- -

Donnerstag, 6. August 2026

Hautes Alpes 2026

Wie schon seit einem Jahrzehnt sind wir auch diesen Sommer wieder in die Hautes Alpes in Frankreich gereist. In den früheren Jahren wurden die Erlebnisse blogtechnisch jeweils in die MSL-Berichte verpackt. Im 2026 sind längere Klettereien aber so spärlich ausgefallen, dass ein separater Beitrag fällig ist, um die Erinnerungen für später aufzubehalten. Ob, wann und wie der Trip überhaupt stattfinden würde, war bis kurz zuvor unbekannt und davon abhängig, für welche internationalen Wettkämpfen sich Larina selektionieren konnte. Nun, die Gelegenheit um nach Frankreich zu reisen kam und mit ihr viele tolle Klettererlebnisse - auch wenn das Geschehen vor Ort durchaus im Zeichen des Wettkampfsports stand. Aber seht selbst!

Unterwegs zu einer Nachmittagssession am dann schattigen Rocher Prat im Vallé Clarée.

Etwas Hals über Kopf reisten wir schliesslich an. Erst zu zweit, die andere Hälfte der Familie musste sich erst noch den arbeits- und schultechnischen Verpflichtungen widmen. Etwas Künstlerpech hatten wir bei der Anreise: in der Schweiz herrschte bestes, heisses und stabiles Wetter, im Süden war genau dieser Tag hingegen instabil. Generell war der Sommer 2026 natürlich auch (viel zu) trocken. Ja, in unmittelbarer Nähe zum Basecamp wütete während einer Woche sogar ein grosser Waldbrand. Nun gut, ziemlich sicher hätten man diesen behördenseitig besser managen können. Aber immerhin war er für uns weder gefährlich noch einschränkend, schade ist es vor allem für die Natur. Kurzum, der Regentropfen fielen nicht manche. Aber leider gerade am ersten Abend, als wir unser Basecamp installierten. Nicht gerade die Erfahrung, die man unbedingt braucht. Aber naja, diese Episode hatten wir natürlich bald wieder vergessen.

Blick vom Klettergebiet Rue des Masques auf den Waldbrand im Raum Freissinières - L'Argentière.

Natürlich war es auch sehr heiss, so dass nur die schattigen und idealerweise die hoch gelegenen Spots genutzt wurden. Wir schickten uns in unseren Rhythmus, welcher 1 Tag hart projektieren, 1 Tag mehr ausdauerorientierte Mileage und 1 Tag Krafttraining, aber Ruhe für die Griffel bedeutete. Wobei dies für mich mehr bzgl. dem Sichern galt, ich kletterte schliesslich wie so oft praktisch jeden Tag und halt das, was mir unter die Finger kam. Eine der ersten Adressen waren die Konglomeratüberhänge im Rue des Masques. Schon seit 3 Jahren hatten wir der Ciao Criquet (8a) immer mal wieder einen Versuch gegeben. Larina erledigte sie dieses Jahr nach dem Motto "progress is sweet" souverän im 2nd Go. Bei mir gilt hingegen erneut: maybe next year, idealerweise vielleicht mit kühl-grippigen Conditions statt einer Affenhitze. Mit der Big Bolchoï (7c) konnte ich schliesslich doch noch einen Erfolg verbuchen - verbunden mit der schon oft konstatierten Erkenntnis, dass mir die stark athletische Kletterei an den kleinen Löchli im Konglomerat eher nicht so liegt.

Dieses Foto ist nicht vom (generell eher nicht so fotogenen) Rue des Masques, sondern vom alpinen Klettergebiet in Tournoux, welches wir ebenfalls an den ersten Tagen zwecks ausdauerorientierter Mileage besucht haben. So richtig steil sind diese Wände definitiv, wie man es am linken Bildrand problemlos erahnen kann.

Ein weiterer Fixpunkt mit besserem Liegefaktor für mich ist die ebenfalls steile, klein-feine Granitwand in Entraygues. Dieses Jahr versüsst mit der Anwesenheit von Weltklasse-Athleten und tatsächlich konnten wir allerbesten Klettersport live miterleben: gleich 2x einen Send einer 9a+ und obendrein noch eine 8c+ im Flash, absolut crazy. Eindrücklich ist nicht nur der physische Level dieser Athleten, sondern sie können halt auch einfach verdammt gut moven. Diese Effizienz und Präzision auch unter höchstem Druck und am absoluten physischen Limit, crazy! Das imponiert mir sehr und während es mir klar ist, dass man mein altes Chassis nicht mehr mit den neusten, leistungsfähigsten Hardware bestücken kann, so hat man den Eindruck, dass man zumindest die Software auf ebensolche Effizienz programmieren können sollte. Aber wie man es kennt, wenn man auf einem alten Computer ein neues Betriebssystem installieren will - es funktioniert nicht immer wie gewünscht.

Das ist nicht in Entraygues (sondern am Pont d'Asfeld) und zur internationalen Spitze zählt die Kletterin auch nicht. Aber hier vollführte sie einen lupenreinen Onsight in der sehr technischen und komplexen Misanthrop'hic (7c+), das war ebenfalls sehr eindrücklich anzuschauen!

Eine Fun Story dieser Gegebenheit in Entraygues ist noch, dass die Crew einem Athleten hoch oben in der Wand eine Exe zuzuwerfen versuchte, da sie ausgetauscht werden musste. Bei den vielen Fehlversuchen landete sie mal hier und mal da auf dem Boden, und irgendwann genau in meiner Hand. "Next try is mine!", und der war gleich erfolgreich! "Nice one, I'm sure you are a basketballer" war der Kommentar. Kommt nicht von ungefähr, denn schliesslich bin ich tatsächlich mindestens einen Kopf grösser wie alle diese Spitzenkletterer. Aber nein, Basketball ist nicht mein Hobby, meine Versuche fanden in der Maudite Draperie (7c+) statt. Na gut, für 9a+ Cracks ist das vielleicht in etwa dasselbe wie Basketball 🤭 Eigentlich hätte es gehen können, aber auf den abschüssigen Leisten ging mir jedes Mal die Power aus, bevor die Cruxsequenz komplett gemeistert war. Als ich dann müdigkeitsbedingt nicht einmal mehr meinen Highpoint matchen konnte, schien mir der Send endgültig aus den Fingern zu gleiten. Doch plötzlich kam eine starke Brise auf (die schliesslich nur etwa 20 Minuten anhielt), das war der Game Changer. Nochmals los, tatsächlich fühlten sich die Griffe gleich eine Klasse besser an. Mit dem absoluten Drang nach oben pfefferte ich den Dyno auf den Sloper am Ende der Crux und blieb durchaus etwas mirakulös an der Wand. Im 6. Go des Tages noch gesendet, das war Beharrlichkeit pur.

Sorry, keine Fotos gemacht in Entraygues. C'est la vie wenn der Autor klettert und seine Frau sichert. Aber dann zeigen wir halt nicht meinen Jump zum Rettungs-Sloper in der Maudite Draperie (7c+), sondern einen von Jerome im Bikepark von L'Argentière. Auch dieser eine tolle Attraktion und immer einen Besuch wert (gratis für alle!).

Weiter auf Tuchfühlung mit (anderen) Spitzenathlet:innen waren wir bei unserem Besuch in Céüse. Für die von uns gekletterten Routen erhalten wir jedoch sicherlich keinen Orden. Aber dafür vielleicht für die Tatsache, dass wir nun 10 Jahre in Folge jeden Sommer mindestens 1x dort hinauf gepilgert sind?!? Das ist jedes Mal ein sehr schöner Ausflug und die Kletterei dort sagt mir sehr zu. Gut, auf die vielen Leute und die Politur könnte man verzichten, das Bolting ist nicht immer sehr konsumentenfreundlich. Dafür aber sicherlich für Emotionen sorgend und der Fels ist halt einfach göttlich. Da immer nur auf kurzer Visite habe ich mich dort stets nur auf zügig machbare Routen fokussiert. Auf 30 Stück zwischen 7a und 7b+ steht der Counter, inzwischen gibt's schon fast das Problem, dass die besten Touren in den Hauptsektoren auf diesem Level etwas ausgeschöpft sind. Trotzdem, nächstes Jahr kommen wir hoffentlich wieder. Ob wir erneut mit Janja und Alberto klettern und Pizza essen können ist zwar nicht garantiert, eine Menge an starken Leuten werden aber sicher trotzdem dort sein.

Dieses Jahr kletterten wir in Céüse im Sektor Grand Face.

An einer noch nie dagewesenen Menge von 2 Tagen ruhten meine Griffel komplett. Am einen davon nahm ich mit Jerome die Tour auf den Mont Chaberton (3131m) in Angriff. Das ist ein dominanter Gipfel über dem Col de Montgenevre von militärisch-strategischer Bedeutung. Deswegen wurde in der Zeit zwischen den Weltkriegen auf dem Gipfel von den Italienern eine Festungsanlage installiert, welche 1940 von den Franzosen zerstört wurde. Die verfallenden Ruinen mit all ihren Gängen und Kavernen sind im Sinne eines Lost Place zugänglich. Sportlich wie wir ja sind, reisten wir mit dem Bike hin, nahmen einige Trails und somit Extra-Höhenmeter mit und fuhren so weit wie es ging (ca. 2130m). Es blieben also noch 1000hm Ultra-Schottering über die geröllige Westflanke hinauf, wo sich die Hitze nur so staute. Spannend war's, aber streng - stattdessen einen weiteren Tag einfach Sportklettern zu gehen, hätte mich sicherlich weniger Körner gekostet. Nächstes Jahr werden die Ruhetage also wieder gestrichen.

Impression aus den Kavernen am Mont Chaberton.

Mont Chaberton: Ruinen am Abgrund.

Der Mont Chaberton ist hoch und steht isoliert. Links am Bildrand die Geschütztürme.

Einige kürzere Klettertage ergaben sich auch durch das Training von Larina. Eine coole Entdeckung war die Mur d'Escalade von Briançon, wo im 2024 das letzte Mal der Weltcup Halt machte. Zum Training für Wettkämpferinnen war's genial. Es gab viele, im Comp-Style geschraubte Routen ab 8a aufwärts. Outdoor, Wind und Schatten erlaubten gute Bedingungen (jedenfalls viel bessere als in den hitzegeplagten Hallen hierzulande!) und gerade mal 12 Euro Eintritt bezeugen schon, an welche Preisverhältnisse wir uns in der CH gewöhnt haben. Selbst kletterte ich jedoch nie am Plastik und verlegte meine Aktivität jeweils am Nachmittag an den Fels. Da gaben wir logischerweise dann einigen nach Osten exponierten Gebieten den Vorzug, die wir bis dahin noch nie besucht hatten - für ganztägige Felssessions bieten sich diese halt weniger an. So kriegten am Ende schlussendlich alle das, was sie am liebsten hatten.

Sowas wie Le Nid in Briançon nähmen wir hier auch sehr gern!

Der Höhepunkt vom Kunstwand-Klettern war dann schliesslich das Tout à Bloc. Diesen sehr populären, internationalen Boulderwettkampf kannten wir natürlich schon von den früheren Jahren bestens. Zwei Mal hatte Larina bis dato teilgenommen, nämlich im 2020 (U12) und im 2024 (U16). Rein altersmässig hätte es dieses Jahr noch für die U19 gereicht. Diese war jedoch schon ausgebucht, freie Plätze gab es nur noch bei der Elite. Aber wer an die Spitze will, darf diese Konkurrenz natürlich nicht scheuen. Es fehlten zwar die absoluten Topshots der Weltbühne, doch unter den Teilnehmerinnen waren doch etliche dabei, welche Halbfinal-Teilnahmen an Weltcups vorweisen können. Und natürlich mangelt es an talentiertem, französischem Nachwuchs auch ganz und gar nicht. Jedenfalls, 2x2.5h standen fürs Punktesammeln bei total 31 Bouldern zur Verfügung. Insbesondere das geschickte Haushalten mit der Energie und das Beobachten bzw. Ausnutzen von Beta-Finessen machten sich hier natürlich bezahlt - und dieser Strategie-Part war meine Aufgabe als Coach, das machte ich natürlich sehr gerne. Belohnt wurde der Einsatz mit sehr zufriedenstellenden 20 Tops und Rang 17 - bravo!

Die Boulder am Tout à Bloc sind zu ca. 2/3 outdoor, der Rest ist in einer Turnhalle. Mit einer Session am späten Vormittag und der zweiten gegen Abend hiess es auch, so zu planen, dass man vorwiegend am Schatten klettert. Bei Nr. 31 allerdings zwecklos, der wurde permanent bestrahlt.

Alors, c'est ça mit den Hautes Alpes 2026. Bis hoffentlich im nächsten Jahr wieder. Der Leser darf sich etwas kurzfristiger noch auf den Bericht der einzigen MSL-Kletterei von diesem Trip freuen, demnächst auf diesem Kanal.

Dienstag, 28. Juli 2026

Miroir d'Argentine - Divine Martine (7a+)

Weiter geht's mit der Hitze, also geht's weiter mit der Tour durch die schattig ausgerichteten MSL-Wände der Schweiz. Am äusserst imposanten Miroir d'Argentine hatte ich zuvor nur einen Besuch in meinen schon fast prähistorischen Zeiten vorzuweisen: anno 1995 hatte ich die Route Papagueno geklettert. Hier wieder einmal einen Go zu geben wurde verschiedentlich andiskutiert, aber doch nie ausgeführt. In der Regel scheiterte es an der Motivation der Seilpartner, den zugegeben weiten Weg zu dieser in der Ostschweiz wenig bekannten Wand auf sich zu nehmen. Aber es kam das Jahr 2026, Guido erwiderte meinen Vorschlag mit sprühender Motivation. Mit der Divine Martine, in komplett freier Kletterei eine der schwierigsten Linien der Wand, fanden wir die richtige Herausforderung.

So präsentiert sich das gewaltige Massiv des Miroir d'Argentine vom Parkplatz.

Nach smoother Anfahrt über staufreie Autobahnen und zuletzt einigem Gekurve hinauf in die Waadtländer Berge erreichten wir Solalex. Zuletzt waren wir beide zwecks Betreuung unserer Töchter an den (leider nicht mehr im Programm stehenden) Sportkletter-Wettkämpfen in Villars zugegen gewesen. Ich erinnere mich noch, wie wir damals in den Neunzigern in Solalex 2x ziemlich einsam campiert hatten. Heute scheint das maximal noch knapp geduldet, zudem ist ein Obulus von 7 CHF fürs Parking zu entrichten.

Bottom-Up-Shot vom Zustieg mit Blick auf den ungefähren Verlauf der Divine Martine.

Da der Abstieg nicht mehr am Start der Routen vorbeiführt, rüsteten wir uns bereits am Auto für die Kletterei, überquerten dann den Fluss und schlugen den Zustiegstrail ein. Dieser ist auf der Landeskarte verzeichnet und somit mit GPS-Navigation unverfehlbar. Man sei darauf hingewiesen, dass die Abzweigung im Gelände relativ wenig offensichtlich ist und man schnell einmal zu weit links hinauf gestiegen ist. Das schreibe ich natürlich aus Erfahrung... eine Bushwhack-Traverse brachte uns zurück auf die korrekte Fährte. Auf gutem Weg erreichten wir den Einstieg in einer knappen Stunde. Unterwegs waren Flugblätter ausgelegt, welche auf fallende Steine wegen Routensäuberung hinwiesen. Wir erkundigten uns telefonisch und hatten die Remy-Brothers persönlich am Apparat. Es wurde jedoch nur weiter rechts liegendes Gelände bombardiert (dies dafür massiv!) und wir konnten um 10.40 Uhr in die Divine Martine starten. Deren Einstieg ist stark verblassend mit Farbe angeschrieben.

Wir sind parat, es kann losgehen!

L1, 25m, 7 BH, 5b: Nachdem man den Wandvorbau noch seilfrei zu erkraxeln hat, geht's gleich steil los. Dank durchgehend guten Griffen konstatiert man jedoch trotzdem eine gemütliche Aufwärmlänge, welche zudem auch komfortabel mit BH abgesichert ist.

Guido folg in L1 (5b), welche eine gemütliche, gutgriffige Aufwärmlänge bietet.

L2, 30m, 10 BH, 6c: Hier geht's schon das erste Mal zur Sache an einigen Seitgriffrippen bei nicht sehr üppigem Trittangebot. Dafür stecken hier die BH sehr eng, man könnte sich falls nötig mit A0 behelfen. Der obere Teil ist hingegen deutlich einfacher, hier gibt's auch Luft zwischen den BH.

In L2 (6c) geht's das erste Mal zur Sache, die kompakte Plattenzone ob dem Climber lässt es erahnen.

L3, 35m, 7 BH, 6a: Führt einem breiten Riss entlang. An sich nicht so schwierig, aber nicht immer sehr elegant, teilweise etwas rampfig. Wiederholt stellte sich aber der Eindruck ein, dass man sich etwas ungeschickt anstellt. Aber die Strukturen sind halt doch oft etwas rund, das wird der Grund sein.

Die ganze Länge L3 (6a) führt diesem System mit einem meist breiten Riss entlang.

L4, 25m, 6 BH, 6a: Ziemlich steil zweigt man aus dem breiten Risssystem nach links hinaus ab. Risse gibt's auch da, sie sind jedoch deutlich schmaler ausgefallen. Einige Jams schienen mir ziemlich zwingend zu sein, bzw. sie stellen sicherlich die einfachste Lösung dar. Das Finish führt durch eine Verschneidung, der Stand links ausserhalb davon nicht so gut sichtbar.

Der Abzweiger aus dem breiten Riss zu Beginn von L4 (6a): steiles Jamming an dünnen Rissen, toll!

L5, 40m, 6 BH, 6a: Quert erst nach links, dann geht's hinauf  zu einer tollen Passage mit löchrigem Fels. Etwas später erreicht man ein gschüdriges Band, welches das Dreieck am Sockel beschliesst. Der Stand ist kaum sichtbar, er befindet sich rechts von einem Turm, unter der markanten Schuppe, welche die nächste Länge der Zigofolies nutzt.

Das Finish von L5 (6a) ist wenig fotogen, daher hier die schöne Verschneidung am Ende von L4 (6a).

L6, 30m, 9 BH, 7a+: Kann ab dem Stand neben dem Turm geklettert werden, eine kurze 10m-Verbindungslänge zum Fuss der Steilstufe mit der Crux ist auch nicht verkehrt. Denn dort geht es von einem Band weg gleich zur Sache, der Name ist da übrigens nochmals angeschrieben. Schon der Start ist recht physisch und sorgt für ein Anpumpen vor dem Cruxboulder. Dieser ist nur dank einem gebohrten Loch möglich, ein weiterer Griff wurde vermutlich ebenfalls aufgebessert. Tja, was ist von derlei Praktik zu halten?!? Vermutlich hätte ich es als Erschliesser nicht gemacht - ist ja eher eine verpönte Sache und die Polemik dazu erspart man sich auch lieber. War ich hingegen froh, dank den Chipped Holds doch die ganze Wand "frei" durchsteigen zu können? Das ganz sicher und definitiv... Weiter zu sagen ist: im Onsight ist es bestimmt taff, da die entscheidenden Griffe kaum zu sehen bzw. schwierig zu finden sind und man da nicht ewig rummachen kann. So scheiterte denn auch mein erster Go. Ein zweiter Rotpunkt-Angriff drängt sich hier aber auf. Da konnte ich dann reüssieren, musste aber doch ordentlich aufs Gaspedal drücken. Die zwei, drei härtesten Moves sind nicht geschenkt, 7a+ hard mein Verdikt. Mit dem Exit aus der Cruxpassage steigt man auf die grosse Platte (eben den Miroir) aus - und muss auf diesem noch das Restprogramm mit fordernder 6a-Plattenkletterei bei saftigen Hakenabständen bewältigen.

Von der Cruxlänge (L6, 7a+) gibt's nur diesen Rückblick, welcher nur die 6a-Slab zeigt. Diese ist natürlich viel einfacher wie das Geschehen am steilen Wulst an deren Fuss, wirklich geschenkt ist die Sache dann hier aber doch auch wieder nicht.

L7, 40m, 6 BH, 1 NH, 5c+: Führt zuerst über ~25m auf der diagonalen Rampe nach rechts hoch, das ist schon fast Gehgelände. Dann aber gerade hinauf, den Haken an der Ecke am besten gut verlängern. Was folgt, ist ziemlich allegro: entschlossen auf die glatte Platte stehen und zwar deutlich über den Haken! Einige Rissspuren erlauben das Platzieren von Cams und oder Keilen, wovon man sehr gerne Gebrauch macht.

On marche et ça marche... weiträumig abgesichertes, plattig-glattes Gelände in L7 (5c+).

L8, 40m, 6 BH, 5c: Da musste ich erst eine Weile sperbern, bis ich den Weiterweg fand. Dieser verläuft in Richtung 14 Uhr und nicht etwa gerade hinauf! Ein (verblasster) Farbpunkt an einer Ecke markiert die Position des ersten BH. Auch in der Folge orientiert man sich leicht rechts ansteigend (ca. Richtung 13 Uhr). Die Schwierigkeiten sind tiefer als in der vorangehenden Länge - nur eine gesuchte Stelle am Ende treibt sie nochmals etwas in die Höhe. 

Der Sonne entgegen in L8 (5c), der Farbpunkt beim ersten BH im Foto gut ersichtlich.

L9, 45m, 6 BH, 5c: Nochmals eine supercoole Plattenlänge, wobei auch hier einige Rissspuren zum Fortschritt genutzt werden. Sehr speziell an diesen ist es, dass sie teilweise in Wasserrillen auslaufen - ideales Griff- und Trittmaterial. Erneut gilt es, sich leicht rechtshaltend zu orientieren (ca. 13 Uhr). Auch hier habe ich die spärlichen BH mit mobilen Sicherungen ergänzt.

Dem finalen Steilriegel wieder ein Stück näher... die Platte ist aber noch lang. Hier L9 (5c).

L10, 40m, 4 BH, 5c: Zum Ende der vorangehenden Seillänge erreicht man ein Band. Der Weiterweg verfolgt dieses nun nicht, sondern man schlägt eine gesuchte Linksecke über eine kompakte Plattenstelle, womit ein höher gelegenes Band erreicht wird. Hinein in die folgende Wand über 2 nahe steckende BH weg, dann folgt ein längerer Runout. Wobei das Terrain hier weniger steil ist wie in den vorangehenden Längen und zudem wegen der Absenz der blauen Flechten auch die Reibung besser - passt also schon. 

Auf dem Foto ist kaum wahrzunehmen, dass man sich hier bei einem Bändersystem befindet. Der Akteur hat eben die "gesuchte Linksecke" über die kompakte Platte am Anfang von L10 (5c) bewältigt und das höhere Band erreicht. Und es warten nochmals über 100m an plattiger Kletterei hinauf zur finalen Wand des Cheval Blanc.

L11, 40m, 5 BH, 5b: Nachdem man wieder einmal einen unbequemen Remy-Trademark-Stand erdauert hat, geht's hier zuerst gerade hinauf, dann eher etwas linkshaltend weiter. "Lueg nöd zrugg", so lautet hier das Motto wegen der weiten Hakenabstände am besten (legen ist schwierig bis unmöglich). Zum Ende noch über ein Dächli hinweg und nach links zum Stand.

Am Ende von L11 (5b) reicht die Aussicht schon bis zum Genfersee!

L12, 40m, 4 BH, 4b: Der tiefere Topograd manifestiert sich im Gelände, welches sich weiter zurücklegt und zügigen Fortschritt erlaubt. Gerade hinauf zu einem BH vor dem Dächli lautet das Programm, bevor man oberhalb der diagonalen Verwerfung folgt, um den Stand unmittelbar am Fuss der Steilzone zu erreichen.

Die Aussicht auf Bier und Käseschnitt im Resti von Solalex am Ende von L12 (4b) ist auch nicht schlecht. Wobei diese Köstlichkeiten von dieser Position nicht ganz so schnell erreichbar sind. Einen Riegel und ein paar Schluck Wasser vor dem Finale der Route zu nehmen, ist aber nicht verkehrt.

L13, 30m, 8 BH, 6b+: Puh, steile Geschichte! Schon gleich zu Beginn heisst es kräftig ziehen - die BH stecken hier zum Glück deutlich näher, aber das flache Terrain darunter ist auch recht nah. Dann kann man auf einem einfacheren Abschnitt nochmals die Kräfte sammeln, um den heftigen Finish entgegen zu treten. Als "burly" würden englischsprachige dies sicher bezeichnen - von eher runden Seitgriffen muss man die Füsse an die Wand pressen im doch deutlich überhängenden Gelände und dies dann auch zwingend zwischen den Bolts.

Siehe da, der Power-Riegel hat gewirkt - er kann sogar noch Posen werfen am Anfang von L13 (6b+). Wobei es die guten Henkel zu Beginn der Seillänge noch erlauben, im Finish bleibt dann hingegen weniger Zeit für Faxen.

Hier sieht man dieses Finish von L13 (6b+): kräftige, überhängende Kletterei an runden Strukturen mit nur beschränktem Trittangebot und auch die Hakenabstände sind nicht sonderlich kurz. Da muss nochmals eine Raketenstufe gezündet werden!

L14, 25m, 7 BH, 6b: Die letzte Länge ist auch nochmals fordernd, kommt aber ein wenig zahmer daher wie ihr Vorgänger. Diagonal geht's über eine vage Rampe in sehr luftiger Position nach rechts hinaus. Dank nachträglich hinzugefügten BH ist die Sicherung hier dafür recht komfortabel. Kurz vor dem Grat schlägt die Route eine unerwartete Linksecke - ich bin da kühn gerade hinauf und 5m zu weit rechts auf die Krete gekommen.

Guido nimmt im Nachstieg von L14 (6b) den einfacheren Linkausstieg über die Rampe.

Wenige Minuten nach 19.00 Uhr war es, als auch Guido das Top erreicht hatte, was eine Kletterzeit von 8:20h ergibt. Zeit um zurückzulehnen und den Durchstieg (die Crux im 2nd go, den Rest os) zu feiern war hier aber offensichtlich nicht. Denn das Routenende befindet sich an einem exponierten Grat und der Weg ins Tal scheint von da irre weit. Wir nahmen in alsbald in Angriff, zuerst in luftigem Terrain abkraxelnd zur Lücke, wo die klassischen Routen enden. Von dort geht's wieder hinauf und mehr oder weniger dem Grat entlang, die kraftsparend horizontal in der Südflanke verlaufenden Wegspuren führen hingegen in die Irre. Nachher quert man dann auf gut sichtbarem Pfad die Südflanke vom Gipfel der Haute Corde, bevor man ansteigend die grasige Krete erreicht. 

Auf dem Abstieg, mit Blick zurück. Die Route endet auf dem rechten der drei Höcker am Grat, zuerst wartet steile Abkraxelei, bevor man dem im Vordergrund sichtbaren, einfacherem Terrain am Grat oberhalb vom Miroir folgt.

Die Gegenperspektive zum vorangehenden Foto, mit dem Gipfel von Haute Corde. Dieser könnte fakultativ mit einer weiteren Seillänge (6a+) über den Grat rechts erklettert werden. Die Alternative besteht darin, rechts in der Südflanke zu queren...

...diese Querung der Haute Corde auf Bändern mit sichtbarer Wegspur ist auf diesem Foto abgebildet.

Später heisst es dann nur noch wandern, hier beim Erreichen der grasigen Krete von Haute Corde.

Nach dem Col führt der Weg teilweise durch mannshohes Kraut, auch kann er hier sehr schmierig sein.

Fantastische Blicke auf das riesige Massiv des Miroir sind auf dem Abstieg inklusive!

Nun heisst es rückseitig in einfachem Gelände auf Wegspuren abzusteigen. Wir wählten natürlich den Direktabstieg vom Col de la Poryrette. Da es generell trocken war, entpuppte sich dies als unproblematisch. Nur ein kurzes Stück war schlammig-schmierig, aber mit teils mannshohem Kraut, steilem Geröll und ein paar exponierten Passagen ist da trotzdem für Unterhaltung gesorgt. Um 21.00 Uhr waren wir schliesslich am Parkplatz, der Miroir leuchtete gerade in grandiosem Pink. Wir warfen unsere Ware in den Kofferraum und düsten bald los, der Heimweg war ja nicht eben kurz und es galt auch, eine noch geöffnete Tankstelle anzusteuern, um sich mit Food und Getränk zu versorgen. Auf der Fahrt konnten die Speicher wieder gefüllt werden und es blieb ausreichend Zeit zur Kontemplation. Eine geniale Tour war es - natürlich un poco loco: 22 Stunden dauerte sie von Tür zu Tür, aber genau diese langen Tage bleiben im Gedächtnis haften.

Wow, was für eine Lightshow zum Abschied!

Facts

Miroir d'Argentine - Divine Martine 7a+ (6b obl.) - 14 SL, 485m - C. & Y. Remy 1993 - ***;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams 0.3-2

Ein grosses Unternehmen, welches sich nur für warme und wetterstabile Tage anbietet. Geboten wird einem klettertechnisch erstaunlich viel Abwechslung. Am überraschend steilen Wandsockel wartet vor allem rissige Kletterei. Der athletisch-fingerige Cruxwulst ist an sich nur ein kurzes, aber natürlich entscheidendes Intermezzo. Dann folgt effektiv viel plattige Kletterei über den Miroir, wo die Fussarbeit zentral ist. Das geschickte Ausnutzen von einigen Rissspuren gehört aber dazu. Das Grande Finale über die Steilmauer des Cheval Blanc ist dann das nochmals fordernde Schlussbouquet - gefolgt von einem nicht ganz kurzen und kraxligen Fussabstieg, was ingesamt einen langen Tag und eine alpine Unternehmung ergibt. Die Absicherung darf man als gut bezeichnen. An den Schlüsselstellen ist sie eng, die 7a+ geht problemlos A0. Hingegen schätze ich eine 6b in L13 als obligatorisch ein und auch auf den 5c/6a-Platten ist mancher Schritt zwingend deutlich jenseits der Sicherungen zu machen. Stürze würden da sicher nicht in jedem Fall harmlos ausgehen, die Absicherung dient da mehr dem Verhindern von einem Totalschaden. Sprich, dort muss man einfach sicher unterwegs sein. Hier im Anschluss das Originaltopo aus der historischen Schweizer Kletterzeitschrift Ravage - mit noch etwas anderen Bewertungen, insbesondere galt die Crux damals noch als 7b. Als gedrucktes Werk aus der heutigen Zeit ist der Kletterführer Jura Sud - Vaud - Chablais - Bas-Valais - Sanetsch der Gebrüder Remy die richtige Wahl.

Originaltopo aus Ravage Nr. 2, August/September 1993.


Dienstag, 21. Juli 2026

Rigi Hochflue - Via Päuklid (6b)

Schon in meinem ersten, 1992 angeschafften Schweiz Plaisir war das Gebiet Thedys Gärtli an der Rigi Hochflue beschrieben - für meinen damaligen Stand des Könnens eigentlich mit einem ideal zugeschnittenen Angebot. Doch ein durchaus angedachter Besuch kam nie zur Realisierung. Mit den bald vorhandenen, erweiterten Möglichkeiten in Sachen Schwierigkeitsgrad und der aus der Ferne eher kurz und reichlich botanisch aussehenden Kletterei verschwanden die Touren an der Rigi Hochflue mehr und mehr vom Radar. Doch nun hatte ich unverhofft einen halben Tag Auslauf, so schien mir die Kombination von Entdeckungsreise, Konditionstraining und ein paar Seillängen im Lead Rope Solo ein optimales Programm. Selbstbewusst wählte ich nach dem Motto "wenn schon, denn schon" mit der Via Päuklid die schwierigste Route im Gebiet. Ich wurde unerwartet gefordert und war sehr positiv angetan von der Qualität der Kletterei und der Attraktivität des Ortes.

Wunderschöne Feuerlilien in intensivstem Rot gibt's an der Rigi Hochflue.

Meine Tour startete um ca. 12.15 Uhr in Seewen (SZ), erst mit einem Einrollen dem See entlang nach Lauerz (450m). Ab da geht es in anhaltender, aber nicht extremer Steigung hinauf zum Bikedepot bei Egg P.1288. Die Strasse ist zum grössten Teil asphaltiert und auch im letzten, schottrigen Teil in sehr gutem Zustand. Von Egg wählt man die nicht markierte und auch nicht sehr ausgetretene Pfadspur, welche südseitig und horizontal in den Wald hinein führt. Dort trifft man bald auf das Schild "Nur für Kletterer" und der Weg ist gut ersichtlich. Etwas absteigend, später eine Schuttrunse querend gelangt man an die Felsen. Zunehmend exponiert gelangt man zur ca. 25m langen Passage, wo eine senkrechte Wand an Eisenbügeln zu erklimmen ist. Die Sache ist sehr luftig, sich am Drahtseil zu sichern möglich - wie ein Sturz ohne Klettersteigausrüstung enden würde, lassen wir mal offen. Gut festhalten lautet jedenfalls das Motto. Nach den Bügeln erst hinauf (schwache Wegspuren), dann nach links zu einem Sattel und (im Vergleich zu meinen Erwartungen) noch erstaunlich weit traversierend zum Wandfuss mit Gamelle. Der Einstieg der Via Päuklid war mit verblassender Farbe angeschrieben. Der Sound vom Partyschiff auf dem Vierwaldstättersee wummerte bis zu mir hinauf. Es wurde gerade Purple Rain von Prince gespielt, als ich um ca. 14.15 Uhr loslegte. I never meant to cause you any sorrow, I never meant to cause you any pain, so wurmte es deshalb auf der Route durch mein Ohr. Natürlich in der Hoffnung, dass Herr (oder Frau) Päuklid mir genau dies zuflüstern würde :-)

L1, 25m, 5c+: Das Motto der gesamten Route lautet "plattig". So zweifellos auch hier, wobei man noch etwas Schonfrist zum Angewöhnen erhält und einige Schlitze, Löcher und Rissspuren beim Fortschritt helfen. Die Crux gegen Ende fordert dann schon beherztes Antreten und entweder etwas Reichweite oder alternativ den Griff zu Rapunzels Haaren.

Hier geht's los, in L1 (5c+) noch etwas zwischen den Grünstreifen hindurch (stört aber nicht).

L2, 25m, 6a: Hier kann man sich nun schon richtig fordern, wenn man direkt über die arg auf eine direkte Linie gesetzten Haken steigt - dann nach meinem Empfinden klar schwieriger wie die propagierte 6a, wobei im Vergleich zu dem was oben noch kommt, würde es wohl schon passen. Mit ein paar Querschwüngen lassen sich einige Strukturen mitbenutzen, was durchaus Sinn macht.

Rückblick auf L2 (6a). Dass es plattig ist, müsste man nicht nochmals explizit hinschreiben ;-)

L3, 25m, 6a: Man steht nun unter einer eindrücklichen Plattenzone, wo vor langer Zeit wohl einmal das Gestein abgerutscht ist. Der Fels jedenfalls hat eine spezielle, gerippelte Struktur. So gibt es viele Dellen und Beulen zum Antreten, so richtig gute Griffe sind aber bis auf vereinzelt vorhandene Leisten Mangelware. Eine Passage über ein Umkehrmaillon hinweg sorgt für erstes Herzklopfen, dann folgt eine Rissspur, der abschliessende Runout löst sich besser als gedacht.

L4, 30m, 6b: Zuerst weiter wie gehabt, wobei es bald einmal ein Dächli zu überwinden gilt. Aber die Erschliesser hatten eine gute Nase (oder Vorwissen): es geht recht gut, da sich an entscheidender Stelle ein paar Griffe befinden, um sich oben auf der Platte zu etablieren. Nach ein paar weiteren Metern folgt dann das taffe Finish mit Reibung von der verschärften Sorte. Die m.E. schwierigste Stelle (oder ganz sicher die als am schwierigsten wahrgenommene) befindet sich zwischen den BH und erfordert zu 100% Vertrauen in den Gummi auf ein paar vagen Dellen. Auf dem letzten tauglichen Tritt davor stand ich eine Weile, überlegte mir ob ich das wirklich will und sammelte meinen Mut. Mehrere Kontrollen von meinem Setup und das Anbringen von genau tarierten Backup-Knoten gehörten auch dazu. Hier musste ich nun effektiv einen nie dagewesenen Abgang ins Rope-Solo-Geschirr in Kauf nehmen - die Stelle liess sich einfach nicht restlos kontrolliert machen oder mit Kraftreserven wegdrücken. Das Committment machte sich aber bezahlt: die Füsse hielten und der nächste BH liess sich stabil klippen, uff! Geflasht erreichte ich bald einmal den Stand. 

Über diese Plattenzone mit ihrem speziell strukturierten Fels musst du gehen. Das erste Dächli ist eine kleine Challenge in L3 (6a), das zweite, schon etwas grössere Dächli ist ein Hindernis (aber nicht die Crux) in L4 (6b). Deren Stand befindet sich am Horizont, leicht links der Bildmitte am linken Ende des dritten Dächli.

L5, 10m, Gehgelände: Nach L4 kann man entweder abseilen (1x50m-Seil reicht knapp, 1x60m komfortabel) oder nach rechts oben durch eine Grasrinne aussteigen. Wer weiterklettern möchte, muss den Stand in einer 10m-Länge via die Rinne in exponiertem Gelände nach links unten verschieben und dort relativ unbequem sichern.

L6, 25m, 5b: Über eine kompakte Platte mit nun "normalem", aber sehr schönem, silbrig rauem Fels (d.h. nicht mehr ein früherer Ausbruch) geht's hinauf. Am anspruchsvollsten sind gleich die ersten Meter. So richtig die Härte auf Reibung gibt's aber so nicht mehr, weil Schlitze, Risse und Löcher in ausreichender Menge vorhanden sind. Im oberen Teil dann linkshaltend zu Stand. Reicht's gleich in 1 SL bis zum Ausstieg? Ich entscheide mich fürs Probieren.

Einen Lügenbolt habe ich unterwegs auch noch gefunden... schon in L1 allerdings. Diese mit "C" markierten Dübel sind 68mm lang. Der hier steht ca. 40mm aus dem Fels raus, somit steckt nur ein kleiner Teil im Fels. Nein, das ist nicht "comme il faut" und keine zuverlässige Sicherung.

L7, 27m, 4a: Einfache Genusskletterei, dank dem sehr schönen Fels mit seinen Zacken und Löchern ist das aber trotz dem tiefen Grad keine langweilige Pflichtaufgabe, sondern sehr erquickend. Erst die letzten Meter vor der Wandkante sind dann weniger schön, nicht mehr so gut gesichert und weisen auch ein paar weniger solide Blöcke/Schuppen auf. Mein Seilrest wird immer kürzer, reicht's noch bis zu den Standhaken? Tendenziell eher nicht, aber mit einem Max-Effort-Squat gegen die Seildehnung und voll ausgefahrener Reichweite konnte ich just eine Schlinge klippen und die Extramanöver sparen - der Link-Up von L6/L7 lohnt sich nicht (erst recht in Seilschaft).

Landschaftlich liegt das Gebiet in aussichtsreicher Lage über dem Vierwaldstättersee - toll!

Den Endzeitpunkt meiner Kletterei kann ich mangels Foto nicht exakt beziffern. Die anhaltenden und überraschend anspruchsvollen Moves in L1-L4 hatten mich aber doch eine Weile beschäftigt und gefordert. Nun war ich froh, die Klettersachen ablegen zu können. Entlang von fixen Seilen bzw. Ketten könnte man weiter östlich wohl durch die Wand absteigen und zurück zum Einstieg gelangen. Die Rückkehr über den Zustieg schien aber doch etwas aufwändig und weniger attraktiv, als vom Ausstieg noch ca. 100hm aufzusteigen, um den T4-Wanderweg auf 1620m zu erreichen. Obwohl auf der Karte nichts verzeichnet ist, führt eine gute Spur dahin. Gipfel-Aspiranten können mit 79 Extra-Höhenmetern das Top der Hochflue erreichen, quasi schon fast ein Katzensprung. Der Abstieg zurück nach Egg verläuft teils dem Grat entlang und teils nordseitig. Es sind diverse Versicherungen vorhanden (Leitern, Drahtseile, Ketten). So richtig megaschnell geht's nicht talwärts, vermutlich aber doch effizienter wie auf dem Zustiegsweg - auch wenn ich das nicht quantitativ bezeugen kann. Viel Fahrtwind gab's dann auf dem Downhill - die Strasse ist so steil, dass es richtig fetzt. Aber nicht so steil, dass man ständig die Bremse stark betätigen muss. Mit einigen finalen Pedalumdrehungen dem Lauerzersee entlang ging meine Reise zu Ende. Dieser Halbtag in den Bergen hatte weder Sorrow noch Pain, sondern richtig viel Energie und auch etwas Adrenalin gegeben, so soll es doch sein!

Facts

Rigi Hochflue - Via Päuklid 6b (6b obl.) - 7 SL, 160m - J. Zemp, L. Gribi 1988 - ***;xxxx
Material: 1x50m-Seil, 10 Express

Relativ kurze, aber recht anhaltend schwierige Plattenkletterei in kompaktem, teils besonders schönem, strukturiertem und rauem Kalk. Die angegebenen Schwierigkeitsgrade sind knackig und man muss in fortgeschrittener Reibungskletterei etwas drauf haben, um hier auf einen grünen Zweig zu kommen. Ich jedenfalls war gehörig gefordert - wie viel davon dem Lead Rope Solo zuzuschreiben ist, ist eine gute Frage. Die Route wurde mit rostfreien BH saniert und darf als gut abgesichert bezeichnet werden. Es ist allerdings auch zwischen den Haken schwierig und die 6b-Crux empfand ich als zu 100% obligatorisch. Cams und/oder Keile könnte man wohl vereinzelt anbringen. Das sind dann aber einfachere Stellen, wo es gute Griffe hat. Überall wo es kompakt und schwierig ist, nützen diese Gerätschaften nix, deshalb können sie meiner Meinung nach daheim bleiben. Die Route ist nach Regen sicher sehr schnell trocken und hat eine lange Saison (sofern Zu- und Abstieg schneefrei sind). Ein aktuelles Topo vom Gebiet gibt's z.B. im Plaisir Ost 2026

Zuletzt noch ein Fun Fact: im Schweiz Plaisir von 1992 war die Route bzw. die Cruxlänge mit 7+ (6c) oder 7 1pa (6b 1pa) bewertet. Für mein Empfinden ist das stimmiger wie die heutige Bewertung von 6b. Andere Führer weisen die Via Päuklid hingegen sogar nur als eine 6a+ aus?!? Item: die pa-Möglichkeit in der Crux ist bei der Sanierung verloren gegangen. Dem ehemaligen, abgebrochenen Dübel habe ich bei der schwersten Stelle ins Auge geblickt. Offenbar wurden die Haken aber bei der Sanierung anders platziert als im Original.