefblick auf die erste Eislänge (WI2). Kompaktes Softeis bietet eine richtig genussvolle Kletterei.
Yours truly bereits in der dritten Eislänge (WI3), welche mit einer Steilstufe aufwartet.
Nachstieg in der dritten Eislänge (WI3), das Ambiente in der Wand grandios!
Nach dem ersten Eisschlauch geht's über ein Schneefeld, bevor sich einem diese Mixed-Stufe in den Weg stellt. Die Kletterei über eine Mischung von losen Felsen, gefrorenem Dreck, Gras und Schnee ist nicht so schwierig (M2/3). Allerdings könnte man hier kaum sichern, weshalb man gut zu Fuss sein sollte.
Gerade oberhalb dieser Mixed-Stufe, es pfeift ganz schön in die Tiefe, Fehler sind da keine erlaubt!
Der Eisschlauch bietet weitere zwei gestreckte 50m-Längen an schöner Eiskletterei (WI3/WI2). Hier war das Eis schon etwas älter und teilweise etwas hart/spröde, trotzdem hat es grosse Freude gemacht. Nach diesen beiden Eislängen konnten wir das Seil wieder einpacken und machten uns auf den Weg über das erneut etwa 45 Grad steiile, zweite Schneefeld. Hier gilt es nun, die Abzweigung nach oben nicht zu verpassen! Die Rampe, welche zum Schneeband hinauf führt, ist nicht ganz offensichtlich - man könnte sie auch verpassen und zu weit nach links queren. Jedenfalls muss man bei der ersten Gelegenheit hinauf, wo dies ohne grössere Schwierigkeiten möglich scheint.

Im Eisschlauch (WI3), welcher das erste und zweite Schneefeld verbindet...
Nachstieg in der ersten Länge vom zweiten Eisschlauch (WI3), unten die Kunstschneepiste (Talabfahrt geöffnet!)
Hier geht's weiter, Ausblick auf die zweite Länge im zweiten Eisschlauch (WI2).
Unterwegs im zweiten Schneefeld, welches zur Mixed-Rampe führt...
...und das ist die Rampe, die es zu wählen gilt. Nicht verpassen, man könnte hier auch auf dem Schneefeld nach links weiterqueren, was jedoch schlussendlich auch ins Juhee führt.
Die Rampe bietet einfache Mixed-Kletterei. Die Felsen sind nicht unbedingt von bester Qualität, schienen jedoch vernünftig festgefroren. Während auf den grossen Schneefeldern guter Stapfschnee vorhanden war, war die Qualität hier eher bescheiden. Ziemlich griesige Ware machte das Antreten etwas heikel - klar, dank der geringen Schwierigkeiten war dies immer noch problemlos. In einer grösseren, schwierigeren Wand würde man bei solchen Schneebedingungen jedoch sicherlich von schlechten Verhältnissen sprechen und die Begehung lieber auf einen besseren Zeitpunkt verschieben. Anyway, nach der Rampe warten einige exponierte Schneepassagen (50 Grad steil), bis ein verstecktes Couloir nach rechts hinauf führt, um via eine letzte Kraxelpassage aufs Schneeband zu leiten. Es sei erwähnt, dass dieser ganze Mixed-Teil mit einem Seil eher schlecht zu sichern ist.

Im unteren Teil der Rampe, ca. 50 Grad steiler Schnee.
Weiter oben in der Rampe wartet dann einfache Mixed-Kraxelei, geprägt durch blockig-abschüssigen Fels und griesigen Schnee.
Blick auf das versteckte Couloir, welches nach der Rampe wieder nach rechts aufs Schneeband hinauf führt. Wir sind an dessen Ende im Aufstieg zu sehen. Das Bild wurde von Jan Nagelisen per Zoom vom Wandfuss aufgenommen, vielen Dank!
Eine letzte Kraxelstufe führt vom versteckten Couloir hinauf aufs Schneeband.
Das Schneeband ist dann (bei passenden Bedingungen) ohne grössere Schwierigkeiten zu machen. Die Crux dieses Abschnitts bildet der luftige Schluss, direkt an der Begrenzungskante der Felswand geht's in exponierter Position hinauf und über die Schlusswächte hinweg. Wiederum, Möglichkeiten zum Sichern gibt's hier (ausser Gehen am kurzen Seil mit einem schwächeren Partner) keine, und man muss der Sache gewachsen sein. Um etwa 13.30 Uhr sind wir nach rund 4 Stunden Aufstieg durch die Wand oben angelangt. Heute reicht es im Gegensatz zur Tour am Gross Ruchen (Bericht folgt), damit uns die Sonne am Ausstieg ins Gesicht scheint, welch ein Genuss!

Auf dem Schneeband, Blick vorwärts. Links der Titlis (3240m).
Blick zurück auf das Schneeband. Man quert immer hart am Abgrund, eine coole und luftige Traverse.
Der letzte Abschnitt vom Schneeband ist noch ein Stück steiler und exponierter. Eigentlich problemlos, aber...
Nach einem Vesper machen wir uns auf den Weg in Richtung Jochpass. Schon bald stellt sich eine Felsstufe in den Weg. Hier kann man entweder oberhalb vom Abbruch absteigen, bis man 200hm weiter unten auf den Wanderweg trifft, welcher die Stufe unschwierig überwindet. Wir zogen es hingegen vor, den Abbruch direkt zu überwinden. Hier führt im Sommer ein Klettersteig hinauf, leider waren die Drahtseile jedoch demontiert. So kommt man nicht darum herum 1-2x 25m an den vorhandenen Vorrichtungen abzuseilen. Auch danach ist der Weg zum Jochpass noch weiter wie gedacht, eine weitere Steilstufe erfordert nochmals vorsichtiges Abklettern. Dann aber können wir uns bequem auf den Sessellift setzen und ins Tal gondeln. Das Fazit: das war jetzt ein wirklich schönes Nordwand-Genusstüürli!

Abbruch in der Graustock-Flanke. An diesen Felsen gibt's Ein- und MSL-Routen zum Sportklettern!
Raumkapsel am Grat hinunter zum Jochpass, autonomes System zur ferngesteuerten Lawinenauslösung (siehe Kommentare).

Facts

Graustock - Stei Route (AD+ WI3 M3) - 850m Wandhöhe - ***
Material: 1x50m-Seil, 8-10 Eisschrauben, Felsmaterial kaum einsetzbar.

Eindrückliche und imposante Nordwand, welche auf einem logischen Weg ohne allzu grosse Schwierigkeiten überwunden werden kann. Im unteren Teil warten 250m an reiner Eiskletterei im Genussbereich. Dazwischen sind einige Schneefelder (40-45 Grad) zu überwinden. Im oberen Teil wartet dann (je nach Verhältnissen und Schneelage) noch etwas Kraxelei und ein paar exponierten, recht steilen Schneepassagen. Insgesamt sicher eine gutmütige und relativ einsteigertaugliche Nordwand. Es sei jedoch erwähnt, dass ein Sichern abseits der Eisfälle kaum möglich ist, so dass eine grosse Sicherheit im Steigeisengehen erforderlich ist. Ebenso ist ein Rückzug nur durch heikles und zeitaufwendiges Abklettern machbar. Vorsicht vor Lawinen - schon ein kleiner Rutsch kann einen hier ins Verderben reissen, alle Schneepassagen spielen sich über hohen Felswänden ab!

Topo

Daniel Perret hat einen Begehungsbericht mit prima Topo auf der Seite engelbergmountainguide.ch zur Verfügung gestellt, herzlichen Dank dafür! Ganz generell gibt es dort immer wieder sehr interessante Neuigkeiten zu lesen. Ja, im Engelberger Tal, da läuft etwas, man kann schon fast von einem Little Chamonix in der Zentralschweiz sprechen. Eine sehr begrüssenswerte Initiative, von der am Schluss ganz sicher alle profitieren. Wer einen kundigen Vorsteiger für diese Tour oder andere Unternehmungen in Engelberg sucht, findet in Daniel (oder einem seiner Kollegen) einen profunden Führer. Ebenfalls sehr empfehlenswert ist der Engelberg Outdoor Guide. Die Stei Route fehlt darin zwar (noch), viele andere coole Unternehmungen im Gebiet, wie Wanderungen, alpine Routen, Hochtouren, Biketouren, Skitouren, Freeride-Möglichkeiten, Sport- und Plaisir-Klettereien sind jedoch ausführlich und präzise beschrieben - way to go!


Mittwoch, 7. Dezember 2016

Eiger Experience

Genau ein Jahr ist es her, seit wir uns (leider erfolglos) in der Eiger Nordwand an der Heckmair versucht haben. Diese Tage wären die Verhältnisse deutlich besser als damals. In die Nähe dieses begehrten Ziels habe ich es diesen Herbst aber leider nicht geschafft, die Zeit ist mir ja selbst für einen neuen Eintrag auf dem Blog zu knapp. Immerhin gab's aber Gelegenheit, in der Nähe etwas Nordwandluft zu schnuppern. Und das hat wieder einmal gezeigt, dass es für tolle Berg-Erlebnisse keine weiten Reisen und bekannten Routen braucht. So gab's die Eiger Experience dieses Mal weniger als 1h von mir daheim entfernt.

Mir ist es sehr wohl bewusst, dass dieser Eintrag ausser für das Betrachten von ein paar vielleicht inspirierenden Bildern für einmal massiv weniger nützlich ist wie sonst. Das liegt daran, dass die lokalen Kletterer nicht zu viel Werbung und Information für Touren dieser Art möchten. Diesem Gebot will ich mich fügen und lasse somit vor allem die Fotos sprechen. Bei der Tour handelt es sich um eine 1200hm Tour mit Gesamtbewertung im Bereich D+, welche eine gelungene Mischung aus Frozen Turf, Fels, Eis und Schnee bietet. Das derzeit ideal gefrorene Gras klettert sich bei Steilheiten von bis zu 80 Grad mit Steigeisen und Eisgeräten wie perfektes Softeis oder harter Styroporschnee. Dazu interessante Felskletterei im Bereich M3/M4, Schneepassagen mit Ambiente bis 45 Grad und den dünnen Eisfall, den wir unterwegs angetroffen haben, liessen wir uns natürlich auch nicht entgehen, auch wenn der vielleicht auch leichter links oder rechts im Fels umgangen werden könnte.

Auf den ersten Metern nehmen wir gleich den Direkteinstieg...

So sieht diese Stelle im Rückblick aus. Coole Kraxelei!

Die erste Steilstelle im Gras - gefühlt beinahe senkrecht, aber die Geräte beissen perfekt!

Was für ein klassisches Bergsteigerbild!

Haltlose Grasflanke, die ersten 300hm sind im Schnitt gute 55 Grad steil. Ähnliche Kletterei wie in einer Firnwand.

Dieser 100m hohe Felsriegel in der 1200hm Wand ist die Crux. Wir wählen natürlich den dünnen Eisstreifen! Der war dann auch wirklich hammermässig zu klettern. Zum Sichern war das Eis aber deutlich zu mager, weshalb man auf Cams und Keile in den Randfelsen vertrauen musste. Zumindest bei diesen Verhältnissen könnte eine Umgehung im Fels links oder rechts womöglich einfacher sein.

Am Stand nach der ersten Crux. Es steckt in der ganzen Route überhaupt kein fixes Material. Das Mitführen von Keilen und Friends ist daher zwingend, sofern man sichern will. Die Möglichkeiten sind zwar nicht immer und überall üppig, aber mit Kennerblick und Spürnase finden sich schon genügend Möglichkeiten.

Mixed-Terrain nach der Schlüsselstelle, ab hier liegt nun auch etwas Schnee.

Grandioses Ambiente im oberen Wandteil, die Bedingungen auf den Schneefeldern perfekt. 

Auf dem grossen Schneefeld im oberen Teil, rund 40 Grad steil - je nach Verhältnissen sehr lawinengefährlich!

Dem Ausstieg entgegen - nochmals etwas Mixed-Kletterei.

Das letzte Couloir vor dem Gipfel - bald ist es geschafft!

Dienstag, 15. November 2016

Mein Weg zur 8b - Tag der Entscheidung

Lange Jahre war es mein Ziel, einmal eine Route im Grad 8b, oder eben einen UIAA 10er zu punkten. Nach über 25 Jahren im Klettersport und daher auch nicht mehr ganz jugendlichem Alter ist mir dies nun geglückt. Für einmal will ich nicht den Erfolg an sich oder die Route ins Zentrum stellen. Vielmehr soll es in einer losen Folge von Artikeln eine Auseinandersetzung darüber geben, was mir schliesslich nach all den Jahren an Kletterei den Erfolg doch noch ermöglicht hat. Das alles natürlich völlig ohne den Anspruch, die absolute Wahrheit und den heiligen Gral zum schweren Klettern zu besitzen. Dies wäre in jeder Hinsicht komplett verfehlt. Sowieso sind die individuellen Voraussetzungen, Stärken und Schwächen so unterschiedlich, dass es den für alle gleichermassen optimalen Weg gar nicht geben kann. Trotzdem mag man in dieser Artikelreihe vielleicht den einen oder anderen Gedankenanstoss zum Ausloten des persönlichen Kletterlimits finden...

Bevor wir zur grauen Theorie kommen, gibt's aber doch noch einige Anekdoten zur Begehung selbst. Also erstens habe ich mein Ziel nicht nur erfüllt, sondern sogar übererfüllt, steht doch bei besagter Route sogar eine 8b+ im Topo. Der Durchstieg hat mich einige Mühe gekostet: über ein Dutzend Mal bin ich ganz am Ende auf den letzten Zügen noch gescheitert, wovon alleine 3x mit dem Topgriff bereits in den Fingern. Das war nicht etwa pures Unvermögen, sondern die Durchstiegscrux befindet sich effektiv auf den allerletzten Metern, was das Projekt natürlich umso lohnender macht.

Tag der Entscheidung

Inzwischen war ich bereits zum fünften Mal mit dem Gefühl angereist, dass es an diesem Tag klappen könnte. Die Moves perfekt einprogrammiert, kräftemässig erholt, bei brauchbaren Bedingungen und mit einigermassen Haut auf den Fingern. Nach dem üblichen Aufwärmprogramm geht's los. Obwohl sich inzwischen eine gewisse Routine eingestellt hat, verbleibt doch auch etwas Nervosität - es sind der Nimbus der 8b und die Tatsache, dass das Kletter-Lebensziel in greifbarer Nähe herumschwirrt, aber doch erst gepackt werden will, immer mit der Befürchtung, es könnte auch wieder entschwinden. Der erste Versuch wie so oft, voller Punch, aber auch ein bisschen unruhig und koordinativ nicht zu 100% perfekt - trotz gutem Einwärmen, aber 7b+ ist halt nicht 8b+. Ich spule das Programm ab, die beiden verzweifelten Schnapper nach rechts gehen, ohne dass ich abkippe. Es bleibt der weite, dynamischen Zug an die 2cm breite Ausstiegsleiste. Bizeps- und Körperspannung lassen nach, dementsprechend mehr Dynamik ist gefragt, um die nötige Höhe zu machen. Die Finger sind auf der Leiste, bleiben 2 Sekunden drauf, dann kommt der Körperschwung und reisst mich doch noch in die Tiefe. Mist, so knapp war's noch nie.

Vielleicht der grösste Nachteil am Klettern in den höheren Schwierigkeitsgraden: die Griffe werden kleiner und kleiner, dementsprechend steigt das Risiko von Hautverletzungen stark an. Ich mag es gar nicht mehr zählen, wie viele Male ich deswegen in diesem Jahr ausser Gefecht war. Die Aufnahme übrigens vom Tag der Entscheidung, unmittelbar nach dem erfolgreichen Durchstieg...
Die Gedanken ans "hätte, wäre, wenn" sind so schnell wie möglich aus dem Kopf zu verbannen - bringt ja doch nichts. Da ich etwas Arbeit an den Fels mitgenommen habe, gelingt das sogar ziemlich gut. Ich gönne mir die übliche Stunde, bis ich an den nächsten Angriff denke - mit ausführlichem Aufwärmen davor natürlich. Ready, steady, go! Erfahrungsgemäss ist der zweite Versuch jeweils besser als der erste und nachdem vorher beinahe gar nix mehr gefehlt hat, muss es jetzt ja eigentlich klappen. Doch schon unterwegs merke ich, wie der Pump vom vorherigen Versuch noch nicht ganz aus den Adern gewichen ist. Aber aufgeben? Denkste! Der zweite Schnapper nach rechts (und damit der zweitletzte Move in der Route) geht nur knapp, und so kann ich nicht einmal mehr richtig zum Schlussdynamo ansetzen. Dumm, Dumm, Dumm! Scheint so, als ob es auch heute wieder nichts wird. Kräftemässig war das bereits weniger und die Haut am linken Zeigfinger ist auch bereits hauchdünn, das Blut scheint bereits durch. Es ist vor allem ein messerscharfer Kleingriff auf den letzten Zügen, der hier nicht mehr als 3 Versuche pro Tag zulässt. Anyway, da ich schon vor Ort bin und sowieso frühestens in 1 Woche wieder werde antreten können, will ich noch einen dritten Go geben. Wiederum etwas Lockern, Kaffee trinken, bisschen Arbeiten, das Aufwärmprogramm. Der Druck ist schon etwas abgefallen: es waren gute Versuche, besser denn je. Mit dem Fortschritt kann ich leben, auch wenn's an dem Tag noch nicht klappt.

Ich steige ein. Natürlich nochmals top motiviert und fokussiert auf die Aufgabe. Im Hinterkopf vor allem ein Gedanke: egal wie sehr es am scharfen Kleingriff schmerzt, zudrücken so fest wie es geht - nur ein einziges Mal, was nachher ist spielt keine Rolle mehr. Die schweren Moves kommen, ich werde mir meiner Leichtigkeit gewahr - der Pump von den ersten Versuch ist verflogen. Dann der Kleingriff, zukrallen bis der Arzt kommt. Die Haut reisst auf, ich merke es sogar. Die Schnapper nach rechts sitzen souverän und ich setze zum letzten, dynamischen Zug an. Der Kopf ist komplett leer, der Fokus im hier und jetzt - die letzte Sicherung weit unter den Füssen. Wie in Zeitlupe schnellt meine Hand nach oben, berührt die Leiste. Das Gefühl, vom Körperschwung doch noch in die Tiefe gerissen zu werden, kenne ich bereits. Doch dieses Mal ist es anders. Ein bisschen mehr Spannung und ein bisschen mehr Präzision. Ich kann mich stabilisieren. Rasch die Füsse umstellen, den Umlenker klippen. Ein Urschrei erhallt, die Emotionen müssen raus - ich kann's kaum glauben, 8b+ rotpunkt.