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Mittwoch, 29. Juli 2015

Nissedal / Haegefjell - Sunset Boulevard (6a)

Weiter geht's mit Berichten aus Nissedal (siehe den vorherigen). Das skandinavische Wetter hatte sich bisher sehr gut gehalten, für den heutigen Tag waren aber nochmals bessere Verhältnisse mit eitel Sonnenschein und weder Wind noch Niederschlag angekündigt. Grund genug, nochmals an die beste Wand der Gegend zu pilgern, nämlich den Haegefjell. Ziel war eine lohnende Tour mit Gesamtdurchstieg zum Gipfel. Diesen Punkt erfüllen ziemlich viele Routen am Berg, geworden ist es schliesslich die 12 Seillängen-Tour Sunset Boulevard - einer Route, die im Charakter bei etwas höherem Anspruch und herausragender Schönheit durchaus mit der Motörhead am Eldorado zu vergleichen ist.

Ein strahlender Tag erwacht, für uns geht es erneut zum 500m hohen Haegefjell in Nissedal.
Nachdem wir erneut die Anfahrt von Fjone über die 13km lange, mautpflichtige Schotterstrasse (70 Kronen bzw. ca. 8 Euro, in Umschlag zu stecken, also Kleingeld bereithalten!) genommen hatten, starteten wir den rund 15-minütigen Anmarsch. Noch galt es, die anzupeilende Route auszuwählen: in der engeren Auswahl standen schliesslich der grosse Klassiker Mot Sola (6a), die Tyrion (6c) und eben der Sunset Boulevard (6a). Die Mot Sola wurde schliesslich verworfen, weil dort noch Restnässe sowie eine andere Seilschaft zu erkennen waren, und zudem eine grundsätzliche (feminine) Abneigung gegenüber Routen ohne gebohrte Stände bestand. Somit peilten wir die benachbarten Tyrion und Sunset Boulevard an. Von nahem erschien letztere attraktiver, und da bis auf die Tatsache, dass die Tyrion eine 17m lange 6c-Seillänge mit 5 BH in Wandmitte aufweist, sind die beiden Routen auf dem Papier auch ungefähr gleich schwer. So konnten wir ohne Bedauern auf die Sunset Boulevard setzen und waren etwas nach 11.00 Uhr mt kompletten Gear und den Schuhen für den späteren Fussabstieg startbereit.

Durch diese Wand verläuft die Route, ca. in Bildmitte der Grenze von Schatten/Sonne entlang.
L1, 60m, 5c: Sechzig Meter Sechserplatte mit einem Bohrhaken hört sich krass an. Entpuppt sich dann aber doch nicht so schlimm. Erst ist die Kletterei easy und hinter ein paar Schuppen lassen sich noch ein paar Gerätschaften verstecken, die Plattenstelle ist dann mit dem Bohrhaken gut abgesichert. Den grössten Schreck habe ich, als ich auf einem Band beinahe in eine 1m lange Schlange greife. Sie macht sich jedoch rechtzeitig aus dem Staub.

Der Wandfuss schon weit weg, aber immer noch im plattigen oberen Teil von L1 (5c).
L2, 50m, 6a: Nun folgt die erste, charakteristische Schrägrampe. Die Wandstelle dahin ist mit zwei BH abgesichert, für den angegebenen Fünfer im Topo aber höchst nichttrivial (eher 6a). Ein Wasserstreifen macht die Sache auch nicht einfacher, aber klar, gehen tut's trotzdem. Während man von weitem denkt, die geneigte Rampe lasse sich fast hochlaufen, entpuppt sich das als ganz anders. Die Rampe ist vom Gletscher glattpoliert wie eine Küchenabdeckung, so muss mit dem Riss im Rampengrund ordentlich gerampft werden. Anhaltend anspruchsvoll ist es, und auf den 40m zum Stand steckt nur noch 1 BH, selber legen ist also Trumpf.

Die Wandstelle hinauf zur charakteristischen Schrägrampe in L2 (5c+), die sich viel schwieriger klettert wie es aussieht.
L3, 50m, 6a: Die zweite, markante Schrägrampe. Die Wandstelle zu Beginn ist hier ziemlich giftig, der erste BH steckt hoch und legen lässt sich nichts. Wacklige Moves 5m über dem Standhaken sind gefragt, etwas unangenehm. Danach nach rechts und an die Rampe/Riss. Erst etwas steiler und athletisch, die 6a-Stelle gemäss Topo fand ich aber gutmütig. Im zweiten Teil der Länge dann wie gehabt: antreten auf der polierten Schrägrampe, man klammert sich am Riss im Grund fest und muss diesen selber absichern.

Eine weitere Rampe mit Hangelriss gibt's in L3 (6a), entgegen der Bewertung fast einfacher wie jene in L2.
Hangeln und mit den Füssen auf die Politur stehen, das ist das Programm in L3 (6a).
L4, 35m, 5c: Nach den zwei sehr fordernden Längen zuvor ist man schon beinahe froh um eine kleine Verschnaufpause. Easy Wandkletterei, Rechtsquerung, für 5c eine gutmütige und mit 2 BH gut abgesicherte Wandstelle und zuletzt etwas nach links zurück zum Stand.

Wandkletterei in L4 (5c), für einmal eher eine Verschnaufpause.
L5, 30m, 6a: Gut mit Bohrhaken abgesicherte Kletterei auf Reibung und an kleinen Leisten. Man finde den idealen Weg zwischen den total glattpolierten Zonen hindurch. Aber schon immer wieder erstaunlich, wie es diesen gibt. In der 6c der Tyrion müsste man sich hingegen wohl der Politur bedienen.

Auf der Suche nach dem idealen Weg in L5 (6a).
L6, 35m, 5c: Das vermeintlich kurze Verbindungsstück nach links hoch entpuppt sich als erstaunliche Knacknuss. Erstens mal ist diese Seillänge komplett clean, und dann ist auch die Kletterei dem Riss entlang nicht so einfach wie gedacht. Teilweise Politur und nicht immer ideale Absicherbarkeit machen das Leben zusätzlich schwer.

L7, 25m, 6a: Die mit einem BH ideal gesicherte Küchenabdeckung-Wandstelle gleich oberhalb vom Stand lässt auf den ersten Blick viele Fragezeichen offen. Richtig angepackt geht sie aber erstaunlich einfach, da fand ich vieles bisher dann deutlich schwerer! Oberhalb dann für den Nachsteiger gut legen, es folgt noch ein einfacher 20m-Rechtsquergang zum Stand, wo nichts mehr liegt.

Der einfache Quergang nach der Schlüsselstelle in L7 (6a), mit Blick aufs Hinterland.
L8, 45m, 4b: Das ist die kühnste Seillänge, hier stecken auf 45m nur 2 BH und Möglichkeiten zum Dazulegen habe ich keine gefunden. Die Kletterei ist aber nicht sehr schwer und der Granit hier zudem ideal strukturiert. Man steht also immer auf etwas gescheitem und hat für die Hände etwas zum Greifen. Müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn man hier stürzt.

L9, 35m, 3c: Ähnlich wie die Länge zuvor, einfach noch etwas weniger steil. Zudem auch komplett clean, aber hier kann man selber absichern. Danke dem irre strukturierten Fels ist die Kletterei trotz der Einfachheit hier aber wirklich mega lässig.

Super Felsstruktur in L9 (3c), kommt hier nicht so zur Geltung.
L10, 60m, 5c+: Besonders steil ist's nicht, aber hier kommt man wieder in eine glattere Zone, die insbesondere an der Crux schon ein paar feine Moves auf Reibung verlangt. Hier besteht jedoch eine gute Absicherung mit 7 BH - auf 60m, that is. Ist aber schon ok und mittlerweile hat man sich bestimmt an die Reibung gewöhnt.

Nochmals anspruchsvolle Platten in L10 (5c+), inzwischen hat man sich an Reibung und Abstände aber gewöhnt.
L11, 50m, 5b: Kurze, etwas glatte Stelle mit BH nach dem Stand, der Rest der Länge ist einfacher, relativ wenig steil und clean. Geht insgesamt auch schnell vorüber.

L12, 50m, 4b: Nachdem hier kein grosser Challenge mehr wartet, haben wir die letzte Länge gleich am laufenden Seil mit einem Tibloc angehängt. Bei der steileren Stelle nach dem Stand muss man nochmals etwas schauen, danach dann immer flachere Platten zum Ausstieg.

Flache Platten und tolle Aussicht auf den Nisser-See kurz vor dem Ausstieg in L12 (4b).
Etwas vor 15.45 Uhr waren wir schliesslich am Top angelangt und hatten damit 4:30 Stunden Kletterzeit gebraucht. Besonders die zweite Routenhälfte ab L7 konnte dabei zügig erledigt werden, während die erste Hälfte deutlich anspruchsvoller und zeitraubender ist. Der Charakter der Route lässt sich klar mit dem Spruch "unten anspruchsvoll zum selber legen, oben leichter zum Gas geben" charakterisieren. Die Kletterei war jedoch formidabel gewesen und sorgte das erste Mal für einen richtigen Wow-Effekt. Beim letzten Stand seilten wir uns los, und stiegen über noch flachere Platten zum Gipfel hin. Der glatte Granit liess sich gut barfuss begehen, eine Wohltat nach 12 Seillängen in den Finken. 

Am Top des Haegefjell auf 1022m, für ein einziges Mal auf über 1000m in diesen Ferien.
Tolles Panorama vom Gipfel, natürlich mit dem Fotoapparat nur schwerlich einzufangen.
Vom Gipfel wählten wir dann den gut mit blauer Farbe markierten Pfad zurück zum Parkplatz. Es ist eine genussvolle Wanderung durch eine sehr schöne Gegend! Das erste Drittel des Weges liess sich über Platten und Moos immer noch baren Fusses gehen, sehr angenehm. Ein Abseilen über die Route wäre sicherlich auch zu bewerkstelligen. Aber nachdem wir ziemlich genau eine Stunde vom Top retour zum Auto brauchten, wäre man dabei mit grösster Wahrscheinlichkeit einiges langsamer. Es sind ja doch 12 Abseilmanöver und der 15-Minuten-Rückmarsch vom Wandfuss. Höchst zufrieden zuckelten wir über die Schotterstrasse retour, es wartete noch ein schöner Abend am Nisser-See, bevor am nächsten, regnerischen Tag die Weiterfahrt ins Setesdal erfolgte.

Stimmung am Nisser-See kurz vor Mitternacht. Obwohl noch weit vom Polarkreis entfernt, wird es nachts nicht vollständig dunkel.

Facts

Haegefjell - Sunset Boulevard 6a (6a obl.) - 12 SL, 500m - Wiechmann/Frost/Fuckner 2003 - *****;(xxx)
Material: 1x60m-Seil, 14 Express, Keile, Camalots 0.3-3 plus 1 kleinerer.

Fantastische Route durch die zentrale Plattenwand zum Haegefjell-Gipfel. Die erste Routenhälfte ist geprägt durch zwei charakteristische Schrägrampen, welche anhaltend anspruchsvolle und zum grössten Teil selber (gut) abzusichernde Kletterei bereithalten, dazwischen warten einige Stellen mit gut abgesicherter Wand- und Reibungskletterei. Der obere Routenteil ist dann etwas flacher und bietet meist plattige Kletterei auf oft genial strukturiertem Fels. Der Fels ist stets sauber und ohne wesentlichen Flechtenbewuchs, die Moves abwechslungsreich, das Ambiente super und die Linie überzeugt auch. Somit vergebe ich gerne die Höchstnote in Sachen Schönheit. Die Absicherung kann man als gut bezeichnen, im Piola-Style sind die Wandstellen gut mit BH abgesichert, wo man selber gut legen kann, ist dies auch zu tun. Insgesamt kommt man auf gefühlte xxx. Dennoch hat diese Route natürlich, obwohl "nur 6a", einen gewissen Anspruch an sich.

Nächster Beitrag: Setesdal / Loefjell - Oh Happy Day (6c+)

Samstag, 25. Juli 2015

Nissedal / Haegefjell - Feuervogel (6a+)

Die Region Telemark ist ein Gebiet im Süden von Norwegen, das durch viele Gewässer und Wälder sowie dünne Besiedlung charakterisiert wird. Felsen gibt es auch allenthalben, auffallend für uns Kletterer sind natürlich vor allem die eindrücklichen Dome und zahlreiche Plattensektoren. Ein bisschen erinnert mich das Gebiet an die Sierra Nevada, bzw. Tuolomne Meadows im Yosemite National Park. Es kommt zwar in punkto Schönheit und Einzigartigkeit nicht zu 100% ans grosse Vorbild heran, dennoch ist ein Besuch hier sehr lohnend.

Nachdem wir von Sandefjord angefahren waren (siehe vorheriger Beitrag), stationierten wir uns auf dem Nysser Hyttegrend Camping. Aufgrund seiner Lage im Zentrum der Klettersektoren ist er die erste Adresse für uns Climber. Er liegt mittig am Westufer vom ca. 40km langen und ca. 3km breiten Nisser-See, der zwar durchaus zum Baden einlädt, aber mit seinen aktuell 17 Grad eine gewisse Abgebrühtheit verlangt. Aber wir waren ja nicht zum Badeplausch gekommen, sondern wollten in erster Linie an den Fels. Die schönste, höchste und bekannteste Struktur hier in Nissedal ist der Haegefjell. Das ist ein 500m hoher Felsdom, der etwas im Hinterland in einer sehr schönen Landschaft liegt. Bilder sagen aber mehr als viele Worte, daher lassen wir doch hier den visuellen Eindruck sprechen.

Der Haegefjell mit seiner rund 3km breiten und 500m hohen Südwand. Ein super Kletterziel!
Also entschieden wir uns, gleich am ersten Tag dort einen Versuch zu geben. Ob das rückblickend die ideale Entscheidung war, darf man durchaus in Frage stellen, denn das Wetter war selbst für nordische Verhältnisse eher auf der unsicheren Seite. Die grossen Wege sind aber meist über 500 Klettermeter lang und nicht überall ist ein Rückzug einfach möglich. Daher wählten wir eine Tour, wo man gut Abseilen kann und die auch nicht zu den allerlängsten am Berg gehört. Unter diesen Kriterien erschien die Feuervogel (6a+) in der glatten Plattenzone links aussen die beste Wahl. Nachdem ihre Schönheit im lokalen Führer mit zwei von maximal drei Sternen (d.h. "exzellente Route") bewertet wird, sollte es sich auch um eine sehr lohnende Unternehmung handeln.

Durch diesen Plattenschuss führt die Route hoch. Sie verläuft wenig links der Bildmitte, ungefähr ob den Stein, der am Seeufer liegt.
Die Anfahrt erfolgt auf einer 13km langen Schotterstrasse vom Ort Fjone. Nach ein paar Kilometern ist eine Maut von 70 Kronen (ca. 8 Euro) fällig, die man selber in einen Umschlag stecken und in einen Kasten einwerfen muss. Daher also entsprechendes Kleingeld bereithalten. Die Piste führt recht nahe an den Haegefjell heran, an deren Ende beim Parkplatz darf man auch halbwild gegen eine kleine Gebühr zelten. Ausser einem WC und ein, zwei Tischen gibt's hier dafür keine Infrastruktur. Wir machten uns auf den Weg zur auserwählten Route. Dieser führt zuerst noch der nun für den Autoverkehr gesperrten Piste entlang. Wir spähten immer nach dem Pfad, der uns von dieser zur Kletterroute führen würde. Doch den gab es nicht. Weglos hauten wir uns schliesslich durchs Buschwerk und gelangten zu den Einstiegen. Das völlige Fehlen eines Pfades deutete schon darauf hin: hier wird nur höchst selten geklettert!

Eine nächste Schwierigkeit stellt dann das Auffinden des Einstiegs dar. Aufschriften am Fels gibt es keine, die Führen sind alle äusserst spärlich bis gar nicht mit fixem Material ausgerüstet und folgen zum grossen Teil auch nicht eindeutig identifizierbaren Strukturen, sondern sind eher von plattiger Natur. Dann kommt auch noch hinzu, dass der Telemark-Führer von Götz Wiechmann eher nur rudimentäre Handskizzen von beschränktem Detailgrad und Genauigkeit aufweist. Nach einer Weile waren wir jedoch fündig geworden, d.h. ich war mir ziemlich sicher, dass die beiden auf 15m und 30m Höhe zu erspähenden Bohrhaken wohl zum Feuervogel gehören würden. Also rüsteten wir uns aus. Die Sonne drückte immer wieder durch die Wolken und es war auch nicht allzu kalt, doch da ein zügiger Wind ging, montierten wir in weiser Voraussicht dennoch eine lange Unterhose. Diese Entscheidung sollte sich noch gut bezahlt machen - notabene an einem Tag, wo in der fernen Schweiz wiederum Rekordtemperaturen von gegen 40 Grad gemessen wurden. Wenige Minuten nach 12.00 Uhr ging es schliesslich los.

Ein gänzlich unspektakuläres Bild, aber hier geht's los. Mag vielleicht einem weiteren Bewerber beim Lokalisieren des Einstiegs helfen. Wer das Bild in voller Auflösung anschaut, vermag den ersten Bohrhaken zu erkennen. Viel Spass bei der Suche, vor Ort ist's in Realität auch nicht wirklich einfacher!
L1, 45m, 6a: Der erste Test wartet bereits auf dem Weg zum ersten Bohrhaken. Wer hier der Reibung nicht voll vertraut, kommt nicht hoch. Stürzen, aus 8-10m Höhe auf das blockige Gelände am Einstieg, wäre sicherlich eher ungeschmeidig. Auch nachher geht es verpflichtend und mit recht anhaltenden Schwierigkeiten weiter. Zwischen den 3 BH (auf 45m!!!) kann man nichts Vernünftiges legen. Wer hier durchkommt, wird wohl auch den Rest der Route packen.

Tolle Gegend, anspruchsvolle Kletterei und weite Abstände in L1 (6a). Das Bild vermittelt es hoffentlich einigermassen.
L2, 48m, 6a+: Nun steigern sich die nominellen Schwierigkeiten sogar noch. Es handelt sich aber eher um eine kurze und mit 2 BH auch gut abgesicherte Stelle auf Reibung mit kleinen Leisten für die Finger gleich nach dem Stand. Der Rest der Länge beinhaltet dann einfachere Meter einer Schuppe entlang. Stecken tut nix mehr, selber legen geht auch nicht allzu gut.

L3, 47m, 5c+: Vom Stand weg eine Wandstufe (Crux, 2 BH), danach ein paar Schuppen und Zacken entlang. Hier kann man für einmal selber gut 2-3 Sicherungen platzieren. Danach noch einfachere Plattenkletterei bei weiten Hakenabständen.

Kathrin in L3 (5c+). Während Mitteleuropa unter 40 Grad Hitze ächzt, klettern wir hier in der Hardshell...
L4, 50m, 5a: Hier dienen die zwei Haken höchstens noch der Orientierung und der Vermeidung vom allerschlimmsten. Der Fels hier sehr schön, quarzig und strukturiert. Wo man hingegen bei 25m Hakenabstand ganz genau durchklettern soll, bleibt der Phantasie von jedem Begeher überlassen. Klar kommt man überall hoch, im Grad 5a jedoch nur, wenn man den recht verschlungenen, einfachsten Pfad findet. Wer falsch geht, klettert dann halt 15m über der letzten Sicherung plötzlich eine 6a auf Reibung.

L5, 50m, 6a+: Die Wandstufe zu Beginn stellt die Crux dar, Wandkletterei auf Reibung für die Füsse, mit Quarz-Minileisten für die Finger. Mit 2 BH gut abgesichert und für eine freie Begehung auch nicht prohibitiv schwer. Der Rest der Seillänge dann wie gehabt: spärlichste Absicherung auf 5b-Platten, man suche den Weg!

Kathrin schleicht über die 5b-Runouts im oberen Teil von L5 (6a+), hinten der klare Bergsee, den wir auf dem An- und Abmarsch umrundet haben. Ich würde für Zu- und Abstieg eher den Weg von hier aus gesehen rechts um den See empfehlen, obwohl der Führer den Weg von links her vorschlägt. Wegspuren sind auf beiden Seiten keine erkennbar.
L6, 45m, 5b: Zuerst links an der Grasinsel vorbei, dann gerade hinauf. Nach etwa 25m kommt die erste und einzige Zwischensicherung dieser Länge, dazulegen kann man nix. Aber inzwischen ist man sich das ja gewöhnt...

L7, 45m, 5a: Nun warten weitere 45 Klettermeter zum Routenende. Am schwersten ist's gleich zu Beginn, danach lässt's etwas nach. Die im Topo versprochenen 3er-Platten kommen aber definitiv nicht, dafür keine einzige Zwischensicherung (zum Legen gibt's auch nix). Gerade die letzten Meter sind nochmals eher glatt und verlaufen zwischen zwei Nässe-/Dreck-/Schlammstreifen, hier bloss keinen Fehler machen.

Die letzte 50m-Länge (5a) ohne jede Zwischensicherung ist gemeistert und das Top erreicht!
Etwas vor 15.15 Uhr und damit nach gut 3:00 Stunden Kletterei hatten wir das Routenende erreicht. Von einem Ausstieg nach oben trennt einen noch ein überhängender Riegel. Kletterbar wäre er wohl, aber da keine Absicherung vorhanden ist, muss man zwingend den Weg in die Tiefe antreten. Das Abseilen über die glatten Platten verläuft problemlos, so dass wir schon eine halbe Stunde später die 7 Manöver erledigt haben und zurück am Einstieg sind. Da der Zustieg (nach Empfehlung des Führers) ja sowieso weglos und auch etwas mühsam war, probieren wir es im Abstieg rechts (d.h. westwärts) um den kleinen See herum. Das funktioniert tatsächlich etwas besser. Bald sind wir zurück auf der Piste und laufen retour zum Parkplatz.

Verzinkte Anker und Inox-Laschen im Granit = am falschen Ort gespart. Leider präsentiert sich ein grosser Teil der Zwischenhaken in dieser Route, ja in ganz Nissedal bzw. ebenso in Setesdal in diesem Zustand. Die grosse Sünde der 90er-Jahre... aktuell ist das gerade noch zu verantworten, doch in Zukunft müssen diese Routen gewartet werden, damit sie noch sicher begangen werden können. Wer erledigt diese Herkulesarbeit, die viel Geld und Aufwand kostet, aber keinen Ruhm und Ehre einbringt?
Bleibt noch, das Fazit zu ziehen. Die Plattenkletterei war lässig gewesen, der Fels ist hier sauber, praktisch ohne Flechten und Gebrösmel. Über recht weite Strecken klettert man an schönen Quarzstrukturen, das ist wirklich prima. Naturgegeben bietet die Route nicht besonders viel Abwechslung, aber das ist im Angesicht dieses riesigen Plattenschusses schon von Weitem so erkennbar. Die zwei von drei Sterne im lokalen Führer sind sicher eher grosszügig bemessen, die Zwei-Sterne-Tour Sunset Boulevard die wir später kletterten, fand ich jedenfalls deutlich spektakulärer und besser.

An den Standplätzen steckt zum Glück immer mindestens einer (meist sogar zwei) gute Inox-Haken. Offenbar kam hier nach der Erstbegehung nochmals jemand mit der Borhmaschine vorbei. Die Fixe-Inox-Plättli mit dem neuen Bächli-Logo (Bergsportladen in der Schweiz) gab es nämlich zu Zeiten der Erstbegehung im 1992 ganz sicher noch nicht. Die waren ca. 2009 aktuell, in der Hanimoon hatte ich auch dieses Fabrikat verwendet.
Am meisten zu denken gibt mir hingegen die Absicherung. Im Führer reicht die Skala von A (Klettergarten) bis D (Harakiri) und die Feuervogel ist mit A+ bewertet, damit sollte es eine der am besten abgesicherten Routen am Haegefjell sein. Auf den jeweils rund 50m langen Seillängen stecken 3/2/4/2/4/1/0 Zwischenhaken, Möglichkeiten zum Dazulegen gibt es so gut wie keine. Unter guter Absicherung verstehe ich definitiv etwas anderes! Natürlich, ich bin hochgekommen und passiert ist auch nichts. Ehrlich gesagt musste ich mich auch kein einziges Mal fürchten. Wenn ich an den Wendenstöcken oder schon nur bei anspruchsvoller Sportkletterei in überhängendem Gelände über der letzten Sicherung vor einer fordernden Stelle stehe, so flattert mir das Herz viel, viel mehr. Doch letzteres ist eine beinahe zu 100% ungefährliche Herausforderung, einfache Plattenkletterei gleich Dutzende Meter über der letzten Sicherung hingegen... naja, hier besteht dann eben so gut wie keine Marge mehr. Zu berücksichtigen ist auch noch, dass es an dieser Wand im Hinterland keinen Handy-Empfang gibt, und man kaum auf eine (schnelle) Bergung zählen kann.

Facts

Haegefjell - Feuervogel 6a+ (6a+ obl.) - 7 SL, 335m - Wiechmann/Fischer 1992 - ***, x-xx
Material: 2x50m-Seile, 6 Express, Camalots 0.3-0.75, Keile kaum einsetzbar

Plattenkletterei über schönen, sauberen Fels mit vielen, quarzigen Strukturen. Die Route bietet nicht allzu viel Abwechslung und offeriert über weiteste Strecken Schwierigkeiten im Bereich 5b/5c. Schwerer als das sind nur ein paar kurze Passagen, die dann auch vernünftig mit Bohrhaken abgesichert sind. Im einfacheren Gelände muss man jedoch sehr weite Abstände vergegenwärtigen, hier sind definitiv lebensgefährliche Stürze möglich, falls man einmal ausrutschen sollte. Möglichkeiten zum Selberlegen gibt es nur ganz wenige, ein kleines Friendset ist trotzdem ratsam.

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