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Dienstag, 21. Juli 2026

Rigi Hochflue - Via Päuklid (6b)

Schon in meinem ersten, 1992 angeschafften Schweiz Plaisir war das Gebiet Thedys Gärtli an der Rigi Hochflue beschrieben - für meinen damaligen Stand des Könnens eigentlich mit einem ideal zugeschnittenen Angebot. Doch ein durchaus angedachter Besuch kam nie zur Realisierung. Mit den bald vorhandenen, erweiterten Möglichkeiten in Sachen Schwierigkeitsgrad und der aus der Ferne eher kurz und reichlich botanisch aussehenden Kletterei verschwanden die Touren an der Rigi Hochflue mehr und mehr vom Radar. Doch nun hatte ich unverhofft einen halben Tag Auslauf, so schien mir die Kombination von Entdeckungsreise, Konditionstraining und ein paar Seillängen im Lead Rope Solo ein optimales Programm. Selbstbewusst wählte ich nach dem Motto "wenn schon, denn schon" mit der Via Päuklid die schwierigste Route im Gebiet. Ich wurde unerwartet gefordert und war sehr positiv angetan von der Qualität der Kletterei und der Attraktivität des Ortes.

Wunderschöne Feuerlilien in intensivstem Rot gibt's an der Rigi Hochflue.

Meine Tour startete um ca. 12.15 Uhr in Seewen (SZ), erst mit einem Einrollen dem See entlang nach Lauerz (450m). Ab da geht es in anhaltender, aber nicht extremer Steigung hinauf zum Bikedepot bei Egg P.1288. Die Strasse ist zum grössten Teil asphaltiert und auch im letzten, schottrigen Teil in sehr gutem Zustand. Von Egg wählt man die nicht markierte und auch nicht sehr ausgetretene Pfadspur, welche südseitig und horizontal in den Wald hinein führt. Dort trifft man bald auf das Schild "Nur für Kletterer" und der Weg ist gut ersichtlich. Etwas absteigend, später eine Schuttrunse querend gelangt man an die Felsen. Zunehmend exponiert gelangt man zur ca. 25m langen Passage, wo eine senkrechte Wand an Eisenbügeln zu erklimmen ist. Die Sache ist sehr luftig, sich am Drahtseil zu sichern möglich - wie ein Sturz ohne Klettersteigausrüstung enden würde, lassen wir mal offen. Gut festhalten lautet jedenfalls das Motto. Nach den Bügeln erst hinauf (schwache Wegspuren), dann nach links zu einem Sattel und (im Vergleich zu meinen Erwartungen) noch erstaunlich weit traversierend zum Wandfuss mit Gamelle. Der Einstieg der Via Päuklid war mit verblassender Farbe angeschrieben. Der Sound vom Partyschiff auf dem Vierwaldstättersee wummerte bis zu mir hinauf. Es wurde gerade Purple Rain von Prince gespielt, als ich um ca. 14.15 Uhr loslegte. I never meant to cause you any sorrow, I never meant to cause you any pain, so wurmte es deshalb auf der Route durch mein Ohr. Natürlich in der Hoffnung, dass Herr (oder Frau) Päuklid mir genau dies zuflüstern würde :-)

L1, 25m, 5c+: Das Motto der gesamten Route lautet "plattig". So zweifellos auch hier, wobei man noch etwas Schonfrist zum Angewöhnen erhält und einige Schlitze, Löcher und Rissspuren beim Fortschritt helfen. Die Crux gegen Ende fordert dann schon beherztes Antreten und entweder etwas Reichweite oder alternativ den Griff zu Rapunzels Haaren.

Hier geht's los, in L1 (5c+) noch etwas zwischen den Grünstreifen hindurch (stört aber nicht).

L2, 25m, 6a: Hier kann man sich nun schon richtig fordern, wenn man direkt über die arg auf eine direkte Linie gesetzten Haken steigt - dann nach meinem Empfinden klar schwieriger wie die propagierte 6a, wobei im Vergleich zu dem was oben noch kommt, würde es wohl schon passen. Mit ein paar Querschwüngen lassen sich einige Strukturen mitbenutzen, was durchaus Sinn macht.

Rückblick auf L2 (6a). Dass es plattig ist, müsste man nicht nochmals explizit hinschreiben ;-)

L3, 25m, 6a: Man steht nun unter einer eindrücklichen Plattenzone, wo vor langer Zeit wohl einmal das Gestein abgerutscht ist. Der Fels jedenfalls hat eine spezielle, gerippelte Struktur. So gibt es viele Dellen und Beulen zum Antreten, so richtig gute Griffe sind aber bis auf vereinzelt vorhandene Leisten Mangelware. Eine Passage über ein Umkehrmaillon hinweg sorgt für erstes Herzklopfen, dann folgt eine Rissspur, der abschliessende Runout löst sich besser als gedacht.

L4, 30m, 6b: Zuerst weiter wie gehabt, wobei es bald einmal ein Dächli zu überwinden gilt. Aber die Erschliesser hatten eine gute Nase (oder Vorwissen): es geht recht gut, da sich an entscheidender Stelle ein paar Griffe befinden, um sich oben auf der Platte zu etablieren. Nach ein paar weiteren Metern folgt dann das taffe Finish mit Reibung von der verschärften Sorte. Die m.E. schwierigste Stelle (oder ganz sicher die als am schwierigsten wahrgenommene) befindet sich zwischen den BH und erfordert zu 100% Vertrauen in den Gummi auf ein paar vagen Dellen. Auf dem letzten tauglichen Tritt davor stand ich eine Weile, überlegte mir ob ich das wirklich will und sammelte meinen Mut. Mehrere Kontrollen von meinem Setup und das Anbringen von genau tarierten Backup-Knoten gehörten auch dazu. Hier musste ich nun effektiv einen nie dagewesenen Abgang ins Rope-Solo-Geschirr in Kauf nehmen - die Stelle liess sich einfach nicht restlos kontrolliert machen oder mit Kraftreserven wegdrücken. Das Committment machte sich aber bezahlt: die Füsse hielten und der nächste BH liess sich stabil klippen, uff! Geflasht erreichte ich bald einmal den Stand. 

Über diese Plattenzone mit ihrem speziell strukturierten Fels musst du gehen. Das erste Dächli ist eine kleine Challenge in L3 (6a), das zweite, schon etwas grössere Dächli ist ein Hindernis (aber nicht die Crux) in L4 (6b). Deren Stand befindet sich am Horizont, leicht links der Bildmitte am linken Ende des dritten Dächli.

L5, 10m, Gehgelände: Nach L4 kann man entweder abseilen (1x50m-Seil reicht knapp, 1x60m komfortabel) oder nach rechts oben durch eine Grasrinne aussteigen. Wer weiterklettern möchte, muss den Stand in einer 10m-Länge via die Rinne in exponiertem Gelände nach links unten verschieben und dort relativ unbequem sichern.

L6, 25m, 5b: Über eine kompakte Platte mit nun "normalem", aber sehr schönem, silbrig rauem Fels (d.h. nicht mehr ein früherer Ausbruch) geht's hinauf. Am anspruchsvollsten sind gleich die ersten Meter. So richtig die Härte auf Reibung gibt's aber so nicht mehr, weil Schlitze, Risse und Löcher in ausreichender Menge vorhanden sind. Im oberen Teil dann linkshaltend zu Stand. Reicht's gleich in 1 SL bis zum Ausstieg? Ich entscheide mich fürs Probieren.

Einen Lügenbolt habe ich unterwegs auch noch gefunden... schon in L1 allerdings. Diese mit "C" markierten Dübel sind 68mm lang. Der hier steht ca. 40mm aus dem Fels raus, somit steckt nur ein kleiner Teil im Fels. Nein, das ist nicht "comme il faut" und keine zuverlässige Sicherung.

L7, 27m, 4a: Einfache Genusskletterei, dank dem sehr schönen Fels mit seinen Zacken und Löchern ist das aber trotz dem tiefen Grad keine langweilige Pflichtaufgabe, sondern sehr erquickend. Erst die letzten Meter vor der Wandkante sind dann weniger schön, nicht mehr so gut gesichert und weisen auch ein paar weniger solide Blöcke/Schuppen auf. Mein Seilrest wird immer kürzer, reicht's noch bis zu den Standhaken? Tendenziell eher nicht, aber mit einem Max-Effort-Squat gegen die Seildehnung und voll ausgefahrener Reichweite konnte ich just eine Schlinge klippen und die Extramanöver sparen - der Link-Up von L6/L7 lohnt sich nicht (erst recht in Seilschaft).

Landschaftlich liegt das Gebiet in aussichtsreicher Lage über dem Vierwaldstättersee - toll!

Den Endzeitpunkt meiner Kletterei kann ich mangels Foto nicht exakt beziffern. Die anhaltenden und überraschend anspruchsvollen Moves in L1-L4 hatten mich aber doch eine Weile beschäftigt und gefordert. Nun war ich froh, die Klettersachen ablegen zu können. Entlang von fixen Seilen bzw. Ketten könnte man weiter östlich wohl durch die Wand absteigen und zurück zum Einstieg gelangen. Die Rückkehr über den Zustieg schien aber doch etwas aufwändig und weniger attraktiv, als vom Ausstieg noch ca. 100hm aufzusteigen, um den T4-Wanderweg auf 1620m zu erreichen. Obwohl auf der Karte nichts verzeichnet ist, führt eine gute Spur dahin. Gipfel-Aspiranten können mit 79 Extra-Höhenmetern das Top der Hochflue erreichen, quasi schon fast ein Katzensprung. Der Abstieg zurück nach Egg verläuft teils dem Grat entlang und teils nordseitig. Es sind diverse Versicherungen vorhanden (Leitern, Drahtseile, Ketten). So richtig megaschnell geht's nicht talwärts, vermutlich aber doch effizienter wie auf dem Zustiegsweg - auch wenn ich das nicht quantitativ bezeugen kann. Viel Fahrtwind gab's dann auf dem Downhill - die Strasse ist so steil, dass es richtig fetzt. Aber nicht so steil, dass man ständig die Bremse stark betätigen muss. Mit einigen finalen Pedalumdrehungen dem Lauerzersee entlang ging meine Reise zu Ende. Dieser Halbtag in den Bergen hatte weder Sorrow noch Pain, sondern richtig viel Energie und auch etwas Adrenalin gegeben, so soll es doch sein!

Facts

Rigi Hochflue - Via Päuklid 6b (6b obl.) - 7 SL, 160m - J. Zemp, L. Gribi 1988 - ***;xxxx
Material: 1x50m-Seil, 10 Express

Relativ kurze, aber recht anhaltend schwierige Plattenkletterei in kompaktem, teils besonders schönem, strukturiertem und rauem Kalk. Die angegebenen Schwierigkeitsgrade sind knackig und man muss in fortgeschrittener Reibungskletterei etwas drauf haben, um hier auf einen grünen Zweig zu kommen. Ich jedenfalls war gehörig gefordert - wie viel davon dem Lead Rope Solo zuzuschreiben ist, ist eine gute Frage. Die Route wurde mit rostfreien BH saniert und darf als gut abgesichert bezeichnet werden. Es ist allerdings auch zwischen den Haken schwierig und die 6b-Crux empfand ich als zu 100% obligatorisch. Cams und/oder Keile könnte man wohl vereinzelt anbringen. Das sind dann aber einfachere Stellen, wo es gute Griffe hat. Überall wo es kompakt und schwierig ist, nützen diese Gerätschaften nix, deshalb können sie meiner Meinung nach daheim bleiben. Die Route ist nach Regen sicher sehr schnell trocken und hat eine lange Saison (sofern Zu- und Abstieg schneefrei sind). Ein aktuelles Topo vom Gebiet gibt's z.B. im Plaisir Ost 2026

Zuletzt noch ein Fun Fact: im Schweiz Plaisir von 1992 war die Route bzw. die Cruxlänge mit 7+ (6c) oder 7 1pa (6b 1pa) bewertet. Für mein Empfinden ist das stimmiger wie die heutige Bewertung von 6b. Andere Führer weisen die Via Päuklid hingegen sogar nur als eine 6a+ aus?!? Item: die pa-Möglichkeit in der Crux ist bei der Sanierung verloren gegangen. Dem ehemaligen, abgebrochenen Dübel habe ich bei der schwersten Stelle ins Auge geblickt. Offenbar wurden die Haken aber bei der Sanierung anders platziert als im Original.

Dienstag, 14. Juli 2026

Titlis Nordwand - Colibri (7b+)

Eine Hitzewelle hat sich fix über Mitteleuropa installiert, so besuchen wir wieder einmal the place to be für diese Wetterlage, nämlich die Titlis Nordwand. Hier kann man sich auch bei 35 Grad im Tal bis Mitte Nachmittag in angenehmen Bedingungen der steilsten Henkelzieherei widmen, welche man auf MSL-Touren hierzulande überhaupt finden kann. Bei meinem achten Besuch an der Wand fällt unsere Wahl auf eine der Kreationen vom legendären Duo Ruhstaller-Rathmayr. Über ihre Colibri ist nur relativ wenig bekannt, dafür gibt es einen guten Grund in Form einer sehr plattigen und anspruchsvollen ersten Seillänge.

Blick auf die überaus steile Titlis Nordwand mit dem Verlauf von Colibri.

Im Gegensatz zur Tour in der Eiger Nordwand kurz zuvor werde ich dieses Mal auf der Anfahrt nicht vom amerikanischen Vizepräsidenten aufgehalten. Er hatte die Iran-Konferenz auf dem Bürgenstock bereits wieder verlassen und dabei ausser meinem Zeitverlust nichts Substanzielles erreicht (und diesen Part hätte es ganz bestimmt auch nicht gebraucht). Somit bin ich on time für den letzten Gratis-Parkplatz bei der Fürenalpbahn und bei im Talgrund noch angenehmen Temperaturen wackeln wir um 7.15 Uhr los. Mit der Frische ist es vorbei, sobald wir die ersten Höhenmeter gewonnen haben. Doch vorerst geht's noch, da wir uns im Wald befinden. Später, auf dem Galtigbergboden, heizt die Sonne hingegen schon ein und bringt uns heftig ins Schwitzen. Neu für mich: es gibt auf der Alp nun massive Elektrozäune, welche die Schafe vor Wolfsangriffen schützen sollen. Diese wären nicht nur für die Vierbeiner unüberwindbar, sondern auch für uns. Verdankenswerterweise wurde aber an die Kletterer gedacht und an den entscheidenden Stellen ein Durchgang eingerichtet. Im weiteren Verlauf ist die Wegspur im Gegensatz zu früher inzwischen gut ausgeprägt und weitestgehend klar sichtbar.

Wer möchte, kann sich vor dem Einsteigen noch eine Erfrischung gönnen!

Nach ca. 1:30h Aufstiegszeit befinden wir uns im schattigen Reich unter der Wand. Es geht über die Rampe hinauf, bei Bedarf hätte man ganz einfach eine erfrischende Dusche nehmen können. Die Fixseiltraverse danach wurde mit neuem Material ausgerüstet und präsentiert sich (Stand Juli 2026) in gutem Zustand. Nach 1:50h hatten wir den Einstieg erreicht und identifiziert, der relativ unscheinbar ist. Vom flachen Platz nach Ende der Fixseile, wo v.l.n.r. Hattari Hanzo, Leeper-Hammer, Pipistrello und Süpervitamin starten, geht man noch weiter nach links. Erst an einem weiteren Fixseil hinauf, dann noch ein paar Meter horizontal hinüber. Beim (weit vorstehenden) Lügenbolt ist man schon zu weit, der Einstiegsstand befindet sich 3m rechts von diesem bei einem Stand mit BH und NH, der sich oberhalb vom Fixseil befindet. Nach einer Pause um uns von dieser Kardio-Einheit zu erholen, sind wir um ca. 9.45 Uhr losgeklettert.

L0, 10m, 6a: Es handelt sich nur um eine kurze Stufe hinauf auf das obere Band, ein nochmaliger Stand dort ist aber sinnvoll. Zwei Züge gar nicht mal so einfach, fixe Absicherung gibt es ausser den Standplätzen keine. Seilsicherung ist trotzdem zwingend.

Ausblick auf die krassowitsch Platte in L1 (7b+), oben der Piz dal Nas.

L1, 45m, 7b+: Ein Ultraknaller, über die grosse Platte musst du gehn... Cam 1 an einer Schuppe zu Beginn, dann geht's vorerst bei eher weiter Bolt-Abständen voran. Mit dem richtig interpretierten Pfad findet sich vorerst immer eine Lösung, die recht gut aufgeht. Nach der Mitte zieht's dann an, eine erste "very thin"-Passage ist zwingend zu meistern, ca. 7a/+. Die Sache kulminiert endgültig bei den Moves über den letzten BH hinweg. Bernat steigt nach nur minimalem Zögern onsight drüber, es hatte aus der Ferne richtig locker und einfach ausgesehen. Einmal vor Ort werde ich dann eines Besseren belehrt. Es gibt nur ein paar winzige Crimps vom Typ Fünfliberbreite. Eine satte Portion Fingerkraft ist unerlässlich, dazu verlangen die ebenso winzigen bis fast inexistenten Tritte geeignetes Schuhwerk. Damit ist es nicht getan, Talent und Zauberei an Nichts sind unabdingbar, und im Vorstieg natürlich auch das mentale Korsett für diese extrem unsichere, kaum kontrollierbare Kletterei. Mir jedenfalls fehlten die nötigen Ingredienzen, um den schwersten Meter frei durchzumoven. 

Die "Problemzone" am Ende von L1 (7b+), mit der Klimax am letzten BH. Die "Grösse" der Griffe ist gut sichtbar...

L2, 40m, 6b+: Dass es hier viel einfacher wie zuletzt zugeht, dafür braucht man kein Prophet zu sein. Doch die immer noch plattige Wand und die distant gestalteteAbsicherung erheischen Respekt. Die Sache entpuppt sich aber nicht ganz als so wie vermutet: die Crux kommt schon bald und reichlich zwingend zwischen dem vermeintlich noch nahe steckenden ersten und zweiten BH. Das weiter abgesicherte Gelände danach geht hingegen recht gut auf. Erst folgt man einer Art Rampe mit leichterer Kletterei, bevor die Route wieder nach rechts in die Wand abbiegt. Griffige Löcher erlauben dort aber eine recht gäbige Passage mit cooler Kletterei.

Etwas zugänglichere Kletterei folgt dann hingegen in L2 (6b+) und L3 (6a+).

L3, 25m, 6a+: Der eher brüchige Turm gerade voraus wird mit einer grossen Linksschleife geentert. Zuerst horizont nach links queren, dann noch vor dem grauen Streifen (wo Land ohne Herren verläuft) hinauf. Schöner, speziell strukturierter Fels mit lochähnlichen Taschen. Zuletzt an die Verschneidung von Turm und auf brüchigem Band nach rechts zum Stand.

Ausblick auf L4 (7a+), das Haulseil lässt erahnen wie steil es hier zur Sache geht!

L4, 25m, 7a+: Nun beginnt der Henkelspass! Auf dieser Seillänge muss man wirklich keinen schlechten Griff halten. Nur gilt es die Henkel zu identifizieren und jeweils zu erreichen. Sprich es sind ein paar lange Moves mit saftigen Blockierern nötig. Am schwierigsten wohl der Ausstieg in etwas flacheres Gelände über den vorletzten Bolt hinweg, sowie der Einstieg in die wieder steilere Schlusspassage nach dem letzten BH, gefolgt von Runout-Henkelei zum eher unbequemen Stand. Dieser Abschnitt ist extraordinär steil, insgesamt ca. 6-7m überhängend!

Ultrasteil die Kletterei in L4 (7a+), aber dafür unverschämt griffig!

L5, 35m, 7b+: Henkelspass zum zweiten, nun in etwas verschärfter Gattung. Während der Start zwar nicht voll die Härte ist (und zudem ist man ja da auch noch nicht angezählt), so muss trotzdem die Lösung erkannt werden. Sorgenlos geht's zum zweiten BH, wo es dann kurz mal 2-3 kleinere, etwas sloprige Leisten zu riegeln gilt, bevor wieder Töpfe kommen. Das nächste Pièce de Résistance befindet sich am vierten BH: entweder sehr kräftig von mässigen Tritten zwischen den guten Griffen blockieren, oder dann schlechtere Zwischengriffe halten. Den ganzen Rest erledigt die Ausdauer. Zum Ende geht's etwas nach links hinaus in wasserzerfressenem Gestein. Immer noch sehr steil, aber nicht mehr ganz so sehr wie die Länge davor, auf etwas mehr Kletterstrecke auch ca. 6-7m überhängend.

Sich etwas zurücklegend und deshalb schon fast unspektakulär ist der Ausstieg aus L5 (7b+).

L6, 25m, 7a: Ein weiteres Gustostücklein über sehr stark wasserzerfressenen Fels mit vielen Töffgriffen. Die Art vom Fels bietet etwas die Gefahr von brechenden Spitzen, zur Unzeit könnte das einen auch mal aus der Balance bringen. Die schwierigsten Moves eher nach der Hälfte, wo man schon etwas angepumpt ist und es nach der initialen Rechtstraverse wieder aufwärts geht - für mich inklusive Schockmoment. Drei Meter über dem Haken, die Füsse auf einer (als solide beurteilten) Schuppe, die Hände an Henkeln. Plötzlich bricht doch das ganze Ding unter meinen Füssen weg und beschleunigt mit 9.81m/s^2 Richtung Tal. Ich habe aber genügend Spannung auf den Griffen, dass ich mit den Füssen in der Luft hängen bleibe... mit viel Adrenalin im Blut ist der Stand dann zügig erreicht. Passiert wäre ausser einem Whiiiiippper sicherlich rein gar nix, aber einfahren tut sowas trotzdem gröber. Nicht mehr ganz so steil, aber doch durchgehend überhängend mit 4-5m Ausladung.

Auch in L6 (7a) geht's nochmals steil zur Sache an stark zerfressenem Fels.

L7, 20m, 6c+: Die Wand legt sich vermeintlich zurück, das Schlussstück sieht aus der Bottom-Perspektive schon nahezu "einfach" aus. Doch einerseits befindet man sich immer noch auf der ungünstigen Seite der Vertikalen, andererseits sind die Griffe zwar immer noch gut, aber nicht mehr nur Top-Henkel. So muss man sich doch noch ein wenig anstrengen, auch die Müdigkeit könnte sich inzwischen bemerkbar machen. Sehr lange anhalten tut die Kletterei aber hier nicht, bald ist der Stand am Übergang zu flacherem und brüchigem Gelände erreicht, etwas tiefer als die Nase links.

Am Top sind wir etwas vor 15.00 Uhr, somit beanspruchte uns die Kletterei rund 5:00h. Wie so oft gibt es am Ausstieg weder Kiosk, Getränke noch sonstige Unterhaltung und darum treten wir umgehend den Weg talwärts an, welcher ob der Steilheit der Wand nochmals Aufmerksamkeit braucht. Vom Top würde es metermässig und von der Position her gleich zu Stand 5 reichen. Unklar jedoch, wie gut man das Seil abziehen kann - wir haben uns nicht auf Experimente eingelassen und zweit Etappen gemacht. Achtung, beim Abseilen über L6 und L5 ist wegen der Steilheit und dem diagonalen Verlauf wiederholtes Exen klippen unumgänglich. Vom Stand nach L4 geht's dann direkt zu jenem nach L2. Am besten die letzte Zwischensicherung von L4 klippen und pendeln, so funktioniert es tiptop. Der zweitletzte Abseiler über L2 hat ca. 7-8m horizontalen Versatz, geht aber gut. Schlussendlich bringt einen die letzte Etappe über L1 und L0 zurück zum Einstieg an der Fixseilpiste.

Die Abseilerei ist überaus steil, teilweise sind die Standplätze auch noch seitlich versetzt.

Inzwischen sind einige von Schmelzwasser gespeiste Wasserfälle in Betrieb, die von der Thermik in alle Richtungen verblasen werden. Somit ist das Ambiente auf dem Band eher feucht und man bekommt immer mal wieder eine Ladung ab. So machen wir uns auch hier umgehend vom Acker, d.h. queren aus der Wand raus. In sicherer Distanz von dieser legen wir dann das Material ab und montieren das leichte Tenü für den Abstieg. Eventfrei und zügig geht's Richtung Tal. Den Schlänggen passierend will sich auch Bernat nicht mehr auf mein "an 8a per day keeps the doctor away"-Angebot einlassen, da scheint der Autositz und v.a. dessen Klimaanlage auch für zwei absolute Kletterfans die attraktivere Wahl.

Facts

Titlis Nordwand - Colibri 7b+ (7a obl.) - 8 SL, 225m - Ruhstaller/Rathmayr 2013/2014 - ****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams 0.4-1

Colibri ist eine tolle Route im üblichen Titlis-Nordwand-Stil. D.h. unten plattig und oben sehr stark überhängend in henkligem Fels. Der Unterschied zu manch anderer Tour an der Wand liegt darin, dass hier die plattige Einstiegslänge die Crux darstellt und zwar nicht auf dem Papier, aber in Realität vor Ort eine ziemlich inhomogene Route erzeugt. Das hat auch damit zu tun, dass die Bewertungen nach meinem Gusto total inkonsistent sind: L1 ist hammerhart für 7b+, vermutlich könnte ich das niemals punkten. Die ausdauernde 7b+ in L5 ist dagegen viel leichter verdaulich: das kann sogar der angejahrte Herr Dettling relativ komfortabel flashen. Nimmt man diese Länge als Referenz für den Grad, so sehe ich L1 im Bereich 8a/+ (zu 100% Ernst gemeint!). Natürlich geht die Rechnung mit den wahrgenommenen 3-4 Einstufungen Differenz auch andersrum, oder noch eher liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

Aus meiner Optik ist es schade, dass in L1 nicht ein einfacherer Weg gewählt wurde. Ich habe schon beim Klettern vermutet, dass dies ginge, die Inspektion beim Abseilen hat es definitiv bestätigt. Würde man nach der ersten Hälfte rechts raus ziehen, so wäre diese Länge kaum schwieriger wie 7a, würde von den Anforderungen her sehr gut zum Rest passen und die Route zu einem Klassiker der Wand machen - insofern eine verpasste Chance. Dass dann obendrein auch noch die Absicherung in dieser Plattencrux fordernd ist, kommt dazu. Ob die 7a obl. passt?!? Sicher muss man im plattig-vertikalen Gelände voll parat sein. Die schwierigste Stelle dürfte mit Trittschlinge und auf den Haken stehen schon etwas zu entschärfen sein. Es folgen dann nämlich wieder Griffe und Tritte, zwingend geklettert werden muss der 6m-Runout zum Stand aber doch. 

Eine denkbare Alternative ist eine Kombination von Land ohne Herren und Colibri. Man kann nach L4 von Land ohne Herren gut in die Colibri wechseln. Es ergäbe sich die dankbarste Route in diesem Wandbereich mit homogenen Anforderungen. Wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass die 7a+ in L3 von Land ohne Herren auch nicht so leichtverdaulich ist und eine zwingende Passage bereithält (diese ist jedoch zugänglicher im Charakter und massiv einfacher wie das, was in L1 von Colibri verlangt wird). Diesen Zeilen zum Trotz: die Absicherung in Colibri darf man als gut mit rostfreien BH bezeichnen - gefährlich ist es nicht, aber mit A0 kommt man nicht weit. Auf den Platten braucht es definitiv einen starken Kopf. Oben im Überhang nicht so sehr, auch wenn es schon auch etwas spooky ist, bei Steilheit wie in der Halle zu klettern, aber halt nur jeden ca. vierten Haken zur Verfügung zu haben. An den guten Henkeln mit ausreichend Kraft bzw. Ausdauer scheint das aber besser erträglich, zudem wäre die gravierendste Folge bei einem Sturz nur, dass man u.U. den Fels nicht mehr erreicht. In gedruckter Literatur findet sich die Colibri mit einem Fototopo im SAC-Kletterführer Zentralschweizer Voralpen, Band SW. Hier nachfolgend das Originaltopo der Erschliesser.

Das Topo zur Colibri von den Erschliessern.

Dienstag, 7. Juli 2026

Eiger Nordwand - Golden Shower (7b)

Zum MSL-Klettern in der Eiger Nordwand hatte ich seit der Finalisierung von Adam und Evi im Sommer 2018 nie mehr geschafft. Dabei hatte sich seitdem eine ganze Menge getan: am Rotstock, den Westausläufern der Nordwand und sogar am Genfer Pfeiler sind neue Routen entstanden. Mit der fortwährenden Hitzewelle im Juni 2026 besannen wir uns jedoch auf hoch gelegene und schattige Kletterziele. Ob die Reste von Schnee und Eis bereits verschwunden wären?!? Die Webcams liessen es vermuten und tatsächlich trafen wir auf exzellente Bedingungen. Mit dem starken Bernat am Ruder wählten wir eine der anspruchvollsten Routen: die Golden Shower, wo eine als 7b expo angegebene Passage aufhorchen lässt.

Blick auf den westlichen Teil der Eiger Nordwand mit Zustieg und Verlauf von Golden Shower.

Die wesentliche Neuerung seit meinem letzten Besuch ist die V-Bahn, heute bekannt mit dem kommerziellen Namen Eiger Express. Anstatt wie früher mit der Zahnradbahn via Kleine Scheidegg nach Eigergletscher zu bummeln, erreicht man diesen Ausgangspunkt nun in nur 15 Minuten ab Grindelwald und gondelt dabei fast vor dem Einstieg durch. Ich hätte mir nicht ausgemalt, wie stark dies die Wahrnehmung der Touren in der Eiger Nordwand verändert. Der letzte Rest vom wilden Abenteuer-Ambiente hat sich in Luft aufgelöst. Man kriegt den Eindruck von "normalem" MSL-Sportklettern mit einem kurzen und bequemen Zustieg. Nur tief ins Portemonnaie greifen heisst es: auf sehr stolze 81.20 CHF beläuft sich der Normaltarif, immerhin gibt's mit Halbtax 50% Erlass. Die Anreise per E-Bike (gut bis Eigergletscher möglich) böte wohl mehr zur Einstimmung auf die Tour, noch könnte man einen sehr schönen Batzen ins Amortisationskässeli des Zweirads legen und sich die gesalzene Parkgebühr auch noch ersparen.

Impression vom Zustieg - auch hier in der Eiger Nordwand gibt es genauso wie in den von uns die Tage zuvor und danach besuchten Sektoren am Mähren und der Titlis Nordwand viele verrottete Seilreste. Teilweise auf dem Zustieg, aber auch in den Wänden. Ich empfinde das als störend für Auge und Ambiente, nutzbar sind diese Stricke sicherlich nicht mehr. Insofern wäre eine Aufräumaktion an diesen Orten sicherlich ein Gewinn.

Nachdem ich auf der Anfahrt um 6 Uhr morgens 20 Minuten an Stillstand für den amerikanischen Vizepräsidenten erdauern musste, reichte es um genau diese Verzögerung nicht mehr auf die erste Bahn um 7.45 Uhr. Um ca. 8.25 Uhr fanden wir unseren Weg aus dem Stationsgebäude und folgten dem Eiger-Trail bis zur Abzweigung zum Rotstock-Klettersteig. Diesen gilt es über die ersten paar Leitern hinauf zu verfolgen, bevor man bei der ersten sinnvollen Möglichkeit (eher früher als gedacht) nach links hinausquert (markante, ca. 40cm aus dem Boden ragenden Eisenstange, evtl. Steinmann). Über gut begehbare Schuttbänder traversiert man nach links. Der Einstieg ist nicht näher bezeichnet, aber am Fusse des goldenen Pfeilers gut zu lokalisieren, es steckt ein einzelner Mammut-Longlife-BH als Erkennungsmerkmal. In rund 40 Minuten Gehzeit hatten wir den Start erreicht und legten etwas nach 9.30 Uhr los.

L1, 25m, 6c: Ein ziemlich herber Auftakt, ein paar Turnübungen vor dem Losklettern für die Gelenke und das mentale Korsett schaden sicherlich nicht! Der plattige Start ist nicht das Hauptproblem (wenn auch nicht ganz easy), sondern die folgende,  leicht überhängende Wand. Bald einmal merkt man: so richtig nahe sind die Bolts hier nicht gesetzt. Und die Crux ist zwingend an etwas unsicherem Fels. Man muss entschlossen von nicht 100% stabilen Leisten auf etwas Unsichtbares ziehen, das eher brüchig aussieht. Naja, ging dann aber doch - dennoch, hart für den Grad, 6c+ wäre bestimmt nicht gestohlen.

Meine Beschreibung von L1 (6c) tönt nicht nach Schonprogramm - mit dem Foto nachvollziehbar?

L2, 25m, 7a: Die Betriebstemperatur ist hoffentlich erreicht, denn hier wartet ein bockharter Start an kleinen Leisten und minimalen Tritten in glatter Wand. Hier sind die Haken nahe, aber Vollgas ballern heisst das Motto. Zur Einstufung würde ich sagen: absolutely heinous für 7a, es fühlte sich nach mindestens einem 6C-Boulder an, sowohl die 7b+ der Gemini wie auch die obere 7b+ der Colibri (Blog folgt...) fand ich klar einfacher. Hier war meine Hoffnung auf einen Durchstieg jedenfalls schon zu Ende, im etwa dritten Anlauf konnte ich die Moves dann entschlüsseln. Nach der Crux ist es vorerst gängiger, doch das Ende ist nochmals überraschend pumpig, liess sich aber wegschütteln.

Im Vordergrund die sehr harte Crux von L2 (7a) im Goldstreifen - danach schütteln und dranbleiben!

L3, 25m, 6a+: Endlich eine richtige Genusslänge, auch wenn der Start noch eher chossy ist. Das lässt sich mit etwas Erfahrung aber gut regeln und ist dank einem Top-Placement für einen Cam 2 auch safe. Die letzten zwei Drittel sind dann echt super in senkrechtem, aber unverschämt griffigem Fels. Etwas luftig gesichert, was bei diesem Charakter aber schon passt.

Tolle Genusskletterei in solidem, unverschämt griffigem Fels wartet im oberen Teil von L3 (6a+).

L4, 40m, 7a: Eine tolle Länge in meist sehr gutem Fels, mit der einen oder anderen kurzen Ausnahme.  Die für 7a wiederum harte Crux an kleinen Leisten wartet am vierten BH. Sie ist sicher gängiger wie L2, schwer tat ich mich trotzdem: die höheren Tritte waren zu hoch, um diese Mikroleisten bedienen zu können, die unteren dafür zu tief. Oder dann halt einfach die Finger zu schwach... Der obere Teil der Länge ist zugänglicher, verläuft teilweise in sehr schönem Fels und hat ähnlichen Charakter wie L3.

Coole Kletterei am Ende von L4 (7a), die Crux längst hinter sich - hier mit einem Mantle-Problem.

L5, 25m, 5c: Teils neben, dann an und zuletzt sogar fast in der Verschneidung vom markanten Pfeiler spielt sich diese Seillänge ab. Was von unten einen alpinen Eindruck vermittelt, entpuppt sich als tolle Plaisir-Turnerei an guten Griffen in solidem Fels. Auch wenn nur gerade 3 BH stecken, so ist die Absicherung dank dem griffigen Charakter und mobilen Ergänzungsmöglichkeiten gut.

In L5 (5c) geht's entlang der Verschneidung, am Ende sogar dann fast kaminartig.

L6, 40m, 6a+: Vom coolen, topfebenen Standplatz auf dem Turm geht's weiter. Die folgende Wand bietet soo viele sloprige Löcher - und ist trotz dem moderaten Grad anhaltend und steil. Mit nur 4 BH ist auch diese Länge nicht üppig ausgestattet. Dank gutem Fels und Griffen sowie Legemöglichkeiten ist's aber trotzdem nicht unangenehm. Erst der einfache Schluss ist alpiner mit weitem Abstand zum Stand (Cam-Möglichkeiten). Dieser befindet sich einige Meter vor dem Erreichen des Tops vom Pfeiler und ist links an der Kante an fürs Abseilen optimierter Stelle leicht zu übersehen.

Sieht etwas alpin aus, dabei bietet L6 (6a+) tolle Genusskletterei!

L7, 40m, Gehgelände: Es gilt etwas linkshaltend hinauf über das relativ flache Schuttband zu steigen. Dieses ist gut begehbar und es besteht kaum das Risiko, Steine in die Tiefe zu schicken. Die Fortsetzung ist schon vom unteren Stand sichtbar. Wenn man will/muss, könnte man hier auch problemlos auf eine andere (einfachere) Route wechseln.

Ausblick auf das Band (L7) und den oberen Teil, wo die Route durch die steile Wand in Bildmitte verläuft.

L8, 30m, 7b: Let the ballergames start again! Die Sache in einem goldenen Wandabschnitt hat einen ähnlichen Charakter wie der Auftakt in L2: kleine Leisten, minimale Tritte, glatte Wand. Der klare Unterschied: die Stelle am zweiten BH kriegte ich trotz mehrerer Versuche nicht frei hin. Für mich ist das mit dem Grad 7b nicht vereinbar und auch Bernat, welcher zuvor die Gemini (7c) und danach die Colibri (7b+) als harte Elemente ihrer Währung mühelos onsighten konnte, brauchte hier einen zweiten Go. Zu erwähnen ist die expo-Stelle zum dritten BH: sicherlich potenziell heikel, aber es kommen dann schon gute Leisten - an diesen stürzen Leute, die bis dahin gekommen sind, eher nicht. Und wenn, dann könnte es bei aufmerksamer und gekonnter Sicherung auch glimpflich ausgehen. Aber es lässt sich nicht wegreden: der Boden ist nah! Nach diesem Feat kommt nochmals eine ätzend-wacklige Stelle, wobei der vierte BH etwas rechts ausserhalb vom besten Verlauf steckt. Dann wird es erst gängiger, bevor das anhaltende Finish an rund-sloprigen Löchern prüft, wie viele Körner noch im Akku sind.

Blick auf die ziemlich blanke Cruxzone von L8 (7b).

Die Gegenperspektive: der obere Teil von L8 (7b) bietet pumpige Ausdauer an angenehmen Griffen.

L9, 25m, 7a: Eine etwas umwegige Passage durch die Wand (zwei BH im ersten Teil gut verlängern) bei nicht überragender Felsqualität, d.h. teils splittriger Oberfläche. Immerhin: heikel ist es hier (auch dank guter Absicherung) nicht. In Erinnerung bleibt sicher die coole Balance-Traverse in der Mitte. Ja, es geht ohne Wegkippen - erinnere dich genau an diese Worte, wenn du dort bist :-) Nachher hatten die Erschliesser etwas Glück, dass die Passage mit (unerwarteten) Leisten am genau richtigen Ort so schön aufging. Hinweis: Bruchschuppe mitnutzen, die Crimps in der rechten Wand jedoch nicht vergessen. Als einzige der Siebnerlängen fand ich hier den Grad ok (evtl. auch nur wegen Grössenvorteil ;-)).

Puh, in L9 doch noch eine 7a geschafft - in dieser Route musste ich froh drum sein.

L10, 20m, 6c: Nur noch eine 20m lange 6c, so denkt bzw. hofft man gerne. Aber nein, gratis kommt man hier nicht zum Top. Der Anfang geht ja noch, bietet aber auch schon ein paar tricky Moves. Und die gute Absicherung am finalen Wulst bezahlt man mit einer fusslastigen Passage davor an Seitgriffen, zwingend zwischen den BH. Ohne Rastpunkt hängt man eine taffe, trittarm-physische Stelle an Leisten an, bevor das athletische Dessert über den Wulst noch die Ausdauer fordert. Seriously: anderswo auf MSL kriegt man für dieses Programm bestimmt auch eine 7a+ notiert.

Zwar nur 20m lang, aber nochmals steil und alles abverlangend ist L10 (6c).

L11, 15m, 5b: Für den bequemsten Heimweg klettern wir diese easy Traverse nach links. Es ist tatsächlich sehr schottrig, man suche die soliden Griffe. Mit Alpinistenherz geht's aber schon, und auch dieses erfreut sich bestimmt ab den zwei vorhandenen BH.

Der Genfer Pfeiler im Background gibt hier mehr her wie der Akteur in der Exit Pitch (L11, 5a).

Um 16.20 Uhr und damit erst nach rund 6:45h der Kletterei waren wir am Top. Fortwährende Dechiffrier-Aktionen unterwegs, ein Second Go in der Crux und zwischendurch auch umsichtiges Klettern auf nicht zu 100% solidem Fels hatten Zeit beansprucht. Aber wir hatten sie, denn das Wetter blieb stabil und ein rascher Rückweg ins Tal war uns gewiss. Dennoch hielten wir uns am Top nicht lange auf. Wir kletterten links (im Aufstiegssinn) in die Scharte ab, dann rückseitig plattig runter in exponiertem Gelände bis zu einem Fixseil, das bald in einfacheres Terrain führte. Eine Abseilmöglichkeit (wie im Extrem West beschrieben) konnten wir nicht identifizieren, sie ist auch nicht zwingend nötig. Nachher traversiert man etwas aufsteigend den folgenden Kessel in die Westflanke, wo man auf die Wegspuren zum Rotstock-Sattel trifft und von diesem über den markierten Steig retour nach Eigergletscher geht (ca. 40 Minuten).

Ganz Nordwand-typisch scheint einem am Ausstieg das erste Mal die Sonne ins Gesicht :-)

In die Gondel konnten wir unverzüglich einsteigen und waren fast alleine. Da blieb ausreichend Zeit zur Kontemplation: uns kam die Route doch recht anspruchsvoll bzw. hart bewertet vor. Während die korrekte Kalibrierung der Schwierigkeitsangaben endloser Diskussionen Anlass ist, so lässt sich ein Route-zu-Route-Vergleich innerhalb von wenigen Tagen leichter vollziehen. Jedenfalls: die laut dem Kletterführer-Papier eine Stufe höher eingeschätzte Gemini an den Wenden und die Colibri am Titlis (Blog folgt...) hatten wir als leichter empfunden. Hey, und am Tag zuvor hatte ich beim Sportklettern noch eine 7c im First Go ziehen können. Da erwartet man nicht unbedingt, in einer 6c schon Blut zu schwitzen und in einer 7a zu scheitern. Aber vielleicht war halt genau deswegen mein Pulver schon verschossen. Man bilde sich bezüglich der Schwierigkeitsgrade also seine eigene Meinung, wir gehen hier zu den harten Facts weiteren subjektiven Einschätzungen über ;-)

Blick auf die Eiger-Westflanke, Mönch und Jungfrau haben auf diesem Pano auch noch Platz.

Facts

Eiger Nordwand - Golden Shower 7b (7a obl.) - 11 SL, 310m - Allemann/Stadler 2017-2019 - ***;xxx
Material: 50m-Seil, 12 Express, Cams 0.3-2

Interessante, spannende alpine MSL-Sportkletterei mit unkompliziertem Zu- und Abstieg. Hoch gelegen und ganztags schattig, ideal für Hitzeperioden. Die Route hat mir gut gefallen, mich jedoch nicht restlos begeistert. Ein Teil davon ist vielleicht persönlich: an den schwierigen Stellen nutzt man oft etwas fragile Strukturen. Dabei kann man sich nicht "leicht machen", sondern muss so klettern, dass man diese mit aller Gewalt aus der Wand zu reissen versucht - nicht so mein Ding. Sowieso liegt mir die harte Ballerei an kleinen Steller-Leisten eher weniger. Es fühlte sich wiederholt so an, als ob es gleich in den Ringbändern knallt - umso mehr, wenn zur Unzeit ein Griff oder Tritt bricht, wofür das Risiko klar gegeben ist. Sehr gut möglich, dass ich mit (m)einer Portion Altersweisheit deswegen nicht 100% zu geben bereit war und die Kletterei schwieriger empfunden habe, als sie tatsächlich ist. Festhalten möchte ich noch, dass ich a) die gesamte Route ohne Griff-/Trittausbruch geklettert habe und mir b) die Passage von L3 bis aufs Band am besten gefallen hat. Die Absicherung darf man sicherlich als gut bezeichnen, Stufe 3/5 finde ich korrekt. Es stecken rostfreie BH, wir haben es nirgendwo als besonders heikel empfunden. Eine Einschätzung zur Expo-Stelle liest man im Text der Routenbeschreibung. Trotzdem hätte ich mir tendenziell eher mal noch einen BH mehr gewünscht - man muss oft auch zwischen den Haken hart ziehen, an Strukturen wo man nicht so recht weiss, ob sie standhalten oder nicht - nicht so das Wohlfühlprogramm. Sicher mitzuführen ist übrigens ein Set Cams von 0.3-2, welches an diversen Stellen zwingend einzusetzen ist. Weitere Infos zur Route findet man auf der Webseite der Erschliesser und im Schweiz Extrem West, Band II.