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Dienstag, 28. Juli 2026

Miroir d'Argentine - Divine Martine (7a+)

Weiter geht's mit der Hitze, also geht's weiter mit der Tour durch die schattig ausgerichteten MSL-Wände der Schweiz. Am äusserst imposanten Miroir d'Argentine hatte ich zuvor nur einen Besuch in meinen schon fast prähistorischen Zeiten vorzuweisen: anno 1995 hatte ich die Route Papagueno geklettert. Hier wieder einmal einen Go zu geben wurde verschiedentlich andiskutiert, aber doch nie ausgeführt. In der Regel scheiterte es an der Motivation der Seilpartner, den zugegeben weiten Weg zu dieser in der Ostschweiz wenig bekannten Wand auf sich zu nehmen. Aber es kam das Jahr 2026, Guido erwiderte meinen Vorschlag mit sprühender Motivation. Mit der Divine Martine, in komplett freier Kletterei eine der schwierigsten Linien der Wand, fanden wir die richtige Herausforderung.

So präsentiert sich das gewaltige Massiv des Miroir d'Argentine vom Parkplatz.

Nach smoother Anfahrt über staufreie Autobahnen und zuletzt einigem Gekurve hinauf in die Waadtländer Berge erreichten wir Solalex. Zuletzt waren wir beide zwecks Betreuung unserer Töchter an den (leider nicht mehr im Programm stehenden) Sportkletter-Wettkämpfen in Villars zugegen gewesen. Ich erinnere mich noch, wie wir damals in den Neunzigern in Solalex 2x ziemlich einsam campiert hatten. Heute scheint das maximal noch knapp geduldet, zudem ist ein Obulus von 7 CHF fürs Parking zu entrichten.

Bottom-Up-Shot vom Zustieg mit Blick auf den ungefähren Verlauf der Divine Martine.

Da der Abstieg nicht mehr am Start der Routen vorbeiführt, rüsteten wir uns bereits am Auto für die Kletterei, überquerten dann den Fluss und schlugen den Zustiegstrail ein. Dieser ist auf der Landeskarte verzeichnet und somit mit GPS-Navigation unverfehlbar. Man sei darauf hingewiesen, dass die Abzweigung im Gelände relativ wenig offensichtlich ist und man schnell einmal zu weit links hinauf gestiegen ist. Das schreibe ich natürlich aus Erfahrung... eine Bushwhack-Traverse brachte uns zurück auf die korrekte Fährte. Auf gutem Weg erreichten wir den Einstieg in einer knappen Stunde. Unterwegs waren Flugblätter ausgelegt, welche auf fallende Steine wegen Routensäuberung hinwiesen. Wir erkundigten uns telefonisch und hatten die Remy-Brothers persönlich am Apparat. Es wurde jedoch nur weiter rechts liegendes Gelände bombardiert (dies dafür massiv!) und wir konnten um 10.40 Uhr in die Divine Martine starten. Deren Einstieg ist stark verblassend mit Farbe angeschrieben.

Wir sind parat, es kann losgehen!

L1, 25m, 7 BH, 5b: Nachdem man den Wandvorbau noch seilfrei zu erkraxeln hat, geht's gleich steil los. Dank durchgehend guten Griffen konstatiert man jedoch trotzdem eine gemütliche Aufwärmlänge, welche zudem auch komfortabel mit BH abgesichert ist.

Guido folg in L1 (5b), welche eine gemütliche, gutgriffige Aufwärmlänge bietet.

L2, 30m, 10 BH, 6c: Hier geht's schon das erste Mal zur Sache an einigen Seitgriffrippen bei nicht sehr üppigem Trittangebot. Dafür stecken hier die BH sehr eng, man könnte sich falls nötig mit A0 behelfen. Der obere Teil ist hingegen deutlich einfacher, hier gibt's auch Luft zwischen den BH.

In L2 (6c) geht's das erste Mal zur Sache, die kompakte Plattenzone ob dem Climber lässt es erahnen.

L3, 35m, 7 BH, 6a: Führt einem breiten Riss entlang. An sich nicht so schwierig, aber nicht immer sehr elegant, teilweise etwas rampfig. Wiederholt stellte sich aber der Eindruck ein, dass man sich etwas ungeschickt anstellt. Aber die Strukturen sind halt doch oft etwas rund, das wird der Grund sein.

Die ganze Länge L3 (6a) führt diesem System mit einem meist breiten Riss entlang.

L4, 25m, 6 BH, 6a: Ziemlich steil zweigt man aus dem breiten Risssystem nach links hinaus ab. Risse gibt's auch da, sie sind jedoch deutlich schmaler ausgefallen. Einige Jams schienen mir ziemlich zwingend zu sein, bzw. sie stellen sicherlich die einfachste Lösung dar. Das Finish führt durch eine Verschneidung, der Stand links ausserhalb davon nicht so gut sichtbar.

Der Abzweiger aus dem breiten Riss zu Beginn von L4 (6a): steiles Jamming an dünnen Rissen, toll!

L5, 40m, 6 BH, 6a: Quert erst nach links, dann geht's hinauf  zu einer tollen Passage mit löchrigem Fels. Etwas später erreicht man ein gschüdriges Band, welches das Dreieck am Sockel beschliesst. Der Stand ist kaum sichtbar, er befindet sich rechts von einem Turm, unter der markanten Schuppe, welche die nächste Länge der Zigofolies nutzt.

Das Finish von L5 (6a) ist wenig fotogen, daher hier die schöne Verschneidung am Ende von L4 (6a).

L6, 30m, 9 BH, 7a+: Kann ab dem Stand neben dem Turm geklettert werden, eine kurze 10m-Verbindungslänge zum Fuss der Steilstufe mit der Crux ist auch nicht verkehrt. Denn dort geht es von einem Band weg gleich zur Sache, der Name ist da übrigens nochmals angeschrieben. Schon der Start ist recht physisch und sorgt für ein Anpumpen vor dem Cruxboulder. Dieser ist nur dank einem gebohrten Loch möglich, ein weiterer Griff wurde vermutlich ebenfalls aufgebessert. Tja, was ist von derlei Praktik zu halten?!? Vermutlich hätte ich es als Erschliesser nicht gemacht - ist ja eher eine verpönte Sache und die Polemik dazu erspart man sich auch lieber. War ich hingegen froh, dank den Chipped Holds doch die ganze Wand "frei" durchsteigen zu können? Das ganz sicher und definitiv... Weiter zu sagen ist: im Onsight ist es bestimmt taff, da die entscheidenden Griffe kaum zu sehen bzw. schwierig zu finden sind und man da nicht ewig rummachen kann. So scheiterte denn auch mein erster Go. Ein zweiter Rotpunkt-Angriff drängt sich hier aber auf. Da konnte ich dann reüssieren, musste aber doch ordentlich aufs Gaspedal drücken. Die zwei, drei härtesten Moves sind nicht geschenkt, 7a+ hard mein Verdikt. Mit dem Exit aus der Cruxpassage steigt man auf die grosse Platte (eben den Miroir) aus - und muss auf diesem noch das Restprogramm mit fordernder 6a-Plattenkletterei bei saftigen Hakenabständen bewältigen.

Von der Cruxlänge (L6, 7a+) gibt's nur diesen Rückblick, welcher nur die 6a-Slab zeigt. Diese ist natürlich viel einfacher wie das Geschehen am steilen Wulst an deren Fuss, wirklich geschenkt ist die Sache dann hier aber doch auch wieder nicht.

L7, 40m, 6 BH, 1 NH, 5c+: Führt zuerst über ~25m auf der diagonalen Rampe nach rechts hoch, das ist schon fast Gehgelände. Dann aber gerade hinauf, den Haken an der Ecke am besten gut verlängern. Was folgt, ist ziemlich allegro: entschlossen auf die glatte Platte stehen und zwar deutlich über den Haken! Einige Rissspuren erlauben das Platzieren von Cams und oder Keilen, wovon man sehr gerne Gebrauch macht.

On marche et ça marche... weiträumig abgesichertes, plattig-glattes Gelände in L7 (5c+).

L8, 40m, 6 BH, 5c: Da musste ich erst eine Weile sperbern, bis ich den Weiterweg fand. Dieser verläuft in Richtung 14 Uhr und nicht etwa gerade hinauf! Ein (verblasster) Farbpunkt an einer Ecke markiert die Position des ersten BH. Auch in der Folge orientiert man sich leicht rechts ansteigend (ca. Richtung 13 Uhr). Die Schwierigkeiten sind tiefer als in der vorangehenden Länge - nur eine gesuchte Stelle am Ende treibt sie nochmals etwas in die Höhe. 

Der Sonne entgegen in L8 (5c), der Farbpunkt beim ersten BH im Foto gut ersichtlich.

L9, 45m, 6 BH, 5c: Nochmals eine supercoole Plattenlänge, wobei auch hier einige Rissspuren zum Fortschritt genutzt werden. Sehr speziell an diesen ist es, dass sie teilweise in Wasserrillen auslaufen - ideales Griff- und Trittmaterial. Erneut gilt es, sich leicht rechtshaltend zu orientieren (ca. 13 Uhr). Auch hier habe ich die spärlichen BH mit mobilen Sicherungen ergänzt.

Dem finalen Steilriegel wieder ein Stück näher... die Platte ist aber noch lang. Hier L9 (5c).

L10, 40m, 4 BH, 5c: Zum Ende der vorangehenden Seillänge erreicht man ein Band. Der Weiterweg verfolgt dieses nun nicht, sondern man schlägt eine gesuchte Linksecke über eine kompakte Plattenstelle, womit ein höher gelegenes Band erreicht wird. Hinein in die folgende Wand über 2 nahe steckende BH weg, dann folgt ein längerer Runout. Wobei das Terrain hier weniger steil ist wie in den vorangehenden Längen und zudem wegen der Absenz der blauen Flechten auch die Reibung besser - passt also schon. 

Auf dem Foto ist kaum wahrzunehmen, dass man sich hier bei einem Bändersystem befindet. Der Akteur hat eben die "gesuchte Linksecke" über die kompakte Platte am Anfang von L10 (5c) bewältigt und das höhere Band erreicht. Und es warten nochmals über 100m an plattiger Kletterei hinauf zur finalen Wand des Cheval Blanc.

L11, 40m, 5 BH, 5b: Nachdem man wieder einmal einen unbequemen Remy-Trademark-Stand erdauert hat, geht's hier zuerst gerade hinauf, dann eher etwas linkshaltend weiter. "Lueg nöd zrugg", so lautet hier das Motto wegen der weiten Hakenabstände am besten (legen ist schwierig bis unmöglich). Zum Ende noch über ein Dächli hinweg und nach links zum Stand.

Am Ende von L11 (5b) reicht die Aussicht schon bis zum Genfersee!

L12, 40m, 4 BH, 4b: Der tiefere Topograd manifestiert sich im Gelände, welches sich weiter zurücklegt und zügigen Fortschritt erlaubt. Gerade hinauf zu einem BH vor dem Dächli lautet das Programm, bevor man oberhalb der diagonalen Verwerfung folgt, um den Stand unmittelbar am Fuss der Steilzone zu erreichen.

Die Aussicht auf Bier und Käseschnitt im Resti von Solalex am Ende von L12 (4b) ist auch nicht schlecht. Wobei diese Köstlichkeiten von dieser Position nicht ganz so schnell erreichbar sind. Einen Riegel und ein paar Schluck Wasser vor dem Finale der Route zu nehmen, ist aber nicht verkehrt.

L13, 30m, 8 BH, 6b+: Puh, steile Geschichte! Schon gleich zu Beginn heisst es kräftig ziehen - die BH stecken hier zum Glück deutlich näher, aber das flache Terrain darunter ist auch recht nah. Dann kann man auf einem einfacheren Abschnitt nochmals die Kräfte sammeln, um den heftigen Finish entgegen zu treten. Als "burly" würden englischsprachige dies sicher bezeichnen - von eher runden Seitgriffen muss man die Füsse an die Wand pressen im doch deutlich überhängenden Gelände und dies dann auch zwingend zwischen den Bolts.

Siehe da, der Power-Riegel hat gewirkt - er kann sogar noch Posen werfen am Anfang von L13 (6b+). Wobei es die guten Henkel zu Beginn der Seillänge noch erlauben, im Finish bleibt dann hingegen weniger Zeit für Faxen.

Hier sieht man dieses Finish von L13 (6b+): kräftige, überhängende Kletterei an runden Strukturen mit nur beschränktem Trittangebot und auch die Hakenabstände sind nicht sonderlich kurz. Da muss nochmals eine Raketenstufe gezündet werden!

L14, 25m, 7 BH, 6b: Die letzte Länge ist auch nochmals fordernd, kommt aber ein wenig zahmer daher wie ihr Vorgänger. Diagonal geht's über eine vage Rampe in sehr luftiger Position nach rechts hinaus. Dank nachträglich hinzugefügten BH ist die Sicherung hier dafür recht komfortabel. Kurz vor dem Grat schlägt die Route eine unerwartete Linksecke - ich bin da kühn gerade hinauf und 5m zu weit rechts auf die Krete gekommen.

Guido nimmt im Nachstieg von L14 (6b) den einfacheren Linkausstieg über die Rampe.

Wenige Minuten nach 19.00 Uhr war es, als auch Guido das Top erreicht hatte, was eine Kletterzeit von 8:20h ergibt. Zeit um zurückzulehnen und den Durchstieg (die Crux im 2nd go, den Rest os) zu feiern war hier aber offensichtlich nicht. Denn das Routenende befindet sich an einem exponierten Grat und der Weg ins Tal scheint von da irre weit. Wir nahmen in alsbald in Angriff, zuerst in luftigem Terrain abkraxelnd zur Lücke, wo die klassischen Routen enden. Von dort geht's wieder hinauf und mehr oder weniger dem Grat entlang, die kraftsparend horizontal in der Südflanke verlaufenden Wegspuren führen hingegen in die Irre. Nachher quert man dann auf gut sichtbarem Pfad die Südflanke vom Gipfel der Haute Corde, bevor man ansteigend die grasige Krete erreicht. 

Auf dem Abstieg, mit Blick zurück. Die Route endet auf dem rechten der drei Höcker am Grat, zuerst wartet steile Abkraxelei, bevor man dem im Vordergrund sichtbaren, einfacherem Terrain am Grat oberhalb vom Miroir folgt.

Die Gegenperspektive zum vorangehenden Foto, mit dem Gipfel von Haute Corde. Dieser könnte fakultativ mit einer weiteren Seillänge (6a+) über den Grat rechts erklettert werden. Die Alternative besteht darin, rechts in der Südflanke zu queren...

...diese Querung der Haute Corde auf Bändern mit sichtbarer Wegspur ist auf diesem Foto abgebildet.

Später heisst es dann nur noch wandern, hier beim Erreichen der grasigen Krete von Haute Corde.

Nach dem Col führt der Weg teilweise durch mannshohes Kraut, auch kann er hier sehr schmierig sein.

Fantastische Blicke auf das riesige Massiv des Miroir sind auf dem Abstieg inklusive!

Nun heisst es rückseitig in einfachem Gelände auf Wegspuren abzusteigen. Wir wählten natürlich den Direktabstieg vom Col de la Poryrette. Da es generell trocken war, entpuppte sich dies als unproblematisch. Nur ein kurzes Stück war schlammig-schmierig, aber mit teils mannshohem Kraut, steilem Geröll und ein paar exponierten Passagen ist da trotzdem für Unterhaltung gesorgt. Um 21.00 Uhr waren wir schliesslich am Parkplatz, der Miroir leuchtete gerade in grandiosem Pink. Wir warfen unsere Ware in den Kofferraum und düsten bald los, der Heimweg war ja nicht eben kurz und es galt auch, eine noch geöffnete Tankstelle anzusteuern, um sich mit Food und Getränk zu versorgen. Auf der Fahrt konnten die Speicher wieder gefüllt werden und es blieb ausreichend Zeit zur Kontemplation. Eine geniale Tour war es - natürlich un poco loco: 22 Stunden dauerte sie von Tür zu Tür, aber genau diese langen Tage bleiben im Gedächtnis haften.

Wow, was für eine Lightshow zum Abschied!

Facts

Miroir d'Argentine - Divine Martine 7a+ (6b obl.) - 14 SL, 485m - C. & Y. Remy 1993 - ***;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams 0.3-2

Ein grosses Unternehmen, welches sich nur für warme und wetterstabile Tage anbietet. Geboten wird einem klettertechnisch erstaunlich viel Abwechslung. Am überraschend steilen Wandsockel wartet vor allem rissige Kletterei. Der athletisch-fingerige Cruxwulst ist an sich nur ein kurzes, aber natürlich entscheidendes Intermezzo. Dann folgt effektiv viel plattige Kletterei über den Miroir, wo die Fussarbeit zentral ist. Das geschickte Ausnutzen von einigen Rissspuren gehört aber dazu. Das Grande Finale über die Steilmauer des Cheval Blanc ist dann das nochmals fordernde Schlussbouquet - gefolgt von einem nicht ganz kurzen und kraxligen Fussabstieg, was ingesamt einen langen Tag und eine alpine Unternehmung ergibt. Die Absicherung darf man als gut bezeichnen. An den Schlüsselstellen ist sie eng, die 7a+ geht problemlos A0. Hingegen schätze ich eine 6b in L13 als obligatorisch ein und auch auf den 5c/6a-Platten ist mancher Schritt zwingend deutlich jenseits der Sicherungen zu machen. Stürze würden da sicher nicht in jedem Fall harmlos ausgehen, die Absicherung dient da mehr dem Verhindern von einem Totalschaden. Sprich, dort muss man einfach sicher unterwegs sein. Hier im Anschluss das Originaltopo aus der historischen Schweizer Kletterzeitschrift Ravage - mit noch etwas anderen Bewertungen, insbesondere galt die Crux damals noch als 7b. Als gedrucktes Werk aus der heutigen Zeit ist der Kletterführer Jura Sud - Vaud - Chablais - Bas-Valais - Sanetsch der Gebrüder Remy die richtige Wahl.

Originaltopo aus Ravage Nr. 2, August/September 1993.


Dienstag, 21. Juli 2026

Rigi Hochflue - Via Päuklid (6b)

Schon in meinem ersten, 1992 angeschafften Schweiz Plaisir war das Gebiet Thedys Gärtli an der Rigi Hochflue beschrieben - für meinen damaligen Stand des Könnens eigentlich mit einem ideal zugeschnittenen Angebot. Doch ein durchaus angedachter Besuch kam nie zur Realisierung. Mit den bald vorhandenen, erweiterten Möglichkeiten in Sachen Schwierigkeitsgrad und der aus der Ferne eher kurz und reichlich botanisch aussehenden Kletterei verschwanden die Touren an der Rigi Hochflue mehr und mehr vom Radar. Doch nun hatte ich unverhofft einen halben Tag Auslauf, so schien mir die Kombination von Entdeckungsreise, Konditionstraining und ein paar Seillängen im Lead Rope Solo ein optimales Programm. Selbstbewusst wählte ich nach dem Motto "wenn schon, denn schon" mit der Via Päuklid die schwierigste Route im Gebiet. Ich wurde unerwartet gefordert und war sehr positiv angetan von der Qualität der Kletterei und der Attraktivität des Ortes.

Wunderschöne Feuerlilien in intensivstem Rot gibt's an der Rigi Hochflue.

Meine Tour startete um ca. 12.15 Uhr in Seewen (SZ), erst mit einem Einrollen dem See entlang nach Lauerz (450m). Ab da geht es in anhaltender, aber nicht extremer Steigung hinauf zum Bikedepot bei Egg P.1288. Die Strasse ist zum grössten Teil asphaltiert und auch im letzten, schottrigen Teil in sehr gutem Zustand. Von Egg wählt man die nicht markierte und auch nicht sehr ausgetretene Pfadspur, welche südseitig und horizontal in den Wald hinein führt. Dort trifft man bald auf das Schild "Nur für Kletterer" und der Weg ist gut ersichtlich. Etwas absteigend, später eine Schuttrunse querend gelangt man an die Felsen. Zunehmend exponiert gelangt man zur ca. 25m langen Passage, wo eine senkrechte Wand an Eisenbügeln zu erklimmen ist. Die Sache ist sehr luftig, sich am Drahtseil zu sichern möglich - wie ein Sturz ohne Klettersteigausrüstung enden würde, lassen wir mal offen. Gut festhalten lautet jedenfalls das Motto. Nach den Bügeln erst hinauf (schwache Wegspuren), dann nach links zu einem Sattel und (im Vergleich zu meinen Erwartungen) noch erstaunlich weit traversierend zum Wandfuss mit Gamelle. Der Einstieg der Via Päuklid war mit verblassender Farbe angeschrieben. Der Sound vom Partyschiff auf dem Vierwaldstättersee wummerte bis zu mir hinauf. Es wurde gerade Purple Rain von Prince gespielt, als ich um ca. 14.15 Uhr loslegte. I never meant to cause you any sorrow, I never meant to cause you any pain, so wurmte es deshalb auf der Route durch mein Ohr. Natürlich in der Hoffnung, dass Herr (oder Frau) Päuklid mir genau dies zuflüstern würde :-)

L1, 25m, 5c+: Das Motto der gesamten Route lautet "plattig". So zweifellos auch hier, wobei man noch etwas Schonfrist zum Angewöhnen erhält und einige Schlitze, Löcher und Rissspuren beim Fortschritt helfen. Die Crux gegen Ende fordert dann schon beherztes Antreten und entweder etwas Reichweite oder alternativ den Griff zu Rapunzels Haaren.

Hier geht's los, in L1 (5c+) noch etwas zwischen den Grünstreifen hindurch (stört aber nicht).

L2, 25m, 6a: Hier kann man sich nun schon richtig fordern, wenn man direkt über die arg auf eine direkte Linie gesetzten Haken steigt - dann nach meinem Empfinden klar schwieriger wie die propagierte 6a, wobei im Vergleich zu dem was oben noch kommt, würde es wohl schon passen. Mit ein paar Querschwüngen lassen sich einige Strukturen mitbenutzen, was durchaus Sinn macht.

Rückblick auf L2 (6a). Dass es plattig ist, müsste man nicht nochmals explizit hinschreiben ;-)

L3, 25m, 6a: Man steht nun unter einer eindrücklichen Plattenzone, wo vor langer Zeit wohl einmal das Gestein abgerutscht ist. Der Fels jedenfalls hat eine spezielle, gerippelte Struktur. So gibt es viele Dellen und Beulen zum Antreten, so richtig gute Griffe sind aber bis auf vereinzelt vorhandene Leisten Mangelware. Eine Passage über ein Umkehrmaillon hinweg sorgt für erstes Herzklopfen, dann folgt eine Rissspur, der abschliessende Runout löst sich besser als gedacht.

L4, 30m, 6b: Zuerst weiter wie gehabt, wobei es bald einmal ein Dächli zu überwinden gilt. Aber die Erschliesser hatten eine gute Nase (oder Vorwissen): es geht recht gut, da sich an entscheidender Stelle ein paar Griffe befinden, um sich oben auf der Platte zu etablieren. Nach ein paar weiteren Metern folgt dann das taffe Finish mit Reibung von der verschärften Sorte. Die m.E. schwierigste Stelle (oder ganz sicher die als am schwierigsten wahrgenommene) befindet sich zwischen den BH und erfordert zu 100% Vertrauen in den Gummi auf ein paar vagen Dellen. Auf dem letzten tauglichen Tritt davor stand ich eine Weile, überlegte mir ob ich das wirklich will und sammelte meinen Mut. Mehrere Kontrollen von meinem Setup und das Anbringen von genau tarierten Backup-Knoten gehörten auch dazu. Hier musste ich nun effektiv einen nie dagewesenen Abgang ins Rope-Solo-Geschirr in Kauf nehmen - die Stelle liess sich einfach nicht restlos kontrolliert machen oder mit Kraftreserven wegdrücken. Das Committment machte sich aber bezahlt: die Füsse hielten und der nächste BH liess sich stabil klippen, uff! Geflasht erreichte ich bald einmal den Stand. 

Über diese Plattenzone mit ihrem speziell strukturierten Fels musst du gehen. Das erste Dächli ist eine kleine Challenge in L3 (6a), das zweite, schon etwas grössere Dächli ist ein Hindernis (aber nicht die Crux) in L4 (6b). Deren Stand befindet sich am Horizont, leicht links der Bildmitte am linken Ende des dritten Dächli.

L5, 10m, Gehgelände: Nach L4 kann man entweder abseilen (1x50m-Seil reicht knapp, 1x60m komfortabel) oder nach rechts oben durch eine Grasrinne aussteigen. Wer weiterklettern möchte, muss den Stand in einer 10m-Länge via die Rinne in exponiertem Gelände nach links unten verschieben und dort relativ unbequem sichern.

L6, 25m, 5b: Über eine kompakte Platte mit nun "normalem", aber sehr schönem, silbrig rauem Fels (d.h. nicht mehr ein früherer Ausbruch) geht's hinauf. Am anspruchsvollsten sind gleich die ersten Meter. So richtig die Härte auf Reibung gibt's aber so nicht mehr, weil Schlitze, Risse und Löcher in ausreichender Menge vorhanden sind. Im oberen Teil dann linkshaltend zu Stand. Reicht's gleich in 1 SL bis zum Ausstieg? Ich entscheide mich fürs Probieren.

Einen Lügenbolt habe ich unterwegs auch noch gefunden... schon in L1 allerdings. Diese mit "C" markierten Dübel sind 68mm lang. Der hier steht ca. 40mm aus dem Fels raus, somit steckt nur ein kleiner Teil im Fels. Nein, das ist nicht "comme il faut" und keine zuverlässige Sicherung.

L7, 27m, 4a: Einfache Genusskletterei, dank dem sehr schönen Fels mit seinen Zacken und Löchern ist das aber trotz dem tiefen Grad keine langweilige Pflichtaufgabe, sondern sehr erquickend. Erst die letzten Meter vor der Wandkante sind dann weniger schön, nicht mehr so gut gesichert und weisen auch ein paar weniger solide Blöcke/Schuppen auf. Mein Seilrest wird immer kürzer, reicht's noch bis zu den Standhaken? Tendenziell eher nicht, aber mit einem Max-Effort-Squat gegen die Seildehnung und voll ausgefahrener Reichweite konnte ich just eine Schlinge klippen und die Extramanöver sparen - der Link-Up von L6/L7 lohnt sich nicht (erst recht in Seilschaft).

Landschaftlich liegt das Gebiet in aussichtsreicher Lage über dem Vierwaldstättersee - toll!

Den Endzeitpunkt meiner Kletterei kann ich mangels Foto nicht exakt beziffern. Die anhaltenden und überraschend anspruchsvollen Moves in L1-L4 hatten mich aber doch eine Weile beschäftigt und gefordert. Nun war ich froh, die Klettersachen ablegen zu können. Entlang von fixen Seilen bzw. Ketten könnte man weiter östlich wohl durch die Wand absteigen und zurück zum Einstieg gelangen. Die Rückkehr über den Zustieg schien aber doch etwas aufwändig und weniger attraktiv, als vom Ausstieg noch ca. 100hm aufzusteigen, um den T4-Wanderweg auf 1620m zu erreichen. Obwohl auf der Karte nichts verzeichnet ist, führt eine gute Spur dahin. Gipfel-Aspiranten können mit 79 Extra-Höhenmetern das Top der Hochflue erreichen, quasi schon fast ein Katzensprung. Der Abstieg zurück nach Egg verläuft teils dem Grat entlang und teils nordseitig. Es sind diverse Versicherungen vorhanden (Leitern, Drahtseile, Ketten). So richtig megaschnell geht's nicht talwärts, vermutlich aber doch effizienter wie auf dem Zustiegsweg - auch wenn ich das nicht quantitativ bezeugen kann. Viel Fahrtwind gab's dann auf dem Downhill - die Strasse ist so steil, dass es richtig fetzt. Aber nicht so steil, dass man ständig die Bremse stark betätigen muss. Mit einigen finalen Pedalumdrehungen dem Lauerzersee entlang ging meine Reise zu Ende. Dieser Halbtag in den Bergen hatte weder Sorrow noch Pain, sondern richtig viel Energie und auch etwas Adrenalin gegeben, so soll es doch sein!

Facts

Rigi Hochflue - Via Päuklid 6b (6b obl.) - 7 SL, 160m - J. Zemp, L. Gribi 1988 - ***;xxxx
Material: 1x50m-Seil, 10 Express

Relativ kurze, aber recht anhaltend schwierige Plattenkletterei in kompaktem, teils besonders schönem, strukturiertem und rauem Kalk. Die angegebenen Schwierigkeitsgrade sind knackig und man muss in fortgeschrittener Reibungskletterei etwas drauf haben, um hier auf einen grünen Zweig zu kommen. Ich jedenfalls war gehörig gefordert - wie viel davon dem Lead Rope Solo zuzuschreiben ist, ist eine gute Frage. Die Route wurde mit rostfreien BH saniert und darf als gut abgesichert bezeichnet werden. Es ist allerdings auch zwischen den Haken schwierig und die 6b-Crux empfand ich als zu 100% obligatorisch. Cams und/oder Keile könnte man wohl vereinzelt anbringen. Das sind dann aber einfachere Stellen, wo es gute Griffe hat. Überall wo es kompakt und schwierig ist, nützen diese Gerätschaften nix, deshalb können sie meiner Meinung nach daheim bleiben. Die Route ist nach Regen sicher sehr schnell trocken und hat eine lange Saison (sofern Zu- und Abstieg schneefrei sind). Ein aktuelles Topo vom Gebiet gibt's z.B. im Plaisir Ost 2026

Zuletzt noch ein Fun Fact: im Schweiz Plaisir von 1992 war die Route bzw. die Cruxlänge mit 7+ (6c) oder 7 1pa (6b 1pa) bewertet. Für mein Empfinden ist das stimmiger wie die heutige Bewertung von 6b. Andere Führer weisen die Via Päuklid hingegen sogar nur als eine 6a+ aus?!? Item: die pa-Möglichkeit in der Crux ist bei der Sanierung verloren gegangen. Dem ehemaligen, abgebrochenen Dübel habe ich bei der schwersten Stelle ins Auge geblickt. Offenbar wurden die Haken aber bei der Sanierung anders platziert als im Original.

Dienstag, 14. Juli 2026

Titlis Nordwand - Colibri (7b+)

Eine Hitzewelle hat sich fix über Mitteleuropa installiert, so besuchen wir wieder einmal the place to be für diese Wetterlage, nämlich die Titlis Nordwand. Hier kann man sich auch bei 35 Grad im Tal bis Mitte Nachmittag in angenehmen Bedingungen der steilsten Henkelzieherei widmen, welche man auf MSL-Touren hierzulande überhaupt finden kann. Bei meinem achten Besuch an der Wand fällt unsere Wahl auf eine der Kreationen vom legendären Duo Ruhstaller-Rathmayr. Über ihre Colibri ist nur relativ wenig bekannt, dafür gibt es einen guten Grund in Form einer sehr plattigen und anspruchsvollen ersten Seillänge.

Blick auf die überaus steile Titlis Nordwand mit dem Verlauf von Colibri.

Im Gegensatz zur Tour in der Eiger Nordwand kurz zuvor werde ich dieses Mal auf der Anfahrt nicht vom amerikanischen Vizepräsidenten aufgehalten. Er hatte die Iran-Konferenz auf dem Bürgenstock bereits wieder verlassen und dabei ausser meinem Zeitverlust nichts Substanzielles erreicht (und diesen Part hätte es ganz bestimmt auch nicht gebraucht). Somit bin ich on time für den letzten Gratis-Parkplatz bei der Fürenalpbahn und bei im Talgrund noch angenehmen Temperaturen wackeln wir um 7.15 Uhr los. Mit der Frische ist es vorbei, sobald wir die ersten Höhenmeter gewonnen haben. Doch vorerst geht's noch, da wir uns im Wald befinden. Später, auf dem Galtigbergboden, heizt die Sonne hingegen schon ein und bringt uns heftig ins Schwitzen. Neu für mich: es gibt auf der Alp nun massive Elektrozäune, welche die Schafe vor Wolfsangriffen schützen sollen. Diese wären nicht nur für die Vierbeiner unüberwindbar, sondern auch für uns. Verdankenswerterweise wurde aber an die Kletterer gedacht und an den entscheidenden Stellen ein Durchgang eingerichtet. Im weiteren Verlauf ist die Wegspur im Gegensatz zu früher inzwischen gut ausgeprägt und weitestgehend klar sichtbar.

Wer möchte, kann sich vor dem Einsteigen noch eine Erfrischung gönnen!

Nach ca. 1:30h Aufstiegszeit befinden wir uns im schattigen Reich unter der Wand. Es geht über die Rampe hinauf, bei Bedarf hätte man ganz einfach eine erfrischende Dusche nehmen können. Die Fixseiltraverse danach wurde mit neuem Material ausgerüstet und präsentiert sich (Stand Juli 2026) in gutem Zustand. Nach 1:50h hatten wir den Einstieg erreicht und identifiziert, der relativ unscheinbar ist. Vom flachen Platz nach Ende der Fixseile, wo v.l.n.r. Hattari Hanzo, Leeper-Hammer, Pipistrello und Süpervitamin starten, geht man noch weiter nach links. Erst an einem weiteren Fixseil hinauf, dann noch ein paar Meter horizontal hinüber. Beim (weit vorstehenden) Lügenbolt ist man schon zu weit, der Einstiegsstand befindet sich 3m rechts von diesem bei einem Stand mit BH und NH, der sich oberhalb vom Fixseil befindet. Nach einer Pause um uns von dieser Kardio-Einheit zu erholen, sind wir um ca. 9.45 Uhr losgeklettert.

L0, 10m, 6a: Es handelt sich nur um eine kurze Stufe hinauf auf das obere Band, ein nochmaliger Stand dort ist aber sinnvoll. Zwei Züge gar nicht mal so einfach, fixe Absicherung gibt es ausser den Standplätzen keine. Seilsicherung ist trotzdem zwingend.

Ausblick auf die krassowitsch Platte in L1 (7b+), oben der Piz dal Nas.

L1, 45m, 7b+: Ein Ultraknaller, über die grosse Platte musst du gehn... Cam 1 an einer Schuppe zu Beginn, dann geht's vorerst bei eher weiter Bolt-Abständen voran. Mit dem richtig interpretierten Pfad findet sich vorerst immer eine Lösung, die recht gut aufgeht. Nach der Mitte zieht's dann an, eine erste "very thin"-Passage ist zwingend zu meistern, ca. 7a/+. Die Sache kulminiert endgültig bei den Moves über den letzten BH hinweg. Bernat steigt nach nur minimalem Zögern onsight drüber, es hatte aus der Ferne richtig locker und einfach ausgesehen. Einmal vor Ort werde ich dann eines Besseren belehrt. Es gibt nur ein paar winzige Crimps vom Typ Fünfliberbreite. Eine satte Portion Fingerkraft ist unerlässlich, dazu verlangen die ebenso winzigen bis fast inexistenten Tritte geeignetes Schuhwerk. Damit ist es nicht getan, Talent und Zauberei an Nichts sind unabdingbar, und im Vorstieg natürlich auch das mentale Korsett für diese extrem unsichere, kaum kontrollierbare Kletterei. Mir jedenfalls fehlten die nötigen Ingredienzen, um den schwersten Meter frei durchzumoven. 

Die "Problemzone" am Ende von L1 (7b+), mit der Klimax am letzten BH. Die "Grösse" der Griffe ist gut sichtbar...

L2, 40m, 6b+: Dass es hier viel einfacher wie zuletzt zugeht, dafür braucht man kein Prophet zu sein. Doch die immer noch plattige Wand und die distant gestalteteAbsicherung erheischen Respekt. Die Sache entpuppt sich aber nicht ganz als so wie vermutet: die Crux kommt schon bald und reichlich zwingend zwischen dem vermeintlich noch nahe steckenden ersten und zweiten BH. Das weiter abgesicherte Gelände danach geht hingegen recht gut auf. Erst folgt man einer Art Rampe mit leichterer Kletterei, bevor die Route wieder nach rechts in die Wand abbiegt. Griffige Löcher erlauben dort aber eine recht gäbige Passage mit cooler Kletterei.

Etwas zugänglichere Kletterei folgt dann hingegen in L2 (6b+) und L3 (6a+).

L3, 25m, 6a+: Der eher brüchige Turm gerade voraus wird mit einer grossen Linksschleife geentert. Zuerst horizont nach links queren, dann noch vor dem grauen Streifen (wo Land ohne Herren verläuft) hinauf. Schöner, speziell strukturierter Fels mit lochähnlichen Taschen. Zuletzt an die Verschneidung von Turm und auf brüchigem Band nach rechts zum Stand.

Ausblick auf L4 (7a+), das Haulseil lässt erahnen wie steil es hier zur Sache geht!

L4, 25m, 7a+: Nun beginnt der Henkelspass! Auf dieser Seillänge muss man wirklich keinen schlechten Griff halten. Nur gilt es die Henkel zu identifizieren und jeweils zu erreichen. Sprich es sind ein paar lange Moves mit saftigen Blockierern nötig. Am schwierigsten wohl der Ausstieg in etwas flacheres Gelände über den vorletzten Bolt hinweg, sowie der Einstieg in die wieder steilere Schlusspassage nach dem letzten BH, gefolgt von Runout-Henkelei zum eher unbequemen Stand. Dieser Abschnitt ist extraordinär steil, insgesamt ca. 6-7m überhängend!

Ultrasteil die Kletterei in L4 (7a+), aber dafür unverschämt griffig!

L5, 35m, 7b+: Henkelspass zum zweiten, nun in etwas verschärfter Gattung. Während der Start zwar nicht voll die Härte ist (und zudem ist man ja da auch noch nicht angezählt), so muss trotzdem die Lösung erkannt werden. Sorgenlos geht's zum zweiten BH, wo es dann kurz mal 2-3 kleinere, etwas sloprige Leisten zu riegeln gilt, bevor wieder Töpfe kommen. Das nächste Pièce de Résistance befindet sich am vierten BH: entweder sehr kräftig von mässigen Tritten zwischen den guten Griffen blockieren, oder dann schlechtere Zwischengriffe halten. Den ganzen Rest erledigt die Ausdauer. Zum Ende geht's etwas nach links hinaus in wasserzerfressenem Gestein. Immer noch sehr steil, aber nicht mehr ganz so sehr wie die Länge davor, auf etwas mehr Kletterstrecke auch ca. 6-7m überhängend.

Sich etwas zurücklegend und deshalb schon fast unspektakulär ist der Ausstieg aus L5 (7b+).

L6, 25m, 7a: Ein weiteres Gustostücklein über sehr stark wasserzerfressenen Fels mit vielen Töffgriffen. Die Art vom Fels bietet etwas die Gefahr von brechenden Spitzen, zur Unzeit könnte das einen auch mal aus der Balance bringen. Die schwierigsten Moves eher nach der Hälfte, wo man schon etwas angepumpt ist und es nach der initialen Rechtstraverse wieder aufwärts geht - für mich inklusive Schockmoment. Drei Meter über dem Haken, die Füsse auf einer (als solide beurteilten) Schuppe, die Hände an Henkeln. Plötzlich bricht doch das ganze Ding unter meinen Füssen weg und beschleunigt mit 9.81m/s^2 Richtung Tal. Ich habe aber genügend Spannung auf den Griffen, dass ich mit den Füssen in der Luft hängen bleibe... mit viel Adrenalin im Blut ist der Stand dann zügig erreicht. Passiert wäre ausser einem Whiiiiippper sicherlich rein gar nix, aber einfahren tut sowas trotzdem gröber. Nicht mehr ganz so steil, aber doch durchgehend überhängend mit 4-5m Ausladung.

Auch in L6 (7a) geht's nochmals steil zur Sache an stark zerfressenem Fels.

L7, 20m, 6c+: Die Wand legt sich vermeintlich zurück, das Schlussstück sieht aus der Bottom-Perspektive schon nahezu "einfach" aus. Doch einerseits befindet man sich immer noch auf der ungünstigen Seite der Vertikalen, andererseits sind die Griffe zwar immer noch gut, aber nicht mehr nur Top-Henkel. So muss man sich doch noch ein wenig anstrengen, auch die Müdigkeit könnte sich inzwischen bemerkbar machen. Sehr lange anhalten tut die Kletterei aber hier nicht, bald ist der Stand am Übergang zu flacherem und brüchigem Gelände erreicht, etwas tiefer als die Nase links.

Am Top sind wir etwas vor 15.00 Uhr, somit beanspruchte uns die Kletterei rund 5:00h. Wie so oft gibt es am Ausstieg weder Kiosk, Getränke noch sonstige Unterhaltung und darum treten wir umgehend den Weg talwärts an, welcher ob der Steilheit der Wand nochmals Aufmerksamkeit braucht. Vom Top würde es metermässig und von der Position her gleich zu Stand 5 reichen. Unklar jedoch, wie gut man das Seil abziehen kann - wir haben uns nicht auf Experimente eingelassen und zweit Etappen gemacht. Achtung, beim Abseilen über L6 und L5 ist wegen der Steilheit und dem diagonalen Verlauf wiederholtes Exen klippen unumgänglich. Vom Stand nach L4 geht's dann direkt zu jenem nach L2. Am besten die letzte Zwischensicherung von L4 klippen und pendeln, so funktioniert es tiptop. Der zweitletzte Abseiler über L2 hat ca. 7-8m horizontalen Versatz, geht aber gut. Schlussendlich bringt einen die letzte Etappe über L1 und L0 zurück zum Einstieg an der Fixseilpiste.

Die Abseilerei ist überaus steil, teilweise sind die Standplätze auch noch seitlich versetzt.

Inzwischen sind einige von Schmelzwasser gespeiste Wasserfälle in Betrieb, die von der Thermik in alle Richtungen verblasen werden. Somit ist das Ambiente auf dem Band eher feucht und man bekommt immer mal wieder eine Ladung ab. So machen wir uns auch hier umgehend vom Acker, d.h. queren aus der Wand raus. In sicherer Distanz von dieser legen wir dann das Material ab und montieren das leichte Tenü für den Abstieg. Eventfrei und zügig geht's Richtung Tal. Den Schlänggen passierend will sich auch Bernat nicht mehr auf mein "an 8a per day keeps the doctor away"-Angebot einlassen, da scheint der Autositz und v.a. dessen Klimaanlage auch für zwei absolute Kletterfans die attraktivere Wahl.

Facts

Titlis Nordwand - Colibri 7b+ (7a obl.) - 8 SL, 225m - Ruhstaller/Rathmayr 2013/2014 - ****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams 0.4-1

Colibri ist eine tolle Route im üblichen Titlis-Nordwand-Stil. D.h. unten plattig und oben sehr stark überhängend in henkligem Fels. Der Unterschied zu manch anderer Tour an der Wand liegt darin, dass hier die plattige Einstiegslänge die Crux darstellt und zwar nicht auf dem Papier, aber in Realität vor Ort eine ziemlich inhomogene Route erzeugt. Das hat auch damit zu tun, dass die Bewertungen nach meinem Gusto total inkonsistent sind: L1 ist hammerhart für 7b+, vermutlich könnte ich das niemals punkten. Die ausdauernde 7b+ in L5 ist dagegen viel leichter verdaulich: das kann sogar der angejahrte Herr Dettling relativ komfortabel flashen. Nimmt man diese Länge als Referenz für den Grad, so sehe ich L1 im Bereich 8a/+ (zu 100% Ernst gemeint!). Natürlich geht die Rechnung mit den wahrgenommenen 3-4 Einstufungen Differenz auch andersrum, oder noch eher liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

Aus meiner Optik ist es schade, dass in L1 nicht ein einfacherer Weg gewählt wurde. Ich habe schon beim Klettern vermutet, dass dies ginge, die Inspektion beim Abseilen hat es definitiv bestätigt. Würde man nach der ersten Hälfte rechts raus ziehen, so wäre diese Länge kaum schwieriger wie 7a, würde von den Anforderungen her sehr gut zum Rest passen und die Route zu einem Klassiker der Wand machen - insofern eine verpasste Chance. Dass dann obendrein auch noch die Absicherung in dieser Plattencrux fordernd ist, kommt dazu. Ob die 7a obl. passt?!? Sicher muss man im plattig-vertikalen Gelände voll parat sein. Die schwierigste Stelle dürfte mit Trittschlinge und auf den Haken stehen schon etwas zu entschärfen sein. Es folgen dann nämlich wieder Griffe und Tritte, zwingend geklettert werden muss der 6m-Runout zum Stand aber doch. 

Eine denkbare Alternative ist eine Kombination von Land ohne Herren und Colibri. Man kann nach L4 von Land ohne Herren gut in die Colibri wechseln. Es ergäbe sich die dankbarste Route in diesem Wandbereich mit homogenen Anforderungen. Wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass die 7a+ in L3 von Land ohne Herren auch nicht so leichtverdaulich ist und eine zwingende Passage bereithält (diese ist jedoch zugänglicher im Charakter und massiv einfacher wie das, was in L1 von Colibri verlangt wird). Diesen Zeilen zum Trotz: die Absicherung in Colibri darf man als gut mit rostfreien BH bezeichnen - gefährlich ist es nicht, aber mit A0 kommt man nicht weit. Auf den Platten braucht es definitiv einen starken Kopf. Oben im Überhang nicht so sehr, auch wenn es schon auch etwas spooky ist, bei Steilheit wie in der Halle zu klettern, aber halt nur jeden ca. vierten Haken zur Verfügung zu haben. An den guten Henkeln mit ausreichend Kraft bzw. Ausdauer scheint das aber besser erträglich, zudem wäre die gravierendste Folge bei einem Sturz nur, dass man u.U. den Fels nicht mehr erreicht. In gedruckter Literatur findet sich die Colibri mit einem Fototopo im SAC-Kletterführer Zentralschweizer Voralpen, Band SW. Hier nachfolgend das Originaltopo der Erschliesser.

Das Topo zur Colibri von den Erschliessern.