- -

Dienstag, 10. Februar 2026

Powderhamstern am Fluebrig

Nach langer Zeit hatte es endlich wieder einmal eine Portion Neuschnee gegeben, noch dazu war ein sonniger und kalter Tag angesagt. Mit müden Knochen vom Training und Bouldern passte ein Ausflug in den Schnee bestens ins Programm. Mitunter am meisten der weissen Pracht war im Wägital gefallen, somit wollte ich da mein Glück suchen. Oben wo noch eine Altschnee-Unterlage vorhanden war, rechnete ich mit Top-Verhältnissen. Unten würde es wohl eher prekär. Doch ich hoffte, zumindest einen Teil des Zustiegs mit dem Bike absolvieren zu können.

What a beautiful day in Skitoureneldorado Wägital.

Vor Ort fielen mir dann gleich zwei Dinge auf: a) viele andere Tourengänger waren auf dasselbe Ziel gekommen und b) das Bike konnte ich gleich am Auto montiert belassen, denn auch am See unten hatte es 25cm der Neuschnee gegeben, da war mit dem Zweirad kein Fortkommen. Relativ spontan änderte ich mein Tourenziel dann auf den Fluebrig, das versprach weniger Leute und mehr Sonne, zudem war ich da im Gegensatz zu Rederten/Muttri schon eine Weile nicht mehr unterwegs. Es liess sich gleich fellend aufsteigen, wobei insbesondere in den waldigen Abschnitten schon da um die Steine herumgetreten werden musste. Das rauere Steilstück im Wald ob Schlänggen und die nachfolgende Querung wiesen ebenfalls Schneemangel auf, nachher war es dann aber Wintertraum pur. Einige Tourengänger hatte ich auf dem Weg überholt, doch zwei Dreiergruppen blieben mir bis zum Skidepot voraus und erledigten die Spurarbeit, danke!

Blick auf die Berge östlich vom Wägitalersee. Von links: knapp sichtbar das Bockmattli, dann der breite Schiberg, der dreieckige Plattenberg, das Doppelmassiv mit Brünnelistock und Rossalpelispitz (wo ich im Dezember eine tolle Skitour hatte), sowie der kecke Zindelspitz.

So konnte ich mich bereits darauf fokussieren, die Optimallinie für die erste Abfahrt festzulegen. Man muss ja hier nicht gleich alle Geheimnisse preisgeben, doch wer seine Scheuklappen auf eine Distanz von mehr als 20m von der Aufstiegsspur öffnet, wird ganz viele Möglichkeiten finden. Jedenfalls, es ergab sich eine absolute Traumabfahrt in herrlich fluffigem Powder mit First Line, einfach perfekt. Vor der Querung auf 1430m zog ich meine Felle wieder auf, eine zweite Runde im Gipfelbereich war an diesem Tag unverzichtbar. Das Timing passte perfekt, um bei der noch sonnigen Alp Fluebrig eine Pause einzulegen und mit unseren Skidamen bei deren zweitem Lauf mitzufiebern. Doppelter Podestplatz, da konnte ich mich mit demselben Gerät an den Füssen nicht lumpen lassen und musste auch eine gute Spur in den Schnee zaubern [ok, ich gebe es an dieser Stelle zu: obwohl ich nur wenig TV konsumiere, für den Skirennsport habe ich eine (mir selbst etwas unerklärliche) Faiblesse...].

Einige der vielen schon vor dieser Tour vorhandenen Kratzer auf dem Skibelag sind auf diesem Foto erkennbar. Nachher waren es ganz bestimmt noch etliche mehr. Somit: diese Tour an diesem Tag war nur mit Material zu empfehlen, wo die Kratzer nicht mehr gezählt werden können/müssen.

Eventfrei lief ich wieder hoch in den Gipfelbereich, dieses Mal mit dem Ziel, noch den Turner mitzunehmen. Dort war ich zwar auf meiner Wägital-Rundtour vorbeigekommen, mit den Ski stand ich jedoch noch nie an seinem Top. Doch Project Pending heisst es immer noch: nordseitig kann man da nicht durchgehen, und südseitig war das nur knapp verschneite Gelände mit rutschigem Gras und losen Felsen ohne Steigeisen nicht mit ausreichender Sicherheitsmarge passierbar. Insofern egal, dass ich östlich von P.2058 einen idealen Einstieg in die Nordflanke fand und dort einen perfekten Hang mit einer makellosen Spur drapieren konnte. Ich muss sagen, auf diese Ästhetik von einer ideal ins Gelände gelegten, zackigen Aufstiegsspur und/oder einem perfekten Kurzschwung-Zöpfli gefällt mir schon sehr und liefert neben vielen weiteren Vorteilen auch eine Motivation, in unberührtem Gelände unterwegs zu sein. Wie mir aber scheint, ist es den meisten Tourengängern (heutzutage?) egal, welche Spuren sie zurücklassen. Wohl der Zeitgeist, denn dasselbe kann man auch abseits vom Skitouren über die Menschheit generell sagen. Und wenn wir schon dabei sind: das gedankenlose und oft komplett unnötige Zerfahren der Aufstiegsspur ist eine weitere Untugend, die sich leider immer mehr manifestiert.

Wow!

Nun denn, ich bin in die Gesellschaftskritik abgedriftet, vielleicht als Kontrast zu den absoluten Traumverhältnissen?! Der reale Weckruf aus den Skitouren-Träumen kam dann in der Querung auf 1400m, nach dem dank dünner Altschnee-Unterlage nochmals gut fahrbaren Schlänggen-Hang war dann auf 1150m definitiv fertig mit lustig, den letzten Teil stieg ich dann sogar zu Fuss ab. Himmel und Hölle lautete das Fazit des Tages ganz eindeutig, wobei man abschnittweise den Teufel sogar schon recht heftig mit seiner Gabel an den Ski kratzen spürte. Oder mit anderen Worten: gut dass ich die bereits komplett abgeschriebenen Steinski genommen hatte. Sonst wäre ich am Ende noch auf die Idee gekommen, dass dieser Schneefall nur eine Propaganda-Aktion der Sportgeschäfte und Hersteller für ihre Services und Produkte gewesen wäre.

Facts

Fluebrig ab Au / Allmeindli
1180hm (+650hm) Aufstieg, Ski-Schwierigkeit S-

Samstag, 31. Januar 2026

Jahresrückblick 2025

Gerade noch knapp ist es Januar, somit in etwa der letzte Moment für den Jahresrückblick 2025. Es läuft halt einfach so viel mit eigenen Bergaktivitäten, dem ganzen Geflecht von Training, Betreuung, Familie und der richtigen Arbeit, dass der Blog oft hinten anstehen muss. Es heisst aber nicht, dass es im 2025 nicht doch sehr lohnenswerte und befriedigende Aktivitäten gegeben hätte. Somit wäre es schade, die Serie der Jahresrückblicke abreissen zu lassen. Wer den Blog verfolgt hat, weiss es ja schon: der Fokus liegt auf dem sportlichen Klettern vom Bouldern über Wettkämpfe zum Klettergarten und natürlich den MSL-Touren. Und das Entdecken von neuen Möglichkeiten im Fels ist auch nicht zu kurz gekommen, auch wenn darüber auf dem Blog meistens nicht "just in time" berichtet wird.

Passt zum Jahresabschluss - perfekter Sonnenuntergang auf Mullern nach Top-Sportklettertag im November 2025.

Neutouren

Für mich ist das mitunter die spannendste Rubrik, für den Leser dürfte das womöglich umso zutreffen, weil es hier tatsächlich noch einige News zu hören gibt, über welche der Blog noch nicht berichtet hat. Grundsätzlich war es wiederum ein absolutes Hammerjahr was MSL-Erstbegehungen anbetrifft: 

✅ Schon im März konnten wir das Heimspiel (7c, 8SL) in der Wangwand am Gonzen punkten, bei welchem Daniel und ich im Verlauf der letzten Jahre die Grundlage gelegt hatten - ein forderndes Testpiece für Fans von alpiner Sportkletterei durch ein eindrückliches und bisher selten besuchtes Gemäuer.

Daniel "on the go" in L2 vom Heimspiel, oben wartet noch sehr viel Wand auf uns.

✅ Mitte Juni war dann das Rätikon genügend ausgeapert, um in der im November 2025 eingebohrten Pizzicato (12 SL, 6c+) zusammen mit Guido den Rotpunkt-Go zu geben - fortgeschrittener Plaisir über Rätikonplatten in toller Umgebung an der Sulzfluh über dem Partnunsee. Darüber gibt es bisher nur einen Insta-Beitrag, das Topo erscheint dann auf die Saison 2026 hin im neuen Rätikonführer.

Die letzten Meter hinauf zum Gipfelgrat an der Sulzfluh, hoch über dem Partnunkessel.

✅ Vor den Sommerferien lag der Fokus dann auf dem Skyrace (8 SL, 7b+) in der Bockmattli Nordwand. Da ging es von Idee über Realisierung im Ropesolo bis zum Rotpunkt mit Kathrin nur Wochen und somit vergleichsweise zügig - die Ideallinie an der NW-Kante am Kleinen Turm wartet mit schattiger Kletterei im homogenen 6c/7a-Bereich, die paar Meter über das Dach der Westkante gehen auch A0 (frei 7b+). 

Bockmattli-Vibes: an einem Hitzetag leicht bekleidet angenehm im Schatten klettern, genial!

✅ Nach den Sommerferien lud mich Viktor dann an den Furkapass ein, wo wir die von ihm sanierte Via Matthias am Sunnig Berg um eine Variante und eine Trad-Verlängerung bereicherten. Sie lautet auf den Namen Kein Bockmist (total 9 SL, 6b+) - da gibt's ohne Andrang Granitgenuss und die Möglichkeit, seine Cams in perfekten Splitter Cracks zu versorgen. 

Probably Viktors Favourite Game: Trad-Climbing im Granit am Furkapass.

✅ Zum Herbstanfang war es dann soweit, dass ich mit Guido in das schon seit einer Weile im Wartezustand verharrende Projekt an der Horefelliflue aufbrechen konnten. Zwei sonnige und genussreiche Tage später war es vollbracht: nun darf man die Joyride (11 SL, 6c) in strukturiertem, steilplattigem Granit geniessen - die bei Schwierigkeiten, welche viele Kletterer bewältigen können.

An der Arbeit (oder doch viel mehr dem Vergnügen!) in der Joyride an der Horefelliflue.

✅ Nur 4 Tage danach schon das nächste Highlight im Rätikon mit Daniel: Saguaro (10 SL, 8a) an der Gamstobelwand im Rätikon. Ein Audétat-Projekt aus den 1990ern, nun wiederentdeckt, fertiggebohrt, saniert und gepunktet. Hart, komplex und mit maximaler Schärfe - etwas, wo sich auch Könner die Zähne ausbeissen können.

Diese Route ist ein unglaublicher Knaller: Saguaro, Kaktusfels mit maximaler Schärfe.

✅ Vielleicht gut, habe ich auf der Tour nicht gewusst, was da genau auf dem Spiel steht. In der Arwen (13 SL, 7b) konnte ich den FA mit einer lupenreinen Onsight-Begehung realisieren. Die Route an der 5. Kirchlispitze war im 2023 eingerichtet, aber bis dato noch nicht geklettert bzw. wiederholt worden. Am Bolting war ich nicht beteiligt und kam quasi "gratis" zu den Lorbeeren. Ganz sicher wird auch dieses gut abgesicherte und nicht allzu schwierige Unternehmen zu einem zukünftigen Klassiker im Rätikon. Topo und Infos folgen auf die Saison 2026 im Rätikonführer.

Angie folgt in der oberen Cruxlänge der Arwen, welche im hammermässigem Rätikonfels verläuft.

✅ Nach diesem Erlebnis und mit der geplanten Erscheinung des Rätikon Süd im 2026 auf der Agenda war ich dann umso motivierter, meine eigene Neutour mit dem Namen Cobra (12 SL, 7c oder 7a 2pa) ebenfalls an der 5. Kirchlispitze noch zu vollenden. Das gelang an den letzten schönen Tagen im Oktober und nachdem die Saison im November noch in Verlängerung ging, gelang auch tatsächlich noch der Komplettdurchstieg.

Da oben am Ende von L10 heisst es auch nochmals auf die Tube zu drücken in der Cobra!

Das macht summa summarum 8 MSL-FAs, das ist ja wirklich fast unglaublich! Wobei ich da natürlich teilweise von eigener Vorarbeit aus früheren Jahren und der Einboh-Arbeit anderer Kletterer profitieren konnte. Doch es ist so: einige meiner länger bestehenden Projekte haben im 2025 ihren Abschluss gefunden und die Anzahl der offenen Baustellen hat sich vermindert. Es gibt aber noch welche und an neuen Ideen mangelt es auch nicht. Auch wenn es sehr unwahrscheinlich ist, im Jahresrückblick 2026 wieder von 8 MSL-Neutouren schreiben zu können, leer wird die Rubrik aller Voraussicht und Hoffnung nach nicht bleiben. 

MSL

In Bezug auf die Wiederholung von langen Routen war 2025 ein sehr gutes Jahr. Gestartet wurde die Saison am 6. März am Pizzo d'Eus, beschlossen wurde sie am 18. Dezember im Ruogig - fast ein Ganzjahressport, also. Ich kam herum und konnte die Vielfalt der Gebiete geniessen: Tessiner Gneiswände, Gonzen-Testpieces, schattiger Bockmattli-Kalk, spiegelglatte Handegg-Platten, kleingriffiger Extremkalk an Kreuzbergen und Churfirsten, spannende Wendenrouten und auch 7 Routen im Rätikon. Die Berichte von diesen Unternehmungen sind alle verfügbar und bilden das Rückgrat von diesem Blog. Einzige Ausnahme ist das Rätikon... da bleiben noch ein paar Überraschungen in der Schatulle, bis dereinst der neue Führer erschienen ist. Auf die Saison 2026 soll dies der Fall sein, we keep working on it! Bleibt zuletzt noch die Frage, welches denn die Highlights waren?! Ich dachte mir zuerst, dass ich hier drei spezielle Touren erwähnen würde. Doch wie ich es drehte und wendete, es blieben immer viele mehr als drei und einige davon unerwähnt zu lassen, hätte diesen Unternehmungen unrecht getan. Darum gibt's den goldenen Kletterfinken nun für eine einzige Tour. Die hat ihn sich ganz bestimmt verdient, auch wenn's für die 31 anderen Touren auch Argumente gäbe.

Goldener Kletterfinken: Troja (7a+, Wendenstöcke)

MSL-Pic of the Year: mit Bernat in der Malmstrom (7b) an den Wendenstöcken.

Sportklettern

Während das Vorjahr 2024 rein anhand der Ticklist rekordverdächtig war, so war das aktuelle Jahr 2025 im Vergleich dazu etwas enttäuschend. Ich denke jedoch nicht, dass es daran liegt, dass die Motivation fehlte oder mein Level gesunken wäre. Sondern einerseits sind es die natürlichen Schwankungen von Saison zu Saison, andererseits habe ich 2025 mehr gebouldert und vor allem haben wir nicht so viele Sportklettertrips machen können. Exemplarisch zeigen dies die Sommerferien, wo wir wegen der Teilnahme von Larina an der Jugend-WM nach Helsinki gereist sind, dort "nur gebouldert" haben und so auch die traditionellen Kletterferien in den französischen Alpen auf ein Minimum geschrumpft sind. Auch im Frühling, Herbst und zwischendurch haben wir solche Anpassungen vorgenommen. Es ist nicht so, als dass dies meinen Fun-Faktor limitiert hätte, aber an der Ticklist ist es sichtbar.

Gute Sportkletterfotos von mir sind Mangelware. Daher Bouldern: Traversatta (7A+) im Magic Wood.

Doch kümmern wir uns um die harten Fakten. Meine Benchmarks mit 8a rp und 7c os konnte ich auch dieses Jahr erfüllen. Der erste Aspekt ist mit 1x8a+ und 2x8a de fakto sogar übererfüllt, aber ein paar mehr Franzosenachter hätten es dennoch sein dürfen. Wobei ich nicht daran gescheitert bin, sondern viel mehr nicht die Zeit gefunden habe, welche zu projektieren. Mit der 7c os habe ich hingegen mehr gekämpft. Kurz vor dem Jahreswechsel 24/25 gelang mir noch eine im Val Pennavaire, dann war lange Zeit Flaute und ich fürchtete schon, da möglicherweise leer auszugehen. Denn in der näheren Umgebung von zuhause gibt es kaum mehr 7c, die für einen Onsight tauglich sind und die ich nicht schon gemacht habe. Doch "Reisen bildet", sagt man doch so schön - ganz sicher das Fundament für solche Erfolge. Im Oktober im Zillertal klappte es dann, wiederum kurz vor Jahresende in Chulilla sogar erneut. Am Ende stehen 112 Sends in Routen >= 7a zu Buche, mehr dürften es immer sein, aber ich bin zufrieden.

Best Effort: Nessie 8a+ (rp), Agua por Favor 7c (os)

Skitouren & Alpines

Der Schneesport hat mehr mir derzeit mehr den Charakter von einer Restday-Activity, als dass ich dies ausführlich pushen würde. Im Kalenderjahr 2025 komme auch auf 20 Tage mit den Tourenski. Immerhin kann man da sagen, denn im Züri Oberland war nur für eine kurze Phase in der ersten Januarhälfte und Ende November etwas drin und wie oft es in der näheren Umgebung geht, bestimmt die Anzahl Skitage sehr wesentlich mit. Wenn sich die Gelegenheit ergab, habe ich auch einige alpine Skitouren gemacht, welche dann auf dem Blog präsentiert wurden. Eine alpine Tour habe ich nur eine einzige gemacht, nämlich den Silvesterdurchstieg der Pilatus-Nordwand durch den Kulmchrachen. Alles in allem wird die folgende Skitour aufgrund von Exklusivitätsbonus und Abenteuerwert prämiert...

Goldenes Fell: Skitour Hinter Gassenstock 

Neuschnee und unverspurtes Gelände, so soll es sein! Hier am Vilan unterwegs im Januar 2025.

Ich möchte an dieser Stelle all jenen herzlich danken, welche im 2025 mit mir das Seil, den Weg oder die Spur geteilt haben. Auf ein tolles Bergjahr 2026!

Donnerstag, 22. Januar 2026

Pilatus Nordwand - Kulmchrachen

Zurück vom Sportklettertrip nach Spanien, mit Lust und Zeit die Beine zu vertreten, aber mangels geeignetem Skitouren-Schnee in weiten Teilen der Schweizer Alpen kam es an Silvester 2025 endlich zur Realisierung dieser Steigeisentour durch eine Voralpen-Nordwand, welche ich schon lange Zeit auf dem Radar hatte. Nie jedoch hatte bisher die Kombination von persönlichem Befinden, zeitlicher Verfügbarkeit und Bedingungen gepasst. Schlussendlich gilt aber auch hier wie bei so manch anderer Tour: wie gut, dass ich auf den richtigen Moment gewartet habe!

Durch dieses eindrückliche Gemäuer führt die Route in (relativ) unschwierigem Gelände hoch.

Mit Nutzung der Pilatusbahnen von Kriens nach Fräkmüntegg (aufwärts) respektive vom Gipfel zurück ins Tal (abwärts) lässt sich diese Tour auch mit einem kleineren Zeitbudget und beschränktem konditionellem Investment realisieren. Will man direkt aus dem Flachland starten, so heisst es hingegen ziemlich weit zu wandern. Weil jedoch wie erwähnt nur sehr wenig Schnee lag (bzw. unterhalb von ca. 1300m gar keiner), konnte ich den ersten Teil mit dem Bike zurücklegen. Ich stationierte mein Gefährt nach rund 15km und 1000hm Anfahrt hier auf 1420m oberhalb von Bonere. Noch etwas effizienter wäre es, als Parkplatz den Abzweig vom Nauenweg hier auf 1345m zu wählen.

Steigeisen anziehen bei P.1620, die tollen Tiefblicke auf den Vierwaldstättersee kommen auf dem Foto wegen einiger Nebelschwaden nicht ganz so zur Geltung. Der Kontrast zwischen alpiner Umgebung, dem grünen Vorland und der nahe liegenden Agglomeration Luzern ist auf dieser Tour besonders stark.

Zu dieser Stelle ging es für mich schon zu Fuss, dann den teilweise exponierten und noch grösstenteils aperen Bergweg hinauf. Das war noch gut ohne die Steigeisen zu machen, so dass ich diese erst bei der Wegkreuzung auf 1620m montierte. Schon auf diesem ersten Abschnitt stellte ich aber fest, dass ich auch schon frischere Beine hatte - war es der Nachhall vom Sportklettertrip oder eher die Zufahrt per Bike? Naja, diese Frage konnte ich bald ad acta legen, denn der spannende Teil des Weges begann nun. Vom P.1620 hält man sich nach links (Osten), vernichtet nochmals ca. 30-40m entlang vom Gsässweg, bevor man bei einem Boulder mit einem markanten Riss Richtung Kulmchrachen abzweigt.

Blick aufwärts im unteren Teil des Kulmchrachens.

Querend geht's in die Rinne hinein und dann in dieser aufwärts. Die Bedingungen waren wirklich perfekt bzw. sehr einfach: es lag harter Styroporschnee und es gab bereits eine ausgetretene Spur mit markanten Tritten. So fühlte es sich trotz >45 Grad Neigung wie das Hochsteigen einer Treppe an. Dank den deutlichen Spuren gab's auch keine Orientierungsprobleme. Sowieso gibt es von diesen nur beschränkt, doch den Abzweiger nach rechts hinaus darf man nicht verpassen (insofern man nicht die deutlich schwierigere Direktvariante machen möchte). Bei der Querung aus der Rinne hinaus lag über ca. 20m Strecke nur relativ wenig Schnee und ein paar Moves in eher plattigem Fels waren nötig - da man nach rechts hinausquert, sofort bei einer Exposition, die keine Fehler mehr erlaubt. Man steigt dann bis zur Felswand hoch und quert über ein schmales Band luftig dieser entlang nach rechts zur Gamelle mit dem Wandbuch.

Links im Bild die Querung auf dem schmalen Band hinaus zum Wandbuch.

Über ein flacheres Feld steigt man dann gerade hinan, bevor die Originalroute wieder nach links hält und in den Kulmchrachen zurück quert. Dies mit einer weiteren, sehr originellen Passage. Auch hier war es wieder ein schmales Band am Fusse von überdachten Felsen - sich zu ducken reichte aber aus, kriechen war nicht nötig. Nach ca. 30m ist man wieder im Kulmchrachen drin und steigt dessen Schneerinne hinauf bis in den Sattel, weit ist es nicht mehr. Da oben kann man tief Luft holen und die Aussicht geniessen, denn je nach Verhältnissen ist der letzte Abschnitt durch die Esel Ostwand nochmals fordernd. Mir jedenfalls kam es so vor: dieser mit T5 oder T5+ bewertete Abschnitt war mixed, d.h. wies nur wenig Schnee auf, war aber trotzdem mit Winterausrüstung zu bewältigen. An sich schon nicht so schwierig, aber doch auch sehr luftig. Eine Nische mit einem weiteren Routenbuch erlaubt nochmals das Durchschnaufen vor der finalen, steilen und erneut exponierten Passage.

In der unteren Bildhälfte das Kriechband bei den überdachten Felsen, welches vom rechten Schneefeld wieder zurück in den Kulmchrachen führt. Mehr oder weniger dem Profil des Felsens im Vordergrund entlang führt dann der Weiterweg bis in den Sattel vor der Eselwand.

Dann war ich auf dem grossen und verbauten Plateau vom Esel angekommen - bei absolut grandioser Rundsicht konnte ich das Panorama alleine geniessen. Zumindest physisch, denn akustisch war der Touristenrummel vom 70hm tiefer gelegenen Pilatus Kulm natürlich bestens wahrnehmbar. Nach einer fantastischen Gipfelrast kommt man dann auf dem Abstieg nicht darum herum, sich kurzzeitig in diesen zu schicken. Es gilt, die Terrasse von Pilatus Kulm zu erreichen (Abschrankung öffnen oder überklettern nötig), dann muss man sogar kurz indoor gehen (?) um den Stollen zu erreichen, welcher unter dem Oberhaupt hindurch auf die NW-Seite führt. An dessen Ende gilt es nochmals, die Abschrankung für die Touristen zu übersteigen, bevor man zurück in der Wildnis ist.

Wunderbares Gipfelpanorama vom Esel mit toller Sicht in die Berner Alpen.

Wobei diese hier nur relativ gilt. Der folgende Abstieg in den Klimsensattel ist unschwierig und bringt einen zur hübsch gelegenen Kapelle. Die 40hm Extraaufwand zur Besteigung des Klimsenhorns nahm ich gerne noch auf mich. Dann trat ich den westseitigen Abstieg an, welcher den schnellsten Weg zurück zum Bike versprach. Zum Schluss fuhren dann nochmals 90hm Gegenanstieg in die Beine, bevor ich es zu Tale rollen lassen konnte. Lieber nicht zu schnell, denn einerseits war es natürlich geschliffen kalt, andererseits erhieschen ein paar vereiste Stellen auf der Strasse die nötige Voraussicht. Es ging aber alles (zum Glück im übertragenen Sinne) glatt, so setzte ich mich auf das vorgewärmte Polster, schlürfte einen Kaffee und fuhr zufrieden der Silvesterfeier entgegen. Ein klein wenig erinnerte mich diese Tour an meinen Silvester-Raid durch die Bös Fulen Nordwand aus dem Jahr 2016, wobei ich mich bei jenem Unternehmen deutlich weiter von der Zivilisation entfernt hatte, wie das hier am Pilatus der Fall war.

Mein letzter Gipfel im 2025, das Klimsenhorn mit seiner Kapelle. Unten am Bildrand sind auch noch zwei junge Romands sichtbar, welche eigentlich den Pilatus besteigen wollten und sich mit ihren Turnschuhen bis hierher vorgekämpft hatten. Schon erschöpft trauten sie sich das Erreichen des Tops vor der letzten Bahn nicht mehr zu und fragten mich nach dem besten/einfachsten Abstieg, denn ihren Aufstiegsweg trauten sie sich runter nicht mehr zu. Ich hoffe, sie haben es wohlbehalten zurück ins Tal geschafft...

Facts

Pilatus Kulmchrachen via Sattel Eselwand (WS+)
800hm ab Fräkmüntegg, bzw. total ~2000hm ab Kriens

Material: Steigeisen, mind. 1 oder evtl. 2 Pickel, Seilsicherung nur am Körper möglich

Hinweise: während die Route bei guten Bedingungen relativ einfach ist, so drohen hier doch alle alpinen Gefahren: Lawinen, Steinschlag und Absturzgefahr. Da im Frühling nur mit sehr frühem Start nach klaren, kalten Nächten gefahrlos begehbar, scheinen mir schneearme Frühwintertage mit solider Schneedecke am besten geeignet. Vorsicht vor Lawinen, schon ein kleiner Schneerutsch kann einen hier ins Verderben reissen.

Tipp: relativ teure Parkplätze bei der Pilatusbahn oder den Sportanlagen von Kriens, alternativer Gratisparkplatz bei P.661 Vorder Buholz, womit man sich im Vergleich zu einem Start in Kriens Zentrum auch noch 200hm spart, dafür aber nicht ganz unten im Flachland startet.

Link: gute Infos mit Topo bei den Mountain Guides von Engelberg

Topo zu den verschiedenen Kulmchrachen-Möglichkeiten von Marko Cupic, vielen Dank!