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Montag, 10. August 2020

Gross Bielenhorn - Nolens Volens (6c)

Am Gross Bielenhorn oberhalb der Sidelenhütte am Furkapass findet man mitunter den besten Klettergranit der Schweiz. In früheren Jahren war ich schon in der Niedermann (6a) und der Fandango (6c+) zu Gange, der letzte Besuch lag aber doch schon wieder Jahre zurück. Kein Wunder, den um hier oben mit Genuss zu klettern, muss einiges zusammen passen: warme, wettersichere Tage ohne Wind und Quellbewölkung, sonst macht es keinen Spass. Erst kurz vor Mittag kommt die Sonne an die Wand. Nicht unbedingt ein Spot also für Frühaufsteher, dafür klettert man dann bis am Abend an der wärmenden Sonne. Um sich einen weiteren Punkt auf dem "Moderne Zeiten"-Konto gutschreiben lassen zu können, wählten wir den Remy-Klassiker Nolens Volens (10 SL, 6c) von 1987. Das ist allerdings fast ein wenig despektierlich ausgedrückt, denn diese famose Tour verdient einen Besuch unbesehen von jeglichen Punkten und Listen!

Unterwegs ins Sidelengebiet. Hinter der Kletterin der Hanibalturm und der Galenstock, rechts das Gross Bielenhorn.
Den Zustieg wählten wir vom Refuge Furka (2428m), wo wir um ca. 10.20 Uhr losgingen und nach einer knappen Stunde bei der Sidelenhütte eintrafen, wo wir uns erst einmal mit einem kühlen Getränk auf der Terrasse erfrischten. Wer die Höhenmeter effizient frisst und einen der eher raren Parkplätze ergattert, erreicht die Hütte möglicherweise schneller vom Sidelenbach (P.2279, +150hm, weniger Distanz). Von der Hütte dann etwas absteigend in Richtung der Kamele und Wegspuren folgend in einer Rechtsschleife zur Südecke vom Gross Bielenhorn. Die verlockenden Direktwege durchs Gletschervorfeld zahlen sich eher nicht aus. Nun über Schneefelder bzw. den östlichen Teil vom Sidelengletscher unter der Wand traversieren und zum Schluss steil zu dieser hinauf. An sich ist das Gelände unschwierig, zuletzt aber doch gegen 45 Grad steil. Bergschuhe und Pickel sind wohl fast immer nötig, Steigeisen ein Sicherheitsplus. Auch ich hatte sie an diesem Tag gerne eingesetzt. Spannend ist dann immer die Frage, wie gut sich die Randkluft vom Gletscherhang gegen den Fels hin überwinden lässt. Für uns ging es ganz ordentlich, etwas alpiner Sachverstand und das Bewusstsein um allfällige Gefahren war jedoch durchaus nützlich. Um 12.20 Uhr und damit ziemlich genau 2:00 Stunden nach Aufbruch erreichten wir einen Einzelbolt auf einem etwas abschüssigen Band, wo wir von der Alpin- auf die Kletterausrüstung umsatteln konnten. Eine Viertelstunde später ging es schliesslich mit der Kletterei los.

Ich bin auch eine Alpinistin... Passage der Randkluft.
L1, 10-30m, 5c: Je nach Schneehöhe kürzerer oder längerer Abschnitt entlang von Rissen über Stufen hinweg. Die Orientierung gar nicht so einfach hier, weil man üblicherweise nicht so richtig weiss, auf welcher Höhe man denn nun startet. Wer mit einem 50m-Seil den Stand nach L2 erreichen möchte, muss bei der Markierung (roter Farbpunkt, roter Einzel-BH etwas oberhalb) Halt machen.

L2, 45m, 6a+: Coole Kletterei, die vom roten BH nach links führt. Nach heiklem Auftakt-Move geht's an einigen Piazverschneidungen und breiten Rissen vorwärts, nur relativ spärlich mit BH abgesichert. Hier und da bringt man auch kleines Gear unter, gerade am Ende müssen aber für optimale Absicherung sicher der 3er- wenn nicht sogar der 4er-Cam mit. Wer über der Schwierigkeit steht, kommt ohne aus - die Kletterei dort ist moderat schwierig und der auch neben den Rissen super strukturierte Fels erlaubt kontrolliertes Steigen.

Breite Risse charakterisieren die Kletterei im oberen Teil von L2 (6a+).
L3, 45m, 6c: Die schwierigste, aber auch die beste und abwechslungsreichste Seillänge der Route. An ein paar griffigen Rissen geht's los, über ein erstes Dächli hinweg noch relativ gutmütig zu einem genialen, schräg nach oben ziehenden Riss, den man für die Füsse als Rampe benutzen kann. Dann ist fertig, eine erste Reibungsstelle am Limit bringt einen zu einem Ruhepunkt, bevor es nochmals Vollgas auf Reibung geht. Es ist aber keine reine Schleicherei, die steile Wand ist mit Noppen und Crimps garniert, super! Im unteren Teil gibt's hier durchaus etwas Luft zwischen den Haken, der erste Reibungstest ist ebenfalls noch recht zwingend, nur ganz am Ende stecken die Bolts dann eng.

Erst super Risse, dann fordernde Steilplattenkletterei wartet in der Crux (L2, 6c).
L4, 35m, 5b: Nun soll es deutlich einfacher werden, zuerst merkt man gar nicht mal allzu viel davon. Erstaunlich knifflig geht's hinauf und an einem schönen Quarzband nach links. Eine rissige Verschneidung und später ein paar Stufen bringen einen weiter voran zu einem ersten Grasband (BH). Der Stand liegt aber noch eine Etage höher auf dem nächsten Band.

L5, 35m, 6a: Sieht von unten nicht so überzeugend aus, entpuppt sich aber als Klasse-Länge! Obwohl es linksrum vielleicht einfacher ginge, geht's an Bolts und einer Rissspur in prima strukturiertem Fels gerade hinauf. Man gelangt schliesslich zu einer Rissverschneidung, wo man mobil absichern muss, an dieser Stelle geht's für einmal nicht ganz perfekt und es ist etwas das Auge nötig. Mit einem nochmals kniffligen Schritt gelangt man zum Stand.

Super Kletterei mit einer griffigen Struktur stets in der Nähe wartet in L5 (6a).
L6, 35m, 6b+: Steil und spektakulär! An griffigen Rissen und Schuppen überwindet man eine erste Steilzone mit einem Beinahe-Dach. Auf einem kleinen Band kann man sich schliesslich eine Verschnaupause gönnen und den Weiterweg überlegen. Dieser führt nicht gerade obsig in den cleanen Riss, sondern kurz rechts absteigend den eng steckenden Bolts entlang durch die Wand. Während man erst ob dem Cruising-Gelände frohlockt, kommt dann plötzlich doch noch ein kniffliger Schritt. Zuletzt nochmals piazend an Rissen und Kanten athletisch um die Ecke zu gemeinsamem Stand mit der Niedermann.

Man sieht's am Schlaghaken, am Ende der steil-spektakulären  L6 (6b+) trifft man mit der Niedermann zusammen.
L7, 30m, 6a+: Die Bohrhaken leiten einen hier quasi automatisch auf die richtige Fährte. Es geht nach rechts durch die Wand, welche super strukturiert daherkommt. Auch um die Ecke geht's gut und griffig voran. Zum Schluss gilt es dann, noch eine Art Couloir zu überqueren. Entweder habe ich das saublöd erwischt, oder es ist nicht gänzlich nichttrivial.

L8, 40m, 6a+: Eine anhaltende Super-Seillänge! Gleich vom Stand weg mal parat sein und auf ein paar kleinen Leisten antreten. Nun geht's etwas im Zickzack hinauf, wobei immer mal wieder ein gut sichtbarer Bolt bei der Orientierung hilft. Neben dieser Grundabsicherung wollen aber auch immer mal wieder Cams platziert werden. Das Finish dann nochmals steil und speziell genial mittels Brotlaib-Pinching.

Ich glaube, sie hatte sowas gesagt wie "eigentlich ist die ganze Route ein No-Hand-Rest". Im Vordergrund sieht man sehr schön die Felsstrukturen, welche am Ende von L8 (6a+) sehr schön zum sogenannten Brotlaib-Pinching verwendet werden müssen.
L9, 25m, 5c+: Hier dünkte mich der Verlauf durchaus etwas unlogisch. Vermeintlich könnte man (leichter?!?) direkt oberhalb vom Stand durch die rissige Verschneidung klettern. Aber nein, die Bolts indizieren den Routenverlauf linksherum mit ein paar kräftigen, piazartigen Zügen. Schliesslich wechselt man dann doch gutgriffig in die ursprüngliche Verschneidung zurück und erklettert diese zum bald schon folgenden Stand.

Fantastischer Ausblick auf die letzten beiden Seillängen (L9/L10). Die Route verläuft hier allerdings etwas unlogisch nicht direkt hinauf durch die Verschneidung zu den Kletterern, sondern schlägt eine eine in die linke, untere Bildecke. Wir folgten dieser und den dortigen BH gehorsam, so wundert es mich nun umso mehr, wie schwierig es direkt hoch wohl wäre.
L10, 35m, 6a+: Nochmals ein prima Gerät zum Abschluss: steil, anhaltend, griffig an tollen Rissen! Eine Grundabsicherung mit BH ist vorhanden, mobil Sichern geht fast nach Belieben. Zuletzt dann nochmals extrasteil und henklig auf die bequeme Plattform bei der markanten Felsnadel, welche nicht ganz den Gipfel des Gross Bielenhorn darstellt.

Fantastische, steile und griffige Kletterei bis zuletzt in L10 (6a+).
Um 17.30 Uhr und damit nach rund 5 Stunden absolut genialer Kletterei hatten wir das Top erreicht und konnten an beiden Seilenden eine perfekte Onsight/Flash-Begehung verbuchen. Rein von Wetter und Stimmung her hätten wir nun durchaus eine längere Zeit hier oben chillen können. Allerdings waren neben uns noch 2 weitere Seilschaften zugegen und es stellte sich die Frage, in welcher Reihenfolge das Abseilen angegangen würde. Uns wurde der Vortritt angeboten, somit beschränkten wir unseren Gipfelaufenthalt und fädelten die Seile. Um zügig vom Acker zu kommen und weil ja gleich jemand nachfolgte, "riskierten" wir es, die ersten beiden Teilstrecken (L9/L10) zu kombinieren. Aber wie es im Plaisir steht, der Seilverhänger ist quasi garantiert... ich habe mein Bestes versucht, konnte ihn aber nicht vermeiden. Nun denn, das Malheur war durch die Nachfolger subito korrigiert (Dankeschön!). Mit unserem dritten Abseiler ging's direkt hinunter auf das Grasband zu Stand der Niedermann (Achtung, 50m-Seile knapp!). In 4 weiteren Manövern waren wir zurück bei den Schuhen, von wo wir noch über die Randkluft und den obersten, steilen Schneehang abseilten. Bequem im Schnee absteigend waren wir bald (19.00 Uhr) retour bei der Sidelenhütte, wo wir nochmals eins tranken, bevor wir in 35 Minuten zügig zum Furkapass liefen.

(K)eine Remy-Route ohne Bohrhakenkontroverse?!?

Die Route wurde 1987 von den Remy-Brüdern erschlossen und nach der Jahrtausendwende in mehreren Etappen mit rostfreiem Material saniert. Soweit ich das vor Ort wahrgenommen habe, wurden bei dieser Sanierung die Sicherungspunkte grundsätzlich 1:1 ausgetauscht, wobei die Positionierung manchmal optimiert wurde. Bei unserer Begehung im Juli 2020 war es dann aber so, dass im oberen Routenteil an zahlreichen (ca. ein Dutzend?) sanierten Haken die Laschen fehlten. Das war nicht ganz so tragisch, denn die Kronenbohrhaken der Erstbegehung sind an den jeweiligen Stellen auch noch vorhanden und nutzbar. Überdies kann man an diesen Stellen in unmittelbarer Nähe meist auch gut mobil absichern. So gesehen sind die Bolts "sowieso unnötig". Somit werde ich den Verdacht nicht los, dass die fehlenden Laschen vielleicht doch nicht einfach der Schwerkraft zum Opfer gefallen sind, sondern mutwillig entfernt wurden.

Quarz, Kamele, Schildkröte und der versteinerte Nixen - eine fantastische Gegend!
Ob nun Bolts neben mobil abzusichernden Rissen oder solche Guerilla-Aktionen (wenn es denn eine war...) sinnvoller sind, dürfte Anlass zu manchem Klettertalk sein. Ich würde einfach vorschlagen, dass hier ein klarer Entscheid gefällt wird. Entweder werden die fehlenden Laschen ersetzt (ca. 10-15 Stück, rostfrei inklusive Mutter M10 nötig) und gleichzeitig die alten Bolts entfernt (Hammer, Inbus in allerlei Grössen und/oder Akkuflex nötig). Oder dann entscheidet man sich, überall dort wo mobil gesichert werden kann, die Bolts komplett zu entfernen. Aber wenn, dann bitte in sauberer Arbeit und mit einer offiziellen Kommunikation, so dass man auch weiss, was einen erwartet... aber ich gehe jetzt einmal davon aus, dass bis auf Weiteres alles so bleibt, wie es im Moment ist.

Nachtrag vom 13.8.2020 (mit Update vom 27.8.2025)

In verdankenswerterweise haben Tobias und Joachim am 9.8.2020 auf meine Anregung hin die fehlenden Laschen ersetzt. 9 Stück waren es insgesamt, somit kann die Tour nun wieder an perfekt saniertem Inoxmaterial begangen werden. Einzig die alten Kronenbohrhaken sind immer noch vor Ort, die könnte/sollte man einmal noch mit entsprechendem Gerät entfernen. Nachfolgend einige Bilder, die mir Tobias zugesandt hat. Update vom 27.8.2025: anscheinend wurden in den oberen Seillängen ab der Kreuzung mit der Niedermann im Sommer 2025 neuerlich einige Bohrhaken (oder zumindest deren Laschen) entfernt. 






Facts

Gross Bielenhorn - Nolens Volens 6c (6b obl.) - 10 SL, 350m - C. & Y. Remy 1987 - *****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12-14 Express, Cams 0.2-3 plus evtl. 4, evtl. Keile

Fantastische Kletterei durch Gestein, das mitunter zum besten Granit in der Schweiz gehört und definitiv in die gleiche Güteklasse wie jenes im hochgelobten Chamonix gehört. Die Route bietet meist Kletterei an angenehmen und wenig beschwerlichen Rissen, Verschneidungen und griffigen Schuppen. Die Crux spielt sich hingegen an einer recht fordernden Steilplatte ab - mit etwas Einsatz kommt man hier auch ohne absolute Beherrschung der Schwierigkeiten mit A0 wohl noch mehr oder weniger durch. Trotzdem, der in der Literatur verzeichnete obligatorische Grad von 6a+ dünkt mich zu knapp. Generell ist eine gute Grundabsicherung mit BH vorhanden. Wer die Schwierigkeiten gut drauf hat, muss nur punktuell mal einen Cam legen und kommt mit einem abgespeckten Set von 0.3-2 aus. Es wäre aber zumeist durchaus möglich, mit mobilem Material auf eine sportklettermässige Absicherung (xxxx) zu kommen, dafür muss man dann jedoch genügend (auch grosse) Cams und allenfalls Keile mitführen. Ein Topo findet man z.B. im Plaisir West 2019 oder auch (nicht mehr ganz aktuell) im SAC-Führer Urner Alpen 2 oder im Topoguide Band I. Die Bewertungen in meinem Bericht habe ich aus dem Plaisir übernommen, sie sind grösstenteils etwas höher als jene in den älteren Führern, schienen mir aber stimmiger.

Donnerstag, 21. März 2019

Chli Bielenhorn - Psychides (7a+)

Die Route Psychides in der Südwand am Chli Bielenhorn beim Furkapass ist eine Kreation der Remy-Brüder aus dem Jahre 1985. Im Jahr 2012 wurde sie mit neuem Material ausgerüstet, wobei einige Passagen mit zusätzlichen Bolts entschärft wurden. Seither erfreut sie sich wieder einer grösseren Beliebtheit, obwohl sie etwas im Schatten der benachbarten Sacremotion steht. Im Vergleich zu ihrer durchaus attraktiven Schwester ist sie nämlich spürbar anspruchsvoller, dafür aber hat mir die Kletterei in der Psychides noch besser gefallen.

Routenverlauf der Psychides (7a++) am Chli Bielenhorn, die orangen Punkte markieren die effiziente 2x60m-Abseilpiste
Kurz vor den Sommerferien 2018 ist uns eine alpine MSL vergönnt. Wir entscheiden uns für eine granitige Kletterei, unsere Diskussionen drehen sich erst um die Teufelstalwand. Ob dem sehr schönen und warmen Wetter fürchten wir jedoch etwas die dortige Hitze und entscheiden uns schliesslich für den Furkapass. Es ist ja nicht allzu oft der Fall, dass man im rauen Klima dort oben genussreich in legerer Kleidung klettern kann. Diese Gelegenheit wollen wir uns nicht entgehen lassen! Der Zustieg vom Sidelenbach (P.2280) zum Wandfuss ist uns wohlbekannt. Er umfasst rund 400 Höhenmeter und kostete uns 40 Minuten. Der Einstieg befindet sich direkt mittig unter der zentralen Südwand und ist mit "PSY" markiert - fixes Material ist hingegen auf den ersten 25m nur spärlich vorhanden. Um ca. 9:15 Uhr geht's los.

Super Ambiente kurz vor dem Einstieg - da kommt die Vorfreude aufs Klettern mehr als nur auf!
L1, 45m, 7a++: Nach einem noch relativ gemütlichen, aber doch nicht zu unterschätzenden Auftakt zum hohen ersten Bolt befindet man sich bald in einem breiten Riss. Dieser muss selbst abgesichert werden, dazu gilt es sich mit allen Regeln der Kunst festzuklemmen und in die Höhe zu schieben (rampf!). Die nächste Etappe startet nach dem Dachwinkel, wo der Riss nach rechts abbiegt. Ein kräftiger, psychisch anspruchsvoller Piaz muss durchgezogen werden. Er leitet nach dem nächsten Knick im Riss gleich über in die sehr harte Crux. Steil und trittlos müssen hier auf Gegendruck alle Kräfte mobilisiert werden, immerhin steckt wieder fixes Material in Form von BH. Mein Versuch auf Durchstieg scheitert ziemlich chancenlos... nach meinem Empfinden ist diese Passage mehr als 7a+, sie erfordert einen total unerschrockenen Piazhengst (oder -stute, natürlich ;-)). Schliesslich wird man dann in weniger steiles Gelände entlassen, wo es wieder besser dahingeht - mit einem nochmals längeren Sicherungsabstand zum Stand hinauf allerdings, damit's ein wenig aufregend bleibt.

Klare Linien in der anspruchsvollen L1, wieder einmal ein typischer Fall für den berühmt-berüchtigten Grad von 7a++.
Rückblick auf den Schlussabschnitt von L1 (7a++). Zuletzt ist die Kletterei einfacher, dafür ziemlich runoutig-aufregend.
L2, 40m, 6b: Kurzer Boulder rechtsrum, dann einfacher über eine Art Rampe hinauf. Die Crux folgt nach der Hälfte der Seillänge in Form einer heiklen Plattenstelle. Leider ist diese ungünstig abgesichert - wer's nicht drauf hat, knallt hier unweigerlich aus mehreren Metern Höhe auf das darunter liegende Band, da kann die Sicherungsperson noch so aufmerksam sein (expo!). Tief durchschnaufen, positiv bleiben und entschlossen durchziehen, anders geht's nicht. Als kleine Ermutigung vielleicht noch: es kommen dann schon ein paar Grifflein, wenn man den Auftakt gezogen hat und cool bleibt, wird man einen gefährlichen Sturz wohl vermeiden können. Zuletzt geht's wieder einfacher dahin - hier wurde im Zuge der Sanierung auch ein unnötiger Bolt angebracht, der unten besser investiert gewesen wäre...

Eine Sanierung wie aus dem Bilderbuch... verzinkter Einschlaganker mit Alteisen-Recycling-Lasche. Da es diesen Bohrhaken wegen vorhandenen, mobilen Möglichkeiten aber sowieso nicht zwingend braucht, kann man es an dieser Stelle für einmal verschmerzen...
Jonas folgt in der Crux von L2 (6b), einer ungünstig abgesicherten expo-Plattenstelle.
L3, 35m, 6a: Vom Stand links um die Ecke und athletisch in dieser hinauf. In der Folge muss man dann deutlich nach rechts halten - teilweise selbst abzusichernde, schöne Risskletterei wartet.

L4, 30m, 6c: Eine tolle Seillänge! Vom Stand nach rechts hinaus, den abstehenden Zacken bitte sorgsam behandeln. In feiner, technischer Wandkletterei an stumpfen Rissspuren will die optimale Lösung ausgetüftelt werden - dranbleiben, es geht schon! Die Absicherung hier tiptop mit Bohrhaken. Hat man diese Passage gemeistert, führt ein Riss einfacher nach links hinauf. Von einer Art Podest geht's dann zuletzt wieder kühn nach rechts hinauf. Die immer dünner werdende Rissspur muss selbst mit kleinen Cams oder Keilen abgesichert werden, von deren Ende warten recht kühne Wandkletter-Moves hinauf zum Stand - pretty committing!

Diese schöne Doppelbild-Sequenz zeigt das kühne Finish von L4 (6c)...

...von einem auslaufenden, dünnen Riss müssen kleine Crimper gekrallt und heftig auf der Platte angetreten werden, um dann mit einem entschlossenen Move auf bessere Griffe zu ziehen und in den Stand zu manteln. Der letzte BH befindet sich 10m unterhalb, zur Absicherung muss man hier zwingend auf kleine Cams oder Keile im Fingerriss vertrauen, die sich auch schon unter den Füssen befinden.
L5, 15m, 5c: Schöner und gemütlicher, aber dennoch nicht völlig banaler Quergang nach links zum gemeinsamen Stand mit der Perrenoud.

Jonas in L5 (5c). In Blickrichtung des Kletterers führt die Route "Die 3 blinden Mäuse" weiter, die Psychides hält nach links.
L6, 45m, 7a: Eine fantastische Seillänge, welche nach einem Auftakt in der leicht nach rechts ziehenden Verschneidung drei markante Passagen bereithält. Zuerst folgt ein Plattenboulder nach links, der ging mir mit etwas Dynamik tiptop auf. Danach folgt ein anhaltendes Stück in technischer Wandkletterei mit abgefahrenen Moves, das ging mir ziemlich am Limit auf, echt genial! Und zuletzt steht man dann noch vor einer etwas kühnen Piazschuppe, wo man zuerst selber legen muss und schliesslich nur der beherzte Schritt nach vorn zum Erfolg führt. Erst die letzten Meter sind dann gemütlich.

Da hat er gut lachen, an dieser Stelle sind die schwierigen, aber genial schönen Meter von L6 (7a) in der Tasche.
L7, 35m, 6b: Wenn man an dieser Stelle seinen Vorsteiger sichert, so turnt der auf den ersten Metern athletisch-gutgriffig herum und verschwindet dann aus dem Blickfeld. Man nimmt jedoch durchaus wahr, dass er sich zunächst direkt oberhalb befindet. Dort wartet eine plattige Linksquerung mit längerem Hakenabstand, wo ein Sturz unterhalb der Dachzone in der Gegend vom Stand enden würde, was eher weniger ratsam scheint. Die Kletterei ist an dieser Stelle jedoch nicht sonderlich schwierig. Weiter geht's mit einer athletischen Verschneidung, zuletzt dann einfacher zum Stand.

L8, 50m, 6a+: Nach einer ersten Wandstufe warten hier nochmals sehr schöne Riss- bzw. Piazmeter, die teilweise mobil abzusichern sind -  absolut toll! Mit der Zeit wird's dann ein wenig einfacher, bis man über eine Art Rampe den finalen Stand der Psychides auf einem Pfeilerkopf erreicht. Von dort könnte man Abseilen. Günstiger ist es jedoch, noch 15m weiter zum Ausstieg von Sacremotion und Perrenoud zu klettern (links-rechts-links), weil von dort eine sehr gute und effiziente Abseilpiste beginnt. Den Gipfel des Chli Bielenhorn hat man aber auch dort nicht erreicht. 

Der Akteur erreicht gerade den Pfeilerkopf, wo sich das offizielle Ende der Psychides befindet. 
Um rund 13.30 Uhr und damit nach 4:15h sehr vergnüglicher Kletterei sind wir beide am Top. Wie bereits im Blog über die Sacremotion beschrieben, lohnt es sich hier für einmal absolut, die 60m-Halbseile mitzunehmen. In 4 praktisch pfeifengeraden und ausgereizten Strecken mit teilweise routenunabhängigen Ständen erreicht man nämlich sehr zügig wieder den Einstieg, während mit 50m-Halbseilen 7 etwas umständliche Manöver fällig sind. So dauert es dann nur 20 Minuten, bis wir retour am Wandfuss sind. Wir nehmen einen verspäteten Zmittag ein und während Bedingungen und Tageslicht noch das Klettern einer weiteren Route zulassen würden, so ist dies aufgrund unserer Verpflichtungen daheim leider nicht möglich. So wandern wir durch die schöne Berggegend retour an die Passstrasse und cruisen beglückt durch das schöne Erlebnis nach Hause.

Das Klima am Furkapass ist rau, aber wenn's schön ist, ist's schön! Im Blick die Schwemmebene vom Sidelenbach.

Facts

Chli Bielenhorn - Psychides 7a++ (6b obl.) - 8 SL, 300m - C. & Y. Remy 1985/2012 - ****;xxx
Material: für Abseilen 2x60m-Seile ideal, 12-14 Express, Camalots 0.2-2, Keilset

Top Granitkletterei durch die Südwand am Chli Bielenhorn, welche sowohl in Punkto Schönheit und Anspruch sogar noch oberhalb der vielgerühmten Sacremotion einzuordnen ist. Die Schwierigkeiten befinden sich ziemlich homogen im Bereich 6bc mit einem etwas schwierigeren Abschnitt in L6 und der herben Piazstelle in L1. Für jene sollte man in diesem Stil geübt, psychisch parat und darüber hinaus auch gut aufgewärmt sein, ansonsten (und womöglich auch dann) passt der offizielle Grad von 7a+ hier ganz sicher nicht. Mit Verwendung der dort steckenden Bohrhaken und etwas Trickserei an mobilen Sicherungen geht diese Stelle auch technisch. Ein kleiner Wermutstropfen zwar, aber für den tollen Rest der Route ist das in Kauf zu nehmen. Seit der nicht überall restlos geglückten, aber insgesamt doch begrüssenswerten Sanierung 2012 ist die Route v.a. an den Schlüsselstellen gut abgesichert. Diverse einfachere Teilstücke (bis ca. 6b) sind mobil abzusichern, andere erfordern aber auch beherztes Steigen über der letzten Sicherung. Mitnehmen sollte man auf jeden Fall Cams von 0.2-2 (0.3-1 evtl. doppelt), ein Keilset kann man ebenfalls gut einsetzen. Wie im Haupttext bereits erwähnt, ist das Abseilen mit 2x50m möglich, mit 2x60m jedoch viel angenehmer/schneller.

Topo

Ein Topo und weitere Informationen findet man z.B. im Extrem Ost, oder auch im SAC-Führer Urner Alpen 2. Die hier abgebildete Topo-Skizze von Paolo & Sonja ist exzellent und gibt den Routenverlauf exakt wieder, nur die Schwierigkeitsangaben stimmen nicht überall mit jenen im Extrem Ost überein. Ich habe zusätzlich noch die Position der Abseilstände eingefügt.

Topo von paolo-sonja.net. Route 1 = Sacremotion, Route 2 = Psychides

Dienstag, 5. Juli 2016

Gross Bielenhorn - Don Bernardo (6b+) & Xopoxo (6b+)

Auf der Suche nach einem vergnüglichen, nicht allzu langen und nicht allzu schweren Kletterprojekt im Granit landeten wir schliesslich bei den Routen in der oberen SE-Wand des Gross Bielenhorn. Gemäss den einschlägigen Quellen soll der Granit hier beinahe Chamonix-Qualität aufweisen und die Routen erfordern zudem noch selbständiges Absichern. Das tönte ja wirklich attraktiv. Es kam noch hinzu, dass Zu- und Abstieg in diesen Tagen gerade noch mit den Ski erledigt werden konnten, was deutlich angenehmer und bequemer ist als die Geröllholperei, welche dann im Hochsommer und Herbst fällig ist.

Das Ziel für den heutigen Tag, die obere SE-Wand des Gross Bielenhorn mit Don Bernardo (6b+) und Xopoxo (6b+).
So beluden wir unser Gefährt mit Ski- und Kletterausrüstung und fuhren zu P.2280 am Furkapass, d.h. der Brücke über den Sidelenbach. Auch hier war es schon reichlich grün, doch ein kurzer Augenschein von oberhalb dem ersten Port zeigte, dass man mit den Skis noch bis wenige Minuten ob der Strasse würde abfahren können. Also war es klar, dass die Bretter mitkommen. So ging es um 8.30 Uhr per Pedes los. Im Aufstieg war es am bequemsten, die Skis bis auf 2550m zu buckeln. Dort wurde dann auf die Felle gewechselt, etwas östlich an der Sidelenhütte vorbei ging es in die untere Bielenlücke. Hier lag tatsächlich noch viel Schnee, ein Fussaufstieg wäre viel mühsamer gewesen wie die Portage zu Beginn, und von der Abfahrt wollen wir gar nicht sprechen.

Situation in der Schwemmebene oberhalb der Passstrasse. Ein Schneestreifen ist noch fahrbar, die Bretter kommen mit.
Preparations, leicht exotisch im Juli nochmals das Ski-Equipment hervorzunehmen. Wobei, selbst auf dem Bild hat's Schnee.
Bei der unteren Bielenlücke kamen wir die Wand dann zu Gesicht. Alles war trocken und in besten Bedingungen. So war noch eine mehr oder weniger horizontale Querung und etwas Aufstieg zum Startpunkt zu meistern. Das letzte Stück ist dabei ziemlich steil und ich war froh, einen Leichtpickel mitgeführt zu haben. Ein Ausrutscher würde hier ein böses Ende nehmen, da der Hang unterhalb in felsigen Stufen endet. Die Route war gut sichtbar angeschrieben, eine heikle Randkluft war nicht vorhanden und sogar der Wechsel von Ski- auf Kletterausrüstung konnte bequem und trockenen Fusses erfolgen. Was will man noch mehr?!? Ja genau, Sonne und angenehme Temperaturen, aber auch das war gegeben. Der Zustieg hatte uns total etwa 1:20 Stunden (ca. 640hm) gekostet, um etwa 10.15 Uhr stiegen wir ein.

Chli und Gross Kamel, der Aufstieg über die unterer Bielenlücke rechtsrum, die Abfahrt durch Couloir links des Chli Kamel.
Don Bernardo (6b+)

L1, 25m, 6a: Sehr schöne Seillänge in sauberem, orangenem Granit entlang einer kleinen Verschneidung, die selber abgesichert werden muss. Die im Topo angegebenen Schwierigkeiten von 6a konnten wir nicht auffinden und hätten diese Seillänge eher mit dem Grad 4b bewertet.

Gute Aussichten! Entlang dem Verschneidungssystem in der rechten Bildhälfte führt L1 (6a). 
L2, 30m, 6a+: Vom Stand ein bisschen rechtstendierend aufwärts an dünnem Riss (BH) bei sehr schöner Felsstruktur. Dann schwerer und etwas kühn (Cam) dem bogenförmigen Riss entlang aufwärts, ums Eck und zur Crux. Diese besteht aus kurzer, bouldriger Stelle über ein Aufschwünglein, der BH steckt unangenehm hoch (hilft dabei aber vermutlich, um die Stelle A0 zu bewältigen).

Unterwegs im dünnen Riss am Anfang von L2 (6a+).
Der Granit im unteren Wandteil ist wirklich prima! Jonas folgt in L2 (6a+), an derselben Stelle wie im Foto oben.
Detail aus der Crux von L2 (6a+), zu viel wird hier aber trotzdem nicht verraten.
L3, 25m, 5c+: Man folgt dem logischen Weg entlang von ein paar Rissen rechts aufwärts, zwei BH sichern die steile, gutgriffige Wandstelle ab. Schöne Kletterei, aber auch ziemlich einfach, wir hätten hier mit etwa 5b bewertet.

Die schwerste Stelle in L3 (5c+), ein gutgriffiger Aufschwung.
L4, 35m, 5b: Links ums Eck und nun nicht in der grossen Verschneidung, sondern in einem Sekundärsystem weiter links aufwärts. Zuerst ziemlich einfache Kletterei, zwei BH sichern diese Passage ab. Das Finish dann kurz etwas steiler mit Risswechsel und selber abzusichern. Sicherlich deutlich schwerer wie alles, was in L1 & L3 wartet, wir hätten etwa 6a gegeben.

Schöne Kletterei auch in L4 (5b), für einmal eher schwieriger wie von den Erstbegehern vorgeschlagen.
L5, 35m, 6a+: Im Gehgelände über die Bänder hinweg, die BH der Fortsetzung im Fels sind erst nicht gut zu sehen, es geht aber +/- geradeaus weiter. Danach schöne, recht steile Kletterei an Seitgriffschuppen, oft auf Gegendruck, gut mit BH abgesichert. Nicht ganz banal, aber vermutlich könnte man hier auch mit 6a bewerten.

Nach kurzer Gehpassage über die Bänder folgt im oberen Teil von L5 (6a+) schöne Gegendruck-Kletterei.
L6, 25m, 6b: Steiler Auftakt an einem Riss zu phänomenaler Wandstelle mit aus der Wand hervortretenden Henkeln, wirklich total genial. In der ersten Hälfte der Länge ist evtl. noch ein Cam zu platzieren, der obere Teil ist gut eingebohrt. Eindrücklich, aber wir fanden es nirgendwo wirklich schwierig, für die alpine Härte könnte man dieser Seillänge auch 6a geben.

Coole Wandstelle an beinahe unglaublichen Strukturen in L6 (6b). 
L7, 15m, 6b+: Hier geht's auf der Ostseite am pilzförmigen Turm aufwärts. Kurze, steile Kletterei zwischen einem diagonal verlaufenden Riss und der Turmkante. Gut geplant ist halb geklettert, schwerer wie 6a+ dünkte uns dieser mit 2 BH gut abgesicherte Abschnitt nicht.

On the Top! In der Abfahrt ostwärts Richtung Tiefengletscher würde man auch noch etwas Schnee finden...
Bereits ein paar Minuten vor 12.00 Uhr und damit nach weniger als 1:45 Stunden Kletterzeit hatten wir den Stand ganz oben auf dem Gipfelblock erreicht. Das war also sehr flott gegangen und zeigt auf, dass die Gesamtanforderungen hier nicht allzu hoch sind. Die Seillängen sind alle eher kurz, die Kletterei durchgehend im Komfortbereich und lange mit eigenen Sicherungsmitteln rumfummeln musste man auch nicht. Unser Kletterhunger war noch nicht gestillt, weshalb wir uns umgehend auf den Weg in die Tiefe machten, um noch eine zweite Route zu klettern. Vom Top ging's 50m auf die Bänder, mit ein paar Schritten zu Fuss zu Stand 4, dann 50m zu Stand 2 und nochmals 50m an den Einstieg, so waren wir innert Kürze nach 3 Manövern retour beim Depot. Dort ein Vesper, der Wechsel auf die Skischuhe, ein kurzer Aufstieg an der Üri Jam (6b+) vorbei übers steile Schneefeld zum Turm in Wandmitte. Hier befanden sich entgegen der Angabe im Topo zwei Routen, die linke davon konnten wir als die Angepeilte identifizieren und so starteten wir um 12.50 Uhr mit der Kletterei.

Xopoxo (6b+)

L1, 30m, 5c+: Schöne Kletterei im erneut orangenen Granit entlang von Rissen und einer Verschneidung (3 BH). Möglicherweise wartet die Hauptschwierigkeit in einer Plattenstelle im ersten Teil der Länge. Wir konnten das nur vermuten, starteten wir doch mit dem ersten BH auf Hüfthöhe im Schnee. Den Teil, den wir kletterten ist kaum schwerer wie 5b.

Prima Kletterei in orangenem Granit wartet auch in L1 von Xopoxo (5c+).
L2, 30m, 6b+: Gleich oberhalb vom Stand wartet eine knifflige Wandstelle (2 BH), die es kleingriffig zu überlisten gilt. Danach links zum Band, der folgende Aufschwung (1 BH) muss noch selber zusätzlich abgesichert werden, damit man nicht aufs Band kracht. Danach einfach ein paar Schuppen entlang zum Stand. Würden wir mit 6a+ oder 6b bewerten - in etwa gleich schwer wie die Stelle in L4 der Hanimoon.

Jonas folgt im einfacheren, oberen Teil von L2 (6b+). Hier anfangs gut legen, damit kein Sturz aufs Band droht.
L3, 30m, 6b+: Links ums Eck herum geht's weiter, nicht etwa der grossen, etwas dreckigen Verschneidung entlang, sondern dem fantastischen Handriss links davon. Kühn, eindrücklich und relativ anhaltend, dafür aber nie verzweifelt schwer geht's in die Höhe. Erst muss man selber absichern, die schwerste Stelle wird von einem (nicht zwingend nötigen, man könnte hier sehr gut legen) BH markiert. Eine super Länge, auch nicht ganz banal - 6a+ reicht aber wohl!?! In den USA würde das vermutlich sogar nur als 5.9 gehandelt?!?

Der geniale Riss in L3 (6b+), das ist definitiv die coolste Passage dieser Route!
L4, 30m, 6a: Zuerst etwas plattige Wandkletterei (2 BH), danach etwas einfacher und eher etwas links tendierend, zum finalen, etwas mühsam-würgigen Aufschwung mit der Crux. Vielleicht 5c+, mit dem Mühsam-Faktor vielleicht auch 6a.

Der etwas würgige Boulder kurz vor dem Routenende in L4 (6a).
Es war nun 13.55 Uhr, somit hatten uns diese 4 Seillängen auch nur eine gute Stunde beschäftigt, doch weiter ging's nicht. Mir schien es zwar, dass man mit einer 25m-Linksquerung über ein Band noch den nächsten Turm mit 2 vielversprechenden Seillängen Kletterei hätte erreichen können. Da aber nicht eingerichtet, machten wir uns auf den Weg in die Tiefe. Hierzu sind nur 2 Manöver nötig, dementsprechend schnell waren wir zurück am Einstieg. Vorsichtig galt es, das steile Schneefeld zurück zu unserem Depot abzusteigen. Hätte ich nicht den Kindern versprochen gehabt, zeitig nach Hause zu kommen und noch mit ihnen ins Freibad zu gehen, so hätte es tatsächlich auch noch für die 7 Seillängen der Üri Jam (6b+) gereicht, denn das Wetter war weiterhin gut.

Die Traverse von den Einstiegen retour zu den Kamelen...
Ready to drop in, und das im Juli!
So machten wir uns aber auf den Weg ins Tal. Am Einstieg der Don Bernardo konnten wir die Skis anschnallen. Rasch war der Sattel beim Chli Kamel erreicht und wir konnten durch dieses Couloir in die Tiefe rauschen. Sommerschnee herrschte vor, kompakt, weich und gut zu schwingen. Da war ich im tiefsten Winter definitiv schon viel schlechter Ski gefahren. An der Sidelenhütte vorbei hielten wir noch etwas weiter nach SW und zielten auf den ausgekundschafteten Schneestreifen. Dieser liess sich durchgehend bis auf eine Höhe von 2400m hinunter befahren. Von da waren es dann keine 10 Minuten zu Fuss retour an die Passstrasse, die Strategie mit den Skis hatte sich also tatsächlich voll ausbezahlt. Bereits um 15.00 Uhr rollten wir talwärts, tatsächlich blieb mir noch ausgiebig Zeit fürs Freibad. Es ist doch einfach toll, wenn man an ein und demselben Tag Skifahren, Klettern und Baden kann!

Das sind noch Aussichten! Das Couloir am Chli Kamel, ca. 40 Grad steil.

Facts

Gross Bielenhorn - Don Bernardo 6b+ (5c+ obl.) - 7 SL, 200m - Bricker/Keller 2013 - ***; xxxx
Material: 2x50m-Seile, 10 Express, Camalots 0.3-1

Gross Bielenhorn - Xopoxo 6b+ (5c+ obl.) - 4 SL, 120m - Anderegg/Bricker/Keller 2014 - ***; xxxx
Material: 2x50m-Seile, 10 Express, Camalots 0.3-2 plus 1 kleinerer.

Beides sind sehr schöne Routen in meist sauberem, orangenem Granit, sie weisen nur ganz zuoberst etwas Flechtenbewuchs auf. Gesteinsfarbe und Ambiente erinnern tatsächlich an die tollen Klettereien in Chamonix, nur ganz so steil ist's an der SE-Wand des Gross Bielenhorn nicht. Die von den Erstbegehern angegebenen Schwierigkeiten empfanden wir im Vergleich zu anderen Routen in dieser Region (und auch sonstwo in Granit und Kalk) als zu hoch. Auf dem Topo ähnlich bewertete Klettereien wie z.B. der Eisbrecher an der Grauen Wand, die Via Hammerbruch am Salbit oder selbst das moderne Pissoir du Diable an der Teufelstalwand erfordern schon etwas mehr Einsatz. Ich schreibe das nicht zur Profilierung meiner selbst und es tut der Schönheit der Kletterei auch keinen Abbruch. Trotzdem ist es sicher hilfreich, eine klare Vorstellung davon zu haben, was einen hier erwartet - in unserem Fall war es einfach deutlich weniger schwierig wie gedacht. Man kann also sagen, dass die Routen eher dem Genre 'Plaisir' zuzuordnen sind. Das trifft auch auf die Absicherung zu. Die beiden Routen sind zwar nicht komplett eingebohrt, alle schwierigen Kletterstellen sind aber mit BH gut abgesichert, ein paar Klemmgeräte an einfacheren Stellen dazwischen lassen sich gut platzieren. Im Vergleich zu den Erstbegehern habe ich deshalb auch die Empfehlungen für das Rack deutlich reduziert - wir haben schlussendlich einfach nicht mehr als das eingesetzt, und pro Seillänge auch jeweils nur 1-2 mobile Sicherungen platziert.

Topo

An dieser Stelle die Originaltopos der Erstbegeher zu Don Bernardo, Üri Jam und Xopoxo. Die Don Bernardo ist auch im Kletterführer Alpen, Band III beschrieben und womöglich als Einzelstück bei Topoguide zu erwerben.