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Freitag, 16. November 2018

Chöpfenberg - Isenburg (7c+)

Die 5-SL-Route Isenburg ist eine bisher wenig bekannte und bekletterte Route in der W-Wand am Chöpfenberg, in unmittelbarer Nähe zum Bockmattli. Erstbegangen wurde sie 1983/1984 durch Gregor Benisowitsch und Georg Furger. Für die damalige Zeit war dies ein gewagtes Unterfangen, denn man war sich damals kaum gewohnt, auf MSL in solch steilem Gelände und bei solch hohen Schwierigkeiten zu klettern, notabene natürlich noch ohne Akku-Bohrhammer. Gregor selber erzählte mir Geschichten aus der damaligen Zeit. Diese beinhalten 15m-Stürze, da es weit über der letzten Sicherung nicht gelang, einen Fixpunkt anzubringen und irgendwann die Kraft zum weiteren Festhalten erschöpft war. Gregor äussert auch die Vermutung, dass er zu dieser Zeit als einer der ersten im alpinen Gelände in den 9. UIAA-Grad vorgestossen war. Jedenfalls, während einige schwierige Passagen frei gelangen, so waren andere nur in technischer Kletterei zu lösen. Die Ausrüstung der Route galt als abenteuerlich und so fand sie in der Kletterszene wenig Beachtung, ja geriet gar völlig in Vergessenheit.

Blick aus der Froschperspektive auf die Chöpfenberg Westwand mit dem Verlauf der Route Isenburg (5 SL, 7c+).
Das nächste Kapitel in Sachen Isenburg wurde erst 2005 und damit 22 Jahre nach dem ursprünglichen Einrichten geschrieben. Gregor rüstete die Route zusammen mit Walter Britschgi mit soliden und zahlreichen Inox-Bohrhaken aus. Kurz darauf gelang ihm zusammen mit Patrick Hilber der erste Gesamtdurchstieg der Route (1983/1984 wurden stets nur einzelne Abschnitte geklettert). Im 2006 sicherte sich dann Martin Jaggi den roten Punkt, somit hatte die Isenburg nach vielen Jahren doch noch eine freie, durchgehende Begehung erfahren. Sanierung und Befreiung hatten jedoch auch nur wenig Einfluss auf die Begehungsfrequenz. Kaum je verirrten sich Kletterer in die Chöpfenberg Westwand. Zu Unrecht eigentlich, aber bei einer kaum bekannten Route in den oberen Schwierigkeitsgraden auch nicht allzu erstaunlich. Schon lange hatte ich die Isenburg auf dem Radar. Doch wie es so ist, es fand sich dann jedesmal doch ein anderes, scheinbar interessanteres Projekt. Persönlich motiviert durch Gregor war es an einem gewittrig-heissen Junitag dann aber soweit. Hier würden sich am kühlen Schatten noch ein paar Nüsse knacken lassen, bevor das Wetter zuschlägt und der Himmel seine Schleusen öffnet.

Die Route befindet sich in einer schönen Gegend. Hier die Sicht aufs Bockmattli und das Wägital.
Zustieg: der Weg zur Alp Feldrederten und der Weg hinauf unter die NW-Wand am Chöpfenberg war mir natürlich bestens bekannt, hatte ich hier doch mit 'Sturmfrei' (6 SL, 6c+) eine eigene Linie gelegt. Weit ist's nicht, jedoch gibt's kaum Wegspuren und es ist etwas Spürsinn erforderlich, um sich nicht im Wald zu verkoffern. Dann heisst's, die höher gelegene W-Wand zu erreichen. Dazu muss die grasige Sockelwand erklommen werden. Die Passage ist mit BH gesichert, jedoch wollen diese auch zuerst einmal aufgefunden werden (nicht ganz trivial!). Die auf dem Topo kolportierte 3a ist von der eher harten Sorte. Bisweilen klettert man sowas ja auch seilfrei und in Zustiegsschuhen. Hier schien weder das eine noch das andere wirklich realistisch. Hat man die Sockelwand einmal gepackt, so warten noch 60-70m in nun wieder einfacher begehbaren, aber immer noch steilem Grasgelände (T5-T6). Um rund 9.00 Uhr waren wir schliesslich bereit zur Attacke.

Das ist auf dem Heimweg, nicht auf dem Zustieg. Gibt aber einen kleinen Eindruck vom Steilgras-Teil.
L1, 30m, 7a: Es geht gleich fulminant, athletisch und pumpig los. Die Felsqualität in dieser Passage ist nicht berauschend. Etwas splittrig, halt auch unternutzt und mir bleibt als letzte Option nur eine Art Ninja Kick auf einen schuhschachtelgrossen Block, wo ich einiges auf dessen Ausbrechen gewettet hätte - kann man ja einmal riskieren, wenn der Haken am Bauchnabel ist. Nun denn, die Odds sind auf des Kletterers und nicht des Zweiflers Seite. Das Gestein hält stand und so passiere ich hier onsight. Der obere Teil dieser Seillänge ist dann markant einfacher und folgt einem Rampensystem nach rechts hinauf.

Im oberen Teil von L1 (7a) warten die eigentlich einzigen einfachen Meter der ganzen Routen (ca. 6a+).
L2, 30m, 7b: Man quert einfach auf dem Balkon nach links hinüber, worauf dann gleich die Crux folgt. Es gilt, eine feingriffige und technische Passage zu überlisten. Ich leiste mir zuerst eine Fehlinterpretation, im zweiten Versuch komme ich dann gut darüber hinweg. Der zweite Teil der Seillänge bietet coole, athletisch-henklige Kletterei an Henkeln und grossen Schuppen. Vor allem eine Passage nach zwei Dritteln dürfte man ausser nach markanten Trockenperioden immer feucht oder nass antreffen. Dank den grossen Griffen und der guten Absicherung aber wohl doch passierbar.

Hier folgt gleich die Crux in L2 (7b), eine eher feingriffig-technische Stelle. Wobei, überhängend ist's ja doch.
Im oberen Teil von L2 (7b) wartet coole Ausdauerkletterei an gutgriffigen Schuppen.
L3, 20m, 7c+: Der überhängende Riss mit der Crux gleich oberhalb vom Stand sieht ziemlich einschüchternd aus und ob dem hohen Schwierigkeitsgrad gebe ich die Onsight-Ambitionen gleich preis und mache vorerst nur einen Check-Out-Go. Das Gestein ist reichlich staubig, da auch diese Passage lange nass oder zumindest feucht bleibt. Zudem ist der Riss unangenehm ausdrehend und auch schmerzhaft (Crack Gloves wären hilfreich). Nach einer Weile des Boulderns werde ich mir gewahr, dass hier besser ohne die ätzenden Rissklemmer, sondern mit ein paar kräftigen Leistenzügen Höhe zu machen ist. Auf diese Weise lösen sich die Moves im zweiten Go plötzlich prima auf und das '+' im Schwierigkeitsgrad darf man vermutlich ad acta legen. Der zweite Teil der Seillänge nach dem Ausstieg aus dem Rissüberhang ist deutlich einfacher in etwas unsicher-splittrigem Gestein.

Von der Cruxsequenz der ganzen Route (L3, 7c+) gibt's nur dieses bescheidene Bottom-Up-Foto. Die Stelle ist allerdings länger und steiler wie man auf den ersten Blick meinen könnte. Mit dem Riss konnte ich schlussendlich gar nicht allzu viel anfangen, hat es doch auch andere, 'normale' Griffe. Was gut ersichtlich ist: hier sifft es oft und das Gestein ist deswegen mit einer brösmeligen Schicht überzogen.
Im Rückblick ist L3 (7c+) nicht fotogen. Die letzten Meter sind einfach und in etwas splittrigem Fels.
L4, 15m, 7b+: Nun gut, die 15m für diese Seillänge habe ich zur Zeit des Tippens aus dem Topo übernommen. In meinem Kopf ist diese Sequenz als deutlich länger abgespeichert, ich hätte mindestens 30m geschätzt ;-). Gleich vom Stand weg geht's sehr luftig nach rechts um eine exponierte Nase herum. Man verschwindet so aus dem Blickfeld des Belayers und ist für den Rest der Seillänge auf sich alleine gestellt. Diese folgt einem diagonal verlaufenden Riss und bietet athletische Kletterei, wobei dazwischen auch die mehr wandartige Crux an einem Dächli zu meistern ist. Nachdem diese Länge im Steilgelände sehr stark querend verläuft, ist eine Rückkehr zum Stand kaum denkbar. Also gibt's kaum eine Alternative zum 'richtig festhalten' und tatsächlich kann ich onsight durchziehen. Als Belohnung dafür gibt's einen richtig heftigen Pump.

Steile, diagonal verlaufende Riss- und Wandkletterei in L4 (7b+). Rückkehr zum Stand davor ab hier nahezu unmöglich.
L5, 35m, 6c+: Während ein Rückzug bis zum Stand nach L3 noch ohne grössere Probleme machbar sein sollte, so ist dies vom Stand nach L4 tatsächlich schwierig. Vermutlich könnte man einer Art Terrasse (clean!) nach rechts folgen. Die Route folgt aber dem Risssystem, welches man in gesamten Routenverlauf benutzt hat. Ich lasse hier meinem Kameraden den Vortritt. Erst ein eher wandartiger Abschnitt, danach nicht allzu schwierig dem Riss entlang, die finale Passage ist aber nochmals athletisch und gar nicht so einfach.

Ausblick auf L5 (6c+), die zum Schluss nochmals mit athletischen Moves aufwartet.
Um ca. 13.15 Uhr sind wir beide am Ausstieg, welcher eine erstaunliche und bisher unbekannte Perspektive auf das Bockmattli offeriert. Wir nehmen es gemütlich und steigen dann auf der Rückseite des Grats ab. Zuerst ist das Gelände steil und ein Abseiler macht Sinn, danach wird's einfacher und man kann gut in den Kletterfinken das relativ kurze Stück zum Einstieg erledigen. Nun heisst's erst vorsichtig in die steilen Grashalden hinuntersteigen. Das Fixseil, welches hier dereinst installiert wurde, ist im Laufe der Zeit im Gras eingewachsen und kaum mehr nutzbar. Weiter unten befindet sich dann eine Abseilstelle, dank welcher man bequem über die Sockelwand in die Tiefe gleitet. Als wir unten stehen, werden wir uns bewusst, dass sich der Himmel beinahe in minutenschnelle dunkel überzogen hat und ein paar erste Tropfen zu uns schickt. Es ist jedoch mehr eine Mahnung, nicht mehr allzu lange hier herumzutrödeln. Tatsächlich gelangen wir noch im Wesentlichen trocken zurück zum Automobil, die richtig ernsthaften Schauer lassen dann nicht lange auf sich warten. Das braucht uns jedoch nicht weiter zu kümmern. Wir sind steil, schwierig und spektakulär geklettert, den Nachmittag verbringen wir mit gutem Gewissen in der Stube.

Die elegante Chöpfenberg Westwand auf dem Abstieg gesehen. 

Facts

Chöpfenberg - Isenburg 7c+ (6c obl.) - 5 SL, 130m - Benisowitsch/Furger 1984 & 2005 - ***;xxxxx
Material: 2x50m-Seile, 14 Express, Cams/Keile nicht nötig

Spezielle, steile, aussergewöhnliche Route, welche mit einem Mix von Riss- und Wandkletterei einer natürlichen, logischen Linie folgt. Vermutlich handelt es sich sogar um die einzige, frei kletterbare und lohnende Möglichkeit in der abgeschiedenen, dreieckigen Wand. Die Route wurde üppig saniert und ist seither perfekt mit Inoxmaterial abgesichert. Man kann also voll angreifen und braucht keine mobilen Sicherungen mitzuführen. Mit Hängen und Würgen kommt man vermutlich sogar mit einem ziemlich bescheidenen Freikletterniveau im 6ab-Bereich die Route hoch, was aber freilich wenig Sinn macht. So richtig ganz schwierig sind eigentlich nur 3 kurze, bouldrige Stellen, der ganze Rest der Route spielt sich im 6c/7a-Bereich ab. Somit also eigentlich eine ziemlich zugängliche und aus dem Ballungsraum Zürich auch sehr schnell erreichbare Route - es bleibt ein Mysterium, warum diese Linie nie populär geworden ist. Natürlich, qualitativ wird einem in Bezug auf das Gestein nicht auf jedem Meter allerhöchste Qualität geboten, doch als Gesamtunternehmen lohnt sich die Isenburg auf jeden Fall und verdient m.E. solide drei Sterne. Erwähnt sei, dass die Bewertungen im Topo definitiv auf der gutmütigen Seite sind. Verglichen mit Testpieces aus derselben Epoche wie z.B. Kein Wasser Kein Mond an der Schafbergwand oder Hannibals Alptraum im Rätikon bewegt man sich hier nicht ganz in derselben Liga. Wobei die hier griffig-athletische Kletterei gegenüber den dortigen Plattenknallern natürlich viel zugänglicher ist und die komfortable Absicherung das Ganze auch milder erscheinen lassen mag, als es tatsächlich ist. 

Topo der Isenburg in der Chöpfenberg Westwand von Erstbegeher Gregor Benisowitsch.

Sonntag, 4. November 2018

Rätikon - Mauerläufer (7b)

Der Mauerläufer ist eine grosse Felstour am Drusenfluh Westgipfel. Er wurde 1983 von Vital Eggenberger und Stefan Furger eingerichtet und stellt einen Hybrid zwischen klassischer Alpinführe und einer Freiklettertour aus den 1980er-Jahren dar. So sind 6 von total 12 Seillängen clean geblieben und auch in den restlichen ist die Ausrüstung nur spartanisch vorhanden. Demgegenüber stellen zwei schwierige Stellen, die anlässlich der Erstbegehung hakentechnisch begangen wurden. Wir wollten einerseits die Wildheit dieser freien Führe mit dem berühmt-berüchtigten Dachquergang spüren und andererseits die technischen Stellen befreien.

Die SW-Wand am Drusenfluh Westgipfel mit dem Verlauf der Route Mauerläufer (letzte 2 SL gehören zur Kammermusik).
Unsere Tour begann um 8.00 Uhr beim Melkplatz. Während ich sonst in letzter Zeit immer der Güterstrasse zum Heidbüel gefolgt war, wollten wir dieses Mal direkt von zweiten Kehre der Güterstrasse weglos zum Prättigauer Höhenweg und weiter Richtung Einstieg gehen. Dabei gilt es jedoch aufzupassen, dass man sich nicht in mühsam bewachsenes und kupiertes Gelände verkoffert. Sprich, ohne gute Ortskenntnisse ist der Direktweg dann eben unter Umständen doch nicht schneller. Uns gelang es aber prima und bereits nach 1:10h Aufstieg waren wir beim Einstieg vom Mauerläufer angelangt. Das ist eine sehr gute Zeit, normal darf man eine Halbstunde mehr kalkulieren. Die Sonne war noch hinter dem Berg versteckt, sonst gab es auch nicht mehr viel zu tun, also stiegen wir umgehend ein. Um ca. 9.20 Uhr hatten wir die Seile vorbereitet und die Schuhe gewechselt, es konnte losgehen.  

L1, 40m, 6a: Die erste Länge hat es gleich in sich und liefert einen Vorgeschmack auf das, was noch folgt. Es ist ein herber Auftakt, jedoch mit der guten Nachricht, dass wer hier durchkommt, dann wohl auch dem Rest gewachsen ist. Am doch schon reichlich exponierten Einstieg gibt's nichts als eine dünne Sanduhr und 3m links noch einen alten Schlaghaken. Gleich die ersten Meter sind nicht trivial, rechts befindet sich versteckt ein schlechter Haken, dann das offensichtliche, auch nicht viel bessere Hakenpaar. Zum erlösenden Bohrhaken hinauf sind's dann gute 5m, wo erst verschärft auf Reibung angetreten muss und dann an Wasserrillen geklettert wird (expo, die 6a ist auch nicht geschenkt!). Nach dem Bolt wird's etwas einfacher, der finale Wulst dann nochmals fordernd mit unklarer Linienführung, splittrigem Fels und mässiger Sicherung an Cams. Am besten in direktem Seilverlauf "gredi obsi".

Herber, plattiger Auftakt in L1 (6a). An dieser Stelle nach 15m klippt man endlich den BH als erste, verlässliche Sicherung.
L2, 35m, 2a und L3, 30m, 4a: Die zweite Seillänge führt in einfacher Kletterei über ein paar Stufen zu einem Geröllplatz, wo man den nächsten Muniring antrifft. Von diesem führt L3 mehr oder weniger gerade hinauf. Je mehr man sich rechts vom Grund der Kaminrinne weghält, desto schöner aber auch schwieriger ist die Kletterei, es steckt kein fixes Material. Der Muniring befindet sich weiter rechts als man denken könnte. Man darf einfach nicht durch die steiler/schwieriger werdende Verschneidung hinaufsteigen, dann wird man ihn finden.

Die Bewertungen stammen aus einer Zeit, wo ein Vierer noch etwas galt. Es handelt sich definitiv nicht einfach um verschärftes Gehgelände mit einem Haken alle 2m. Nach modernem Plaisirstandard würde man hier (L3, 4a) vermutlich eher mit 5b bewerten. 
L4, 5c: Nun geht's nach rechts hinaus in die plattig-kompakte Wand. Es sind aber immer wieder Strukturen da, so dass man noch bei moderater Schwierigkeit durchkommt. Ein NH und ein BH sind ebenfalls vorhanden. Die Crux liegt in der plattigen Querung und den darauf folgenden Metern um den BH herum. Danach ist noch etwas kühles Blut gefragt: eine lockere Schuppe wird sowohl für einen Mantle wie auch als Sicherungsmöglichkeit für einen Cam genutzt. Zum Klettern hält's, einen Sturz aber wohl eher nicht?!?

Imposantes Plattengelände in L4 (5c), wo immerhin 2 fixe Zwischensicherungen stecken.

Die Felsqualität in dieser Seillänge (L4, 5c)  ist perfekt, Rätikon-Idealfels.
L5, 45m, 6c+: Die untere Cruxlänge beginnt gleich mit den Hauptschwierigkeiten an einem Wulst. Hier stecken für einmal viele fixe Sicherungen (konkret: alte Kronenbohrhaken und Schlaghaken), diese wurden jedoch zum technischen Klettern gesetzt. So ist aus der Kletterstellung vor allem der entscheidende Bolt nur erschwert zu klippen. Zudem ist dessen Lasche mit kleiner Öffnung auch noch mit Uralt-Schlingen zugemüllt, so dass man nur das vergammelte Textilbündel klippen kann. Aber man darf einfach nicht das Vertrauen verlieren, muss gut auf die Füsse stehen und Ausschau nach den kleinen Crimpern halten, die durchaus vorhanden sind. Mir gelingt erst im Second Go der Rotpunkt-Durchstieg. Danach nehmen die Schwierigkeiten ab. Sehr kühn klettert man bei immer weiteren Sicherungsabständen durch den grossen Plattenschuss - es geht aber immer gut auf, dieser Teil ist nur noch ca. 6a. Ein Problem besteht aber mit der Routenfindung - sowohl der Panico Rätikon Süd wie auch der SAC-Führer Graubünden verheissen einen, weit nach links bis zum Schwarzen Diamant hinüber zu queren. Wo der Diamant verläuft, weiss ich nach meiner letztjährigen Begehung, die Querung erscheint mir unlogisch, schwierig und kaum mobil abzusichern. So entscheide ich mich schliesslich, die Empfehlungen in den Wind zu schiessen und folge der Linie der geringsten Widerstands, die zuletzt eher wieder rechtshaltend hinaufsteigt. Damit liege ich genau richtig, ich steige direkt beim Muniring auf den Absatz aus - ein solcher Fehler in den Kletterführern ist aber schon grob irreführend!

Im Vordergrund die erste Schlüsselstelle (L5, 6c+), die notfalls auch gut A0 zu machen ist.
Der obere Teil von L5 (6c+) ist dann sehr frei und führt mitten durch die kompakte Platte. Fixe Sicherungen: Fehlanzeige!
L6, 2a und L7, 3c: Ein 15m langes Überführungsstück über ein gestuftes Band führt nochmals zu einem Muniring am Fuss der markanten, hellen Wasserrillenplatte. Von dort sind es weitere 45m bis zum nächsten Stand auf dem Pfeilerkopf. Die beiden Seillängen lassen sich also gut verbinden, indem man kurz gemeinsam steigt. Fixe Absicherung ist keine vorhanden, in den tiefen Wasserrillen kann man aber immer wieder gut Cams legen. Nach heutigen Plaisir-Massstäben würde man jedoch eher mit 4c oder 5a bewerten, ganz trivial sind die Moves nicht auf jedem Meter.

L8, 30m, 5c: Eine kühn aussehende Seillänge durch kompaktes Steilplattengelände. A priori scheint es mehrere Optionen für die Linienwahl zu geben. Wer sich nicht auf Experimente einlassen will, konsultiert am besten den alten SAC-Führer Rätikon von Vital Eggenberger. Schlussendlich lässt sich die Kletterei aber mit mobilen Mitteln gut absichern, der nachträglich hinzugefügte Bolt in der Mitte dient sogar mehr der Orientierung, als dass er zwingend nötig wäre. Die zweite Hälfte der Seillänge dann ein bisschen einfacher in weniger kompaktem Gelände.

Kühne und sehr freie Kletterei in L8 (5c). Oben der grosse Dachriegel, der danach erklettert wird.
L9, 30m, 7ab: Nun folgt die "Signature-Pitch" vom Mauerläufer, mit der zweiten technischen Passage über den Dachwulst und dem nachfolgenden, luftigen Plattenquergang oberhalb vom Dach. Ich bin zum Freiklettern gekommen, will also der Sache einmal auf den Zahn fühlen. Mit einem Onsight ist jedoch nix los. Erst bricht mir ein Tritt aus, dann stecken die Haken fürs Freiklettern wieder sehr ungünstig und erneut sind die Laschen mit alten Schlingen zugemüllt, so dass sich die Karabiner nur sehr erschwert oder gar nicht klippen lassen. Zudem ist das Material hier auch eher antik: z.B. ein von unten nach oben geschlagener Profilhaken (dem man kaum das Halten des Körpergewichts zutraut), die Kronenbohrhaken, ein Fixkeil und um technisch Hochzukommen ist tatsächlich auch ein Aid Move an einem (gar nicht so einfach zu platzierenden) Cam zwingend. Ich muss doch eine Weile bouldern, bis ich eine frei machbare Lösung identifiziert habe. Schliesslich ist diese gefunden, ich lasse mich ab, ziehe das Seil ab und gleich geht's los. Somit bin ich a) nicht bei Kräften, stelle b) mitten im Steilgelände fest, dass ich mich nicht einmal von allem unnötigen Ballast befreit habe (Schuhe, Jacke, Getränke noch am Gurt) und c) geht auch meine Beta an entscheidender Stelle nicht zu 100% auf und erfordert kostbare Körner, um doch weiterzukommen. Mehrere Amateurfehler aufs Mal mag's jedoch vor den sehr athletischen Abschlussmoves nicht leiden und so scheitert mein Rotpunkt-Go, schade! Für einen weiteren Versuch wäre nun eine Pause notwendig - weil doch schon einiges an Zeit vergangen ist und der Weg zum Ausstieg noch sehr weit scheint, steigen wir schliesslich weiter. Diese Einschätzung war nicht ganz korrekt: während beim Schwarzen Diamanten der Ernst der Sache erst auf Höhe des Mauerläufer-Quergangs beginnt, ist man beim Mauerläufer selber nach dem Quergang bald einmal aus der Wand draussen. Mir bleibt der Trost, die Passage immerhin freigeklettert zu haben. Nach heutigen Massstäben ist die 7a-Bewertung aus den Kletterführern eher zu tief angesetzt, meine ich. 7a+ oder 7b oder halt hart UIAA 8+ dürften der Sache näher kommen. Markant schwieriger wie die erste Techno-Passage in L5 ist's auch. Der Quergang danach ist dann keine grosse Sache mehr. Ein paar Moves noch ich Bereich 5c/6a, zum Schluss ist's dann schon fast nur noch "verschärftes Gehgelände". Trotzdem wird der Nachsteiger dankbar sein, wenn auch der versteckte NH auf dem Weg zum Standplatz geklippt ist.

Gibt etwas einen Eindruck der zweiten Techno-Passage: stark überhängendes, athletisches Pullen an Untergriffen, ca. 7b.
Der eigentliche Quergang oberhalb der Dachzone ist dann plattig mit irre strukturiertem Fels - fast ein Spaziergang.
L10, 40m, 5c: Es folgt der zweite, schwierigere Teil vom Quergang. Zuerst zu einem (etwas im Schilf steckenden) BH, dann muss leicht abwärts zu einem improvisierten Abseilstand (?!?) geklettert werden. Exponiert geht's hinüber und dann endlich wieder hinauf in die grosse Verschneidung/Rinne, durch welche die Route aussteigt. Wir sind etwas erstaunt darüber, wie plötzlich hier die Felsqualität nachlässt. Wobei es irgendwie auch schlimmer aussieht, als es dann tatsächlich ist. Jedenfalls warten auf diesem Abschnitt nicht mehr die grossen Schwierigkeiten und absichern lässt es sich auch.

L11, 3c und L12, 4a: Gemäss dem Topo sollten diese beiden Seillängen (20m+30m=50m) gut verbunden werden können. Darauf wollen wir nicht verzichten. Etwas überraschend bin ich aber schon nach 35m am zweiten (und damit letzten) Muniring angelangt. Die Kletterei unschwierig, der Fels meist solide, mit Cams gut abzusichern.

Bereits in den Zusatzlängen der Kammermusik: hier die erste davon mit Bewertung 5c.
Es ist nun ~14.45 Uhr, das eigentlich Routenende wäre erreicht. Oberhalb befindet sich eine grosse Schrofenterrasse, über welche man in 150m Distanz mit Schwierigkeiten von T6, I-II zum Grat hinaufsteigt. Es liegt doch einiges an Geröll herum, so dass man am besten seilfrei geht, wozu durchaus etwas Selbstvertrauen notwendig ist. Wer sich's nicht zutraut, kann wohl auch mit mobilen Mitteln Standplätze bauen, so ganz genau habe ich das nicht ausgelotet. Bald spiele ich mit dem Gedanken, statt übers Geröll aufzusteigen noch die gut erreichbare, schöne letzte Wasserrillen-Seillänge vom Schwarzen Diamanten zu klettern. Diesen Plan gebe ich auf, als ich wenig rechts von uns einen Stand der Kammermusik entdecke. Es bietet sich nämlich absolut an, diese zwei schönen Seillängen auf den markanten Gipfelkopf zu klettern. Die erste davon (5c) umgeht die attraktive Wand leider rechts durch ein Risssystem, die zweite (4c) bietet für den Grad spektakulär steile Kletterei in verschwenderisch griffig-rauem Fels. Um 15.40 Uhr sind wir schliesslich endgültig am Top. Ein herrlicher Bergtag ist uns gegönnt. Die Sonne strahlt vom tiefblauen Himmel, die Temperatur ist perfekt, kein Wind geht und die Fernsicht ist beinahe unendlich. Ja, in solchen Momenten sollte man die Zeit anhalten können! Auch wenn der Sommer 2018 überdurchschnittlich gut war, ein solcher Traumtag sticht auch da noch heraus und bildet eine Ausnahme.

Fantastische Rätikonkletterei in der letzten Seillänge der Kammermusik. Schwierigkeitsgrad: 4c!!!
Wir müssen uns jedoch darum kümmern, ins Tal zu kommen. Wegen weltlicher Verpflichtungen ist die späteste Abfahrtszeit auf 17.00 Uhr gesetzt, wofür wie bereits reichlich spät dran sind. Mit meinem Beharren auf den Zusatzseillängen habe ich mir das Ei jedoch selbst gelegt. Erst gilt es nordseitig, vom Gipfelkopf in die Scharte abzusteigen. Danach überschreitet man am besten den Westgipfel (P.2728). Wir haben es mit einer nordseitigen Querung versucht - es geht, aber zeitlich bringt's nix, v.a. weil man beständig leicht aufwärts quert und am Ende doch beinahe am Grat oben ist. Erschwerend kam noch hinzu, dass das Gelände stellenweise verschneit und sogar vereist war, im Grossen und Ganzen jedoch problemlos begehbar. Meine Erinnerungen an den Abstieg vom Drusenfluh Westgipfel sind gemischt. Nach der Yume ging das gefühlt blitzschnell, im Vorjahr nach dem Schwarzen Diamant ging's ewig und vom Alpenkönig, Mangold (2x) und Konflikt haben wir abgeseilt, was noch länger dauert und kurz gesagt ein Scheiss ist. Anyway, dieses Mal ging's gefühlt sehr flott voran und nach 1:15 Stunden vom Top war der Melkplatz erreicht. Somit hiess es nur noch, auf der Strasse etwas Engagement zu zeigen... dies gelang, und so traf ich rechtzeitig im Unterland ein.

Ein megafantastischer Bergtag, von diesen würden wir noch manchen nehmen!
Facts

Drusenfluh Westgipfel - Mauerläufer 7b (6a A1 obl.) - 12+2 SL, 550m - Eggenberger/Furger 1983 - ***;xx
Material: 2x50m-Seile, 12-14 Exen (mind. 8 Alpine Draws), Camalots 0.3-3, evtl. Keile

Spärlich ausgerüstete, alpine Freikletterei durch oft imposantes, kompaktes Plattengelände, gewürzt mit zwei schwierigen Einzelstellen, die auch hakentechnisch begangen werden können. Insgesamt etwas weniger homogen und nicht so anhaltend schwierig wie die modernen Routen in der Wand. Die Felsqualität ist jedoch fast durchgehend gut, als Abwechslung zu den modernen Führen auf jeden Fall ein lohnendes Unternehmen. Vorsicht, die Ausrüstung ist sehr spartanisch! Die in den Kletterführern erwähnte Sanierung bezieht sich auf die Standplätze, welche mit Muniringen nachgerüstet wurden. Sonst steckt bis auf 4 nachträglich hinzugefügte Mammut-Longlife-BH noch durchgehend das Original-Material der Erstbegeher. Die Hälfte der Seillängen sind komplett clean, auch sonst müssen lange Abschnitte mobil abgesichert werden. Wer die nötige Erfahrung aufweist, findet jedoch genügend Placements, um sicher steigen zu können. Trotzdem ist hier eine gewisse Kühnheit vonnöten, genauso wie Selbstvertrauen ins Ungewisse zu steigen plus ein gutes Auge für die Routenwahl in diesen Abschnitten. Ein Rückzug sollte sich notfalls mit etwas Kreativität von +/- überall in der Route durchführen lassen, zum Abseilen eignet sich das Gelände aber grundsätzlich nicht. Man beachte: bei Gewitterregen gibt's weder in der Wand noch am Einstieg Schutz und es droht massive Steinschlaggefahr.

Sonntag, 21. Oktober 2018

Schlossberg - Sens Unik (7a+)

Die Sens Unik ist eine Route, welche die Gebrüder Remy in den 1990er-Jahren in den rechten Wandteil am Schlossberg gelegt haben. Während es in der Anfangszeit ein paar Wiederholungen gab, ging sie bald darauf in Vergessenheit und in diesem Dornröschenschlaf steckt sie noch immer. Auch ich hatte sie lange Zeit nie ernsthaft in Erwägung gezogen, bis mir Sämi Speck einmal persönlich mitteilte, dass er hier 2015 im Rahmen einer sanften Sanierung eine teilweise direktere Linie fand und ein paar haarsträubende Passagen entschärft hatte. Die Kletterei beschrieb er als absolut lohnend. Grund genug, um selber einmal nachzuschauen! Wir wurden nicht enttäuscht: es wartet tatsächlich hervorragende, steile Kletterei in sehr gutem Gestein, man fühlt sich des Öfteren schon beinahe wie an den Wendenstöcken!

Routenverlauf der Sens Unik (7a+) am Schlossberg im unteren Wandteil
Der Zustieg an den Schlossberg ist nicht eben kurz, aber mit der richtigen Einstellung oder vereinfacht mit entsprechenden Gerätschaften doch auch rasch erledigt. Konkret heisst das, dass man mit einem Mountain Bike schon im Aufstieg etwas Zeit spart, während dann vor allem der Abstieg im Nu vonstatten geht. Weitere Vorteile bringt es natürlich mit sich, wenn man über ein elektrisiertes Bike verfügt. Eine andere Alternative besteht darin, die Kletterei am Schlossberg als Climb & Fly anzugehen. Sowohl unterhalb wie oberhalb der Hütte gibt's prima Startplätze, welche sich auch gut für einen Flug nach der Kletterei eignen. Auf diese Weise ist man in 15 Minuten vom Einstieg retour beim Auto, idealer geht's fast nicht. Für diejenigen, welche weniger auf naturnahe Fortbewegung stehen, gibt's offenbar auch noch die Möglichkeit, ein Fahrbewilligung bis zum Stäfeli zu organisieren. Hierzu kann ich keine weitere Auskunft geben, ich hatte das bisher nie ernsthaft in Erwägung gezogen. Vielleicht mag's ja mal jemand mit dem entsprechenden Wissen als Kommentar hinzufügen.

Der Blick auf die gewaltigen Wände vom Schlossberg auf dem Zustiegsweg zum Stäfeli.
Unsere Tour begann um 7.30 Uhr beim Parkplatz Bründler auf 1170m. Die 5 CHF an Fahrgebühr von der Talstation der Fürenalpbahn noch zu investieren, lohnt sich auf jeden Fall. Ab hier bis an den Einstieg sind es ungefähr 900hm, die jedoch ziemlich rasch purzeln. So war der Zustieg in 1:30h erledigt. Nachdem wir uns vorbereitet hatten, ging es um ca. 9.30 Uhr los mit der Kletterei. Das heisst, dass wir noch im Schatten starteten. Die Sonne erreicht den Wandfuss bei der Sens Unik um diese Jahreszeit (Mitte August) erst ab etwa 10.45 Uhr Uhr und somit deutlich früher wie bei den Touren weiter links, z.B. bei der Jingo oder der Rittergold am Gendarm, wo dies erst um 12.30 Uhr der Fall ist. Am Schatten zu klettern war jedoch kein Problem, da es ohne weiteres genügend warm war - was wir bei der Planung natürlich entsprechend berücksichtigt hatten.

L1, 40m, 6a+: Ja, die Route führt tatsächlich durch das markante Kamin-/Risssystem hinauf, bei der Route in der Wand links handelt es sich um ein vielversprechendes, jedoch noch nicht fertiggestelltes Projekt. Im Remy-Originaltopo steht für diese Seillänge eine lapidare 5+ (französische Skala, entspricht dem neuartigeren 5c+). Im SAC-Führer Zentralschweizer Voralpen wurde diese Bewertung falsch zu einer 5b übersetzt. Wie auch immer, beide Angaben sind meines Erachtens deutlich zu tief. Die anhaltende Kletterei ist reichlich ungewohnt, das Gestein teilweise ziemlich glattgewaschen und auch mit den zusätzlichen BH ist's schlicht und einfach fordernd, weil man doch hier und da ziemlich über die Sicherungen steigen muss. Man kann jedoch hier und da noch Cams platzieren. Im Gesamtkontext der Route würde ich hier auf jeden Fall mit mindestens 6a+ bewerten! Seinen Spass wird man hier aber garantiert haben: Stemm-, Klemm-, Offwidth- und Wandmoves warten.

In L1 (6a+) wartet ungewohnte Kletterei an breiten Rissen in glattgewaschenem Gestein.
L2, 25m, 6b: Nun folgt die Route (zum Glück, obwohl oben noch NH sichtbar sind) nicht mehr weiter dem Kamin-/Risssystem, welches hier noch alpiner aussieht, sondern zieht nach links in die Wand hinaus. Hier wurde die Route wohl früher oder später abgeändert, wobei (für mich) nicht mehr nachvollziehbar war, wer wann wodurch geklettert ist. Jedenfalls kommt erst eine griffige Steilzone, dann eine glattgewaschene Platte, welche aber mit grossen Löchern gespickt ist, eine sehr originelle und lässige Kletterei. Eine kurze Crux erfordert etwas sorgfältigere Planung der Moves, aber die 6c gemäss dem nach der Sanierung aktualisierten Topo im Engelberg Outdoor Guide dürfte zu  hoch gegriffen sein: 6b reicht auch, in der ersten Länge war ich jedenfalls deutlich mehr gefordert.

Von oben sieht diese glattgewaschene Platte am Ende von L2 (6b) nahezu unmöglich aus, aber die Griffe sind versteckt.
L3, 35m, 6b+: Es folgt eine sehr schöne Wandkletterei an griffigem Fels. Im ersten Teil und ganz am Schluss warten steile Zonen mit athletischen Moves an Löchern und Leisten auf, aber insgesamt doch eine homogene und sehr genussreiche Sache. Hier passt m.E. der offizielle Grad von 6b+ tiptop.

Der Rückblick auf L3 (6b+) ist nicht so fotogen, umso cooler aber der Ausblick auf das Steilgelände von L4 (6c).
L4, 30m, 6c: Hier wird es richtig steil und eigentlich sieht's fast ein bisschen aus wie die Steilzone im oberen Teil am Pfaffenhuet, wo die Inuit und die Sternschnuppe drüber führen. Nachdem wir schon einiges an Vertrauen in den hier sehr griffigen Fels gefunden haben, vermuten wir hier vorwiegend Henkelgelände. So kommt's dann auch, trotz der beachtlichen Steilheit geht's hier ohne allzu grosse Schwierigkeiten in die Höhe. Einzig dem Ausdauerfaktor ist etwas Beachtung zu schenken, passt aber schon. Hier hilft es, die eine oder andere Sicherung zu verlängern, ansonsten kämpft man zum Schluss sicher mit argem Seilzug.

So sieht's von oben aus. Hammergeniale, athletische Kletterei an guten Griffen in L4 (6c).
L5, 25m, 6c: Nach links hinaus begibt man sich in luftiges Gelände. Während es vorerst noch sehr gute Griffe hat, spitzt sich die Sache später in einer anspruchsvollen Linksquerung zu. Hier ist der Fels für einmal nicht ganz so strukturiert wie sonst überall, so dass etwas Entschlossenheit und weite Züge an Seitgriffen und mit mässigen Füssen gefordert sind. Meines Erachtens klar die schwierigste Stelle im unteren Teil, hier ist die 6c-Bewertung sicher gut verdient. Man kommt dann zum Stand mit dem improvisierten Wandbuch. Hier zeigt sich: seit Sämi im 2015 saniert hat, war niemand mehr hier. Schon fast nicht zu glauben, wie sich anderswo an den Hotspots die Seilschaften in Schlange stellen und dann hier bei einer solchen Routenqualität keiner hingeht.

Äusserst luftige Kletterei mit einer feinen Crux am Ende von L5 (6c).
L6, 25m, 6a+: Eine Hammerlänge, die eine kühne Linie über die vermeintlich glatte und exponierte Platte wählt. Doch vorerst ist da ein griffiger Riss und an dem Punkt, wo dieser nichts mehr hergibt, tauchen in der Wand auf einmal perfekt griffige, positive Leisten auf. Super Moves in luftiger Position, wirklich genial! Danach einfacher auf den Pfeilerkopf hinauf.

L7, 50m, Gehgelände: Man ist nun auf dem grossen Geröllband angelangt, wo man mehr oder weniger nach Belieben herumspazieren kann. Etwas nach oben ausholend könnte man hier zum Beginn der Abseilpiste nach rechts queren (derzeit ist diese dank Farbmarkierungen gut auffindbar). Oder dann natürlich das tun, was man eigentlich zu tun hat, nämlich zum Beginn des oberen Wandteils aufsteigen. Es sei an dieser Stelle jedoch erwähnt, dass die letzten 4 Seillängen NICHT nachgerüstet wurden. Hier klettert man also noch mit der Originalabsicherung, d.h. der Charakter ändert sich markant und man trifft auf einige typische Remy-Seillängen nach altem Schrot und Korn (will heissen, die BH stecken kreuz und quer und wo es gerade so ohne geht, steckt nix). Die oberen Seillängen sind zwar durchaus noch lohnend, aber qualitativ nicht von derselben Güte wie die unteren.

Im Rückblick ist die genial zu kletternde L6 (6a+) leider nicht mehr fotogen, dafür hat man von hier einen guten Ausblick.
L8, 35m, 7a+: Unscheinbar bei einem kleinen blauen Farbklecks und einer verrotteten SU-Schlinge geht's los. Lange verbleibt die Kletterei moderat schwierig im 6a+ Gelände, die Crux kommt erst zum Schluss. Hier nun eben das Problem, dass der Haken zum Beginn der Cruxsequenz komplett verbohrt ausserhalb der Freikletterlinie im Schilf steckt. Der nächste steckt recht nahe und deutlich besser, wurde aber ganz bestimmt aus einer Trittschlinge gesetzt. Der Freiklettern wollende Wiederholer hat nun nur suboptimale Optionen: der verbohrte Haken muss massiv verlängert werden, dann muss mühsam in die Crux hinein manövriert werden, der besser steckende, technisch gebohrte Haken kann aus der Kletterstellung nur sehr erschwert geklippt werden. Diesen auszulassen ist jedoch auch keine Option, weil sich darunter eine Art Band befindet und man bei einem Sturz darauf krachen würde. Mir gelingt's, so wartet nur noch der abschliessende Runout zum Stand, der mit etwas kühlem Blut auch noch gut vonstatten geht. Trotz all dieser Kapriolen konnte ich hier (wie auf dem ganzen Rest der Route) onsight durchmoven. Mit den erschwerten Bedingungen passt die 7a+ im Gesamtkontext vielleicht schon, rein von den Moves her ist's eher einfacher.

Rückblick auf die nominelle Crux der Route in L8 (7a+) und die 'heady section' danach zum Stand hinauf.
L9, 40m, 6b+: Auf dieser langen und nirgendwo richtig einfachen Seillänge stecken nur gerade 4 Bohrhaken, d.h. hier muss man nun definitiv parat sein! Los geht's einem cleanen Riss entlang, wo man zwingend kleine Cams (naja, wer echt Vertrauen in diese hat kommt mit einem einzigen aus) legen muss. Dann etwas nach rechts und hinauf in die steile Wand. Vorerst hat's gute und positive Leisten, später wird's dann eher abschüssig und reibungslastig, zuletzt geht's entschlossen über ein kleines Dacherl hinweg. Die Hakenabstände von ~8-10m geben wenig Hinweise in Bezug auf die zu wählende Linie, v.a. weil der folgende Bolzen aus der Kletterstellung nicht in allen Fällen sichtbar ist. Aber wie (fast) immer geht's einfach da lang, wo's am einfachsten ist bzw. wo es zumindest nach der einfachsten Kletterei aussieht. Ich bin schliesslich froh, dass ich zumindest hier und jetzt mindestens gleich viel Mut und Kletterkönnen wie die Erstbegeher mitgebracht habe und ohne übermässige Vergeudung von Angstschweiss oder wahnwitzige Flugeinlagen die Standhaken einhängen kann.

Die allerletzten Meter von L9 (6b+) sind dann recht easy, da spielt's auch keine Rolle mehr, schon meilenweit über dem BH zu sein.
L10, 30m, 5a: Man schaut hinauf und fragt sich, soll ich das jetzt wirklich noch rauf?!? Das Gelände sieht wenig kompakt und etwas lose aus, die Schwierigkeiten sind deutlich tiefer und bis auf eine uralte SU-Schlinge sind keine fixen Sicherungen erkennbar. Sogar ich spiele hier mit dem Gedanken, diese letzte Länge nicht mehr zu klettern. Schliesslich setzt sich dann aber doch das alpinistische Credo durch, dass eine Route nur als geklettert gilt, wenn sie auch bis zu deren Ende geklettert wurde. Schlussendlich ist's dann gar nicht so schlimm, der Fels solider wie befürchtet, die Kletterei gar nicht so schlecht und nebst 2 Sanduhren finden sich tatsächlich auch noch 2 Bohrhaken.

Bald geschafft! Der Fels in L10 (5a) ist besser, als er von unten aussieht, aber es liegen ein paar lose Steine rum.
Dann ist aber wirklich fertig mit der Route, obwohl wir noch ganz, ganz weit vom Top des Berges entfernt sind. Vorerst würde nun eine Zone mit einfachem, schuttbedeckt-brüchigem Fels folgen, bevor (viel) weiter oben nochmals steile Wände stehen, welche wohl aber auch schlechte Felsqualität aufweisen. Aus dieser Optik (die Route endet sowieso irgendwo im Nirgendwo) ist die letzte Länge dann tatsächlich verzichtbar. Aber naja, das muss und jetzt nicht mehr kümmern, da wir 14.15 Uhr und damit nach 4:45 Stunden vergnüglicher Kletterei am letzten Stand stehen. In die Tiefe geht's abseilend: im oberen Teil sind 3 Manöver fällig, dann muss man das Seil kurz aufnehmen und die letzten 15m zum Beginn der Abseilpiste über die untere Stufe gehen. Diese befindet sich orografisch (d.h. von oben gesehen links!) vom markanten Kaminsystem, in welchem die Route startet. Mit 4 langen und steilen, ja teils freihängenden Abseilern sind wir im Nu zurück am Einstieg. Auf dem Rückweg stellen wir dann noch fest, dass es deutlich schneller und bequemer ist, den Graben vor der Wand gleich auf Höhe des Einstiegs zu queren. Im Aufstieg hatten wir dies viel weiter unten (auf der markierten Wegspur, die auch zu den anderen Sektoren Gendarm und Big Wall führt) gemacht und waren der Wand entlang ziemlich mühsam in etwas labilem Schutt traversiert - das ist entgegen den Angaben in der Literatur definitiv nicht die richtige Variante. Nach einem Vesper am Einstieg konnten wir es rollen lassen - erst im übertragenen Sinn auf dem Wanderweg, dann mit dem Bike in Richtung Tal, wo wir um 16.00 Uhr beim Auto eintrafen.

Facts

Schlossberg - Sens Unik 7a+ (6b+ obl.) - 10 SL, 340m - C. & Y. Remy 1994 - ***;xx-xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams 0.3-1

Bei dieser Route handelt es sich um ein Mauerblümchen, aber definitiv um ein zu Unrecht vernachlässigtes. Vor uns war 3 Jahre niemand mehr am Berg und die tolle Kletterei in steilem, griffigem Hochgebirgskalk von meist sehr guter Qualität war ungenutzt geblieben. Es sei erwähnt, dass mit dem grossen (aber gut begehbaren) Geröllband von L7 der Schwung der Wand gebrochen wird, die letzten 3 Seillängen sind nicht mehr ganz von derselben Qualität wie der untere Teil. Der untere Teil wurde im 2015 nachgerüstet, dort darf man die Absicherung als sehr gut bezeichnen (Niveau xxxx). Das gilt auch für L1 mit ihren nominell tiefen Schwierigkeiten, doch aufgrund der ungewohnten Kletterei platziert man hier unter Umständen gerne noch den einen oder anderen Cam der Grössen 0.3-1 (oder allenfalls 2). Für den Rest vom unteren Teil braucht man hingegen keine Klemmgeräte mehr. Im oberen Teil trifft man noch auf die Remy-Originalabsicherung, welche von genügend (L8 & L10, xxx) bis spärlich (L9, xx) ausfällt. Zu Beginn von L9 braucht's auch zwingend kleine Cams (0.3-0.5) oder entsprechende Keile. Den Routennamen ('Einbahnstrasse') muss man übrigens nicht allzu wörtlich nehmen. Ein Rückzug ist wegen der Steilheit und dem teils querenden Verlauf sicher etwas umständlich, aber im Notfall sicher möglich, die Standplätze sind allerdings nicht dafür eingerichtet. Im Sommer wird der auf ~2100m liegende Einstieg ab ca. 10.45 Uhr von der Sonne beschienen, man muss also nicht besonders früh aufstehen. Aufgrund der nicht allzu langen Kletterei findet man sicher bis weit in den Herbst hinein ein genügend langes Fenster, um die Route an der Sonne klettern zu können. Wie bereits erwähnt ist ein Bike für den ersten Teil des Zustiegs sehr nützlich, alternativ kann man auch mit dem Gleitschirm wenige Minuten vom Einstieg entfernt tiptop starten (und trifft am Nachmittag i.d.R. auf gute Bedingungen). Einen Einblick ins Gebiet erhält man mit der Webcam auf der Fürenalp. Weitere Infos erhält man (womöglich) in der Spannorthütte, wo man natürlich auch nächtigen kann. (Nicht ganz so präzise) Topos zur Route und Infos zu den anderen Routen am Berg gibt's im Engelberg Outdoor Guide und im SAC-Führer Zentralschweizer Voralpen Südwest, eine Auswahl (die Sens Unik fehlt!) findet sich auch im Schweiz Extrem Ost. Alle diese Kletterführer sind z.B. bei Bächli Bergsport erhältlich.