Schon in meinem ersten, 1992 angeschafften Schweiz Plaisir war das Gebiet Thedys Gärtli an der Rigi Hochflue beschrieben - für meinen damaligen Stand des Könnens eigentlich mit einem ideal zugeschnittenen Angebot. Doch ein durchaus angedachter Besuch kam nie zur Realisierung. Mit den bald vorhandenen, erweiterten Möglichkeiten in Sachen Schwierigkeitsgrad und der aus der Ferne eher kurz und reichlich botanisch aussehenden Kletterei verschwanden die Touren an der Rigi Hochflue mehr und mehr vom Radar. Doch nun hatte ich unverhofft einen halben Tag Auslauf, so schien mir die Kombination von Entdeckungsreise, Konditionstraining und ein paar Seillängen im Lead Rope Solo ein optimales Programm. Selbstbewusst wählte ich nach dem Motto "wenn schon, denn schon" mit der Via Päuklid die schwierigste Route im Gebiet. Ich wurde unerwartet gefordert und war sehr positiv angetan von der Qualität der Kletterei und der Attraktivität des Ortes.
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| Wunderschöne Feuerlilien in intensivstem Rot gibt's an der Rigi Hochflue. |
Meine Tour startete um ca. 12.15 Uhr in Seewen (SZ), erst mit einem Einrollen dem See entlang nach Lauerz (450m). Ab da geht es in anhaltender, aber nicht extremer Steigung hinauf zum Bikedepot bei Egg P.1288. Die Strasse ist zum grössten Teil asphaltiert und auch im letzten, schottrigen Teil in sehr gutem Zustand. Von Egg wählt man die nicht markierte und auch nicht sehr ausgetretene Pfadspur, welche südseitig und horizontal in den Wald hinein führt. Dort trifft man bald auf das Schild "Nur für Kletterer" und der Weg ist gut ersichtlich. Etwas absteigend, später eine Schuttrunse querend gelangt man an die Felsen. Zunehmend exponiert gelangt man zur ca. 25m langen Passage, wo eine senkrechte Wand an Eisenbügeln zu erklimmen ist. Die Sache ist sehr luftig, sich am Drahtseil zu sichern möglich - wie ein Sturz ohne Klettersteigausrüstung enden würde, lassen wir mal offen. Gut festhalten lautet jedenfalls das Motto. Nach den Bügeln erst hinauf (schwache Wegspuren), dann nach links zu einem Sattel und (im Vergleich zu meinen Erwartungen) noch erstaunlich weit traversierend zum Wandfuss mit Gamelle. Der Einstieg der Via Päuklid war mit verblassender Farbe angeschrieben. Der Sound vom Partyschiff auf dem Vierwaldstättersee wummerte bis zu mir hinauf. Es wurde gerade Purple Rain von Prince gespielt, als ich um ca. 14.15 Uhr loslegte. I never meant to cause you any sorrow, I never meant to cause you any pain, so wurmte es deshalb auf der Route durch mein Ohr. Natürlich in der Hoffnung, dass Herr (oder Frau) Päuklid mir genau dies zuflüstern würde :-)
L1, 25m, 5c+: Das Motto der gesamten Route lautet "plattig". So zweifellos auch hier, wobei man noch etwas Schonfrist zum Angewöhnen erhält und einige Schlitze, Löcher und Rissspuren beim Fortschritt helfen. Die Crux gegen Ende fordert dann schon beherztes Antreten und entweder etwas Reichweite oder alternativ den Griff zu Rapunzels Haaren.
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| Hier geht's los, in L1 (5c+) noch etwas zwischen den Grünstreifen hindurch (stört aber nicht). |
L2, 25m, 6a: Hier kann man sich nun schon richtig fordern, wenn man direkt über die arg auf eine direkte Linie gesetzten Haken steigt - dann nach meinem Empfinden klar schwieriger wie die propagierte 6a, wobei im Vergleich zu dem was oben noch kommt, würde es wohl schon passen. Mit ein paar Querschwüngen lassen sich einige Strukturen mitbenutzen, was durchaus Sinn macht.
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| Rückblick auf L2 (6a). Dass es plattig ist, müsste man nicht nochmals explizit hinschreiben ;-) |
L3, 25m, 6a: Man steht nun unter einer eindrücklichen Plattenzone, wo vor langer Zeit wohl einmal das Gestein abgerutscht ist. Der Fels jedenfalls hat eine spezielle, gerippelte Struktur. So gibt es viele Dellen und Beulen zum Antreten, so richtig gute Griffe sind aber bis auf vereinzelt vorhandene Leisten Mangelware. Eine Passage über ein Umkehrmaillon hinweg sorgt für erstes Herzklopfen, dann folgt eine Rissspur, der abschliessende Runout löst sich besser als gedacht.
L4, 30m, 6b: Zuerst weiter wie gehabt, wobei es bald einmal ein Dächli zu überwinden gilt. Aber die Erschliesser hatten eine gute Nase (oder Vorwissen): es geht recht gut, da sich an entscheidender Stelle ein paar Griffe befinden, um sich oben auf der Platte zu etablieren. Nach ein paar weiteren Metern folgt dann das taffe Finish mit Reibung von der verschärften Sorte. Die m.E. schwierigste Stelle (oder ganz sicher die als am schwierigsten wahrgenommene) befindet sich zwischen den BH und erfordert zu 100% Vertrauen in den Gummi auf ein paar vagen Dellen. Auf dem letzten tauglichen Tritt davor stand ich eine Weile, überlegte mir ob ich das wirklich will und sammelte meinen Mut. Mehrere Kontrollen von meinem Setup und das Anbringen von genau tarierten Backup-Knoten gehörten auch dazu. Hier musste ich nun effektiv einen nie dagewesenen Abgang ins Rope-Solo-Geschirr in Kauf nehmen - die Stelle liess sich einfach nicht restlos kontrolliert machen oder mit Kraftreserven wegdrücken. Das Committment machte sich aber bezahlt: die Füsse hielten und der nächste BH liess sich stabil klippen, uff! Geflasht erreichte ich bald einmal den Stand.
L5, 10m, Gehgelände: Nach L4 kann man entweder abseilen (1x50m-Seil reicht knapp, 1x60m komfortabel) oder nach rechts oben durch eine Grasrinne aussteigen. Wer weiterklettern möchte, muss den Stand in einer 10m-Länge via die Rinne in exponiertem Gelände nach links unten verschieben und dort relativ unbequem sichern.
L6, 25m, 5b: Über eine kompakte Platte mit nun "normalem", aber sehr schönem, silbrig rauem Fels (d.h. nicht mehr ein früherer Ausbruch) geht's hinauf. Am anspruchsvollsten sind gleich die ersten Meter. So richtig die Härte auf Reibung gibt's aber so nicht mehr, weil Schlitze, Risse und Löcher in ausreichender Menge vorhanden sind. Im oberen Teil dann linkshaltend zu Stand. Reicht's gleich in 1 SL bis zum Ausstieg? Ich entscheide mich fürs Probieren.
L7, 27m, 4a: Einfache Genusskletterei, dank dem sehr schönen Fels mit seinen Zacken und Löchern ist das aber trotz dem tiefen Grad keine langweilige Pflichtaufgabe, sondern sehr erquickend. Erst die letzten Meter vor der Wandkante sind dann weniger schön, nicht mehr so gut gesichert und weisen auch ein paar weniger solide Blöcke/Schuppen auf. Mein Seilrest wird immer kürzer, reicht's noch bis zu den Standhaken? Tendenziell eher nicht, aber mit einem Max-Effort-Squat gegen die Seildehnung und voll ausgefahrener Reichweite konnte ich just eine Schlinge klippen und die Extramanöver sparen - der Link-Up von L6/L7 lohnt sich nicht (erst recht in Seilschaft).
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| Landschaftlich liegt das Gebiet in aussichtsreicher Lage über dem Vierwaldstättersee - toll! |
Den Endzeitpunkt meiner Kletterei kann ich mangels Foto nicht exakt beziffern. Die anhaltenden und überraschend anspruchsvollen Moves in L1-L4 hatten mich aber doch eine Weile beschäftigt und gefordert. Nun war ich froh, die Klettersachen ablegen zu können. Entlang von fixen Seilen bzw. Ketten könnte man weiter östlich wohl durch die Wand absteigen und zurück zum Einstieg gelangen. Die Rückkehr über den Zustieg schien aber doch etwas aufwändig und weniger attraktiv, als vom Ausstieg noch ca. 100hm aufzusteigen, um den T4-Wanderweg auf 1620m zu erreichen. Obwohl auf der Karte nichts verzeichnet ist, führt eine gute Spur dahin. Gipfel-Aspiranten können mit 79 Extra-Höhenmetern das Top der Hochflue erreichen, quasi schon fast ein Katzensprung. Der Abstieg zurück nach Egg verläuft teils dem Grat entlang und teils nordseitig. Es sind diverse Versicherungen vorhanden (Leitern, Drahtseile, Ketten). So richtig megaschnell geht's nicht talwärts, vermutlich aber doch effizienter wie auf dem Zustiegsweg - auch wenn ich das nicht quantitativ bezeugen kann. Viel Fahrtwind gab's dann auf dem Downhill - die Strasse ist so steil, dass es richtig fetzt. Aber nicht so steil, dass man ständig die Bremse stark betätigen muss. Mit einigen finalen Pedalumdrehungen dem Lauerzersee entlang ging meine Reise zu Ende. Dieser Halbtag in den Bergen hatte weder Sorrow noch Pain, sondern richtig viel Energie und auch etwas Adrenalin gegeben, so soll es doch sein!
Facts
Rigi Hochflue - Via Päuklid 6b (6b obl.) - 7 SL, 160m - J. Zemp, L. Gribi 1988 - ***;xxxx
Material: 1x50m-Seil, 10 Express
Relativ kurze, aber recht anhaltend schwierige Plattenkletterei in kompaktem, teils besonders schönem, strukturiertem und rauem Kalk. Die angegebenen Schwierigkeitsgrade sind knackig und man muss in fortgeschrittener Reibungskletterei etwas drauf haben, um hier auf einen grünen Zweig zu kommen. Ich jedenfalls war gehörig gefordert - wie viel davon dem Lead Rope Solo zuzuschreiben ist, ist eine gute Frage. Die Route wurde mit rostfreien BH saniert und darf als gut abgesichert bezeichnet werden. Es ist allerdings auch zwischen den Haken schwierig und die 6b-Crux empfand ich als zu 100% obligatorisch. Cams und/oder Keile könnte man wohl vereinzelt anbringen. Das sind dann aber einfachere Stellen, wo es gute Griffe hat. Überall wo es kompakt und schwierig ist, nützen diese Gerätschaften nix, deshalb können sie meiner Meinung nach daheim bleiben. Die Route ist nach Regen sicher sehr schnell trocken und hat eine lange Saison (sofern Zu- und Abstieg schneefrei sind). Ein aktuelles Topo vom Gebiet gibt's z.B. im Plaisir Ost 2026.
Zuletzt noch ein Fun Fact: im Schweiz Plaisir von 1992 war die Route bzw. die Cruxlänge mit 7+ (6c) oder 7 1pa (6b 1pa) bewertet. Für mein Empfinden ist das stimmiger wie die heutige Bewertung von 6b. Andere Führer weisen die Via Päuklid hingegen sogar nur als eine 6a+ aus?!? Item: die pa-Möglichkeit in der Crux ist bei der Sanierung verloren gegangen. Dem ehemaligen, abgebrochenen Dübel habe ich bei der schwersten Stelle ins Auge geblickt. Offenbar wurden die Haken aber bei der Sanierung anders platziert als im Original.



















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