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Montag, 29. Juni 2026

Wendenstöcke / Mähren - Gemini (7c)

Den gewaltigen Mähren in der Kette der Wendenstöcke habe ich bisher nur selten besucht. Immerhin, schon zuvor hatte ich mit No Name, AHV, Vreneli und Torwächter  vier Routen geklettert und damit vermutlich mehr wie 99.99% der Kletterpopulation. Dort oben läuft nicht viel und dementsprechend war über die hier beschriebene Gemini lange Zeit nur wenig bis nichts bekannt. Ein mir vorliegendes, handgezeichnetes Topo versprach eine recht zugängliche Route mit 7b max und 6c obl. Hin und wieder kam die Route ins Gespräch, ich liebäugelte mit einem Versuch, schien das Unternehmen doch innerhalb der persönlichen Kragenweite zu liegen. Schliesslich fehlte aber immer der letzte Schnauf zur Realisierung. Mit dem neuen Extrem West aus dem Jahr 2025 kamen andere Informationen zum Vorschein: auf 7c expo beliefen sich nun die Anforderungen, nicht gerade mein übliches Tummelfeld. Da wären wir vielleicht doch besser früher mit positiver(er) Einstellung und einem noch ruhigen Gewissen gegangen?!?

Ein definierendes Bild für Gemini: die ultradiffizilen Wasserrillen am Ende der Cruxlänge (L4, 7c).

Bernat hatte das Vergnügen, sich schon am Vortag mit meiner Zambo aufwärmen zu können. Ich hingegen düste früh los, so dass wir um 7.00 Uhr mit dem Zustieg von der Wendenalp starten konnten. Bis vor die Hütten von Mettlenberg folgt man noch dem Wanderweg, danach muss man sich die Passage selbst suchen. Wir gingen noch vor der ersten Hütte eine breite Rinne hoch und traversierten dann linkshaltend. Da noch früh in der Saison, war das Gelände viel weniger krautig wie beim letzten Mal. Ab ca. 2000m steilt das Terrain markant auf. Um die Touren im Sektor Eiserner Vorhang zu erreichen, muss man sich weiter links halten wie für jene am Mohikaner-Pfeiler - wobei die von uns gewählte Passage auch für jene Touren genutzt werden könnte und eher geeigneter schien wie der damalige Weg zum Vreneli. Während das Gelände weitgehend gut begehbar ist, so gilt es zum grossen Amphitheater mit dem Biwak hinauf doch noch einige Steilschrofen und Felszonen zu meistern. Dank guter Bedingungen war es aber keine wilde Sache. Auch der Einstiegshaken mit Tschechen-Plättli war leicht zu identifizieren: er ist gut sichtbar und am logischen Startpunkt. Noch vor 8.30 Uhr waren wir dort und starteten um 8.45 Uhr mit der Kletterei.

Bottom-Up-Perspektive auf den Sektor Eiserner Vorhang am Mähren mit dem Verlauf von Gemini.

L1, 35m, 6a: Schöne Aufwärmlänge, welche sich noch auf der gutmütigen Seite der Vertikale befindet. Auch die Absicherung macht einen freundlichen Eindruck. Mit 6 BH und einem NH (oder Cam-Placement) ist sie zwar nicht sehr eng gehalten. Die Bolts stecken aber genau da, wo es sie braucht. Denn zwei, drei etwas knifflige Moves über die Haken hinweg hat es nebst gängigerem Terrain durchaus.

Am Vortag genoss er etwas Wenden-Plaisir in der Zambo, L1 (6a) von Gemini gehört in dieselbe Liga.

L2, 30m, 6b: Über ein Band kurz nach rechts, dann geht's gleich mit der bouldrigen Crux an der ersten Stufe los. Dann folgt typische Wenden-Kletterei: mit nur 4 BH ist die Absicherung luftig, der gerippelte Fels ist perfekt mit super Reibung und es gilt die Ideallinie über einige Dächli hinweg zu erkennen, welche längst nicht immer durch die Direttissima gegeben ist - geilo!

Toller, gerippelter und rauer Fels in L2 (6b), eine Länge im absolut typischen Wenden-Style.

L3, 35m, 7b+: Wie eine riesige Walze schwingt sich hier die Wand über einem auf. Hoffentlich sind die Unterarme auf Betriebstemperatur, sonst kann es hier einen üblen Pump absetzen. Schon überhängend geht's aus dem Stand raus, Leisten kneifend geht's vorerst recht sorgenlos zum dritten BH. Zähe Leistenmoves folgen gleich danach, bevor es an besser werdenden Griffen dranbleiben heisst. Zum vierten Bolt muss relativ weit geklettert werden. Expo im Sinne von gefährlich ist das nicht, der Sturzraum ist frei. Wer die nötige Ausdauer nicht mitbringt, kann aber schon heftig ins Geschirr kacheln und findet sich nach dem Abbremsen wohl auf der Höhe vom Standplatz wieder. Man hat aber Sichtkontakt und könnte einen Soft Catch geben, passt schon. Der Rest von diesem Abschnitt fordert dann absicherungstechnisch nicht mehr so stark, marschieren muss man trotzdem. Es ist saumässig steil, mit oft entsprechend guten Griffen, wo sich aerob gut ausgestattete Athlet:innen hochschütteln können. Zwei Passagen stechen nochmals heraus: mittig ein Blockierer auf einen kleinen Zacken, und im Bereich vom letzten Bolt eine fordernde Rechtstraverse an ein paar kleineren (Seitgriff-)Leisten.

Ultrapumpige Ausdauerlänge an Leisten und Henkeln à la Titlis Nordwand in L3 (7b+) - mega!

L4, 30m, 7c: Hoffentlich sind beim Sichern die Kräfte zurückgekehrt! Die gilt es hier nämlich bald an die Wand zu bringen. Die ersten Auftaktmeter an einer Schuppe gehen noch gut (Cam 3 hilfreich!). Aber dann folgt bald feingriffige Wandkletterei an Querschlitzen. Bernat hat das direkt durchgezogen - das ging bei ihm und war rasch erledigt. Meine Lösung war dann viel aufwändiger, aber möglicherweise einfacher. Jedenfalls: man klettert zuerst zum falschen (linken) dritten Haken, klippt dann aber den rechten. Eine recht feine, fusslastige Traverse führt nach rechts - das geht alles noch. Die Klimax von diesem Abschnitt folgt dann aber am Ende. Man erreicht da sich etwas zurücklegendes Terrain, wo der Fels dafür sehr abschüssig. reichlich glatt und eher reibungsarm ist. Nur dank einiger (nicht wirklich griffiger) Wasserrillen kommt man hier überhaupt hoch. Bis zum fünften und letzten BH geht's ja noch, wobei wir uns gefragt haben, wie die Erschliesser ihn bloss platzieren konnten?!? Man steht da voll auf Abpfiff und nur schon eine Extremität für 0.2 Sekunden vom Fels zu lösen ist herausfordernd. Jedenfalls, im Layback geht's darüber hinweg, später dann spreizend. Ohne ans absolute Reibungslimit zu gehen funktioniert das nicht. Die Kletterei ist extrem unsicher, technisch und mental zugleich. Très engagé, für den Vorsteiger besteht das Potenzial für einen gehörigen Abflug, welcher aber ins Leere führt und bei dynamischer Sicherung kaum echt gefährlich scheint. Am hinteren Seilende ist es sicher angenehmer, wobei auch Vorsicht angezeigt ist: es geht ca. 4-5m diese Rillen hinauf zu einer gebohrten Sanduhr (in dünnem Schüpplein), versehen mit einem Schnürsenkel. Die letzten 4-5m nach rechts sind zwar kein Problem mehr. Wer aber nachsteigend in der Crux stürzt, sieht sich bei nicht unwahrscheinlichem Versagen dieser Pseudo-Sicherung einem gewaltigen Pendler ausgesetzt, wobei das Seil über die scharfen Rillenkanten schreddert. Entsprechende Konsequenzen sind nicht restlos auszuschliessen, Vorsicht ist angezeigt!

L4 (7c) aus der Bottom-Perspektive mit vorerst feingriffiger Wandkletterei.

Äusserst diffizile Gegendruck-Moves an der sloprig-glatten Wasserrille, für die Füsse gibt es auch nichts, was so richtig Widerstand macht. Das hatten wir doch schon einmal irgendwo... eine gewisse Ähnlichkeit dieser Cruxpassage in L4 (7c) mit Kein Wasser kein Mond an der Schafbergwand lässt sich absolut nicht leugnen.

L5, 25m, 6b: Hier gibt es zwei Varianten. Wir haben die linke gewählt, ob die rechte auch geht und wie schwierig es ist, kann ich nicht sagen. Vom Stand folgt erst eine Wandstufe mit einigen Löchern an der genau richtigen Stelle. Nicht wirklich schwierig, ein paar akrobatische Verrenkungen braucht es aber durchaus. Später geht's einem Riss-/Schuppensystem entlang. Wo dieses unterbrochen ist, hat's wieder genau da wo nötig die Löcher. Da war die Natur uns Kletterern wohlgesinnt - ohne die Strukturen wäre das in diesem schlabbrigen Fels noch rasch sehr taff bis unmöglich!

Den Löchern an genau der richtigen Stelle sei Dank ist L5 nur eine 6b - tolle Kletterei!

Auch die Gegenperspektive gibt so richtig etwas her - geniales Ambiete in L5 (6b).

L6, 25m, 6c: Ein paar Meter geht's links hinauf in vorerst noch einfachem Gelände, aber es zieht bald an. An einer Schuppe heisst es beherzt antreten, später wechselt der Charakter dann zu eher kleingriffiger Kletterei in steilem Gelände, die Crux fanden wir für den Grad nun wirklich nicht geschenkt. Zum Stand hin klettert man dann noch eine längere Wasserrillenpassage. Das ist in Sachen Schwierigkeit kein Vergleich zum Finish von L4, es handelt sich um Plaisirgelände (ca. 6a) und die Hauptrille ist fast so griffig wie ein Kalynmos-Tufa. Dafür gibt's für ~10m keine fixe Absicherung, wir haben einen Cam 3 zwischen die Rillen gelegt.

Mit Blick auf das Foto frage ich mich, ob die Einschätzung "6a-Plaisir" für das Finish von L6 (6c) zutrifft...

L7, 20m, 7a: Aus dem Gelände und der Absicherung kann man lesen, dass es gleich zur Sache geht. Und zwar mit einer Art von Gegendruck-Moves in drückendem Gelände. Felsmässig nicht mega-berauschend am Anfang. Dafür geht's eher besser, wie man befürchten könnte. Gekrönt wird das ganze erneut von guten 10m an wunderschönen Plaisir-Wasserrillen. Fixe Absicherung gibt's auch hier nicht, dafür die Möglichkeit für einen Cam 2. Ein Sturz ist da natürlich tunlichst zu vermeiden - bei Schwierigkeiten im 5c-Bereich werden das die Leute, dies es bis dahin geschafft haben, aber sicher auch vermeiden können.

Der Hexer hat Gemini onsight gemeistert, Chapeau und Gratulation! Wer an dieser Stelle noch nicht genug hat: es wartet noch viel Berg oberhalb. Wenn man möchte, könnte man gut via die Coelophysis weiterklettern. Der Fels oberhalb von diesem ersten Band sieht allerdings nicht so dolle aus und dürfte kaum Wenden-Premium-Quality haben. Das ist bestimmt auch der Grund, warum Gemini an dieser Stelle endet.

Um 13.30 Uhr waren wir nach ca. 4:45h der Kletterei am Top. Bernat hatte die ganze Route os/fl geklettert, what a legend! Mir war es auch gut gelaufen: auf ein paar Abschnitten hatte ich mich vorausgewagt und diese os heimbringen können. Mit Schütteln und Pumpresistenz konnte ich die 7b+ im Nachstieg flashen. Ich meine: die 7b+ ist für ans Kilterboard und Hallen- oder Outdoorüberhänge gewohnte Mover recht gutmütig. Auch die 7c gelang mir bis zum letzten BH sauber durchziehen. Den potenziell gefährlichen Pendler vor Augen warf ich da aber ohne eine Sekunde zu überlegen das Handtuch - keine virtuelle Trophäe ist es wert, das Risiko von einem Seilriss einzugehen. Somit enthalte ich mich bzgl. der Bewertung der Crux jeglichen Kommentars. Die restlichen, einfacheren Seillängen passen gut in den Wendenkontext, ohne böse Überraschungen zu bieten.

Die Abseilerei ist eher von der gäächen Sorte, man sollte wissen was man tut.

Das Abseilen geht ob der kurzen Seillängen sehr zügig in nur 4 Manövern: Top > 5 > 3 > 1 > Einstieg. In der stark überhängenden L3 müssen einige Exen geklippt werden und ob es mit 2x50m auch von 3 > 1 reicht, bin ich nicht ganz sicher. Falls nicht, geht aber wohl 3 > 2 > Einstieg, womit die Manöverzahl nicht ansteigt. Einmal zurück auf Terra Firma, stiegen wir noch zum Biwak hinauf, welches einen vernachlässigten Eindruck macht. Material ist auf dem Boden verstreut, dazu hat es einiges an alter Ware, welche defekt und kaum mehr nutzbar ist. Zu erwähnen sind auch die vielen Fixseile in diesem Sektor - man könnte fast meinen, man befinde sich am Everest! Im Gegensatz zum letzten Mal fand ich aber nun das Biwakbuch. Es blieb die Zeit, um darin die Räubergeschichten der Hauptprotagonisten Lechner und Pitelka zu lesen. Die Hochblüte von diesem Sektor und dem zugehörigen Biwak war offenbar bereits Ende der 80er bzw. Beginn der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Das ist sehr lange her, weitergepflegt hat die Installationen scheinbar niemand. Die Routen bleiben aber natürlich gut zu klettern, begangen werden sie jedoch mutmasslich sehr selten bis gar nicht. Einige wie Muggenstutz, Montana, Lavazza Time oder Zyklopenauge sind bis heute Mysterien geblieben, über die man so gut wie gar nichts weiss. 

Spartanisches Mähren-Biwak mit ebener Liegefläche in exponiertem Gelände.

Hm, vielleicht wären ein paar dieser Bolts in der/den Route(n) besser aufgehoben gewesen, wie sie hier im Dreck am Wandfuss vergammeln zu lassen ;-) Wie im Haupttext geschrieben, das Biwak wirkt etwas verwahrlost, die Säcke sind teils zerrissen (wohl durch Wind, Wetter und UV-Strahlung). Die Erschliesser haben sich in den letzten 30 Jahren höchstens noch vereinzelt und mit sehr grossen Abständen ins Buch eingeschrieben.

Facts

Wendenstöcke / Mähren - Gemini 7c (7b obl.) - 7 SL, 200m - Lechner/Pitelka 1993 - ****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 10 Express, Cams 0.3-3

Selten gekletterte, aber sehr lohnende Route an der untersten Bastion im Sektor Eiserner Vorhang. Geboten wird einem etliche Abwechslung, vom pumpiger Ausdauer bis zu diffizilen Slabs. Die Felsqualität ist meist sehr gut. In den steilen Passagen sind die Henkel und die Querschlitze teils etwas staubig und in den oberen Seillängen ist das Terrain recht strukturarm schlabbrig. Zusammen mit der limitierten Länge, relativ inhomogenen Schwierigkeiten, einem Ende auf 1/3 Wandhöhe, fehlendem Klassiker-Status und nicht durchgehend Premier Cru Fels reicht es nach meinem Gusto nicht für die Maximalnote von 5 Sternen. Solide 4 Sterne sind aber verdient und sehr lohnend ist diese Route allemal. Zur Absicherung: der Extrem West ist hier mit Attributen wie "expo" und "sanierungsbedürftig" sehr pessimistisch. Beim Hakenmaterial handelt es sich um verzinkte Anker mit rostfreien Laschen, teilweise sind die Bolts sichtbar korrodiert. Allzu beunruhigend ist die Lage jedoch nicht, wir fühlten uns nicht unsicher. Erwähnt sei auch, dass wir M. Pitelka vor der Tour vor Ort angetroffen haben. Angesprochen auf den Kletterführer-Text hat er uns zu einer Begehung ermutigt und einem Sanierungsbedarf deutlich widersprochen. Meine Meinung: zur Zeit ist das Material noch ok, für immer wird es nicht halten, eine Sanierung mit rostfreien Bolts kann nicht ewig aufgeschoben werden. Rein von der Absicherung her darf man die Route so belassen, wie sie ist. Ein Abschnitt am Anfang von L3 ist engagé (nicht expo!), das Finish von L4 sogar sehr engagé und psychisch äusserst anspruchsvoll. Diese Passage ist auch nicht 7a obl., sondern fordert mehr - der nicht so unwahrscheinliche Flug wäre weit, bliebe aber bei dynamischer Sicherung ziemlich sicher folgenlos. Hingegen wäre es gut, die gebohrte Sanduhr zum Ende dieser SL durch einen BH zu ersetzen. Die als expo angegebenen Passagen an Wasserrillen in L6 und L7 sind hingegen definitiv eine No-Fall-Zone. Man kann jedoch Cams legen und die Schwierigkeiten sind nur im 5c/6a-Bereich. In allen Längen haben wir mobile Sicherungen platziert, ein Camset von 0.3-3 ist mitzuführen, auch wenn es nur relativ spärlich zum Einsatz kommt. Ein Topo und Infos zu den anderen Routen im Sektor findet man im Extrem West, Band II, Ausgabe 2025. Oder alternativ hier mein eigenes Kunstwerk. Es ist auch als PDF zum Download verfügbar.

Selbst gezeichnetes Topo zur Gemini am Mähren - viel Spass!


Montag, 22. Juni 2026

Bockmattli - Chronos (6b, 5 SL, Erstbegehung)

Mit dem nahenden zweiten Geburtstag unserer Route Kairos in der Nordwand vom Namenlosen Turm im Bockmattli 2 Jahre alt wurde es Zeit, Familienplanung zu betreiben, sprich über ein Geschwister nachzudenken. Mein Besuch am Kleinen Turm im Mai mit bestem Blick auf die bereits früher erspähte Möglichkeit intensivierte diesen Kinderwunsch markant. Als ich Guido über meine Pläne orientierte, so wollte er diesen Plan "auf keinen Fall verhüten", so war die Sache geritzt und es waren dieselben Eltern bei der Entstehung beteiligt. Was dabei herauskam: ein Geschwister, das seine Familienzugehörigkeit auf keinen Fall leugnen kann, aber trotzdem ein Unikat ist und seinen ganz eigenen Charakter hat.

Unterwegs zum Bockmattli - immer ein erhabenes Gefühl, diesem Gebirge näher zu kommen!

Erschliessung

Dem trockenen Wetter im Frühling und Vorsommer 2026 sei Dank mussten wir uns bei Chronos nicht so lange der Enthaltsamkeit verpflichten wie bei Kairos. Nach dem Entschluss zur Familienvergrösserung schickte der Winter zwar nochmals einen Gruss, doch nachdem ich diesen am Klausen gebührend verabschiedet hatte, war es zwei Wochen später am 29. Mai 2026 soweit. Kairos hatten wir in einem einzigen, langen Tag komplett erschaffen können. Somit schien es attraktiv, diese Genesis auch bei Chronos anzustreben. Doch bei jeder Geburt gibt es Überraschungen und Unabwägbarkeiten. Immerhin war uns ein stabiler Tag mit sehr angenehmen Bedingungen und langem Tageslicht sicher. Die Frage war also, wie weit Akkukapazität, Hakenvorrat und unsere Energie reichen würden.

Mit grosser Freude an der Arbeit. Hier wird der zweite Standhaken in L2 gesetzt.

Um 9.30 Uhr wurde der Bohrer das erste Mal in Betrieb gesetzt. Hernach kamen wir zügig voran: was in L1 mit einigen Metern Horizont glatt aussah, offerierte dort wo nötig Löcher und Leisten. Die Sanduhrbrücke in L2 liess sich elegant überschreiten und es fand sich an idealer Stelle ein Halt. In L3 gilt es nämlich durch eine Art Geheimgang nach backstage zu kommen. Sprich, mit einer Querung durch einen schluchtartigen Kamin die weiter rechts hinten liegende Wand zu erreichen. Diese ist von einer markanten, diagonal verlaufenden Fuge durchzogen und erlaubte uns - wie erhofft - durch glattes, sehr luftiges und kompaktes Gelände voranzuschreiten. Sodann war es nur noch eine Seillänge bis zum bequemen Band unter der Gipfelplatte. Es blieben noch ausreichend viele Bolts im Haulbag und Wattstunden im Akku. So war auch das letzte Teilstück bald erledigt und wir konnten noch vor 18.00 Uhr zum Handshake auf dem Gipfel ansetzen. In 8:30h war das nun absolut keine Zangengeburt, sondern es war wie am Schnürchen gelaufen. Was im Angesicht unserer gleichartigen Erfahrungen bei der Kairos schon fast wie eine Selbstverständlichkeit scheint, ist es absolut ganz und gar nicht: es waren doch 43 Bohrhaken zu setzen und ganz viele Kletterstellen zu lösen!

Blick auf den Start und das Wandbuch, welches am Stand nach L4 platziert ist - es freut sich auf deinen Eintrag. Zu den Kletterfinken ist noch zu sagen: unwahrscheinlich, dass ER sich einmal auf diese Route begeben wird. Aber so war er doch immerhin auch einmal dabei. Allerdings ist die Verwendung dieses Schuhwerks eher ein Zeugnis für mein Kletterfinken-Missmanagement. Alles so durchgeklettert, ohne sich rechtzeitig um Alternativen zu kümmern, dass nur noch diese Indoor-Treter als bequeme Möglichkeit für diesen warmen Tag blieben.

Drei Wochen später konnten wir dann zum Genussprogramm mit der Rotpunktbegehung schreiten. Etwas unverhofft liess sich auch noch eine Gotte für Chronos finden. Im realen Leben ist sie durchaus meine Frau, aber in diesem Fall gehört ihr im Familienstammbaum nur dieser sekundäre Platz. Da mit leichtem Gepäck und grosszügigem Zeitbudget unterwegs, wollten wir Chronos so klettern, dass es richtig viel Klettergenuss gibt. Nämlich mit einem Link-Up einer Tour, welche zur Westschulter des Kleinen Bockmattliturms führt. Die logische und schwierigkeitsmässig am besten passende Wahl ist das Echo der Zeit, von dessen Top es nur ein Katzensprung an den Einstieg ist. Seit dessen Eröffnung im 2012 hatte ich das Echo nie mehr komplett geklettert - und konnte es mit den durch diese lange Zeit begründeten Erinnerungslücken nun fast mit der Wahrnehmung eines "normalen Wiederholers" klettern. Hui, der Auftakt in L1 ist ganz schön sec und die 6a-Bewertung wohl ein gehöriger Sandbag, 6a+ oder sogar 6b wohl passender. Da fiel mir die schon in den 1980ern mit 6b bewertete L4 (ehemals Gilgen an Galgen) doch eher einfacher - aber was für eine fantastische Turnerei an tollem Fels sie ist. Am Piazriss von L5 war ich gefordert: da muss doch kurz mal ordentlich zugepackt werden und die ehemals vergebene 6b hat sich das heute im Plaisir vergebene Plus ganz sicher verdient. Nach einer weiteren Henkelparade (L6, 6a) waren wir auf der Westschulter und wenige Minuten später am Start von Chronos.

Gleich am Anfang vom Echo der Zeit geht's zur Sache. L1 ist offiziell 6a, aber die 6b passt wohl besser.

Die Crux von Echo der Zeit (L5, 6b+), ein kräftiger Piaz, wo man sich festhalten muss!

Ob meinen vielen Zeilen zum Echo der Zeit könnte man nun meinen, dass der Hauptevent schon vorbei gewesen wäre. Insbesondere, weil er in diesem Paragrafen mit gar nicht ganz so vielen Zeilen gewürdigt wird. Aber die Detailbeschreibung der Seillängen kommt halt erst weiter unten. Jedenfalls, mit grossem Genuss erkletterten wir die neuen Seillängen der Chronos und erfreuten uns ab unserer "Produktion". In der zweiten Seillänge holte uns schliesslich die Sonne ein und sorgte für warme, aber immer noch erträgliche Bedingungen. So genossen wir als Highlight die 50m lange Crux-Sektion, welche sehr viel Abwechslung und anhaltend fordernde Kletterei bietet - da erlebt man auf einer einzigen Länge mindestens gleich viel, wie in einer ganzen Session in der Kletterhalle ;-) Mit durchaus durstigen Kehlen erreichten wir ein wenig später den Gipfel - alle 3 mit einer lupenreinen Begehung. Was für ein grandioser Tag und welch ein tolles Erlebnis - herzlichen Dank Kathrin und ganz insbesondere Guido für den Support und die Mitarbeit bei diesem Projekt.

Dass Routenanschreiben so trizepsintensiv ist, habe ich nicht gewusst 🤪

Zustieg

Vom Wägitalersee entweder zu Fuss oder bequemer und zeitsparend per Bike zur Schwarzenegg. Ein markierter Wanderweg führt weiter zur am Wochenende bewarteten Kletterhütte Bockmattli. Von dieser kurz durch die Gross Chälen hinauf, bis in der fünften Kehre nach dem Wegweiser ein deutlicher Pfad nach links in die Kleine Chälen abzweigt. An deren Fuss gute Depotmöglichkeit, dann ~10 Minuten auf guten Trittspuren durch die Rinne hinauf bis zum Punkt, wo die Spur von der Westschulter des Kleinen Turms von links her einmündet. Nach einer kurzen Traverse von 20m nach rechts befindet man sich auf dem bequemen Einstiegsband. Links am Fuss einer Verschneidung startet Meriba (5c+), die mit Fixé-Laschen mit Bächli-Imprint ausgerüstet ist. Zehn Meter rechts davon ist der Einstieg von Kairos (Austrialpin-Plättli), gekennzeichnet durch 2 SU-Schlingen und einem eingemeisselten 'K'. Wer weitere 5m nach rechts schreitet, findet 1 SU-Schlinge und den (Stand 2026) angeschriebenen Einstieg von Chronos (Koordinaten CH LV95 2'715'010/1'217'660 bzw. WGS84 47.09993, 8.95372, Höhe 1660m). Gehzeit vom See zu Fuss ca. 75-90 Minuten (750hm), mit Bike ca. 30 Minuten schneller.

Wie viele Prozent der Leistung kommen aus den (welchen) Beinen und wie viele vom Motor?

Und wenn wir schon beim Zustieg sind: Kairos lässt sich ideal mit allen Routen kombinieren, welche auf der Westschulter des Kleinen Bockmattliturms enden (u.a. Echo der Zeit, Element of Slime, Skyrace und Prachtsexemplar). Insbesondere zum Echo der Zeit ist es schwierigkeitsmässig die perfekte Ergänzung. Von dessen Ausstieg an der Westschulter erreicht man in nur 2 Minuten den Einstieg von Chronos (oder Kairos) und kann gleich wieder loslegen, es ist ein absolut logisches Enchainement.

Der Blick vom Kletterhüttli auf das von uns gekletterte Enchainement von Echo der Zeit und Chronos.

Routenbeschreibung

Bockmattli / Namenloser Turm - Chronos 6b (6a+ obl.) - 5 SL, 185m - M. Dettling & G. Arnold 2026
Material: 50m-Seil, 12 Express, Cams 0.3-2 und/oder Keile einsetzbar, aber nicht zwingend nötig

L1, 30m, 6a: Ein sehr griffiger Auftakt an Henkeln und Schlitzen führt über den ersten Bauch hinweg. Im nun eigentlich flacheren Gelände, muss die Beta für die nächste Sequenz jedoch sorgfältig analysiert werden. Es gibt aber eine gute Lösung und so klettert man bald an Leisten und Löchern dem Himmel entgegen. Was man als schwierig vermuten könnte, löst sich stets sehr gut auf. Kurz vor Schluss erreicht man eine Rinne, der BH befindet sich am Grat links, etwas links ausholend erreicht man den bequemen Stand.

Das ist der griffige Auftakt in L1 (6a). Es war gegen 13 Uhr, der Schatten wurde schon fast knapp.

L2, 45m, 6a: Diese Seillänge ist geprägt von einer riesigen Sanduhr. Oft gleichen die von uns Kletterern so benannten Strukturen den tatsächlichen Zeitmessern ja nur sehr entfernt - nicht so hier, insbesondere wenn man vom Kleinen Turm hinüberguckt! Die ersten Meter bis dahin sind gemütlich, doch mit dem Überschreiten der Brücke geht die Crux los und sie erfordert etwas Zupacken. Dies geschafft, überschreitet man eine Kante (BH an dieser bevorzugt lang einhängen!) und klettert jenseits in gängigem Gelände knapp links des Grates noch 25m weiter bis zum Stand.

Am Einrichten von L2 (6a), die Stelle mit der Sanduhrbrücke wurde eben überschritten.

L3, 50m, 6b: Wie schon angekündigt, diese Seillänge bildet das Herzstück der Route. Erst heisst es Abklettern, auf einem diagonal verlaufenden Band steigt man zum schluchtartigen Kamin ab (ca. 5b). Für den/die Seilzweiten kann ein zu Beginn gesetzter Cam 0.75 beruhigend sein, zwingend ist er nicht. Die Schlucht wird dann mittels einem Überfall und Spreizschritt gleich überwunden, ohne darin zu klettern. Jenseits ermöglicht stark vom Wasser zerfressener Fels überhaupt nur die Passage. Nun geht's durch die Plattenwand diagonal in die Höhe. Erst noch gut machbar, fordert später eine plattige Stelle. Ein paar Reibungstritte und Thank-God-Pockets machen es jedoch im 6b-Rahmen möglich. Das Schlussbouquet sind dann die luftig-anhaltenden 20m entlang der Diagonalfuge. Da müssen viele Register der Klettertechnik gezogen werden und it ain't over till it's over!

In L3 (6b) wird zuerst abwärts geklettert, bevor es an zerfressenem Fels wieder hinauf geht...

Das Finish von L3 (6b) entlang der Diagonalfuge in kompaktem Gelände in luftiger Position.

L4, 35m, 5c+: Auf den ersten Blick vermutet man hier zügig abspulbares Gelände, sieht der Fels doch reichlich strukturiert aus. Das manifestiert sich beim Klettern aber nicht so ganz wie gedacht. Da ist man doch immer am Griffe suchen und ohne etwas Einsatz geht es vorerst nicht. Schliesslich steigt man auf eine grasige Schulter aus, geht rechts an einem Turm vorbei (an diesem steckt ein BH, welcher leicht zu übersehen ist!), bevor es übers Grasband gerade voraus zum Stand mit Wandbuch (in kleiner Höhle direkt unterhalb der Haken) geht.

Dieser Stunt am Ende von L4 (5c+) ist fakultativ, aber für das Foto hat er sich definitiv gelohnt!

L5, 25m, 5c+: Der Gipfel ist schon nahe, aber dieses Dessert lässt man sich ganz sicher nicht entgehen. Vor langer Zeit muss an dieser Stelle das Gestein abgerutscht sein. Hervorgekommen ist eine vom Wasser bearbeitete und stark strukturierte, fast korallenähnliche Wand. Nach 15m hat man dieses Stück bewältigt, ein Dächli wird an Henkeln überwunden. Diese finden sich auch auf der Zielgeraden, bevor man direkt zum Top vom Namenlosen Turm aussteigt (Stand an Muniring und BH etwas zurückversetzt).

Die letzten Moves in L5 (5c+). Die Getränkebestellung kann man schon zur Kletterhütte rufen...

Abstieg

Von Namenlosen Turm gibt es zwei ideale, zügige und unkomplizierte Fussabstiege. Dazu vom Gipfel 100m ostwärts auf gut sichtbarer Wegspur der Krete entlang bzw. leicht nordseitig unterhalb gehen bis zu einem kleinen Sattel. Nun entweder a) nach rechts auf einem Weg in die Gross Chälen absteigen, was in 20 Minuten zur Kletterhütte Bockmattli führt. Alternativ b) vom Sattel nach links weglos über die wenig steile Grasflanke absteigen. Diese führt einen (zuletzt über eine kurze Stufe) zur Kleinen Turmscharte am oberen Ende der Kleinen Chäle. Dann durch diese auf Trittspuren hinunter zurück zur Kletterhütte. Der Zeitbedarf dafür ist etwas länger, dafür kommt man nochmals am Einstieg vorbei. Ein Abseilen vom Gipfel ist hingegen nicht möglich und sinnvoll. 

Auf dem Abstieg in die Gross Chälen, Doppelspur mit Überholmöglichkeit ;-)

Rückzugsmöglichkeiten

Von Stand 1 kann man problemlos abseilen, auch von Stand 2 steht diese Option mit etwas Umsicht offen. Von Stand 3 hingegen wird es umständlich: gerade hinunter kommt man ins Niemandsland, dementsprechend muss man sich diagonal "zurückarbeiten", was nicht ohne Aufwand und allenfalls Materialverlust geht. Als Aufmunterung: von Stand 3 ist es nicht mehr sehr weit zum Gipfel. Bei Zeitnot oder Wetterumschwung kann man ab Stand 4 mit gross ausholendem Rechtsumweg über die letzte Länge der Namenlosen Kante (2a) den Gipfel noch zügiger erreichen.

Ich hoffe, es können alle ihre Tour so zufrieden und bei besten Verhältnissen beenden, wie das hier bei mir am Ende des langen Bohrtages der Fall war. Das war definitiv wieder ein Tag für das persönliche Geschichtsbuch!

Material, Absicherung & Topo

Die Route ist mit total 45 rostfreien Bohrhaken (die 2 auf dem Gipfel sind ausgeliehen ;-)) gut abgesichert. Das ist exakt 1 Exemplar weniger als in der Kairos. Somit vergrössert sich nach Adam Riese die mittlere Distanz zwischen den Haken von 4.02m auf 4.11m. Natürlich, diese Mathematik ist blosse Spielerei (und berücksichtigt auch nicht die Doppelhaken an den Standplätzen). Sie signalisiert aber doch, dass zwischen den Sicherungspunkten geklettert werden muss. Insbesondere in der diagonal verlaufenden Cruxlänge von Chronos hilft die Strategie A0 nur sehr beschränkt weiter. Ob deren Natur mit Abklettern, zwingendem Spreizschritt und anhaltender Traverse sollte auch die Person am hinteren Seilende einer 6b vernünftig gewachsen sein. Und eben, einfach Ablassen und Heimgehen geht da auch nicht so prickelnd. Alles in allem würde ich sagen, dass Chronos trotz gleichen Freikletter-Graden, nahezu gleich vielen Bolts und vergleichbarem Charakter schon einen Tick anspruchsvoller wie Kairos ist. Sprich, wer zweifelt und hadert, probiert besser zuerst Kairos.

Gut kalkuliert ist halb geklettert - wir wünschen euch viel Spass!

Dank der guten Grundabsicherung mit strategisch platzierten BH ist die Route für mich ohne mobile Sicherungen machbar. Sicherlich sind an diversen Stellen SU-Schlingen, Cams (0.3-2) und/oder Keile für zusätzliche mobile Sicherungen einsetzbar - je nach Können vielleicht eine prüfenswerte Option! Ein paar weitere Planungsgrundlagen: die NW-seitig ausgerichtete Route liegt bis am frühen Nachmittag im Schatten, hat grob von Mai-Oktober Saison und trocknet dank der Wandkletterei über kompakte Wandzonen (für Bockmattli-Verhältnisse) zügig ab. Generell macht's (mir) am Bockli aber am meisten Spass, wenn's so richtig trocken ist und nicht aus jeder Ritze die Feuchtigkeit drückt. Als vorletzter Punkt darf die Namenswahl erklärt werden: während Kairos den günstigen Moment beschreibt, so steht Chronos für die vergehende Zeit und deren Planung. Zusammen mit der grossen Sanduhr in L2 als Symbol dafür gab es hier nur eine logische Wahl. Somit ist alles geklärt: es verbleibt mir wie immer nur, viel Spass zu wünschen! Hier gibt's das Topo als PDF, allez les amateurs! 

Das Topo von Chronos, es ist auch als PDF verfügbar.

Dienstag, 16. Juni 2026

Goodbye Winter 25/26

Mittlerweile, beim Tippen dieser Zeilen, liegt der Event exakt 4 Wochen zurück, aber eine kleine Notiz mit Rückblick auf den Tourenwinter 2025/26 ist trotzdem angebracht. Während Trockenheit und Wärme schon im April und Anfang Mai zu MSL-Touren in höheren Lagen lockten, deponierte ein Kaltlufteinbruch um die Eisheiligen herum nochmals eine satte Portion Schnee bis unterhalb von 2000m. So ging's noch in der Nähe und dank kalter Temperaturen ohne nächtlichen Aufbruch, was mich zum Genuss von diesem Mai-Powder brachte.

Am Klausenpass wollte ich meine Spuren ziehen, aber dieser war aufgrund der Schneefälle wieder gesperrt worden. Mit dem Schneetaxi war das kein Problem: bis zur Chlus (ca. 1700m) war die Strasse aper, die Pulverauflage danach und ein paar vereiste Stellen liessen sich gut managen. So schnallte ich meine Bretter am Pass an die Füsse und schritt spurend durch den winterlichen Neuschnee. Auf den ersten Höhenmeter war der Schnee noch unregelmässig, d.h. teils verblasen und anderswo auf bereits aperen Grund gefallen. Nach ca. 150hm war es dann aber das Wintermärchen pur - bis zu 50cm lockerer Powder auf Unterlage. Welch ein Genuss, ganz alleine durch diese Landschaft zu schreiten.

Der Blick voraus: welch ein Genuss, seine Spur elegant auf diese weisse Leinwand zu legen.

Richtung Clariden führte meine Spur, doch ob ich diesen Gipfel auch erreichen würde? Mit dem vielen Neuschnee schien ein Gipfelgang aufwändig. Zudem ging in der Höhe viel Wind, welcher sich ab der Steilstufe auf 2800m bemerkbar machte, indem er einem durch die Knochen pfiff, und auch den schönen Powder verpresste. Just an diesem Punkt hatte ein weiterer Tourengänger zu mir aufgeschlossen. Er würde nun lieber abfahren und den hervorragenden Schnee geniessen, meinte er. Ich war für einen Moment hin und her gerissen zwischen der Ski- und der Gipfeloptik. Die letztere schien aber nicht allzu vernünftig und beinhaltete die Gefahr, die derzeit noch tollen Verhältnisse entweder durch Windeinfluss oder Tageserwärmung zu vergeigen.

Der Blick zurück Richtung Jegerstöck und Urnerboden mit der frisch gelegten Spur.

So zog auch ich meine Felle von den Ski und wir rauschten gemeinsam in die Tiefe. First Lines bei Top-Verhältnissen, absolut fantastisch. Etwa 150hm über der Passhöhe kamen die Bretter zum Stehen. Wir wollten mehr davon, das war absolut keine Frage. Somit gab es einen zweiten Aufstieg. Um doch noch einen Gipfel zu besuchen, stieg ich zum Rau Stöckli (2469m), mit tollem Blick auf die Clariden Nordwand (eine Pendenz, die es auch irgendwann einmal zu erledigen gilt!). Um noch etwas bessere Skimeter zu ermöglichen, stieg ich noch bis zum P.2525 am Tierälpligrat auf. Auch die zweite Abfahrt war super - wobei man schon etwas mehr darauf achten musste, nicht zu sehr sonnenexponierte Stellen zu wählen. Die hoch stehende Maisonne ist mit anhaltenden Powderverhältnissen wenig kompatibel.

Blick auf die Clariden Nordwand vom Rau Stöckli bei meinem Zweitaufstieg.

Nach dieser letzten Abfahrt im Winter 2025/26 war ich bald retour am Pass. Die Strasse war inzwischen mit dem Pfadschlitten geräumt worden, somit komplett aper und sogar trocken. Für den Autoverkehr war sie aber weiterhin gesperrt, somit blieb viel Platz für den Downhill. Absolut zufrieden mit meinem Ausflug machte ich mich auf den Heimweg und sagte mir, dass das nun ein schöner Abschluss der Tourentätigkeit gewesen sei - wenn's denn so wäre. Nun, einige Wochen später beim Tippen dieser Zeilen weiss ich, dass dies zutrifft. Auf 27 Touren und Tüürchen haben mich meine Bretter diesen Winter begleitet - ich bin sehr zufrieden mit der Ausbeute.