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Donnerstag, 14. Mai 2026

Pizzo d'Eus - L'araba fenice (7b)

Es war schon April, höchste Zeit für die jährliche Pizzo-Visite mit Viktor, meinen Standard-Partner für die Eus-Routen. Beide haben wir uns dem Ziel verschrieben, dereinst möglichst alle der Touren am Berg geklettert zu haben. So wie es scheint, ist das ein eher aussergewöhnlicher Spleen. Denn noch nie haben wir andere Kletterer vor Ort gesichtet, die Spuren werden im Gelände immer schwächer und Online gibt's über die noch nicht auf diesem Blog beschriebenen Touren auch kaum etwas zu erfahren. Dieses Mal sollte es die Araba fenice sein: ein mythologischer Vogel, der als Zeichen für Hoffnung, Stärke und Resilienz gilt. Von dieser drei Ingredienzen sollte man für einen Versuch sicherlich nicht zu wenig mitbringen...

Blick zum Pizzo Vogorno mit unserem treuen, schon reichlich abgewetzten und manchmal auch etwas störrisch-lästigen Begleiter. Aufgrund der Steilheit der Route und dem langen Tag, welcher für ihre Begehung nötig ist, macht das Mitführen eines Haulbags auf jeden Fall Sinn. 

Ohne frühes Aufstehen gehen Eus-Touren nicht über die Bühne, aber mit dem Ziel vor Augen wurde die Weckerzeit von 4.25 Uhr billigend in Kauf genommen. Nach einer staufreien und smoothen Anfahrt liefen wir um 7.45 Uhr schliesslich in Cognera los, auf das Exengebastel vom letzten Mal konnten wir zum Glück verzichten. Das erste Hindernis stellte sich mit der Überquerung des Riale di Pincascia bald in den Weg. Dass diese im April bei Schneeschmelze mit trockenen Füssen gelänge, schien schon im Vornhinein unwahrscheinlich. Tatsächlich stand das Wasser hoch... entweder galt es die bis zu den Hüften reichende Erfrischung im eiskalten Wasser zu akzeptieren, oder dann über das Drahtseil zu hangeln. Als bekennender Warmduscher wählte ich gerne die luftige Variante, während Viktor durchs Wasser schritt. Fazit: das Wasser ist a...zapfenkalt, das Hangeln dafür streng. Zeitlich macht es keinen allzu grossen Unterschied, die Vorteile diesbezüglich sind bei der Tyrolienne.

Das Problem: Steinehüpfen funktioniert um diese Jahreszeit nicht und kaltes Wasser ist brrr... 

Der weitere Aufstieg verlief dann problemlos über die uns inzwischen bestens bekannte Route via Cürt. Natürlich war das Trassee unter einer dicken Schicht Laub begraben. Die Rechen leisteten gute Dienste, ermöglichten uns später einen bequemen Abstieg und erhalten diesen Pfad hoffentlich für die Zukunft. Sonderlich frisch und busper fühlte ich mich auf dem Zustieg nicht - vielleicht der fehlende Effekt vom kalten Morgenbad?!? Nach rund 1:45h waren wir beim Abzweig vom Wanderweg, von wo es noch rund eine Viertelstunde über das teilweise mit alten Fixseilen versehene Steilgelände zur Wand hinauf ist. Der Einstieg ist exakt am selben Ort wie jener der Variante Gege, die wir zuletzt als Start in die Va Pensiero genutzt hatten. Bei sonniger Wärme und nach dem Entfernen diverser Zecken fiel der Startschuss um ca. 10.10 Uhr.

Da war der Startschuss bereits verhallt. Man hat schon etwas zu beissen, bis diese Position in L1 (6a+) erreicht ist.

L1, 45m, 6a+: Auf der ersten Hälfte geht's noch relativ zugänglich los, allerdings drückt da lange die Feuchtigkeit und dementsprechend ist der Fels oft auch etwas dreckig - coole Strukturen hat er aber. Die Schwierigkeiten beginnen beim letzten BH, bevor man die ansetzende Verschneidung erreicht, dies mit einer Wandstelle über ein kleines Dächli hinweg. Die Verschneidung dann etwas rustikal-rampfig, teilweise auf Gegendruck. Nebst einigen altertümlichen NH muss mobil gesichert werden, das volle Set an Gear ist nötig. Die Crux klettert man etwas engagiert im Layback oder dann rechts in der Wand, vermutlich ist beides in etwa ähnlich schwierig.

Die Gegenperspektive zum Bild oberhalb, Nachstieg in L1 (6a+), die Verschneidung nicht geschenkt.

L2, 30m, 7a+: Eine Angewöhnungszeit wird einem hier nicht gewährt, der Ernst der Sache beginnt schon unmittelbar nach dem Stand. Zwar ist die Kletterei da noch nicht voll die Härte, dafür klettert man mindestens ein Dutzend Meter, bis der erste BH geklippt werden kann. Man kann schon Cams legen, es gibt aber nicht Bomber-Placements à discretion, irgendwie leicht unangenehm. Später folgen dann die BH in kurzen Abständen - das kann nur heissen, es wird richtig schwierig. Die ersten Stellen lassen sich noch lösen oder austricksen, bei der Crux heisst es dann aber, die Füsse vom seichten Untergriffriss entschieden auf die glatte und etwas sandig-brösmelige Platte zu pressen. Not really my cup of tea, da hat mir die finale, athletische Wandstelle mit einer Querung nach links viel besser gefallen.

Endlich ist der erste BH in L2 (7a+) geklippt. Zuvor kann man zwar wie das Bild zeigt schon Cams legen, es sind einfach nicht alle davon sonderlich gut. Von der Position des Akteurs beginnt nun die richtig schwierige Kletterei - eine Buckelei mit den Füssen auf glatter Platte.
Eine coole athletische Wandstelle bildet den Abschluss von L2 (7a+).

L3, 25m, 7b: Da sind die Aussichten doch schon viel besser und der Motivationspegel steigt gleich an! Offensichtlich wartet athletische Wandkletterei, welche sehr gut mit BH abgesichert ist. Die Cams lasse ich mir (zurecht) nicht an den Gurt hängen. Sie würden in der steilen Cruxpassage nur unangenehm nach aussen-unten ziehen. Hat man sich an diese herangepirscht, so heisst es erst ein schräges Dächli an ein paar Leisten und Untergriffen, dann eine etwas sloprige Kante vor allem an Seitgriffen zu meistern. Leider fehlt mir die Intuition um die Finken im entscheidenden Moment auf den korrekten Tritten zu platzieren und der Spirit, um es dennoch zurechtzubiegen. Fazit: der Onsight scheitert knapp, schade! Ob der Cruxzone dann etwas einfacher, aber immer noch athletisch-anhaltend zum Stand.

In L3 (7b) wartet überhängende, powerige Wandkletterei, prima mit BH gesichert 🤩

Auch nach der eigentlichen Crux in L3 (7b) muss noch 1-2x kräftig durchblockiert werden.

L4, 30m, 7b: Schlicht und einfach: DAS IST DIE BESTE SEILLÄNGE! Nicht nur von dieser Route, sondern vom ganzen Berg. Zumindest soweit ich ihn bisher beklettert habe, und das umfasst 6 MSL-Routen mit total rund 75 Seillängen. Los geht's mit einer Wandstufe, dann kurz etwas Gegendruck-Gelände an kleinen Verschneidungen. Relativ unschwierig, wenn man nicht (nur) dem steckengebliebenen 1er-Cam mit seiner verblichenen Schlinge vertraut, sollte man selbst noch 0.75 oder 1 und 0.4 mitnehmen, der Rest ist prima mit BH ausgerüstet. Nach dieser Passage geht's los, eine knifflige Wandsequenz mit sloprigen Löchern bringt einen unter das Dach. Powerig-athletisch über dieses hinweg, oberhalb helfen oh Wunder zwei grosse Löcher, welche sich genau an der erwünschten Stelle befinden. Zum Abschluss heisst es noch ausdauernd am Ball bzw. den oft quarzigen Leisten, Tritten und Henkeln bleiben, die in einem luftigen Quergang nach rechts hinaus zum (nicht so sonderlich bequemen) Stand führen - affengeil!

Ausblick auf L4 (7b), aufgrund von Seil und v.a. Haulbag kann man erahnen, wie steil diese Länge ist.

Es heisst kräftig dranzubleiben, bis der Stand geklippt ist - dies in sehr luftiger Position (L4, 7b).

L5, 45m, 7a+: Vorerst macht es den Eindruck, es gehe gleich weiter wie zuletzt. Das stimmt, aber nur für die ersten ~15m der Seillänge: steile und kräftige Kletterei an guten Griffen, super. Dann gelangt man in sich zurücklegendes Gelände, welches mit Löchern und Quarzhenkeln gespickt ist. Dementsprechend physisch deutlich einfacher, doch die sehr weiten Hakenabstände mahnen zur Vorsicht und lassen gewisse Fragezeichen offen, wo es überhaupt durchgeht (leicht linkshaltend gerade hoch, Cams bis Grösse 1 nötig!). Später fordert dann ein kniffliges Plätteli mit seiner Querung - einmal geschafft und mit der Hoffnung die Crux in der Tasche zu haben, wird man sich dann gewahr, dass noch ein verdammt hartes Finish mit plattiger Wandkletterei folgt. Erst hier, fernab von der Sicherungsperson und ohne Kommunikation mit dieser, entscheidet sich der Durchstieg in wirklich marginalem Terrain. Der gelang uns nicht, für mich fühlte sich diese Passage klar härter an wie die 7b-Längen davor. Immerhin, die Bolts stecken da genügend dicht, dass man schon ohne allzu grosse Mühen hochkommt.

So richtig taffes Geschlabber am Ende von L5 (7a+), der Grad ist meiner Meinung nach zu knapp bemessen.

L6, 35m, 7b: Ja, gleich am Überhang ob dem Stand geht's zur Sache. Wobei der steile Teil nicht das Problem ist, sondern viel mehr das Etablieren in der Platte darob. Im Originaltopo stand 6b+ 1pa und darauf sollte man sich vielleicht besser auch einstellen. Wir waren jedenfalls trotz seriöser Versuche nicht fähig, diese Passage freizuklettern - im Minimum 7A bloc, vermutlich eher mehr (also im richtigen Minimum wäre der Boulder sicherlich Schwierigkeit rot, was das heisst weiss der Leser entweder oder darf es gerne selbst herausfinden). Zum Rest gibt's dann nicht mehr so viel zu erzählen. Eher unschön, ziemlich botanisch und wegen der spärlichen Absicherung mit unklarer Linienführung gilt es in relativ einfachem Gelände voranzukommen. Eine recht grosse Rechtsschleife ist die richtige Lösung, ein paar Cams hinter dumpf tönenden Schuppen bringt man schon unter, ein paar wenige BH dienen als Richtungsweiser.

Nach verdammt harten Boulder wird's in L6 (7b) einfacher und ziemlich vegetativ.

L7, 55m, 6c: Auch hier stellt sich vom Stand aus erst einmal die Frage, wo es überhaupt durchgeht, denn BH sind keine sichtbar. Linksrum ginge es vermutlich sogar relativ easy (aber in unschönem Gelände). Doch das Originaltopo bringt uns auf die richtige Spur. Richtung 13 Uhr geht's, das attraktivste Gelände nutzend, später kommt dann tatsächlich ein von unten nicht sichtbarer BH. Die Routenführung ist jedoch eigenwillig, es geht nach links mit einem Mantle-Boulder über eine Kante hinweg und später dann sehr gesucht in einem Winkel über das Dach hinweg. Im Nachstieg war mir gar nicht bewusst, dass Viktor da linksherum auf dem logischen Weg ausgekneift ist - da ist das Dach bloss noch eine Stufe und deutlich einfacher zu haben, die zur Sicherung gelegten Cams sahen jedoch eher windig aus. Schliesslich führt eine Platte zum Grasband hoch. An dieser Stelle drückt (wie bei allen Eus-Routen) gerne die Nässe. Selbst bei unserer Begehung, lange nach den letzten Regen-/Schneefällen und bei voller Sonneneinstrahlung im April war es nicht restlos trocken. Es ging gut, aber hier kann man auch ausgebremst werden. Wissenswert: 50m-Seile sind definitiv zu kurz, um den BH-Stand am oberen Ende des Grasbandes zu erreichen. Deshalb Stand an einer Birke gemacht.

Das ist der Start in L7 (6c), der erste BH befindet sich (vom Stand unsichtbar) am Bauchnabel des Kletterers.

L8, 20m, 6b: Puh, was soll denn das?!? Obwohl durchaus zugängliche und attraktive Linien möglich gewesen wären, haben sich die Erschliesser auf eine sehr rustikale Linienführung im Quergang unter einer Dachreihe eingelassen, wo es auch ganz offensichtlich häufig raussaftet (immerhin das war bei unserer Begehung kein wesentliches Problem). Nach wenigen Metern des kurz-problemlosen Auftakts wird es ganz schnell ernst: Cam 2, dann Untergriff-Gegendruck mit den Füssen auf unstrukturierter, brösmeliger Platte. Weitere Sicherungen zu legen ist so absolut unmöglich und dementsprechend heisst es, mit 100% Committment über eine längere Strecke durchzuziehen. Wobei es nicht absehbar ist, wie gut es geht und wie lange man durchziehen muss. Sollte es nicht klappen, so scheppert man Vollgas in den 2er-Cam und falls der nicht halten sollte, aus 10-12m Höhe auf das Band unterhalb. Wie Maloney tat ich, was man in dieser Situation sinnvollerweise tut: Aid-Climbing an den Cams... Viktor zieht die Länge im Nachstieg dann tatsächlich frei durch (freundlicherweise habe ich noch etwas Backcleaning betrieben). Aber voll am Limit, knapp vor dem Abschmieren und versiert in dieser Art von Kletterei. Der Grad 6b ist hier pures Hirngespinst, 7a sicherlich angebracht.

Viktor chillt mal eben L8 (mehr 7a wie 6b) hoch - oder auch nicht. Selbst im Nachstieg sind Einsatz und Mut erforderlich!

L9, 30m, 7a+: Vorerst geht's so weiter wie zuletzt: Untergriff-Gegendruck der Dachfuge entlang, brösmelige Füsse, häufig ist das feucht/nass (auch bei uns teilweise). Ist man einmal um die Ecke gebogen, wartet dann bald eine unmögliche Boulderstelle à la "7a+ wtf". Wir konnten keinen Plan entwickeln, wie man diese Passage frei hinkriegen soll. Wohlgemerkt handelt es sich da um athletische Kletterei und keine Slab. Wie auch immer, der hier angegebene Grad korrespondiert null mit den 7b-Längen im unteren Teil. Zum Glück geht's mit etwas Einsatz A0. Letzteres gilt nicht für das henklige Rési-Finish wo man etwas steigen muss, jedoch ist dieser Abschnitt vergleichsweise easy und hellt die Miene nach dem Ablöscher davor wieder etwas auf.

Der Start in L9 (7a+), vorerst geht's weiter an Untergriffen dem Dach entlang.

L10, 40m, 6b+: Erst athletisch, dann plattig, so lautet hier das Motto. Hier kann man sich wieder mit der Route versöhnen, es ist wirklich eine coole Länge. Griffig-steil zuerst mit eher weiten Hakenabständen, wer aber über etwas Reserven verfügt, wird trotzdem kaum ins Schwitzen kommen. Eher noch der Fall sein könnte dies beim zunehmend plattigen Finish. Hier gibt's viel Interpretationsspielraum für die Optimallinie und zum Ende hin dann auch noch saftige Runouts. Die Felsstrukturen sind aber genial, erst quarzige Knubbel und zum Ende dann rund-ausgewaschene Formen. Meine Meinung: es ist relativ gutmütig für den Grad... insbesondere gemessen an dem was uns sonst teilweise im Tessiner Reibungs-Gneis als "6b+" verkauft wird.

Geniale Felsstrukturen, tolle Kletterei, aber weiträumige Absicherung in L10 (6b+).

L11, 45m, 6b+: Vom Stand her gesehen sieht's trivial aus und fast übertrieben gut abgesichert... Nun, besonders mutig muss man hier im ersten (vom Stand überschaubaren) Teil für einmal wirklich nicht sein, aber das mit "trivial" ist eine komplette Täuschung. Die Platte ist zwar nicht so steil, aber dafür sehr abschüssig und 100% Zutrauen in die Reibung erfordernd. In diesem Rahmen macht's mir aber echt Freude und es gelingt sogar - gefühlt am persönlichen Limit. Die letzten zwei Drittel sind dann zwar deutlich einfacher, dafür stecken kaum mehr Bolts. Die Steilzone geht gut auf, stürzen sollte man da seinem Wohlergehen zuliebe aber besser nicht. Der wahnwitzige Abstand auf der Platte zum Ende lässt sich mit recht guten Placements zum Glück entschärfen (ca. 0.3-1 sind da unterzubringen). Der Stand steckt deutlich rechts drüben, ist aber von Weitem gut sichtbar.

Der Start in L11 (6b+) sieht easy peasy aus, aber das täuscht doch eher. Anspruchsvolle Reibung!

Um 20.10 Uhr und somit nach ziemlich genau 10 Stunden der Kletterei hatten wir das Top erreicht und die Mission erfüllt. Das Punktekonto war nur relativ bescheiden gefüllt worden. In den beiden athletischen 7b-Längen konnte ich mir immerhin einen ehrenvollen Knapp-nicht-Onsight notieren, wohingegen ich in den anderen, eher plattigen 7a+/7b-Längen chancenlos war. Wenn wir aber das Glas in der bewährten und typischen Ami-Manier halbvoll füllen, so war es vermutlich auch hier noch ein ~97% Free Ascent. Von der langen Zeitdauer ist ein Teil einfach der Kombi vom Gelände und unseren Fähigkeiten zuzuschreiben. Einen anderen Part muss ich auf meine Kappe nehmen. Larina war in Portugal an der Boulder-Comp der European Youth Series im Einsatz, wo ich natürlich live mitfiebern musste. Nicht zuletzt deshalb brach am Top schon bald die Dämmerung herein...

Den Tag voll ausgenutzt. Tolle Stimmung auf den letzten Metern von L11 (6b+).

Es lief also wieder einmal auf ein Abseilen bei einbrechender Dunkelheit hinaus. Im oberen Teil ist dabei ein routenunabhängiger Stand zu nutzen. Dieser befindet sich a) höher wie in den Topos gezeichnet, d.h. nicht auf der Höhe von Stand 10, sondern etliche Meter oberhalb und b) etwas westlich (und nicht östlich!) der Falllinie. Das hätte ich auch gerne vorher gewusst, so hätte ich mir den Wiederaufstieg am Seil im freihängenden Gelände gespart. Von diesem Stand erreicht man das Band, wobei man auf dem Band weiter nach Westen traversieren muss und dann (mit 2x50m) besser von einem Baum abseilt, um den Stand nach L6 zu erreichen. Von da lief es dann zum Glück besser, wobei man von Stand 4 mit einer freihängenden 50m-Strecke direkt zu Stand 2 abseilt. Das war im Dunkeln mit beschränkter Sichtweite relativ spooky, aber kurz vor Seilende hat man den Stand dann wirklich vor seiner Nase und erreicht auch den Fels wieder problemlos.

Die Warmduscher-Methode, um über den Fluss zu kommen. Auf diese Griffen wir auch auf dem Rückweg gerne wieder zurück, dann natürlich aber in vollständiger Dunkelheit. Wer auf diesem Weg trockenen Fusses vom einen ans andere Ufer kommen möchte, kann sich mit dem Mitführen einer Seilrolle die Sache wesentlich bequemer machen.

Um 21.30 Uhr hiess es Touchdown am Wandfuss, nach einer Pause und dem Verpuffen vom Material liefen wir um 21.50 Uhr dann los, stiegen vorsichtig entlang der Fixseile zum Wanderweg ab. Der Rest über den Pfad (wiederum via Cürt) war dann Formsache, dank mehrere Besuche kennen wir den Wegverlauf inzwischen gut und finden ihn auch in der Dunkelheit problemlos. Zuletzt wartete dann noch die Bachtraverse. Auf das Waten im kalten Wasser bestand überhaupt keine Lust mehr, so gab's einen letzten Effort am Drahtseil, welcher uns um 23.10 Uhr schliesslich zum Parkplatz brachte. Nun wartete noch die Heimfahrt über immerhin fast leere Strassen - nur im Gotthard findet sich natürlich um jede beliebige Zeit ein Vorfahrer, der mit nur 65km/h durch den Tunnel tuckert. Das ist wohl mindestens so sehr ein Naturgesetz, wie dass eine Route am Pizzo d'Eus in einem >20h door-to-door Unternehmen endet.

Facts

Pizzo d'Eus - L'araba fenice 7b (6c obl.) - 11 SL, 400m - Fratagnoli/Petazzi/Turchetto 2005 - ****;xxx
Material: 2x50m-Seile, evtl. 2x60m, 12 Express, 1x Cams 0.2-3

Eine typische Eus-Route mit einigen hervorragenden Seillängen und anderen, die weniger attraktiv sind. Die Herausforderungen liegen eher auf der athletischen Seite, harte Plattenstellen kommen relativ selten vor, sind aber nicht gänzlich absent. Der Fels ist über weite Strecken hervorragend, teilweise aber auch etwas grasig oder mit brösmelig-sandiger Auflage. Die Route ist nur nach einer Trockenperiode sinnvoll, sonst könnte man im Bereich des Bandes oder spätestens danach in den dachartigen Verschneidungen ausgebremst werden. Wie so oft am Pizzo d'Eus sind einige der Bewertungen mit Vorsicht zu geniessen, hier gibt der Haupttext nähere Auskünfte. Die Absicherung mit rostfreien BH ist gut bis sehr gut ausgefallen. Die steil-schwierigen Stellen sind eigentlich alle auf Niveau xxxx bis teilweise sogar xxxxx eingerichtet. Bei den plattig-schwierigen Stellen ist die Sache tendenziell anspruchsvoller und eher nur xxxx, aber man kommt mit 6c obl. durch und muss nirgends viel Mut beweisen oder das Risiko von einem heiklen Sturz in Kauf nehmen. Die einfacheren Seillängen weisen hingegen grössere Abstände auf. Mit etwas Gear kommt man da aber auch noch weitestgehend auf xxx und verbleibt im grünen Bereich. In Sachen Schönheit, Attraktivität und Zugänglichkeit der Kletterei würde ich die Route als in derselben Liga wie Cacciatori di Parete und Magic Rampit einstufen, bzw. höher als Va Pensiero und Vai con gli amici. Auf einen Vergleich mit den tendenziell plattigeren Routen Radici del Silvio und Vai col blues weiter rechts sei hingegen verzichtet. Topo und weitere Infos findet man im SAC-Führer Tessin und im Extrem Sud. Hier anschliessend das (Low-Resolution)-Originaltopo der Erschliesser, welches ich dereinst im World Wide Web ergattert hatte.

Originaltopo der Erschliesser, mit wissenswerten Zusatzinfos.



Montag, 4. Mai 2026

Skitouren für Spätaufsteher

Es ist nicht so, dass ich der geborene Langschläfer bin. Doch regelmässige Nachtruhe ist wichtig, und genügend Erholung auch. Insbesondere die Sportklettersessions fordern nämlich ihren Tribut. Auch wenn man dabei keine übermässigen Distanzen oder Höhenmeter zurücklegt, so fordert man doch 100% von seinem Körper ab. Und so schadet eine sonntägliche Zusatzstunde in der Horizontalen ganz und gar nicht. Jedenfalls: ich erhob mich um 8 Uhr aus dem Bett und wollte trotzdem noch ein schönes Recovery-Tüürli in sulzigem Schnee machen. Meine Pläne spielten sich im Klöntal ab. Nach dem Zmorge mit der Familie wurde das Material verladen und Nägel mit Köpfen gemacht.

Auf dem Weg dem Schnee entgegen: hinein ins schon frühlingshafte Rossmatter Tal.

Meine Tour startete um 10.15 Uhr beim Fahrverbot in Klöntal Plätz. Mit dem Schneetaxi ging es zügig hinauf nach Wärben (1385m), wo ich den Blinker stellte und den steilen Karrweg Richtung Zeinenstafel einschlug. Dieser Abschnitt mit grobem, losem Schotter ist an der Grenze der Fahrbarkeit und bei der Kehre auf 1450m war sowieso Schluss, ein Schneefeld belagerte das Trassee. Um 10.50 Uhr mogelte ich mich erst zu Fuss weiter, da ich um die nächste Ecke wieder aperes Gelände befürchtete. Das manifestierte sich genau so. Erst beim Zeinenstafel (1568m) kamen die Bretter an die Füsse, von da weg ging es dann aber durchgehend. Wobei man sagen muss: 118hm Fussmarsch sind kein Drama.

Bikedepot: dagegen ist auch mit dem Boost-Modus am E-Bike kein Kraut gewachsen.

Die Route hinauf zur Zeinenmatt war mir von der Tour auf den Hinter Gassenstock noch bestens bekannt. Und genau bei diesem Anlass hatte ich die tollen NW-Hänge am Munggenchöpfli vorbei als lohnendes Skigelände in meinen Hirnwindungen abgespeichert. Gut, das Abspeichern ist das eine, aber die Erinnerung im richtigen Moment wieder in den Kortex zu laden das andere. Hier war es mir gelungen und ich fellte bei besten Bedingungen hinauf. Im oberen Teil steilt sich das Gelände auf bis zu 40 Grad auf und stellte mit der glatten, harten Schneedecke eine gewaltige Rutschbahn dar - Harscheisen waren unabdingbar. Um 12.15 Uhr erreichte ich das Top der Rinne auf ca. 2180m. Für Fernsicht ist man da zu tief, aber die Nahblicke zur Zeinenfurggel, den Gassenstöcken und dem Bös Fulen sind nicht zu verachten.

Tolle Tourenverhältnisse in der Nähe von daheim gesucht und sie gefunden!

Nach einer kurzen Pause schnallte ich die Bretter an die Füsse. Der Zeitpunkt war genau richtig, die steilen Hänge gerade mit "al dente"-Sulz präpariert. Wie im Rausch ging's retour in die Zeinenmatt, auch die folgenden Hänge retour zum Zeinenstafel boten mehr von dem, weswegen ich gekommen war. Dann wurden die Bretter für einen kurzen Marsch geschultert, später dann auf's Bike verladen und zu Tale gebracht. Um 13.15 Uhr war ich wieder auf dem Weg nach Hause, der Plan hatte sich so materialisiert, wie ich mir das vorgestellt hatte - perfekt!

Der Bös Fulen und die Gassenstöcke, gut sichtbar meine Route zum Hinter Gassenstock von 2025.

Disclaimer: dieser Beitrag soll nicht dazu verleiten, im Frühjahr spät auf Skitouren aufzubrechen. Ein rechtzeitiger Start und eine frühe Rückkehr sind essenziell. Hier, an diesem steilen NW-Hang relativ nahe bei mir daheim ging sich die Tour ausnahmsweise ohne frühes Aufstehen aus. Ich hatte jedoch einen genauen Zeitplan, welche ich strikte einhalten konnte. Zudem war die Situation aussergewöhnlich günstig: nach einer langen Schönwetterperiode herrschte Warnstufe 1 und die Gefahr von nassen Lawinen war ebenfalls nicht sehr akut.

Montag, 27. April 2026

Skitour Chilchalphorn (3039m) & Lorenzhorn (3048m)

Das Saisonende für Skitouren naht, doch die guten Verhältnisse wollen zur Erholung vom Sportklettern nochmals ausgenutzt werden. Mit den noch nicht geöffneten Passstrassen stehen nur relativ wenige Touren mit entsprechend viel Andrang zur Verfügung. So will ich kreativ werden und eine Tour angehen, welche sich nur in Kombination mit dem E-Bike lohnt. Mit dem sehr populären Chilchalphorn ist diese identifiziert. Bei winterlichen Powder-Verhältnissen wird diese Tour von Alpinisten aus Nord und Süd überrannt. Aber jetzt, wo unterhalb von 2000m schon gar kein Schnee mehr liegt, ist man da alleine unterwegs. Die eingesparten Höhenmeter zu Beginn der Tour habe ich den Abstecher zum Lorenzhorn investiert. Einsam und abgelegen erreicht man dieses Ziel über den Fanellgletscher in sehr schöner Landschaft und exzellentem Skitouring.

Hier ist noch (fast) alles grün, und wir sind doch schon auf 2000m! Aber der Schnee kommt, und es geht wirklich vom (sich im Bildzentrum befindenden) Bikedepot weg. Links dann der Gipfel des Chilchalphorns (3039m), rechts der Wenglispitz (2841m).

Um 7.45 Uhr sattle ich das Schneetaxi unmittelbar bei der Autobahnausfahrt von Hinterrhein. Preu heisst diese Lokalität, und somit gleich wie der Informatiklehrer meiner Tochter. Nein, ich glaube dieser Computer-Nerd hätte keine Freude an einer solchen Tour. Zügig geht's über den betonierten Chilchalpweg mit dem Boost-Modus in die Höhe. Bei P.2084 überdeckt der erste Schneefleck die Strasse, mit dem Bike kann er über die Wiese umfahren werden. Nach 20 Minuten (4.4km, +500hm) bin ich bei der Brücke über den Rappierbach auf ca. 2110m. Hier ist Bikedepot und Wechselzone, ein schmaler Schneestreifen neben dem Bach erlaubt es, direkt mit den Fellen loszugehen.

Hier nebem dem Rappierbach geht's mit den Fellen los, im Visier das Chilchalphorn.

Das Gelände im unteren Teil der Tour ist schon recht stark ausgeapert. Ich habe aber Glück, finde die richtige Linie und komme komplett mit den Ski durch. Nach Belieben konnte ich mir einen Plan zurechtlegen. Erst zum Lorenzhorn? Oder erst zum Chilchalphorn? Mein Entscheid fiel auf letzteres. Mit dieser Reihenfolge vermutete ich, noch besser von den Schneeverhältnissen profitieren zu können. Und es erlaubte mir, auf dem Rückweg von der Chilchalplücke direkt gen Tal gehen zu können - was ja durchaus auch ein Faktor sein kann, bei vorherrschender Müdigkeit und Wärme. Eventfrei habe ich schliesslich den Gipfel um ca. 10.30 Uhr erreicht. Direkt am Top ging ein giftiger Nordwind, südseitig unterhalb fand ich einen bequemen, windstillen Sitzplatz - perfekt!

Top of Chilchalphorn mit Blick in die Talschaft Rheinwald.

Dann wurden die Ski angeschnallt und in die Tiefe gestochen. Ganz oben an den NE-seitig ausgerichteten Hängen fand ich sogar noch etwas lockeren Schnee auf solider Unterlage, der genussvolle Schwünge erlaubte. Die Chilchalplücke liess sich direkt ohne Aufstieg anfahren, ich wechselte auf die Westseite. Naturgemäss war der Schnee da eher auf der harten Seite. Geräuschvoll schwang ich in die Tiefe, erst im flachen Gelände auf 2550m kamen die Ski zum Stehen und es wurde angefellt. Mein Interesse war von einem Loch im Gletscher geweckt worden, welches ich unbedingt besichtigen wollte.

Der Gletschertunnel, ein sehr eindrückliches Erlebnis!

Tatsächlich war es dann ein ca. 80-100m langer Gang in der Grösse eines Strassentunnels. Ganz ungefährlich war dessen Begehung aufgrund von Einsturzgefahr sicherlich nicht. Trotzdem, diese einmalige Gelegenheit wollte ich mir dann doch nicht nehmen lassen. Sehr eindrücklich war es, schön auch, gleichzeitig aber auch traurig - das Loch ist ja nur deswegen entstanden, weil der Gletscher am Sterben ist. Schon im nächsten Sommer wird es vermutlich Geschichte sein und das verbleibende Eis des Fanellgletschers hat auch höchstens noch ein paar Jahrzehnte vor sich. Umso besser, dass ich es noch in seiner ganzen Länge bis zur Rotgrätlilücke beschreiten konnte. Es zieht sich, ist aber eine wunderbare Passage in einer abgeschiedenen Landschaft. Man fühlt sich da weit abseits der Zivilisation, fast ein wenig wie in Grönland - zumindest in Bezug auf Handy-Empfang sind die Verhältnisse gleich.

Blick zum Fanellgletscher, der Tunnel ist zu erahnen. Links der Bildmitte das Lorenzhorn (3048m).

Schliesslich erreichte ich die Lücke und beschritt die Nordhänge gegen den Gipfelkamm hinauf. Hier lag wieder ein wenig pulvriger Schnee auf kompakter Unterlage, der es einem nicht so leicht machte. Bald war ich aber da und deponierte meine Ski am Fuss des kecken Gipfelturms. Dieser erfordert zuerst plattige Kletterei, zuletzt geht's über den schmalen, exponierten Grat in leichter Kletterei zum Top. Ja, es ist richtig luftig über der überhängenden Südwand. Um ca. 12.10 Uhr hatte ich den kleinen Platz am höchsten Punkt mit seinem kümmerlichen Steinmann erreicht. Und verliess ihn nach einem Rundumblick gleich wieder - das Skidepot versprach die gemütlichere Rast.

Der kecke Gipfelaufbau vom Lorenzhorn (3048m) von unten gesehen...
Im Vordergrund der Gipfelgrat, der sich ganz schön luftig präsentiert. Am Horizont Rheinwaldhorn und Güferhorn.

Die Abfahrt zur Rotgrätlilücke war dann prima, jene in Traumsulz über den Fanellgletscher sogar exzellent. So hätte das noch ewig weitergehen dürfen, aber im flachen Gelände auf 2550m kamen die Bretter zum Stoppen und wurden wieder mit den Fellen beklebt. Es wartete die Pflichtaufgabe mit dem 260hm umfassenden Wiederaufstieg zur Chilchalplücke. Bald war diese erreicht, die Abfahrt von da bot dann auch nochmals tollen Sulzgenuss in abwechslungsreichem Gelände. Nur die letzten 100hm zum Bikedepot waren dann auf dem letzten Streifen an schon etwas faulem Schnee nicht mehr der Brüller, aber doch bis zum Zweirad fahrbar. Um 13.30 Uhr setzte ich mich auf den Sattel, zuerst müssen noch einige Höhenmeter gewonnen werden, bald heisst es dann aber die Handkraft einzusetzen, um auf der steilen Betonstrasse die potenzielle Energie in Reibungswärme zu verwandeln. Etwa so heiss wie die Bremse war diese Tour, eine geniale Sache!

Traumhafte Bedingungen mit zischendem Sulz auf dem Fanellgletscher.
Der Schnee ist auch auf dem Rückweg noch da :-) Abschwingen also direkt neben dem Bike.