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Dienstag, 26. Juni 2018

Graue Wand - Captain Morgan (7c+)

Meter sammeln oder die Sportkletterkünste angewandt zum Einsatz bringen, diese Frage war zentral, als wir uns für das Ziel zu entscheiden hatten. Schliesslich setzte sich erstens die Einsicht durch, dass die Sportkletterform im Lauf des Sommers üblicherweise nicht besser wird. Und zweitens gelangten wir gegenseitig zur Überzeugung, dass hier ein Partner bereitstand, mit welchem man in eine mit 7c+ bewertete MSL-Tour einsteigen konnte. Darauf kann man nicht immer zählen, um in etwas einfacheren Touren Metern zu sammeln, ist die Partnersuche hingegen meist viel einfacher. Nun galt es, aus mehreren alpinen Sportkletterprojekten noch das richtige auszuwählen. Die Tatsache, dass im rauen Klima am Furkapass nicht so oft gute Bedingungen herrschen und der Zustieg zur Zeit unseres Anrückens noch mit Ski zu bewältigen war, gaben schliesslich den Ausschlag für die Captain Morgan (7 SL, 7c+) an der Grauen Wand.

Die Graue Wand, in deren linkem Sektor befindet sich die Captain Morgan (7c+).
Nachdem ich in den vergangenen Wochen für die letzten Ausflüge im Schnee und Nordwand-Eskapaden des Öfteren früh bis sehr früh aufgestanden war, war es mir nur recht, die herausfordernde Tour nach etwas längerer Nachtruhe angehen zu können. So wurde es schliesslich 9.00 Uhr, bis wir etwas oberhalb vom Tiefenbach auf 2150m aufbrachen. Die Strasse zum Tätsch (2272m) war noch nicht komplett befahrbar, ein Schneefeld verhinderte das Weiterkommen. Immerhin konnten wir uns so die sonst üblicherweise fällige Taxe sparen. Bis auf diesen letzten Schneefleck auf der Strasse war es rund um uns herum jedoch schon reichlich grün, ein Loslaufen mit den Skischuhen an den Füssen und den Ski auf dem Rücken schien doch ziemlich exotisch. Aber ich war mir sicher, dass sich die Lage nur wenig weiter oben bald ändern würde. Dem war dann tatsächlich auch so. Bereits ab der Ebene oberhalb vom Älpetli bei 2360m lag noch eine geschlossene und mächtige Schneedecke, so dass wir die Bretter nach 20 Minuten der Portage anschnallen konnten.

Ski & Climb! Mit kurzen Hosen auf dem rauen Wellblechschnee unterwegs, deutlich besser wie zu Fuss.
Es stellt sich natürlich trotzdem die Frage, ob deren Mitnahme berechtigt war. Nachdem wir im Aufstieg eine deutlich vor uns gestartete Seilschaft einholen und eine gleichzeitig gestartete distanzieren konnten und auch im Abstieg deutlich schneller waren, würde ich diese Frage positiv beantworten. Der Auf- und Abstieg mit den Brettern war wohl auch kraftsparender, obwohl der Schnee an sich fürchterlich war. Regen und Wärme hatten einen wahren Acker von Büsserschnee hinterlassen, eine stark gewellte Oberfläche mit 30-50cm tiefen Löchern. Nein, so richtiges Skivergnügen kam da natürlich nicht auf (hatten wir auch nicht erwartet), doch zu Fuss ist solches Gelände ja auch nicht eben erquicklich, so war der Vorteil eben doch auf unserer Seite. Jedenfalls, nach knapp 75 Minuten Aufstieg waren wir am Wandfuss auf 2800m angelangt. Vor Ort war noch eine zweite, uns bekannte Seilschaft, welche sich in der Cannibal Island (7b+) versuchen wollte. Eine apere Terrasse bot sich als bequeme Wechselzone an, Wetter und Temperaturen waren höchst angenehm, so konnte es um 10.45 Uhr mit der Kletterei losgehen.

Hier geht's los (über die Platten und links um die Ecke). Temperaturen und Ambiente auf beinahe 3000m superb!
Hinweis: die Route wurde nach unserer Begehung am 15./16.8.2018 durch Mike Schwitter und Anna Enrich saniert. Dabei wurden 30 rostfreie Haken zum Ersatz von bisherigen gesetzt, zusätzlich entschärfen 14 Extra-Bolts einige heikle Stellen. Darüber hinaus gibt's eine neue, erste Seillänge inkl. Standplatz wegen dem abgesunkenen Gletscher (siehe Topo am Ende des Beitrags). Die Angaben in der Routenbeschreibung beziehen sich auf den Originalzustand vor der Sanierung, sie können also von der aktuellen Situation abweichen.

L0, 50m, 5c: Durch das Abschmelzen des Firnfelds am Wandfuss ist gegenüber dem Originaltopo eine ganze, zusätzliche Seillänge zu klettern. Es steckt überhaupt kein Material, aber weil die Schwierigkeiten von diesem Abschnitt im Fünfer-Bereich liegen und man hie und da etwas Legen kann, geht das ohne Sorgen vor sich. Standplatz entweder an mobilen Sicherungen bevor man in die grosse Verschneidung einsteigt. Alternativ kann man den (etwas abseits liegenden) gebohrten Abseilstand nutzen. Er befindet sich (im Aufstiegssinn) 3-4m links der Verschneidung, ungefähr auf der Höhe wo die Route die Verschneidung nach rechts verlässt. Eine weitere Möglichkeit besteht aufgrund der relativ geringen Schwierigkeiten natürlich darin, simultan am Seil zu gehen und gleich zum offiziellen Stand nach L1 zu klettern, diese Lösung hatten wir gewählt.

L1, 30m, 6a: Nachdem man die grosse, im Grund häufig nasse Verschneidung etwa zur Hälfte zwischen ihrem Ansatz und dem nach links ziehenden Bogen erstiegen hat, muss man nach rechts hinaus in die Seitenwand klettern. Dieser Punkt ist nicht besonders offensichtlich, allerdings ist's auch nicht an vielen Stellen möglich, überhaupt in die Seitenwand zu klettern. Somit wird man schon fündig werden, richtig liegt man dann, wenn man nach der Abzweigung alsbald an einem Schlaghaken vorbeikommt. Über schöne Risse (nochmals NH & BH) und Schwarten gelangt man an die Pfeilerkante, dieser entlang plattig-fein aufwärts zu Stand an 2 alten Ring-BH.

Auf den ersten 3 SL hat die Route eine spezielle Linienführung, die Kletterei am Ende von L1 (6a) aber cool und fotogen!
L2, 50m, 6a: Was auf dem Topo seltsam aussieht, macht vor Ort plötzlich perfekt Sinn. Die Route beschreibt ja in L1 und L2 einen grossen Rechtsbogen, welcher von Weitem völlig unnötig und verzichtbar scheint. Allerdings umgeht man auf diese Weise elegant die dauernasse Verschneidung und mühsam zu kletternde Platten. Somit also der Kante entlang und in fotogener Querung entlang von griffigen Schuppen und Rampen unter einem steilen Wandabschnitt zurück nach links. Es warten keine besonderen Schwierigkeiten, die Bewertung wohl eher gutmütig.

Wow, diese Farben, Formen und Linien! Hier L2 (6a), mit welcher man elegant die oft nassen Platten darunter umgeht.
L3, 50m, 6c: Achtung, hier geht's nicht gerade hinauf zum BH der Cannibal Island und auch nicht im Grund der grossen Verschneidung, wo die alte Niedermann-Route ('Rote Platten') verläuft. Die Captain Morgan verläuft in der linken Wand, irgendwann wird man auch die Bohrhaken erspähen. Irgendwie dünkte mich der Verlauf hier leicht unlogisch, da die Bolts nicht neben dem vermeintlich einfachsten Riss-/Schuppensystem stecken. Doch ich habe pflichtbewusst erst einmal die ersten beiden Bolts eingehängt. Der dortige Piazriss zieht zwar weiter, sieht aber vorerst weder gut zum Absichern noch einfach zum Klettern aus. Daher also doch ins linkerhand gelegene System gewechselt. Später drängt's einen wieder nach rechts zurück, an etwas unscheinbarer (ich musste erst von den Kletterinnen in der Nachbarroute darauf hingewiesen werden) aber strategisch wichtiger Stelle steckt nochmals ein BH. Der Stand dann etwas links aussen auf dem Pfeilerkopf - Vorsicht, nicht direkt zu den gut sichtbaren Bolts klettern, die bereits zur nächsten Länge gehören.

Adi folgt in L3 (6c). Hier stecken auf 50m nur 3 BH, dazwischen darf (und muss) man sich den Weg selber suchen.
L4, 25m, 7a: Eine richtig coole Länge! Plattige Querung nach rechts aus dem Stand hinaus, als nächstes steht ein bouldriges Dächli auf dem Programm. Die Schwierigkeiten a priori sehr schwierig einzuschätzen. Schliesslich löst es sich besser auf wie befürchtet. Dann ziemlich kühn zu einem Untergriffbogen und auf Gegendruck diesem entlang zur Crux. Hier muss man entlang einer feinen Rissspur bei Trittarmut schräg nach rechts oben klettern, die Schwierigkeiten sind hier ziemlich zwingend zu meistern. Der Stand mit einer langen Kette dann 'strategisch günstig platziert' ein bisschen mitten im Nirgendwo.

Nachstieg in der richtig coolen L4 (7a), die ziemlich fordernd ist. Da muss man parat sein!
L5, 25m, 7b: Das 'strategisch günstig platziert' von oben heisst, dass der Stand eben mitten in einer schwierigen Kletterstelle steckt. Wer die Captain Morgan ehrlich punkten möchte, sollte idealerweise L4 und L5 verbinden (was mit 50m-Seil möglich ist). Oder sonst müsste man zumindest mit den Händen am letzten brauchbaren Griff starten, das wäre dann jener, wo die Sicherungsperson die Füsse drauf hat. Jedenfalls ist der Belayer schlicht und einfach im Weg, um die fizzelige Wandstelle gleich am Anfang von L5 zu klettern. Der Weg zum ersten Haken ist auch gleich sehr schwierig und man scheppert halt voll in den Stand rein. Wenn's nicht ganz dumm läuft, zwar am Sicherungsmensch vorbei, aber irgendwie ist's halt doch etwas doof. Nachdem der erste Haken dann geklippt ist, nochmals schwierig und knifflig über eine Wandstelle. Die Kletterei ist etwas weniger als senkrecht, die Wand mit kleinen Noppen gespickt - schwierig zu treten und um sich schlau festzuhalten gibt's auch nix. Dann endlich hat man den Piazriss erreicht, an diesem geht's dann deutlich gängiger und gut mit BH abgesichert im 6c-Bereich in die Höhe - unterbrochen von einer Stelle mittig, wo 2-3 kräftigere Moves im 7a-Bereich warten und man die Coolheit braucht, einen schwierig zu klippenden Bolt entweder deutlich zu überklettern oder gleich auszulassen.

Super Kletterei an Rissen und Piazschwarten im oberen Teil von L5 (7b) - macht echt Laune!
L6, 30m, 7b: Wenn man voraus nach oben blickt, so sieht man, wie auch in dieser Seillänge wieder schöne Piazschwarten bereitstehen. Allerdings beginnen diese erst 3-4m über dem Standplatz, also will zuvor erneut eine knifflige Wandstelle geklettert sein. Ein cooler Boulder: zwei Sloper, zwei Crimps, Füsse rüberschwingen und dann am erst noch sehr dünnen Riss aufrichten. Nicht gerade ideal übrigens für Leute, deren Kniegelenke schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel haben oder deren Meniskus sonstwie bereits etwas ausgefranst ist. Die Piazrisse selber gehen dann gut (6b/6c-Terrain), nur mittig wartet nochmals eine etwas kniffligere Stelle (6c/7a), wo über eine steile Wandstelle nach links zum nächsten Riss gewechselt werden muss.

Der Mann hat einfach zu viel Zeit zum Posieren. Adi folgt in L6 (7b), wo die letzten Meter etwas einfacher ausgefallen sind.
L7, 30m, 7c+: Der Blick in die sehr steile, orangefarbene Wand oberhalb lässt einen zusammen mit der harten Bewertung böses vermuten. Doch es täuscht! Der vom Stand aus sichtbare Wandabschnitt wartet mit ein paar versteckten, guten Griffen auf und ist erstaunlich gängig im 6c/7a-Bereich zu haben, auch die nachfolgende Linksquerung geht gut auf. Doch dann wird man sich gewahr, dass man die Crux definitiv noch nicht passiert hat. Es wartet nämlich eine listig glatte, steile Platte. Am schwierigsten sind gleich die ersten 3-4m. Ein paar scharfe Mikrokratzer (etwas fragile Kristallleisten) hat's, schlaue Tritte sind allerdings ziemlich Fehlanzeige. Vermutlich muss man hoch antreten und sich irgendwie geschickt auf diese 1cm-Leiste links drüben auf Kopfhöhe schieben. Eine gewisse Beweglichkeit scheint dazu unerlässlich. Als Ausrede könnte ich jetzt vorbringen, dass ich mit meinen MSL-Schlappen das komplett falsche Schuhwerk für einen solchen Move dabei hatte (ernst gemeinter Tipp: ein guter Sportkletterschuh mit aggressivem Downturn könnte m.E. (!!!) für diesen Rockover Gold wert sein). Jedenfalls konnte ich für diese Stelle auf die Schnelle keine echt tragfähige Lösung finden, so dass sich allfällige Rotpunkt-Ambitionen rasch in Luft aufgelöst hatten. Auch die nächsten Moves an einer nun ansetzenden, seichten, diagonalen Rissspur sind noch schwierig, danach wird's graduell wieder einfacher. Wobei das eigentlich nur bis zum bequem erreichbaren Irniger-Stand der 'Heissen Linie' gilt - der Move zum letzten BH und dem 3m rechts oben gelegenen Stand der Captain Morgan ist dann hingegen nochmals etwas knifflig.

Adi folgt in der etwas gutmütigeren Zone vor der 'Final Surprise' in der listig-glatten Cruxlänge L7 (7c+).
Um 16.15 Uhr und damit nach 5:30h der genussreichen Kletterei bei idealen Bedingungen hatten wir beide das Top der Route erreicht. Dieses befindet sich etwas 'mitten im Nirgendwo'. Sprich, man erreicht weder einen Gipfel, noch einen Grat, ja nicht einmal ein Band als logischen Endpunkt der Route. Sondern die Wand geht oberhalb einfach weiter, dies jedoch bei augenscheinlich deutlich geringeren Schwierigkeiten und wenig attraktiver Kletterei. Somit gab es am Top eigentlich nichts weiter zu tun, als die Seile zu fädeln und die Abseilfahrt anzutreten. Die obersten 4 Seillängen lassen sich mit 2 ausgereizten Manövern à 50m gerade bewältigen, nach 3 weiteren 50m-Abseilern waren wir zurück in der 'Wechselzone', d.h. dem bequemen Podest am Wandfuss. Wir wechselten zurück auf das Skigear und schnallten schliesslich die Bretter an die Füsse. Fahrspass war ob dem stark löchrigen Schnee nicht zu erwarten. Immerhin war dieser nun schön aufgeweicht, so dass man es einfach 'tschättern' lassen konnte. Nach einem ersten, kurzen Skiausziehen konnte man auf einem letzten Schneestreifen noch bis auf 2300m abfahren. Dies allerdings zum Preis, irgendwo den reissenden Tiefenbach überqueren zu müssen. Der smarte Mensch hätte sich daran erinnert (oder auf der Karte nachgeschaut), dass es wenig unterhalb bei P.2259 eine Brücke hat. Der Abenteurer machte sich hingegen daran, von Stein zu Stein hopsend ohne künstliche Hilfsmittel möglichst trockenen Fusses auf die andere Seite zu gelangen. Schliesslich war bald darauf das Auto erreicht und wenig später sassen wir mit der Seilschaft aus der Cannibal Island zum Umtrunk im Tiefenbach auf der Terrasse. Wie immer tummeln sich an diesen Passstrassen allerhand schräge Vögel. Wobei wir mit allerlei körperlichen Verrenkungen zum gegenseitigen Vordemonstrieren der entscheidenden Griffabfolgen ganz sicher bestens in diese Welt passten :-)

Die Crux auf dem Rückweg. Schlussendlich ging nur ein Skistock baden, der per heroischem Hechtsprung gerettet wurde ;-)
Facts

Graue Wand - Captain Morgan 7c+ (7a obl.) - 7(+1) SL, 290m - Schwitter/Meyer/Enz 1994 - ***;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Camalots 0.3-2, evtl. auch Grösse 3

Lässige Sportklettertour im linken Sektor an der Grauen Wand. Die schwierigen Stellen beschränken sich auf wenige Meter kurze, dafür glatte und knifflige Wandabschnitte. Während der Anfang über geneigte und sich dann aufsteilende Platten führt, warten in der zweiten Routenhälfte über weite Strecken griffige Risse und Piazschwarten. Letztere und die Schlüsselstellen sind tiptop mit Bohrhaken abgesichert (auf Niveau xxxx), hier muss man fast keine mobilen Sicherungen mehr legen, aufgrund der Felsstruktur wäre es auch nicht gut möglich. Die im Lauf der Zeit neu hervorgetretene Einstiegslänge ist clean und auch die 3 folgenden Längen wollen mobil ergänzt werden. Für meinen Geschmack ist die Materialempfehlung im Originaltopo (siehe unten) oder im Extrem Ost (z.B. bei Bächli Bergsport erhältlich) zu knapp. Ich würde auf jeden Fall ein volles Set Cams für diesen unteren Abschnitt empfehlen. In Bezug auf die Schönheit ist's auf jeden Fall eine sehr lohnenswerte Unternehmung. Ganz gleich gut wie andere Meisterwerke desselben Erstbegehers (z.B. die Jack Daniels oder die Ben Hur) ist die Route aber nicht. Irgendwie fehlt's etwas an Homogenität und Ambiance zur ganz grossen Linie, ebenso ist der Fels hier und da (natürlich auch ob der seltenen Begehungen) ein bisschen flechtig oder brösmelig. Nichts was extrem stört oder gegen einen Versuch spricht, halt einfach nicht in der Topliga. Zuletzt: man bewegt sich hier bei Zustieg in Kletterei an der Schwelle zum Hochgebirge. (Noch) liegt am Einstieg ganzjährig ein Firnfeld. Ausser bei besonders ungünstigen Bedingungen wird man's jedoch in aller Regel mit leichtem Schuhwerk und ohne alpine Hilfsmittel zum Einstieg schaffen.

Originaltopo der Erstbegeher aus der Schweizer Kletterzeitschrift RAVAGE 4/1995 (hoffe das ist ok mit dem Copyright ;-))
Topo nach der Sanierung im Jahr 2018, vielen Dank Anna & Mike!

Dienstag, 19. Juni 2018

Skitour mit Biwak: Wysse Nollen (3418m)

Bereits vor einem Jahr hatten wir mit der ganzen Familie eine Nacht auf dem Rhonegletscher campiert und waren danach mit den Ski auf den Limistock (3189m) gestiegen. Es war ein grosser Wunsch der Kinder, dieses Erlebnis zu wiederholen. Das ist gar nicht mal so einfach zu realisieren, denn das Zeitfenster zwischen Passöffnung und Ausaperung beschränkt sich auf maximal 2-3 Weekends. Wenn denn noch dazu kommt, dass einwandfreies Wetter herrschen sollte und keine anderen Verpflichtungen wie Turnfeste, Kletterwettkämpfe oder Geburtstage im Wege stehen, so wird man sich gewahr, wie schwierig es sein kann, solche Wünsche zu erfüllen. Aber: es hat auch im 2018 geklappt!

Mit einigem an Gepäck unterwegs auf dem Rhonegletscher.
Der Wetterbericht tönte schlussendlich zwar nicht ganz einwandfrei, aber doch ausreichend gut. Somit wurde wieder eifrig gepackt, wobei wir gegenüber dem letzten Jahr beim mitgeführten Material aus nahe liegenden Gründen doch etwas abgespeckt hatten. Weil auch die Kinder bereits um ein Jahr älter und kräftiger waren, d.h. mehr beim Tragen mithelfen konnten, hatte der Weg zum Campingplatz schon deutlich weniger Tubel-Trophy-Faktor. Den ganzen Zirkus am Belvedere umgingen wir dieses Mal auch elegant, indem zuerst noch eine Klettersession im Garten von Lungern eingelegt wurde. Diesen hatten wir zuvor 5 Jahre lang nicht mehr besucht. Das heisst, es war sowieso wieder einmal höchste Zeit für eine richtige Ernte von inzwischen gereiften Früchten und auch für die Kleinen gibt's da bereits gut etwas zu holen.

Unser Camp auf dem Rhonegletscher.
Somit brachen wir erst um 19.30 Uhr vom um diese Zeit beinahe verwaisten Belvedere auf. Der erste Blick auf den Gletscher zeigte, dass noch etwas mehr Schnee lag als im Jahr zuvor. Doch dafür, dass wir einen ausserordentlich schneereichen Winter hatten und wir eine Woche früher dran waren wie im Vorjahr, war's doch auch schockierend. Die Zunge zeigte bereits grössere, apere Flecken, der Gletscherfluss stürzte in besorgniserregendem Tosen über die Felsen - wenn's mit den Temperaturen so weitergeht wie bisher in diesem Frühling und Vorsommer, so wird auch im 2018 wieder ausserordentlich viel Eis vom Rhonegletscher wegschmelzen. Wir stiegen noch etwas hinauf und stellten das Zelt schliesslich bei der spaltenfreien Flachzone auf ca. 2300m mehr oder weniger am selben Ort wie letztes Jahr auf. Das Wetter zeigte sich doch einigermassen bewölkt, aber dennoch gutmütig. Dazu war es fast windstill und warm, für den nächsten Tag war Sonnenschein angesagt, da konnten wir guter Dinge sein.

Aufbruch in Richtung Wysse Nollen. Alleine ist man auf dem Rhonegletscher definitiv nicht unterwegs...
Nach einem (eben der Gewichtsersparnis geschuldeten) Tütendinner legten wir uns schliesslich aufs Ohr. Wenig später vernahm ich, wie doch tatsächlich Regen einsetzte, der immer heftiger wurde. Das stand so eigentlich nicht wirklich auf dem Programm... doch kurz darauf döste ich ebenfalls weg, wir waren ja im Trockenen. Am nächsten Morgen stürmten dann die ersten Tüüreler bereits ab 4.00 Uhr früh am Zelt vorbei. Die meisten zogen still und schlurfend ihre Schritte, einige wenige zeigten sich bereits um diese Zeit hellwach, begeistert und munter parlierend. Gefühlt waren es jedenfalls Dutzende bis Hunderte, die in unserer Nähe vorbeigingen. Ich hingegen hatte entschieden, die Kinder erst um 6.00 Uhr zu wecken. Einerseits, um ihnen noch etwas mehr Schlaf zu gönnen, andererseits erschien mir das Timing so auch günstiger. So geschah dies dann und nach einem raschen Frühstück machten wir uns um 6.30 Uhr auf den Weg - wie üblich mit dem bewährten System Skilift, wobei die Kinder à discretion auch zu Fuss gehen konnten/durften.


Nachdem wir auf dem Limistock (3189m), dem am einfachsten zu erreichenden Gipfelziel im Becken des Rhonegletschers bereits im Vorjahr waren, so war der am nächsten gelegene, von mir/uns noch unbestiegene Gipfel jener des Wyss Nollen (3418m). Doch auch bis dahin sind's gute 8km Distanz und über 1100hm, ein rechtes Stück Arbeit. Die Bedingungen für den Aufstieg waren jedoch sehr gut. Die Schneedecke war kompakt und bald einmal gefroren. Eher gewellter Sommerschnee zwar, aber dankdem es gespurt war, liess es sich trotzdem ohne viel Widerstand gehen bzw. eben Skilift spielen. So schafften wir es in gut 3:30h tatsächlich bis auf den Wysse Nollen, eine super geniale Sache! Zum Dammastock bzw. den mir noch fehlenden Gipfeln von Eggstock und Schneestock wären es zwar nur noch gute 200 zusätzliche Höhenmeter gewesen. Doch es wäre im etwas aufsteilenden Gelände noch ein hartes Stück Arbeit gewesen alle dort hinauf zu bringen, man muss ja nicht gleich übertreiben und schliesslich sollen wir in den nächsten Jahren auch noch neue Ziele am Rhonegletscher haben. Mit Tieralpli-, Egg-, Schnee- und den beiden Rhonestöcken sind diese ja gegeben.

Fantastisches Ambiente! Der Schnee hingegen nicht so glatt wie ein Teppich.
Nach einer gütlichen Rast machten wir uns um 10.40 Uhr an die Abfahrt. Inzwischen hatte der gefrorene Sommerschnee an der Oberfläche etwas aufweichen können. Die früher aufgebrochenen Skifahrer, welche uns im Aufstieg schon entgegen gekommen waren, hatten sich hingegen mit einer üblen Rüttelpiste abfinden müssen, das war gut zu sehen und zu hören. Auch für uns war's dieses Mal nicht das ganz grosse Fahrvergnügen, doch wir gelangten dennoch spassig und bequem zu unserem Camp zurück. Dort hiess es nach einem Zmittag erst einmal, den ganzen Karsumpel wieder zu verstauen. Als Pièce de Resistance wartet dann jedoch noch der Aufstieg vom Gletscherende zurück zum Belvedere. Mit dem schweren (nun nicht mehr ganz gleich gut organisierten) Gepäck durch die Touristen aus allen Ecken der Welt hindurchzugehen ist immer wieder ein besonderes Erlebnis. Lustig vor allem, welche Bewunderung die Kinder erfahren, wenn sie da als beinahe vollwertige Alpinisten in Skimontur mit einem grossen Rucksack selbständig hinaufsteigen und selbst so noch manche der kaum geländegängigen und halt eben auch höchst unfitten Menschen zu überholen vermögen.

Sulziger Sommerschnee in der Abfahrt, war gar nicht so leid.
Schliesslich war dann das Belvedere erreicht, ein willkommenes, kühles Getränk konnte in die Kehle zischen und ein verdientes Glacé genossen werden. Der übliche Passstrassen-Zirkus war in vollem Gange, immer wieder eine amüsante Sache. Doch auch wir bieten hier ja einen prägnanten Farbtupfer. Schliesslich machten wir uns mit dem Ziel Après-Skitouring (d.h. Klettern nach einer Skitour) auf den Weg. Es dauerte jedoch nur wenige Minuten, bis die Jungmannschaft in einen komatösen Schlaf gefallen war, der bis zu unserer Heimkehr nicht enden wollte. Tatsächlich legten wir beim Reduit im Urnerland noch einen Stopp ein. Doch mit Blick auf die Temperaturanzeige von 29 Grad, den sacküberhängenden, anspruchsvollen Routen und meinem durch die strenge Tour auch reichlich angebrutzelten Zustand verschoben wir die vertikalen Ambitionen auf einen anderen Zeitpunkt. Eine Fahrstunde später waren wir daheim. Ich war noch eine gütliche Weile mit dem Trocknen und Aufräumen des Materials beschäftigt, während die inzwischen wieder muntere Tochter sofort ihren (B)log schrieb. Nein, natürlich noch nicht elektronisch, sondern altmodisch-analog ins Tagebuch. Mir scheint aber, der Apfel falle nicht so weit vom Stamm ;-)

Donnerstag, 14. Juni 2018

Vrenelisgärtli - Chalttäli (AD+)

Die Glärnisch Nordwand ist ca. 8km breit und über 2000m hoch. Eine ganz imposante Wand also, mit diesen Parametern sogar alpenweit ein richtig grosses Ding. Trotzdem hat sie in der alpinen Szene bisher wenig Beachtung gefunden, ist nicht weitherum bekannnt. Woran es liegt?!? Vielleicht an der relativ geringen Gipfelhöhe von nur gut 2900m?!? Eventuell an der nicht immer überragenden Felsqualität?!? Oder handelt es sich einfach um eine der unerklärbaren Anomalien in der Kletterwelt, die es immer wieder gibt?!? Einer der wenigen Wege durch die grosse Mauer ist die Chalttäli-Route. Auf einem etwas verschlungenen Pfad überwindet sie die 2000m-Wand, ohne dass man dabei auf nennenswerte technische Schwierigkeiten trifft. Zwar handelt es sich dabei durchaus um einen lokalen Klassiker, der im Frühjahr bei guten Bedingungen regelmässig Begehungen sieht. Dass aber eine Tour von diesem Zuschnitt nicht regelrecht überrannt wird, erstaunt doch ein wenig.

Die breite Glärnisch Nordwand mit der Chalttäli-Route von vis-à-vis gesehen. Foto: P. Straub auf hikr.org.
Schon lange Jahre hatte ich die Tour durchs Chalttäli auf dem Radar. Schon seit jeher war klar, dass der Weg zurück zum Ausgangspunkt beim Hinter Saggberg, d.h. der Abstieg über die Normalroute vom Vrenelisgärtli via Glärnischhütte, und der Hatscher entlang vom See ein sehr weiter sein würde. Und seit ich mit dem Gleitschirmfliegen in Kontakt gekommen war, war die Erkenntnis da, dass man diese Tour idealerweise mit einem Flug verbinden würde, was den Abstieg zu einem Kinderspiel macht. Daher hatte ich das Chalttäli natürlicherweise ziemlich vorne in meinem Gedankenspiel, als ich mir in diesem Frühjahr endlich eine Ultraleicht-Flugausrüstung anschaffte. Nun ist die Tour von A-Z, d.h. vom Aufstieg bis zum Flug, perfekt gelungen. Die Ausgabe für das Flugmaterial hat sich daher zumindest gefühlsmässig bereits amortisiert.

Während man die Chalttäli-Route früher noch fast ganzjährig begehen konnte, gilt es heute im Zuge der Klimaerwärmung und der fortschreitenden Ausaperung das richtige Zeitfenster zu treffen. Es darf nicht zu viel Schnee haben, aber auch nicht zu wenig und natürlich soll es sich dabei um eine gut verfestigte, kompakte Unterlage handeln. Darüber hinaus ist's kommod, wenn die Hänge bis hinauf zum Chnorren (P.2210) bereits ausgeapert sind. Normalerweise trifft man von Mitte Mai bis Mitte Juni auf die besten Bedingungen, ausnahmsweise mag es auch einmal im Spätherbst ideal sein. Nun denn, nach dem schneereichen Winter 2017/2018 und dem extrem warmen Frühjahr 2018 waren die Bedingungen gegeben. Als dann noch eine Strahlungsnacht und am Folgetag leichter NW-Wind auf Gipfelhöhe angesagt waren, durfte es kein Zögern mehr geben.

Stimmungsbild aus der Nordwand, hier im Couloir bei den 'Chrumme Würm".
Während man im Chalttäli zwar auf keine wirklichen technischen Schwierigkeiten stösst und die Tour in aller Regel seilfrei macht (sichern kann man sowieso kaum!), so ist es eben doch keine Wanderung, sondern eine alpine Unternehmung, die entsprechend seriös angegangen werden will. Sprich auch mit einem ausreichend frühen Aufbruch nach einer klaren Nacht. Ist der Schnee einmal aufgeweicht und seifig, so werden die vielen, exponierten Querungen im 50-Grad-Gelände schnell einmal kritisch, zudem fallen bei schmelzendem Schnee auch gerne Steine (und loses Geröll hat es beileibe genügend in dieser Wand). So hiess es, den Wecker bereits auf 2.50 Uhr zu stellen, damit wir um Punkt 4.00 Uhr losgehen konnten. Auf die Platzierung eines Autos am anderen Seeende verzichteten wir, schliesslich waren wir davon überzeugt, per Gleitschirm absteigen zu können.

Im Schein der Stirnlampen ging's hinauf vom P.1048 via Tschingel und Vorder Schlattalpli zum Mittelstafel. Man folgt zwar unmarkierten, aber deutlichen Bergpfaden, die Orientierung kein Problem. Von den Alpgebäuden beim Mittelstafel quert man horizontal auf Wegspuren ins Chalttäli hinein. Noch vor dem Bach biegt man, nun weglos, bei Chueplangge links ab und steigt die gerölligen Hänge hinauf. Weiter oben an offensichtlicher Stelle überquert man den Bach und erreicht über Gras und Geröll die Mittelmoräne der Firnfelder im Chalttäli. Auf dieser geht's hinauf bis zu deren Ende auf ~1715m. Es war inzwischen erst gut 5.00 Uhr, da waren wir also zügig aufgestiegen. Wir konnten nun die Stirnlampen ausschalten, das Timing hatte perfekt gepasst - es macht Sinn, wenn man ab dieser Stelle über Tageslicht und Weitsicht verfügt. Ebenso nahmen wir die Pickel zur Hand, die Steigeisen konnten vorerst jedoch im Rucksack bleiben.

Ein schlechtes Foto, ich weiss, aber es zeigt so gut wie möglich den Einstieg aufs Band, das auf die Grashänge vom Chnorren leitet.
Sieht easy aus, ist aber die Schlüsselstelle auf dem Weg zum Chnorren: die ersten Meter, bis das Band breiter wird.
Das Schneefeld wird leicht links aufwärts gequert, es gilt den ca. 40hm weiter oben liegenden Einstieg in das Band zu finden, welches auf die Grashänge vom Chnorren leitet. Die Orientierung ist nicht weiter schwierig, unterhalb der auffällig gebänderten Felswand ist man richtig. Gleich die ersten Meter von diesem Band sind abschüssig und etwas 'gschüderig', eigentlich gleich die schwierigste Stelle bis hinauf zum Chnorren. Danach wird das Band deutlich breiter, wenig später biegt man um die Ecke und ist auf den Grashängen angelangt. Auf diesen geht's der Nase nach hinauf. Hier eine Routenbeschreibung anzugeben ist nahezu unmöglich, es gibt so viele Varianten. Auf jeden Fall muss man nirgends wirklich klettern (höchstens ein paar Züge kraxeln), ansonsten ist man falsch. Zu Wissen braucht man, dass man zuletzt nach rechts auf die NW-Hänge des Chnorren ausweicht und diesen nicht in direkter Linie ersteigt. Mehr braucht's nicht. Das Gelände ist gut gangbar, die Planggen trittig und nicht glatt. Ich würde das auf ein T5 veranschlagen - in etwa wie ein Wendenzustieg, einfach ohne Wegspuren.

Auf dem Chnorren (P.2210) trafen wir gut 2:00 Stunden nach unserem Aufbruch ein. Nun hatten wir bereits 1200hm und damit fast 2/3 der gesamten Höhendifferenz im Kasten. Man könnte denken, dass der Gipfel bereits zum Greifen nah sei, aber dieser Eindruck täuscht doch sehr. Der flache Rücken des Chnorren bietet sich jedoch sehr als Frühstücksplatz an, wir machten gerne davon Gebrauch und montierten gleich die Steigeisen. Meist wird es sich jedoch lohnen, noch bis hinauf zum ersten Band oder gar dessen Ende damit zu warten. Nun geht's nämlich vom Chnorren erst dem Rücken entlang und dann leicht linkshaltend hinauf über ein paar einfache Stufen zu eben diesem ersten Band. Um es zu gewinnen, muss eigentlich die einzige, kurze Kletterstelle der Wand gemeistert werden. Es sind allerdings nur 2-3m, nicht exponiert und etwa ein Zweier. Doch dann wird's gleich deutlich ernster. Wir hatten die Wahl, die Linksquerung auf diesem ersten Band entweder an seinem unteren Ende im geröllig-lottrigen Fels, oder oberhalb im steilen Schnee zu gehen. Sofort war gehörig Exposition da, Fehler sind hier keine mehr erlaubt.

Das ist (sic!) der Cruxmove der Chälttali-Route, d.h. der gesamten 2000m-Nordwand. Von der Akteurin elegant mit einem Dynamo an den (losen) Henkel gelöst ;-). Da muss man auch erst einmal im richtigen Moment den Auslöser drücken, um den entscheidenden Sekundenbruchteil in einem 5-stündigen Aufstieg einzufangen :-) 
Linksquerung auf dem ersten Band. An sich einfaches Gelände, aber eben sehr exponiert, Fehler sind da keine erlaubt.
Nach ~150-200m an linksansteigender Querung erreicht man das Couloir, das rechts an den 'Chrumme Würm' vorbeiführt. Diese markanten Felsformationen sind wirklich sehr sehenswert und einzigartig. Teilweise könnte man sogar richtig Kaminklettern darin! Das Couloir ist meist so um 45 Grad steil, hier kann man sich wieder ein bisschen entspannen. Es geht darin ~140hm aufwärts, bis fast zur markanten Felswand hinauf, wo der grosse Quergang beginnt. Man hüte sich davor, bereits eine Etage zu tief nach rechts abzubiegen. Der Quergang ist mit einer Länge von ~800m eine halbe Weltreise. Es geht meist horizontal dahin, jedoch mit etwas Auf und Ab und auf der ganzen Strecke werden brutto ungefähr 50hm vernichtet (netto sind's wohl über 100hm). Die ersten 300m des Quergangs, bis man wieder oberhalb vom Chnorren-Sporn ist, sind dabei deutlich schwieriger wie der zweite Teil. Die Steilheit des Geländes erreicht bisweilen (je nach Schneeverhältnissen) 50-55 Grad. Gefühlt befindet man sich wie auf einem Kirchendach, unterhalb folgt nur noch Luft bis hinunter zum Klöntalersee. An sich technisch unschwierig, jedoch unglaublich exponiert, es gibt wenig Fehlertoleranz und sichern ist eigentlich unmöglich. Fixpunkte gibt's keine - wenn, dann müsste man sich mit mobilen Sicherungen oder Schlaghaken im Fels welche schaffen (die Felsstruktur eignet sich dafür nur bedingt!) oder T-Anker im Firn verwenden.

Im Couloir, das rechts an den 'Chrumme Würm' vorbeiführt. Himmelsleiter mit grandiosem Tiefblick zum Klöntalersee.
Erwähnt sei auch noch, dass es durchaus möglich ist, vom Chnorren direkt hinauf zu steigen. Dabei ist aber mindestens eine brüchige Felsstufe zu meistern, welche zwingend und eigentlich ohne Sicherungsmöglichkeit ein paar Züge im dritten Grad verlangt. Das ist sicher noch eine Spur ernster wie der Weg durchs Couloir bei den 'Chrumme Würm'. Wie auch immer, nach ein paar aufregenden Momenten ging's für uns einfacher dahin. Erwähnt sei allerdings, dass wir von richtig guten Schneebedingungen profitieren konnten. Es war zwar nicht richtig gefroren, dafür gab es schön tiefe und dennoch solide Tritte. Ebenso konnte man den Pickel solide im firnartigen Schnee versenken, so dass dieser beinahe einen Elefanten gehalten hätte. So fühlte man sich natürlich stets sicher. Eine ganz andere Dimension bekommt diese Querung, wenn der Schnee entweder seifig-rutschig oder hartgefroren ist - puh! Ebenfalls ungünstig ist natürlich, wenn es bereits ausgeapert hat. Der hervortretende Fels ist brüchig-schuttig-heikel.

Eine der zapfigeren Stellen im 800m-Quergang, die Exposition ist wirklich atemberaubend!
Gegen Ende wird das Gelände im 800m-Quergang einfacher. Hinter der Akteurin mit rotem Helm die 'Chrumme Würm'.
Vom Chnorren bis zum Beginn des Ausstiegscouloirs hatten wir schliesslich beinahe 2 Stunden gebraucht, wir mussten jedoch auch den ganzen Weg spuren. In Luftlinie wäre es eigentlich eine kurze Wegstrecke und nur gut 200hm, aber wie immer, alles ist eben relativ. Das Ausstiegscouloir ist übrigens problemlos zu finden. Hier gibt's keine Fragezeichen: es ist das erste, breite Couloir, wo ein hinaufsteigen einfach möglich ist. Mit dem Ende der Quererei war auch klar, dass man nun wieder Fahrt aufnehmen könnte, sofern noch genügend Saft  in den Beinen vorhanden ist. Immerhin warteten noch beinahe 500hm an Stapferei in idealem Trittschnee. Inzwischen hatten sich alle 6 Personen, welche an diesem Tag durch die Wand stiegen vereint. Erstens war man sich (wie erstaunlich, oder eben doch nicht?!?) bereits persönlich bekannt und zweitens funktioniert an solchen Orten das Teamwork ja sowieso meistens gut. Das Ausstiegscouloir ist wiederum eher von der 45 Grad-Sorte, daher problemlos. Der ominöse Klemmblock, der bei stärkerer Ausaperung zu Tage tritt und eine Umgehung rechts im Fels fordert, tauchte nicht auf - er war noch zugeschneit. Ansonsten gilt es einfach, immer im Hauptcouloir zu bleiben und keinen der nach rechts abzweigenden Äste zu wählen.

Das rund 45 Grad steile Ausstiegscouloir von unten...
...und von oben.
Schliesslich senkte sich die Horizontlinie und wir erreichten den Grat auf 2800m. Wieder einmal hatten wir den Nordwandmoment - jener, wo einem die Sonne das erste Mal ins Gesicht scheint. Spannend war's für uns natürlich noch aus einem anderen Grund. Hier würde sich bereits weisen, wie die Windverhältnisse im Gipfelbereich sein könnten. Es wehte eine leichte Brise aus NW, von der Stelle wo wir den Grat erreicht hatten, wäre ein Start möglich gewesen. Was für eine Erleichterung. So konnten wir frohen Mutes dem Gipfel entgegen schreiten. Über gerölligen, von unzähligen Steigeisen zerkratzten Fels ging es hinauf. Schliesslich war es gerade gut 9.00 Uhr, bis wir nach rund 5:00 Stunden Aufstieg die etwas fragwürdige, aus ortsfremdem Stein gefertigte, anbetonierte Gipfelbank erreicht hatten. Auch hier waren die Windverhältnisse unserem Flugvorhaben dienlich, somit konnten wir beruhigt Gipfelrast abhalten. Während wir oben waren, trafen auch gleich noch zwei Tourengänger die über den Guppengrat aufstiegen ein. Von der Normalroute kam hingegen niemand herauf.

Idealer Startplatz unmittelbar unter dem Gipfelkreuz vom Vrenelisgärtli.
Perfekte Bedingungen, ready to go!
Bevor sich unsere Mitstreiter an den noch sehr langen Abstieg machten, übergaben sie uns dankend ihre Autoschlüssel. So war es möglich, ihnen die Blechkarossen am See unten zu platzieren und sie ihnen damit wenigstens ein Stück weit näher zu bringen. Dies würde ihnen am Ende des Tages den Gegenanstieg von 250hm vom See hinauf zum Hinter Saggberg ersparen. Wir indessen präparierten unsere Schirme unmittelbar beim Gipfelkreuz. Der Schneehang weist hier optimale Neigung auf. Nachdem es nicht vereist war, konnten wir uns auch gleich der Steigeisen entledigen (eine Landung mit Steigeisen kann bei schlechten Verhältnissen problematisch und bei guten problemlos sein). Dass wir hier problemlos und sicher in die Luft kommen würden, daran gab's keine Zweifel. Es gab leichten Vorwind, der Hang war ideal - einfach loslaufen und schon war man in der dritten Dimension. Da hätte einem jeder Anfänger den Schirm stehlen können, nur gut dass diese dies nicht wussten ;-) Der Flug hinunter zum Ausgangspunkt war dann purer Genuss, obendrein bot er herrliche Ausblicke in die eben begangene Nordwand, mit etwas Morgenthermik liess er sich sogar ein wenig verlängen. Sanft setzten wir unmittelbar neben dem Parkplatz auf. Nun hiess es nur noch die Schirme zu falten. Bereits vor Mittag waren wir auf dem Heimweg, rechtzeitig zum Essen war ich um ein grandioses Abenteuer reicher daheim. So genoss ich den Nachmittag dann mit "what ordinary people do" - einem Besuch im Freibad.

Facts

Vrenelisgärtli - Chalttäli AD+ III 2a 45-55° - 1200hm - Erste Begehung fraglich, vermutlich 1899
Material: Seil & Sicherungsmaterial verzichtbar, 2 Pickel oder moderate Eisgeräte, Steigeisen, Helm

Sehr imposante Tour durch die insgesamt 2000m hohe Glärnisch Nordwand, welche auf der idealen Route nur mässige technische Schwierigkeiten beinhaltet. Im Fels wird der zweite Grad nicht überschritten, das Grasgelände hinauf zum Chnorren ist im Bereich T5/+ nicht haarsträubend und auch im stellenweise bis zu 55° steilen Firn muss man keine Wunderdinge vollbringen. Trotzdem darf man die Tour absolut nicht unterschätzen, vor allem weil sie über rund 1200hm permanent in Absturzgelände verläuft und viele exponierte Querungen aufweist, wo sicheres Steigeisengehen absolute Pflicht ist. Sichern ist in diesem Gelände über weite Strecken nahezu unmöglich, die Mitnahme von Seil und Sicherungsmaterial daher eigentlich obsolet. Wer sich's nicht zu 100% seilfrei zutraut, wählt besser einen anderen Weg auf's Vreneli. Weitere Anforderungen werden an die Wegfindung gestellt. Markierungen oder Spuren gibt's wenig bis keine - auch wenn der Weg an sich absolut logisch ist und stets dem Pfad des geringsten Widerstands folgt, so ist doch ein guter alpiner Orientierungssinn und etwas Selbstvertrauen vonnöten. Gefahren drohen auch durch Steinschlag und Schneerutsche, man plane den Zeitpunkt der Begehung also sorgfältig und breche tageszeitlich früh auf. Ideal ist's dann, wenn die Hänge bis zum Chnorren bereits aper sind, oberhalb auf den Bändern und in den Couloirs jedoch noch durchgehend guter Trittschnee liegt. Meist trifft man so grob von Mitte Mai bis Mitte Juni auf geeignete Bedingungen. Liegt harter Schnee bzw. Eis oder sind die Querungen und Couloirs bereits ausgeapert, so dass geröllbedeckter, brüchiger Fels zutage tritt, so steigen die Anforderungen deutlich an!