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Freitag, 4. Juni 2021

Feldschijen - Sännetuntschi (6c+)

Die Feldschijen sind eine Gruppe von Granitdomen, ziemlich abgelegen zwischen der Göscheneralp und dem Furkapass. Allzu oft wird da oben nicht geklettert, doch im Hochsommer zieht es immer wieder Seilschaften ins 'Sännetuntschi'. Diese Risskletterei in der NW-Wand von Turm 3 hat einen ziemlich hohen Bekanntheitsgrad erlangt. Für die Region, ja gewissermassen die ganze Schweiz bietet sie eine aussergewöhnliche Kompilation von Jam-Rissen in Hand- bis Faustgrösse. So wollten wir uns denn auch einmal dem Motto "stopf as you stopf can" widmen und spazierten schwer beladen mit Cams bis Grösse 4 zum Einstieg.

Blick auf die Granittürme des Feldschijen mit dem Verlauf der Route Sännetuntschi.

Unsere Tour beginnt erst um 11.00 Uhr beim gebührenpflichtigen Parkplatz (8 CHF pro Tag) beim Berggasthaus Dammagletscher (1770m). Einerseits haben wir darauf gesetzt, die Route erst am Nachmittag mit partiellem Sonnenschein und bei wärmeren Temperaturen zu klettern, andererseits erforderte die Anreise Richtung Gotthard an einem Samstag in der Ferienzeit auch einfach etwas Geduld. Über den Staudamm und dann dem markierten Bergweg entlang marschieren wir zur kleine Brücke bei P.1926, wo wir den relativ wenig ausgeprägten, aber weiss-blau-weiss markierten Weg Richtung Lochberglücke einschlagen. Auf ca. 2320m verlassen wir diesen und queren die gerölligen Älprigenplatten in Richtung Einstieg. Hier geht's einfach der Nase nach, Wegspuren konnten wir nicht ausmachen, eine beste Passage gibt es wohl auch nicht - geht alles, wenn auch mit ein wenig mühsamem Geröllgeholper. Der Einstieg befindet sich auf ca. 2450m, ca. 100m rechts oberhalb vom tiefsten Punkt der Turm 3 Nordwand. Um 12.30 Uhr und somit nach 1:30 Stunden Zustieg waren wir vor Ort und bereiteten uns auf die Kletterei vor, die wir etwa eine Viertelstunde später starteten.

Auf dem Zustieg überquert man zuerst den Staudamm, hinter die Dammastock-Kette.

L1, 50m, 4c, Material 1x 0.2-4: Der Beginn der Route ist nicht markiert und es steckt auf dieser Vorbaulänge auch kein Material. Trotzdem lässt sich relativ zweifelsfrei identifizieren, wo es losgeht. Wo dann aber im Detail am besten geklettert wird, ist dann gar nicht so klar. Es gibt 2 parallel verlaufende Kamine und selbst darin noch Varianten. Das Gelände ist eher unerfreulich, feucht, dreckig, flechtig, moosig, dazu mit losen Schuppen gespickt und auch nicht so einwandfrei abzusichern - also eher Alpinismus als Sportklettern. Nach ca. 40m kommt dann ein BH als Zwischensicherung, der Stand nach 50m steckt weiter oben/rechts wie man vielleicht vermuten könnte.

Die erste Seillänge führt durch kaminartige Schluchten, wobei es wie das Foto zeigt eben 2 parallel verlaufende davon gibt. Da kein fixes Material steckt, bleibt es der Fantasie des Begehers überlassen, wo die Route durchführt. Vermutlich spielt es keine grosse Rolle, beide Varianten dürften machbar sein.

L2, ca. 80m, 2a, Material 1x 0.2-3: Mit der ersten Länge hat man den Vorbau quasi erklommen, nun geht's auf diesem drauf wieder einfacher dahin. Durchaus sinnvoll, nochmals von den Kletterfinken auf die Zustiegsschuhe zu wechseln. Erst quert man unschwierig und absolut logisch diagonal nach links. Ganz zum Schluss dann noch über eine Felsstufe hinauf zur Kette eines Projekts und nach rechts zum Stand am Fuss vom nicht zu verfehlenden Sännetuntschi-Riss. Dieser Abschnitt ist deutlich länger als 50m, man kann/muss gemeinsam Steigen (oder seilfrei gehen), ein paar Cams bringt man unter.

Nach dem Kamin quert man in L2 (2a) über grasige Bänder zum eigentlichen Routenanfang.

L3, 25m, 6c+, Material 1x0.2, 2x 2-4: Nun geht's gleich volle Kanne los! Das Aufwärmen ist bisher leider nicht ganz adäquat ausgefallen und so stellen mich dann schon bald klamme Hände und Füsse vor erhebliche Probleme - wird wohl manch einem schon ähnlich ergangen sein. Die Länge beginnt mit einem Einstiegsboulder, gar nicht mal so simpel (Keile oder Cam 0.2). Hat man die griffige Schuppe erst einmal gefasst, so klippt man Bolt Nr.1 und gelangt mit ein paar Moves an der hier noch griffigen Schuppe sowie ein paar Jams (Cam 3, Cam 4) recht zügig zur Ecke am Riss, wo sich Bolt Nr.2 klippen lässt und man nochmals passabel rasten kann. Nun wird es aber endgültig seriös, der Riss ist hier breit (Cam 4), meine breite Faust klemmt nur knapp und die Füsse rutschen durch - die Alternative ist ein paar Meter Layback, was recht gut geht, nur ist Absichern und der Wechsel zurück in den Riss zum Jammen nicht trivial. Es folgt dann ein Stück, wo die rechte Wand einen kleinen Wulst hat (d.h. der Riss ist innen breiter wie aussen), immerhin ist man hier zurück auf Grösse Camalot 3, d.h. die Faust zieht gut und die Füsse klemmen wieder. Schliesslich klippt man Bolt Nr.3 und kann in den Schlussspurt gehen. Hier verengt sich der Riss nochmals etwas (Camalot 2) und die Jams sitzen perfekt - sofern noch genügend Puste vorhanden ist!

Bottom View vom Sännetuntschi-Kernstück (L3, 6c+), natürlich schwierig einzuschätzen so...

Insgesamt ist die Sache halt einfach schon unglaublich anhaltend und pumpig (jedenfalls für meine Risstechnik). Wenn man im Toprope klettert oder so souverän/kühn ist, um im Vorstieg nur spärlich Cams zu legen (eigentlich würde sicherheitstechnisch 1x4, 1x3, 1x2 ausreichen...), dann passt die Bewertung "pumpige 6c+ in ungewohnten Stil" vielleicht schon. Die Realität für manche "Alpen-Normalkletterer" ist aber wohl eher, dass man stets zwei Cams der passenden Grösse shuffelt (erst #3, dann #4, dann wieder #3, am Ende #2). So lässt es sich zwar die ganze Seillänge im Quasi-Toprope klettern, aber der zusätzliche Zeit-/Kraftaufwand ist nicht zu unterschätzen, einfach eine unglaubliche Pumpkröte auf diese Art. Noch dazu ist ständig das Seil im Weg, sowohl für die Hände wie für die Füsse... so ging's jedenfalls mir und definitiv die Nerven verloren, den Onsight preisgegeben und in einen Cam gegriffen habe ich, als ich Klippen wollte, mir jedoch mit den Füssen das Seil blockiert hatte und nicht mehr Umtreten konnte, ohne abzupfeifen. Das war schon ein wenig schade und auch ein wenig ärgerlich, wobei ich natürlich bei einem solchen Gerät nicht wirklich auf einem stilreinen Onsight zählen konnte. Um die Sache wenigstens ein bisschen in Ordnung zu bringen, gab ich am Ende des Tages beim Abseilen dann noch einen zweiten Go im Toprope. So konnte ich eigentlich mühelos durchsteigen - klar, ein bisschen pumpig war es immer noch, aber so war die Bewertung von 6c+ durchaus nachvollziehbar. Nun müsste man halt auch im Vorstieg in erster Linie klettern statt ständig mit den Cams rumfummeln, dann ginge es schon auch - Kopfsache, nächstes Mal dann ;-).

"Stopf as stopf can" lautet das Motto. Einfach ein unglaubliches Gerät, diese L3 (6c+).

L4, 35m, 6b+, Material 1x 0.2-0.75, 2x 1-2: Mein Kletterpartner kommt dermassen gepumpt an den Stand, dass er mir gleich nochmals den Vortritt lässt. Der Riss zieht hier vorerst weiter pfeifengerade in dem Himmel und man darf sich auf ähnliches Programm freuen (oder fürchten). Allerdings legt sich das Gelände hier doch ein wenig zurück und nach den ersten Jamming-Metern in einem perfekt saugenden Handriss (Cam 2) bieten eine Zusatzschuppe rechts und ein paar Strukturen hier und da dann die Möglichkeit, wieder in einem mehr gewohnten Standard-Kletterstil unterwegs zu sein. Die Querung am Ende ist dann sogar nur mehr BH-gesicherte Wandkletterei ohne Riss. Insgesamt eine sehr schöne Sequenz, viel weniger ernsthaft und brutal als L3, ein richtiges Plaisir - mit 5 BH und einem Fixkeil auch relativ üppig ausgestattet.

Erst tolle Risskletterei, am Ende dann fast "normale" Wandkletterei (L4, 6b+).

L5, 35m, 6a+, Material 1x 0.2-4, evtl. Keile: Hier ist die Routenlinie gar nicht mal so ganz klar, aber vermutlich klettert man schon über die markante, abstehende Schuppe hinweg diagonal nach rechts oben gegen die grosse Verschneidung hin, dort befindet sich nämlich ein (Seilzug generierender) BH. Nun nach links zur Schlinge und schliesslich hinauf. Die beste Passage auch hier nicht ganz eindeutig, vermutlich aber schon via den dünnen Riss links. Nicht so einfach abzusichern (Cam 0.2 oder mittlerer Keil) und auch nicht so einfach zu klettern, wobei man den Riss dafür kaum nutzen kann, sondern mehr leistige Wandkletterei ausführt. Zuletzt dann durch die Verschneidung an grossen Cams zum Stand auf der Kanzel.

Nicht nur die Kletterei überzeugt, auch die Gegend und das Panorama sind toll!

L6, 20m, 6b, Material 1x 0.2-0.5: Das Auftakt-Wändchen kann man sich sicherlich viel schwieriger machen, als es ist - hier wartet ein Boulder mit BH. Nun geht's grosso modo nach rechts wieder gegen die grosse Verschneidung, inklusive einem Abkletterstück. Diese turnt man dann hinauf, mit 2 BH ist die Stelle gut abgesichert, wenn man wollte könnte man vielleicht auch noch die 4er-Cams platzieren, was ich jedoch nicht als nötig empfand. Schliesslich erreicht man einen superbequemen Stand auf einem freistehenden Turm, richtig cool!

Nach einer Boulderstelle klettern man in L6 (6b) an breiten Rissen zu einem superbequemen Stand.

L7, 35m, 6a+, Material 1x 0.2-2: Linkshaltend geht's an 2 BH gesichert in die Wand hinaus, nach einem schwierigen Auftaktschritt helfen ein paar Leisten weiter, so dass es nahezu mühelos geht. Das Ziel ist der Riss links (nicht der rechte!). Dieser wartet mit supergenialem Cruising-Gelände auf, die Finger klemmen perfekt (Cam 0.5). Man steigt schliesslich auf eine bequeme Plattform aus, auch mit 50m-Seilen lässt sich die nächste, kurze und einfache Seillänge noch anhängen.

Optimal positionierte Leisten und ein Fingerriss führen einen durch diese Plattenwand (L7, 6a+).

L8, 15m, 5b, Material 1x 0.3-2: Auch hier gibt's wieder 2 Risse zur Auswahl, die Route führt jedoch scheinbar durch den rechten (der andere wäre aber sicherlich auch kletterbar). Schön, aber kurz und problemlos erreicht man den geräumigen Stand unter dem markanten Riss der nächsten Seillänge, den man schon von Weitem her bestaunen konnte.

L9, 35m, 6b, Material 1x 0.3-0.75, 2x 1-2: Nochmals eine richtig coole Risspassage in luftiger Position, zudem sitzen die Jams an diesem Handriss einfach perfekt! Der erste Move ist wohl gleich der schwierigste, einmal sauber im Riss etabliert geht's dann zügig voran, auch weil man hier immer ziemlich gut Antreten kann. Erst sitzt der 2er-Cam perfekt, gegen der Ausstieg muss man dann zur Grösse 1 greifen. Es stecken hier auch noch 2 Bolts (fast ein wenig schade!), so dass kühne Kletterer vielleicht sogar ohne mobile Sicherungen steigen. Einmal ins flachere Gelände ausgestiegen, wartet dann noch plattige Wandkletterei - jedoch nix Schwieriges mehr, da stört es auch nicht, dass man da nicht mehr Cams à discretion versorgt.

Ein hervorragender Handriss zum Jammen wartet zum Auftakt in L9 (6b).

L10, 40m, 5c, Material: 1x 0.2-2: Das Abschlussstück ist rasch erledigt, plattige Wandkletterei mit ausreichend Struktur. Die Bewertung von 5c dürfte deutlich zu hoch gegriffen sein, denke das ist eher ein Vierer und in den Gesamtanforderungen z.B. viel einfacher wie die herbalpine Auftaktlänge durch den Kamin. Aber die gemütlichen Moves in der Abendsonne machen viel Spass und runden das Erlebnis ideal ab.

Plattiges Abschlussgelände hoch über dem Göscheneralpsee (L10, 5c).

Um 17.45 Uhr sind wir am Top, somit hatten wir etwa 5:00 Stunden für die gesamte Route gebraucht. Sie endet auf einem breiten, sehr bequemen Band noch "mitten in der Wand". Ein wenig schade ist es schon, dass man hier nicht auf einen Gipfel oder zumindest den Grat gelangt. Aber eine logische Fortsetzung mit homogenen Schwierigkeiten scheint tatsächlich nicht gegeben, so dass der Endpunkt durchaus verständlich ist. Es wäre aber sicher möglich, mobil absichernd noch weiter hinauf zu steigen, auch die unten links vom Sännetuntschi verlaufende Niedermann-Route führt hier wohl vom Endpunkt in logischer Linie zum Gipfel hinauf. Dies allerdings zum Preis, nicht wieder Abseilen zu können und über den Normalweg runter zu müssen - für uns keine Option, da wir Schuhe und Rucksäcke am Beginn von L3 deponiert haben. So begehen wir für etwas Tiefblick immerhin das breite Band bis zu dessen Ende, legen uns ein paar Minuten auf die quarzgespickte Platte und bauen einen schönen Steinmann. 

Wunderbare Stimmung am Top, hinten der Lochberg und die Dammastockkette.

Schliesslich gleiten wir in die Tiefe, ob der Steilheit geht das effizient und mit 5 Manövern (Stände 10-9-7-5-4) waren wir zurück bei unserem Depot vor dem 6c+ Riss. Nachdem dieser im Second Go auch noch sauber durchstiegen werden konnte, gilt es noch 3 Abseilmanöver über den Vorbau zu ziehen. Es geht in logischer Linie +/- gerade hinunter, die Abschnitte sind nicht allzu lang (35-40m) und die Abseilringe jeweils gut sichtbar. Um 19.30 Uhr waren wir retour auf Terra Firma, nach einer Pause in der Abendsonne ging es in einer guten Stunde retour zum Ausgangspunkt. Wow, das war nun wieder ein Klettertag erster Güte in einem richtigen Klassiker des Schweizer Alpinkletterns gewesen. Und genug getextet, jetzt ist es Zeit für das Video :-)





Facts

Feldschijen - Sännetuntschi 6c+ (6c obl.) - 10 SL, 290m + 80m Gehgelände - Giger/Jäggi 1985, saniert 2012 - *****;xx(xx)
Material: 2x50m-Seile, 8 Express, 1x Cam 0.2-0.75, 2x (oder optional 3x) Cam 1-4, evtl. Keile

Negativ gesehen könnte man sagen, die Route befindet sich mit relativ langem Zustieg fast am Ende der Welt, bietet nach 2 etwas mühsam-alpinen Vorbaulängen einen senkrecht-taffen Schinderriss und führt dann in ein paar einfacheren Seillängen mit etwas gesuchtem Routenverlauf auf ein Band unter dem Gipfel. Das wird der Sache aber nicht gerecht, denn die bolzengeraden Jam-Risse sind hier kompromisslos wie nicht mancherorts in der Schweiz, so dass sich Zustieg und Vorbau allemal lohnen. Nach der Crux geht's im weiteren Verlauf zwar durchaus gemütlicher und etwas im Zickzack voran, letzteres allerdings zugunsten des Einbezugs der lohnendsten Splitter Cracks in der Wand - in diesem Sinn also absolut logisch. Auch die Wandpassagen auf dem oft schwarzen, teils etwas flechtigen Granit klettern sich echt gut, der Fels bietet hier manch tolle, unerwartet griffige Leiste. Alles in allem mit dem Faktor aussergewöhnlich würde ich sagen 5*, Weltklasse!

Blick zurück auf die Wand beim Abseilen über den Vorbau, der Riss von L3 in Bildmitte gut sichtbar.

Überall wo nötig, ist die Route mit Inox-Bolts gut abgesichert, überall sonst kann man einwandfrei mobil absichern, somit erreicht die Sicherungssituation stets mindestens Stufe xxxx. Es sei erwähnt, dass hier und da (wohl schon seit der Erstbegehung) ein paar "convenience bolts" stecken - wenn man will, so ginge vielleicht sogar die ganze Route clean, sicher aber wären nicht mehr wie eine Handvoll Zwischenbolts nötig. Die Bewertungen habe ich aus dem Extrem Ost übernommen, sie wurden gegenüber dem Originaltopo etwas nach oben verändert. Eher zu hoch gegriffen scheint mir die 6c obligatorisch, der Riss in L3 kann komplett geaidet werden, ebenso die schwierigen Passagen in L4 (6b+). Rein technisch gesehen dürfte kaum mehr wie 6a/6a+ obligatorisch sein, allerdings macht die Route durchaus nur eher dann Sinn, wenn man sich in Routen auf 6bc obl. Level wohlfühlt. Bezüglich der empfohlenen Cams habe ich aufgeschrieben, was wir in etwa verwendet haben oder hätten verwenden können, bzw. was ich mir bei der nächsten Begehung an den Gurt hängen werde. Kurz gesagt reicht vom kleinen Gear bis Grösse 0.75 ein einziges Set, die Grössen 1-4 sollte man doppelt dabei haben, das passt dann schon. Wer an den Jam-Rissen hallenartige Abstände bevorzugt (soll vorkommen ;-)), kann aber natürlich auch noch weitere Exemplare der Grössen 1-4 versenken. Auf dem Netz habe ich auch gelesen, dass ein Cam 5 hilfreich sei - man bringt ihn im Offwidth-Teil von L3 sicherlich unter, allerdings sassen da m.E. auch die 4er-Cams absolut solide.

Freitag, 28. Mai 2021

Topoguide Kletterführer Korsika

Inzwischen sieht es so aus, als ob wir für die Sommer- und Herbstferien tatsächlich wieder an etwas weiter entfernte Ferienziele denken könnten - jedenfalls alle diejenigen ohne minderjährige Kinder. Ein Ziel, das ich bisher noch nie besucht habe, ist Korsika. Gerade als MSL-Kletterer soll es da manch eine Perle zu entdecken geben und auch sonst punktet die Insel mit ihrer wilden Schönheit. Erleichtert wird die Planung von Reise und Kletterei ganz sicher mit dem Kletterführer Korsika von Topoguide. Autor Volker Roth hat mir ein Exemplar der Neuauflage von 2020 zugesandt mit der Bitte, hier eine Präsentation zu machen, vielen herzlichen Dank dafür!


Im Buch werden über 100 Routen auf 256 Seiten ausführlich vorgestellt. Wie immer hat der Autor alle Routen selber geklettert, ein präzises Topo erstellt, zudem gibt es eine Übersichtskarte und alle nützlichen "How to"-Tipps. First-Hand-Info ist auf Korsika bestimmt sehr hilfreich, denn einerseits ist das Gelände viel weniger erschlossen als in den Alpen, aufgrund der dichten Macchia sehr unübersichtlich und wie mir Volker versichert hat, gelten dort 'eigene Gesetze', so dass man über etwas Starthilfe durchaus froh ist. Von kurzen Plaisirtouren in Strassennähe bis zu längeren, halb-alpinen Unternehmungen mit längeren Zu- und Abstiegen wird die ganze Bandbreite an Touren abgedeckt, der Schwerpunkt liegt dabei im sechsten Franzosengrad. Einzelne Touren sind in freier Kletterei vielleicht auch noch etwas schwieriger, diese Stellen werden aber in der Regel als A0 oder A1 und ohne freie Bewertung aufgeführt - ein Vorgehen, mit dem ich persönlich jetzt nicht ganz einverstanden bin, so dass man die nötigen Angaben halt anderswo beschaffen muss. Was mir persönlich auch noch fehlt für einen Korsika-Trip ist eine Übersicht über die lohnendsten Sportklettergebiete. Immer kann man ja nicht auf MSL gehen... Diese Lücke zeigt aber auch gleich auf, wie viel Wert ein gut recherchierter Führer ist - man erspart sich so viel Zeit, Arbeit und möglicherweise auch Ärger. Von daher gesehen sind die 48.95 Euro (+7 Euro Versandgebühr in die CH) ganz sicher sehr gut investiertes Geld für jeden, der mit MSL-Absichten nach Korsika reist. Bestellen kann man direkt beim Autor im Webshop.

Samstag, 22. Mai 2021

Frühlingsklettern im Tessin 2021

Tja, die Landesgrenzen sind durch die Pandemie für Klettertrips eher schwierig oder mit Testerei und Quarantäne zumindest aufwändig zu überwindende Hindernisse geworden. Somit war es für unseren Oster- und Frühlingstrip gesetzt, dass wir an Schweizer Felsen klettern würden - was ja auch kein Problem darstellt, da es mehr als genug 'Material' gibt und man dank den verschiedenen Klimazonen auch fast jederzeit ein trockenes Plätzchen findet. Schliesslich ging es 2x ins Tessin, wettertechnisch begünstigt und ein grosser Fan dieser Gneisfelsen bin ich sowieso. Beide Male quartierten wir uns im Maggiatal in einem Rustico ein.

Für den Ostertrip entschieden wir uns 9 Tage im Voraus, nachdem die Langzeit-Prognosen für den Süden eine bessere Perspektive gaben. Gar nicht einmal so einfach war es, zu diesem Zeitpunkt noch eine Unterkunft zu finden - naja in den teuren Hotels vielleicht schon, weniger aber für eine günstige und gut gelegene Ferienwohnung. Tja, die Effekte der Pandemie eben. Vor dem Aufbruch änderten sich die Wetterprognosen dann aber drastisch, ja es schien gar zwischendurch, dass zuhause bleiben vielleicht die bessere Lösung für das vertikale Programm wäre. Doch das war ein Sturm im Wasserglas, Ostern war schliesslich geprägt von warmem, trockenem und schönem Wetter. Umso besser, aber zum Klettern war eher Schattenjagd angesagt. 

Giumaglio im Maggiatal, hübsches Dörfchen mit alten Steinbauten und Felsen gleich nebenan.

Für die Frühlingsferien entschieden wir uns dann schon gleich nach Ostern, um Zugriff auf das begehrte Rustico zu haben. So weit im Voraus machen wir wetterabhängige Felsfreaks das sonst nie - und prompt verhiess die Prognose schliesslich eine komplett verregnete Woche. Naja, es kam schlussendlich deutlich besser: erst 5 trockene Tage bei zwar trübem Himmel, dafür uneingeschränkter Sektorenauswahl. An den folgenden 2 Regentage verlegten wir die Aktivität in die überhängenden Gebiete, erst auf der Heimreise ergaben wir uns mit einer Indoor-Bouldersession. Einen chronologischen Abriss über diese Trips mag ich hier nicht geben, nachfolgend ein paar Worte zu besuchten Gebieten und gekletterten Routen.

Giumaglio - Falesia del Picchone & Fiume

Hier waren wir daheim, per Zufall als Nachbarn von Erschliesser-Legende Egon Bernasconi. Das erklärt, warum es rund um das Dorf hier und da ein paar verstreute, anspruchsvolle Routen und Boulder gibt. Auf Streifzügen gab es also einiges zu entdecken, schliesslich fokussierte ich mich auf die Bullah Bro (8a), keine 2 Minuten von unserer Unterkunft entfernt - schon ein Privileg, die harten Moves so nahe zu haben. Dafür aber gar nicht einfach für das Session Planning! Gut half mir Home bzw. Distance Office dabei, manchmal nur die entsprechend kurzen Zeitfenster für einen Go an dieser Route zur Verfügung zu haben - wobei mir schliesslich erst im zweiten Trip bei kühlen Bedingungen der Durchstieg gelang. 

Akteur mit Pokal ;-) nach dem Durchstieg der Bullah Bro (8a).

Nicht von Egon eingerichtet wurde der einfache Plattensektor, die Falesia del Picchone. Hier gibt es knapp 25 geneigte Routen im Plaisirbereich (4c-6a+). Der Zustieg aus dem Dorf ist in 10-15 Minuten erledigt, auch hier konnten wir also noch rasch auf einen Plausch vorbei, wobei jeweils vor allem die Kinder kletterten und vorstiegen. Der ganze Sektor ist super mit Inoxmaterial abgesichert, wobei fast jede Route nebst einfacherem Terrain eine Einzelstelle bereithält, welche für Kleingewachsene oft nicht einfach ist, öfters auch in Sachen Haken klippen. Und auch ein wenig gleichförmig-austauschbar dünkten mich die Routen, doch vielleicht liegt diese Wahrnehmung auch einfach an mir, der hier mehr oder weniger überall ohne gross zu überlegen hochspazieren kann.

Cevio - Geisha Wall, Goldensciauar & Hauptwand

Nebst den vielen Felsen besteht die Attraktion in Cevio aus dem Pumptrack, wirklich eine sehr gelungene Sache, wo wir auch viele Stunden verbrachten! Somit stiess ein Ausflug zum Klettern ins Tal hinein immer auf Wohlwollen. 3x waren wir an der Geisha Wall, die wir bereits auf früheren Trips (1,2) lieb gewonnen hatten. Im Frühling 2021 waren fast alle Routen trocken - gut so, denn an Ostern war es hier ganz schön voll, ein untrüglicher Beleg für die Qualität des Gebiets. Aber im Bereich 6a-8b wird einem hier fast jeder Wunsch erfüllt, wobei es sowohl vertikale bis leicht überhängende, typische Tessiner Wandklettereien gibt wie auch stärker überhängende, athletische Bolzertouren - bei bester Felsqualität notabene. Einzig die lange drückende Nässe kann den Spass vergällen und einen grossen Teil der Routen unpraktikabel machen, am besten also nur nach Trockenperioden aufkreuzen. Ins Täschchen gingen mir dieses Mal neben ein paar einfacheren Touren Toro Loco (7b+), Culo di Piombo (7b), Mr. Seitan (7b+), L'oca Bucata (7b), Master Tacos (7c), Detox (7a) und Cantina Ümida (7a)

Geisha Walls - an diesem Tag ganz für uns (war aber nicht immer so...).

Ebenfalls in den letzten Jahren wurde der Sektor Goldensciauar erschlossen. Er liegt nur 2-3 Minuten ob der Kirche in Cevio in problemloser Gehdistanz vom Pumptrack, ideal für eine After-Work-Kombisession - sofern man auf gute Bedingungen trifft. Im Frühling und nach Regenperioden fliesst nämlich ein Wasserfall über die Wand, welcher zumindest bei Wind manch eine Route benetzt. Bei ruhigen Verhältnissen kann man hingegen einige Routen auch klettern, wenn der Wasserfall "in Betrieb" ist. Auf einem Kurztrip machten wir Insert Coin (6c) und Sottosopra (7a), welche auf dem exponierten, über Fixseile zu erreichenden Balkon liegen und coole Henkelkletterei bieten. Auch in der Si era Black Coit (7a+) gibt's manch grossen, sloprigen Topf zu halten und durch die weit überhängende Wand zu moven, super! 

Das ist das Foto vom Goldensciauar - ja ehrlich, die Felsen sind am oberen Bildrand tatsächlich zu sehen :-) Aber na gut, ich gebe es zu, am Fels haben wir keine Fotos gemacht und eines vom Pumptrack darf in diesem Beitrag auch nicht fehlen.

Einen regnerischen Tag zum Ende der Frühlingsferien verbrachten wir dann noch an der regensicheren Hauptwand - wobei ja, die Regentropfen benetzen die Wand nicht, von innen drückt es auch nicht, aber der neblige Moder und die am Fels kondensierende Feuchtigkeit sorgten dennoch für extrem glibbrige Verhältnisse. Ja, man hätte sagen können "katastrophal" und sich wieder in die heimische Stube verziehen können. Aber so bin ich nicht gestrickt, ich nahm die Challenge an und versuchte nach (heftigem) Aufwärmen in L1 von Crescendo (6c) und Ederinik (7a+) den Punkt in Il Buco (7c) zu holen. Eine total fiese Route für solche Bedingungen, an seichten Löchern und schlechten Leisten movt man über 5 Haken hart, um dann an übel-rutschigen Slopern den finalen Rausschmeisser zu klettern, der einen in die zweite Hälfte mit pumpiger Ausdauerkletterei befördert. Fast, fast wäre es gelungen, doch leider zippten die Finger doch unvermittelt vom extrem seifigen Griff - klassisches Dryfire, die Kraft wäre da gewesen... stellt sich nun die Frage, ob das eine verschenkte Onsight-Opportunity war/ist... wobei ich vermute eher nein.

Die Hauptwand von Cevio bei 100% Luftfeuchtigkeit.

Avegno - Underzero, Zufolo & Zio Fiasco

In Avegno kann man nicht nur Plattenklettern, nein in den letzten Jahren entstand hier ein veritables Hardmover-Paradies am Fuss der hohen Wand von Torbeccio. Der Sektor Zio Fiasco war schon seit einigen Jahren publiziert, es kamen aber auch hier nochmals etliche Neutouren hinzu. Hier hatten wir uns schon früher vergnügt, ja einmal gar in den Häusern unterhalb residiert (Steinbauten mit eher rudimentärem Komfort, eher teuer, keine Autozufahrt, dafür geniale Lage). Nebst den schon früher genossenen Perlen kamen die beiden langen Schwesterrouten Ueli Speck (7b+) und Malbuner (7b) neu auf die Ticklist - beide mit kräftig-fieser Abschlusscrux auf luftigen 32-35m Höhe. Auf den Eintrag weiter warten muss hingegen die namensgebende Zio Fiasco (7c). Hier hatte ich schon früher einmal probiert, bis die Beta wieder sass, waren Kraft und noch viel mehr die Haut definitiv alle.

In Bildmitte der Sektor Zio Fiasco, die Sonne bescheint die Wand bis ca. 14.00 Uhr.

Von den weiter links gelegenen Sektoren hatte man als Insider in den letzten Jahren munkeln gehört, die Tessiner behielten aber diese Perle wohlweislich für sich, zumindest was eine Topo-Publikation angeht. Wie immer, wenn Geheimhaltung herrscht, kann es kein Schrottgebiet sein und so waren wir auch sehr gespannt auf unseren ersten Kletterbesuch an diesem Stück Fels. Die gut 50 Touren bieten einen Mix von kräftiger, deutlich überhängender Wandkletterei an Untergriffen und sonstigen, höchst faszinierenden Felsformationen, zu 'normaler' überhängender Wandkletterei bis hin zu positiv geneigten, technischen Testpieces. Il Masso del Granchio (7c), Pistöia (7b+), Epitaph (7b+), Schizoid (7a), Back to Black (7a+), Nimbus (7a+), Poseidon (7a) und Dancer (6b) bieten eben ziemlich genau diesen erwähnten Mix an Stilen und boten höchst exquisites Vergnügen - und noch manch eine attraktive Linie wartet für den nächsten Besuch.

Im Sektor Underzero - da gibt's mit diesem Foto keine Zweifel - geht's zur Sache.

Ponte Brolla Ost

Ja, hier haben wir schon manch einen Klettertag verbracht, aber es gibt immer noch zu tun und so bald wird sich das auch nicht ändern, ja einige Knacknüsse werden vielleicht auch für immer ungepunktet bleiben. Auf der Anreise beim ersten Trip widmeten wir uns vor allem einigen erst kürzlich erschlossenen Routen, z.B. der zähen Bonzay (6c), der Lek Attak (7b) mit ihrem bitteren Abschlussboulder, der kurzen Bamelo (6c) und der genialen Déja vu on the rise (6b+), welche ihre vier Sterne im neuen SAC-Führer wirklich verdient hat. Ein grosser Erfolg war der Onsight in der Outback (7c), nachdem die Route bereits perfekt mit verlängerten Exen präpariert war. Ohne diesen Luxus sind die ätzend sitzenden Bolts mühsam zu klippen, so dass man entweder substanzielle Kraftreserven mitbringen muss oder sie dann zu übersteigen hat, was bei Nichtbeherrschen jedoch ziemlich unangenehme Stürze zur Folge haben könnte.

Das ist sie, die markante überhängende Kante der Schattenjagd (8a)

Den zweiten Besuch gab's am letzten Outdoor-Klettertag beim zweiten Trip. Zu diesem Zeitpunkt hatte es schon fast 48h geregnet, aber einige Touren waren auch da noch trocken und kletterbar. Ganz so glibberig wie am Tag zuvor in Cevio waren die Verhältnisse generell nicht, aber von Topbedingungen waren wir so natürlich trotzdem weit weg. Für (wieder einmal) eine Begehung der Occidente (7a+) reichte es, die benachbarte No Riss, no Fun (7b+) ging auch knapp, obwohl in der Cruxsektion an einem entscheidenden Untergriff die Feuchtigkeit kondensiert hatte. Die restlichen Kräfte wurden dann in der Schattenjagd (8a) verpulvert. Tja, diese bekannteste und begehrteste 8a der Schweiz sollte ich eigentlich schon auch einmal ernsthaft im Projektmodus angehen. Nur alle 2-3 Jahre einmal 1-2 Go's zu geben reicht mir bei dieser ausdauerkräftigen Tour nicht für den Durchstieg, auch wenn das mit entsprechend Strom natürlich zu machen ist. Und sicherlich geht's bei grippig-kühlen Nordföhn-Bedingungen deutlich besser wie an diesem Tag mit durchfeuchteter Magnesia-Pappe auf den Griffen :-)

A-Lègri

Diesen Artikel schliesse ich mit dem erst kürzlich erschlossenen Gebiet bei Lodrino, das wir auf der Anreise zum zweiten Trip besucht hatten. Hier waren wir jeweils auf der Anreise zur Parete Val d'Iragna vorbeigekommen und hatten schon einen Blick auf die Felsen geworfen - nun wollten wir das erste Mal Hand anlegen. Es ist zu erwähnen, dass dies nur nach trockenen Perioden Sinn macht, sonst trifft man hier bestimmt länger auf drückende Feuchtigkeit. Dies verursacht auch, dass es in gewissen Routen noch brösmelet - wobei dieser Umstand jetzt mit der Publikation im Führer und zunehmender Frequentierung sicher besser. Den Auftakt machte ich mit der Clean-Route Medicina Tradizionale (6b). Diese ist recht ernsthaft, an den schwierigsten Stellen kann man nicht so gut legen und muss zwingend das Selbstvertrauen für einen Runout in wieder einfacheres Gelände mitbringen. Mit einem Satz Keilen und Cams 0.2-3 war ich auch eher knapp bestückt... das Originaltopo empfiehlt denn auch einen Doppelsatz an Cams dieser Grössen. Gleich nebenan kann man in Bordalen (7a) beruhigter Steigen, vor allem auch weil die Schwierigkeit nur in einer kurzen, leistigen Stelle besteht. Super gefallen hat mir S-3 Stout (7b), die erst mit recht kniffliger Risskletterei aufwartet und dann eine athletische Sektion mit total genialer Sequenz offeriert. Versucht habe ich auch die Inox Apologies (7c), die mit lässigen Bewegungsproblemen entlang einer Verschneidung startet, oben erst rissig wird und dann mit einem gewaltigen Dynamo aufwartet. Leider war der Riss noch feucht, was es nicht einfacher machte, den nötigen Schub für diesen Jump zu holen... wirklich ein Move wie in der Boulderhalle - nächstes Mal dann!

Blick auf den cleanen Riss der Medicina Tradizionale (6b), der nicht überall perfekt zu sichern ist.

In der Bordalen (7a) können die Klemmgeräte am Einstieg bleiben - und sie finden da alle Platz :-)

Team Herkulis hat sich selbständig betätigt, hier in der Siate AlLegri (6b+).