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Donnerstag, 22. Oktober 2026

Tällistock - Voie des Welsches (6c+)

Diese Tour an der Wendenstock-Kette hat sich kurzfristig und unverhofft ergeben - dafür mit einem umso besseren Resultat! Eigentlich hatte ich nach den wiederholten Besuchen im 2026 (1,2,3,4,5) nicht unbedingt damit gerechnet, insbesondere weil mein diesjähriger Wenden-Buddy Bernat schon nicht mehr in der Schweiz weilte. Dann kam aber die Anfrage von Martina und die Voie des Welsches stand dann als Mittelpunkt unserer Anreisewege auch ziemlich subito im Zentrum unseres Interesses. Dies absolut zurecht - die Erschliesser P.A. Steiner und P. Maillefer wussten schon 1985, was sie taten. Nämlich hier wie z.B. auch in der As de Coeur am Reissend Nollen dem besten Fels folgen und anspruchsvolle, aber sehr lohnende Kletterrouten eröffnen. Nur ihre M8-Spits aus den Eighties sind heute nicht mehr so fit. Mit der kürzlichen Sanierung der Voie des Welsches hat sich dieses Problem aber erledigt.

Blick auf die formidable Südwand des Tällistock mit dem Verlauf der Voie des Welsches.

Wir gondelten mit der automatisch betriebenen Tällibahn in die Höhe und liefen um 8.40 Uhr bei der Bergstation los. Man folgt zuerst gut 200m dem Wanderweg zum Klettersteig, bevor man im Bereich vom ersten markanten Graben ("Inner Flieligraben" auf der LK) das Bord hinaufsteigt. Da gibt es überall und nirgends Wegspuren - etwas links tendierend hinauf zum Felsriegel ist aber richtig. An dessen Fuss traversiert man dann nach links, bis er zuletzt nur noch wenige Meter hoch ist und einfach überstiegen werden kann (kurzes Fixseil). Nun wieder deutlich nach rechts haltend traversiert man zu einem zweiten und dritten Felsriegel, dessen Erkletterung ohne das Fixseil gar nicht mal so einfach wäre. Hier im oberen Teil gibt es mehr oder weniger durchgehend schwach sichtbare Wegspuren. Das Gelände ist zwar nicht extrem steil, aber doch abschüssig - bequemer wie die Wendenzustiege weiter rechts ist das m.E. nicht unbedingt. Zuletzt dann hinauf zum Einstiegsbereich, mehr oder weniger in Falllinie vom markanten Spitz (siehe Wandbild und Topo). Der Einstieg in die Voie des Welsches befindet sich links auf einem Band, der Zustieg hatte uns ~45 Minuten gekostet. Es waren einige Seilschaften vor Ort, die jedoch alle die Inwyler klettern wollten. Nach den üblichen Vorbereitungen starteten wir um ca. 9.45 Uhr in die Route.

Ausstieg aus der dritten Felsstufe im Zustieg, das Gelände ist doch reichlich exponiert hier.

L1, 45m, 6b: Achtung, die Route startet nicht beim ersten BH auf dem Band, sondern erst beim zweiten. So gelangt man über geneigte Platten links einer Verschneidung problemlos hinauf zum Riegel. Dieses bietet eine Bouldercrux mit einem Spannweitenmove zu einer Wasserrille à la "gar nicht so einfach". Dann plattig linkshaltend, über einen weiteren Riegel hinweg und durch eine schöne Wand mit Leisten und Löchern zum Stand - vorbeugen gegen Seilzug empfehlenswert!

Auftakt zur Route in L1 (6b), am folgenden Dachriegel geht's dann gleich mal zur Sache!

L2, 10m, 6c+: Kurz, aber umso heftiger! Vom Stand aus sind die Bolts gar nicht so einfach zu erkennen, das Geschehen spielt sich aber schon direkt oberhalb ab. Kurz rechtsrum anpirschen, 2-3 Powermoves über den ersten Riegel hinweg, dann an der Dachfuge nach links queren (bloss wohin mit den Füssen?) und nochmals 3 Powermoves bis man die Wasserrillen-Knubbel für den Exit in der Hand hat. Hört sich übersichtlich an, ich fand es aber sehr taff - mit einem Ultrapump in den Armen konnte ich auf dem letzten Blatt sauber aussteigen, eine Bewertung von 7a wäre vermutlich auch nicht gestohlen.

Ohne einen gescheiten Full Crimp ist in der sehr cruxigen L2 (6c+ hard) kein Blumentopf zu holen!

L3, 25m, 5c: Les Welsches sind auch ein wenig Copy Cats, deshalb bauten sie hier einen Quergang ein, welcher durchaus an jenen in der Inwyler erinnert ;-) Nein im Ernst, das Gelände lässt hier wenig Wahl und die sich nach rechts ziehende Struktur bietet sich sehr offensichtlich an. Man bewegt sich an sehr schönem, zerfressenem Fels, die Sache ist gemässigt schwierig und an beiden Seilenden gut gesichert.

C'est jolibeau, der fotogene Quergang in L3 (5c), mit Sicht bis zum Sustenhorn rechts aussen.

L4, 40m, 6c: Eine richtige Monsterlänge, aber so, so gut! Es geht rechts aus dem Stand raus und nach ein paar Auftakmoves zieht es bald richtig an. Wenden-Kletterei at its best, an ein paar Seitgriffen und Tropflochstrukturen wollen die Füsse an die raue Wand gepresst werden - gut abgesichert, aber trotzdem ist etwas Spirit erforderlich. Ganz so heftig geht's nicht die ganze Länge weiter, wobei sich immer mal wieder eine kniffligere Sektion in den Weg stellt, dies bis zum Ende hin - welches sich übrigens wenige Meter links oberhalb vom dritten Stand der Inwyler befindet. Nicht unwahrscheinlich, dass man auf Zuschauer zählen darf und auf Anfeuerungsrufe hoffen kann - danke Jungs!

Hier im Bild das sloprige Finish einer richtigen Monsterlänge (L4, 6c) - geniale Sache!

L5, 25m, 6a+: Nach der Rechtsschleife in der Länge zuvor klettert man hier eine Linksecke. Auch dies wiederum logisch, da die Route dem besten Fels folgt und im grauen Bereich bleibt, während das gelbe Gestein sicherlich weniger genussreich wäre. Zum ersten Haken geht es Richtung 10 Uhr nach links, zum zweiten dann gar horizontal noch weiter rüber (Achtung, Verhauergefahr direkt hinauf!). Erst nach dem zweiten Bohri dann hinauf und später nach rechts zurück bei toller Tropflochkletterei.

Man hat definitiv das Ambiente einer grossen Wand - hier Martina on lead in L5 (6a+).

L6, 15m, 6b: Tolle Kletterei an steilem, prima strukturiertem Wendenfels, bestens mit BH abgesichert. Somit kann man nur sagen: es dürfte sehr gerne 3x diese Distanz weitergehen, denn hier ist die Herrlichkeit fast zu schnell vorbei und man steigt einfacher auf das nächste Band aus.

Sehr schöne Tropflochkletterei, welche gerne noch ein wenig länger andauern dürfte (L6, 6b).

L7, 25m, 6a+: Die gute Nachricht ist aber, es geht in ähnlichem Stil weiter! In schön strukturiertem Fels klettert man erst für 2.5 BH Distanz nach rechts, um nachher unter der nächsten Dachzone zurück nach links zu queren. Vom letzten BH zum Stand muss beinahe etwas abgeklettert werden. 

Steil-griffiges, sehr genussvolles Gelände in L7 (6a+). Die Seilschaft nebenan ist in der Inwyler.

L8, 30m, 6b+: Bis vor diese Seillänge war die Route schon vor etlichen Jahren von Eveline Binsack saniert worden. Die Absicherung mit rostfreien BH darf man in L1-L7 als sehr gut bezeichnen, sie fühlt sich komfortabel an. Ab L8 war die Sanierungsarbeit im 2024 von zwei Welschen fortgeführt worden. Ich war gespannt darauf, ob die Bolts immer noch so verbraucherfreundlich stecken. Nun: beginnen tut die Sache gleich mal mit einer SU-Schlinge (das gab es bis da noch nicht). Die folgende Wandstufe ist dann mit 2 BH gut gesichert, bevor die Route einem etwas alpinen Riss entlang weiterführt. Da sind die Silberlinge dann deutlich weiter gesteckt. Man könnte wohl Cams anbringen, wenn man wollte - was nicht zwingend nötig scheint, denn über weite Strecken ist die Kletterei moderat schwierig und bei den kniffligen Sektionen gibt's dann schon einen BH. Am schwierigsten ist der Exit, wo alles etwas rund ist und man die Lösung erkennen muss. Kurz darauf erreicht man eine lehmige Grümpelterrasse mit vielen losen Steinen, der Stand befindet sich rechts aussen.

Ausstieg aus dem etwas ötteligen Riss am Ende von L8 (6b+) auf die lehmige Grümpelterrasse.

L9, 40m, 6b: Zuerst retour über die Grümpelterrasse, dann aufwärts in der Verschneidung an einem Pfeilerlein mit ziemlich labilem Fels - ein paar Meter unschön, aber einfach. Dann geht's horizontal nach links, hier hat der Fels wieder Wenden-Quality. Steht man nach dem vierten BH auf der Kanzel, geht's nun direkt in die graue Tropflochwand hinauf, später dann nach rechts - toll und sehr genussvoll!

Die ersten Meter in L9 (6b) sind etwas mumble mumble, dann folgt aber wieder geniale Wandkletterei.

L10, 40m, 6c: Zum Auftakt gibt's auch hier eine Wandstufe an unglaublich zerfressen-scharfem Fels, genial. So richtig repräsentativ für den Rest ist das aber nicht, denn da begibt man sich in klassischeres Gelände und folgt einem Risssystem. Zuerst klippt man einen fixen Pecker - was der wohl halten würde, insbesondere die gefädelte Schlinge? Sonst gehen die ersten Stufen aber noch gut. Später steilt es auf, erst à la klassische Verschneidung. Knifflig wird's dann oben, man muss durch ein überhängendes Engnis hindurch. Robben, Jammen, Spreizen, der Fortbewegungsmöglichkeiten gibt es viele... man finde die Lösung! Irgendwie mehr ein kniffliges Rätsel, als dass es wirklich schwierig wäre. Am Ende dann rechts raus durch die Verschneidung und nicht am Hauptriss weiter - die Bolts stecken hier aber eng und richtig, so ist das offensichtlich.

Dieses Engnis gilt es in L10 (6c) kreativ zu überlisten - schwieriger, wie es das Foto suggeriert!

L11, 45m, 6b: Man kraxelt hier zuerst 15m über ein Band nach rechts hinauf in Richtung der Inwyler. Während man früher über diese weiter musste, wurde bei der Sanierung eine neue Seillänge erschlossen, die vom Band weg links hinauf durch die schwarze Wand führt. Lässige Kletterei, sicher besser wie das rustikale Gelände der Inwyler und tiptop mit BH gesichert. Vom Stand nach L11 könnte man in 7 Manövern über die Route abseilen - stimmungsvoller ist hingegen sicher der Ausstieg, von wo man dann zu Fuss durchs Tälli oder die Naht runter muss. 

Nochmals kompakte Wandkletterei in L11 (6b), die bei der Sanierung neu erschlossen wurde.

L12, 45m, 2: Das ist der Übergang zum Abschlusskamin der Inwyler hin. Entgegen der Darstellung im Extrem West reicht es gut in 1 SL, bzw. es gibt ausser einem NH auch keine fixen Sicherungen, wo man Stand beziehen könnte. Meist unschwieriges Gehgelände, nur an ein paar Stufen wollen die Hände zum Einsatz kommen. Achtung, es liegt einiges an Geröll herum. Bitte darauf Acht geben, keine Steine in die Tiefe zu schicken (v.a. wenn sich Seilschaften in der Wand unterhalb befinden).

L13, 45m, 6a: Das ist sie nun, diese berühmte Stelle - inzwischen laut Kletterführer sogar mit 6a bewertet (früher hatte man das deutlich tiefer eingestuft). Es handelt sich um eine aussergewöhnliche Sache. Zuerst klettert man noch rechts in der Wand, dann aber wirklich spreizend und am besten weit aussen bleibend und den dort sehr strukturierten Fels nutzend. Am Ende kann man entweder links am Muniring Stand machen, oder (besser) am neuen Stand rechts oben.

Der Auftakt in den Kamin (L13, 6a), vorerst klettert man noch an der rechten Seitenwand.

Um 16.15 Uhr waren wir nach ca. 6:30h an begeisternder Kletterei am Top, noch dazu mit einer lupenreinen Onsight/Flash-Begehung. Auf den Ausflug zum Gipfel verzichteten wir im Gegensatz zum letzten Mal gerne und beobachteten lieber einen Basejumper bei seinem Absprung vom Zacken (von unten gesehen) rechts der Route. Es war bereits seine zweite Rotation an diesem Tag - durchaus eine sportliche Leistung, da 2x von der Bahn via Tälli raufzulaufen. Nun, den schnellen Abstieg ins Tal hätten wir auch gerne genommen, doch für uns sollte es noch ein wenig länger dauern. Inzwischen (vielleicht als Folge von meinem Beitrag zur Inwyler?) hat sich der Fussabstieg nach Norden als bessere und schnellere Alternative zur Naht durchgesetzt. Einerseits bezeugen dies die Wegspuren, welche sich gebildet haben, andererseits wollten die beiden anderen Seilschaften aus der Inwyler auch auf diesem Weg absteigen.

Der schnelle Weg ins Tal... der Exit befindet sich unmittelbar beim Ende der Routen.

So liefen wir mit etwas Auf und Ab auf Wegspuren hinüber zum P.2414 (Beginn der Naht) und drehten dort aber nach links ab. So wie uns der Basejumper berichtete, könnte man vom Ausstieg der Routen auch recht gut direkt nach Norden ins Tälli absteigen. Es gälte jedoch, den Weg durch die Felsstufen zu finden, was mit Kartennavigation am Handy aber nicht so eine Hexerei sein sollte. Item, im oberen Teil vom Tälli hält man sich erst eher rechts im Wiesengelände (teilweise klare Wegspuren vorhanden), anstatt in dessen Grunde über das Geröll zu holpern. Auf ca. 2200m tendiert man dann nach links hinüber und steigt weiter ab, bevor man auf dem Knubbel (ca. 2090m) wiederum links abbiegt und über ein Bandsystem mit nur noch moderatem Höhenverlust aus der Wand quert. Einerseits ist es in Worten recht schwierig genauer zu beschreiben, wo man durchgehen muss - andererseits ist es vor Ort (zumindest bei guter Sicht) problemlos zu finden, wenn man immer dem einfachsten und logischen Weg folgt. Auf dem Luftbild der CH-Landeskarte sind die Wegspuren gut zu erkennen, welche schliesslich an dieser Stelle (ca. 2000m) auf den Wanderweg treffen. 

Sicht zur Frutt, dem Tannsee und der Barglen-Kette, wo ich auch schon formidabel geklettert bin.

Nun heisst es nochmals in eine bittere Pille zu beissen und mit etwas schweren Beinen den Gegenanstieg ins Sätteli (2116m) in Angriff zu nehmen (ca. 120hm). Jenseitig geht's erst steil runter, bevor man dann die Zielgerade mit der Hangquerung in Angriff nimmt. Hoffentlich ist man rechtzeitig da, damit man auf der Terrasse ein kühles Getränk in die Kehle zischen lassen kann und dann gemütlich mit der Bahn retour ins Tal gondelt. In unserem Fall war das klar gegeben. Und zu prosten gab es da wahrlich etwas - das war nun meine 50. Tour an der Wendenstockkette gewesen. Auf einen ausführlichen Rückblick und eine Würdigung aller Touren sei an dieser Stelle jetzt aber verzichtet - vielleicht gibt's dies in einem kommenden, separaten Beitrag.

Die etwas bleierne Stimmung im Foto passt zum Zustand der Beine im Wiederaufstieg zum Sätteli - nicht aber zu jener im Gemüt!

Facts

Tällistock - Voie des Welsches 6c+ (6b obl.) - 13 SL, 420m - Steiner/Maillefer 1985 - ****;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams 0.3-0.75

Nach meinem Geschmack eine hervorragende Wendenroute, etwas vom lohnendsten was man in diesem Grad an der Kette erleben kann. Man klettert weitgehend in tollem, griffigem Fels in steilem Gelände - dies zum Preis einer etwas hin und her mäandrierenden Linienführung, welche dies so erlaubt. Ein paar wenige Abschnitte von alpinerem Zuschnitt gibt es auch, das stört aber nicht. Die Absicherung mit rostfreien BH ist seit den Sanierungen (L1-L7: E. Binsack, L8-L11: Racine/Chatelan) sehr gut, d.h. eher komfortabler als man sich das von den Touren ab der Wendenalp gewohnt ist. Trotzdem will auch hier und da etwas zwischen den Haken geklettert werden, aber es gibt weder wilde Runouts noch sehr zwingende, schwierige Passagen. Ein kleines Camset mitzubringen ist nicht verkehrt, über weite Strecken baumeln diese aber nur am Gurt und werden nicht im Fels platziert. Das aktuellste gedruckte Topo findet sich im Extrem West Band II. Es ist jedoch ziemlich stark generalisiert, vermutlich weil es bisher schlicht und einfach kein vernünftiges, schematisches Topo als Vorlage gab. Dem sei hiermit Abhilfe geschaffen - viel Spass!

Selbst angefertigtes Topo der Voie des Welsches. Hier zum Download in voller Auflösung.

Donnerstag, 15. Oktober 2026

Läged Windgällen - Novämber Sunnä (6b)

Ein Bericht vom Juni 2026: nach intensiven Sportklettertagen sollte es zum Genuss und der Abwechslung noch eine chillige MSL geben. An einem heissen Tag mit einer auf den Abend angekündigten Gewitterfront schienen uns die Schächentaler Wände das richtige Ziel. Obwohl wir vom November jahreszeitlich fast nicht weiter entfernt sein könnten, wählten wir die Novämber Sunnä - die neuste und laut dem Topo attraktivste Route in dieser Wand. Sie verspricht homogene und gut abgesicherte 6b-Kletterei im rauen und griffigen Klausenfels.

Die Südwand der Läged Windgällen mit Start und Top der Novämber Sunnä.

Den Zustieg wählten wir vom Mettener Butzli, wofür 20 CHF an Taxe zu bezahlen sind. Der Obulus kann an verschiedenen Orten entrichtet werden. Eine Tafel beim Fahrverbot klärt darüber auf, wir wurden beim ersten Bauernhof gleich nach der Tafel freundlich bedient. Aber Achtung, im Schächental gilt noch: nur Bares ist Wahres, man führe einen Zwanziger mit! Die Strasse hinauf ins Butzli ist am Ende nur geschottert und eher rau, war aber auch mit einem normalen PW befahrbar. Eine optimale Alternative wäre sicherlich das E-Bike: zu öffnende und schliessende Gatter, wiederholtes Kühe von der Strasse treiben und ein paar Kreuzungsmanöver verschieben das Zeitgleichgewicht erheblich in Richtung der Zweirad-Lösung.

Hier und jetzt geht's los, dies bei tollem Blick auf Clariden, Chammliberg und Schärhorn.

Vom Parkplatz kurz vor dem Butzli geht's dann durch die Lawinenverbauungen hinauf, es sind mehrere Pfadspuren vorhanden. Nach deren Ende quert man vom Zaun weg erst noch eine Schuttrunse und steigt dann nach ca. 100-150m in mergeligem Gelände über einen Rücken zur Wand hinauf. Eine kurze Traverse an deren Fuss führt einen schliesslich zum Einstieg. Im Juni 2026 war dieser durch einen rostfreien BH und einen roten Punkt markiert. Die Basler Route war ca. 10m weiter rechts noch mit abblätterndem Lack namentlich angeschrieben. Kurz vor 9.15 Uhr legten wir los, die Sonne hatte den Wandfuss eben erreicht.

L1, 25m, 6a+: Erst gestuft und etwas grasig, dann neben einer teilweise mit in die Sequenz einbezogenen Verschneidung auch noch bei zugänglichen Schwierigkeiten hinauf. Der Hauptteil besteht dann aus griffiger und recht athletischer Wandkletterei. Da darf man durchaus ein bisschen zupacken und ist nachher sicher gut aufgewärmt.

Im oberen Teil von L1 (6a+) heisst es zupacken: athletische Kletterei an guten Griffen.

L2, 25m, 6b: Ein goldiges Wandstück wartet wenig oberhalb vom Stand. Es empfiehlt sich, dieses tolle Stück Fels auch wirklich auszunutzen und auf der angedachten Sequenz rechtsherum zu klettern. Die Griffe sind so gut wie erwünscht und bringen einen zügig in eine raue Steilplattenzone in einem seichten Winkel. Die Crux folgt erst da - ein, zwei Moves waren durchaus tricky und erforderten entschiedenes Antreten. Irgendwie beschlich mich das Gefühl, diese Passage mit der Brechstange gelöst und nicht die leichteste Beta gefunden zu haben.

Lukas folgt in L2 (6b), hier gerade die knifflige Cruxzone im seichten Winkel.

L3, 35m, 5b: Es geht Richtung 13 Uhr hinauf, auf den ersten Metern kreuzt man hier die Basler Route. Es geht erst an einigen recht gut verankerten Schuppen über den Aufschwung hinweg, nachher legt sich das Gelände zurück und ist etwas durchzogen. Der Fels ist jedoch recht solide und die nächste tolle Sequenz folgt schon bald.

L4, 30m, 6b: Die ersten Meter noch leicht zu einer Steilzone, welche sich dank guten Griffen sorgenlos bewältigen lässt. Ganz ähnlich wie in L2 gelangt man auch hier wieder in eher technisches Gelände in hervorragendem Fels, welches ziemlich überraschend der etwas kniffligen Crux aufwartet. Ein kurzer Move, rasch war's erledigt - ob meine Sequenz die 6b-Lösung war, bin ich mir aber nicht sicher. Zuletzt wieder griffiger, aber mit einem etwas weiteren Abstand zum Stand, der sich links um die Ecke versteckt.

Super Kletterei in hervorragendem Fels zum Ende von L4 (6b).

L5, 25m, 6b: Diese Länge verschiesst ihr Pulver gleich zu Beginn: es geht über eine Dachzone hinweg. Nicht alle Griffe bzw. blockigen Strukturen wirken super solide - dem nützlichsten Griff habe ich nicht getraut, wobei der laut den Spuren zu urteilen regelmässig genutzt wird und wohl standhält (es ging auch ohne gut). Einmal oben, lassen die Schwierigkeiten rasch nach. Der Stand befindet sich vor dem Ausstieg in einfacheres Gelände links und ist einfach zu übersehen.

L6, 20m, 4c: Kurze und wenig attraktive Verbindungslänge nach rechts. Der Fels ist nicht schön, aber doch ausreichend solide und die Absicherung passt auch. Der Stand dann links oben in der Nische unter der markanten Verschneidung.

L7, 40m, 6b: Eindrücklich und alpin sieht diese Passage aus. Die einfachste Sequenz nutzt im unteren Teil die Verschneidung mit. Aber Achtung, die linke Wand ist ziemlich chossy und das Sicherungspersonal befindet sich direkt unterhalb in Schusslinie. Ich bin hier im Nachstieg nur rechts in der Wand geklettert. Vielleicht nicht so logisch, aber absolut empfehlenswert und auch nur ca. 6a/6a+. In der zweiten Hälfte stecken die BH dann etwas kreuz und quer, lange Exen oder Halbseiltechnik zum Vorbeugen von Seilzug sind sinnvoll. Die Crux folgt dann am Schluss mit zwei kräftigen Zügen über ein Dacherl hinweg, eher leichtverdaulich für 6b.

Alpines Ambiente in der grosszügigen L7 (6b).

L8, 40m, 6b: Ein tolles Abschlussbouquet über den steilen Pfeiler. Der Auftakt gemässigt schwer und griffig, wobei es vor der Hälfte 1x einen weiteren Hakenabstand gibt. Die Kletterei ist da einfach, allerdings ist das Gestein nicht so solide. Geht aber schon, einfach aufpassen. Die Crux kommt dann erneut unverhofft mit einer technischen Passage bei kurzer Rechtsquerung und hinterliess wiederum das Gefühl, möglicherweise nicht die beste Option gefunden zu haben. Die Zielgerade bietet dann griffig-tolle Kletterei, der Stand folgt kurz vor dem Pfeilergipfel etwas rechts aussen, die BH sind nicht sofort sichtbar.

Yours truly in der stotzigen Schlusslänge am steilen Pfeiler (L8, 6b).

Etwas nach 12.15 Uhr und damit nach gut 3:00h der Kletterei waren wir am Top. Das war nun eine sehr vergnügliche Sache gewesen. Wie geplant bzw. erhofft, hatten wir den Flow gefunden, waren nicht an unsere Grenzen gelangt und konnten einen stilreinen Durchstieg notieren. Relativ umgehend machten wir uns an den Abstieg. Kurz übers Top hinweg, jenseitig ca. 10m absteigen, bis eine Schlinge an der Kante (nicht sehr offensichtlich) auf den Beginn der Abseilpiste hinweist. 

Wie man auf diesem Foto von kurz vor dem Ausstieg erahnen kann: es gibt in dieser Wand viele Steine, welche nur darauf warten, von einem Seil hinunter zu ihren vielen Artgenossen in den Geröllreissen spediert zu werden. Falls mehrere Seilschaften in der Wand sind, sind Umsicht und defensives Verhalten angezeigt!

Es sind nun 5 Manöver à 30-45m Länge zurück an den Einstieg. Zu erwähnen ist, dass der (auch im neusten Plaisir Ost von 2026 verzeichnete) Abseilstand nach der ersten Strecke demontiert war - nur die nackten Dübel waren noch im Fels. Wir behalfen uns am Stand der Neuen Südwand, das geht auch. Dann sind es zwei Standplätze der Novämber Sunnä und zuletzt noch einer der Basler Route, siehe Topo. Zu erwähnen ist: ein Abseilen bzw. Seilabziehen komplett ohne Steine zu lösen ist schwierig bis unmöglich. Die Eigengefährdung dadurch ist gut zu handeln, aber andere Seilschaften in der Wand wären dem Risiko von einem Treffer ausgesetzt. Das Szenario "Mehrfachbesuch" scheint jedoch von überschaubarer Wahrscheinlichkeit. Die Novämber Sunnä wird laut Wandbuch ~5x pro Jahr geklettert, die anderen Routen sicher auch nicht häufiger. Auch nicht auf null beläuft sich das Verhängerrisiko bei der Abseilerei. Das Glück war uns in dieser Hinsicht aber hold. So waren wir bald zurück am Einstieg und liefen beglückt über die schöne Kletterei und mit viel Zeitreserve vor Eintreffen der Gewitterfront talwärts.

Facts

Läged Windgällen - Novämber Sunnä 6b (6a obl.) - 8 SL, 240m - Fullin/Rhyner 2011 - ***;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams/Keile nicht zwingend nötig

Tolle Kletterei in griffig-rauem Klausenfels, welche einer interessanten und luftigen Linie folgt. Schöne und sehr kompakte Passagen mit Premier-Cru-Fels wechseln sich ab mit etwas einfacherem, teils auch etwas blockigem Gelände. Der Fels ist auch dort weitestgehend solide, in einigen Passagen schadet etwas Umsicht bei der Griffauswahl jedoch nicht. Insgesamt dünkt es mich aber trotz allem eine Route, wo man sich gut ans alpine Klettern im 6b-Gelände herantasten kann. Die Hauptschwierigkeiten sind kurz und sehr gut mit rostfreien BH abgesichert. Generell hinterlässt die Absicherung einen freundlichen Eindruck. Mir schien sie klar besser als "Plaisir ok", wie es in der Ausgabe des Band Ost 2026 steht - mindestens "gut", an den Schlüsselstellen sogar zweifellos "super". Wenn man möchte, so könnte man vermutlich schon noch den einen oder anderen Cam unterbringen. Nicht häufig jedoch und mir schien dies (bei solider Reserve auf den geforderten Grad) nirgends nötig.

Montag, 5. Oktober 2026

Wendenstöcke / Reissend Nollen - Imago (7b)

Die Locals und die Topo-Autoren sind sehr streng mit den Routen an den Wendenstöcken. Da werden gewisse Klettereien mit nur einem einzigen Stern 1* an Schönheit bewertet, oder dann ganz gleich aus den Topos eliminiert. Meine Erfahrung ist gegensätzlich: ich habe an diesem Massiv noch keine einzige unlohnende Route geklettert und in einem weiter gefassten Vergleich waren auch die Wenden-Mauerblümchen absolute Perlen. Sämtliche dieser Aussagen sind für die Route Imago am Reissend Nollen relevant. Sie wurde bereits 1989 von Chäppi und Ruth Ochsner eingerichtet, figurierte lange Zeit aber nicht einmal in den Topos. Natürlich ist sie in der gewaltigen Arena des Reissend Nollen nur eine Randerscheinung auf der Linksaussen-Position. Aber man für einmal nicht Zeit und/oder Energie für ein extralanges Projekt hat, so findet man in der Imago exzellenten Fels und Kletterei bei lobenswert freundlicher Absicherung. So freue ich mich, hier ein wenig Licht auf diese Perle zu werfen.

Der sogenannte Trash-Pfeiler am Reissend Nollen mit dem Verlauf von Imago.

Ein wenig ringe ich damit, hier die ganze Vorgeschichte zur Imago zu erzählen. Nicht etwa, weil ich nicht dazu stehen könnte. Doch sie gibt der Imago unweigerlich den Charakter von einem Ersatzziel, was ihr meines Erachtens nicht gerecht wird. Um diesbezüglich noch weiter Gegensteuer zu geben, sei zusätzlich erwähnt, dass wir mit einer Begehung von Imago bereits 3 Wochen zuvor geliebäugelt hatten, da dann aber schliesslich dem Nachtexpress den Vorzug gegeben hatten. Item: Bernat war bereits auf der Wendenalp und im Angesicht unserer ursprünglichen Pläne planten wir tageszeitlich früher als zuletzt und machten uns von ebenda um 7.15 Uhr auf den Weg Richtung Reissend Nollen. Und nun muss die Katze aus dem Sack gelassen werden: dies mit dem Ziel, die Route Painkiller zu klettern. So gingen wir auf dem üblichen Weg zum Reissend Nollen Vorbau, dann links hinaus und über die Platten hinauf. Der Einstieg von Imago kann von da unschwierig über ein Band angelaufen werden, wenn man gleich dahin möchte, zeitlich macht das ca. 1:15h.

Hier in der gewaltigen Arena des Reissend Nollen sollte es an diesem Tag zur Sache gehen!

Wir indessen stiegen weiter auf und erreichten den Start von Painkiller via die Einstiege von Caminando bzw. Tsunami, zuletzt mit einer doch recht exponierten, plattigen Querung in Falllinie des Wasserfalls. Wobei ein Direktzustieg von unten tendenziell noch heikler bzw. schwieriger wäre. Nach den üblichen Vorbereitungen ging's wenige Minuten nach 9.00 Uhr topmotiviert los in die plattige, mit feinen Wasserrillen garnierte erste Länge von Painkiller. Der Weg zum ersten BH ist schon mal weder kurz noch einfach (heikel, insbesondere da auf dem exponierten Einstiegsband nichts steckt!). Dann wird's schon bald äusserst fusslastig und definitiv ungeschmeidig wurde es, als der vierte, von fallenden Steinen zerschlagene BH nicht geklippt werden konnte. Zurücksteigen schien zu schwierig, abzuspringen zu scary, doch ihn (wie zuletzt in der Niagara) zu übersteigen funktionierte schliesslich leider auch nicht. Eine nervenaufreibende Weile später stand Bernat aber zum Glück wohlbehalten wieder neben mir auf dem Einstiegsband... uff!

Vorbereitungen auf dem exponierten Einstiegsband der Route Painkiller.

Ein Plan B war offensichtlich, nämlich über die No Name Route von Schüpbach/Bissig gleich links davon zu starten, weil diese in L2 sowieso ein Stück gemeinsam mit Painkiller verläuft. "Gesagt und getan", schön wäre es! Die ersten Meter waren schon richtig taff (die 6c-Bewertung muss sehr im Kontext verstanden werden), aber immerhin vernünftig abgesichert. Später dann muss aber in ultra-schlabbrigem, kaum kontrollierbaren Terrain mit ungünstigem Sturzraum weit über die letzte Sicherung gestiegen werden. Das war sehr psycho, v.a. weil ein heikler Sturz zur Unzeit nochmals nur knapp vermieden werden konnte. Doch damit nicht genug: als wir am Standplatz waren, fiel prompt auch noch eine gehörige Salve Steine vom grossen Trichter/Wasserfall runter - zum Glück mit Respektabstand an uns vorbei. Die Exponiertheit der Einstiegsplatten hier am Trash-Pfeiler ist ja nicht unbekannt. Aber wir hatten uns gedacht, dass jetzt, wo absolut kein Schnee in der Gipfelregion liegt, alles trocken ist und ruhiges Wetter herrscht, das Risiko von Steinschlag praktisch inexistent sein müsste. Vielleicht waren es Tiere? Oder einfach nur das kleine Restrisiko? 

Endlich einmal etwas geklippt! Painkiller startet in L1 (7a) auf etwas unlogisch-schwieriger Linie mit dieser schlabbrigen Platte, welche mit feinen Rillen garniert ist. Zur Zeit unserer Begehung war der vierte BH defekt und die Passage darum nicht möglich. Aber eines ist klar: die Route hat schon Schwung und wäre "à faire". Nur dieses Steinschlagrisiko hier im Einstiegsbereich... 

Jedenfalls: wir erklärten unseren Versuch in Painkiller damit für beendet. Der Vibe stimmte nicht und es schien (zu) riskant, es mit der Kletterei in dieser knapp abgesicherten Route zu forcieren und die Möglichkeit von einem Steinschlagtreffer weiter zu akzeptieren. Um nicht komplett unverrichteter Dinge wieder abzotteln zu müssen, wurde schliesslich der Plan C zu Rate gezogen und der bestand nun eben darin, das Rätsel um die Imago zu lüften. Wir gingen zurück via Caminando-Einstieg und die Terrasse von Spasspartout/Zambo, ein Abseiler vom Einstieg von Trash wäre aber vermutlich effizienter gewesen. Anyway, gegen 11.00 Uhr waren wir schliesslich in der Imago startbereit. Die Conditions waren 1a, die Kletterei und der Fels sahen sehr vielversprechend aus und die Steine aus dem Trichter stellten an dieser Stelle auch keine Gefahr mehr dar. Dementsprechend war der Motivationspegel wieder auf hohe Werte gestiegen und ich legte los.

L1, 25m, 6b (offiziell 6a): Gewisse Fragezeichen hatte ich jedoch auch hier. Denn nach 6a sah die kompaktissimo Platte definitiv ganz und gar nicht aus und meine a-priori-Einschätzung wäre eher gewesen, dass es sich hier schon um die 6c von L2 handelt. Denn wir hatten schon eine L0 von einem BH am Ende vom Zustiegsband bis zum hiesigen Stand mit 2 BH geklettert. Die ging jedoch auf dem einfachsten Weg noch seilfrei, auch wenn man unter Nutzung des kompaktesten Geländes durchaus eine 6a gefunden hätte. Doch nun, im Nachhinein ist aber klar - hier stand tatsächlich die "6a" der offiziellen L1 noch bevor. Eine tolle, rätikonartige Steilplatte mit bereits komplexen Moves. Zum Glück ist die Absicherung richtig gut, eine gute Seele hatte diese in Form einer Teilsanierung mit rostfreien BH aufgebessert. Nur von der Topo-Bewertung halte ich gar nix: 6b Minimum, nach meiner Meinung!

Auch wenn der Fokus auf meiner Rückseite ist: exzellente Aussichten am Start in L1 (6b) von Imago.

L2, 25m, 7a (offiziell 6c): Aus der Standnische raus folgt zuerst eine Linksquerung, wobei ein paar Wenden-Löcher noch recht hilfreich sind. Während das original wohl mit einem Runout zu meistern war, wurde auch da zum Glück nachgebessert. So richtig heftig wird es dann, wenn man einmal links aussen ist. Verschärftes Antreten auf Reibung an der Steilplatte, Griffe gibt's höchstens in der Mini- oder der üblen Sloper-Version und der letzte Move auf den Rettungshenkel ist besonders gewagt - crazy stuff, für mich auf jeden Fall 7a! Das Finish auf eine Schuppe ist dann einen Tick leichter und auch nicht mehr so superduper, was die Qualität betrifft.

Sehr kompakte und auch richtig taffe, steilplattige Kletterei in L2 (7a).

L3, 25m, 7b: Laut dem Topo-Papier gibt's hier gegenüber L2 gleich nochmals 4 Schwierigkeitsgrade extra. Und die findet man auch gleich mit dem Move aus dem Stand raus - a heinous boulder, richtig hart! Ohne vernünftige Tritte heisst es, von einem seichten Löchlein und einem kleinen Kratzer zu ziehen. Wohin, das kann man schon sehen - nur nicht wie gut diese Strukturen sind. Sorry, selbstverständlich muss für die Lüftung dieses Rätsels weiterhin an die Wendenstöcke gefahren werden. Die Folge bietet dann tolle, steile Wandkletterei bei prima Absicherung, nur vom letzten BH zum Stand wartet (bei einfacher werdenden Moves) ein weiterer Abstand, der nicht mit einem Zusatz-BH entschärft wurde, wo aber ein 0.75er-Cam passt. Zur Bewertung: der Teil nach dem taffen Auftakt-Boulder geht wohl so als 7a/+ durch. Wie man insgesamt bewertet, gute Frage - der Boulder ist schon gut hart...

Harter Boulder zum Auftakt, dann tolle Kletterei bei genialem Ambiente in L3 (7b).

L4, 25m, 6c (offiziell 6b): Eine richtig tolle Steilplatten-Länge, wo zu Beginn einige griffige Seitschuppen miteinander verbunden werden wollen. Nach einer Linkstraverse folgt dann ein heftiges Stehproblem zu einer Sanduhr hin, welches mit der Verschneidung links leider nicht entschärft werden kann. Wieder etwas griffigeres Gelände führt zum (vermutlich) alten Stand. Ein neuer (fürs Abseilen deutlich günstiger gelegen) liegt wenige Meter oberhalb - die unscheinbare Stufe da hinauf hat es nochmals in sich - siehe Foto weiter unten im Beitrag.

Auch in L4 (6c) geht's wieder nach rechts aus dem Stand raus mit Sicht auf den Caminando-Pfeiler.

L5, 30m, 6b (offiziell 6c): Die von mir aus gesehen einfachste Länge der ganzen Route startet in einer Verschneidung, welche man dann nach links verlässt, wobei der entscheidende BH nach einem längeren Abstand nicht so leicht zu klippen ist. Gut angelegt geht die eng gesicherte Traverse dann kommod über die Bühne und auch die weiter gebohrte Wand darob mit ihrer interessanten Felsstruktur bietet viel Genuss, aber definitiv nicht mehr die grossen Herausforderungen.

Super Ambiente auch in der vermutlich einfachsten Länge der Route: L5 (6b).

L5, 30m, 7a+/7b (offiziell 7a): Ja, nochmals eine fette Challenge findet man auf der Abschlusslänge. Deren Routenführung nach rechts hinaus mit einigen Hin-und-Her-Ecken wirft vielleicht a priori einige Fragezeichen auf - im Tun hat man dann die volle Immersion im Moment. Während der Auftakt noch mit ein paar griffigen Leisten gut über die Bühne geht, so zieht an einer ersten Steilplattenstelle schon mal richtig an. Bei der Passage über den Wulst erklärt sich die Präsenz des Extra-BH links ausserhalb der Linie (später wieder aushängen!) bald von selbst. Ein taffes Bewegungsproblem an Slopern befindet sich genau da. Damit ist die Schlacht noch nicht gewonnen, nach einer machbaren Rechtsquerung gilt es nochmals richtig gescheit auf Steilplatten-Reibung anzutreten - dies mitunter auch die zwingendsten Passagen der Länge bzw. der ganzen Route, die Absicherung ist mit 10 BH auf 30m aber auch hier prinzipiell tiptop. 

Superkompakte Steilplattenkletterei in L6 (7b), öppe gar nöd gschänkt!

Enden tut die Imago ziemlich antiklimaktisch an einem unbequemen Stand mitten in der Wand. Unser Eindruck im Gelände war so, als dass man mit einer von der Schwierigkeit her passenden Länge her durchaus das Ende von Cleopatra erreichen könnte, von wo man dann noch zwei weitere Abschnitte anzuhängen wären, die zu Gelbe Flamme gehören - das Wandbild im Intro des Beitrags bestätigt diese Wahrnehmung. So ergäbe sich ein schöner Bonus und eine Tour mit doch respektablen 9 Seillängen. Naja, das ist - wenn überhaupt - Zukunftsmusik und wir konnten nichts anderes tun, als um ca. 15.30 Uhr nach ca. 4:30h der Kletterei zum Handshake anzusetzen. Dass wir hier nur unseren heutigen Plan C realisiert hatten, war überhaupt nicht präsent, sondern viel mehr die Freude und Stolz über einen weiteren, erfolgreichen Wenden-Durchstieg und die durchgehend hervorragende Kletterei. Für mich war es #49, somit steht bei der nächsten Tour ein Meilenstein an und im 2027 darf ich dann auch noch 30 Jahre Kletterei an den Wendenstöcken feiern. So sollte ich mir vielleicht gut überlegen, wie bzw. womit dies zelebriert werden soll.

Zum Abschluss ein Shot vom sloprigen Abschluss-Boulder in L4 (6c).

Nun ja, diese Gedanken mussten nicht am Routenende gesponnen werden. Es ist sowieso schon ein eher unbequemer Ort. Weil sich auch die Sonne um ca. 14.30 Uhr aus der Wand verabschiedet hatte und zusätzlich noch ein thermischer Aufwind blies, war es umso attraktiver, möglichst rasch wieder zurück an den noch besonnten Einstieg zu kommen. Dies geht zum Glück sehr zügig mit 3 Strecken à je 50m, wobei zu erwähnen ist, dass man auf dem ersten Abschnitt das Seil voll ausreizt (zusätzlich gibt's noch kaum eine schlaue Alternative dazu!). Kein Fehler ist es dann, auch noch über die von uns im Aufstieg seilfrei begangene L0 abzuseilen. Beim Vespern im angenehm milden Sonnenschein waren wir bald wieder aufgewärmt und liefen anschliessend ins Tal. Wer nicht über die exponierten Platten absteigen möchte, könnte auch hinübergehen und den Vorbau mit 3x50m über Spasspartout abseilen. Ob es das war mit der Wendensaison 2026 - we will see!?!

Facts

Wenden / Reissend Nollen - Imago 7b (6c obl.) - 6 SL, 160m - K. & R. Ochsner 1989 - ****;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams 0.3-1

Eher kurze, aber anhaltend spannende Wendenroute mit durchgehend qualitativ hochwertiger Kletterei. Die Herausforderungen sind eher steilplattiger Natur, athletische Kletterei in Überhängen gibt es hingegen keine - was der Route mehr den Charakter von einer Unternehmung an den Kirchlispitzen im Rätikon gibt. In der Literatur wurde die Imago bisher stiefmütterlich und mit teilweise falschen Angaben präsentiert. Die Bewertungen von 1989 sind harte Schule und vielleicht mit den Einstufungen von anderen Routen aus jener Epoche vergleichbar (z.B. Nachtexpress) - heute würde man sicherlich höhere Gradierungen verwenden. Die Absicherung mit meist verzinkten und einigen (wohl erst später im Rahmen einer Teilsanierung hinzugefügten) rostfreien BH ist für eine Wendenroute sehr komfortabel. Natürlich will immer noch geklettert werden, aber so dicht steckende BH findet man in diesem Massiv nicht allenthalben. Zusammen mit der beschränkten Länge also ein ideales Ziel, um sich einmal in höhere Aufgaben vorzuwagen. Einen Kommentar verlangt auch der obligatorische Grad von 7a+, welcher im Extrem West Band II rapportiert wird. Natürlich ist es immer eine gute Frage, was damit effektiv bewertet wird. Meines Erachtens ist er im Vergleich zu den anderen Wendenrouten aber deutlich zu hoch, 6c obl. dürfte gut hinkommen. Mit Cams und Keilen kann man nur relativ wenig anfangen, ein minimales Set von 0.3-1 reicht sicher aus.