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Mittwoch, 13. Oktober 2021

Hintisberg - TNT (7a)

Eine richtig schwierig Planung war es gewesen für dieses Wochenende: die Tage zuvor war bis auf 2000m hinunter der erste Herbstschnee gefallen und gleichzeitig war eine hartnäckige Hochnebeldecke prognostiziert. Deren Obergrenze wurde zwar von den Wetterdiensten auf eine optimistische Tiefe um 1300m veranschlagt. Ich für meinen Teil glaubte aber nach einem detaillierten Studium nicht so wirklich an diese Angabe und wollte defensiv planen - wer will denn schon in der Suppe klettern, wenn oberhalb die Sonne scheint. So schien schliesslich der Hintisberg im Sweet Spot zwischen Nebelobergrenze und dem verbleibenden Schnee zu sein. Noch nicht oft war ich hier zu Gange: für eine Tagestour ist es einfach ziemlich weit da rauf, zudem sind die Routen eher kurz und auch wenn sie sehr genussvoll sind, aber irgendwie doch zu wenig 'majeur' für den weiten Weg. Aber klar, man kann ja gleich 2 Touren machen oder mehr als 1 Tag in der Region bleiben... das letztere haben wir schliesslich gemacht :-)

Die tolle SE-Wand der Burg (2240m) am Hintisberg mit dem Verlauf der Route TNT (7a).

Nach wegen Bauarbeiten etwas stauträchtiger Anfahrt dem Brienzersee entlang kurvten wir schliesslich die vielen Höhenmeter zum Hintisberg hinauf. Die Taxe von 10 CHF wird schon seit einer Weile nicht mehr wie in den Kletterführern angegeben im (derzeit geschlossenen) Restaurant bei der Abzweigung bezahlt, sondern ein paar Kilometer weiter oben am Hang bei einem Taxautomaten. Dieser akzeptiert Münzen oder auch die gängigen Parking-Apps (Twint, Parkingpay, ...). Um 11.25 Uhr brachen wir schliesslich am Parkplatz auf - selbst im späten Herbst könnte man schon deutlich früher dran sein - für uns war's nicht möglich, wir mussten morgens erst noch Jerome in sein Trainingsweekend verabschieden. Der Zustieg ist aber kurz und in 25 Minuten rasch erledigt. Viel zu bemerken gibt's dazu nicht, ausser dann man den Wanderweg verlassen soll/muss, dort wo eine deutliche Wegspur nach links an die Wand zieht. Am Wandfuss herrschte ein sehr angenehmes Klima, wir nahmen es gemütlich und stiegen um 12.15 Uhr ein. 

So lässt es sich den Herbst geniessen! Erst relativ kurz vor dem Oberläger gelangten wir auf ca. 1700m aus dem Hochnebel - schon zu diesem Zeitpunkt war klar, dass er an diesem Tag wohl seine eigenen Spielchen spielen würde und sich nicht an die im Wetterbericht angesagt Obergrenze von 1300m halten würde.

L1, 50m, 6b: Der Einstieg ist gar nicht mal so einfach zu identifizieren, denn es gibt viele Touren, die Topos sind nicht super präzise, es ist wenig bis nichts angeschrieben und einige in der Literatur nicht verzeichnete Linien erschweren die Sache zusätzlich. Bei der TNT gibt's aber ein tief eingemeisseltes Bohrmaschinen-Graffiti am ersten Haken. Allerdings befindet sich dieser erst 8-10m über dem Wandfuss oberhalb des plattigen Vorbaus, den man direkt oder von links einquerend bewältigen kann. Gleich zu Beginn hat der gute Kaspar dann wohl das Wendenfieber gespürt - bei griffiger, aber nicht trivialer Kletterei muss man sich ziemlich engagieren, ein Sturz würde da ungut enden. Die Schwierigkeiten dieser Länge befinden sich dann bei 2 markanten, gut abgesicherten Dächern, wo man den Bizeps auspacken und die grauen Zellen einsetzen muss, um eine effiziente Lösung zu finden. Ich meine, dass uns dies gut gelungen ist, trotzdem würden wir die hier veranschlagte 6b mit der 6b+ von L3 tauschen wollen. 

Grau-rauer, sonnengewärmter Kalk, eine perfekte Herbstkletterei - Larina in L1 (6b).

L2, 30m, 6c: Die Mauer gleich oberhalb vom Stand hat es in sich, kleingriffig und eher trittarm geht's zur Sache, die zu nutzenden Strukturen sind sogar schon ein wenig abgespeckt - fordernd und nicht die beste Passage der Route. Man quert dann nach rechts unter das obligate Dach, welches aber im Vergleich zum Rest einigermassen zahm daherkommt. Oberhalb davon geht's dann wieder nach links und in einem längeren Runout hinauf zu bequemem Stand auf dem Querband. Man kann auf dem letzten Abschnitt noch einen Cam platzieren (0.5 ging gerade, besser wäre 0.75 oder 1, mit kleinen Exemplaren oder wie in der Literatur empfohlen Keilen kann man da aber nichts anfangen!). Zu erwähnen ist auch hier: teils stecken die Haken etwas kreuz und quer, manchmal auch ungünstig unterhalb von Dächern und der Routenverlauf schlägt manch eine Ecke - man sollte mindestens 6 verlängerbare Alpine Draws mitführen und diese an den entscheidenden Stellen einsetzen, sonst bremst man sich arg aus. Zur Bewertung ist noch zu sagen, dass wir die 6c mit der 6c+ von L4 tauschen würden.

Am Ende von L2 (6c) kann man einen Cam platzieren, um den etwas weiten Abstand (bei einfacher Kletterei) zu verkürzen. Es ist aber grosso Modo die einzige Stelle, wo eine mobile Sicherung nötig ist, bzw. so richtig sinnvoll eingesetzt werden kann. Und eigentlich ginge es auch hier ohne...

L3, 25m, 6b+: Hinauf und rechts tendierend über 2 Dächli hinweg geht's hier zuerst einmal. Wie immer gilt es zu erkennen, wo oberhalb der Dächli sich die Henkel befinden. Hier war's aber nicht allzu schwierig und wir empfanden diese Länge alle 3 als klar die einfachste der Route, somit dürfte hier ein 6b als Bewertung gut ausreichen. Zu erwähnen ist noch, dass man sich nach dem zweiten Dächli fast horizontal entlang von einer Querfuge nach rechts hält. Es kommt nochmals ein BH, von welchem man neuerlich etwa 5m quert, um dann hinauf und an tiefen, äusserst griffigen Tropflöchern wieder etwas zurück nach links zu steigen. Da steckt nichts mehr, daher durchaus etwas kühn - passt aber schon und sowieso würde man nur mit unmöglichem Seilzug bezahlen.

Super-griffiger Tropflochfels am Ende von L3 (6b+), genial zu klettern!

L4, 25m, 6c+: Ob dem sich aufsteilenden Gelände und der höheren Bewertung machen wir uns auf etwas gefasst. Das entpuppt sich jedoch gutmütiger wie gedacht. Klar sind da ein paar athletische Moves im Steilgelände gefragt, aber die Griffe sind alle zwischen 'gut' und Idealhenkel. Einzig in der Querung auf die Nase an der fixen Schlinge vorbei sind ein paar etwas kleinere Leisten zu riegeln, aber wir meinen, dass hier eine 6c als Bewertung nicht übertroffen wird. Nach dieser Passage gibt's dann kurz etwas Fragezeichen über den Routenverlauf: gerade hinauf scheint möglich, man sieht oberhalb auch Bolts. Aber das ist scheinbar eine namenlose Variante, welche in die 'Floh' führt. TNT führt horizontal nach rechts, der Quergang sieht zwar auf den ersten Blick eindrücklich aus, ist aber nach den ersten Moves wirklich total unschwierig.

Sehr fotogener Quergang am Ende von L4 (6c+). Und der Nebel macht's wie wir, der steigt auch in die Höhe. Mittlerweile war die Obergrenze schon auf gute 1900m angestiegen. 

L5, 35m, 7a: Das Schlussbouquet, das noch einmal allen Power verlangt! Vom Stand aus hat man gute Einsicht in den ersten Wulst, welcher offensichtlich die Crux darstellt und kann allerlei Vermutungen darüber anstellen, wo sich denn die Griffe befinden. Wobei es ehrlich gesagt fast ein Überangebot von Leisten gibt, nur sind die eben alle klein, das Gelände ist steil und die Schwierigkeit besteht v.a. auch darin, dass unterhalb vom Wulst die Füsse bescheiden eingesetzt werden können und es schwierig ist, die Haxen darüber hinweg zu bringen. Ich musste jedenfalls heftig auf die Tube drücken, um diese Stelle sauber zu passieren, aber es ging - jedoch mit dem Eindruck, dass es deutlich mehr wie nur ein '+' schwieriger ist wie L4. In der Fortsetzung legt sich das Gelände etwas zurück (bleibt aber leicht überhängend) und die Griffe werden grösser. Nichtsdestotrotz, den Pump wurde ich nur so halbwegs los. Das drohende Dach geht dann leichter von der Hand wie befürchtet, hingegen schwinden danach die positiven Strukturen. Das Finish ist eher plattig-sloprig und bietet mit einer etwas gesuchten Linksecke (um den Verlauf der Todi zu vermeiden) noch stehtechnische Herausforderung.

Genialer Fels und kräftige Kletterei warten in L5 (7a). Erst die letzten Meter werden dann etwas plattig-abschüssig, die Felsqualität lässt nach und etwas grasig wird es auch. Darum endet die Route auch in der Wand, bevor man oben aussteigt, der Weiterweg wäre nicht mehr lohnend und wohl eher eine heikle Sache. Und der Nebel... hat mittlerweile sogar den Wandfuss auf 2100m erreicht!

Um 15.40 Uhr und damit nach rund 3:30 Stunden sehr vergnüglicher Kletterei bei besten Bedingungen waren wir mit dem angepeilten Komplett-Onsight am Top. Dieses befindet sich etwas antiklimaktisch am Übergang zu eher brüchig-grasigem Fels. Ausser einem Selfie zu schiessen und nochmals die Aussicht zu geniessen gibt es da nicht viel zu tun. Also fädelten wir die Seile und glitten in die Tiefe. Obwohl man im Aufstieg gefühlt eine ziemlich lange Strecke zurücklegt, reicht es mit 2x60m-Seilen in nur gerade 2 Manövern (5 -> Abseilstand auf dem Band auf Höhe von Stand 2 -> Boden) zurück an den Einstieg, mit 2x50m muss man (vermutlich) 4x Abseilen. Wobei die gefühlte Länge durch die Steilheit der Route und den Quergängen in der Routen gut erklärt werden kann, zudem reichen die Stricke jeweils auch nur knapp, insbesondere zum Erreichen des Einstiegs! 

Ein Panorama mit dem Dreigestirn Eiger-Mönch-Jungfrau darf natürlich nicht fehlen!

Schön wäre es gewesen, nun entweder noch eine zweite Route zu klettern oder am Einstieg etwas in der Sonne zu baden. Für ersteres waren wir schon etwas spät dran und v.a. trieb die Thermik die Nebelschwaden tatsächlich bis auf 2100m hoch. Dank sporadischer Sonne war es zum Glück immer noch genügend warm für einen Vesper und zur mystischen Stimmung trug die Sache definitiv bei. Bevor es talwärts ging, entschloss ich mich noch für eine kleine Herausforderung. Diese bestand darin, die erste Länge der Remy-Route 'Be Strong' (7a+) als Baseclimb anzugehen, um noch ein wenig die Kräfte zu testen und hoffentlich einen weiteren Punkt zu buchen. Diese bietet durchaus spannende Kletterei. Die Felsqualität ist dort, unmittelbar rechts der grossen Höhle zwar nicht superperfekt, aber doch klar genügend gut - das Gestein hat mich sogar sehr an gewisse Wandbereiche z.B. an der Spartan Wall auf Kalymnos erinnert, wo die Remy auch Routen hinterlassen haben. Das erste Drittel bietet athletische Kletterei mit weiten Moves an guten Griffen. Im Mittelteil fordert eine knifflige, überhängende Spreizverschneidung, während der Schluss etwas alpiner und mit einfacherer Leistenkletterei daher kommt. Ziemlich am Limit gelang mir auch hier der Onsight-Durchstieg, das hatte richtig Freude gemacht! Nach diesem tollen Dessert ging es talwärts, um den Herbstabend mit rechtschaffener Müdigkeit gemütlich bei echter Speis und Trank zu verbringen.

Facts

Hintisberg - TNT 7a (6b obl.) - 5 SL, 165m - Chäppi Ochsner 2003 - ****;xxxx

Material: 2x50m-Seile, 12 Express (davon 6 verlängerbare), evtl. Cam 0.75

Sehr schöne, alpine Sportkletterei in steilem, gutgriffigem, mit vielen Dächlein durchsetztem Gelände an Querschlitzen und Tropflöchern. Der Routenverlauf schlägt einige Ecken, um dem am besten kletterbaren Gelände zu folgen und benachbarten Touren auszuweichen, für eine solch genussvolle Turnerei in diesem Ambiente darf man gerne 4 Sterne verteilen. Die Absicherung ist an den schwierigen Stellen sehr gut, d.h. klettergartenmässig ausgefallen. An einigen wenigen einfacheren Stellen (z.B. Beginn L1, Ende L2) sind die Abstände weiter - passt aber schon. Mit mobilen Sicherungen kann man nur wenig anfangen, am meisten hilft ein Cam 0.75 oder 1 am Ende von L2. Zu erwähnen ist, dass verzinkte Bolzen mit rostfreien Irniger-Plättli stecken, eine ungünstige Kombination. Die galvanische Korrosion hat hier aber augenscheinlich noch wenig genagt, somit scheint es momentan unproblematisch. Der Routenverlauf hat einige Ecken, zudem stecken einige der Bolts auch noch etwas ungünstig unterhalb von Dächern. Verlängerbare Exen sind durchaus anzuraten, sonst leidet man vermutlich in den meisten Seillängen am Ende an starkem Seilzug. Topos und Infos zu den weiteren Routen am Berg findet man in den Filidor-Führern (Extrem West, Interlaken Vertical, Plaisir West Band I). 

Freitag, 8. Oktober 2021

Heelzapfen - Ohne Heel und Tadel (6c)

Heelzapfen, noch nie gehört?!? So wird es manch einem Kletterer in der Schweiz gehen, ja vermutlich nicht nur da. Tief in einem Seitental der Lechtaler Alpen versteckt, abseits der Zivilisation befindet sich diese Wand. So wie es die Situation im Gipfelbuch und im Internet vermuten lässt, sind bzw. waren es in erster Linie ein kleiner Kreis von eingefleischten Fans, welche sich immer wieder auf den langen Zustieg gemacht und das Zapfenfieber gespürt haben. Verrückt eigentlich, denn solch anhaltende, steile, griffige aber doch nicht extrem schwierige Kletterei findet man nicht allenthalben. Noch dazu gibt der Gipfel, ein richtiger Haifischzahn echt etwas her. Auch wenn der Weg ins Lech- bzw. eben ins Parseiertal nicht eben kurz ist, da gehe ich definitiv wieder einmal hin!

Der Haifischzahn des Heelzapfens links, rechts die ebenso tolle Südwand der Freispitze.

Eine kurzfristige Anfrage erreichte einen gut ein- bzw. eher 'ausgeboulderten' Mann. Doch 7 Seillängen bis maximal 6c, das sollte auf jeden Fall noch drin liegen. Und da es die Familie nach dem Wettkampf bzw. einem Trainingstag und vor der nächsten Arbeitswoche eher gemütlich nehmen wollte, war die Zusage gemacht - zumal der Föhn im Osten noch nicht so stark wie in den heimischen Bergen pfeifen, aber trotzdem für schönes Wetter sorgen sollte. So wurde der Wecker auf "früh" gestellt und der Weg über bisher unbefahrene Strassen in Angriff genommen. Ja, Österreich und Lechtal, das ist nicht gleich nebenan, aber ehrlich gesagt auch nicht viel weiter wie ins Berner Oberland. 

Nicht nur im Profil ist der Heelzapfen toll, auch frontal gesehen ist die Wand sehr eindrücklich!

Jedenfalls, ins Lechtal muss man und dort entweder von Stockach oder Bach ins Madautal abbiegen. Schon nach ca. 1km erreicht man den Wanderparkplatz (1170m), von wo die Weiterfahrt per Auto verboten ist. Bis zum Ende der Strasse im Parseiertal auf ~1430m sind es aber noch rund 10km Distanz - das will und kann der Kletterer nicht wandern. Im Sommer gibt's einen Taxidienst, flexibler ist man mit dem Bike, kraftsparender natürlich die Elektrovariante. In letzterem Fall ist mit ca. 30 Minuten Aufwärts-Fahrzeit auf der gut ausgebauten Naturstrasse zu rechnen, die Abfahrt schafft man in ca.  20 Minuten.

Die Hütte in der Schafgufel, welche im Sommer vom Hirt bewohnt ist. Soweit ich gelesen habe, waren hier früher Kletterer willkommen, man durfte in oder bei der Gufel übernachten und pflegte einen guten Austausch mit dem Wirt. Das hat sich aber seit der Zeit der Erschliessung vor 15-20 Jahren geändert, der aktuelle Hirt heisst die Kletterer nicht willkommen und es ist auch alles mit "Privatgelände" ausgeschildert. Unmittelbar daran vorbeilaufen "muss" man aber, sprich der Weg führt genau am Zaun vorbei.

Um ca. 7.15 Uhr machten wir uns also bei der Materialseilbahn der Memminger Hütte per Pedes auf den Weg. Die Hoffnung, mit dem Bike noch ein wenig des immer noch weiten Zustiegs abzuzwacken hatten wir schon im Vornhinein abgeschrieben - Kollegen hatten uns diese absolut zutreffende Information überwiesen. Auf einem schmalen Pfad ging's weitere 3km ins Tal hinein, immer wieder einmal mit etwas Auf und Ab. Schliesslich biegt man gegen rechts (Westen) ab und verfolgt den Pfad, der zur Ansbacher Hütte führt. Man verlässt ihn in Richtung der auffälligen Schafgufel mit ihrer Hütte (ca. 2000m). Von dieser weiter auf meist gut sichtbaren Wegspuren ins Kar zwischen der plattigen Rätkalk-Wand der Freispitze und dem eindrücklichen Heelzapfen. Nach rund 1:45h strammen Marsches hatten wir die doch fast 1000hm ab der Materialseilbahn absolviert und konnten den angeschriebenen Einstieg identifizieren. Am Einstieg konnten wir noch etwas Sonne tanken, die NO-Wand lag hingegen bereits grösstenteils im Schatten. So montierten wir die mutmasslich nötigen Kleiderschichte und stiegen um ca. 9.30 Uhr ein.

Letzte Sonne unmittelbar am Wandfuss, zudem waren wir auch von den 1000hm Aufstieg noch gut gewärmt. Das würde sich mit Sicherheit noch ändern, so viel war uns schon da bewusst und wir montierten in weiser Voraussicht warme Unterwäsche. Eigentlich ist der Heelzapfen wie gemacht für heisse Sommertage, ab Mitte Vormittag komplett im Schatten und auf 2500m, da überhitzt man wohl selten.
Der Einstieg ist nicht schwierig zu finden, aber auch nicht sonderlich auffällig.

L1, 25m, 5c+: Gemütliche, gut abgesicherte und griffige Einstiegslänge. Da kann man warm werden oder vielleicht auch nicht zu sehr - jedenfalls gab's bei mir das erste Mal kalte Finger. Aber genau das war nötig, um danach genussvoll zu klettern.

L2, 30m, 6c: Jetzt heisst es parat sein. In steilen Gelände verwendet man erst eine griffige Schuppe und eine Rissspur, so nähert man sich einem Überhang. Dieser bietet (Seit-)Griffe, trotzdem braucht es hier bei richtig cooler Kletterei eine gewisse Entschlossenheit um voranzukommen. Denn einerseits muss man seine Füsse eher hoch und auf Reibung platzieren. Andererseits ist die Absicherung zwar top, aber gerade an der Crux heisst es etwas wegsteigen und A0 geht diese Stelle nicht. Das Finish der Länge dann entweder gesucht und schwierig direkt in der Wand oder logisch links an der Schuppe bzw. Verschneidung, man drifte dabei aber nicht in die 'Diebstahl und Heelerei' ab.

Schuppe, Rissspur und dann übers Dächlein: hier spielt die Musik in L2 (6c).

L3, 45m, 6a+: Lange und echt coole Seillänge. Gleich zu Beginn ist's leicht überhängend und gar nicht mal etwa sonderlich grossgriffig - nicht geschenkt für den Grad! Wenig später sorgt ein nackter Dübel für Fragezeichen, auch ist 'Diebstahl und Heelerei' noch sehr nah. Es folgt aber eine gebohrte SU, dann zieht's rechtshaltend weg (BH). Damit nicht genug, es folgt noch viel Programm, dies u.a. in der Form von zwei Rechtsquerungen und anhaltender, recht athletischer Kletterei (für den Grad!). Gut verlängern ist hier empfehlenswert, sonst kämpft man am Ende gegen den Seilzug!

Ausblick vom Stand nach L3 auf den Akteur, der eben die zähe und steile L4 (6b) anpackt.

L4, 35m, 6b: Fantastische Seillänge, Reminiszenz an die Blaue Lagune an den Wendenstöcken, so erwähnen es die Erschliesser sogar in ihrem Topo. Ja, diese graublauen Wasserstreifen (wie man ihnen auch in der Deep Blue Sea und im 11. Gebot folgt) haben eine magische Anziehungskraft! Wobei man hier erst im gelb-orangen, scharf-zerfressenen Gelände klettert und den Streifen dann relativ zügig nach links hin überquert. Spielt keine Rolle, die Kletterei ist genial - ich fand diesen Abschnitt nicht einfacher wie die drei mit 6c bewerteten Längen, eher im Gegenteil sogar... aber vielleicht stand ich da auf dem Schlauch, wer weiss.

Geniale Kletterei in L4 (hart 6b), gut sichtbar die typische Felsschichtung am Berg.

L5, 45m, 6c: Tolle, anhaltende Kletterei in typischem Heelzapfen-Gelände! Und das heisst scharfe Crimps, Seitgriffschlitze und Chickenheads, etwas tüftelig im Charakter und sehr homogen im Anspruch. Auch hier bestens gebohrt jedoch mit der gewissen Verpflichtung zu steigen - so macht es enorm Spass, auch wenn man dabei ins Schnaufen kommt! Erst das letzte Drittel der Länge legt sich dann etwas zurück. Mit einer Linksschleife weicht man einigen Grasmutten der direkten Linie aus, jedoch ist der Umweg über das kleine Dächlein trotzdem etwas murksig - vielleicht fast die schlechteste Passage der Route.

Steiles Gemäuer in L5 (6c), suuuuper Kletterei!

L6, 45m, 6a+: Diagonal nach rechts oben geht's über "schwarzes Gold" - dunkel gefärbtes Gestein von bester Güte, stark wasserzerfressen und griffig. So kommt man vorerst trotz beachtlicher Steilheit zügig voran, auch wenn die Absicherung mit 8 BH auf 45m gar nicht mal so üppig ist. In der zweiten Hälfte zieht's dann richtig an, die längere Passage gegen das Ende hin dünkte mich für den angegebenen Grad doch reichlich fordernd - da kamen ja fast schon Erinnerungen an die berüchtigte Wenden-Einstufung von 6a+ auf! 

Finish von L6 (nichttrivial 6a+), auch richtig schön luftig da! Beim letzten Bolt beginnt auch einer der typischen, schwarzen Einschlüsse, die auch immer so richtig scharfe und bissige Leisten und teilweise sogar formidable Henkel hergeben.

L7, 45m, 6c: Ohlala, so genial, dieser letzte Test wie viel Strom in den Armen verblieben ist. Athletisch-crimpy klettert man hier in der stark zerfressenen, überhängenden Wand, super! Die Absicherung hier nun wieder sportklettermässig top, wobei einem nach Abschluss des ersten Wanderl ein Runout an die nächste Steilstufe bringt. Genial die grossen Chickenhead-Briketts, welche dort formidable Henkel hergeben. Danach klingen die Schwierigkeiten graduell aus, in gerader Linie erreicht man den einzelnen Schlussbolt (das Cam-Placement gleich daneben war/ist zu gut, um einen zweiten Haken zu bohren!) kurz unter dem Gipfelgrat.

Yeah, gleich geschafft! Erst die letzten Meter in L7 (6c) lassen in der Schwierigkeit nach, dafür findet man am Routenende einen schön bequemen Rastplatz mit weichem, moosigem Gras.

Um 13.45 Uhr und damit nach rund 4:15h an toller Kletterei waren wir da und stiegen die wenigen Meter zum Top of Heelzapfen (2518m) hinauf. Gut gelaufen war's, ich hatte im Prinzip alles onsight klettern können - nur in L3 (6a+) hatte ich im Nachstieg an einer einfachen Stelle die klammen Hände schützen wollen und mich nicht richtig festgehalten... dabei bin ich prompt weggerutscht und habe kurz das Seil belastet. Naja, solcherlei passiert mir doch eher selten... aber lieber hier, als auf einer Tour wo mir ein 100% einwandfreier Durchstieg sehr wichtig ist. Erwähnt sei aber auch, dass ich schon unterwegs in den letzten Längen und erst recht am Top müde Arme hatte - ob der Wettkampf am Vorabend in den Knochen steckte, die ausgekühlten Glieder verantwortlich waren oder das steile Gelände?!?

Am Gipfel vom Heelzapfen, der eigentlich nur ein langer Grat ist, der sich vom runden Gipfel der Roten Platte nach Osten zieht. Auf der Rückseite dieses Bergs gibt's übrigens auch steilen Fels und mit 'König der Lüfte' weitere MZ-Punkte zu holen :-)

Im Prinzip ist der Gipfel nur ein hier mehr oder weniger horizontal verlaufender Grat zur 300m höher kulminierenden Roten Platte. Aber wie immer im Leben ist alles eine Frage der Perspektive, denn aus dem Parseiertal ist es doch ein gehörig stolzer Spitz und alles andere als einfach erreichbar ist er ebenfalls nicht. Wir blätterten im Gipfelbuch, das bis zur Erschliessung der ersten Touren und Erstersteigung des Tops um die Jahrtausendwende zurückgeht. In den ersten Jahren herrschte am Heelzapfen emsiges Treiben, die Erschliesser und sonstige Habitués gaben sich da die Klinke in die Hand. Doch das ist eine Weile her, im 2021 schrieben wir anfangs Oktober und damit zum Saisonende gerade einmal den dritten Eintrag ins Buch - kaum zu glauben, aber es gibt halt immer wieder Phänomene, die man nicht genau ergründen kann.

Und wenn der Tag noch etwas länger gewesen wäre, so hätte man nach 10 Minuten horizontaler Querung an der Freispitze mit der 'Blinden Welt' gleich die nächste MZ-Route in Angriff nehmen können. Und natürlich gibt's in dieser gewaltigen Wand noch viel mehr Touren, die einen Besuch lohnen. Ich freue mich schon auf den nächsten Besuch!

Abgeseilt wird am besten über die Piste im Bereich der "Zone 90". Dafür traversiert man unterhalb des Grats lange 25m oder kurze 30m nach Westen zum gut sichtbaren Stand. Ab da sind es 30m, 50m, 50m, 50m und 40m zurück an den Wandfuss. Die steile Wand ist natürlich sehr freundlich, doch der Wind hatte inzwischen einen deutlichen Zacken zugelegt und verblies die Stricke in alle Richtungen. Dennoch ging alles glatt, doch aufgrund der nun fehlenden physischen Aktivität gelangten wir doch etwas ausgekühlt an den Wandfuss. Wir packten unsere Siebensachen, beim langen Abstieg würde das Blut schon wieder in die Glieder fliessen. So war es dann auch, unterhalb von der Schafgufel liess der inzwischen richtig lästige Föhn nach. Wenige Minuten nach 17 Uhr waren wir retour beim Parkplatz auf 1170m. Es wartete noch der Heimweg, im Gegensatz zur frühmorgendlichen Hinfahrt hatte ich die Strassen mit dem einen oder anderen "Clown de Route" zu teilen und musste an der Grenze noch etwas Wartezeit vergegenwärtigen. Rechtschaffen müde kam ich an, mit einem weiteren Moderne Zeiten Punkt im Gepäck und glücklich darüber, ein vielversprechendes Klettergebiet entdeckt zu haben.

Facts

Heelzapfen - Ohne Heel und Tadel 6c (6b+ obl.) - 7 SL, 270m - Hofer/Elsner 2001 - ****;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 14 Express, Camalots 0.3-1

Anhaltende, steile und homogen schwierige Wandkletterei in meist sehr gutem, oft scharfem, griffigen Fels, der auch noch mit originellen Chickenheads gespickt ist. Auch optisch bzw. landschaftlich geben die Wand und die Umgebung echt etwas her, so dass sich der weite Zustieg auf jeden Fall lohnt. Sportliche Gemüter können diesen vermutlich mit dem Klettern einer zweiten Route umso mehr amortisieren, wobei dies an den langen Sommertagen natürlich besser zu bewerkstelligen ist wie im Herbst. Da die Wand ab Mitte Vormittag im Schatten liegt, ist der Sommer sowieso die beste Jahreszeit, um am Heelzapfen zu klettern. Einzig zu früh im Jahr oder nach anhaltenden Regenfällen könnte drückende Nässe ein Problem darstellen. Die Absicherung mit einer Mischung von verzinkten und rostfreien Einschlagankern und vereinzelten Verbundankern ist sehr gut aber nicht übertrieben ausgefallen. Ob der anhaltenden Schwierigkeiten will doch die eine oder andere schwierige Kletterstelle auch zwingend zwischen den Sicherungen bewältigt werden, ohne dass es jedoch psychisch besonders anspruchsvoll wäre. An einigen Stellen kann/muss mobil gesichert werden, ein Set Cams von 0.3-1 empfand ich dafür als ausreichend. Keile könnte man sicher auch hier und da anbringen, wir haben sie allerdings nirgends eingesetzt. Sehr gute Topos und Wandbilder findet man auf der Webseite vom Erschliesser Wolfi Hofer, vielen herzlichen Dank für die harte Arbeit an der Wand und auf dem Netz!

Dienstag, 5. Oktober 2021

Quergang Team Boulder Event 2021

Ganze 1.5 Jahre ist es her, seit wir das letzte Mal an einem Boulder-Plauschwettkampf hatten teilnehmen können. Seither gab es aufgrund der Pandemie-Restriktionen, bzw. einer Zurückhaltung der Veranstalter nie mehr die Gelegenheit in relativer Nähe von daheim. So wollten wir uns dann nicht lumpen lassen und als Team Lanciamira im Quergang in Rapperswil-Jona teilnehmen. Die Freude, wieder einmal auf eine frisch geschraubte Halle zu treffen und dort mit der Aufgabe betraut zu sein, alle diese Probleme zu lösen war riesig!

Kathrin in ihrem Finalboulder

Antreten musste man im 3er-Team, die Qualifikation umfasste 26 Boulder und gewertet wurde wie folgt: das erste Team-Top an einem Boulder ergab nur 1 Punkt, das zweite und das dritte je 2 Punkte. Somit bestand also für die Teamleader nicht in erster Linie der Anreiz, möglichst umfassend zu punkten, sondern die Mitstreiterinnen zu möglichst vielen Durchstiegen zu coachen. Das gelang ziemlich gut, mir blieben schliesslich 3 "unlösbare" Probleme offen - zumindest mit meinem Power-Level gab's an diesen kleinen Griffen im 45°-Überhang jetzt aber gar nix zu holen. Larina und Kathrin lösten ihre Aufgabe auch prima und erreichten je ca. 18 Tops. Damit beendeten wir die Quali ganz knapp mit 1 Punkt Vorsprung auf Platz 1.

Das war fast schon Zauberei! Larina in ihrem Finalboulder.

Somit hatten wir die Ehre, im Final der 4 besten Teams antreten zu dürfen. Dort waren 3 Boulder geschraubt. Man hatte sich im Voraus zu entscheiden, wer sich an welchem Problem versuchen würde. Es gab einen bizepskräftigen Toehook-Boulder an Volumen im Steilstgelände, einen Double-Dyno an guten Griffen im Überhang und eine technisch-kleingriffige Wand/Platte. Letztere wiesen wir klar Larina zu, bei den anderen Optionen schien sie aufgrund der Grösse zu fest benachteiligt zu sein. Einigermassen offensichtlich war, dass der Double Dyno einfacher wie das Volumenproblem war, somit sollte Kathrin ihre Dynamik beweisen. Diese zündete aber nicht wie gewünscht und nachdem sich der Überhang für den alten Chlaus als leider zu kräftig erwies, haftete unsere letzte Hoffnung an der Tochter.

Team Lanciamira, yeah!

Und diese konnte sie erfüllen - echt fantastisch, wie sie sich unter den gebannten Blicken und lauten Anfeuerungsrufen aller Anwesenden das Top im Flash holte. Das war ein WOW-Moment - für mich als Zuschauer resp. Daddy und noch viel mehr für die Akteurin! Wie habe ich es einst von einem Spitzenathleten gehört: egal ob der Matchball von einem umkämpften Spiel im Wimbledonfinal oder an der Clubmeisterschaft ist, für den Spieler sind die Emotionen dieselben - und damit auch Motivation für bzw. Reward an den Wettkämpfen. Zu ergänzen ist noch, dass an diesem Abend während der Aftersession weder ich noch sonst eine erwachsene Person diesen Boulder ziehen konnte... Allez Larina, bleibt da nur noch zu sagen, das war einfach Spitze :-)