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Donnerstag, 11. Juli 2019

Piz Palü (3901m) - Bumiller (TD+)

Der Bumillerpfeiler ist die imposante Linie inmitten der Nordwand am Piz Palü, an prominenter Lage im Festsaal der Alpen. Somit ist es wenig erstaunlich, dass ich diese Tour schon lange Zeit auf dem Radar hatte. Dennoch blieb es in vielen Aspekten unklar, was einen hier erwarten würde. Der untere Teil wird gemäss Literatur und Web auf zig verschiedenen Routen angegangen. Wenn es in diesem Abschnitt doch so etwas wie einen Standard gibt, so ist es der durch Eisschlag vom grossen Hängegletscher als objektiv sehr gefährlich bekannte Weg durchs grosse Couloir. Vom Felsabschnitt im Mittelteil liest man auch allerhand, die Berichte reichen von ernsthafter, schlecht abzusichernder Steigeisenkletterei bis zu Genusskletterei in Kletterfinken an bestem Fels. Und zum Abschluss ist da noch die Eisnase, welche über die letzten Jahrzehnte zwar beständig abgebaut hat, ihre Morphologie aber auch heute noch von Jahr zu Jahr verändert. Somit blieb unklar, ob uns hier ein grimmiges Nordwand-Abenteuer bevorstünde, oder ob man eher im genüsslichen Bergsteigermodus unterwegs sein könnte...

Im Festsaal der Alpen! Blick von der Diavolezza auf den Piz Palü mit seiner Nordwand und unserer gekletterten Linie.
Überhaupt erst ins Gespräch gekommen war der Bumillerpfeiler in erster Linie als Weg zum einfachen und geräumigen Gleitschirm-Startplatz auf dem Piz Palü Hauptgipfel. Hier kommt man nach Norden, nach Westen und nach Süden problemlos weg, nur Ostwind ist ein ungünstiges Szenario. In den 2-3 Tagen vor der Tour zeichnete sich dann leider langsam ab, dass der Abstieg per Gleitschirm möglicherweise dem zu starken Nordüberdruck zum Opfer fallen würde. Da aber die Bedingungen für den Bumiller perfekt waren, wollten wir am Ziel festhalten. Um sicher noch geflogen zu sein, entschieden wir uns, auf der Anfahrt noch zum Schwendirain aufzusteigen. Bei einer feuchten Affenhitze ein schweisstreibendes Unterfangen! Umso besser, dass wir uns nach der Landung im Hirschlensee gleich wieder frisch machen konnten. Der Preis dieses Ausflugs war dann ein wenig Nervenkitzel, ob wir die lange Fahrt zur Diavolezza noch rechtzeitig beschliessen würden, um die letzte Bahn zu erwischen, oder ob 'Palü by fair means' die Devise wäre. Kurz bevor wir in die Bahn einsteigen konnten, schlug das Herz auf einmal ganz hoch im Hals. Nein, nicht weil wir zeitlich so knapp dran waren. Ein Kollege rief an, sein Tourenpartner sei auf einem Climb & Fly im Hochgebirge verschollen und möglicherweise abgestürzt. Was er nun auch bloss tun solle und ob ich Kontakt mit den Angehörigen aufnehmen könne. So stellte sich ein wenig die Frage, ob wir die Bahn nun tatsächlich besteigen sollten... glücklicherweise folgte bald die Entwarnung: der Verschollene hatte im Flug beim Fotografieren sein Handy fallen lassen. Zwar war er glücklich im Tal aufgesetzt, nur fehlte ihm leider die Möglichkeit, seinen sich noch am Berg befindenden Kollegen zu erreichen...

Tourenauftakt in der March. Da kam der Ultraleicht-Gleitschirm noch zum Einsatz.
Somit konnten wir doch noch guten Mutes den Abend auf der Diavolezza geniessen. Ich gönnte mir noch einen Spaziergang zum Sass Queder (3066m) und auf den Piz Trovat (3146m), von wo man einen idealen Blick auf den Gletscherzugang zum Bumillerpfeiler hat, den es tags darauf noch im Dunkeln zurückzulegen gilt. Danach genossen wir das edle 5-Gang-Menü, welches zur Halbpension hinzugehörte. Das grösste Fragezeichen in Bezug auf die Tour war nach wie vor das Fliegen. Der Nordüberdruck betrug noch immer gute 5hPa, was man gemeinhin als eine Föhnlage bezeichnet. Tagsüber war der Nordwind mit 35km/h im Mittel und 50er Böen über den Berninapass geprescht - Bedingungen, in welchem man im Notfall gerade noch so landen kann. Aber wenn man's schon weiss, so ist eher Verzicht angesagt. Für den nächsten Tag war eine leichte Besserung prognostiziert, so dass wir den definitiven Entscheid erst unmittelbar vor Aufbruch fällen wollten. Ebenfalls galt es noch zu entscheiden, wie wir den unteren Teil vom Bumiller anpacken wollten. A priori hatte ich die Einstellung, das objektiv gefährliche Couloir auf jeden Fall zu vermeiden und im Fels einzusteigen. Zum Zeitpunkt unserer Tour herrschte da noch ein grosses Wirrwarr an möglichen Routen und viel Unklarheit, welche sich auf meine Fragen und mein Feedback hin nach dem genialen Beitrag von Marcel Schenk der Bergsteigerschule Pontresina nun geklärt hat. Aber auch hier galt: vor Ort nachsehen würde uns die Routenwahl diktieren, auf der Diavolezza war die Entscheidung (Gelände, Bergschrund, Ausaperung) schlicht und einfach nicht zu treffen. Somit wollten wir am nächsten Tag so aufbrechen, dass wir am Fuss des Pfeilers auf jeden Fall bereits Tageslicht hätten.

Der Tag erwacht!
So läutete der Wecker um 3.15 Uhr und wir sassen ans opulente Frühstücksbuffett. Leider war mir ganz und gar nicht ums Essen, doch immerhin konnte ich dafür sorgen, dass ich ausreichend hydriert in den Tag startete. Ein Check auf dem Smartphone zeigte, dass der Nordüberdruck entgegen den Prognosen sogar wieder etwas gestiegen war und auch über den Bernina preschte der Wind nach wie vor. Somit blieb nichts anderes als die unpopuläre Entscheidung zu treffen: die Gleitschirme würden in der Diavolezza auf uns warten - immerhin ist der Fussabstieg vom Piz Palü ja eine ziemlich kurze Sache. So ging's also um 4.00 Uhr los auf dem Normalweg, d.h. die Flanke des Piz Trovat ostseitig mit ein wenig auf und ab queren. Wichtig: man betritt das Eis nicht (mehr) bei der Fuorcla Trovat (P.3017), wo man südseitig unangenehm abstiegen müsste, sondern überschreitet auch noch P.3039, um erst weit 500m weiter hinten bequem den Persgletscher erreichen zu können. Über das Eis ging es nun erst weiter dem Palü Normalweg entlang, den man erst beim felsigen Ausläufer des Piz Cambrena verlässt. Weiter geht's bis auf ca. 2900m absteigend westwärts, um dann wieder gegen den Fuss des Bumiller anzusteigen. Um 5.30 Uhr standen wir schliesslich bei ausreichend Tageslicht unter dem Pfeiler (ca. 3000m) und mussten die Entscheidung fällen, welcher Weg zu wählen sei.

Situation am Pfeilerfuss mit Topo der Einstiegsvarianten. Foto: M. Dettling, Topo: M. Schenk, Go Vertical
Es zeigte sich, dass die angedachte Couloir-Variante (unten grün, oben rot) nicht wirklich eine Option war. Der Schrund war an dieser Stelle unpassierbar und die Rinne auch bereits stark ausgeapert. Es war zwar vorstellbar, weiter links auf den Fels zu gelangen und dann irgendwie ins Couloir zu queren (rot). Informationen über diese Linie lagen uns zum damaligen Zeitpunkt aber nicht vor. Und so stellte sich die Frage, ob wir denn jetzt Experimente eingehen wollten. Auf die als brüchig berüchtigte Linie (blau, Tinner/Schenk), die über ganzen Vorbau links im Fels verläuft, hatten wir wenig Lust. Das Gelände sah doch reichlich wenig einladend aus und so wäre schon der erste Tourenteil ein ziemliches Geschnafel gewesen. So zogen wir etwas nach rechts... es war absolut ruhig, der Schnee perfekt gefroren, im Auslauf des grossen Couloirs waren keine frischen Ablagerungen zu sehen. Irgendwie schien es absolut logisch, nun einfach diesen (im Vornhinein ausgeschlossenen) Weg zu wählen. Also los! Klar, die objektive Gefahr dieses Einstiegsteils darf nicht verharmlost werden. Doch hält man sich erst links am Kegel und quert danach so bald wie möglich nach links auf die Schulter der roten Einstiegsvariante, so hält man sich maximal 10 Minuten im Hauptgefahrenbereich auf. Und bei kleineren Eisabgängen könnte man selbst in dieser Periode nach links ausweichend Deckung finden. Allerdings, sollte oben am Palü gleich die ganze Cremeschnitte abbrechen, so wäre man geliefert - allerdings hätte man bei diesem Szenario möglicherweise auch am felsigen Vorbau oder definitiv weiter oben auf der Tour ein massives Problem... 

Blick von unten, noch während der 'heissen Phase', auf den Weiterweg. Von der Position des Kletterers quert man nun nach links hinaus zur Schulter der roten Route des obigen Fotos und kommt sofort wieder in objektiv sicher(er)es Gelände.
Die Gegenperspektive von oben nach unten. Wie man hier erahnen kann, lässt sich auch der Aufstieg während der 'heissen Phase'  abseits oder zumindest ganz am Rand der Hauptrinne legen und man hätte stets die Möglichkeit, zur Seite hin auszuweichen. Da man sich nur wenige Minuten in diesem (relativen) Gefahrenbereich aufhält... ziehe jeder seine Folgerungen selber und wähle die entsprechende Route. Die Eis- resp. Firnhänge im Vordergrund sind rund 50 Grad steil.
Die Bedingungen waren perfekt zum Steigen, tragender, griffiger Firn. So waren wir bald im Bereich der Schulter der Einstiegsvariante in weniger exponiertem Terrain. Mit etwas Hin und Her hielten wir uns nun am (im Aufstiegssinn) linken Rand des Eisstrom. Einfacheres Terrain wechselte sich mit ein paar steileren Passagen ab, ein längeres Teilstück reichte vielleicht an die 50 Grad heran, die Crux eine kurze Eiskletterei von 60 Grad - in der Summe aber alles gutmütig und wie bereits geschrieben, in perfekten Verhältnissen. So erreichten wir, zuletzt über den schönen Firngrat in einer Stunde vom Einstieg bereits den Start des Felsteils (ca. 3450m). Inzwischen waren wir an der Sonne, die Temperaturen waren angenehm mild und auf einer bequemen, trockenen Terrasse konnten wir uns für die Felskletterei parat machen. Das heisst Wechsel von Bergschuhen und Steigeisen auf die Kletterfinken - wir hatten uns dafür entschieden und ich muss im Nachhinein sagen, das war eine ganz schlaue Entscheidung. Es warten doch Schwierigkeiten bis 5b in teilweise plattigem Granit. Klar, das ist auch mit Bergschuhen machbar, zur Not selbst mit Steigeisen. Aber es wäre Einsatz gefordert und hätte den Charakter von harter, alpiner Kletterei. Viele, die mit Bergschuhen gehen, lassen sich dann auch weiter vom eigentlichen Pfeiler in einfacheres, aber heikleres und viel weniger schönes Gelände abdrängen. Mit den Kletterfinken war es hingegen ein grosser Genuss, über die kompaktesten Felspartien in genussreicher Kletterei hochsteigen zu können.

So gut wie es geht hält man sich danach immer am linken Rand des Eisstroms den Felsen entlang, wo man sich in (relativer) Sicherheit wiegen kann. Der Ausblick zeigt schon den kecken Pfeiler des Felsteils, an welchem sich die ersten 4 Seillängen abspielen.
Fantastische Morgenstimmung beim Aufstieg über den Firgrat zum Felsteil hin. Die Aussicht schier grenzenlos!
Am Firngrat bei perfekten Bedingungen mit tollem Ausblick auf den Felsteil darob!
Rückblick auf den Firngrat - just simply fantastic!
Der Felsteil umfasst total 8 Seillängen à 50m. Zuerst folgen zwei plattige Sequenzen mit relativ freier Linie, welche zum grössten Teil selber abgesichert werden wollen (ca. 4b, bei direkter Linie auch 5a). Die dritte Seillänge führt dann an den Fuss des markanten Gratzackens. Hier ist die Linienführung mehr gegeben, ist die Kletterei doch recht steil und athletisch, ja erfordert das Erklimmen eines veritablen Dachs. Hier steckt etwas an fixem Material, die Schlinge am Dach weist von weither bereits den Weg. Am Stand treffen wir auf zwei deutsche Bergsteiger, welche uns umgehend passieren lassen. Im vierten Abschnitt (ca. 5a) quert man unter dem Gratzacken nach links hinaus und steigt dann diagonal aufwärts. Auch hier stecken Schlaghaken, allerdings wild verstreut. Während man sich nun deutlich unterhalb des Gratverlaufs in einfacherem Gelände halten könnte, wählen wir in der fünften Seillänge eine athletische und etwas wilde Linie in der kein fixes Material steckt zurück zur Gratkante (5b), die man in einer Scharte nach dem Zacken wieder erreicht. Der Gratkante entlang geht's mit einer sechsten Sequenz (5a). Zum Auftakt wartet eine Platte mit einem feinen Riss, die deutlich schwieriger ist, als es den ersten Anschein macht - umso mehr, wenn man nicht mit Kletterfinken unterwegs ist. Der Rest ist dann einfacher zu haben. Es folgen schliesslich zwei weitere Seillängen à 50m mit genussreicher Kletterei aber geringen Schwierigkeiten (3a-4a) zum Fuss der Eisnase, wo wir auf einer bequemen Plattform wieder auf die schneetaugliche Ausrüstung wechseln können. Der ganze Felsteil hat uns ca. 2:30h gekostet.

Calina folgt in L1 (4b) im Felsteil.
Ausblick auf L2 (5a). Tolle, selbst abzusichernde Granitkletterei, bei guten Verhältnissen ein grosser Genuss!
Wow, das ist einfach genial! Yours truly folgt in L2 (5a).
Steile Kletterei mit einem veritablen Überhang in L3 (5b). Oben am Stand die beiden deutschen Bergsteiger.
Umwerfend! Hammermässige Traverse unter dem markanten Gratzacken durch in L4 (5a).
Exposition total am Ende der Traverse unter dem Gratzacken (L4, 5a).

Steil geht's auch in L5 (5b) in die Höhe, hier wollen auch nochmals Überhänge geklettert werden :-)
Die mit einem feinen Riss durchzogene Platte zu Beginn von L5 (5a) hat es nochmals in sich!
Yours truly unterwegs in L7 (4a), die Schwierigkeiten nehmen im letzten Teil des Felsabschnitts ab.
Spot the climber! Calina unterwegs in L8 (3a) unter der drohenden Kulisse der Eisnase - einfach genial!
Tiefblick mit den letzten Metern im Fels, bevor wieder auf die Eisausrüstung gewechselt wird.
Die Eisnase selber erforderte früher steile, seriöse Eiskletterei. Durch den Rückgang des Hängegletschers wurde diese Passage stark abgemildert und kann nun sogar links in moderat steilem Gelände (50-55 Grad) umgangen werden. Wir wollen uns aber nicht lumpen lassen und wählen die ästhetisch-elegante Direktlinie. Die Steilheit erreicht ganz kurz um die 75 Grad, man kann jedoch perfekt schrauben, keine grosse Sache also! Nachher findet sich auch noch Eis, um bei "Seil aus!" einen Stand einzurichten. Ab dort können wir bereits wieder gemeinsam weitersteigen und es ist nur noch eine Konditionsfrage bis hinauf zum Gipfel. Einzig vor Spalten sollte man sich allenfalls in Acht nehmen, wir können jedoch von perfekten Bedingungen profitieren. So bin ich um 10.45 Uhr am Top, das wären rund 5:00h vom Pfeilerfuss oder 6:30h ab der Diavolezza - das ging ja ganz fix! Wir profitieren von den angenehmen Bedingungen. Der Wind präsentiert sich hier auf's erste ganz gutmütig, ein Start mit dem Gleitschirm wäre gut möglich (aber heimtückisch!) gewesen, das Gelände präsentiert sich wie erhofft und recherchiert als perfekt.

Den steilsten Teil der Eisnase eben überwunden! Wer will, kann's rechts noch steiler haben, wäre aber ziemlich gesucht!
Ausstieg aus der Eisnase.
Oben - Zeit zum Geniessen!
Nun denn, unsere Schirme haben wir (richtigerweise!) nicht dabei, also geht's zu Fuss weiter. Die Spur hinüber zum Ostgipfel ist perfekt. Dort können wir noch einen richtig lässigen Tiefblick auf den Ostpfeiler werfen - auch schon 25 Jahre her, seit ich hier raufgeklettert bin! Über den Normalweg geht's dann abwärts. Stellenweise ist die Firnauflage dünn, d.h. das Eis nicht weit weg, aber man kann auch hier von guten Bedingungen sprechen. In der Scharte auf der Ostschulter geht plötzlich ein heftiger Wind, schon beinahe in Sturmstärke. Da wissen wir wieder genau, warum man bei einer Föhnlage nicht Gleitschirmfliegen soll. Wir binden uns wieder ans Seil und steigen über den spaltenreichen Gletscher ab. Noch immer kommen uns viele Leute entgegen, die von der ersten Bahn auf die Diavolezza gestartet sind. Mit dabei sind auch Alleingänger mit völlig unzureichender Ausrüstung - manchmal schon erstaunlich, dass solche Eskapaden wohl doch meist gut ausgehen. Ohne Schwierigkeiten erreichen wir das Ende des Gletschers und nach einer halbstündigen Wanderung um den Piz Trovat herum sind wir um 12.30 Uhr zurück auf der Diavolezza. Macht total 8:30h für die ganze, überaus lässige Runde, die man an diesem Tag gerne zum Genre Plaisirbergsteigen zählen darf.

Luftige Überschreitung vom Hauptgipfel zum Ostgipfel hinüber. Dank perfekten Bedingungen problemlos!
Ciao Amici! Italienische Seilschaft auf den letzten Metern zum Gipfel am Palü Ostpfeiler.

Facts

Piz Palü (3901m) - Bumillerpfeiler (TD+, 5b, 60 Grad, 900hm) - Bumiller et al. 1887 (!!!)
Material: 1x50m Seil, Cams 0.3-2, Keile, Kletterfinken, Steigeisen, Eisgeräte, 4-6 Schrauben

Grandiose Tour auf eindrücklicher Pfeilerlinie mitten durch die Nordwand am Piz Palü an prominenter Lage im Festsaal der Alpen. Nach einem moderaten Zustieg steht man vor der Wahl, den mässig attraktiven Vorbau im Fels zu gehen oder ihn rechts schneller und bequemer durch das grosse, jedoch objektiv nicht sichere Couloir zum umgehen. Danach folgt nur noch genussreiches Bergsteigen. Ein Firngrat, 400m an Kletterei in perfektem Granit, eine steile Eislänge und zum Schluss noch 200hm Gletscherwanderung. Es lohnt sich, auf gute Bedingungen zu warten, d.h. bis die Felslängen aper und sonnengewärmt sind, aber auf dem Rest trotzdem noch überall guter Firn präsent ist. Dann kann man im Fels in grandiosem Ambiente mit den Finken in die Höhe tänzeln und den Rest der Tour zügig erledigen. Trifft man hingegen auf verschneite und/oder vereiste Platten, so bekommt der mittlere Tourenteil eine ganz andere Dimension und Ernsthaftigkeit. Normalerweise trifft man zu Beginn der Sommersaison (Mitte Juni - Mitte Juli) auf die besten Bedingungen.

Freitag, 20. Juli 2018

Piz Cambrena (3606m) via Cresta d'Arlas

Nachdem es 10 Tage zuvor bei der genialen Tour über den Bumillerpfeiler zum Piz Palü mit dem Gleitschirmflug wegen einer Nordföhnlage nicht geklappt hatte, gab es nun plötzlich Gelegenheit, diese Scharte auszuwetzen. Nein, dem Bumiller wollte ich natürlich nicht ein zweites Mal begehen und auch der Weg zum Piz Palü blieb mir als Sologänger verwehrt. Hingegen lässt sich der unweit davon gelegene Gipfel des Piz Cambrena sehr gut auch im Alleingang erreichen. Wie auf dem Piz Palü sind auch hier formidable Startmöglichkeiten für den Gleitschirm vorhanden.

Sicht auf die ganze Tour mit dem Arlas-Grat und den Cambrena-Firnfeldern von der Scharte zwischen Sass Queder und Piz Trovat. 

Grandiose Sicht zu Piz Bernina, Piz Morteratsch und Konsorten, sowie dem Persgletscher.
Der Piz Cambrena wird meist über die inzwischen stark abgeflachte Eisnase begangen, mit der Abstiegsvariante über die Cresta d'Arlas ergibt sich eine lässige Rundtour. Aber da ich ja den Rückweg fliegend antreten wollte, musste ich mich für eine der beiden Routen entscheiden. Nachdem auf dem Weg via die Eisnase eine gewisse Spaltengefahr gegeben ist und mich die Kletterei am Piz d'Arlas zusätzlich reizte, war die Wahl schnell getroffen. Etwas unklar waren mir a priori, wie die anzutreffenden Schwierigkeiten wohl sein würden. Beim Abstieg via die Cresta d'Arlas wird nämlich vom Gipfel 1x25m in steilem Gelände abgeseilt - hier würde ich dann hochklettern müssen.

Sicht von Nordgipfel (3375m) des Piz d'Arlas auf das Restprogramm. Erst ist der Grat einfach zu begehen...

...später warten auch einige Passagen, wo man luftig kraxeln muss.
Meine Tour startete mit der ersten Bahn um 8.20 Uhr zur Diavolezza. Es sei noch erwähnt, dass ich sowieso gerade mit der Familie in der Gegend war, sonst hätte ich den weiten Weg für diese doch recht kurze Tour wohl kaum auf mich genommen. Und da wir am Vortag alle zusammen die lange Klettertour über die 'Schildkröte' (14 SL, 500m, 6a) am Piz Frachiccio unternommen hatten, waren die meisten in der Familie froh um noch etwas Erholungszeit. Um 8.40 Uhr schaltete ich schliesslich den Tracklog auf der Diavolezza ein. Der Weg um den Piz Trovat herum war mir natürlich noch bestens bekannt. Man geht genau bis zu jener Stelle, wo man für die Tour zum Piz Palü den Gletscher betritt (0:25h ab Diavolezza).

Die Schlüsselstelle, der Aufschwung zum Südgipfel (3466m) des Piz d'Arlas kommt langsam in Sicht...

...hier nun aus der Nähe fotografiert. Hier müssen ca. 30m nichttrivial im +/- vierten Schwierigkeitsgrad geklettert werden.
Nun gilt es jedoch, weiter dem felsigen Grat zu folgen. Ein erstes Fort wird rechts entweder im Geröll oder im Randbereich des Eises umgangen. Dann gilt es, den Kamm wieder zu ersteigen. Dieser Abschnitt ist wenig erquicklich. Hier muss wohl in jüngerer Vergangenheit einmal ein Bergsturz niedergegangen sein. Es gibt viel loses Material, alles ist in Bewegung, schwierig ist's aber nicht weiter, nur die beste Route ist nicht gut ersichtlich. Wieder auf dem Kamm geht's dann zügig vorwärts über den Geröllrücken hinauf zum Nordgipfel des Piz d'Arlas (3375m), wo ich gerade 1:00h nach Aufbruch bei der Diavolezza eingetroffen war. In diesem Abschnitt trifft man meist auf recht gut ausgeprägte Pfadspuren, die Schwierigkeit bewegt sich im T4/T5-Bereich

Sicht vom Südgipfel des Piz d'Arlas (3466m) auf das Cambrena-Plateau. Hinauf zum (linken) Ostgipfel kann man inzwischen bereits fast durchgehend im Fels aufsteigen und muss den Firn nicht mehr zwingend betreten. Wobei dieser sofern man sich ganz am Rand hält auch keine Spalten aufweist.

Der Piz Palü mit seinen Pfeilern. Erinnerungen an die grandiose Tour über den Bumiller nur 10 Tage zuvor kommen auf.
Die Fortsetzung erfolgt über den +/- horizontal verlaufenden Grat. Man lasse sich dabei nicht in die Flanken hinunterdrängen. Die Begehung ist ein grosser Genuss, teils im exponierten Gehgelände, teils kraxelnd. Es dauerte nicht lange, bis ich unter der Crux stand, eben dem Steilaufschwung zum Südgipfel des Piz d'Arlas (3466m). Dieser machte tatsächlich Eindruck, denn hier gilt es tatsächlich 30 steile Meter echt zu klettern. Direkt an der Kante dürfte das tatsächlich ein Vierer sein: steil, griffig, guter Fels, eine lässige Turnerei. Etwas zutrauen in seine Kletterfähigkeiten ist hier durchaus vonnöten, sonst wird das nix. Fixes Material steckt übrigens keines, oben befindet sich jedoch ein gebohrter (Abseil-)stand. Und als letzter Hinweis noch: eventuell kann man die Passage linkerhand in der Flanke einfacher haben. Das wäre aber weniger elegant und die Felsqualität ist bestimmt auch schlechter (sprich etwas schuttig-brüchig).

Sicht vom Cambrena-Westgipfel (3606m) auf den Ostgipfel (3601m). Die Schartentiefe ist rund 40-45m, also zwei echte Gipfel!

Ideale Verhältnisse für einen Start  mit dem Gleitschirm. 15km/h Wind aus korrekter Richtung und Platz zum Verschwenden.
Nur gerade 25 Minuten hatte der Weg von Nord- zum Südgipfel des Piz d'Arlas gebraucht, nun ging's vorerst im leichten Fels abwärts zum Sattel, welcher diesen Berg mit dem Piz Cambrena verbindet. Auch hier musste man nur wenige Schritte auf den Schnee treten, sondern konnte gleich linkerhand auf dem Geröllrücken bequem aufsteigen. Erst auf dem letzten Höhenmetern hinauf zum Ostgipfel vom Piz Cambrena (3601m) musste man zwingend in den Firn. Doch dieser war schön trittig, weder hart noch weich, da hätte man die Tour sogar wirklich auch in Turnschuhen angehen können. Immerhin blieb mir so die Montage der Steigeisen erspart. Nachdem ich auf dem Ostgipfel kurz Umschau gehalten hatte, ging's gleich weiter zum Westgipfel (3606m). Dazu sind gut 40hm Abstieg und Wiederaufstieg nötig. Doch noch vor der 2-Stunden-Marke hatte ich das Top erreicht, noch dazu gehörte der ganze Berg mir!

Ready to go!

Landed! Der Ausgangspunkt weit entfernt unmittelbar links vom Bahnmast zu sehen.
So konnte ich gemütlich Umschau halten, zu pressieren gab es jetzt nichts mehr. Die Flugbedingungen waren offensichtlich perfekt und an guten Startplätzen mangelt es am Cambrena definitiv nicht. Einzig wenn der Wind aus SE-SW kommen sollte, so wird es prekär. Allerdings befindet man sich dann auch grossräumig im Lee, eine Nordlage ist hier definitiv vorteilhafter. Flugs hatte ich meinen Schirm präpariert und weniger später war ich auch schon in der Luft. Um die Rundtour zu komplettieren, flog ich über die Eisnase ab. Später, über dem Piz d'Arlas Nordgipfel, konnte ich nochmals auf 3600m aufdrehen und schön die ganze Runde Revue passieren lassen. Dann hiess es aber ab ins Tal. Zur Zeit meiner Landung um 11 Uhr nahm das Talwindsystem schon an Fahrt auf. Ich konnte zwar noch sanft und auch fast turbulenzfrei landen, zwei, drei Stunden später ist das jedoch um diese Jahreszeit sicher nicht mehr der Fall. So endete meine Tour nur gut 2:30h Stunden nach dem Beginn unmittelbar neben dem Parkplatz. Fast schon frech, in einer solch kurzen Zeit eine so lässige Tour über vier hochalpine 3000er gemacht zu haben :-)

Facts

Piz Cambrena via Cresta d'Arlas (AD, 4a, 700hm)
Material: Turnschuhe reichen ;-). Im Ernst: Leichtsteigeisen, evtl. Pickel, evtl. 1x40m-Seil, Cams

Interessante, kurze Hochtour im Festsaal der Alpen. Bis hinauf zum Südgipfel des Piz d'Arlas (3375m) bewegt man sich meist auf Wegspuren in unschwierigem, gerölligem Gelände. Danach folgt die interessante Gratüberschreitung mit der Crux zum Schluss, dem steilen Aufstieg zum Südgipfel des Piz d'Arlas (eine Seillänge à 30m, ca. 4a, kein fixes Material vorhanden. Wer sichern will, muss ein Sortiment Cams mitbringen). Weiter geht's wieder über leichten Fels und zuletzt im Firn zum flachen Gipfelplateau des Piz Cambrena. Ideale Startplätze in den Expositionen W über N bis E. Vorsicht, bei Nordüberdruck prescht der Talwind sehr heftig durchs Berninatal, ab Mittag muss man locker mit 30km/h Mittelwind und 50km/h in Böen rechnen! 

Sonntag, 11. Februar 2018

Skitour Piz Fliana (3281m)

Ja, wir zahlten einen Preis, weil wir unbedingt einen hohen Gipfel besteigen wollten. Nämlich jenen, dass dieser den ganzen Tag über eine Wolkenkappe auf hatte und die Aussicht dementsprechend sehr stark eingeschränkt war. Da hätte man auf einem niedrigeren Voralpengipfel definitiv eine längere und sonnigere Gipfelrast abhalten können. Es ist aber nicht so, dass sich die Tour deswegen nicht gelohnt hätte. Die Idee mit der ~30km langen Silvrettadurchquerung von Guarda im Unterengadin nach Klosters im Prättigau war eindrücklich und sehr lohnend - die meiste Zeit waren wir sogar an der Sonne und lohnend Skifahren liess es sich auch.

Die Tour beginnt mit einem flachen Aufstieg durchs Val Tuoi.
Die Tour begann in Schellenurslis Zuhause, mitten im Dorf Guarda. Erst geht's auf präparierter Piste los, danach weiter flach hinein ins Val Tuoi. Dieser Abschnitt bringt viel Distanz (~7km) aber nur 600m Höhengewinn mit sich. Während ich sonst das Beschreiten langer, flacher und einsamer Täler im Winter durchaus mag, war's hier ein wenig mühsam. Die Spur war aufgrund von Fussgängern, Schneeschuhläufern und Lawinenbollen meist unruhig, beständig ging's etwas auf und ab, das schöne, rhythmische Schreiten kam nicht so oft zum Zug. In ca. 1:40 Stunden schafften wir es zur Chamanna da Tuoi, wo wir eine Pause und einen Umtrunk geplant hatten. Leider war jedoch der Wirt gerade nicht zugegen, so dass wir alleine in der Stube sassen und unseren Rucksack plündern mussten.

Die Chamanna da Tuoi ist erreicht. Die Hütte war offen und geheizt, der Hüttenwart aber kurzfristig abwesend.
Die nächste Etappe führt nach einer kurzen Abfahrt dann steiler weiter. Vis-à-vis der Hütte geht's anhaltend an und über der 30-Grad-Grenze hinauf zur Verflachung von Cronsel (2700m). Hier konnten wir von einer Spur profitieren, welche 2 von der Hütte aufgebrochene Tourengänger gelegt hatten. Dann hiess es für uns links abzweigen. Über einen steilen Nordhang (35-40 Grad) gilt es, den namenlosen Gletscher in der Ostflanke des Piz Fliana zu erreichen. In dessen erster Stufe (40-45 Grad) lag eine sehr mühsame, rutschige Pulverauflage auf kompaktem Untergrund. Bald wurde uns der Aufstieg mit Fellen zu bunt und wir bewältigten 100hm zu Fuss mit den Skis am Rucksack. Danach legt sich das Gelände etwas zurück und wir gelangten fellend unter die steile Schlusspartie (40-45 Grad), die in den Sattel am Nordgrat des Piz Fliana hinaufführt. Diese war mit Ski gangbar.

Eindrückliches Gelände bei Cronsel (2700m), hier zweigt die Route zum Piz Fliana über den ostseitigen Gletscher ab.
Vom Sattel (ca. 3150m) konnte man mit den Ski noch zwischen den Steinen hindurch etwas aufsteigen, nach rund 50hm war dann aber Schluss. Zu Fuss ging's weiter auf einen flachen Gratabschnitt auf ca. 3220m. Dort setze dann der echte Nordgrat zum Gipfel an. Dieser bietet leichte Kletterei (max. UIAA II) über teils etwas plattige und verschneite Felsen. Meist ist die Sache unschwierig, zwei etwas komplexere Passagen stellen sich jedoch in den Weg. An jenen sind die Felsen abschüssig und wenig gestuft und da der Grat doch ziemlich exponiert ist, fühlte sich das nicht ganz trivial an, erst recht dann im Abstieg. Aufgrund der Natur des Geländes waren für uns Steigeisen und Pickel nicht zwingend nötig - doch ausser wenn man über genaue Infos verfügt, dann macht es hier wohl Sinn, sie auf jeden Fall zur Tour mitzunehmen. 

Eindrückliches Tourengelände, so haben wir es gern. Dieser Abschnitt ist bereits bis zu 40 Grad steil.
Auf dem Gipfel, wo es wie bereits beschrieben dick neblig war, hielten wir uns nicht lange auf. Der Aufstieg hatte uns von Guarda insgesamt doch fast 4:30h gekostet. Klar sind es netto nur gut 1700hm, aber eben auch einiges an Distanz und viel Gelände, wo die Höhenmeter nicht einfach so dahinpurzeln. Vorsichtig stiegen wir zurück zum Skidepot, zurrten alles fest und machten uns an die Abfahrt. Vom Sattel 3150m wollten wir über die 40-45 Grad steilen Nordhänge nach NW zum Vadret Tiatscha abfahren. Gute und absolut sichere Verhältnisse sind hier Bedingung, der Hang bricht unten in Felsen ab und man fühlt sich ganz schön exponiert. Der Schnee war hier schön pulvrig, doch auch wenn wir nun wieder ausserhalb vom Nebel waren, war es hier um die Sicht nicht zum allerbesten bestellt. Bei rund 2760m kamen die Skis zum stehen und wir zogen erneut die Felle auf.

Aufstieg über den exponierten Nordgrat am Piz Fliana, Fehler sind hier keine erlaubt!
Der gang hinauf zum Verstanclator ist an sich weder weit (ca. 1km, 160hm), doch hier drückte die Bise den Nebel hinauf, so dass wir in ein wahres Whiteout gerieten. Sich beim Weg in die Lücke zu verirren ist zwar nur schwerlich möglich, trotzdem war's angenehm, mit dem GPS jederzeit zu wissen, wo man sich gerade befand. Bald erreichten wir den Einschnitt und konnten abfellen. Freudig stellten wir fest, dass der Nebel hier endete und für die lange Abfahrt nach Klosters Sonnenschein und beste Sicht herrschen würde. Um die Schneeverhältnisse war es auf den obersten 400hm jedoch nicht ideal bestellt. Der Schnee war eher decklig und es gab nur hier und da ein paar schöne Schwünge. Unterhalb von 2500m trafen wir dann jedoch auf besten, gesetzten Pulver und konnten beschwingt durch das einsame und noch komplett unverspurte Gelände cruisen.

Gipfel erreicht! Trotz Whiteout ein schönes Erlebnis, mit Panorama wäre es aber zweifellos noch besser gewesen!
Auf etwa 1670m verflacht sich das Gelände dann zusehends und es gilt in ~6km Flachlauf die Ebene der Alp Sardasca zu queren. Die Höhendifferenz auf diesem Abschnitt beträgt nur 100m. Wenn noch keine Spur oder kein kompakter Schnee liegt, ist man sehr gut daran beraten, nochmals die Felle aufzuziehen. In Unkenntnis der genauen Gegebenheiten und in der Hoffnung, dass hinter der nächsten Ecke wieder mehr Gefälle warten würde, verzichteten wir darauf. Schlussendlich musste der Vorangehende jedoch ziemlich durchgehend "watscheln", der Zweite konnte immerhin hier und da auf die etwas kraftsparendere Technik mit Doppelstockstössen setzen. Jedenfall waren wir äusserst froh, als wir wenig oberhalb von Novai auf die Abfahrtsspuren vom Roggenhorn trafen, was ein wieder bequemeres Fortkommen erlaubte.

Die Abfahrt vom Verstanclator nach Klosters ist lang, einsam und eindrücklich - sehr empfehlenswert!
Über eine Stufe wo es "wieder fährt" gelangten wir hinunter nach Novai. Bis hierher sind von Klosters Langlaufloipen und Winter-Wanderwege gespurt. Trotzdem sind es nochmals ~7km bei 180hm Höhenverlust. Von alleine läuft's da nicht, Skating-Technik ist gefragt. Nach knapp 8h on the move wurde dann aber schliesslich das Ziel in Klosters erreicht. Zurückblicken konnten wir auf eine lange und erlebnisreiche Reise mitten durch die Silvretta. Auch wenn Meteo und Schnee nicht zu 100% top waren, so war das doch eine sehr schöne Skitour mit tollen Emotionen, viel Abwechslung, grandioser Landschaft und stiebenden Skischwüngen.

Tolle Stimmungen, geniale Landschaft und lässiges Skigelände.

Facts

Route: Guarda - Chamanna Tuoi - Piz Fliana - Verstanclator - Klosters
Rund 30km Distanz mit 1900m Aufstieg und 2400hm Abfahrt, Schwierigkeit S
Material: Skitourenausrüstung, Steigeisen/Pickel für Gipfel empfohlen, evtl. Seil
Fazit: Lange Silvrettadurchquerung mit imposantem Gipfel, konditionell anspruchsvoll

Unsere Route, so quasi 1x Vereina hin und zurück. Quelle der Karte: map.geo.admin.ch

Samstag, 14. Januar 2017

Cascata da Cavloch (WI5)

Der Winter hatte lange auf sich warten lassen, doch just jetzt wo die Gelegenheit zum Eisklettern da war, schüttelte Frau Holle ihre Kissen wie verrückt. In weiten Teilen der Schweizer Alpen war die Lawinengefahr auf Stufe 4 und bei Neuschneemengen von bis gegen 100cm macht das Eisklettern auch nicht mehr so richtig Spass. Von diese Wetterkapriolen einigermassen ausgenommen waren die Bündner Südtaler. Hier fielen nur 10-15cm Schnee, die Lawinengefahr blieb auf Stufe 2, da ging noch was. In unserem Fall die formidable Cascata da Cavloch, sie bietet 250m genüssliches Eis und einen Couloiraufstieg von 150hm, welchen man seilfrei gehen kann.

Der Blick auf die Cascata da Cavloch (WI5), da wird dem Eiskletterer warm ums Herz!
Nun ja, das Engadin und erst recht das Val Forno liegen leider von mir daheim aus nicht gerade um die Ecke. Da aber mein Seilpartner sowieso auf dem Weg ins Engadin war, wollte ich die weite Reise anpacken. Auf der langen Bahnfahrt zurück (welche genau jetzt stattfindet), bleibt dann ideal Zeit für den Tourenbericht, das Erledigen der Korrespondenz und etwas Arbeit. Wie beschrieben, nach Maloja ist es ja eh schon ziemlich weit. Nicht kürzer wird die Fahrzeit natürlich, wenn man mit einem Wohnmobil und dann gerade noch im heftigsten Schneetreiben unterwegs ist. Das Tempo war meist beschaulich, auch sonst lief nicht alles glatt. Beim Ketten aufziehen gab's prompt einen Defekt, stecken gebliebene Fahrzeuge sorgten für weitere Verzögerung. Aber um 11.30 Uhr liefen wir dann schliesslich in Maloja los, dies notabene bei milchig scheinender Sonne.

Monochrome Töne bei unserer Wanderung in das Val Forno hinein - geniale Stimmung!
Der Zustieg wird in den Kletterführern mit 2 Stunden angegeben, eben kurz ist die Cascata auch nicht wirklich und so hiess es vor allem eins: Gas geben und Stirnlampe einpacken. Das Strässchen zum Lägh da Cavloc ist im Winter als Wanderweg und Langlaufloipe präpariert, hier kann man immer zu Fuss gehen. Nach 35 Minuten war der zugefrorene See erreicht und die Kaskade rückte ins Blickfeld. Super sah es aus, was die Motivation zum Einstieg heraufzukeuchen gleich nochmals erhöhte. Etwa 100m nach dem (geschlossenen) Restaurant verlässt man den Weg, überquert die Ebene gegen den Eisfall hin, traversiert den Fluss und dann sind es noch ca. 160hm zum Einstieg. Bei viel Schnee kann dieser Aufstieg sicher anstrengend sein, Skis oder Schneeschuhe mitzunehmen lohnt sich aber vermutlich doch eher nicht. Lawinentechnisch ist's unkritisch, die Hänge sind unter 30 Grad steil. Nach einer Stunde ab dem Parkplatz hatten wir den Einstieg erreicht. Nun hiess es aufrödeln und Achtung, Fertig, Los! Um möglichst effizient voranzukommen wollte, ich die ganze Route vorsteigen.

Die Perspektive von dort, wo es bald losgeht! Hier sichtbar die ersten 2 Seillängen, total ca. 80 Klettermeter.
L1, 40m, WI3+: der untere Teil der Cascata sieht super aus und klettert sich auch so. Extrem breit gewachsen, homogen in der Steilheit, absatzlos, super Ambiente. Es lohnt sich, bereits etwa nach 40m bei einer Verflachung Stand zu machen. Nachher kommt nicht so bald wieder eine gute Gelegenheit und bis zum Ende des ersten Abschnitts sind's vom Einstieg rund 80 Klettermeter.

Sven folgt in L1 (WI3+), super Ambiente an diesem riesigen Eismonster.
L2, 40m, WI3+: ähnlicher Charakter wie die erste Länge. Nie extrem, immer gut zu machen und ein grosser Genuss. Das Eis war von guter Qualität, der neu gefallene Schnee störte nicht gross. Je nach Linienwahl softer oder härter - aber gang geng gredi ist hier doch die richtige Strategie.

L3, 50m, WI3-4: erst ein kurzes Flachstück über Schnee, dann leichtes Eis und schliesslich ein Aufschwung. Je nachdem, ob man links herum die schwächste Linie wählt oder lohnend direkt hinaufklettert, variiert die Schwierigkeit zwischen WI3 und WI4. Stand macht man, wo das Eis aufhört und das Schneecouloir anfängt.

Ausblick auf L3, die Tigerlinie checkt bei etwa WI4 ein, mit Auskneifen ist's auch einfacher zu haben.
L4, ca. 150hm, WI2 und 40-45 Grad: Die ersten Meter von der unteren Kaskade weg können heikel sein und sind exponiert, allenfalls kann man an den Büschen rechts oben nochmals nachnehmen. Das Couloir zum oberen Abschnitt hinauf kann man bei geeigneten Verhältnissen gut seilfrei begehen. Es stellen sich 2 Eisstufen (5m, 15m) in den Weg, wo man auch sichern könnte.

Blick vom Ende von L3 auf die obere Stufe (links WI5, rechts WI4). Von hier sieht das alles bubieinfach aus und das Couloir beinahe flach. Wie so oft, die Perspektive täuscht. Wer es auf diesen 40 Grad steilen Schneehängen im Vordergrund ganz dumm anstellt, kann sogar einen nicht zu stoppenden Sturz fabrizieren.
L5, 50m, WI5: im oberen Teil gibt es 2 Varianten. Links die Kerze, welche auf etwa 20m nahezu senkrecht ist und mit WI5 bewertet wird. Die etwas weniger steile Mauer rechts geht als WI4 durch. Wir wählten die Kerze, welche an sich tiptop zu beklettern war - wobei es wie immer einen ziemlich grossen Unterschied macht, ob man eine WI5 als allererster klettert oder man wie z.B. in Kandersteg oder Cogne schon alles schön ausgehackt vorfindet. Teilweise tropfte es auch noch, ich konnte nicht immer ausweichen... und prompt gab's nasse Handschuhe und bei Temperaturen von -12 Grad prompt einen so richtig vaterländischen Kuhnagel.

Schwierig einzufangen, wie die WI5-Länge wirklich ist. Jedenfalls auf 20m kompromisslos steil!
L6, 25m, WI2: Wenn es (noch) nicht allzu viel Schnee hat, kann man noch in einfachem, gestuftem Gelände bis zum Ende des Eises klettern. Im Vergleich zu den vorherigen Seillängen fällt diese ab, andererseits ist sie auch schnell erledigt.

Wen erstaunt's, bis wir oben waren war es 17 Uhr und es ging mit dem Tageslicht natürlich schon rapide dem Ende entgegen. Das war von vornhinein klar, aber deswegen auf die Cruxlänge zu verzichten wäre auch schade gewesen, vor allem weil das Abseilen im Dunkeln jetzt ja auch kein grösseres Hindernis darstellt. Eingerichtet ist allerdings rein gar nichts, und man muss zwingend Abalakovs drehen. Einige hatte ich im Aufstieg schon vorbereiten können, trotzdem zieht es sich. Im Couloir sind wir soweit wie möglich zu Fuss abgestiegen, die beiden Eisstufen und das letzte Stück zur unteren Kaskade seilt man jedoch sinnvollerweise ab, was dann insgesamt 8 Manöver und eben auch Abalakovs ergibt. Prompt passierte der nächste Event mit leichtem Sch...-Faktor: wir hatten beide einen Draht dabei, beide sind zerbrochen. Kruzifix nochmal! Somit dauerte es halt dann doch ein bisschen länger, bis das Seil jeweils ergrübelt war. Aber spielte ja keine Rolle mehr, es war ja eh schon dunkel. Ein Hinweis noch, falls jemand demnächst hingeht: ich habe nur bei den abziehtechnisch kritischen Abseilstellen eine Schlinge gefädelt, bei den anderen haben wir das Partieseil durchgezogen.

Eine letzte Impression von der Cascata da Cavloch.
Ohne Pause und mit dem kompletten Gear auf Mann traten wir dann den Rückweg an. Der zog sich gefühlt noch ziemlich in die Länge! Schon erstaunlich, wie kurz einem der Zustieg vorkommen kann, wenn man topmotiviert und voller Vorfreude auf eine Tour ist. Aber auch den Rückweg haben wir natürlich geschafft. Blöd war dann hingegen eher, dass der Wagen nicht mehr ansprang, als der Zündschlüssel gedreht wurde. Nochmals etwas Aufregung, etwas hin und her. Schliesslich klappte es aber doch noch und wenn ab jetzt nichts mehr schiefgeht, dann lege ich mich auch bald schon gehörig müde ins Bett. Ja, heute war nicht ganz alles rund gelaufen, aber auch nichts entscheidendes schief. Der Plan mit der Cascata da Cavloch war jedenfalls super aufgegangen und hatte eine höchst zufriedenstellen Eisklettertag ergeben.

Abstrakte Kunst? Tja, heute war nicht alles rund gelaufen, nur meine Schlinge rund gefroren. Aber ein super Tag!
Facts

Val Forno - Cascata da Cavloch (TD- III WI5 45°) - 5 SL, 250m Eis + 150hm Schneecouloir - ****
Material: 2x50m-Seile, 12-16 Schrauben, Material für Abalakovs

Eher selten begangener Eisfall im landschaftlich schönen Val Forno. Dass hier nicht viele Besucher vorbeikommen, liegt natürlich an der Lage weit abseits der grossen Ballungszentren. Teilweise sind auch die Angaben in den Kletterführern etwas pessimistisch ausgefallen. Natürlich kann man auf dem Zustieg zwei Stunden verbraten, vor allem wenn sehr tiefer Schnee liegt. Eigentlich sind es aber nur gerade 250hm Aufstieg, so dass es auch in einer Stunde zu machen ist. Wenn es sehr viel und tiefen Schnee hat, ist man hier sowieso nicht unbedingt am richtigen Ort. Es handelt sich um alpines Gelände in der steilen Westflanke des Piz da la Margna (3159m). Die Exposition ist WSW, somit ist auch zu berücksichtigen, dass hier ab Mittag die Sonne diese Hänge erreicht. Darüber hinaus erachte ich die Cascata da Cavloch aber nicht überaus extrem lawinengefährdet. Die Hänge zum Einstieg und oberhalb der zweiten Stufe sind weniger als 30 Grad steil. Das Couloir dazwischen hingegen schon, überaus kritisch ist es jedoch sicher nicht. Trotzdem sollte man hier schon wissen, was man macht. Es ist sicher keine jederzeit machbare Plaisirtour unmittelbar neben der Strasse - sondern eine genüssliche Eistour in alpinem Ambiente, wo man auch für Standplätze und den Rückweg über die Tour komplett auf seine eigenen Fähigkeiten vertrauen muss.