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Sonntag, 25. September 2022

Ruchstock - Black Mamba (6c+)

Mit dem Ruchstock ist es so eine Sache: schon seit dem Ende der Erschliessung der modernen Touren durch die Südwand im Jahr 2006 hatten wir ihn auf dem Radar. Doch immer wieder scheiterte ein Besuch aufgrund der Bedingungen oder dem Priorisieren anderer Ziele. Zweimal waren wir sogar schon zum Berg unterwegs, das eine Mal war ich unpässlich, das zweite Mal trafen wir am Einstieg auf einen heftigen Wasserfall, verursacht von einem unerwarteten, nächtlichen Gewitter davor. Damals kletterten wir mit der Speck-Kante immerhin eine erste (und lässige!) Tour am Berg. Das liegt nun auch schon wieder 6 Jahre zurück und ich kann mich noch gut erinnern, dass mein Tourenpartner Jonas da eben gerade frischgebackener Vater war und ich ihm stolz von der Einschulung meiner Tochter berichten konnte. Tja, die Zeit schreitet voran, alle werden wir älter: inzwischen ist Jonas' Sprössling schulpflichtig und meine Tochter besucht seit diesem Sommer schon die Oberstufe. Nun ja, den Ruchstock mit schon ein paar Millionen Jahren auf dem Buckel wird das nicht sonderlich kümmern...

Here we go! Start in Engelberg Dorf, beim von der Sonne beleuchteten Berg links der Bildmitte handelt es sich um den Sättelistock, wo wir bereits im 2011 die tolle Physical Gravity attackiert hatten. In Bildmitte bekommt auch der Laucherenstock bereits erste Sonnenstrahlen. Der Ruchstock befindet sich rechts davon, zur Zeit noch komplett im Schatten.

Normalerweise startet man die Tour mit der Bahn von Engelberg nach Ristis, wobei man es dann vorteilhaft so anlegt, dass man deren letzte Rückfahrt nicht verpasst. Schon das letzte Mal hatte ich von der Möglichkeit geschrieben, für 4 CHF das Bike mitnehmen zu können, um jederzeit bequem und sogar günstiger als mit einer Gondel-Rückfahrt zurück ins Dorf zu kommen. Wir nahmen dieses Mal die E-Bikes mit und verzichteten komplett auf die Bahn - kann man machen, eine Ersparnis von Zeit und/oder Kraft ergibt sich so jedoch gegenüber einer Bahnfahrt nicht. Um 7.45 Uhr radelten wir in Engelberg (1004m) los, waren um 8.05 Uhr bei der Bergstation Ristis (1600m), von wo man noch weiter bis zum Vogelloch etwas oberhalb vom Rigidalstafel fahren kann, wo wir die Bikes deponierten und um 8.15 Uhr zu Fuss losliefen.

Bikedepot am Ende des gut fahrbaren Abschnitt mit Blick auf die Rückseite der Wendenstöcke.

Nun wartet eine noch längere Wanderung zum Einstieg. Standardmässig (d.h. laut Angaben in den Topos) wird der Weg via Rugghubelhütte empfohlen, alternativ könnte man auch etwas kürzer direkt, dafür meist weglos via das Kar der Planggenalp dahin gelangen. Für den Aufstieg wählten wir die Variante über die Hütte, wo wir eine viertelstündige Pause einlegten und ein Getränk konsumierten. Ab da weiter Richtung Rot Grätli, dann eher tief unten der Nase nach links haltend weglos unter die Südwand, die Geröllhalde horizontal überquerend zum Einstieg, der links des markanten, vorgelagerten Blocks mit den Baseclimbs liegt. Die Farbaufschrift für die Black Mamba ist noch ziemlich gut sichtbar, um 9.45 Uhr und somit in 2:00 Stunden ab Engelberg waren wir da und bereiteten uns auf die Kletterei vor. Einige Minuten nach 10.00 Uhr stiegen wir ein.

Verlauf der Black Mamba durch die Südwand am Ruchstock.

L1, 30m, 5c: Kurze, ganz nette Seillänge. Sie bietet weder in Hinsicht auf die Schwierigkeit noch den Klettergenuss herausragendes - eine schnell erledigte Ouvertüre.

L2, 45m, 6c+: Eine lange und abwechslungsreiche Seillänge mit verschiedenen Herausforderungen. Gleich zu Beginn wartet schonmal ein Dächli, welches eine gewisse Beweglichkeit in der Hüfte abfragt. Dieses macht den Weg frei zu echt lässiger Kletterei an Leisten und schwarzen Einschlüssen. Mittig weckt ein abstehender, aber zwingend in die Sequenz einzubauender Block Argwohn, er ist aber doch solider verwachsen wie man erst befürchten konnte. Weiter in Erinnerung geblieben ist mir eine Feng-Shui-Traverse danach und (leider) vor allem die Passage an der grossen Schuppe am Ende. Diese tönt grossflächig hohl, ist nicht umgehbar und de fakto steckt auch der BH in dieser Struktur. Wahrscheinlich kümmert dieses mehrere Quadratmeter grosse und viele Tonnen schwere Ding die Präsenz eines Kletterers ganz und gar nicht und es wird noch Zehntausende von Jahren an seinem Platz bleiben. Allein der Gedanke daran, was passieren würde wenn dem nicht so wäre, der lässt sich nicht so einfach aus dem Kopf verbannen. Zu erwähnen noch: verlängern hilft, am Ende weniger Seilzug zu verspüren.

Super Kletterei am Ende von L2 (6c+), wenn nur dieses Schuppensystem nicht etwas spooky wäre!

L3, 40m, 6c+: Erneut eine sehr schöne Seillänge von tendenziell eher steilplattiger Natur, der Fels weist hier eine hervorragende Reibung auf. Einige Stellen regen durchaus zum Nachdenken an und erscheinen auf den ersten Blick schwierig. Schliesslich hat sich für mich aber doch alles bestens aufgelöst - mehrmals ist es aber so, dass die Absenz eines kleinen Löchleins oder einer Leiste dann sofort massiv höhere Schwierigkeiten bedeuten würde. Genial also, wie hier die Natur dem Kletterer die elegante Passage erlaubt. Zum Ende der Seillänge hat man dann die Wahl, entweder rechts an mässig solid wirkenden Blöcken zu dülfern, oder konsequent links deutlich schwieriger plattig zu moven. Das fühlt sich trotz später hinzugefügtem BH etwas kühn an, v.a. weil man auch da wieder deutlich das Seilgewicht verspürt.

Tolle, steilplattige Kletterei auf sehr adhärentem Fels in L3 (6c+).

L4, 35m, 6c: Unsere Vermutung am Stand lautet "kurzer Boulder zum Auftakt, dann leichtes Gelände" und exakt so bestätigt sich das. Der Wulst zu Beginn erfordert es, herzhaft an einem Sanduhr-Schüppli zu ziehen und dann mit Untergriffen einen Mantle à la Fontainebleau auszuführen. Dies erlaubt einem dann eben, im Dreier-/Vierergelände zum Stand am Zwischenband zu klettern. Die im Topo erwähnte Eisenstange (welche zum Auffinden der Abseilstelle dient) ist nach wie vor da.

Panorama aus der Route, in Bildmitte (von vorne nach hinten) Rugghubelhütte, Hahnen und Titlis.

L5, 120m Gehgelände und 30m 3a-4a: Nun ist man also auf dem schuttigen Band angelangt, welches mittig nochmals eine steile Schrofen- oder Felsstufe aufweist. Die Route bezwingt diese Stufe im kompaktesten Stück Fels. Der Stand darunter wird in einer ~50m messenden Traverse erreicht, dann sind es ~25m Kraxelei, gefolgt von weiteren ~70m zur Fortsetzung der Black Mamba an der oberen Bastion. Die Abschnitte im Schutt sind nicht exponiert und erfordern keine Seilsicherung. In der Felspassage steckt 1 BH zur Zwischensicherung, er ist allerdings gar nicht so einfach zu finden, da der logische Verlauf eher nebenan vorbei führt und eher im dritten Grad einzustufen ist. Schneller und weniger umständlich ist es, den ganzen Abschnitt seilfrei zu machen - ob das in Sachen Sicherheit zu verantworten ist bzw. wesentliche Abstriche diesbezüglich macht, darf jeder selber entscheiden.

Sicht von Stand 4 am Ende des unteren Wandteils auf das Geröllband, die Zwischenstufe und den oberen Teil.

L6, 40m, 6c+: Für den oberen Wandteil wird einem in der Literatur fantastischer Hochgebirgskalk versprochen. Und tatsächlich, den findet man - auf diesem Abschnitt mit allerbestem, silbrig-rauem Gestein à la Rätikon. Schon bald einmal heisst es, in einer kurzen Traverse eine biestig-kleine Leiste zu zwicken, bevor man ziemlich kommod aber sehr schön zum Finale gelangt, wo man seine Moves nochmals etwas sorgfältiger planen muss.

Black Mamba, eine richtig coole Route!

L7, 25m, 6a: Die Wand wirkt recht steil, der Fels ist kompakt und bestens - auf den ersten Blick sieht es nicht ganz nach einer so tief einzustufenden Seillänge aus. Der vorgeschlagene Grad stimmt aber tatsächlich. Der Fels ist phänomenal strukturiert und weist darüber hinaus zahlreiche Henkel auf - purer Genuss!

L8, 35m, 6c+: Vielleicht die beste aller Seillänge auf dieser Route! Rätikonartig geht es auch hier in die Höhe, vorerst löst sich alles prima auf. Schwieriger wird es dann gegen das Ende hin. Eine kompakte, 3-4m messende Steilzone stellt sich in den Weg. Auf vielen Metern links und rechts wäre diese de visu in freier Kletterei kaum zu bezwingen. Aber wirklich genau im graden Routenverlauf bieten einige Seitgriffschuppen die Möglichkeit, dies bei einigermassen moderaten Schwierigkeiten zu tun - phänomenal! Ja, hier hat der Erschliesser ein gutes Gespür gehabt - oder vielleicht auch einfach Glück, denn aus der Ferne sind diese Griffe kaum zu erahnen. Diese Passage leitet nahtlos über in ein Finish, welches noch etwas Übersicht und Rési erfordert.

Am Ende von L8 (6c+) heisst es dranbleiben und etwas Rési an den Tag legen.

L9, 20m, 5c+: Ein kurzer Abschnitt in sich etwas zurückliegendem Gelände. Da man zusätzlich einer diagonal hochziehenden Reihe von Strukturen und Löchern folgt, sind die Schwierigkeiten tatsächlich markant tiefer. Die Felsqualität ist da nicht mehr ganz so überragend wie davor, schön ist die Kletterei aber immer noch.

L10, 35m, 6c: Hier geht's gleich mit einer steilen Wand los, der Fels hervorragend tropflochartig mit Leisten garniert, echt toll zu klettern. Mittig kommt man zu einem kleinen Dächli, wo die Route eine für mein Gusto unlogische Linksecke schlägt. Da die folgenden Haken aus der Kletterstellung nicht sichtbar sind und im Topo nicht alle BH eingezeichnet, finde ich schliesslich nur mit Umwegen und einer Traverse weit über der letzten Sicherung dahin. Man merke sich also: "der Haken über dem Dächli steckt eher links!". Nachher geht's wieder gerade hinauf, im kompaktesten Gestein bleibend, dessen Qualität gegen den Stand hin abnimmt, aber bis ebenda gerade noch im akzeptablen Rahmen bleibt.

Prima Ambiente mit Blick auf die benachbarten (Kletter)berge und ins Mittelland hinaus.

L11, 20m, 2a: Kurzes Verbindungsstück zur letzten Wandstufe. Vom Stand links hinaus und in einfachem Gelände aufwärts. Der Fels geht bald in labilen Schutt über und es ist ziemlich schwierig, keine Steine auszulösen. Den Sicherungspartner behelligen diese jedoch nicht, einzig für andere Seilschaften weiter unten in der Wand könnte es prekär sein - bei den bisherigen Begehungsfrequenzen ist dies jedoch ein kaum realistisches Szenario. Der Stand dann bei der markanten Wandbuchdose.

Die echt luxuriöse Wandbuchdose am vorletzten Standplatz.

Und auf eben dieses Wandbuch waren wir natürlich sehr gespannt. Zuerst im Zweifel, ob es die vielen Jahre an der Schwelle im Hochgebirge gut überdauert hat, was aber dank dem luxuriösen Behälter absolut der Fall war. Der Blick ins Buch zeigt dann erstaunliches: in der Black Mamba waren wir in den 16 Jahren ihres Bestehens neben dem Erschliesser gerade einmal die vierte Seilschaft - bei einer Route von dieser Qualität kaum zu glauben, erst recht da der Extrem Ost auch viele lobende Worte darüber verliert. Tja, manches im Klettersport lässt sich mit logischen Argumenten nicht erklären... wenn ich es richtig in Erinnerung habe, so wurde der wendenmässig ausschauende, obere Teil der benachbarten Dream Team bisher sogar nur ein einziges Mal geklettert!

L12, 45m, 5c+: Zum Schluss wartet noch eine etwas alpine Seillänge. Der Fels ist durchaus noch als "gut" zu bezeichnen, allerdings nicht mehr von derselben Qualität wie davor. Die ersten beiden BH folgen bald, wobei der zweite etwas rechts ausserhalb vom logischen Verlauf liegt und v.a. zu tief steckt. So droht auf dem Weg zum schlecht sichtbaren dritten Bolt (gerade hinauf geht es) durchaus ein Bodensturz, es handelt sich aber um maximal Vierergelände. Ein Steilstück markiert danach die Crux, bevor man über einfache Wasserrillenplatten in einem grossen Runout dem finalen Stand am Gipfelgrat entgegen klettert.

Sicht vom Ende der Route zum Gipfel, die Bezeichnung Ruchstock passt hier tatsächlich.

Ein paar Minuten vor 15.30 Uhr und damit nach 5:15h Kletterei hatten wir das Top erreicht. Die Route hatte in Bezug auf die Qualität unsere hohen Erwartungen absolut erfüllt, ja sogar übertroffen. Ebenso hatten wir kurz vor dem durch die Meteodienste bereits angekündigten, ersten Wintereinbruch nochmals beste, sommerliche Bedingungen angetroffen. Mir war eine mühelose, komplette Onsight-Begehung gelungen. Im Vergleich zur Bons Baisers am Rothorn zuletzt oder noch viel mehr der knallharten As de Coeur an den Wendenstöcken dünkten mich die Bewertungen doch wesentlich gutmütiger. Ich will damit nicht sagen, sie seien hier oder da falsch. Ich bin mir der enormen Spannbreite der Einstufungen je nach Gebiet und Erschliesser (sowohl auf MSL wie beim Sportklettern) ja bestens bewusst und lasse die gerne so stehen - der Versuch einer "korrekten" Bewertung erscheint mir bei dieser Heterogenität sowieso komplett sinnlos. Jedenfalls, das sei auch noch gesagt: ich bin schon mehrere Touren von Sämi geklettert, das in der Black Mamba gebotene hat in jeder Hinsicht meine Erwartungen erfüllt.

Unser Abstiegsweg verläuft hier durch das Kar zur Planggenalp.

Vom Stand am Top könnte man zu Fuss im einfachen Schuttgelände den ca. 200m entfernten Gipfel des Ruchstocks problemlos erreichen. Da wir beide schon im Rahmen von Skitouren dort waren und man gegenüber dem Routenende dort keine wesentlichen, neuen Einsichten gewinnt, verzichteten wir darauf und machten uns ans Abseilen. Dies vollzieht sich im oberen Wandteil über Dream Team und umfasst 4 Strecken (50m!!, 50m, 40m, 50m). Über das Geröll muss jeweils zurückgelaufen, über die Felsstufe 25m abgeseilt werden. Der untere Wandteil umfasst dann nochmals vier etwas kürzere Manöver. Um 16.30 Uhr waren wir retour am Einstieg, packten unsere Waren und entschieden, auf dem Rückweg die direkte Variante via Planggenalp zu wählen. Ob dies schneller als via Hütte ist, können wir natürlich nicht beantworten. Jedenfalls war das blockige Geröllgelände ganz ordentlich gut begehbar, wir erreichten bereits um 17.15 Uhr die Brücke bei P.1964 und trafen um 18.00 Uhr nach einem fägigen Bike-Downhill in Engelberg ein - a very fine day!

Facts

Ruchstock - Black Mamba 6c+ (6b+ obl.) - 12 SL, 400m + 120m Gehgelände - Sämi Speck et al. 2006 - ****;xxx-xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, evtl. Cams 0.4-0.75

Eine hervorragende, durch das Schuttband in Wandmitte zweigeteilte Route. Der untere Teil bietet steilplattige Kletterei an Leisten, Schuppen und schwarzen Einschlüssen, während man im oberen Teil rauen, vom Wasser zerfressenen Kalk à la Rätikon geniesst. Mit der Tatsache, dass man hier eine imposante Wand komplett erklimmt und sich in einer sehenswerten alpinen Umgebung bewegt, ist eine 4*-Bewertung auf jeden Fall verdient! Einige kurze Abschnitte sind etwas alpiner, die Route ist aber sicher einem breiten Kreis von Kletterern zugänglich. Dies wird unterstützt durch die im Vergleich eher softe Bewertung und der guten Absicherung. Sämi Speck hat die Route im 2015 mit zusätzlichen BH nachgerüstet, seither sind alle schwierigen Stellen prima abgesichert, nur im wirklich einfachen Gelände gibt es auch mal einen Runout. Die Mitnahme von mobilen Sicherungsmitteln scheint mir fakultativ. Wir hatten einen Satz Cams dabei, ihn aber nicht eingesetzt. Die Route ist im Extrem Ost beschrieben, alternativ kann man auf das Originaltopo zurückgreifen. Bei diesem ist zu erwähnen, dass (nicht nur seit dem Nachrüsten 2015, aber seit da erst recht) mehr BH stecken als verzeichnet.

Das Originaltopo vom Erschliesser Sämi Speck - vielen herzlichen Dank!

Freitag, 16. September 2022

Rothorn / Rote Fluh - Bons Baisers de Sibérie (7a+)

An die gelobte Rote Fluh im Färmeltal hatte ich es bisher erst ein einziges Mal in meiner Kletterkarriere geschafft und das liegt nun auch schon wieder 5 Jahre zurück. Doch nun war wieder einmal ein Tag dafür gekommen. Eine langsam abziehende Schlechtwetterfront versprach in der Zentral- und Ostschweiz noch viele Restwolken und die Temperaturen waren auf herbstliches Niveau gefallen. Zusätzlich waren der persönliche Formstand und die nötige Dicke der Fingerhaut auf dem erforderlichen Level. So konnte die kurvenreiche Anfahrt ins hintere Simmental gutem Mutes angepackt werden. Noch während dieser einigten wir uns auf einen Versuch in der am höchsten gelobten Tour an der Wand. Diesen Lobpreisungen kann ich nur zustimmen, die Bons Baisers ist mit Garantie eine der Top-MSL-Routen der Schweiz!

Das Rothorn in seiner ganzen Pracht mit dem Verlauf der Bons Baisers de Sibérie (7a+)

Wie schon beim letzten Mal stationierten wir unser Gefährt beim Waldstück auf ca. 1440m und liefen um 8.40 Uhr los. Scheinbar waren keine anderen Kletterer unterwegs und das bestätigte sich später tatsächlich; wir hatten die ganze Wand des Rothorns alleine für uns zu Verfügung - erstaunlich! Erst auf Güterstrassen, dann entlang dem Wanderweg zum und durch den Brandwald ging es bis zum Ausgang desselben unterhalb der Alp Bluttlig auf 1710m. Dort verliert sich der Pfad, man geht am besten einfach gerade über die Wiesenhänge hinauf. So wird man unweigerlich auf den Climbers Trail treffen, der ab ca. 1790m wieder deutlich ausgeprägt ist und im Bereich der grossen Geröllhalde zur Wand führt. Gerade eine Stunde nach Aufbruch waren wir an den tiefsten Felsen, wo sich der Einstieg von Le Salamandre befindet. Etwa 50m weiter links oben liegt der Startpunkt der BBdS - die Aufschrift ist inzwischen abgeblättert, die (auf den Topos verzeichnete), markante kleine Nische links an diesem Felsriegel ist aber genügend charakteristisch, um sich sicher zu sein. Um 10.05 Uhr waren wir 'geared up' und starteten mit der Kletterei.

Das hintere Färmeltal - de toute beauté :-)

L1, 45m, 6b+: Die ersten Meter sind gleich der am wenigsten attraktive Abschnitt der ganzen Route. Da ist der Fels noch nicht über jeden Zweifel erhaben, passt aber schon. Bald einmal geht's athletisch-griffig über zwei Wulste hinauf, was einen auf die grosse Platte bringt. Dank tollem, rauem Fels und genügend Struktur geht's auch da weitgehend recht kommod voran. Nur an einer Stelle, die sich zusätzlich auch noch zwischen den Haken befindet, muss man vage Sloper bedienen, sich 'süüferli' verschieben und der Reibung das Vertrauen schenken. Zuletzt dann wieder einfacher auf das Grasband hinauf.

Zum Greifen nah! Wir hatten definitiv mehr Freude an ihm wie die Dohlen.

L1bis, 20m, Gehgelände: Man muss sich über das Grasband nach links verschieben, wo die Route nun so richtig beginnt und durch die ~180m hohe, stets mindestens vertikale und oft überhängende Steilwand führt. Von den beiden Standplätzen bzw. Hakenlinien ist die rechte die Richtige, bei der linken handelt es sich ein schwieriges Projekt/Route (?) von Berner Oberländer Kletterern.

L2, 35m, 6c+: Hier ist die Schonfrist definitiv vorbei und es geht volle Kanne los. Schon nach wenigen Metern ist man von der fingerkräftigen Tropflochkletterei hoffentlich begeistert, kämpft möglicherweise gegen den aufkeimenden Pump und sucht sich seine Sequenz durch die unzähligen Strukturen der Wand. Schon bald ist einiges an Engagement nötig - die Absicherung ist zwar safe, aber doch nicht allzu üppig, vor allem aber ist das Terrain anhaltend und die Moves auch zwischen den Haken fordernd. In der Mitte lockt ein arg auf direkte Linie gesetzter Haken zum Pokerspiel über die zu wählende Beta und auch kurz vor Ende erfordert eine weitere cruxy Sektion Entschlossenheit. Insgesamt ein tough cookie, hier eine 7a zu geben wäre sicher auch nicht verkehrt.

Exzellente Kletterei in fetzig-scharfem Tropflochkalk in L2 (6c+).

L3, 25m, 7a+: Metermässig eine der kürzeren Seillängen, subjektiv wird es einem aber bestimmt nicht als eine halbe Portion vorkommen. Gängiges Gelände führt einen an die Crux heran, wo wegen Trittarmut athletisch an Untergriffen und ein paar mässigen Leisten operiert werden muss, bis man seine Griffel wieder in scharfe Tropflöcher krallen kann. Nach einer kurzen Verschnaufpause fordert eine zwar recht gutgriffige, löchrige aber unübersichtliche und erneut trittarme Power-Passage. Ein Runout bringt einen zum finalen, funky Boulderproblem über einen Wulst mit einem balancy Ausstieg - kühne Sache, die durchaus Entschlossenheit fordert. Auch hier gilt, die 7b (welche in älteren Topos zum Teil noch gelistet wird) wäre bestimmt keine Überbewertung.

Nach athletischer Power-Kletterei wartet in L3 (7a+) ein knifflig- bouldriges Finale.

L4, 45m, 6c+: Eine Mooonster-Länge, aber so, so gut! In perfektem Tropflochfels geht's diagonal rechts hinauf, mit der richtigen Linienwahl doch einigermassen kommod. Nach etwa 15m stellen sich einem aber zwei überhängende Abschnitte in den Weg. Rissähnliche Strukturen und ein paar runde Löcher stellen das Material dar, um diese mit kräftigen Moves zu bezwingen. Man erreicht so eine wasserrillige Rampe, welche die Route aber zu Gunsten von schwierigerer Kletterei gleich wieder nach rechts verlässt. Kühne Steilplattenmoves werden gefordert, die Stelle vom zweitletzten BH weg ist dabei echt knifflig und leitet in einen längeren Abstand über - nur cool bleiben, je mehr man sich vom Haken entfernt, desto einfacher wird es. Diese Länge wird in einigen Topos als 6c+, in anderen sogar nur als 6c bewertet. Letzteres macht für mich keinen Sinn (da hier nix einfacher ist wie in L2, L5, L6) und auch eine 7a wäre nicht gestohlen.

Die Mooonster-Pitch (L4, 6c+) endet mit harter Steilplattenpassage, in einen Runout übergehend.

L5, 35m, 6c+: Von den allesamt genialen Seillängen im Hauptteil ist diese hier vermutlich die am wenigsten herausragende - aber natürlich immer noch kein Programm zum Wegzappen. Los geht's nach links hinauf mit steiler, stets latent pumpiger Tropflochkletterei. Wer noch ausreichend Reserven an Kraft und Haut hat, kommt aber bestimmt ohne grössere Basteleien zur Crux, wo man sich von einer guten Rastposition die Strategie zurechtlegen kann. Die offensichtliche Standard-Beta besteht aus einem instabilen Move von einem Sloper in einen Untergriff. Ich habe drei-, viermal dazu angesetzt, aber die Garantie die Bewegung ohne Wegzukippen ausführen zu können spürte ich nicht. Da ich mir den Onsight nicht versauen wollte, habe ich schliesslich eine bessere Lösung identifiziert und auf diese gesetzt. Die ging stabil, aber ob sie nun tatsächlich einfacher ist oder womöglich sogar nur mit meinen Proportionen machbar, vermag ich natürlich unmöglich zu sagen. Mein Kletterpartner hat mir im Anschluss bestätigt, dass der Move auf der Originalbeta effektiv so schwierig und heikel ist, wie ich ihn eingeschätzt habe. Nach der Crux wird es bald einfacher, man klettert in nicht mehr ganz perfektem Fels auf den Hinkelstein hoch, der Hakenabstand zum Stand ist richtig weit!

In L5 (6c+): "Kannst mal anhalten, damit ich ein Foto machen kann?" - ja, ich konnte :-) 

L6, 30m, 7a: Während man dem zu Beginn dem Band entlang untenrum fast spazieren könnte, so nimmt die Route einen scheinbar etwas gesuchten Weg im steilen Gelände oberhalb. Die diagonale Querung an einer Reihe von erstaunlichen Löchern klettert sich dann aber echt genial und elegant. Schliesslich geht's wieder hinein in das steile Tropflochgelände. Gleich zu Beginn etwas heikel - ein Sturz würde da wohl heftig wehtun - aber es finden sich schon so richtig gute Crimps zum Zuschrauben, so dass die Gefahr eines Abgangs eher hypothetisch bleibt. Mittig heisst es dann, ein paar Moves an seitlichen Scharf-Winz-Griffen und auf mässigen Tritten mit Entschlossenheit durchzuziehen. Das bringt einen zu einem Dächlein, wo trotz ganz anderen Bewegungen/Charakter nochmals genau dieselben Worte zu den Strukturen und dem Geisteszustand gesagt werden darf. Zum Dessert wartet dann noch ein piaziger Riss. Meine Befürchtungen, es hier ganz am Ende noch in meinem Antistyle zu vergeigen bewahrheiteten sich nicht - der Flow war da und sowieso, im rau modellierten Tropflochkalk dülfert es sich doch merklich leichter wie im glatten Granit (mal abgesehen davon, dass die Stelle im Gesamtkontext auch nicht so schwierig ist). Ein paar Henkel führen schliesslich nach links zum Top, wo ich mir doch die Frage stellte, warum genau diese Länge mit 7a bewertet ist. Obwohl ich an diesem Punkt sicherlich schon etwas müde war, ging es mir tendenziell leichter von der Hand wie L2, L4 und L5, wobei die 7a im einem weiter gefassten Vergleich aber sicher gerechtfertigt ist.

Diagonale Lochreihe zu steiler Tropflochwand heisst es in L6 (7a+) - erneut genial!

Um 16.50 Uhr und damit nach 'a whopping' 6:45 Stunden Kletterzeit hatten wir beide das Top erreicht. Das tönt bei nur 6 Seillängen bestimmt nach sehr viel. Es war aber alles perfekt gelaufen, für uns stand bei perfekten äusseren Bedingungen aber halt die freie Begehung im Zentrum. Die anhaltend schwierige Kletterei ist einerseits oft tüftelig-unübersichtlich, zudem erfordert und erlaubt sie es aber doch stets, an etwas besseren Griffen zu schütteln um auf einem akzeptablen Laktatlevel zu bleiben und sich die Strategie für eine folgende, kleingriffigere Sektion zu zimmern. Total geflasht von dieser Traumbegehung warfen wir die Seile aus. Das Abseilen geht ob der steilen Wand sehr zügig, mit nur 5 Manövern (Top -> S5 -> S4 -> S3, von da (mit 50m knapp!) -> S1bis -> Boden) waren wir um 17.15 Uhr zurück bei unserem Depot am Einstieg. Wir verpufften das Material und schnürten die Schuhe, der Weg zum Ausgangspunkt lässt sich zügig erledigen, so dass wir um 18.20 Uhr talwärts rollten. In Zweisimmen hiess es noch, des Automobils Akku mit einer Portion Ökostrom für den Heimweg zu versorgen, währenddessen konnten wir unsere Speicher gleich nebenan ebenfalls auffüllen. Schliesslich gondelten wir entspannt unseren Betten entgegen, mit dem Gefühl dass man diesen Sonntag kaum mit einem besseren Programm hätte verbringen können :-)

Super-fetzige Tropflochkletterei bis zum letzten Meter (L6, 7a) - der Stoff, aus dem Kletterträume sind!

Facts

Rothorn - Bons Baisers de Sibérie 7a+ (6c/+ obl.) - 6 SL, 230m - Anker/Piola 1990 - *****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express

Für meinen Begriff zweifellos eine der besten MSL-Touren dieser Art in der Schweiz, die anhaltend steile, homogen schwierige Tropflochkletterei in exzellentem, stark strukturiertem Gestein sucht ihresgleichen. Die vollen 5 Sterne mit dem Prädikat "Weltklasse" sind zweifellos verdient, auch wenn Empfindliche oder sich diese Art der Kletterei nicht Gewohnte die schiere Schärfe des Gesteins monieren könnten - was für mich effektiv kein Problem darstellte, rein von der Haut her könnte ich die Route bestimmt 3-4x am Stück klettern (in Sachen Kraftreserven und Zeitbudget sieht es freilich anders aus ;-)). Zum positiven Erleben trägt neben der schönen Landschaft auch die stimmungsvolle Absicherung bei: sie ist eher knapp gehalten, erfordert beherztes Steigen und den stetigen Willen zum 'Schritt vorwärts'. Nie aber empfand ich es als psycho oder unangenehm, zudem stecken die Bolts halt einfach genau da, wo es sie am meisten braucht - die Route ist nicht nur ein Meisterwerk der Natur, sondern auch der Erschliessung. Es sei noch erwähnt, dass man mit Cams/Keilen kaum etwas anfangen kann und diese darum getrost daheim bleiben können. Topos findet man z.B. im Extrem West, im Topoguide Band II oder im SAC-Führer Berner Voralpen.

Dienstag, 13. September 2022

Ailefroide / Paroi de la Draye - L'explosion des Calcanéums (6a+)

Weil es am Vortag so schön war, wollten wir gleich nochmals ein ähnliches Programm bestreiten. Am Vormittag eine kurze MSL am Schatten geniessen, danach weiter zum Sportklettern - für längere und alpinere Vorhaben war die Wetterlage nach wie vor nicht geeignet, da Tagesgangwetter mit abendlichen Schauern und Gewittern angesagt war. Somit war die bis nach dem Mittag schattige Paroi de la Draye wieder die erste Wahl, zumal es da noch sehr viele Touren zu klettern gibt. Mein Wunsch nach einer etwas schärferen Aufwärmtour fürs Sportklettern wurde von der Tochter ausgeschlagen. Gemütlich im 6ab-Bereich sollte es sein und somit entschieden wir uns für die beliebteste und begehrteste der Touren in diesem Bereich.

Die Paroi de la Draye bei Ailefroide mit dem Verlauf von L'explosion des Calcanéums (6a+).

Wir starteten erneut beim grossen Parkplatz auf der Wiese nach der Brücke, d.h. am Ausgang von Ailefroide. Am Vorabend war in dieser Gegend noch ein intensives Gewitter mit heftigem Regenfällen niedergegangen. Somit war das Gras feucht und die Wände auch nicht ganz einwandfrei trocken. Hätten wir auf eine schwierige Tour in Schattenlage gesetzt, so hätten mich wohl etwelche Zweifel beschlichen. Doch für diese gemütliche Route sollte es sicher passen - und genau das tat es dann auch. Um am effizientesten zum Einstieg zu kommen, geht man von der Parkplatzwiese am besten direkt zum Blockfeld und steigt darob auf dem etwas begrünten Konus auf Wegspuren die 50hm zum Startpunkt. Mit dem Foto aus dem 'Oisans Nouveau, Oisans Sauvage' ist dieser zweifelsfrei zu identifizieren. Wir aspirierten auf einen Fussabstieg, hatten also nur ein 1x50m-Seil dabei, steckten die feuchten Treter in den Seilsack, diesen auf den Rücken und waren kurz nach 9.45 Uhr startbereit. Im ganzen Sektor war (ziemlich aussergewöhnlich!) keine andere Seilschaft zugegen, ideal!

L1, 45m, 6a+: Über die mit Leisten gespickte Platte geht's zuerst gerade hinauf. Aber ACHTUNG, nach dem dritten Haken heisst es rechts abzubiegen, die Haken gerade hinauf gehören zur 'La lune et le papillon'. Kurz ist es etwas gemüsig, doch dann leitet eine kompakte Platte mit feinen Reibungsmoves zum Pfeiler rechts, der in schön griffigem Gelände wieder gerade hinauf erklommen wird. Im Finish wartet noch einmal eine etwas feine Stelle, die rechts durch die Botanik umgehbar wäre (sogar mit Extrabolt, damit der Ausflug nicht expo ist, diesen aber besser auslassen). Diese Länge ist etwas seilzugträchtig, mit verlängerbaren Exen kann man dem gut vorbeugen.

Hübsche, steilplattige Moves an der Pfeilerkante am Ende von L1 (6a+).

L2, 45m, 6a: Die Route führt im Bereich der Pfeilerkante weiter und bietet zuerst einen feinen, reibungslastigen Start. Dieser ist sehr eng, ja fast hallenmässig abgesichert. Nachher wird das Gelände etwas einfacher, bei genussreicher Turnerei legen dafür auch die Hakenabstände deutlich zu. Ein Abstand ist nahezu 10m, was im Angesicht der sonst plaisirmässigen Absicherung der Route etwas komisch und seltsam wirkt. Zum Ende steigt man in sich verflachendes Gelände aus, der (richtige!) Stand befindet sich erst ein Stück weiter hinten und rechts, nicht auf den ersten Blick offensichtlich.

L3, 40m, 4c: Überführungsstück an die obere Wand, welches wohl auch mit einem Waldspaziergang linksherum zu erledigen wäre. Die Route führt aber so gut wie möglich durch das felsige Gelände. Erst geht's diagonal nach rechts, dann gerade hinauf, zahlreiche Bohrhaken leiten den Weg.

Noch ein paar Faxen einbauen, so wird L3 vielleicht auch noch zur 4c+ :-)

L4, 40m, 6a: Zuerst führt die Route noch ziemlich unspektakulär über eine Art Vorbau mit einigen Aufschwüngen and die Headwall heran. Dort wartet dann ein echtes Highlight: nicht etwa über die Plattenrampe geht's hinauf zum Stand, sondern man klettert eine diagonal ziehende Verschneidung schon in der Steilwand - was aber vermutlich tatsächlich einfacher ist. Coole Moves an erstaunlichen Griffen, echt toll! Zu erwähnen ist auch hier: Seilzug vorbeugen mit langen Exen erhöht den Klettergenuss!

Madame entspannt in der Verschneidung von L4 (6a) - auf den ersten Blick eigenwillige Linie, aber genial!

L5, 30m, 6a: Dieser Abschnitt beginnt mit einem Startboulder und zieht dann einfacher nach rechts hinaus. Die gut sichtbaren Bohrhaken gerade hinauf gehören zur 'La où vit Merlin' und böten deutlich schwierigeres Gelände. Rechts drüben wartet dann eine super-henklige Steilwand, welche zu einer weiteren Terrasse führt, von welcher noch ein ziemlich athletischer Abschlussboulder folgt. Aufgrund der Situation wäre da ein Sturz wohl ziemlich ungünstig... eigentlich sind es alles gute Griffe und mit etwas Reserven komplett unproblematisch, aber wenn man bei 6a am Limit ist, könnte es nicht ganz unbedenklich sein - man muss ja nicht dem Routennamen Genüge tun und an dieser Stelle das Calcaneum (Fersenbein) explodieren lassen!

Im Ausstieg von L5 (6a) muss man sich nochmals festhalten, nicht ganz trivial die Stelle!

L6, 30m, 6a: Geniale Abschlusslänge, ein wahres Turnfest! Man traversiert nach rechts an die steile Verschneidung, wo scharfkantige Henkel, bombenfest verkeilte Blöcke und ein paar ideale Handjams zahlreiche Möglichkeiten zur Fortbewegung bieten. Am Ende der Verschneidung zieht die Linie an tollen (wenn auch teils etwas dumpf tönenden) Schuppen nach rechts hinaus, ein grosser Genuss!

Ein geniales Turnfest an unzähligen Henkeln wartet auf der letzten Länge (L6, 6a).

Um Schlag 12.00 Uhr hatten wir nach knapp 2:15h vergnüglicher Kletterei das Top erreicht. Hier brannte schon die Sonne und auch für Speis und Trank mussten wir uns zurück zum Ausgangspunkt bewegen. Somit also rasch die Schuhe geschnürt und auf deutlichen Wegspuren horizontal ca. 80m gequert (problemlos seilfrei möglich, die L7 von C2C ist ein Witz!), bis wir auf den Sentier zur Tête de la Draye trafen. Auf diesem liefen wir (wie damals) talwärts, nahmen dann allerdings (am Punkt, wo der Weg wieder ansteigt) die Kletterer-Abkürzung durch die Rinne hinunter (ca. T4, sehr gut begehbar, spart wohl 10-15 Minuten). Um 12.30 Uhr waren wir retour beim Parkplatz und kauften uns im Laden bald etwelche Erfrischungen zum Reloading, bevor wir auf den Rest der Familie trafen und zum Sportklettern gingen. Das konnte nach dieser kurzen Tour noch mit mehr oder weniger vollen Kräften passieren. Die angekündigten Gewitter trafen später tatsächlich ein. Im überhängenden Klettergebiet zwangen sie uns nur zu einer kurzen Pause, danach konnten wir das restliche Pulver verschiessen. Am Abend liess sich die Sache dann etwas gröber ein und zwang uns, das Nachtessen im Vorzelt zuzubereiten und zu verspeisen. Es war aber der einzige, regnerische Abend der ganzen Ferien :-)

Nachmittagsspass im Klettergarten mit allerlei Beschäftigungen.

Facts

Paroi de la Draye - L'explosion des Calcanéums 6a+ (6a obl.) - 6 SL, 230m - Cambon/Fiaschi 1993 - ***;xxxx
Material: 1x50m bzw. zum Abseilen 2x50m-Seil, 14 Express, Cams/Keile nicht nötig

Ein Klassiker auf der (Morgen-)Schattenseite des Ailefroide-Tals, eine der beliebtesten Touren im 6a-Bereich. Das kommt sicher davon, dass sie sehr homogene Schwierigkeiten hat, aber trotzdem viel Abwechslung bietet. Von leistengespickten Platten zu griffiger Wandkletterei bis zu henkligen Verschneidungen und Schuppen wird so mancher Kletterstil abgefragt. Gerade in den oberen Seillängen handelt es sich für die Gegend (und den Grad) um aussergewöhnlich steile Turnerei. Die Absicherung ist generell sehr gut, an den Schlüsselstellen meist sogar noch enger. Ein, zwei Ausreisser (im Text) erwähnt sind vorhanden, zumindest eine 5c+ oder besser eine 6a sollte man wohl schon einigermassen souverän beherrschen. Vom Top gibt es eine Abseilpiste (4 Manöver plus Gehstrecke dazwischen), der Fussabstieg ist bestimmt deutlich effizienter. Topos findet man (mit teils etwas unterschiedlichen Bewertungen, ich habe jene von C2C verwendet) z.B. im Oisans Nouveau, Oisans Sauvage, im Plaisir Sud oder im Topoguide, sehr nützlich ist auch die Beschreibung auf C2C.