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Mittwoch, 16. September 2026

Wendenstöcke - Niagara (7b+)

Der Excaliburpfeiler ist eines der formschönsten und majestätischsten Stücke Fels, über welches wir in der Schweiz verfügen. Jede Route, welche ich bisher dort in Angriff nehmen konnte, war ein grandioses Highlight in Sachen Kletterei, Felsqualität und Erlebnis. Meine Première feierte ich anno 2007 mit der Excalibur, später folgen dann die anspruchsvollen MSL-Sportklettereien Lancelot, Blaue Lagune und Troja. Nun war also die schon lange erwartete Stunde gekommen, um in der Niagara Hand anzulegen. Und der Klettertag entwickelte sich so genial wie erhofft. Nichts schien uns stoppen zu können: weder die physisch harten Moves, noch die zwingenden Plattenstellen, selbst der Runout wegen einem fehlenden Plättli in der Cruxlänge liess sich meistern. Kurzum: eine Traumtour!

Der Blick auf die Sektoren Excalibur, Dom und Aureus am Gross Wendenstock, mit dem von uns gekletterten Verlauf von Niagara. Nun, an den eigentlichen Längen am Pfeiler gibt es nichts zu rütteln. Am Vorbau wird jedoch in L1 fast immer die linke Variante (orange) geklettert, ebenso ist die linke Variante in L2 deutlich geläufiger. Wegen einer anderen Seilschaft kletterten wir jedoch rechts.

Ziemlich genau eine Woche nach unserem letzten Besuch für Nachtexpress liefen wir wieder von der Wendenalp los. Dieses Mal um 8.20 Uhr und damit tageszeitlich ein paar wenige Minuten früher. Der Mitstreiter waren an diesem Weekend deutlich mehr, 12 Fahrzeuge waren schliesslich zugegen - was sich ob der Vielzahl der zur Verfügung stehenden Routen natürlich sehr gut verteilte. Auf dem üblichen Weg liefen wir in einer guten Stunde zum Einstieg. Die Details seien hier wegrationalisiert, einzig: am Ende steigt man in der felsigen Zone in Falllinie vom Elefantenohr bis zur Wand hinauf und quert dann horizontal nach links zum Einstieg. Die grasigen Schrofen direkt in Falllinie vom Excaliburpfeiler sind hingegen sehr steil und heikel. Am Startpunkt trafen wir auf eine 3er-Seilschaft aus Deutschland. Der bekannte Alpinist David B. wollte hier den Moderne-Zeiten-Punkt in der Excalibur buchen - interessant ihn nach früheren Onlinekontakten das erste Mal in freier Wildbahn zu treffen. Für uns bedeutete dies erst zu warten oder dann einen alternativen Weg über den Vorbau zu wählen - auf letzteres fiel unsere Wahl, ein paar Minuten vor 10.00 Uhr starteten wir mit der Kletterei.

Stotzig lautet das Motto an den Wendenstöcken, dieses Foto gibt den Groove gut wieder!

L1, 35m, 6b: Die in der Literatur beschriebene Vorbaulänge startet bei einem ausgetretenen, kleinen Platz mit einem Cluster von SU-Schlingen. Ca. 10m rechts davon erspäht man in 15-20m Höhe ebenfalls einen BH und wenn man genau hinschaut, auch noch 2-3 stark verwitterte SU-Schlingen auf dem Weg dahin. In keinem Wenden-Topo war diese SL bisher beschrieben, doch wir wollten es versuchen. Und ja, es ging: die Crux befindet sich nach dem BH, die Schwierigkeit und auch der Charakter sind in einem ähnlichen Rahmen wie in der "richtigen" L1 am Vorbau und die Absicherung mit den SU und 2-3 Cams ist ok. Zum Ende tendiert man nach links und muss den BH-Stand der "richtigen" SL nutzen. Es wäre absolut sinnvoll, diesen Einstieg zu sanieren. Also eigentlich bräuchte es nur einen Standplatz, neue SU-Schlingen und im oberen Teil vielleicht noch einen zusätzlichen BH, damit der Wegverlauf klar markiert und gut abgesichert ist. 

Die alternative, rechte L1 (6b) am Excalibur-Vorbau startet direkt in Falllinie des blauen Streifens.

L2, 35m, 6a+: Die Sanierung des Rechtseinstiegs macht umso mehr Sinn, als dass es auf der zweiten Etage ebenfalls zwei Linien gibt (die so auch in der Literatur beschrieben sind!). Nur ein einziges Mal, als wir die Blaue Lagune gingen, war ich bisher die rechte Variante geklettert. Diese bietet auf der ersten Hälfte schöne Steilplattenkletterei mit ein paar interessanten Hinsteh-Moves, der obere Teil ist dann einfacher. Diese SL ist (teil)saniert, einige alte BH und SU-Schlingen wurden durch rostfreie BH ersetzt - danke!

Ohlalalala, der Blick vom Vorbau! Hier zentral voraus verlaufen Lancelot und Blaue Lagune. Wir biegen hingegen nach rechts ab.

L3, 60m, Gehgelände: Hinauf über die wenig steile Wiese zur Wand des eigentlichen Pfeilers (Einstieg der Blauen Lagune). Nun über ein Band nach rechts, es stecken einige BH, später ist dann ein altes und teilweise verrottetes Fixseil vorhanden. Zum Ende (nach dem Einstieg von Wendenvögel) muss dann sogar wieder etwas abgestiegen werden, diese Stelle ist ohne Nutzung des Fixseils wohl so ca. im vierten Grad angesiedelt. Der eigentliche Start zur Niagara befindet sich am Ende des Fixseils bei einem Stand mit 2 BH. Es ist auch möglich, ihn direkt von unten zu erreichen. Dazu müsste man die ersten 2 SL von La Lunga Attesa klettern und den Startpunkt dann über eine einfache, selbst abzusichernde Länge über eine diagonal nach links ziehende Rampe erreichen. Nicht schöner wie der Excalibur-Vorbau, aber etwas einfacher, direkter und schneller.

L4, 40m, 7a: Viel Schonfrist gibt's nicht mehr, ganz offensichtlich geht's da gleich zur Sache! Der erste BH ist etwas heikel anzuklettern, unmittelbar danach heisst es die Crimp-Krallen ein erstes Mal auszufahren. In wieder etwas griffigerem, aber doch überhängendem Gelände geht es zur Crux. Diese folgt nach dem vierten BH mit der Überquerung des Wulstes. Power-Moves sind gefragt (in Nähe des BH), danach muss in der scharf mit Seitgriffschüppli strukturierten Wand aber dann ein Stück geklettert werden, bis wieder geklippt werden kann - da muss man parat sein! Darauf folgt eine einfachere Schuppe alpinen Zuschnitts, welche aber zwecks einer rechtsführenden Reibungstraverse zu Wasserrillen hin verlassen wird. Die Rillen sind traumhaft schön und vergleichsweise easy. Der Runout zum Stand ist aber beträchtlich, Cams (mindestens Grösse 1, grösser ist auch nicht verkehrt) beruhigen das Gemüt.

Ganz so locker wie der Akteur hier posiert, wird sich der steile Start in L4 (7a) unter Umständen nicht anfühlen.

Das Finish von L4 (7a) bietet fantastische Wasserrillenkletterei. Eigentlich gemütlich, aber...

...gesichert werden muss mit Cams, doch wie gut diese in den sich etwas öffnenden Rillen hielten?!?

L5, 30m, 6a: Hier haben wir es mit einer Rätikon-Style-Seillänge zu tun. Die plattige Natur und der moderate Grad lassen wenige Hindernisse vermuten. Es ist dann aber doch ziemlich slabby und auch wenn im Feld 4 BH stecken anstatt nur der versprochenen 2 BH vom Topo, so ist es ob der anhaltenden und fusslastigen Natur gar nicht mal so supereasy-relaxt. Das Ganze übrigens jedoch bei absolut göttlich silbergrau-rauer Felsqualität, quel bijou!

Eine wunderschöne Rätikon-Slab wartet in L5 - offiziell 6a, in Realität eher schwieriger.

L6, 30m, 6c+: Es folgt wieder ein deutlich athletischeres Gerät, fordernd für den Grad! In der Wand oberhalb vom Standplatz spielt sich das Geschehen ab, welche mit einer Rechtstraverse durchquert wird. Einige Schüpplein und kleine Crimps sind zu nutzen, rechtzeitig gibt's aber auch immer wieder mal einen guten Griff eingestreut. Besonders zu erwähnen das unverhoffte Supertropfloch - auch du wirst erleichtert sein, wenn du deine Griffel darin versenken kannst. Tolle Seillänge :-) !!! 

L7, 30m, 7b+: Die megamässig überhängende Ausdauerseillänge. Es ist effektiv so, die Felsqualität ist hier im Gegensatz zu den anderen Pitches nicht Premier Cru. Aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau, es stört gar nicht und die Kletterei ist einfach affengeil. Schon die "Zustiegswand" zur drohenden Walze fordert - wohl ca. im anhaltenden 7a-Bereich und da ist auch etwas Luft zwischen den Bolts. Kräftige Power-Moves führen an die steilste Zone heran, die Crux dann unmittelbar nach dem Klipp des BH mit dem Umkehrkarabiner. Ja warum war der da? Hier manifestierte sich endgültig die Befürchtung, dass beim folgenden BH im stärkst überhängenden Stück das Plättli fehlt. Wohl dem, der hier die nötigen Reserven hat und die Coolheit mitbringt. Bei meiner Ropegun Bernat war das der Fall. Schütteln, schauen und dann den Fokus aufs Klettern legen - wenn man Onsight durchsteigt, dann spielt der fehlende BH ja keine Rolle. Tönt in der Theorie überzeugend und einfach... in der Praxis ist es sicherlich für die wenigsten realistisch. Wobei nach der Crux, bzw. im Abschnitt zum, über und nach dem fehlenden BH durchwegs gute Griffe vorhanden sind und ich (im Nachstieg) ebenfalls souverän durchsteigen konnte.

Der Monster-Überhang in L7 (7b+), eine absolut geniale Seillänge!

Hinweis: zum Beheben des Problems braucht es eine BH-Lasche und eine 17er-Mutter (M10). Idealerweise rostfrei, denn so ist der Dübel. Allerdings hat man da keine Hand frei und allerhöchtens für jemand mit sehr grossen physischen Reserven und einer Megaportion Coolheit ist es denkbar, das Plättli aus der Kletterstellung einhändig zu montieren. Definitiv ist es besser, einen Skyhook / Cliffhanger mitzubringen. An der positiven Leiste gleich neben dem BH kann man sehr gut cliffen, so wurde der BH sicherlich platziert.

Rückblick auf L7 (7b+): wenn man nicht das Seil als Referenz hätte, könnte man noch glauben, es sei eine Platte.

Und tja, ich hätte es gerne gleich gefixt, aber leider konnten wir die Sache nicht in Ordnung bringen. In meinem Haulbag habe ich jeweils Reserve-Plättli und -Mutter dabei. Doch wir nutzten Bernats Haulbag und hatten damit kein Ersatzmaterial. Der Grübler mit der 17er-Lochung hätte die Rettung sein können - wenn möglich, so hätte ich eines der Plättli am darunter liegenden Stand mitgenommen und auf der SL platziert. Leider aber waren beide Laschen dort so beschaffen (der Stift zu nahe am aufgebogenen Teil), dass ich die Muttern mit dem Grübler (der relativ viel Material ums Loch hat) nicht lösen konnte, doof!

L8, 45m, 6c: Eine absolut fantastische Wandkletterlänge wartet hier. Und die Wand gleich oberhalb vom Stand hat es in sich. Nicht so trittig, für die Hände gibt es ein paar Untergriffschüppli, man erkenne die einfachste Lösung. Danach geht's erst mal gut voran, erst nach der Hälfte sind die beiden als nahe steckend erscheinenden BH in der "Kohlewand" (spezielle, schwarze Einschlüsse) dann doch plötzlich nicht so nahe, wie es zuerst den Anschein macht. Der Stand dann gemeinsam mit der Route Wendenvögel, darum "verzieren" 3 gebohrte SU-Schlingen in erbärmlichem Zustand den Ort. Das ist an dieser Stelle unproblematisch, weil auch 2 solide BH stecken. Anderswo in der Wendenvögel dürfte man jedoch nur auf solche Pseudo-Sicherungen zählen können, was sie wohl faktisch unbegehbar macht.

Stand, chasch cho! Einrichtungen der nicht mehr begangenen Route Wendenvögel, mit welcher der Standplatz geteilt wird.

L9, 35m, 6c: Neuerlich eine sehr schöne Länge mit Start an einer Verschneidung, etwas gesucht geht's dann links weg. Es folgt schöne Wandkletterei, später geht's griffig und steil über eine Nase hinweg. Ein paar kniffligere Stellen gibt's, aber es präsentiert sich immer wieder eine Lösung. Ich fand das im Nachstieg super flowig und für den Grad gutmütig (z.B. im Vergleich zu L6). Wobei dies vielleicht auch (die gewissermassen objektivere) Nachsteigerperspektive sein mag. Denn wirklich eng stecken die BH hier definitiv nicht und so könnte das Empfinden am scharfen Seilende ein anderes sein. Der Stand ist dann nochmals gemeinsam mit Wendenvögel, dementsprechend darf man weitere SU-Artistik bestaunen.

Die letzten 3 Seillängen führen in Nähe der schwach ausgeprägten Kante des Pfeilers hinauf. Hier L9 (6c).

L10, 30m, 6c+: Grundsätzlich nochmals eine Länge von ähnlichem Charakter wie davor, wobei es hier nochmals eine gute Prise an schlabbriger Reibungsarbeit gibt. Dies gilt insbesondere, wenn man sich sehr direkt in Hakenlinie bewegt. Laut dem verbalen Austausch mit meinem Kletterpartner ist meine Alternativlösung einfacher, sie erfordert jedoch einen etwas reachy Klipp... für mich ging's, aber mit kürzeren Armen eventuell nicht?!? Zum Ende hin dann verblüffend gut abgesichert (wollten die Erschliesser die übrig gebliebenen BH nicht mehr ins Tal tragen? ;-)), bei etwas nachlassender Felsqualität.

Die Conditions für guten Grip sind beim luftigen Finish von L10 (6c+) absolut gegeben.

Von Stand 10 sind es nur noch wenige Meter im Gehgelände auf das wenig selbständige Top vom Excaliburpfeiler. Knapp vor 16.30 Uhr war es geworden, was somit 6:30h an Kletterei ergibt. Wir waren total geflasht von der affengeilen Kletterei und der perfekten Begehung. Die Lorbeeren dafür fallen natürlich in erster Linie Bernat zu. Der hat nun nicht nur alle 5 gemeinsamen Wendenrouten einwandfrei gezogen, sondern auch immer die Crux-Abschnitte vorgestiegen, während der alte Mann in geschickter Arbeitsteilung jeweils das einfachere Terrain zugeteilt erhielt. Dieses Mal war mein Vorstiegsanteil jedoch kleiner als erhofft/geplant. Denn ab der Cruxlänge "chutete" der thermische Aufwind so verrückt, dass ein doppelter Aufenhalt am Stand zu starker Auskühlung geführt hätte und es deswegen auch ratsam schien, die schnellere bzw. versiertere Person vorsteigen zu lassen. Zumindest hatte der Wendennebel ein Erbarmen mit uns und waberte nur in den Regionen oberhalb der (Kletter-)Gipfelhöhe herum.

Top of Excalibur, der Wendennebel zum Glück über unseren Köpfen statt vor der Nase.

Für eine längere Pause am Top war die Situation nicht gegeben. Nach einigen Posen für die Fotos galt es unmittelbar, zu einem wohlbehaltenen Weg ins Tal überzugehen. Am steilen Excalibur und im exponierten Wendenzustieg keine Trivialität, aber für uns nach mehreren Repetitionen doch so etwas wie Routine. Abgeseilt wird über Excalibur, wobei der Stand oberhalb vom Dach nicht ausgelassen (bzw. zumindest geklippt) werden sollte - sonst wird es schwierig nicht irgendwo als Schinken luftgetrocknet im freien Raum zu enden. Diesbezüglich ungerupft erreichten wir den Einstieg, packten unsere Ware und liessen es talwärts rollen. Zügig wurde die Wendenalp erreicht, super glücklich mit diesem genialen Klettertag machten wir uns auf dem Heimweg. Nummer 47 war ein absolut durchschlagender Erfolg gewesen - eine Bezeichnung, womit man definitiv nicht jede Nummer 47 attributieren würde ;-)

Diese weisse Linie zog sich vom Top des Pfeilers über 2 Seillängen nach unten. Wir konnten uns keine anderen Erklärung zusammenreimen, als dass es die Spur von einem Blitzschlag ist?!? Oder vielleicht eine Ameisenstrasse - da fehlte aber der Verkehr drauf ;-)

Ob die Niagara nun den Reigen der Klettereien am Excalibur schliesst? Eigentlich gäbe es noch drei weitere Routen (Zonda, Indian Summer, Wendenvögel), die bestimmt auch schöne Kletterei bieten. In die letztere der drei hat man einen sehr guten Einblick, und der Fels sieht echt fantastisch aus. Wegen unzureichender bzw. komplett veralteter Absicherung mit vielen nicht selbst fädelbaren SU-Schlingen kann da aber kaum mehr geklettert werden. Hoffentlich erbarmt sich jemand einer vernünftigen Sanierung dieser Route(n) - dann bin ich sehr gerne am Start!

Facts

Wendenstöcke / Excalibur - Niagara 7b+ (7a obl.) - 10 SL, 370m - Ruhstaller/Rathmayr 1999 - ****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams 0.2-1 oder evtl. 2

Eine weitere Traumtour des illustren Erschliesser-Duos Ruhstaller/Rathmayr. Die Kletterei besticht weitgehend durch exzellenten Fels und einen interessanten Mix zwischen athletischen und steilplattigen Seillängen. Ein wenig Abzug auf der Top-Top-Skala gibt's wegen dem etwas umständlichen Weg über den Vorbau mit anschliessender Traverse. Auch die Ästhetik der Linie am Rande des Pfeilers kann nicht ganz mit einer Blauen Lagune mithalten. So gebe ich hier 4.5 von 5 Sternen, also sehr, sehr gut. Zu beachten ist die Nähe zum Wasserfall. Ist dieser "in Betrieb", so kann er auf die Route geweht werden, ebenso besteht eine gewisse Gefahr von Steinschlag. Im Sommer/Herbst, wenn es keinen Schnee mehr in der Gipfelregion hat ist der Wasserfall meistens ausgetrocknet - am besten also dann anrücken. Die Absicherung mit einem Mix von verzinkten und rostfreien BH kann man als ok bezeichnen. Die schwierigen Passagen ab ca. 6c sind gut gebohrt, wobei es diverse zwingende Passagen gibt. Im einfacheren Gelände stecken schon auch regelmässig Bolts, es fühlt sich nicht Harakiri an. Trotzdem sollte man dieses Terrain souverän im Griff haben. Insgesamt würde ich aber sagen, die Absicherung sei tendenziell weniger fordernd wie in der Deep Blue Sea oder Tsunami. Anzuraten sind ein Set Cams von 0.2-1, auch wenn sie nicht oft zum Einsatz kommen. Für die Rillen am Ende von L4 (7a) ist auch ein grösseres Exemplar nicht verkehrt, auch wenn man dieses sonst nie braucht. Ein Topo zur Niagara und Infos zu den umliegenden Routen findet man im Extrem West, Band II.

Mittwoch, 9. September 2026

Wendenstöcke / Reissend Nollen - Nachtexpress (7a)

Auf dem Papier machen die Anforderungen für den Nachtexpress einen überschaubaren Eindruck: acht Seillängen, maximale Schwierigkeit 7a. Trotzdem war ich bisher immer am Einstieg vorbeigelaufen. Es gab zwar nicht viel zu erfahren über die Route, doch dass sie zwar sehr schön, aber gleichzeitig auch äusserst anspruchsvoll sei, konnte man sich aus dem Vorhandenen zusammenreimen. Nun, nach der erfolgreichen Begehung, kann ich dies nur unterstützen. Die Kletterei ist genial, doch sowohl die Moves als auch die Absicherung erfordern hohes Können. Verrückt, dass ein solcher Knaller bereits 1989 erschlossen wurde - noch ohne Trainingsplan, Boardclimbing und Kletterhallen. Doch damals hatten sie Zeit, Passion und Courage - was auf dieser fusslastigen Old-School-Kletterei bestimmt mehr hilft als möglichst gute physische Leistungsparameter.

Die stattliche Wand des Vorbaus am Reissend Nollen mit dem Verlauf von Nachtexpress (7a).

Unsere Tour startete um 8.35 Uhr auf der Wendenalp. Drei Teams waren zugegen, welche alle denselben Sektor besuchen wollten. Zambo und Spasspartout waren die Ziele unserer Mitstreiter. Auf dem uns bestens bekannten Weg brauchten wir eine Stunde bis zum Einstieg. Diesen hatte ich bereits bei früherer Gelegenheit ausgecheckt, so konnten wir uns die Sucharbeit ersparen. Global gesehen ist es aber nicht ganz so einfach. Immerhin sind im neusten Extrem West nun alle Linien korrekt eingetragen (d.h. auch das Pitelka-Projekt links und die No Festa rechts), was es deutlich einfacher macht. Am Fels (eingemeisselt) angeschrieben ist jedoch nur die Spasspartout. Dann starten nach rechts gehend nacheinander Affennase, das Projekt und schliesslich Nachtexpress). Alle sind mit den alten, eckigen Laschen mit Öse für nur 1 Karabiner ausgestattet und starten gleich mit einer etwas gesuchten Boulderstelle in braun-gelbem Fels. Vielleicht hilft ja mein Foto unterhalb und sonst eben das Abzählen von der Spasspartout her. Um ca. 10.00 Uhr starteten wir mit der Kletterei.

Nicht das super Foto. Aber genau beim Kletterer geht Nachtexpress los.

L1, 25m, 6b: Man kann die Sache von zentral, links oder rechts beobachten. Aus jeder Perspektive sieht die Zone zwischen den ersten beiden Bolts abschüssig-glatt und so richtig fordernd aus. Ich kann hier leider auch nicht zur Beruhigung beitragen. Ja, es ist fordernd und zwar das erste, aber längst nicht das letzte Mal heisst es mutig moven (hier von einem kleinen Seitgriff mit Platzieren der Füsse auf schlabbriger Reibung) und darauf zu spekulieren, dass die kommenden Löcher nicht zu übel sloprig und/oder staubig sind. Auch wenn es nach dieser Stelle sofort einfacher wird: die Relativität der Nachtexpress-Gradierungen versteht man bereits hier. Der obere Teil der Länge beinhaltet einfache Kraxelei, fixe Absicherung gibt es nicht und Legemöglichkeiten höchstens sehr dürftig. Das hat Grounderpotenzial und eigentlich gehört da ein BH hin.

Das Panorama ist schöner wie der Rückblick auf den einfachen Schlussteil von L1 (6b).

L2, 30m, 6b+: Diesen Grad würden wir für uns normalerweise als freundliches Aufwärmprogramm ansehen. Hier steht aber mehr im Vordergrund, dass es noch schwieriger sein sollte (und ist!) wie L1. Und das merkt man schon sehr bald. Die ersten Meter linksherum gehen noch gut, aber der Dächli-Wulst ist verdammt knifflig. Es gilt auf ein 3-Finger-Loch zu spekulieren, dann die richtige Hand darin zu versenken, noch dazu ist das Auflösen der Geschichte mit beschränktem Trittangebot einfach hart. In der Folge lässt es zwar ein wenig nach, so richtig einfach ist es aber nie - jedoch mit richtig genialer Lochkletterei à la Sektor Demi-Lune in Céüse. Die Unterschiede bestehen im null Andrang und zero Speck, dafür sind die Pockets mangels greifender Hände halt oft etwas staubig.

Hier geht's los mit der Cruxsequenz in L2, welcher auf dem Papier gerade mal eine 6b+ attestiert wird.

L3, 25m, 6c: Ja, nochmals eine Schippe härter! Der Auftakt mit zwei nahe steckenden BH lässt schon vermuten, dass es da heftig bouldrig zur Sache geht. Und das trifft absolut unbestritten zu. In den modernen Boulder Gyms wird einer solchen Sequenz heutzutage zweifellos eine 7A/V6 attestiert, was hier bloss Element einer 6c-Länge ist. Wer einmal über die recht physische Crux drüber ist, darf danach in einer 100% zwingenden, fusstechnischen Passage noch seinen Mut beweisen. Man verliere besser nicht den Überblick über die Trittmöglichkeiten in den Löchern, die man im Rückblick kaum mehr sieht! Nach dem Klipp des dritten BH wird's dann viel einfacher. Fixe Absicherung sucht man wiederum vergebens. Ich konnte zwei Cams platzieren, wie gut diese in den etwas staubigen, flared Querschlitzen halten würden, testet man wohl besser nicht aus. Von selbst rausgefallen sind die Cams aber immerhin nicht.

Hier wartet die zünftige Boulderstelle am Anfang von L3 (6c).

L4, 30m, 6b: Hier folgt die für uns unbestritten einfachste Länge der Tour. Sie beginnt relativ gemütlich zum etwas links im Schilf steckenden ersten BH, auch nachher geht's entweder leidlich griffig weiter oder dann gibt es recht gute Trittmöglichkeiten. Fixe Absicherung ist aber nur spärlich vorhanden (3 BH, 1 Schlinge in gebohrter SU) und gerade über dem letzteren Stück will doch seriös geklettert werden. Wer es aber bis dahin geschafft hat, dürfte dem aber gut gewachsen sein.

Auftakt in L4 (6b), der erste BH steckt etwas links ausserhalb der Optimallinie.

L5, 40m, 6b+: Nein, der Schlusssatz zur vorherigen Seillänge findet hier definitiv keine Anwendung! Der Runout zum ersten BH ist zum Glück gut bewältigbar, aber dann: leck mich am A...! Sehr knifflig, sehr fusslastig mit dem Geläuf 2-3m über dem BH klettert man die Crux. Und das Ganze wieder einmal in Spekulation darauf, dass das ein vereinzeltes Pocket weit oben, auf welches man seine ganze Hoffnung setzt, tatsächlich kontrollierbar ist. Ja, auf diese Mutprobe muss man sich Einlassen und es wäre ein grosser Frevel hier zu schreiben, wie sich dieser Griff schlussendlich anfühlt... diese Passage spielt sich übrigens über dem ersten (nicht gerade standnah steckenden) BH ab. Schon nicht sehr gefährlich, aber da kann man schon heftig ins Geschirr scheppern und insbesondere wenn der Climber schwerer ist wie die Sicherungsperson heisst es "Vorsicht!". Der Rest der Seillänge bietet dann schöne Kletterei etwas um die Ecken herum, die ganz (gleich) grossen Emotionen wie beim Auftakt erlebt man nicht mehr. Nur um hier einmal eine Referenz anzugeben: diese Länge wäre auf einer modernen Tour sicherlich im Bereich 6c+/7a bewertet.

Zum Ende der Seillänge lassen die Schwierigkeiten etwas nach - kompakt ist der Fels dennoch.

L6, 35m, 7a: Die Linienwahl der Erschliesser sorgt hier beim ersten Blick nach oben für Erstaunen. Statt der (vielleicht nur vermeintlich) gängigen Verschneidung direkt hinauf wird in der kompakten Wand links geklettert. Dort trifft man auf scharfe kleine Griffe sowie teils etwas staubige Querleisten und Löchlein. Dort wo es schwierig ist, ist das Trittangebot eher dünn. Hart riegeln und die Füsse an die Wand pressen lautet das Motto. Trotzdem bzw. deswegen, hier kommt der Fingerkraft bzw. klassischer Hallen- oder Cragging-Athletik mehr Bedeutung zu und vielleicht darum ist uns dieser Abschnitt für seinen Grad zwar nicht einfach vorgekommen, aber doch im Vergleich besser machbar. Zum Ende hin gibt's übrigens eine deutliche Linksecke, was aber dem absolut logischen Weg entspricht.

In L6 (7a) findet man fordernde Wandkletterei in sehr kompaktem Fels vor.

L7, 25m, 6c+: Ein superfotogener Quergang markiert hier den Ausweg über das sperrende Dach, was einen in extrem luftige Position bringt. Sicherlich beruhigend zu wissen: hier ist die Absicherung zwar auch nicht super eng, aber an beiden Seilenden gut und safe. Die Seillänge frei zu klettern, ist aber eine ziemliche Challenge. Wir fanden schon die Boulderstelle am ersten BH schwierig, auch wenn sie im Gesamtkontext noch eher Vorgeplänkel ist. Nach dieser geht's vorerst relativ gutgriffig voran, bis man zum Ende im überhängenden Gelände aus diesem Wandbereich entkommen muss. Nachdem man sogar nochmals etwas abgeklettert ist, sind sehr physische Moves (in etwas staubigem Fels) gefordert, bevor die Sache im Mantle-Exit auf das Standband gipfelt. Nach meinem Empfinden befinden sich diese Stunts klar jenseits vom Grad 6c+.

Der fantastische Quergang von L7 (6c+): jetzt folgt die Crux in sehr luftiger Position. 

L8, 30m, 7a: Dass die Tour hiermit noch gekrönt wird, war uns schon a priori klar. Und man kriegt nochmals eine richtig fette Dosis an vertikal-athletischer Kletterei mit hohem technischem Anspruch geboten. Schon aus dem Stand raus nicht einfach, zu einer kniffligen Zone wo der Fels zwar sehr scharf, aber weder griffig noch trittig ist - man zaubere sich hinüber! Darauf hin heisst es, einer Rissspur bzw. kleinen Verschneidung zu folgen. Erst noch machbar (wenn auch nie einfach) fordert eine weitere Sequenz ob ihrer Trittarmut die letzten Reserven. Erst die allerletzten Meter hinauf zum Standband entpuppen sich dann als relativ leicht verdauliches Dessert - uff! Die 7a passt vielleicht zu den restlichen Bewertungen, nach zeitgemäss-realistischer Skala sollte man sich besser auf eine zähe 7b vorbereiten.

Sieht optisch nicht ganz so bös aus, doch es ist nochmals richtig zäh (L8, 7a).

Um ca. 16.00 Uhr hatten wir nach rund 5:30h der Kletterei das Top erreicht. Bernat mit einer perfekten os/fl-Begehung, wieder einmal eine Demonstration von herausragendem Können! Ich konnte mich mit jeweils einem zweiten Anlauf in L3 und L5 bis vor die Schlusslänge schadlos halten (rp). Mein Komplett-Durchstieg scheiterte jedoch in L8. Gefehlt haben mag's an allen Enden, doch die Kletterfinken waren ein durchaus entscheidendes Handicap. Wie man hier schon im letzten Beitrag lesen konnte: meine Ära mit den Pythons ist leider endgültig vorbei. Die im Nachtexpress genutzten Skwamas waren einerseits noch neu, andererseits halt einfach nicht dasselbe Produkt. Sprich, das Gefühl auf kleinen Tritten und bei Extremreibung war nicht restlos überzeugend und vor allem schmerzten zu diesem Zeitpunkt meine Füsse so stark, dass an verschärftes und dennoch präzises Antreten nicht mehr zu denken war. Tja, faule Ausrede wird der Leser wohl denken... Da kann ich nur entgegnen: ich hoffe auch sehr, dass ich die Kletterfinken künftig nicht mehr als leistungsmindernden Aspekt erwähnen muss und mit den Skwamas künftig genauso an der Wand bin wie mit den Pythons.

Nochmals eines vom tollen und sehr fotogenen Quergang in L7 (6c+).

Nun, das gehört eher zur Philosophiestunde, während die Hauptaufgabe am Routenende darin besteht, wieder vom Berg zu kommen. Über Nachtexpress kann man wegen dem Quergang nicht abseilen. Unter Nutzung der Standplätze der benachbarten No Festa und/oder Rockmantic geht's aber sicher und das ist bestimmt der schnellste und bequemste Weg zurück an den Einstieg. Aus Gwunder und Entdeckerdrang wählten wir aber den Originalabstieg. Dazu auf dem Band erst horizontal nach Westen, die kompakte Zone nach der ersten Ecke umgeht man ab- und wieder aufsteigend. Schliesslich biegt man nochmals um die Ecke und findet dort einen Einzelbolt mit Maillon. An diesem seilt man 30m ab (1x60m reicht, 1x50m nicht!) und kommt so zu dem Punkt, wo die letzten 3 SL von Zambo und Spasspartout starten und auch der Zustieg zu Caminando vorbeiführt. Von dort kann man a) exponiert zu Fuss absteigen, oder b) erst mit dem Zambo-Stand 40m zur Kette von Spasspartout abseilen und dann in 3x50m über diese zum Einstiegsbereich gelangen. So machten wir es, räumten unsere Ware zusammen, liefen zurück auf die Wendenalp und feierten die tolle Tour (meine #46 an den Wendenstöcken) noch mit einem Znacht in Meiringen.

Facts

Reissend Nollen Vorbau - Nachtexpress 7a (6c+ obl.) - 8 SL, 240m - Ochsner/Pitelka 1989 - ****;xx
Material: 2x50m-Seile, 10 Express, Cams 0.2-1

Sie ist zwar nur am Vorbau, aber diese Route ist nicht ein halbes Programm, sondern ein richtiger Knaller. Auf den ersten Seillängen sind die Schwierigkeiten noch nicht anhaltend, sondern bestehen aus technischen Bouldersequenzen an oft sloprigen Löchern, wo man die Füsse auf plattiges Gelände presst. Der Anpressdruck der Füsse muss auch auf den finalen Längen aufrecht erhalten werden. Das Terrain ist dort steiler und die Schwierigkeiten kontinuierlicher, was den athletischen Anspruch unterstreicht. Die Felsqualität ist weitestgehend hervorragend was Struktur, Kompaktheit und Reibung betrifft. Einzig die Löcher und Querleisten sind bisweilen staubig - umso mehr eine Challenge, wenn sie auch noch von slopriger Natur sind. So gesehen würde es nicht schaden, wenn die Route häufiger begangen würde. Das scheitert ganz sicher nicht zuletzt an der selektiven Absicherung. An den Schlüsselstellen ist diese in vernünftiger Menge und Platzierung vorhanden (Niveau xxx). Die Kletterei ist aber sehr zwingend, ohne Beherrschung der Schwierigkeiten und psychisch stabilem Korsett in sehr technischem Gelände kommt man die Tour nicht hoch. Sobald die Kletterei einfach(er) ist, stecken die Haken spärlich, stürzen oder schon nur das Limit ausloten wäre da keine gute Idee. Cams von 0.2-1 müssen zwingend mit, auch wenn man sie nicht allzu oft legen kann und längst nicht jeden Abstand entschärft, der gerne verkürzt werden möchte. Zu sagen ist noch, dass die BH (wie bei allen Touren aus dieser Epoche) ihre besten Zeiten hinter sich haben. Verzinkte Anker mit rostfreien Plättli, d.h. die Stifte sind alle sichtbar korrodiert, teilweise wackeln die Plättli, obwohl die Muttern festsitzen, undsoweiter. Auch wenn das alles im Moment wohl noch hält: ein Sanierungsbedarf ist klar gegeben. Die schwierigen Stellen wird man dabei trotz der hohen Anforderungen original belassen wollen (sonst ändert man den Charakter der Tour). Es wäre aber sehr anzuraten, im einfachen, kaum absicherbaren Gelände (Ende L1, L3, L4) noch den einen oder anderen BH zu spendieren. Als Kletterführer empfiehlt sich der Extrem West Band II, sehr empfehlenswert ist das frei verfügbare und präzise Topo von Thomas Behm. Es sei hier nochmals wiederholt: die Bewertungen sind sehr hart ausgefallen - will man eine moderne (realistische) Einstufung, so schlage man überall 2 Grade drauf.

Donnerstag, 3. September 2026

Hoch Fulen - Haldigut (7b+)

Acht Jahre zuvor war ich das erste und einzige Mal am Hoch Fulen, um die tolle Annika zu klettern. Nun zwang uns die persistente Hitze erneut in schattige und hoch gelegene Gemäuer, wovon die steile Wand im Urnerland eben eines ist. Mit meinem starken Kletterpartner an der Seite wählten wir die laut dem Extrem Ost 2013 forderndste Route aus, wobei sich diese auf dem Papier mit ähnlichem Anspruch wie die zuletzt gekletterten Touren zeigte. Hier kamen wir aber auf die Welt: ultrakompakt und knapp strukturiert präsentierte sich der Fels, hammerhart waren die Bewertungen - dementsprechend wenig Flow hatte unsere Begehung.

Dieses Wandfoto hatte ich damals bei der Begehung der Annika aufgenommen, wo wir den effizientesten Zustieg noch nicht kannten. Denn wenn man diesen wählt, so kriegt man die Wand nie in ihrem vollen Ausmass zu Gesicht, sondern kommt von links-seitlich her. Auch wenn es kein Qualitätsfoto ist, die Route nicht einmal vollständig drauf Platz hat und der Verlauf ab L7 nur ungefähr ist, für einen Eindruck von Gemäuer und Route reicht es trotzdem.

Unsere Tour begann mit der Bahnfahrt nach Haldi. Günstig, gut und kundenfreundlich lautet das Motto. Derzeit fährt sie schon um 5.55 Uhr das erste Mal, kostet für eine Einfachfahrt nur 4.20 CHF (mit Halbtax) und auch das Bike kann man unkompliziert für 5 CHF transportieren lassen. Letzteres ist als Zustiegsverkürzung und Abstiegsbeschleuniger sehr zu empfehlen. Wären es ab der Bahn mehr als 7km Gehdistanz und über 1000hm Anstieg, so kamen wir mit der Variante Schlepp (d.h. 1 E-Bike und 1 Bio-Bike) in ca. 25 Minuten bis auf 1550m. Ab dort ist der Karrweg zum Stafelalp-Beizli (1789m) sehr schottrig und brutal steil - in unserem Modus hatten wir keine Chance. Alleine auf dem E-Bike ist es für Könner möglicherweise machbar, aber sicherlich am Limit des Fahrbaren. 

Blick von der Bergstation Haldi auf den noch sehr weit entfernten Hoch Fulen (im Bildzentrum).

Wir setzten unseren Weg zu Fuss fort, bis zum Start der Annika am linken Ende der Wand hätten wir ab dem Haldi total 1:20h gebraucht. Für Haldigut heisst es, noch ein rechtes Stück (ca. 80hm) der Wand entlang in losem Geröll hochzusteigen, wofür noch rund 10 weitere Minuten fällig sind. Mit Blick auf die gute Skizze im Extrem Ost war der Start problemlos zu identifizieren, zudem ist die Route auch (verblasst) am Einstieg angeschrieben, ebenso ist die Schlinge in gebohrter SU charakteristisch. Ein wichtiger Hinweis: im Bereich des Einstiegs haben Gewitter das Geröll erodiert. Dabei ist ein tiefer Graben entstanden. Zur Zeit unserer Begehung liess sich der Startpunkt von oben der Wand entlang gerade noch ohne viel Zusatzaufwand und Risiko erreichen. Wenn da aber noch mehr Material weggefressen wird, könnte es problematisch werden. Wie das Foto auf dem Originaltopo zeigt (siehe am Ende des Beitrags), war die Situation zur Zeit der Erschliessung definitiv noch freundlicher. Nachdem wir uns gerüstet hatten, starteten wir um 9.25 Uhr mit der Kletterei.

Wir sind der Sache näher gekommen - die Wand hat schon Schwung und ist richtig steil!

L1, 45m, 12 BH, 7b: Ohne das kleinste bisschen von Aufwärmprogramm geht's gleich in eine richtige Marathon-Seillänge. Schon das Einstiegswändli hinauf zum ersten Dach fordert mehr, wie man sich vielleicht erhofft: der Grip ist nicht so fabulös und es gibt kaum positive Strukturen. Insbesondere ist das Anklettern des ersten Hakens nicht trivial und wegen dem Erosionsgraben bedenklich (man kann nur hoffen, dass im Falle des Falles das Sandührli mit seinem Schnürsenkel hielte). Am Dächli heisst es dann parat sein, fingerkräftig und athletisch geht's an scharfem Fels darüber hinweg. Die folgende Rechtsquerung bietet zum Glück grössere Griffe, bevor es in der folgenden Steilzone wieder zur Sache geht. Es ist unübersichtlich und kräftig, der Fels leicht belagig und nicht mit super Grip - pumpy Stuff! Es folgen ein paar windige Jams an einer Rissspur, bevor die kleingriffige, schwierig zu lesende Rechtsquerung die ultimative Crux darstellt. So gelangt man an die rechte Kante, womit die Hauptschwierigkeiten vorbei wären. Wobei auch diese Kante nicht so einfach zu haben ist, wie man sich vielleicht wünscht... und im Vorstieg aufgrund der Hakenplatzierung eher unangenehm. Das gilt übrigens für die ganze Länge: es ist zweifellos gut gesichert und es gibt keine Runouts, aber die Sache ist zwingend zu klettern und mental fordernd. Und wir merken gleich: die Bewertung ist hart, die 7b+ am Vortag in der Zwischenwelten lief uns deutlich einfacher. Hier kann man deshalb uneingeschränkt für diesen Grad 7b+ plädieren.

Man muss gleich von Anfang an parat sein. L1 (7b im Topo, eher 7b+) ist ein hartes Gerät!

Kompaktissimo ist der Fels! L1 (7b) im Rückblick - gut sichtbar der Erosionsgraben, welcher den Zugang zum Einstieg erschwert.

L2, 25m, 0 BH, 2a: Überführungsstück in unschönem Kraxelgelände bei lottrigem Fels. Es gibt keine fixe Absicherung und Möglichkeiten zum Legen auch keine zuverlässigen. Fehler sind hier absolut nicht erlaubt, Vorsicht!

L3, 25m, 2 BH, 6b: So richtig Vorfreude kommt vor diesem Teilstück nicht auf, denn der Kennerblick lässt schon vermuten, dass es auf einen Eiertanz rauslaufen könnte. Man durchquert eine steile Wand auf einer vagen, schlabbrigen Rampe. Der erste BH steckt im Angesicht des flachen Geländes darunter (zu) hoch - immerhin, richtig schwierig ist es bis dahin nicht. Leider Gottes steckt dieser Bolt dann aber für den Weiterweg trotzdem zu tief. Es folgt eine eierige Sequenz, wo man schliesslich grifflos auf eine nordwandig-glatte, weiss-flechtige Slab mantelt und sich zumindest einem unangenehmen Sturz ausgesetzt sieht, bzw. schon fast wieder Bodenkontakt aus 10m Höhe zu befürchten hat. Hat man geklippt, ist der öttelige Ausstieg ins schrofige Kraxelgelände schwierig und dann folgt noch so viel Lotterterrain bis zum Stand, dass ein Sturz wohl tödlich enden würde. Wobei zu sagen ist, dass dort laut dem Originaltopo nochmals ein BH stecken müsste. Leider hatten wir dieses Schriftstück auf der Tour nicht greifbar und haben den Bolt nicht gesehen, bzw. gesucht und gefunden.

Die Absicherung der abschüssigen Rampe in L2 (6b) sieht auf dem Foto besser aus, als sie im Gelände ist.

L4, 30m, 10 BH, 7a: Eine tolle, aber komplexe Seillänge mit verzwickter Linienführung, anhaltenden Schwierigkeiten und finalem Abwerfer. Schon gleich aus dem Stand raus geht's fordernd bei knappem Trittangebot, bevor man ein paar Meter vergleichsweise kommod gewinnt. In etwa bis zu dem Punkt, wo der nächste Haken zwar in direkter Linie nicht sehr weit entfernt ist, aber trotzdem sicher 10 Klettermeter nötig sind, um ihn zu klippen. Die Strukturen leiten einen (sehr weit) nach rechts, wo man dann die 2-3m Höhengewinn macht und tatsächlich gut wieder zurück kommt - wir vermuten, dass dieser Umweg tatsächlich die angedachte Linie ist. Weiter geht's dann bis zu dem Punkt, wo die Erschliesser gerne gerade hinauf geklettert wären, jedoch angebrannt sind. Die Alternative, eine Rechtsquerung entlang einer Fuge, hat es aber auch in sich. Insbesondere das Finish ist nochmals richtig zäh. Nachdem mir Bernat die Lösung perfekt angesagt hat, konnte ich den Nachstiegs-Flash auf dem letzten Blatt heimbringen. Gefühlter Grad: 7b.

Sehr kompaktes Terrain auch in L4 (im Topo 7a, eher 7b) Gute Griffe oder freundliche Struktur? Fehlanzeige!
Der Quergang zum Ende von L4 (7a) fordert nochmals alles ab.

L5, 30m, 10 BH, 7b+: Ein richtiges Hauseckenrennen, diese Länge führt überall hin, nur nie straightforward geradeaus. Los geht's schon mit einem fordernden dünnen Piaz und einer kniffligen, sloprig-reibungslastigen Rechtstraverse. Nach einer im Rahmen dieser Route machbaren Linksecke ist dann hingegen der Retourweg nach rechts sehr knifflig. Schwierig zu lesen, trittarm (oder auch trittreich, weil man zwar nirgends gut, sondern überall schlecht auf der mässig strukturierten Wand auf Reibung antreten kann) und kleingriffig präsentiert sich dieser Part. Nach einer komplexen Sequenz trifft man rechts aussen tatsächlich auf ein paar bessere Tropflochleisten. Zum Rasten reicht's aber nicht, da die guten Griffe und Tritte nicht matchen, und die Moves dazwischen sind weit. Und das Finish nach links zurück zum Stand hat's dann nochmals knüppeldick in sich, inklusive flechtiger Sloperleiste, wo das letzte herausgepresst werden muss. Diese Seillänge ist schwierigkeitstechnisch kein Vergleich z.B. zu den 7b+ von Gemini, Colibri oder Zwischenwelten, sondern sicherlich zwei Grade schwieriger - dementsprechend würden wir das eher im Bereich 7c/+ einordnen. Wobei... der Stand vermutlich kein No-Hand-Rest ist (bei kurzem Probieren habe ich jedenfalls keinen hingekriegt, wenn man es besser macht, kann man evtl. kurz beide Hände lösen). Man müsste also eigentlich sogar noch weiter, was aber seilzugtechnisch absolut utopisch ist.

Knüppeldick gibt's die Schwierigkeit in L5 (offiziell 7b+), wir fanden diesen Grad aber zu tief.

L6, 30m, 6 BH, 7a+ bzw. 7c: Die Sequenz aus dem Stand hinaus ist gleich mal fordernd und daher unangenehm wegen Kollisionsgefahr, da man an der unbequemen Station auch kaum Freiheitsgrade hat. Der nächste Programmpunkt stellt die Linkstraverse an griffigeres Schuppenmaterial dar. Sieht zwar optisch so aus, also ob das gut gehen müsste... aber wir hatten da beide ziemlich Mühe. Die Crux folgt dann am Dächli: die zwei Original-Dübel wurden abgebrochen und zu einem einzigen ersetzt. Dessen Platzierung soll wohl die Rechtsumgehung der schwierigsten Passage erlauben. Man muss dann aber schon ein paar Meter weiter drüben klettern und vermutlich irgendwelche Karton-Seitgriffe nutzen. Sicherungstechnisch eher etwas suboptimal und ich kann nicht abschliessend sagen, wie gut es ginge. Hier direkt in Hakenlinie zu bleiben scheint trotz der hohen Schwierigkeiten attraktiv(er) und so haben wir das gemacht. Die Stelle ist aber affenschwer, griffarm und man muss sich mit wilden Verrenkungen oberhalb vom Dächli etablieren. Diesen Part konnte ich nicht frei auflösen - nun gut, da die Schlacht eh schon verloren schien, war die Motivation an diesem Punkt nicht mehr bis in die Zehenspitzen vorhanden - taff ist es aber zweifellos. Auf einen Bewertungsvorschlag sei darum verzichtet. Nur eines muss klar sein: wer sich hier eine machbare 7a+ ausmalt, der findet diese ganz sicher nicht.

Kein Foto mehr gemacht in L6 (7a+ bzw. 7c), was hier gezeigt wird ist das Hauseckenrennen in L5 (7b+). Wobei der Stand zwischen den beiden Längen keinen No-Hand-Rest darstellt und es nach der Kette mehr oder weniger im selben Stil weitergeht. Das Dach, welches die Crux von L6 präsentiert, ist jedenfalls direkt ob dem Helm des Kletterers bereits sichtbar.

Es war nun in der Gegend von 15.00 Uhr, wir befanden uns auf einem schottrigen Band und wurden von der Sonne gegrillt. Während wir bis zu diesem Punkt bei angenehmen Conditions am Schatten aktiv waren, waren diese nun vorbei (am selben Tag wurde in der Schweiz eine Höchsttemperatur von 39.8 Grad gemessen). Der nächste Abschnitt (L7, 5c) sah mit gebändertem Gelände und brüchigem Fels eher wenig attraktiv aus. Laut Topo sollte der Fels dann in L8 (6a+) wieder gut sein, später folgt dann das letzte Pièce de Résistance (L9, original ca. 7b+, Extrem Ost 7b). Meine Abneigung zum frühzeitigen Abbruch von MSL ist ja bestens bekannt, rein kräftemässig hätte es wohl vermutlich schon noch bis zum Top gereicht, doch im Angesicht der viel zu heissen Bedingungen machte es effektiv keinen Sinn mehr, einen Rotpunkt oder gar Onsight hatten wir auch ganz und gar nicht zum Top zu bringen. Wir fädelten also die Seile und erreichten mit nur gerade drei langen Manövern zügig wieder den Boden. Zuletzt nutzt man einen separaten Abseilstand und muss noch etwas dem Wandfuss entlang abkraxeln, um zum Start der Route zurück zu gelangen. 

Diese sehr harte und stehintensive Route hat meinem letzten Paar La Sportiva Python (das Modell wird leider nicht mehr produziert) den Rest gegeben, bzw. ein Loch in die Sohle gefressen - schade! Nun im Rückblick weiss ich: es war noch nicht ganz die letzte Tour dieser Treter. Sie haben mich beim Punkten der Cobra im Rätikon begleitet, sowie beim Erschliessen und Punkten der Extrameile an den Kreuzbergen - ein sehr würdiges Lebensende, das darf man wohl gerne sagen :-)

Wir packten unsere Ware und liefen über den Butzenboden und die Stafelalp retour zu unseren Bikes. Sehr bequem, praktisch ohne Pedaltritt und in nur ca. 20 Minuten fährt man die gut 10 Kilometern bis zurück an die Talstation. Tja, so smooth war unsere Kletterei nicht gelaufen, diese anspruchsvolle und auf dem Topo-Papier eindeutig unterbewertete Route hatte uns den Zahn gezogen. Kein Problem, manchmal kriegt man halt seine Grenzen aufgezeigt, that's the name of the game - ich werde es mir für die nächsten Trainingssessions hinter die Ohren schreiben.

Facts

Hoch Fulen - Haldigut 7b+ (7a obl.) - 10 SL, 320m - Winkler/Schoch/Wicky 1993-2010 - ****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 14 Express, Cams 0.3-1

Über weite Strecken sehr anhaltende Kletterei in äusserst kompakten Kalk. Der Fels weist gerade ausreichend Struktur und Reibung auf, dass man sich Fortbewegen kann, wobei man oft um jeden Meter an Fortschritt kämpft. Zwei einfache Intermezzi sind weniger attraktiv und chossy, stören aber das Ensemble von harten Längen nicht wesentlich. Die Route wurde unter der Leitung von K.Winkler in einem langen Zeitraum erschlossen. Sicherlich von unten und ohne Vorkenntnisse, was zusammen mit dem schwierig zu lesenden Gelände die vielen Ecken und Wendungen im Verlauf erklärt. Laut der Deklaration auf dem Originaltopo haben die Erschliesser nur die Einzelstellen frei geklettert (bis auf eine Stelle in der zweitletzten Länge). Wir haben uns gefragt, wie viele erfolgreiche Begehungen (rotpunkt oder onsight) die Route überhaupt schon gesehen hat. Anscheinend wurde Haldigut von Spiri ca. 2012 gepunktet, sonst weiss ich nur von einer einzigen, weiteren Seilschaft, welche sich daran versucht hat. Das stellt zwar höchstwahrscheinlich nicht die vollständige Begehungsstatistik dar, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sind die Seilschaften aber hier sicher nicht zahlreich anwesend oder gar durchstiegstechnisch erfolgreich gewesen. Denn für Amateure liegt das ohne ausufernden Aufwand kaum drin und für die Pros ist eine solche, unbekannte 7b+ kein attraktives Ziel.

Das Originaltopo der Erschliesser - vielen herzlichen Dank für die Arbeit!

Wichtig zu wissen: nach unserer Einschätzung sind die Bewertungen in sich konsistent, aber sehr hart ausgefallen. Überall einen Grad zu addieren würde ich mal unisono empfehlen, vermutlich ist man mit einem Surplus von zwei Einstufungen näher beim schweizweiten MSL-Durchschnitt wie mit dem, was jetzt auf dem Papier steht. Dazu haben wir die Route zum Onsighten aufgrund von Felsstruktur und Klettercharakter auch gleich noch als besonders schwierig empfunden. Die Absicherung (bis Mitte L5 mit verzinkten BH, nachher rostfrei) darf man als gut, aber anspruchsvoll bezeichnen. Würde man mit dem Zollstock einstufen, so käme man in den schwierigen Seillängen wohl auf xxxx-Absicherung, sicher drohen keine gefährlichen Stürze. Subjektiv fühlen sich die Hakenabstände aber dennoch substanziell an - ob der anhaltenden Kletterei und dem Charakter, wo man beständig kurz vor dem Abschmieren ist, ist ein stabiles mentales Korsett nötig und die Sache ist an vielen Orten sehr zwingend. Bei den Schrofenbändern und in der 6b stecken die Haken (zu) knapp, stürzen sollte man da keinesfalls. An Cams sind im Originaltopo 0.3-1 empfohlen, im Extrem Ost 0.5-2. Worauf man sich abstützen soll? Das kann ich nicht sagen: wir hatten 0.3-2 dabei, haben jedoch bis Ende L6 keinen einzigen gelegt. Es gab schlicht und einfach keine sinnvoll verwertbaren Placements. Oben das Originaltopo der Erschliesser, die anderen Routen sind im Extrem Ost verzeichnet. Dies mit Ausnahme einer neueren Tour (der anspruchsvollen Sorte), welche zwischen Negroli und Haldigut verläuft.