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Montag, 5. Oktober 2026

Wendenstöcke / Reissend Nollen - Imago (7b)

Die Locals und die Topo-Autoren sind sehr streng mit den Routen an den Wendenstöcken. Da werden gewisse Klettereien mit nur einem einzigen Stern 1* an Schönheit bewertet, oder dann ganz gleich aus den Topos eliminiert. Meine Erfahrung ist gegensätzlich: ich habe an diesem Massiv noch keine einzige unlohnende Route geklettert und in einem weiter gefassten Vergleich waren auch die Wenden-Mauerblümchen absolute Perlen. Sämtliche dieser Aussagen sind für die Route Imago am Reissend Nollen relevant. Sie wurde bereits 1989 von Chäppi und Ruth Ochsner eingerichtet, figurierte lange Zeit aber nicht einmal in den Topos. Natürlich ist sie in der gewaltigen Arena des Reissend Nollen nur eine Randerscheinung auf der Linksaussen-Position. Aber man für einmal nicht Zeit und/oder Energie für ein extralanges Projekt hat, so findet man in der Imago exzellenten Fels und Kletterei bei lobenswert freundlicher Absicherung. So freue ich mich, hier ein wenig Licht auf diese Perle zu werfen.

Der sogenannte Trash-Pfeiler am Reissend Nollen mit dem Verlauf von Imago.

Ein wenig ringe ich damit, hier die ganze Vorgeschichte zur Imago zu erzählen. Nicht etwa, weil ich nicht dazu stehen könnte. Doch sie gibt der Imago unweigerlich den Charakter von einem Ersatzziel, was ihr meines Erachtens nicht gerecht wird. Um diesbezüglich noch weiter Gegensteuer zu geben, sei zusätzlich erwähnt, dass wir mit einer Begehung von Imago bereits 3 Wochen zuvor geliebäugelt hatten, da dann aber schliesslich dem Nachtexpress den Vorzug gegeben hatten. Item: Bernat war bereits auf der Wendenalp und im Angesicht unserer ursprünglichen Pläne planten wir tageszeitlich früher als zuletzt und machten uns von ebenda um 7.15 Uhr auf den Weg Richtung Reissend Nollen. Und nun muss die Katze aus dem Sack gelassen werden: dies mit dem Ziel, die Route Painkiller zu klettern. So gingen wir auf dem üblichen Weg zum Reissend Nollen Vorbau, dann links hinaus und über die Platten hinauf. Der Einstieg von Imago kann von da unschwierig über ein Band angelaufen werden, wenn man gleich dahin möchte, zeitlich macht das ca. 1:15h.

Hier in der gewaltigen Arena des Reissend Nollen sollte es an diesem Tag zur Sache gehen!

Wir indessen stiegen weiter auf und erreichten den Start von Painkiller via die Einstiege von Caminando bzw. Tsunami, zuletzt mit einer doch recht exponierten, plattigen Querung in Falllinie des Wasserfalls. Wobei ein Direktzustieg von unten tendenziell noch heikler bzw. schwieriger wäre. Nach den üblichen Vorbereitungen ging's wenige Minuten nach 9.00 Uhr topmotiviert los in die plattige, mit feinen Wasserrillen garnierte erste Länge von Painkiller. Der Weg zum ersten BH ist schon mal weder kurz noch einfach (heikel, insbesondere da auf dem exponierten Einstiegsband nichts steckt!). Dann wird's schon bald äusserst fusslastig und definitiv ungeschmeidig wurde es, als der vierte, von fallenden Steinen zerschlagene BH nicht geklippt werden konnte. Zurücksteigen schien zu schwierig, abzuspringen zu scary, doch ihn (wie zuletzt in der Niagara) zu übersteigen funktionierte schliesslich leider auch nicht. Eine nervenaufreibende Weile später stand Bernat aber zum Glück wohlbehalten wieder neben mir auf dem Einstiegsband... uff!

Vorbereitungen auf dem exponierten Einstiegsband der Route Painkiller.

Ein Plan B war offensichtlich, nämlich über die No Name Route von Schüpbach/Bissig gleich links davon zu starten, weil diese in L2 sowieso ein Stück gemeinsam mit Painkiller verläuft. "Gesagt und getan", schön wäre es! Die ersten Meter waren schon richtig taff (die 6c-Bewertung muss sehr im Kontext verstanden werden), aber immerhin vernünftig abgesichert. Später dann muss aber in ultra-schlabbrigem, kaum kontrollierbaren Terrain mit ungünstigem Sturzraum weit über die letzte Sicherung gestiegen werden. Das war sehr psycho, v.a. weil ein heikler Sturz zur Unzeit nochmals nur knapp vermieden werden konnte. Doch damit nicht genug: als wir am Standplatz waren, fiel prompt auch noch eine gehörige Salve Steine vom grossen Trichter/Wasserfall runter - zum Glück mit Respektabstand an uns vorbei. Die Exponiertheit der Einstiegsplatten hier am Trash-Pfeiler ist ja nicht unbekannt. Aber wir hatten uns gedacht, dass jetzt, wo absolut kein Schnee in der Gipfelregion liegt, alles trocken ist und ruhiges Wetter herrscht, das Risiko von Steinschlag praktisch inexistent sein müsste. Vielleicht waren es Tiere? Oder einfach nur das kleine Restrisiko? 

Endlich einmal etwas geklippt! Painkiller startet in L1 (7a) auf etwas unlogisch-schwieriger Linie mit dieser schlabbrigen Platte, welche mit feinen Rillen garniert ist. Zur Zeit unserer Begehung war der vierte BH defekt und die Passage darum nicht möglich. Aber eines ist klar: die Route hat schon Schwung und wäre "à faire". Nur dieses Steinschlagrisiko hier im Einstiegsbereich... 

Jedenfalls: wir erklärten unseren Versuch in Painkiller damit für beendet. Der Vibe stimmte nicht und es schien (zu) riskant, es mit der Kletterei in dieser knapp abgesicherten Route zu forcieren und die Möglichkeit von einem Steinschlagtreffer weiter zu akzeptieren. Um nicht komplett unverrichteter Dinge wieder abzotteln zu müssen, wurde schliesslich der Plan C zu Rate gezogen und der bestand nun eben darin, das Rätsel um die Imago zu lüften. Wir gingen zurück via Caminando-Einstieg und die Terrasse von Spasspartout/Zambo, ein Abseiler vom Einstieg von Trash wäre aber vermutlich effizienter gewesen. Anyway, gegen 11.00 Uhr waren wir schliesslich in der Imago startbereit. Die Conditions waren 1a, die Kletterei und der Fels sahen sehr vielversprechend aus und die Steine aus dem Trichter stellten an dieser Stelle auch keine Gefahr mehr dar. Dementsprechend war der Motivationspegel wieder auf hohe Werte gestiegen und ich legte los.

L1, 25m, 6b (offiziell 6a): Gewisse Fragezeichen hatte ich jedoch auch hier. Denn nach 6a sah die kompaktissimo Platte definitiv ganz und gar nicht aus und meine a-priori-Einschätzung wäre eher gewesen, dass es sich hier schon um die 6c von L2 handelt. Denn wir hatten schon eine L0 von einem BH am Ende vom Zustiegsband bis zum hiesigen Stand mit 2 BH geklettert. Die ging jedoch auf dem einfachsten Weg noch seilfrei, auch wenn man unter Nutzung des kompaktesten Geländes durchaus eine 6a gefunden hätte. Doch nun, im Nachhinein ist aber klar - hier stand tatsächlich die "6a" der offiziellen L1 noch bevor. Eine tolle, rätikonartige Steilplatte mit bereits komplexen Moves. Zum Glück ist die Absicherung richtig gut, eine gute Seele hatte diese in Form einer Teilsanierung mit rostfreien BH aufgebessert. Nur von der Topo-Bewertung halte ich gar nix: 6b Minimum, nach meiner Meinung!

Auch wenn der Fokus auf meiner Rückseite ist: exzellente Aussichten am Start in L1 (6b) von Imago.

L2, 25m, 7a (offiziell 6c): Aus der Standnische raus folgt zuerst eine Linksquerung, wobei ein paar Wenden-Löcher noch recht hilfreich sind. Während das original wohl mit einem Runout zu meistern war, wurde auch da zum Glück nachgebessert. So richtig heftig wird es dann, wenn man einmal links aussen ist. Verschärftes Antreten auf Reibung an der Steilplatte, Griffe gibt's höchstens in der Mini- oder der üblen Sloper-Version und der letzte Move auf den Rettungshenkel ist besonders gewagt - crazy stuff, für mich auf jeden Fall 7a! Das Finish auf eine Schuppe ist dann einen Tick leichter und auch nicht mehr so superduper, was die Qualität betrifft.

Sehr kompakte und auch richtig taffe, steilplattige Kletterei in L2 (7a).

L3, 25m, 7b: Laut dem Topo-Papier gibt's hier gegenüber L2 gleich nochmals 4 Schwierigkeitsgrade extra. Und die findet man auch gleich mit dem Move aus dem Stand raus - a heinous boulder, richtig hart! Ohne vernünftige Tritte heisst es, von einem seichten Löchlein und einem kleinen Kratzer zu ziehen. Wohin, das kann man schon sehen - nur nicht wie gut diese Strukturen sind. Sorry, selbstverständlich muss für die Lüftung dieses Rätsels weiterhin an die Wendenstöcke gefahren werden. Die Folge bietet dann tolle, steile Wandkletterei bei prima Absicherung, nur vom letzten BH zum Stand wartet (bei einfacher werdenden Moves) ein weiterer Abstand, der nicht mit einem Zusatz-BH entschärft wurde, wo aber ein 0.75er-Cam passt. Zur Bewertung: der Teil nach dem taffen Auftakt-Boulder geht wohl so als 7a/+ durch. Wie man insgesamt bewertet, gute Frage - der Boulder ist schon gut hart...

Harter Boulder zum Auftakt, dann tolle Kletterei bei genialem Ambiente in L3 (7b).

L4, 25m, 6c (offiziell 6b): Eine richtig tolle Steilplatten-Länge, wo zu Beginn einige griffige Seitschuppen miteinander verbunden werden wollen. Nach einer Linkstraverse folgt dann ein heftiges Stehproblem zu einer Sanduhr hin, welches mit der Verschneidung links leider nicht entschärft werden kann. Wieder etwas griffigeres Gelände führt zum (vermutlich) alten Stand. Ein neuer (fürs Abseilen deutlich günstiger gelegen) liegt wenige Meter oberhalb - die unscheinbare Stufe da hinauf hat es nochmals in sich - siehe Foto weiter unten im Beitrag.

Auch in L4 (6c) geht's wieder nach rechts aus dem Stand raus mit Sicht auf den Caminando-Pfeiler.

L5, 30m, 6b (offiziell 6c): Die von mir aus gesehen einfachste Länge der ganzen Route startet in einer Verschneidung, welche man dann nach links verlässt, wobei der entscheidende BH nach einem längeren Abstand nicht so leicht zu klippen ist. Gut angelegt geht die eng gesicherte Traverse dann kommod über die Bühne und auch die weiter gebohrte Wand darob mit ihrer interessanten Felsstruktur bietet viel Genuss, aber definitiv nicht mehr die grossen Herausforderungen.

Super Ambiente auch in der vermutlich einfachsten Länge der Route: L5 (6b).

L5, 30m, 7a+/7b (offiziell 7a): Ja, nochmals eine fette Challenge findet man auf der Abschlusslänge. Deren Routenführung nach rechts hinaus mit einigen Hin-und-Her-Ecken wirft vielleicht a priori einige Fragezeichen auf - im Tun hat man dann die volle Immersion im Moment. Während der Auftakt noch mit ein paar griffigen Leisten gut über die Bühne geht, so zieht an einer ersten Steilplattenstelle schon mal richtig an. Bei der Passage über den Wulst erklärt sich die Präsenz des Extra-BH links ausserhalb der Linie (später wieder aushängen!) bald von selbst. Ein taffes Bewegungsproblem an Slopern befindet sich genau da. Damit ist die Schlacht noch nicht gewonnen, nach einer machbaren Rechtsquerung gilt es nochmals richtig gescheit auf Steilplatten-Reibung anzutreten - dies mitunter auch die zwingendsten Passagen der Länge bzw. der ganzen Route, die Absicherung ist mit 10 BH auf 30m aber auch hier prinzipiell tiptop. 

Superkompakte Steilplattenkletterei in L6 (7b), öppe gar nöd gschänkt!

Enden tut die Imago ziemlich antiklimaktisch an einem unbequemen Stand mitten in der Wand. Unser Eindruck im Gelände war so, als dass man mit einer von der Schwierigkeit her passenden Länge her durchaus das Ende von Cleopatra erreichen könnte, von wo man dann noch zwei weitere Abschnitte anzuhängen wären, die zu Gelbe Flamme gehören - das Wandbild im Intro des Beitrags bestätigt diese Wahrnehmung. So ergäbe sich ein schöner Bonus und eine Tour mit doch respektablen 9 Seillängen. Naja, das ist - wenn überhaupt - Zukunftsmusik und wir konnten nichts anderes tun, als um ca. 15.30 Uhr nach ca. 4:30h der Kletterei zum Handshake anzusetzen. Dass wir hier nur unseren heutigen Plan C realisiert hatten, war überhaupt nicht präsent, sondern viel mehr die Freude und Stolz über einen weiteren, erfolgreichen Wenden-Durchstieg und die durchgehend hervorragende Kletterei. Für mich war es #49, somit steht bei der nächsten Tour ein Meilenstein an und im 2027 darf ich dann auch noch 30 Jahre Kletterei an den Wendenstöcken feiern. So sollte ich mir vielleicht gut überlegen, wie bzw. womit dies zelebriert werden soll.

Zum Abschluss ein Shot vom sloprigen Abschluss-Boulder in L4 (6c).

Nun ja, diese Gedanken mussten nicht am Routenende gesponnen werden. Es ist sowieso schon ein eher unbequemer Ort. Weil sich auch die Sonne um ca. 14.30 Uhr aus der Wand verabschiedet hatte und zusätzlich noch ein thermischer Aufwind blies, war es umso attraktiver, möglichst rasch wieder zurück an den noch besonnten Einstieg zu kommen. Dies geht zum Glück sehr zügig mit 3 Strecken à je 50m, wobei zu erwähnen ist, dass man auf dem ersten Abschnitt das Seil voll ausreizt (zusätzlich gibt's noch kaum eine schlaue Alternative dazu!). Kein Fehler ist es dann, auch noch über die von uns im Aufstieg seilfrei begangene L0 abzuseilen. Beim Vespern im angenehm milden Sonnenschein waren wir bald wieder aufgewärmt und liefen anschliessend ins Tal. Wer nicht über die exponierten Platten absteigen möchte, könnte auch hinübergehen und den Vorbau mit 3x50m über Spasspartout abseilen. Ob es das war mit der Wendensaison 2026 - we will see!?!

Facts

Wenden / Reissend Nollen - Imago 7b (6c obl.) - 6 SL, 160m - K. & R. Ochsner 1989 - ****;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams 0.3-1

Eher kurze, aber anhaltend spannende Wendenroute mit durchgehend qualitativ hochwertiger Kletterei. Die Herausforderungen sind eher steilplattiger Natur, athletische Kletterei in Überhängen gibt es hingegen keine - was der Route mehr den Charakter von einer Unternehmung an den Kirchlispitzen im Rätikon gibt. In der Literatur wurde die Imago bisher stiefmütterlich und mit teilweise falschen Angaben präsentiert. Die Bewertungen von 1989 sind harte Schule und vielleicht mit den Einstufungen von anderen Routen aus jener Epoche vergleichbar (z.B. Nachtexpress) - heute würde man sicherlich höhere Gradierungen verwenden. Die Absicherung mit meist verzinkten und einigen (wohl erst später im Rahmen einer Teilsanierung hinzugefügten) rostfreien BH ist für eine Wendenroute sehr komfortabel. Natürlich will immer noch geklettert werden, aber so dicht steckende BH findet man in diesem Massiv nicht allenthalben. Zusammen mit der beschränkten Länge also ein ideales Ziel, um sich einmal in höhere Aufgaben vorzuwagen. Einen Kommentar verlangt auch der obligatorische Grad von 7a+, welcher im Extrem West Band II rapportiert wird. Natürlich ist es immer eine gute Frage, was damit effektiv bewertet wird. Meines Erachtens ist er im Vergleich zu den anderen Wendenrouten aber deutlich zu hoch, 6c obl. dürfte gut hinkommen. Mit Cams und Keilen kann man nur relativ wenig anfangen, ein minimales Set von 0.3-1 reicht sicher aus.

Dienstag, 29. September 2026

Bifertenstock (3421m) über den Bänderweg

Der Hitzesommer 2026 hat vielen vergletscherten Bergen arg zugesetzt und sie in einen bemitleidenswerten Zustand gebracht. Andererseits ermöglicht die komplette Ausaperung und das weiterhin milde, sehr trockene Wetter Touren auf hohe felsige Berge mit leichter Ausrüstung. Mit wieder einmal durchgekletterten Fingern und müden Armen war der Zeitpunkt da, um von den einmaligen Verhältnissen Gebrauch zu machen. Auf den Bifertenstock mit seinem eindrücklichen Bänderweg fiel meine Wahl - eine Tour der Marke "unglaublich" und "einmalig schön". Dass sich dieser so weit entfernte Gipfel von Brigels innert einigen Stunden erreichen lässt, ist schon verblüffend. Und erst recht kaum zu glauben ist, dass die lange Passage über die sehr abweisend aussehenden Bänder in der Südwand bei moderater Schwierigkeit möglich ist.

Der Bänderweg am Bifertenstock - einfach eine geniale Sache! Hier sehen wir den ersten Kessel ab dem Einstieg. Man geht am rechten Bildrand los, erreicht die Lücke im Grat und traversiert dann die Höhe haltend weiter bis zum nächsten Eck, wo rückseitig der zweite Kessel beginnt.

Los geht's!

Meine Tour startet in Brigels auf dem Parkplatz der Bergbahn (1257m). Um einige Körner zu sparen, fahre ich mit dem E-Bike über die asphaltierte Strasse zur Alp Quader (1904m, 7km bis dahin). Kurz behost und nur mit Verpflegung und Getränken im Rucksack, aber ohne technisches Material, marschiere ich los. Über eine lange Traverse dem Hang des Fil da Rubi entlang geht's auf markiertem Wanderweg zur Bifertenhütte (2482m), die ich links liegen lasse. Die Fortsetzung folgt einem gut ausgetretenen, jedoch nicht mehr markierten Pfad zum Limmerenpass (2612m), den man mit einem Verlust von rund 40 Höhenmetern erreicht. Die hat man bald wieder gewonnen, auf weiterhin deutlich sichtbarem Weg steigt man über den Schuttrücken von P.3096 an - zuletzt mit einer Höhe haltenden Traverse dem Hang entlang zum Eck am Einstieg in den Bänderweg (ca. 3000m, bis dahin T2, guter Pausenplatz). Die Sicht auf den ersten Kessel ist einfach atemberaubend (siehe Foto oberhalb!) und auch aus der relativen Nähe verbleiben immer noch viele Fragezeichen zu dessen Begehbarkeit!

Blick zum Biferten von etwas oberhalb der Alp Quader. In einem grossen Bogen läuft man dem Hang entlang, später unter dem klotzigen Kistenstöckli am rechten Bildrand durch zum Biferten, welchen man am bzw. etwas unterhalb vom Grat über seine 4 Höcker hinweg bis zum Top verfolgt. Eine Wahnsinnstour!

Durch die Kessel

Also los, wir wollen es genau wissen! Klar sichtbare Trittspuren lassen keine Fragen zur Orientierung aufkommen und während man sich durchaus in exponiertem Gelände bewegt, so ist es unschwierig. In Mitte des ersten Kessels erreicht man P.3064 nochmals den Grat, bevor es wieder in der Flanke zum nächsten Eck weitergeht (ca. 3135m, bis dahin ca. T4, erneut guter Pausenplatz). Zu Beginn des zweiten Kessels erfolgt gleich eine Schlüsselstelle. Über ca. 20m ist das Band schmal, es muss im Fels traversiert werden und braucht zwingend die Hände, die ansonsten weitgehend im Hosensack bleiben dürfen (ca. T5, I). An dieser Stelle sind ca. ein Dutzend BH in kurzen Abständen vorhanden, man könnte also bei Bedarf sichern. Sonst gibt es in den ersten beiden Kesseln jedoch kein Fixmaterial. Auf dem weiteren Verlauf ist dies auch nicht nötig, denn es geht wie bis anhin meist im Gehgelände (ca. T4) vorwärts. Mittig im zweiten Kessel muss etwas abgestiegen werden, da braucht es nochmals kurz die Hände (ca. T5), nachher geht's wieder einfacher weiter.

Kurz vor der Mitte des ersten Kessels, das Band hier ohne Schwierigkeiten begehbar (ca. T4).
Der zweite Kessel, die Schlüsselstelle auf den Bändern (ca. T5, I) befindet sich am rechten Bildrand. Weiter links sieht man den Vorgipfel (mit brauner Spitze und dem Eisrest in der Südflanke), weiter links ist die Gipfelregion sichtbar, das Top selbst sieht man jedoch nicht.
Rückblick auf die Schlüsselstelle zu Beginn des zweiten Kessels (T5, I) - geht besser wie es aussieht!
Blick vorwärts in der Mitte vom zweiten Kessel. Demnächst muss etwas abgeklettert werden. Auf dem unteren Band mit dem hellen, gelblichen Streifen führt der Weg weiter.

Hinauf zum Grat

Am Ende des zweiten Kessels bei ca. 3230m ist der nächste Fixpunkt erreicht. Hier gilt es nun, den Ketten entlang auf den Grat aufzusteigen (früher ist man auf das Firnfeld traversiert, hat dieses überschritten und später den Grat erreicht, wegen dessen Abschmelzen ist das jedoch nicht mehr möglich). An den Ketten hangelt man sich zügig hinauf - wer freiklettern möchte, trifft hier auf solide, plattige Felsen im Bereich vom III./IV. Schwierigkeitsgrad. Schwierig bzw. heikel wird es erst da, wo die Ketten aufhören. Dies ist etwas unverständlicherweise vor dem Grat. Auf einer Strecke von ca. 40m sind nur noch 4 oder 5 Sicherungsstangen vorhanden. Das Gelände ist da zwar etwas weniger steil, aber dafür ungestuft-plattig, sehr exponiert und etwas schuttbedeckt (ca. T5, II). Im Aufstieg war ich zügig und ohne mir viele Fragen zu stellen darüber hinweg und am Grat oben. 

Beginn der Ketten, die zum Grat hochführen. 
Rückblick auf die heikelste Stelle der Tour mit den schuttbedeckten Platten. Irgendwann ist fertig mit den Ketten und es gibt nur noch die Stangen. Was auf dem Foto täuscht, ist die Exposition. Der "flache Platz" unterhalb ist viel weiter weg, wie man denkt - und man würde ihn bei einem Abturz sowieso "verfehlen".

Zielgerade zum Gipfel

Oben auf dem Grat ist das Gelände wieder viel einfacher (ca. T3/T4), der Gipfel ist jedoch noch ein ganzes Stück entfernt. Man überschreitet einen Vorgipfel (ca. 3360m), einige Felsen am Grat werden knapp unter Kammhöhe nordseitig über ein Band umgangen, schliesslich kommt man etwas absteigend zum Eisrest in Gipfelnähe. Dieser liesse sich südseitig in den Felsen komplett vermeiden. Da das Eis flach und griffig war, wagte ich die Überschreitung. Das ging gut, die kritischste Stelle ist es, oben wieder zurück auf den Fels zu wechseln. Mit einer kurzen, nicht exponierten Kletterstelle war das geritzt, sprich meine Taktik hatte perfekt funktioniert - das kann sich aber bei weiterem Abschmelzen auch ändern und nicht mehr so einfach mit den Zustiegsschuhen möglich sein. Mit nochmals etwas Aufstieg in leichtem Fels rückt dann bald das Gipfelkreuz (3420m) in die Nähe - wow!

Tiefblick zu "spaltenarmen Gletscher". Der hier wird wohl noch 1-2 Jahrzehnte überleben...
...dem Eisrest auf der Nordabdachung haben jedoch die letzten Jahre geschlagen, viele solche trocken-heissen Sommer macht der nicht mehr mit. Dieser Gletscher ist Teil der früher beliebten Eisnase durch die Nordwand. Sie ist jedoch abgeschmolzen, das Eis ist nicht mehr durchgängig, d.h. diese Tour ist m.E. nicht mehr machbar. Zur Route: man kommt links vom Eis in den Felsen durch, einfacher ist die Überschreitung. 
Bifertenstock / Piz Durschin (3421m) - absolut fabelhaft!
Toller Blick zum Tödi (3614m) - auch dort leiden die Gletscher.

Gipfelrast und Beginn vom Abstieg

Ich gönnte mir am Top eine halbstündige Pause. Es war ein absoluter Traumtag: mild, windstill und mit perfekter Fernsicht. Durchaus Bedingungen, um stundenlang in dieser exklusiven Loge zu verweilen. Doch der lange Rückweg mahnte schliesslich zum Aufbruch. Er sollte exakt genau über meinen Aufstiegsweg erfolgen. Bis zu der Stelle, wo man den Grat verlässt (mit blauem Pfeil markiert) war das schnell und problemlos erledigt. Die Abkletterei über die abschüssigen, schuttbedeckten Platten zum oberen Ende der Ketten war bzw. ist jedoch eindeutig die heikelste Stelle der Tour. Ich konnte das souverän meistern, dennoch würde ich nachdrücklich die Mitnahme von 20m Seil bzw. Reepschnur empfehlen. Dies reicht, um es zwischen den ca. 10m voneinander entfernten Stangen zum Festhalten zu nutzen (Klettergurt und Abseilgerät sind verzichtbar), was diese Passage deutlich entspannter macht. 

Wiederaufstieg zum Vorgipfel auf dem Rückweg. Wie man sieht, ist dies problemloses Gelände.
Die heikle Stelle zu den Ketten ist vorbei, man kann wieder Fahrt aufnehmen mit dem zweiten Kessel vor sich. Der Weg (in voller Auflösung erkennt man die Spuren) verläuft unterhalb vom dunklen bzw. oberhalb vom hellen Felsband. Kurz vor dem nächsten Ecke die Kessel-Schlüsselstelle.
Wieder draussen aus dem Bänderweg. Der Rückweg nach Brigels folgt dem ganzen Rücken voraus, bis hin zum rechten Bildrand. Wie man sieht, legt man auf dieser Tour doch nebst den Höhenmetern auch eine beträchtliche Strecke zurück.
Gute und klar erkennbare Wegspur auf dem Schuttrücken, der zu P.3096 hinunterzieht.

Zurück ins Tal

Die Ketten selbst waren dann Formsache, die beiden Kessel beschritt ich zügig und ohne jegliches Zögern und nach dem Erreichen des ersten Ecks (3000m, Anfang/Ende Bänderweg) war es dann definitiv nur noch Marschieren an einem wunderschönen Herbstnachmittag. Zuerst ging's noch sehr beschwingt, erst in der horizontalen Querung an der Flanke des Fil da Rubi spürte ich den Effort dann langsam etwas. Ja, so weit (ca. 25km und 1700hm hin und zurück) war ich schon lange nicht mehr gelaufen - tut aber gut. Sowieso, über kurz oder lang war das Bikedepot erreicht und in rauschender Fahrt bald auch das bequeme Polster und eine Quelle für kühle Getränke. Wow, was für eine Tour - schon unglaublich, was in einem Tag alles für Erlebnisse Platz haben.

Der Biferten muss nach dieser Aktion etwas Dampf ablassen - wie damals bei der Holy Smoke!

Zeiten (für einen Senior & Sportkletterer ohne Ambition auf Rekorde, geht sicher auch schneller ;-)) 

Aufstieg (geschätzt anhand der Fotos, Pausen inklusive):

00:00 Start in Brigels, Parkplatz der Bergbahn (1257m) mit E-Bike
00:25 Alp Quader 
01:45 Bifertenhütte
02:55 Einstieg Bänderweg / Beginn erster Kessel
03:20 Beginn zweiter Kessel
03:45 Beginn der Ketten
04:00 Vorgipfel P.3359
04:20 Gipfel (3421m)

Abstieg (geschätzt anhand der Fotos, Pausen inklusive):

00:00 Start vom Gipfel
00:30 Unteres Ende der Ketten
00:55 Ausstieg aus dem Bänderweg
01:30 Bifertenhütte
02:30 Bikedepot Alp Quader
02:45 Brigels

Material

Ist natürlich sehr von den Verhältnissen abhängig und schlussendlich muss jeder wissen, was er sich zutraut und mitbringen will. Insofern es einem Tatbeweis bedarf, so wäre er erbracht, dass man den Gipfel bei Idealbedingungen mit kurzen Hosen und Zustiegsschuhen erreichen kann. Ganz sicher gibt's auch Tage, wo alpine Vollmontur inkl. Pickel und Steigeisen gefragt ist. Nicht verzichten würde ich bei einer Wiederholung auf ein 20m-Seilstück für die Platten zum Grat, egal ob man solo oder in Seilschaft geht. Wer bei der Traverse zu Beginn des zweiten Kessels sichern möchte (nur in Seilschaft sinnvoll), sollte auch ein paar Exen und einen Klettergurt mitnehmen. 

Routenbeschreibung

Von Brigels per Auto, E-Bike, Shuttlebus oder mit Sesselbahn (nur bis Cuolms P.1665) zur Alp Quader P.1903. Wer ab Brigels zu Fuss gehen will, steigt effizienter durch das Val Frisal auf.

Von der Alp Quader dem Wanderweg (T2) entlang bis zur Bifertenhütte. Weiter auf guten Wegspuren, jedoch nicht mehr offiziell markiert zum Limmerenpass (P.2612) und weiter über den Schuttrücken von P.3096, zuletzt mit einer Traverse nach links zum Einstieg in den Bänderweg (ca. 3000m, guter Pausenplatz, bis dahin T2).

Man durchschreitet den ersten Kessel (ca. T4), wobei man mittig bei P.3064 nochmals den Grat erreicht, zum Eck vor dem zweiten Kessel. Dort gleich zu Beginn die engste Stelle (ca. T5, I, mehrere BH zur Sicherung vorhanden). Dann einfacher weiter (ca. T4/T5), mittig im Kessel mit Zwischenabstieg, zum Beginn der Ketten vor dem Eisrest bei P.3159.

Den Ketten entlang hinauf (frei geklettert ca. eine plattige III/IV). Dann hören die Ketten auf, es gilt über exponierte, schuttbedeckte Platten den Grat zu erreichen (ca. T5, II, Sicherungsstangen im Abstand von ca. 10m vorhanden, Crux bei seilfreier Begehung, v.a. im Abstieg heikel).

Am Grat wieder viel einfacheres Terrain (ca. T4). Man überschreitet den Vorgipfel zu P.3352. Der Eisrest im Gipfelbereich kann entweder überquert oder südseitig in den Felsen umgangen werden. Wenn man das Eis begeht, ist der heikelste Punkt das Erreichen der Felsen vor dem Gipfel. Mit etwas Kraxelei über diese erreicht man das Gipfelkreuz.

Abstieg auf derselben Route.

Mittwoch, 23. September 2026

Wendenstöcke - La lunga attesa (8a)

Nein, ganz so lange wie der Routenname suggeriert hatte sich die Wartezeit auf die Begehung dieser Route für mich nicht angefühlt. Erschlossen worden war sie nämlich von italienischen Wendenkletterern, welche ihre Touren üblicherweise als gleichermassen schwierig wie wild anpreisen. Zusammen mit der Bewertung von 8a hatte ich dieses Unternehmen als weit jenseits von meiner Kragenweite eingestuft. Nun aber hatten wir bei der Begehung der Niagara eine Woche dafür den perfekten Einblick in diesen attraktiven Wandbereich erhalten. Dies hatte so stark gelockt, dass wir wenig später wieder vor Ort kamen um zu prüfen, für wie bare Münze die Anpreisungen unserer Sportkameraden aus dem südlichen Nachbarland zu nehmen wären. 

Fabelhafte Wendekletterei, hier die stark überhängende Cruxlänge (L4, 8a).

Tja, zur Vorbereitung und dem Zustieg bleiben mir kaum noch neue Worte zu schreiben. Es war der dritte Sonntag in Folge mit einer Wendentour, welche alle mit derselben Routine in Bezug auf Aufstehzeit, Treffpunkt und Ausgangspunkt durchgeführt wurden. Um 8.20 Uhr liefen wir auf der Wendenalp voller Vorfreude im goldenen Morgenlicht und bei herbstlicher Frische los - nach schon sehr vielen Besuchen ist dieser Moment zwar durchaus schon etwas Routine, aber der Aufbruch zu diesen steilen Wandfluchten hat noch nichts von seiner Magie verloren - es ist ja auch jedes Mal auf's neue wieder eine Reise ins Ungewisse. Der Zustieg war weitestgehend exakt derselbe wie eine Woche zuvor, er stoppte nur ein wenig früher beim angenehm terrassierten Gelände am Fusse des Sektors Dom, beim klar zu identifizierenden Einstiegs-BH der Route Legacy (siehe Foto weiter unten im Beitrag, sonst ist in diesem Sektor nichts markiert). Nach etwas Vorbereitungszeit starteten wir um 9.40 Uhr bei sehr milden Temperaturen in die Route.

Blick auf die Sektoren Excalibur, Dom und Aureus mit dem Verlauf von La Lunga Attesa, Legacy und Andorra, sowie der besten Abseilroute über Legacy mit 2x50m-Seilen. Und ja, die La Lunga Attesa hat durchaus einige Querungen, weil das Foto aber etwas ein Bottom-Up-Shot ist, sieht es eher schlimmer aus, wie es sich in Realität anfühlt.

L1, 40m, 4b: Los geht's ca. 5m links vom BH der Legacy, die Route folgt einer vagen Rampe mit Rissspuren und auch einem kurzen Kamin. Die Kletterei ist weitestgehend einfach, befindet sich aber doch oberhalb der Schwelle vom Gehgelände. Fixes Material sucht man vergeblich, es lässt sich jedoch mit Cams (kleine Grössen bis 1) und/oder Keilen gut absichern.

L1 (4b) könnte man fast noch als verschärften Teil vom Zustieg bezeichnen. Und auch die Tatsache, dass man sie mit dem Haulbag klettern kann (bzw. muss), klassifiziert sie in Richtung Gehgelände. Aber das Seil (und ein Set Cams) ist absolut sinnvoll und die Hände braucht es bisweilen auch. 

L2, 40m, 6a: Der ambitionierte Sportkletterer verbucht wohl auch diesen Abschnitt noch als Zustiegslänge. Nun, die liebe L2 setzt sich dieser Klassifizierung aber gleich von vorneweg entschieden entgegen. Beim überhängenden Einstiegsboulder will gleich mal zugepackt werden. Der ist definitiv vom Typ 6a hard und sollte ohne Absicherungsmöglichkeit und über ziemlich flachem Grund gelegen besser sturzfrei gemeistert werden (immerhin gilt diesbezüglich die gleiche Charakteristik wie im Zustiegsgelände). Der erste BH steckt auch danach noch in der Ferne, ist aber sichtbar und Cam-Optionen und eine (nicht fix gefädelte) SU sichern diese Passage vernünftig ab. Eine weitere Crux folgt dann in Form einer schlabbrigen Slab unmittelbar nach dem zweiten BH. Der obere Teil führt noch über zwei Aufschwünge hinweg, die je mit einem BH gesichert sind - das geht gut.

Der Auftakt in L2 (6a) hat es gleich in sich, wobei in dieser Position der überhängende Auftaktboulder aus der Standnische raus schon gemeistert ist und die Sache deutlich entspannter vorangeht. Bis zum ersten BH ist jedoch noch eine ziemlich weite Strecke zu klettern ab da.

L3, 25m, 7c: Hier müssen nun alle Systeme auf Betriebstemperatur sein, was hoffentlich der Fall ist! Nun gut, der hoch steckende erste BH lässt sich mit einer Linksschleife noch erstaunlich easy anklettern. Ein erster Aufsteher ermöglicht gleich das Klippen des nächsten, derjenige darunter befindet sich da erst auf Kniehöhe. Wobei niemand die Sinnhaftigkeit dieses zweiten BH anzweifeln wird, denn nun folgt die Crux in Form einer heiklen Traverse zu den markantesten Wasserrillen rechts und dem ersten Höhengewinn an diesen. Das ist zu 100% zwingend, erst wenn man sich nach mehreren Metern in den sich zurücklegenden Rillen etabliert hat, kann man wieder klippen. Für 7c fühlte sich diese Passage fair bis gutmütig an (die im Charakter ähnliche Crux der Gemini ist härter und unangenehmer), geschenkt ist es natürlich trotzdem nicht. Der Schlussabschnitt über die ab da vernünftig griffigen Rillen ist dann fast schon Plaisirgelände - ausser dass es bis auf einen windigen 3er-Cam gute 10m ohne Sicherungsmöglichkeit sind.

Hier sind die beiden BH in L3 (7c) geklippt, nun heisst es delikat nach rechts zu den beiden tiefsten Rillen zu queren und an diesen erst auf Gegendruck an Höhe zu gewinnen. Diese Sektion bildet die Crux der Route, steht man mal mit beiden Füssen in den Rillen drin, ist's mehr oder weniger gegessen.

Die letzten Moves der Crux-Sequenz in L3 (7c), wenn geklippt ist, entspannt sich die Lage definitiv.

L4, 25m, 8a: Vor einem baut sich eine überhängende Wand auf, welche ganz offensichtlich die Crux bereithält. Wo sie sich wohl befindet? Der Leser wird es gleich erfahren, doch auch wir hätten es mit genauem Studium der Berichte der Erschliesser schon gewusst. Gleich zu Beginn heisst es, sich in scharfem Crimpy-Terrain mal richtig gut festzuhalten, doch schon relativ bald einmal tauchen überraschend griffige Schuppen auf. Bis vor die Stelle, wo der Ausstieg ins flachere Gelände folgt, ist die Geschichte nicht mal allzu schwierig (ca. 7b/+). Doch dann kommt es knüppeldick. Eine technische Mover-Passage mit minimalen Tritten und etwas staubigen Griffen führt vom zweitletzten zum letzten BH. An ein paar recht tauglichen Löchern kann man da nochmals die Übersicht gewinnen, bevor es definitiv ans Eingemachte geht. Zaubernd gilt es Gelände mit kleinsten Kratzern zu überlisten. Die Tritte sind schlecht und erfordern viel Anpressdruck - nur macht deren Positionierung und das schlechte Griffangebot es äusserst taff, diesen zu generieren. Zudem spielt sich diese Sequenz jenseits vom BH ab und muss absolut zwingend gemeistert werden - psychisch anspruchsvoll und engagiert, aber das Sturzgelände ist gut, man hat Sichtverbindung, kann einen Soft Catch geben und der letzte Haken steckt schon nicht meilenweit weg.

Der Exit von L4 (8a) ist sehr kleingriffig, knapp strukturiert und darum technisch äusserst fordernd. Bereits in der Passage, wo ich auf dem Foto engagiert bin, will heftig geriegelt werden. Getoppt wird die Sache dann noch von der nahezu grifflosen Wand vom letzten BH zum Stand hinauf - das Bild mag die Herausforderung wohl recht klar zu übermitteln.

L5, 40m, 6b+: Mit dem Exit aus der Crux betritt man quasi eine neue Welt - geneigte Reibungsplatten. Material ist dafür höchstens in weiter Ferne zu erspähen und so stellt sich die Frage, wie der genaue Verlauf hier ist. Könnte man möglicherweise direkt hoch klettern? Wir wissen es nicht genau. Das Originaltopo zeigt eher eine Linksschleife, dort gibt's auch eine Struktur (Schuppe), welche mobile Sicherungen aufnimmt. Allzu üppig oder mit super Placements eher nicht, und die vom Steinschlag glattpolierten Wasserrillen entpuppen sich plötzlich auch als sketchy. Man befindet sich da übrigens ziemlich genau in Falllinie des Wasserfalls. Wenn dieser in Betrieb ist, kann man da kaum klettern und bei Steinschlagwetter sollte man es besser auch nicht probieren. Weit gesichert ist es übrigens bis zum Ende (3 BH auf 40m), aber dank rauerem und strukturierterem Fels klettert sich der obere Teil eher komfortabler.

L6, 35m, 6b: Eine abenteuerliche Länge, wo man rund 35 Klettermeter für ca. 10m Höhengewinn zurücklegt, welche aber in direkter Linie wohl affenschwer wären. Somit Querung nach rechts hinaus, gerade die erste Stelle nach dem Stand ist durchaus knifflig. Ein BH folgt erst viel weiter drüben (vom Stand bereits sichtbar!), man bringt jedoch 2-3 Cams unter, auch wenn die Placements nicht 1a sind. Nach dem silbernen Vertrauensspender hält man sich weiter nach rechts, de fakto bis kurz vor einen antiken Stand von Andorra. Hier geht's in göttlichem Fels mit Tropflochleisten und Wenden-Suppenschüsseln über 2 SU-Schlingen hinauf, bevor man der natürlichen Linie zurück nach links zum Stand von Andorra folgt. Auch der ist Antik: Kronen-BH, lottriger NH und ein Mini-Sandührli. Wird wohl schon halten... unverständlich aber, warum bei der Erschliessung von Lunga Attesa hier nicht aufgebessert wurde.

Traverse über dem Abgrund in L6 (6b), abgesichert werden muss hier mit Cams.

L7, 35m, 7a+: Wer vom Stand aus heftig zurücklehnt, sieht die SU-Schlinge oberhalb der Nische rechts. Diese peilt man über die Wandstufe an und folgt dann der naturgegebenen Diagonale über eine Art Rampe nach rechts - relativ einfach und nicht besonders hübsch. Schliesslich geht's dann um die Ecke, man gelangt zu einer staubig-glatten Zone im Runoff vom markanten Siffloch, und entert später etwas heikel zwei grasige Nischen. Zuletzt pirscht man mit einer Rechtsschleife in athletisch-griffigem Gelände das Siffloch an, bei welchem sich der unbequeme Stand befindet. Sofern trocken, ist das Finish nur staubig. Wenn's da aber saftet, so ist es bestimmt ultra-schleimig und heikel. Die ganze Geschichte ist eher alpin, der Fels nicht von Wenden-Premium-Quality und insbesondere ist die Absicherung mit nur 4 BH auf der knappen Seite. Diese Faktoren einschliessend mag der Grad für den Vorstieg passend sein... rein zum Klettern am bequemen Seilende kam mir dieser Abschnitt aber deutlich einfacher vor wie z.B. die 7a der Niagara, vermutlich ist sogar deren athletische 6c+ schwieriger.

Fotogen und mit Tiefblick präsentiert sich L7 (7a+).

L8, 40m, 7b+: Generell: was man vorher nach rechts gequert ist, verschiebt man sich hier wieder nach links zurück. Die Orientierung im Detail ist jedoch nicht so einfach. Das beginnt schon mit der Passage aus dem Stand raus. Ca. 6m oberhalb ist eine SU-Schlinge sichtbar. Gerade hinauf ist es sicher (zu) schwierig, aber links oder rechts? Ich vermag es nicht zu sagen, wir sind schliesslich wegen der Darstellung im Originaltopo rechtsrum. Das ist ca. 7a und an beiden Seilenden nicht so prickelnd (Sturz in den Stand für den Vorsteiger, grosser Pendler ins Leere im Nachstieg). V.a. kommt man so fast 2m oberhalb der Schlinge an, muss dann abklettern und mehrere Meter nach links traversieren. Dann linkshaltend hinauf, die einfachste Linie führt einer überhängenden Verschneidung entlang, die (distant steckenden 2) BH sind aber ungünstig 1-2m rechts davon platziert. Weil oben später blankes Gelände folgt, ist ein Horizontalquergang nach links irgendwann unvermeidlich. Der ist relativ eng geboltet und bietet nochmals eine Crux, die wir beide unabhängig voneinander (man kann sich weder sehen noch hören) mit einem Cut-Loose gemeistert haben. Zuletzt dann wieder eher hinauf, ziemlich spooky als ich im Nachstieg plötzlich realisiere, wie ich den letzten BH ausgehängt habe, sich der Stand nochmals 7-8m links von mir befindet, ich aber erst noch eine athletische Wandstufe hinauf klettern muss - nur ca. 6c, aber das Motto "ja nicht loslassen" gilt da noch fast mehr wie auf dem Rest der Seillänge. Tja, was kann man sagen: irgendwie schon ein luftiger Fun-Climb, diese Länge. Der Fels ist aber auch hier nicht erste Sahne, der Verlauf ist umständlich und die spärlich vorhandenen Bolts nicht gerade optimal platziert (im Vorstieg Seilzug und unklare Linie, im Nachstieg heikel). Und eben, man sieht sich nicht, man hört sich nicht. Zur Beruhigung darf man dafür sagen, dass der Grad von 7b+ sicher zu hoch gegriffen ist, eine 7a+ reicht bestimmt auch.

Der letzte Abschnitt (L8, 7b+) ist kaum gut abzulichten. Daher muss halt dieses Selfie am Top herhalten. Wer möchte, könnte von da übrigens vermutlich hinauf zum Top vom Excaliburpfeiler wandern. Für uns nicht nötig, wir waren erst eine Woche zuvor dort.

Um 17.20 Uhr hatten wir das Top erreicht, was eine Kletterzeit von 7:40h ergibt. Nicht gerade wenig für 8 Seillängen, doch auch wenn die Kletterschwierigkeit über erstaunlich weite Strecken moderat ist, so muss man dort dafür defensiv klettern und nach Absicherungsmöglichkeiten suchen. Einen Teil der Zeit hatte auch die Cruxlänge gefressen. Bernat scheiterte hier ultraknapp im Onsight, sprich im Setup für den Move an den Rettungshenkel - so schade! Daraufhin war erst einmal eine Pause fällig, damit diese sehr zwingende Passage mit wieder aufgeladenen Batterien passiert werden konnte. Der ganze Rest der Route wurde von ihm in einwandfreiem Stil geklettert (onsight/flash). Ich konnte diesem Vorbild wohl für 99% der Strecke folgen. Zwei Ausnahmen gab's: ich brauchte in der Crux der 7c drei Anläufe, konnte dann aber die ganze schwierige Sequenz durchziehen. In der 8a war der härteste Abschnitt hingegen eher Stückwerk. Alle Moves gerade so gemacht, das darf ich mir wohl auf die Fahne schreiben. Mehr aber nicht, und ein Durchstieg fühlte sich da ehrlich gesagt weit weg an.

Der Startbolt von Legacy, hier geht die Tour los und da endet sie auch wieder. Und, es sei hier nochmals gesagt. In vielen Wendenrouten ist das Material solchermassen in die Jahre gekommen. So auch in dieser Erschliessung der Remy-Brothers aus dem 1992. Verzinkte Anker und rostfreie Plättli sind aber halt auch eine ungünstige Mischung. Jedenfalls: die Sanierung dieser Routen ist eine richtige Herkulesaufgabe. Darum: werdet Mitglied oder spendet an Organisationen wie Eastbolt und Rebolting, damit wenigstens die Kosten für das Hakenmaterial gedeckt werden können - aufwändig ist die Arbeit aber auch dann immer noch!

Nun denn, wir mussten wieder vom Berg kommen. Am Top befanden wir uns am Schlussstand von Legacy. Ob es einen separaten Schlussstand von Lunga Attesa gibt, bezweifeln wir (auch wenn dies im Extrem West so dargestellt wird). V.a. würde dies kaum Sinn machen, weil die beste Abseilmöglichkeit sowieso über Legacy verläuft und sich ein Abseilen über Lunga Attesa im oberen Teil äusserst umständlich präsentieren würde. Mit 2x60m waren wir in 2 Manövern schon zurück am Stand ob der 8a (deren Finish-Moves nochmals eingeprägt sein wollten) und in zwei weiteren retour am Einstieg. Mit 2x50m sind hingegen 6 Manöver fällig, siehe Fototopo. Wir räumten unsere Ware zusammen und wurden dabei von 2-3 Steinsalven erschreckt, welche aus dem Gully oberhalb vom Elefantenohr-Ausstieg kamen (dort habe ich nicht das erste Mal Steine fallen gesehen/gehört, siehe auch hier)! Während unser aktueller Standort safe war, so führte der Abstieg jedoch genau durch diese Zone. Nachdem eine Weile Ruhe war, machten wir uns mit gespitzten Ohren so schnell wie möglich auf den Weg Richtung Tal. Zum Glück blieb alles ruhig. Das hohe Tempo hielten wir aber gerne bis zur Wendenalp aufrecht, denn Hunger und Durst trieben uns Richtung Meiringen. Alles in allem konstatiere ich: auch #48 war ein absolut grandioses Erlebnis. Während die Lunga Attesa zwar wohl nicht zu den Top 10 der Wendenrouten gehört, so bietet sie doch von all dem, weswegen wir so gerne in diesem Gebiet klettern.

Facts

Wendenstöcke / Dom - La Lunga Attesa 8a (7c obl.) - 8 SL, 280m - Palma/Spreafico 2014 - ****;xx
Material: 2x50m-Seile, 8 Express, Cams 0.2-1 & 3

Interessanter Mix zwischen einfacherem Abenteuerterrain, Wasserrillen, technischer Wandkletterei und etwas Ausdauerhenkelei. Über erstaunlich weite Strecken ist die Kletterei verblüffend einfach. Voll die Härte sind nur ca. 3m in der 7c und ca. 2x2m in der 8a, der Rest geht nicht über 7b hinaus, das Gros der Klettermeter ist sogar maximal 6b. Der Punkt ist jedoch der, dass die Crux-Sequenzen absolut zwingend zwischen den BH geklettert sein wollen, mit A0 geht da gar nix. Für mich ist es schwierig, obligatorische Grade dieser Kragenweite einzuschätzen, aber 7b+ scheint mir eher knapp. So salopp würde ich sagen, es seien 7B-Boulder mit Zaubermoves in sehr technischem Gelände (minimale Fusstritte in unmöglichen Positionen, die viel Anpressdruck erfordern, welcher an sehr kleinen und auch nicht optimal platzierten Griffen zu generieren ist). Die Absicherung mit rostfreien BH ist an den Cruxen wie erwähnt fordernd/zwingend, aber nicht gefährlich. Im einfacheren Gelände wurde jedoch soweit wie möglich an Fixmaterial gespart. Man bringt da immer wieder Cams unter - so scheint es ok, auch wenn die Placements nicht alle superduper sind. Und dort wo es zwingend BH braucht, hat es dann schon welche. Sprich, Harakiri ist die Absicherung nicht. Was man wissen muss: die Route verläuft nahe in Falllinie des Wasserfalls zwischen Excalibur und Dom. So lange dieser in Betrieb ist (früh oder spät in der Saison, bei Schneeresten im Gipfelbereich) ist die Route wohl schon wegen Nässe unkletterbar und zudem wegen potenziellem Steinschlag gefährlich. Auch in ein Gewitter darf man da absolut keinesfalls geraten. Bei guten Bedingungen scheint das Steinschlag-Risiko aber akzeptabel - während unserer Begehungen von Niagara und Lunga Attesa fiel aus diesem Trichter kein einziger Kiesel runter. Darüber hinaus ist die drückende Nässe aus dem (schon vom Parkplatz aus erkennbaren) Siffloch in L7 ein zu berücksichtigender Faktor - den trocken-heissen Sommer 2026 darf man da sicher nicht für alle Zeiten als Massstab nehmen. Infos zur Route und zum Gebiet findet man im Extrem West, Band II, wobei das Topo dort sehr grob ist und nicht in allen Details korrekt. Dasjenige der Erstbegeher findet man auf dem Netz, es gibt den Routenverlauf auch nicht sehr präzise wieder. Darum: hier meine eigene Version (Download in voller Auflösung).

Mein schematisches Topo zur La Lunga Attesa an den Wendenstöcken.