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Dienstag, 29. September 2026

Bifertenstock (3421m) über den Bänderweg

Der Hitzesommer 2026 hat vielen vergletscherten Bergen arg zugesetzt und sie in einen bemitleidenswerten Zustand gebracht. Andererseits ermöglicht die komplette Ausaperung und das weiterhin milde, sehr trockene Wetter Touren auf hohe felsige Berge mit leichter Ausrüstung. Mit wieder einmal durchgekletterten Fingern und müden Armen war der Zeitpunkt da, um von den einmaligen Verhältnissen Gebrauch zu machen. Auf den Bifertenstock mit seinem eindrücklichen Bänderweg fiel meine Wahl - eine Tour der Marke "unglaublich" und "einmalig schön". Dass sich dieser so weit entfernte Gipfel von Brigels innert einigen Stunden erreichen lässt, ist schon verblüffend. Und erst recht kaum zu glauben ist, dass die lange Passage über die sehr abweisend aussehenden Bänder in der Südwand bei moderater Schwierigkeit möglich ist.

Der Bänderweg am Bifertenstock - einfach eine geniale Sache! Hier sehen wir den ersten Kessel ab dem Einstieg. Man geht am rechten Bildrand los, erreicht die Lücke im Grat und traversiert dann die Höhe haltend weiter bis zum nächsten Eck, wo rückseitig der zweite Kessel beginnt.

Los geht's!

Meine Tour startet in Brigels auf dem Parkplatz der Bergbahn (1257m). Um einige Körner zu sparen, fahre ich mit dem E-Bike über die asphaltierte Strasse zur Alp Quader (1904m, 7km bis dahin). Kurz behost und nur mit Verpflegung und Getränken im Rucksack, aber ohne technisches Material, marschiere ich los. Über eine lange Traverse dem Hang des Fil da Rubi entlang geht's auf markiertem Wanderweg zur Bifertenhütte (2482m), die ich links liegen lasse. Die Fortsetzung folgt einem gut ausgetretenen, jedoch nicht mehr markierten Pfad zum Limmerenpass (2612m), den man mit einem Verlust von rund 40 Höhenmetern erreicht. Die hat man bald wieder gewonnen, auf weiterhin deutlich sichtbarem Weg steigt man über den Schuttrücken von P.3096 an - zuletzt mit einer Höhe haltenden Traverse dem Hang entlang zum Eck am Einstieg in den Bänderweg (ca. 3000m, bis dahin T2, guter Pausenplatz). Die Sicht auf den ersten Kessel ist einfach atemberaubend (siehe Foto oberhalb!) und auch aus der relativen Nähe verbleiben immer noch viele Fragezeichen zu dessen Begehbarkeit!

Blick zum Biferten von etwas oberhalb der Alp Quader. In einem grossen Bogen läuft man dem Hang entlang, später unter dem klotzigen Kistenstöckli am rechten Bildrand durch zum Biferten, welchen man am bzw. etwas unterhalb vom Grat über seine 4 Höcker hinweg bis zum Top verfolgt. Eine Wahnsinnstour!

Durch die Kessel

Also los, wir wollen es genau wissen! Klar sichtbare Trittspuren lassen keine Fragen zur Orientierung aufkommen und während man sich durchaus in exponiertem Gelände bewegt, so ist es unschwierig. In Mitte des ersten Kessels erreicht man P.3064 nochmals den Grat, bevor es wieder in der Flanke zum nächsten Eck weitergeht (ca. 3135m, bis dahin ca. T4, erneut guter Pausenplatz). Zu Beginn des zweiten Kessels erfolgt gleich eine Schlüsselstelle. Über ca. 20m ist das Band schmal, es muss im Fels traversiert werden und braucht zwingend die Hände, die ansonsten weitgehend im Hosensack bleiben dürfen (ca. T5, I). An dieser Stelle sind ca. ein Dutzend BH in kurzen Abständen vorhanden, man könnte also bei Bedarf sichern. Sonst gibt es in den ersten beiden Kesseln jedoch kein Fixmaterial. Auf dem weiteren Verlauf ist dies auch nicht nötig, denn es geht wie bis anhin meist im Gehgelände (ca. T4) vorwärts. Mittig im zweiten Kessel muss etwas abgestiegen werden, da braucht es nochmals kurz die Hände (ca. T5), nachher geht's wieder einfacher weiter.

Kurz vor der Mitte des ersten Kessels, das Band hier ohne Schwierigkeiten begehbar (ca. T4).
Der zweite Kessel, die Schlüsselstelle auf den Bändern (ca. T5, I) befindet sich am rechten Bildrand. Weiter links sieht man den Vorgipfel (mit brauner Spitze und dem Eisrest in der Südflanke), weiter links ist die Gipfelregion sichtbar, das Top selbst sieht man jedoch nicht.
Rückblick auf die Schlüsselstelle zu Beginn des zweiten Kessels (T5, I) - geht besser wie es aussieht!
Blick vorwärts in der Mitte vom zweiten Kessel. Demnächst muss etwas abgeklettert werden. Auf dem unteren Band mit dem hellen, gelblichen Streifen führt der Weg weiter.

Hinauf zum Grat

Am Ende des zweiten Kessels bei ca. 3230m ist der nächste Fixpunkt erreicht. Hier gilt es nun, den Ketten entlang auf den Grat aufzusteigen (früher ist man auf das Firnfeld traversiert, hat dieses überschritten und später den Grat erreicht, wegen dessen Abschmelzen ist das jedoch nicht mehr möglich). An den Ketten hangelt man sich zügig hinauf - wer freiklettern möchte, trifft hier auf solide, plattige Felsen im Bereich vom III./IV. Schwierigkeitsgrad. Schwierig bzw. heikel wird es erst da, wo die Ketten aufhören. Dies ist etwas unverständlicherweise vor dem Grat. Auf einer Strecke von ca. 40m sind nur noch 4 oder 5 Sicherungsstangen vorhanden. Das Gelände ist da zwar etwas weniger steil, aber dafür ungestuft-plattig, sehr exponiert und etwas schuttbedeckt (ca. T5, II). Im Aufstieg war ich zügig und ohne mir viele Fragen zu stellen darüber hinweg und am Grat oben. 

Beginn der Ketten, die zum Grat hochführen. 
Rückblick auf die heikelste Stelle der Tour mit den schuttbedeckten Platten. Irgendwann ist fertig mit den Ketten und es gibt nur noch die Stangen. Was auf dem Foto täuscht, ist die Exposition. Der "flache Platz" unterhalb ist viel weiter weg, wie man denkt - und man würde ihn bei einem Abturz sowieso "verfehlen".

Zielgerade zum Gipfel

Oben auf dem Grat ist das Gelände wieder viel einfacher (ca. T3/T4), der Gipfel ist jedoch noch ein ganzes Stück entfernt. Man überschreitet einen Vorgipfel (ca. 3360m), einige Felsen am Grat werden knapp unter Kammhöhe nordseitig über ein Band umgangen, schliesslich kommt man etwas absteigend zum Eisrest in Gipfelnähe. Dieser liesse sich südseitig in den Felsen komplett vermeiden. Da das Eis flach und griffig war, wagte ich die Überschreitung. Das ging gut, die kritischste Stelle ist es, oben wieder zurück auf den Fels zu wechseln. Mit einer kurzen, nicht exponierten Kletterstelle war das geritzt, sprich meine Taktik hatte perfekt funktioniert - das kann sich aber bei weiterem Abschmelzen auch ändern und nicht mehr so einfach mit den Zustiegsschuhen möglich sein. Mit nochmals etwas Aufstieg in leichtem Fels rückt dann bald das Gipfelkreuz (3420m) in die Nähe - wow!

Tiefblick zu "spaltenarmen Gletscher". Der hier wird wohl noch 1-2 Jahrzehnte überleben...
...dem Eisrest auf der Nordabdachung haben jedoch die letzten Jahre geschlagen, viele solche trocken-heissen Sommer macht der nicht mehr mit. Dieser Gletscher ist Teil der früher beliebten Eisnase durch die Nordwand. Sie ist jedoch abgeschmolzen, das Eis ist nicht mehr durchgängig, d.h. diese Tour ist m.E. nicht mehr machbar. Zur Route: man kommt links vom Eis in den Felsen durch, einfacher ist die Überschreitung. 
Bifertenstock / Piz Durschin (3421m) - absolut fabelhaft!
Toller Blick zum Tödi (3614m) - auch dort leiden die Gletscher.

Gipfelrast und Beginn vom Abstieg

Ich gönnte mir am Top eine halbstündige Pause. Es war ein absoluter Traumtag: mild, windstill und mit perfekter Fernsicht. Durchaus Bedingungen, um stundenlang in dieser exklusiven Loge zu verweilen. Doch der lange Rückweg mahnte schliesslich zum Aufbruch. Er sollte exakt genau über meinen Aufstiegsweg erfolgen. Bis zu der Stelle, wo man den Grat verlässt (mit blauem Pfeil markiert) war das schnell und problemlos erledigt. Die Abkletterei über die abschüssigen, schuttbedeckten Platten zum oberen Ende der Ketten war bzw. ist jedoch eindeutig die heikelste Stelle der Tour. Ich konnte das souverän meistern, dennoch würde ich nachdrücklich die Mitnahme von 20m Seil bzw. Reepschnur empfehlen. Dies reicht, um es zwischen den ca. 10m voneinander entfernten Stangen zum Festhalten zu nutzen (Klettergurt und Abseilgerät sind verzichtbar), was diese Passage deutlich entspannter macht. 

Wiederaufstieg zum Vorgipfel auf dem Rückweg. Wie man sieht, ist dies problemloses Gelände.
Die heikle Stelle zu den Ketten ist vorbei, man kann wieder Fahrt aufnehmen mit dem zweiten Kessel vor sich. Der Weg (in voller Auflösung erkennt man die Spuren) verläuft unterhalb vom dunklen bzw. oberhalb vom hellen Felsband. Kurz vor dem nächsten Ecke die Kessel-Schlüsselstelle.
Wieder draussen aus dem Bänderweg. Der Rückweg nach Brigels folgt dem ganzen Rücken voraus, bis hin zum rechten Bildrand. Wie man sieht, legt man auf dieser Tour doch nebst den Höhenmetern auch eine beträchtliche Strecke zurück.
Gute und klar erkennbare Wegspur auf dem Schuttrücken, der zu P.3096 hinunterzieht.

Zurück ins Tal

Die Ketten selbst waren dann Formsache, die beiden Kessel beschritt ich zügig und ohne jegliches Zögern und nach dem Erreichen des ersten Ecks (3000m, Anfang/Ende Bänderweg) war es dann definitiv nur noch Marschieren an einem wunderschönen Herbstnachmittag. Zuerst ging's noch sehr beschwingt, erst in der horizontalen Querung an der Flanke des Fil da Rubi spürte ich den Effort dann langsam etwas. Ja, so weit (ca. 25km und 1700hm hin und zurück) war ich schon lange nicht mehr gelaufen - tut aber gut. Sowieso, über kurz oder lang war das Bikedepot erreicht und in rauschender Fahrt bald auch das bequeme Polster und eine Quelle für kühle Getränke. Wow, was für eine Tour - schon unglaublich, was in einem Tag alles für Erlebnisse Platz haben.

Der Biferten muss nach dieser Aktion etwas Dampf ablassen - wie damals bei der Holy Smoke!

Zeiten (für einen Senior & Sportkletterer ohne Ambition auf Rekorde, geht sicher auch schneller ;-)) 

Aufstieg (geschätzt anhand der Fotos, Pausen inklusive):

00:00 Start in Brigels, Parkplatz der Bergbahn (1257m) mit E-Bike
00:25 Alp Quader 
01:45 Bifertenhütte
02:55 Einstieg Bänderweg / Beginn erster Kessel
03:20 Beginn zweiter Kessel
03:45 Beginn der Ketten
04:00 Vorgipfel P.3359
04:20 Gipfel (3421m)

Abstieg (geschätzt anhand der Fotos, Pausen inklusive):

00:00 Start vom Gipfel
00:30 Unteres Ende der Ketten
00:55 Ausstieg aus dem Bänderweg
01:30 Bifertenhütte
02:30 Bikedepot Alp Quader
02:45 Brigels

Material

Ist natürlich sehr von den Verhältnissen abhängig und schlussendlich muss jeder wissen, was er sich zutraut und mitbringen will. Insofern es einem Tatbeweis bedarf, so wäre er erbracht, dass man den Gipfel bei Idealbedingungen mit kurzen Hosen und Zustiegsschuhen erreichen kann. Ganz sicher gibt's auch Tage, wo alpine Vollmontur inkl. Pickel und Steigeisen gefragt ist. Nicht verzichten würde ich bei einer Wiederholung auf ein 20m-Seilstück für die Platten zum Grat, egal ob man solo oder in Seilschaft geht. Wer bei der Traverse zu Beginn des zweiten Kessels sichern möchte (nur in Seilschaft sinnvoll), sollte auch ein paar Exen und einen Klettergurt mitnehmen. 

Routenbeschreibung

Von Brigels per Auto, E-Bike, Shuttlebus oder mit Sesselbahn (nur bis Cuolms P.1665) zur Alp Quader P.1903. Wer ab Brigels zu Fuss gehen will, steigt effizienter durch das Val Frisal auf.

Von der Alp Quader dem Wanderweg (T2) entlang bis zur Bifertenhütte. Weiter auf guten Wegspuren, jedoch nicht mehr offiziell markiert zum Limmerenpass (P.2612) und weiter über den Schuttrücken von P.3096, zuletzt mit einer Traverse nach links zum Einstieg in den Bänderweg (ca. 3000m, guter Pausenplatz, bis dahin T2).

Man durchschreitet den ersten Kessel (ca. T4), wobei man mittig bei P.3064 nochmals den Grat erreicht, zum Eck vor dem zweiten Kessel. Dort gleich zu Beginn die engste Stelle (ca. T5, I, mehrere BH zur Sicherung vorhanden). Dann einfacher weiter (ca. T4/T5), mittig im Kessel mit Zwischenabstieg, zum Beginn der Ketten vor dem Eisrest bei P.3159.

Den Ketten entlang hinauf (frei geklettert ca. eine plattige III/IV). Dann hören die Ketten auf, es gilt über exponierte, schuttbedeckte Platten den Grat zu erreichen (ca. T5, II, Sicherungsstangen im Abstand von ca. 10m vorhanden, Crux bei seilfreier Begehung, v.a. im Abstieg heikel).

Am Grat wieder viel einfacheres Terrain (ca. T4). Man überschreitet den Vorgipfel zu P.3352. Der Eisrest im Gipfelbereich kann entweder überquert oder südseitig in den Felsen umgangen werden. Wenn man das Eis begeht, ist der heikelste Punkt das Erreichen der Felsen vor dem Gipfel. Mit etwas Kraxelei über diese erreicht man das Gipfelkreuz.

Abstieg auf derselben Route.

Mittwoch, 23. September 2026

Wendenstöcke - La lunga attesa (8a)

Nein, ganz so lange wie der Routenname suggeriert hatte sich die Wartezeit auf die Begehung dieser Route für mich nicht angefühlt. Erschlossen worden war sie nämlich von italienischen Wendenkletterern, welche ihre Touren üblicherweise als gleichermassen schwierig wie wild anpreisen. Zusammen mit der Bewertung von 8a hatte ich dieses Unternehmen als weit jenseits von meiner Kragenweite eingestuft. Nun aber hatten wir bei der Begehung der Niagara eine Woche dafür den perfekten Einblick in diesen attraktiven Wandbereich erhalten. Dies hatte so stark gelockt, dass wir wenig später wieder vor Ort kamen um zu prüfen, für wie bare Münze die Anpreisungen unserer Sportkameraden aus dem südlichen Nachbarland zu nehmen wären. 

Fabelhafte Wendekletterei, hier die stark überhängende Cruxlänge (L4, 8a).

Tja, zur Vorbereitung und dem Zustieg bleiben mir kaum noch neue Worte zu schreiben. Es war der dritte Sonntag in Folge mit einer Wendentour, welche alle mit derselben Routine in Bezug auf Aufstehzeit, Treffpunkt und Ausgangspunkt durchgeführt wurden. Um 8.20 Uhr liefen wir auf der Wendenalp voller Vorfreude im goldenen Morgenlicht und bei herbstlicher Frische los - nach schon sehr vielen Besuchen ist dieser Moment zwar durchaus schon etwas Routine, aber der Aufbruch zu diesen steilen Wandfluchten hat noch nichts von seiner Magie verloren - es ist ja auch jedes Mal auf's neue wieder eine Reise ins Ungewisse. Der Zustieg war weitestgehend exakt derselbe wie eine Woche zuvor, er stoppte nur ein wenig früher beim angenehm terrassierten Gelände am Fusse des Sektors Dom, beim klar zu identifizierenden Einstiegs-BH der Route Legacy (siehe Foto weiter unten im Beitrag, sonst ist in diesem Sektor nichts markiert). Nach etwas Vorbereitungszeit starteten wir um 9.40 Uhr bei sehr milden Temperaturen in die Route.

Blick auf die Sektoren Excalibur, Dom und Aureus mit dem Verlauf von La Lunga Attesa, Legacy und Andorra, sowie der besten Abseilroute über Legacy mit 2x50m-Seilen. Und ja, die La Lunga Attesa hat durchaus einige Querungen, weil das Foto aber etwas ein Bottom-Up-Shot ist, sieht es eher schlimmer aus, wie es sich in Realität anfühlt.

L1, 40m, 4b: Los geht's ca. 5m links vom BH der Legacy, die Route folgt einer vagen Rampe mit Rissspuren und auch einem kurzen Kamin. Die Kletterei ist weitestgehend einfach, befindet sich aber doch oberhalb der Schwelle vom Gehgelände. Fixes Material sucht man vergeblich, es lässt sich jedoch mit Cams (kleine Grössen bis 1) und/oder Keilen gut absichern.

L1 (4b) könnte man fast noch als verschärften Teil vom Zustieg bezeichnen. Und auch die Tatsache, dass man sie mit dem Haulbag klettern kann (bzw. muss), klassifiziert sie in Richtung Gehgelände. Aber das Seil (und ein Set Cams) ist absolut sinnvoll und die Hände braucht es bisweilen auch. 

L2, 40m, 6a: Der ambitionierte Sportkletterer verbucht wohl auch diesen Abschnitt noch als Zustiegslänge. Nun, die liebe L2 setzt sich dieser Klassifizierung aber gleich von vorneweg entschieden entgegen. Beim überhängenden Einstiegsboulder will gleich mal zugepackt werden. Der ist definitiv vom Typ 6a hard und sollte ohne Absicherungsmöglichkeit und über ziemlich flachem Grund gelegen besser sturzfrei gemeistert werden (immerhin gilt diesbezüglich die gleiche Charakteristik wie im Zustiegsgelände). Der erste BH steckt auch danach noch in der Ferne, ist aber sichtbar und Cam-Optionen und eine (nicht fix gefädelte) SU sichern diese Passage vernünftig ab. Eine weitere Crux folgt dann in Form einer schlabbrigen Slab unmittelbar nach dem zweiten BH. Der obere Teil führt noch über zwei Aufschwünge hinweg, die je mit einem BH gesichert sind - das geht gut.

Der Auftakt in L2 (6a) hat es gleich in sich, wobei in dieser Position der überhängende Auftaktboulder aus der Standnische raus schon gemeistert ist und die Sache deutlich entspannter vorangeht. Bis zum ersten BH ist jedoch noch eine ziemlich weite Strecke zu klettern ab da.

L3, 25m, 7c: Hier müssen nun alle Systeme auf Betriebstemperatur sein, was hoffentlich der Fall ist! Nun gut, der hoch steckende erste BH lässt sich mit einer Linksschleife noch erstaunlich easy anklettern. Ein erster Aufsteher ermöglicht gleich das Klippen des nächsten, derjenige darunter befindet sich da erst auf Kniehöhe. Wobei niemand die Sinnhaftigkeit dieses zweiten BH anzweifeln wird, denn nun folgt die Crux in Form einer heiklen Traverse zu den markantesten Wasserrillen rechts und dem ersten Höhengewinn an diesen. Das ist zu 100% zwingend, erst wenn man sich nach mehreren Metern in den sich zurücklegenden Rillen etabliert hat, kann man wieder klippen. Für 7c fühlte sich diese Passage fair bis gutmütig an (die im Charakter ähnliche Crux der Gemini ist härter und unangenehmer), geschenkt ist es natürlich trotzdem nicht. Der Schlussabschnitt über die ab da vernünftig griffigen Rillen ist dann fast schon Plaisirgelände - ausser dass es bis auf einen windigen 3er-Cam gute 10m ohne Sicherungsmöglichkeit sind.

Hier sind die beiden BH in L3 (7c) geklippt, nun heisst es delikat nach rechts zu den beiden tiefsten Rillen zu queren und an diesen erst auf Gegendruck an Höhe zu gewinnen. Diese Sektion bildet die Crux der Route, steht man mal mit beiden Füssen in den Rillen drin, ist's mehr oder weniger gegessen.

Die letzten Moves der Crux-Sequenz in L3 (7c), wenn geklippt ist, entspannt sich die Lage definitiv.

L4, 25m, 8a: Vor einem baut sich eine überhängende Wand auf, welche ganz offensichtlich die Crux bereithält. Wo sie sich wohl befindet? Der Leser wird es gleich erfahren, doch auch wir hätten es mit genauem Studium der Berichte der Erschliesser schon gewusst. Gleich zu Beginn heisst es, sich in scharfem Crimpy-Terrain mal richtig gut festzuhalten, doch schon relativ bald einmal tauchen überraschend griffige Schuppen auf. Bis vor die Stelle, wo der Ausstieg ins flachere Gelände folgt, ist die Geschichte nicht mal allzu schwierig (ca. 7b/+). Doch dann kommt es knüppeldick. Eine technische Mover-Passage mit minimalen Tritten und etwas staubigen Griffen führt vom zweitletzten zum letzten BH. An ein paar recht tauglichen Löchern kann man da nochmals die Übersicht gewinnen, bevor es definitiv ans Eingemachte geht. Zaubernd gilt es Gelände mit kleinsten Kratzern zu überlisten. Die Tritte sind schlecht und erfordern viel Anpressdruck - nur macht deren Positionierung und das schlechte Griffangebot es äusserst taff, diesen zu generieren. Zudem spielt sich diese Sequenz jenseits vom BH ab und muss absolut zwingend gemeistert werden - psychisch anspruchsvoll und engagiert, aber das Sturzgelände ist gut, man hat Sichtverbindung, kann einen Soft Catch geben und der letzte Haken steckt schon nicht meilenweit weg.

Der Exit von L4 (8a) ist sehr kleingriffig, knapp strukturiert und darum technisch äusserst fordernd. Bereits in der Passage, wo ich auf dem Foto engagiert bin, will heftig geriegelt werden. Getoppt wird die Sache dann noch von der nahezu grifflosen Wand vom letzten BH zum Stand hinauf - das Bild mag die Herausforderung wohl recht klar zu übermitteln.

L5, 40m, 6b+: Mit dem Exit aus der Crux betritt man quasi eine neue Welt - geneigte Reibungsplatten. Material ist dafür höchstens in weiter Ferne zu erspähen und so stellt sich die Frage, wie der genaue Verlauf hier ist. Könnte man möglicherweise direkt hoch klettern? Wir wissen es nicht genau. Das Originaltopo zeigt eher eine Linksschleife, dort gibt's auch eine Struktur (Schuppe), welche mobile Sicherungen aufnimmt. Allzu üppig oder mit super Placements eher nicht, und die vom Steinschlag glattpolierten Wasserrillen entpuppen sich plötzlich auch als sketchy. Man befindet sich da übrigens ziemlich genau in Falllinie des Wasserfalls. Wenn dieser in Betrieb ist, kann man da kaum klettern und bei Steinschlagwetter sollte man es besser auch nicht probieren. Weit gesichert ist es übrigens bis zum Ende (3 BH auf 40m), aber dank rauerem und strukturierterem Fels klettert sich der obere Teil eher komfortabler.

L6, 35m, 6b: Eine abenteuerliche Länge, wo man rund 35 Klettermeter für ca. 10m Höhengewinn zurücklegt, welche aber in direkter Linie wohl affenschwer wären. Somit Querung nach rechts hinaus, gerade die erste Stelle nach dem Stand ist durchaus knifflig. Ein BH folgt erst viel weiter drüben (vom Stand bereits sichtbar!), man bringt jedoch 2-3 Cams unter, auch wenn die Placements nicht 1a sind. Nach dem silbernen Vertrauensspender hält man sich weiter nach rechts, de fakto bis kurz vor einen antiken Stand von Andorra. Hier geht's in göttlichem Fels mit Tropflochleisten und Wenden-Suppenschüsseln über 2 SU-Schlingen hinauf, bevor man der natürlichen Linie zurück nach links zum Stand von Andorra folgt. Auch der ist Antik: Kronen-BH, lottriger NH und ein Mini-Sandührli. Wird wohl schon halten... unverständlich aber, warum bei der Erschliessung von Lunga Attesa hier nicht aufgebessert wurde.

Traverse über dem Abgrund in L6 (6b), abgesichert werden muss hier mit Cams.

L7, 35m, 7a+: Wer vom Stand aus heftig zurücklehnt, sieht die SU-Schlinge oberhalb der Nische rechts. Diese peilt man über die Wandstufe an und folgt dann der naturgegebenen Diagonale über eine Art Rampe nach rechts - relativ einfach und nicht besonders hübsch. Schliesslich geht's dann um die Ecke, man gelangt zu einer staubig-glatten Zone im Runoff vom markanten Siffloch, und entert später etwas heikel zwei grasige Nischen. Zuletzt pirscht man mit einer Rechtsschleife in athletisch-griffigem Gelände das Siffloch an, bei welchem sich der unbequeme Stand befindet. Sofern trocken, ist das Finish nur staubig. Wenn's da aber saftet, so ist es bestimmt ultra-schleimig und heikel. Die ganze Geschichte ist eher alpin, der Fels nicht von Wenden-Premium-Quality und insbesondere ist die Absicherung mit nur 4 BH auf der knappen Seite. Diese Faktoren einschliessend mag der Grad für den Vorstieg passend sein... rein zum Klettern am bequemen Seilende kam mir dieser Abschnitt aber deutlich einfacher vor wie z.B. die 7a der Niagara, vermutlich ist sogar deren athletische 6c+ schwieriger.

Fotogen und mit Tiefblick präsentiert sich L7 (7a+).

L8, 40m, 7b+: Generell: was man vorher nach rechts gequert ist, verschiebt man sich hier wieder nach links zurück. Die Orientierung im Detail ist jedoch nicht so einfach. Das beginnt schon mit der Passage aus dem Stand raus. Ca. 6m oberhalb ist eine SU-Schlinge sichtbar. Gerade hinauf ist es sicher (zu) schwierig, aber links oder rechts? Ich vermag es nicht zu sagen, wir sind schliesslich wegen der Darstellung im Originaltopo rechtsrum. Das ist ca. 7a und an beiden Seilenden nicht so prickelnd (Sturz in den Stand für den Vorsteiger, grosser Pendler ins Leere im Nachstieg). V.a. kommt man so fast 2m oberhalb der Schlinge an, muss dann abklettern und mehrere Meter nach links traversieren. Dann linkshaltend hinauf, die einfachste Linie führt einer überhängenden Verschneidung entlang, die (distant steckenden 2) BH sind aber ungünstig 1-2m rechts davon platziert. Weil oben später blankes Gelände folgt, ist ein Horizontalquergang nach links irgendwann unvermeidlich. Der ist relativ eng geboltet und bietet nochmals eine Crux, die wir beide unabhängig voneinander (man kann sich weder sehen noch hören) mit einem Cut-Loose gemeistert haben. Zuletzt dann wieder eher hinauf, ziemlich spooky als ich im Nachstieg plötzlich realisiere, wie ich den letzten BH ausgehängt habe, sich der Stand nochmals 7-8m links von mir befindet, ich aber erst noch eine athletische Wandstufe hinauf klettern muss - nur ca. 6c, aber das Motto "ja nicht loslassen" gilt da noch fast mehr wie auf dem Rest der Seillänge. Tja, was kann man sagen: irgendwie schon ein luftiger Fun-Climb, diese Länge. Der Fels ist aber auch hier nicht erste Sahne, der Verlauf ist umständlich und die spärlich vorhandenen Bolts nicht gerade optimal platziert (im Vorstieg Seilzug und unklare Linie, im Nachstieg heikel). Und eben, man sieht sich nicht, man hört sich nicht. Zur Beruhigung darf man dafür sagen, dass der Grad von 7b+ sicher zu hoch gegriffen ist, eine 7a+ reicht bestimmt auch.

Der letzte Abschnitt (L8, 7b+) ist kaum gut abzulichten. Daher muss halt dieses Selfie am Top herhalten. Wer möchte, könnte von da übrigens vermutlich hinauf zum Top vom Excaliburpfeiler wandern. Für uns nicht nötig, wir waren erst eine Woche zuvor dort.

Um 17.20 Uhr hatten wir das Top erreicht, was eine Kletterzeit von 7:40h ergibt. Nicht gerade wenig für 8 Seillängen, doch auch wenn die Kletterschwierigkeit über erstaunlich weite Strecken moderat ist, so muss man dort dafür defensiv klettern und nach Absicherungsmöglichkeiten suchen. Einen Teil der Zeit hatte auch die Cruxlänge gefressen. Bernat scheiterte hier ultraknapp im Onsight, sprich im Setup für den Move an den Rettungshenkel - so schade! Daraufhin war erst einmal eine Pause fällig, damit diese sehr zwingende Passage mit wieder aufgeladenen Batterien passiert werden konnte. Der ganze Rest der Route wurde von ihm in einwandfreiem Stil geklettert (onsight/flash). Ich konnte diesem Vorbild wohl für 99% der Strecke folgen. Zwei Ausnahmen gab's: ich brauchte in der Crux der 7c drei Anläufe, konnte dann aber die ganze schwierige Sequenz durchziehen. In der 8a war der härteste Abschnitt hingegen eher Stückwerk. Alle Moves gerade so gemacht, das darf ich mir wohl auf die Fahne schreiben. Mehr aber nicht, und ein Durchstieg fühlte sich da ehrlich gesagt weit weg an.

Der Startbolt von Legacy, hier geht die Tour los und da endet sie auch wieder. Und, es sei hier nochmals gesagt. In vielen Wendenrouten ist das Material solchermassen in die Jahre gekommen. So auch in dieser Erschliessung der Remy-Brothers aus dem 1992. Verzinkte Anker und rostfreie Plättli sind aber halt auch eine ungünstige Mischung. Jedenfalls: die Sanierung dieser Routen ist eine richtige Herkulesaufgabe. Darum: werdet Mitglied oder spendet an Organisationen wie Eastbolt und Rebolting, damit wenigstens die Kosten für das Hakenmaterial gedeckt werden können - aufwändig ist die Arbeit aber auch dann immer noch!

Nun denn, wir mussten wieder vom Berg kommen. Am Top befanden wir uns am Schlussstand von Legacy. Ob es einen separaten Schlussstand von Lunga Attesa gibt, bezweifeln wir (auch wenn dies im Extrem West so dargestellt wird). V.a. würde dies kaum Sinn machen, weil die beste Abseilmöglichkeit sowieso über Legacy verläuft und sich ein Abseilen über Lunga Attesa im oberen Teil äusserst umständlich präsentieren würde. Mit 2x60m waren wir in 2 Manövern schon zurück am Stand ob der 8a (deren Finish-Moves nochmals eingeprägt sein wollten) und in zwei weiteren retour am Einstieg. Mit 2x50m sind hingegen 6 Manöver fällig, siehe Fototopo. Wir räumten unsere Ware zusammen und wurden dabei von 2-3 Steinsalven erschreckt, welche aus dem Gully oberhalb vom Elefantenohr-Ausstieg kamen (dort habe ich nicht das erste Mal Steine fallen gesehen/gehört, siehe auch hier)! Während unser aktueller Standort safe war, so führte der Abstieg jedoch genau durch diese Zone. Nachdem eine Weile Ruhe war, machten wir uns mit gespitzten Ohren so schnell wie möglich auf den Weg Richtung Tal. Zum Glück blieb alles ruhig. Das hohe Tempo hielten wir aber gerne bis zur Wendenalp aufrecht, denn Hunger und Durst trieben uns Richtung Meiringen. Alles in allem konstatiere ich: auch #48 war ein absolut grandioses Erlebnis. Während die Lunga Attesa zwar wohl nicht zu den Top 10 der Wendenrouten gehört, so bietet sie doch von all dem, weswegen wir so gerne in diesem Gebiet klettern.

Facts

Wendenstöcke / Dom - La Lunga Attesa 8a (7c obl.) - 8 SL, 280m - Palma/Spreafico 2014 - ****;xx
Material: 2x50m-Seile, 8 Express, Cams 0.2-1 & 3

Interessanter Mix zwischen einfacherem Abenteuerterrain, Wasserrillen, technischer Wandkletterei und etwas Ausdauerhenkelei. Über erstaunlich weite Strecken ist die Kletterei verblüffend einfach. Voll die Härte sind nur ca. 3m in der 7c und ca. 2x2m in der 8a, der Rest geht nicht über 7b hinaus, das Gros der Klettermeter ist sogar maximal 6b. Der Punkt ist jedoch der, dass die Crux-Sequenzen absolut zwingend zwischen den BH geklettert sein wollen, mit A0 geht da gar nix. Für mich ist es schwierig, obligatorische Grade dieser Kragenweite einzuschätzen, aber 7b+ scheint mir eher knapp. So salopp würde ich sagen, es seien 7B-Boulder mit Zaubermoves in sehr technischem Gelände (minimale Fusstritte in unmöglichen Positionen, die viel Anpressdruck erfordern, welcher an sehr kleinen und auch nicht optimal platzierten Griffen zu generieren ist). Die Absicherung mit rostfreien BH ist an den Cruxen wie erwähnt fordernd/zwingend, aber nicht gefährlich. Im einfacheren Gelände wurde jedoch soweit wie möglich an Fixmaterial gespart. Man bringt da immer wieder Cams unter - so scheint es ok, auch wenn die Placements nicht alle superduper sind. Und dort wo es zwingend BH braucht, hat es dann schon welche. Sprich, Harakiri ist die Absicherung nicht. Was man wissen muss: die Route verläuft nahe in Falllinie des Wasserfalls zwischen Excalibur und Dom. So lange dieser in Betrieb ist (früh oder spät in der Saison, bei Schneeresten im Gipfelbereich) ist die Route wohl schon wegen Nässe unkletterbar und zudem wegen potenziellem Steinschlag gefährlich. Auch in ein Gewitter darf man da absolut keinesfalls geraten. Bei guten Bedingungen scheint das Steinschlag-Risiko aber akzeptabel - während unserer Begehungen von Niagara und Lunga Attesa fiel aus diesem Trichter kein einziger Kiesel runter. Darüber hinaus ist die drückende Nässe aus dem (schon vom Parkplatz aus erkennbaren) Siffloch in L7 ein zu berücksichtigender Faktor - den trocken-heissen Sommer 2026 darf man da sicher nicht für alle Zeiten als Massstab nehmen. Infos zur Route und zum Gebiet findet man im Extrem West, Band II, wobei das Topo dort sehr grob ist und nicht in allen Details korrekt. Dasjenige der Erstbegeher findet man auf dem Netz, es gibt den Routenverlauf auch nicht sehr präzise wieder. Darum: hier meine eigene Version (Download in voller Auflösung).

Mein schematisches Topo zur La Lunga Attesa an den Wendenstöcken.

Mittwoch, 16. September 2026

Wendenstöcke - Niagara (7b+)

Der Excaliburpfeiler ist eines der formschönsten und majestätischsten Stücke Fels, über welches wir in der Schweiz verfügen. Jede Route, welche ich bisher dort in Angriff nehmen konnte, war ein grandioses Highlight in Sachen Kletterei, Felsqualität und Erlebnis. Meine Première feierte ich anno 2007 mit der Excalibur, später folgen dann die anspruchsvollen MSL-Sportklettereien Lancelot, Blaue Lagune und Troja. Nun war also die schon lange erwartete Stunde gekommen, um in der Niagara Hand anzulegen. Und der Klettertag entwickelte sich so genial wie erhofft. Nichts schien uns stoppen zu können: weder die physisch harten Moves, noch die zwingenden Plattenstellen, selbst der Runout wegen einem fehlenden Plättli in der Cruxlänge liess sich meistern. Kurzum: eine Traumtour!

Der Blick auf die Sektoren Excalibur, Dom und Aureus am Gross Wendenstock, mit dem von uns gekletterten Verlauf von Niagara. Nun, an den eigentlichen Längen am Pfeiler gibt es nichts zu rütteln. Am Vorbau wird jedoch in L1 fast immer die linke Variante (orange) geklettert, ebenso ist die linke Variante in L2 deutlich geläufiger. Wegen einer anderen Seilschaft kletterten wir jedoch rechts.

Ziemlich genau eine Woche nach unserem letzten Besuch für Nachtexpress liefen wir wieder von der Wendenalp los. Dieses Mal um 8.20 Uhr und damit tageszeitlich ein paar wenige Minuten früher. Der Mitstreiter waren an diesem Weekend deutlich mehr, 12 Fahrzeuge waren schliesslich zugegen - was sich ob der Vielzahl der zur Verfügung stehenden Routen natürlich sehr gut verteilte. Auf dem üblichen Weg liefen wir in einer guten Stunde zum Einstieg. Die Details seien hier wegrationalisiert, einzig: am Ende steigt man in der felsigen Zone in Falllinie vom Elefantenohr bis zur Wand hinauf und quert dann horizontal nach links zum Einstieg. Die grasigen Schrofen direkt in Falllinie vom Excaliburpfeiler sind hingegen sehr steil und heikel. Am Startpunkt trafen wir auf eine 3er-Seilschaft aus Deutschland. Der bekannte Alpinist David B. wollte hier den Moderne-Zeiten-Punkt in der Excalibur buchen - interessant ihn nach früheren Onlinekontakten das erste Mal in freier Wildbahn zu treffen. Für uns bedeutete dies erst zu warten oder dann einen alternativen Weg über den Vorbau zu wählen - auf letzteres fiel unsere Wahl, ein paar Minuten vor 10.00 Uhr starteten wir mit der Kletterei.

Stotzig lautet das Motto an den Wendenstöcken, dieses Foto gibt den Groove gut wieder!

L1, 35m, 6b: Die in der Literatur beschriebene Vorbaulänge startet bei einem ausgetretenen, kleinen Platz mit einem Cluster von SU-Schlingen. Ca. 10m rechts davon erspäht man in 15-20m Höhe ebenfalls einen BH und wenn man genau hinschaut, auch noch 2-3 stark verwitterte SU-Schlingen auf dem Weg dahin. In keinem Wenden-Topo war diese SL bisher beschrieben, doch wir wollten es versuchen. Und ja, es ging: die Crux befindet sich nach dem BH, die Schwierigkeit und auch der Charakter sind in einem ähnlichen Rahmen wie in der "richtigen" L1 am Vorbau und die Absicherung mit den SU und 2-3 Cams ist ok. Zum Ende tendiert man nach links und muss den BH-Stand der "richtigen" SL nutzen. Es wäre absolut sinnvoll, diesen Einstieg zu sanieren. Also eigentlich bräuchte es nur einen Standplatz, neue SU-Schlingen und im oberen Teil vielleicht noch einen zusätzlichen BH, damit der Wegverlauf klar markiert und gut abgesichert ist. 

Die alternative, rechte L1 (6b) am Excalibur-Vorbau startet direkt in Falllinie des blauen Streifens.

L2, 35m, 6a+: Die Sanierung des Rechtseinstiegs macht umso mehr Sinn, als dass es auf der zweiten Etage ebenfalls zwei Linien gibt (die so auch in der Literatur beschrieben sind!). Nur ein einziges Mal, als wir die Blaue Lagune gingen, war ich bisher die rechte Variante geklettert. Diese bietet auf der ersten Hälfte schöne Steilplattenkletterei mit ein paar interessanten Hinsteh-Moves, der obere Teil ist dann einfacher. Diese SL ist (teil)saniert, einige alte BH und SU-Schlingen wurden durch rostfreie BH ersetzt - danke!

Ohlalalala, der Blick vom Vorbau! Hier zentral voraus verlaufen Lancelot und Blaue Lagune. Wir biegen hingegen nach rechts ab.

L3, 60m, Gehgelände: Hinauf über die wenig steile Wiese zur Wand des eigentlichen Pfeilers (Einstieg der Blauen Lagune). Nun über ein Band nach rechts, es stecken einige BH, später ist dann ein altes und teilweise verrottetes Fixseil vorhanden. Zum Ende (nach dem Einstieg von Wendenvögel) muss dann sogar wieder etwas abgestiegen werden, diese Stelle ist ohne Nutzung des Fixseils wohl so ca. im vierten Grad angesiedelt. Der eigentliche Start zur Niagara befindet sich am Ende des Fixseils bei einem Stand mit 2 BH. Es ist auch möglich, ihn direkt von unten zu erreichen. Dazu müsste man die ersten 2 SL von La Lunga Attesa klettern und den Startpunkt dann über eine einfache, selbst abzusichernde Länge über eine diagonal nach links ziehende Rampe erreichen. Nicht schöner wie der Excalibur-Vorbau, aber etwas einfacher, direkter und schneller.

L4, 40m, 7a: Viel Schonfrist gibt's nicht mehr, ganz offensichtlich geht's da gleich zur Sache! Der erste BH ist etwas heikel anzuklettern, unmittelbar danach heisst es die Crimp-Krallen ein erstes Mal auszufahren. In wieder etwas griffigerem, aber doch überhängendem Gelände geht es zur Crux. Diese folgt nach dem vierten BH mit der Überquerung des Wulstes. Power-Moves sind gefragt (in Nähe des BH), danach muss in der scharf mit Seitgriffschüppli strukturierten Wand aber dann ein Stück geklettert werden, bis wieder geklippt werden kann - da muss man parat sein! Darauf folgt eine einfachere Schuppe alpinen Zuschnitts, welche aber zwecks einer rechtsführenden Reibungstraverse zu Wasserrillen hin verlassen wird. Die Rillen sind traumhaft schön und vergleichsweise easy. Der Runout zum Stand ist aber beträchtlich, Cams (mindestens Grösse 1, grösser ist auch nicht verkehrt) beruhigen das Gemüt.

Ganz so locker wie der Akteur hier posiert, wird sich der steile Start in L4 (7a) unter Umständen nicht anfühlen.

Das Finish von L4 (7a) bietet fantastische Wasserrillenkletterei. Eigentlich gemütlich, aber...

...gesichert werden muss mit Cams, doch wie gut diese in den sich etwas öffnenden Rillen hielten?!?

L5, 30m, 6a: Hier haben wir es mit einer Rätikon-Style-Seillänge zu tun. Die plattige Natur und der moderate Grad lassen wenige Hindernisse vermuten. Es ist dann aber doch ziemlich slabby und auch wenn im Feld 4 BH stecken anstatt nur der versprochenen 2 BH vom Topo, so ist es ob der anhaltenden und fusslastigen Natur gar nicht mal so supereasy-relaxt. Das Ganze übrigens jedoch bei absolut göttlich silbergrau-rauer Felsqualität, quel bijou!

Eine wunderschöne Rätikon-Slab wartet in L5 - offiziell 6a, in Realität eher schwieriger.

L6, 30m, 6c+: Es folgt wieder ein deutlich athletischeres Gerät, fordernd für den Grad! In der Wand oberhalb vom Standplatz spielt sich das Geschehen ab, welche mit einer Rechtstraverse durchquert wird. Einige Schüpplein und kleine Crimps sind zu nutzen, rechtzeitig gibt's aber auch immer wieder mal einen guten Griff eingestreut. Besonders zu erwähnen das unverhoffte Supertropfloch - auch du wirst erleichtert sein, wenn du deine Griffel darin versenken kannst. Tolle Seillänge :-) !!! 

L7, 30m, 7b+: Die megamässig überhängende Ausdauerseillänge. Es ist effektiv so, die Felsqualität ist hier im Gegensatz zu den anderen Pitches nicht Premier Cru. Aber das ist Jammern auf sehr hohem Niveau, es stört gar nicht und die Kletterei ist einfach affengeil. Schon die "Zustiegswand" zur drohenden Walze fordert - wohl ca. im anhaltenden 7a-Bereich und da ist auch etwas Luft zwischen den Bolts. Kräftige Power-Moves führen an die steilste Zone heran, die Crux dann unmittelbar nach dem Klipp des BH mit dem Umkehrkarabiner. Ja warum war der da? Hier manifestierte sich endgültig die Befürchtung, dass beim folgenden BH im stärkst überhängenden Stück das Plättli fehlt. Wohl dem, der hier die nötigen Reserven hat und die Coolheit mitbringt. Bei meiner Ropegun Bernat war das der Fall. Schütteln, schauen und dann den Fokus aufs Klettern legen - wenn man Onsight durchsteigt, dann spielt der fehlende BH ja keine Rolle. Tönt in der Theorie überzeugend und einfach... in der Praxis ist es sicherlich für die wenigsten realistisch. Wobei nach der Crux, bzw. im Abschnitt zum, über und nach dem fehlenden BH durchwegs gute Griffe vorhanden sind und ich (im Nachstieg) ebenfalls souverän durchsteigen konnte.

Der Monster-Überhang in L7 (7b+), eine absolut geniale Seillänge!

Hinweis: zum Beheben des Problems braucht es eine BH-Lasche und eine 17er-Mutter (M10). Idealerweise rostfrei, denn so ist der Dübel. Allerdings hat man da keine Hand frei und allerhöchtens für jemand mit sehr grossen physischen Reserven und einer Megaportion Coolheit ist es denkbar, das Plättli aus der Kletterstellung einhändig zu montieren. Definitiv ist es besser, einen Skyhook / Cliffhanger mitzubringen. An der positiven Leiste gleich neben dem BH kann man sehr gut cliffen, so wurde der BH sicherlich platziert.

Rückblick auf L7 (7b+): wenn man nicht das Seil als Referenz hätte, könnte man noch glauben, es sei eine Platte.

Und tja, ich hätte es gerne gleich gefixt, aber leider konnten wir die Sache nicht in Ordnung bringen. In meinem Haulbag habe ich jeweils Reserve-Plättli und -Mutter dabei. Doch wir nutzten Bernats Haulbag und hatten damit kein Ersatzmaterial. Der Grübler mit der 17er-Lochung hätte die Rettung sein können - wenn möglich, so hätte ich eines der Plättli am darunter liegenden Stand mitgenommen und auf der SL platziert. Leider aber waren beide Laschen dort so beschaffen (der Stift zu nahe am aufgebogenen Teil), dass ich die Muttern mit dem Grübler (der relativ viel Material ums Loch hat) nicht lösen konnte, doof!

L8, 45m, 6c: Eine absolut fantastische Wandkletterlänge wartet hier. Und die Wand gleich oberhalb vom Stand hat es in sich. Nicht so trittig, für die Hände gibt es ein paar Untergriffschüppli, man erkenne die einfachste Lösung. Danach geht's erst mal gut voran, erst nach der Hälfte sind die beiden als nahe steckend erscheinenden BH in der "Kohlewand" (spezielle, schwarze Einschlüsse) dann doch plötzlich nicht so nahe, wie es zuerst den Anschein macht. Der Stand dann gemeinsam mit der Route Wendenvögel, darum "verzieren" 3 gebohrte SU-Schlingen in erbärmlichem Zustand den Ort. Das ist an dieser Stelle unproblematisch, weil auch 2 solide BH stecken. Anderswo in der Wendenvögel dürfte man jedoch nur auf solche Pseudo-Sicherungen zählen können, was sie wohl faktisch unbegehbar macht.

Stand, chasch cho! Einrichtungen der nicht mehr begangenen Route Wendenvögel, mit welcher der Standplatz geteilt wird.

L9, 35m, 6c: Neuerlich eine sehr schöne Länge mit Start an einer Verschneidung, etwas gesucht geht's dann links weg. Es folgt schöne Wandkletterei, später geht's griffig und steil über eine Nase hinweg. Ein paar kniffligere Stellen gibt's, aber es präsentiert sich immer wieder eine Lösung. Ich fand das im Nachstieg super flowig und für den Grad gutmütig (z.B. im Vergleich zu L6). Wobei dies vielleicht auch (die gewissermassen objektivere) Nachsteigerperspektive sein mag. Denn wirklich eng stecken die BH hier definitiv nicht und so könnte das Empfinden am scharfen Seilende ein anderes sein. Der Stand ist dann nochmals gemeinsam mit Wendenvögel, dementsprechend darf man weitere SU-Artistik bestaunen.

Die letzten 3 Seillängen führen in Nähe der schwach ausgeprägten Kante des Pfeilers hinauf. Hier L9 (6c).

L10, 30m, 6c+: Grundsätzlich nochmals eine Länge von ähnlichem Charakter wie davor, wobei es hier nochmals eine gute Prise an schlabbriger Reibungsarbeit gibt. Dies gilt insbesondere, wenn man sich sehr direkt in Hakenlinie bewegt. Laut dem verbalen Austausch mit meinem Kletterpartner ist meine Alternativlösung einfacher, sie erfordert jedoch einen etwas reachy Klipp... für mich ging's, aber mit kürzeren Armen eventuell nicht?!? Zum Ende hin dann verblüffend gut abgesichert (wollten die Erschliesser die übrig gebliebenen BH nicht mehr ins Tal tragen? ;-)), bei etwas nachlassender Felsqualität.

Die Conditions für guten Grip sind beim luftigen Finish von L10 (6c+) absolut gegeben.

Von Stand 10 sind es nur noch wenige Meter im Gehgelände auf das wenig selbständige Top vom Excaliburpfeiler. Knapp vor 16.30 Uhr war es geworden, was somit 6:30h an Kletterei ergibt. Wir waren total geflasht von der affengeilen Kletterei und der perfekten Begehung. Die Lorbeeren dafür fallen natürlich in erster Linie Bernat zu. Der hat nun nicht nur alle 5 gemeinsamen Wendenrouten einwandfrei gezogen, sondern auch immer die Crux-Abschnitte vorgestiegen, während der alte Mann in geschickter Arbeitsteilung jeweils das einfachere Terrain zugeteilt erhielt. Dieses Mal war mein Vorstiegsanteil jedoch kleiner als erhofft/geplant. Denn ab der Cruxlänge "chutete" der thermische Aufwind so verrückt, dass ein doppelter Aufenhalt am Stand zu starker Auskühlung geführt hätte und es deswegen auch ratsam schien, die schnellere bzw. versiertere Person vorsteigen zu lassen. Zumindest hatte der Wendennebel ein Erbarmen mit uns und waberte nur in den Regionen oberhalb der (Kletter-)Gipfelhöhe herum.

Top of Excalibur, der Wendennebel zum Glück über unseren Köpfen statt vor der Nase.

Für eine längere Pause am Top war die Situation nicht gegeben. Nach einigen Posen für die Fotos galt es unmittelbar, zu einem wohlbehaltenen Weg ins Tal überzugehen. Am steilen Excalibur und im exponierten Wendenzustieg keine Trivialität, aber für uns nach mehreren Repetitionen doch so etwas wie Routine. Abgeseilt wird über Excalibur, wobei der Stand oberhalb vom Dach nicht ausgelassen (bzw. zumindest geklippt) werden sollte - sonst wird es schwierig nicht irgendwo als Schinken luftgetrocknet im freien Raum zu enden. Diesbezüglich ungerupft erreichten wir den Einstieg, packten unsere Ware und liessen es talwärts rollen. Zügig wurde die Wendenalp erreicht, super glücklich mit diesem genialen Klettertag machten wir uns auf dem Heimweg. Nummer 47 war ein absolut durchschlagender Erfolg gewesen - eine Bezeichnung, womit man definitiv nicht jede Nummer 47 attributieren würde ;-)

Diese weisse Linie zog sich vom Top des Pfeilers über 2 Seillängen nach unten. Wir konnten uns keine anderen Erklärung zusammenreimen, als dass es die Spur von einem Blitzschlag ist?!? Oder vielleicht eine Ameisenstrasse - da fehlte aber der Verkehr drauf ;-)

Ob die Niagara nun den Reigen der Klettereien am Excalibur schliesst? Eigentlich gäbe es noch drei weitere Routen (Zonda, Indian Summer, Wendenvögel), die bestimmt auch schöne Kletterei bieten. In die letztere der drei hat man einen sehr guten Einblick, und der Fels sieht echt fantastisch aus. Wegen unzureichender bzw. komplett veralteter Absicherung mit vielen nicht selbst fädelbaren SU-Schlingen kann da aber kaum mehr geklettert werden. Hoffentlich erbarmt sich jemand einer vernünftigen Sanierung dieser Route(n) - dann bin ich sehr gerne am Start!

Facts

Wendenstöcke / Excalibur - Niagara 7b+ (7a obl.) - 10 SL, 370m - Ruhstaller/Rathmayr 1999 - ****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams 0.2-1 oder evtl. 2

Eine weitere Traumtour des illustren Erschliesser-Duos Ruhstaller/Rathmayr. Die Kletterei besticht weitgehend durch exzellenten Fels und einen interessanten Mix zwischen athletischen und steilplattigen Seillängen. Ein wenig Abzug auf der Top-Top-Skala gibt's wegen dem etwas umständlichen Weg über den Vorbau mit anschliessender Traverse. Auch die Ästhetik der Linie am Rande des Pfeilers kann nicht ganz mit einer Blauen Lagune mithalten. So gebe ich hier 4.5 von 5 Sternen, also sehr, sehr gut. Zu beachten ist die Nähe zum Wasserfall. Ist dieser "in Betrieb", so kann er auf die Route geweht werden, ebenso besteht eine gewisse Gefahr von Steinschlag. Im Sommer/Herbst, wenn es keinen Schnee mehr in der Gipfelregion hat ist der Wasserfall meistens ausgetrocknet - am besten also dann anrücken. Die Absicherung mit einem Mix von verzinkten und rostfreien BH kann man als ok bezeichnen. Die schwierigen Passagen ab ca. 6c sind gut gebohrt, wobei es diverse zwingende Passagen gibt. Im einfacheren Gelände stecken schon auch regelmässig Bolts, es fühlt sich nicht Harakiri an. Trotzdem sollte man dieses Terrain souverän im Griff haben. Insgesamt würde ich aber sagen, die Absicherung sei tendenziell weniger fordernd wie in der Deep Blue Sea oder Tsunami. Anzuraten sind ein Set Cams von 0.2-1, auch wenn sie nicht oft zum Einsatz kommen. Für die Rillen am Ende von L4 (7a) ist auch ein grösseres Exemplar nicht verkehrt, auch wenn man dieses sonst nie braucht. Ein Topo zur Niagara und Infos zu den umliegenden Routen findet man im Extrem West, Band II.