- -
Posts mit dem Label Mythen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Mythen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 15. Juni 2025

Gross Mythen - Geissstock SE-Pfeiler (7a)

Es war wieder einmal ein typischer Spätfrühlingstag angekündigt. Im Flachland sonnig und warm, doch in den Bergen würden einen ganz bestimmt wieder Quellwolken und starke Thermik noch daran erinnern, dass der Sommer noch nicht da ist. Unter diesen Voraussetzungen entschieden wir uns für eine defensive Planung und wollten wieder einmal am Geissstock in der Südflanke vom Gross Mythen eine Aufwartung machen. Die letzten Male mit der SE-Wand (Bericht von 2010) und dem Mauerläufer (Bericht von 2016) liegen doch schon viele Jahre zurück. Diese Einleitung mag bis zu diesem Punkt uninspiriert wirken und die Tour als Ausweichziel charakterisieren. Das stimmt aber nicht mit den Empfindungen im Gelände überein. Geboten wird rassige, luftige Kletterei, bei welcher einem bestimmt nicht langweilig wird.

Bottom-Up-Shot der Südwand am Geissstock in der Südflanke mit der von uns gekletterten Linie. Zuerst haben wir drei Seillängen der Route Mauerläufer geklettert, um den grasig-brüchigen Originaleinstieg vom SE-Pfeiler zu vermeiden. Aus der Mitte seiner zweiten Seillänge sind wir dann über ihn zum Top geklettert.

Für die Anreise wurden (mehr oder weniger) neue Pfade beschritten. Um die Zeit auf dem Autositz zu begrenzen, entschieden wir uns, nach Brunni im Alpthal zu fahren. Per Seilbahn (oder auch zu Fuss) könnte man von dort die Holzegg erreichen. Zeiteffizienter geht's mit dem Bike in 20 Minuten auf der guten Fahrstrasse durch den Ijenwald, später dann via Müsliegg. Von der Holzegg muss südseitig abgestiegen werden bis zur Strassenkehre auf ca. 1215m im Hasliwald. Auf einem Forstweg geht man in den Wald hinein, an dessen Ende beginnen deutliche, mit roten Punkten markierte Pfadspuren, welche einen hinauf zum Einstieg führen. Die Schwierigkeit ist ca. T4, d.h. grundsätzlich kein schwieriges Gelände, Ausrutscher darf man sich in der Querung am Ende trotzdem nicht leisten.

Hier könnte man vor der Tour einen Kafi trinken. Oder danach Zanderknusperli essen.

Weil die ersten beiden, grasig-brüchigen Seillängen vom SE-Pfeiler in aller vorhandener Literatur (egal ob gedruckt oder digital) als unlohnend und heikel beschrieben werden (was mit dem visuellen Eindruck vom Wandfuss übereinstimmt), entschieden wir uns, lieber mit der Route Mauerläufer zu starten und erst später auf den SE-Pfeiler zu wechseln. Dies versehen mit dem Fragezeichen, wie gut und wo am besten dies möglich wäre... Lassen wir die Katze aus dem Sack: es geht nicht so einfach, wie man gerne möchte. Möglich ist es aber, für die Lösung lese man weiter im Bericht. Um ca. 9.45 Uhr starteten wir bei angenehmen Bedingungen und Sonnenschein mit der Kletterei.

Mauerläufer

L1, 40m, 6c: Gegenüber meiner damaligen Begehung im 2016 wurde die Route auf den ersten beiden Seillängen etwas verändert. Der frühere, 15m kurze Einstiegsabschnitt dient nun als Auftakt zur 3d-Turnerei durch die steile Verschneidung. Diese ist weder so richtig schwierig noch so richtig einfach. Gut planen, gut bewegen und gut auf die Füsse stehen muss das Motto sein. Erwähnt sei, dass die Länge etwas seilzugträchtig ist und zudem recht lange schattig, d.h. es kann kalte Griffel geben. Der Stand befindet sich neu am Ende der Verschneidung.

Tricky Kletterei durch die Verschneidung in L1 (6c) von Mauerläufer.

L2, 25m, 6b: Die Platte zu Beginn dieser Länge musste ursprünglich ohne Sichtkontakt zum Belay und mit zwei Haken weniger bewältigt werden. Damals fühlte es sich also gar nicht entspannt an. Nun, gut gesichert ist es eine vergnügliche Sache und es kam mir nicht sonderlich schwierig vor. Eigentlich hatten wir gehofft, vom Ende der Platte nach rechts in den SE-Pfeiler queren zu können. Dies materialisierte sich nicht. Deshalb weiter nach links hoch zum Stand auf dem Grasband, die zwei Sanduhren sind inzwischen um einen Ring-BH verstärkt worden.

L3, 30m, 6c+: Auch vom Stand war ein Wechsel in den SE-Pfeiler nicht zu bewerkstelligen. So blieb als einzige Option das Klettern einer weiteren Länge, so dass wir abseilend die Route wechseln konnten. Das ist aber natürlich kein Schaden, denn diese Sequenz bietet schon eine coole, piazige Wandstelle mit der Crux. Damals war das sehr ungünstig abgesichert, aber seither ist in der Cruxzone ein zusätzlicher BH "gewachsen". So kletterte sich die Stelle viel angenehmer und fühlte sich gar nicht mehr so schwierig an. Etwas einfacher geht's dann griffig an den Stand.

Hier spriessen auch Grasbüschel, es stört die Kletterei in der Mauerläufer-L3 (6c+) aber kaum.

Um auf den SE-Pfeiler zu wechseln, mussten wir nun einen Abseiler ziehen. Dieser führte uns in die Mitte von dessen L2, wo wir einen soliden Stand an einer Sanduhr, einem NH mit zwei sehr guten Cams einrichten konnten.

SE-Pfeiler

L2/L3, 40m, 6b+ (offiziell 6a+): Ab unserem Startpunkt kletterten wir zuerst also im grasig-schrofigen Gelände von L2 hoch, gegen den Stand hin wird es dann felsiger und man muss richtig klettern. Die Absicherung eher spärlich, geht aber schon. Vom Stand nach L2 zweigt dann links eine neue Route/Projekt (dem Vernehmen nach von Spiri) ab. Wir konnten indessen die relativ kurze dritte Länge gleich anhängen. Erst noch moderat über die Rampe nach rechts hinaus, dann vorerst über noch griffige Risse steil weiter. Der Ausstieg aus diesen an einigen Slopern und schrägen Kanten ist dann heftig athletisch und fordernd, die 6a+ auf dem Topo weit daneben. Ich plädiere für mindestens 6b+ und bin eigentlich der Meinung, dass L3 von Mauerläufer wohl etwa ähnlich schwierig ist.

Kräftige Moves am Ende von L3 im SE-Pfeiler, welche definitiv nicht nur eine 6a+ ist.

L4, 15m, 7a: Kurz, dafür umso steiler. Los geht's mit einer stark überhängenden, flared Verschneidung. Dieser ist mit ein paar harten Piazmoves an soso Seitgriffen und schlechten Tritten zu entkommen. Nach einigem Vor-und-Zurück kann ich mich auf eine Beta festlegen. Funktionieren tut sie mehr schlecht als recht, unter Einsatz aller verfügbaren Kräfte kann ich mich jedoch oberhalb dieser Passage etablieren. Den Pump werde ich nicht mehr los, immerhin sinkt der Puls wieder etwas und ich kann mich nach vorne orientieren. Ganz so schwierig geht's nicht weiter, die überhängende Kletterei an Leisten und grossen Slopern ist aber anstrengend und es folgt kein richtiger Ruhepunkt. Mit dem Laktatlevel am Anschlag und deswegen aufkeimender Übelkeit komme ich arschknapp durch. Meistens muss ich in einer 7a nicht dermassen alle Register ziehen, sprich ich plädiere für mindestens 7a hard. Wobei: man hätte es sicher besser anstellen können, wie ich es gemacht habe...

Zu gepumpt gewesen, um nach L4 noch das Handy zu zücken und ein Foto zu schiessen 🥴🤪. Daher muss hier dieses Übersichtsbild herhalten. Der SE-Pfeiler verläuft mehr oder weniger im Bereich der markanten Kante in Bildmitte (eher leicht auf der linken Seite). Aber man sieht: das Terrain ist da schon richtig steil!

L5, 15m, 6c: Grosso modo steile Risskletterei, jedoch mit etwas Wandanteil. Als eigentlich einzige der Seillängen fand ich diese hier mehr oder weniger korrekt bewertet. Sprich, mit ein paar gekonnt gesetzten Jams geht der erste Teil relativ kommod über die Bühne. Die Hauptschwierigkeit kommt zum Ende, wo sich der Riss zum Off-Width erweitert. Ob man sich darin geschickt festklemmen könnte, vermag ich nicht zu sagen, aber man findet auch einige Leisten, damit man nicht darauf angewiesen ist. Entgegen dem Topo im SAC-Tourenportal würde ich auf jeden Fall empfehlen, am Ende dieser Passage an den zwei modernen BH Stand zu beziehen. Klettert man weiter (sprich die angegebenen 30m aus), so ist man auf zwei altertümliche Ring-BH angewiesen.

L6, 30m, 6a: Es wird ganz klar einfacher, wobei man sich für die propagierte 6a auch hier durchaus noch anstrengen muss. Schon rechts aus dem Stand raus ist es trotz guten Griffen steil. Später passiert man dann eben den altertümlichen Stand mit den beiden Ringhaken, um auf eine erneut fordernde Passage auf einer Art Rampe neben einer kleinen Verschneidung zu treffen. Der Stand befindet sich etwas links aussen. Weil ein alter Schlaghaken auf eine Möglichkeit direkt hoch hindeutet, habe ich ihn beinahe übersehen.

Der Exit über die Rampe am Ende von L6 (6a, oder auch ein bisschen mehr).

L7, 30m, 5c+: Coole Seillänge mit steiler, griffiger Kletterei in rauem Fels, welche leicht nach rechts oben zu Stand an der Pfeilerkante führt. Dabei kreuzt man unterwegs eine neue (oder neu sanierte?) Route mit rostfreien Petzl-Bohrhaken, welcher man schon zu Beginn in L4 einmal nahe gekommen ist. Und auf der linken Seite ist auch das Spiri-Projekt nicht weit weg - schade, dass man über diese Routen nichts weiss. Ich finde, wer in etablierten Sektoren Routen erschliesst, sollte auch ein Topo veröffentlichen. Erst recht, wenn diese neuen Routen nahe der anderen verlaufen, gemeinsame Standplätze haben oder sie sogar kreuzen.

Für den Grad sehr steile und luftige Kletterei wartet in L7 (5c+).

L8, 50m, 5b: Dieser Abschnitt ist eher von der Sorte "zum Abgewöhnen". Erst rechtsrum in mässig solidem Blockgelände, dann aufwärts in botanischem Terrain, bevor es wieder steiler und felsiger wird. Da dann doch noch recht vergnügliche Kletterei, dies jedoch bei eher mangelhaft-weiter Absicherung. Zum Schluss steigt man etwas heikel in den steilen Wald aus (Standmöglichkeit), besser ist es wohl gleich weiterzugehen, bis man einen halbwegs flachen Platz erreicht und an einem Baum sichern kann.

Die Uhr war inzwischen in die Gegen von 15.45 Uhr vorgerückt, damit hatten wir doch fast 6:00 Stunden für die total 9 Seillängen Kletterei plus ein Abseilmanöver gebraucht. Scheint mir ziemlich lange, wo die ganze Zeit geblieben ist, kann ich mir im Nachhinein auch nicht erschliessen. Jedenfalls war die Begehung glatt gegangen und ich hatte die Route onsight geklettert. Für alle jene, die von Süden anreisen, ist das Abseilen über den Mauerläufer sicher die effizienteste Variante, um zurück ins Tal zu kommen. Dessen Ausstiegsstand ist gut auffindbar. Wir indessen stiegen weiter auf zum Gipfel vom Geissstock und wählten dann die blau markierte Wegspur, welche rechts vom Wyss Nollen hinaufführt und auf rund 1700m nach rechts zum Mythenweg quert. Über diesen ging's retour zur Holzegg, direkt am Weg passiert man dabei einen (auch nicht publizierten, aber immerhin vor Ort angeschriebenen) Klettergarten mit ca. 8 Routen im Bereich 6b-7b. Das ist dann einmal etwas für einen nebligen Herbsttag. Für uns hiess es, nach Hause zu gehen. Mit einer rasanten Bike-Abfahrt waren wir zügig zurück in Brunni, von wo es nur eine kurze Fahrt zurück ins Züri Oberland war.

Facts

Gross Mythen - Geissstock - SE-Pfeiler 7a (6a obl.) - 8 SL, 200m - Anderrüti/Grüter 1960 - ***;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, evtl. Cams 0.3-1

Luftige Route aus der Schlaghaken- und Leiterlizeit, welche mit der BH-Sanierung von 1991 in ein lohnendes Freikletterziel verwandelt wurde. Nach einem grasig-brüchigen Einstieg, welcher nur etwas umständlich lohnender über die benachbarte Route Mauerläufer umgangen werden kann, folgen steile Seillängen mit toller, kräftig-athletischer Kletterei an Rissen, Slopern und Henkeln. Zu erwähnen ist die nach heutigen Massstäben doch eher strenge Bewertung. Mauerläufer ist viel höher eingestuft, so viel einfacher ist der SE-Pfeiler komplett freigeklettert dann auch wieder nicht. In den schwierigen Seillängen ist die Absicherung mit rostfreien BH eng gehalten. Zusätzlich gibt es auch noch NH-Relikte aus vergangenen Zeiten, so dass das Hochkommen dort kein Problem darstellen sollte. Die einfacheren Seillängen sind hingegen eher knapp abgesichert. Dazulegen ist aufgrund der Felsstruktur nur selten und kaum zuverlässig möglich. Dazu braucht es ein gewisses Verständnis und Sicherheit im Beklettern von alpinem Gelände, wo nicht jeder Griff und Tritt fest sitzt. Das aktuellste Topo bzw. die genausten Infos zur Route findet man im SAC-Tourenportal (kostenpflichtig für Nichtmitglieder). 

Dienstag, 12. Mai 2020

Klein Mythen - Dure à Cuire (Erstbegehung, 7 SL, 7b)

Die Sockelwand der Türme Peter & Paul in der SW-Flanke des Klein Mythen ist ein MSL-Gebiet mit wunderbarer Aussicht, sonniger Lage und langer Saison. Nachdem ich die benachbarten Routen Paul SW-Kante und Dreamliner (Blog folgt...) hatte klettern können, reizte mich der kompakte Panzer im zentralen Wandteil mit seinem Abschlussdach für den Versuch einer Neutour. In den Jahren 2018/2019 konnte ich diese herausfordernde Linie einbohren. Nachdem mir im Mai 2020 nun eine durchgehende RP-Begehung glückte, ist es Zeit für Bericht & Topo. Herausgekommen ist eine tolle MSL-Sportkletterei mit viel Abwechslung - von plattigen Abschnitten über monumentale, senkrechte Wandkletterei bis hin zu überhängend-kraftraubenden Passagen. Wer ist schneller durchgekocht: du oder die Route?

Monumentale, anhaltend senkrechte Wandkletterei in der Monster-Pitch (L3, 7a+).
Als Ausgangspunkt dient am besten Rätigs (P.955), wohin man automobil gelangt und ein paar wenige Parkplätze vorhanden sind. Man erreicht diesen Punkt ab Schwyz via Dorfbach- und Loostrasse nach Obdorf, die anderen Flurstrassen, die dort Richtung Berg führen sind mit einem Fahrverbot belegt. Vom Parkplatz sind es noch 350hm und eine gute halbe Stunde zum Einstieg. Man geht zuerst zur Lichtung von Güntrigs (P.1121) und folgt ab dort dem Wanderweg Richtung Haggenegg bis dieser zu einer Forststrasse wird. Eine mit roten Punkten markiertere Wegspur führt nun rechterhand über weitere 140hm durch den Tannenwald hinauf und zuletzt horizontal über die Geröllhalde zum tiefsten Punkt der Wand. Von dort geht man noch ca. 15m nach rechts hinauf zum angeschriebenen Einstieg.

Die Route befindet sich in fantastischer Lage. Ab Mittag scheint die Sonne und bleibt dann, bis sie untergeht.
L1, 35m, 6b+: Zuerst geht's einfach über eine Art Vorbau hinauf und dann hinein in die steile Wand. Hier muss man subito parat sein, denn es folgt gleich eine schwierige und gar nicht so einfach zu entziffernde Stelle. Dranbleiben lautet danach das Motto, bevor ein No-Hander eine Verschnaufpause vor dem zweiten Teil erlaubt. Auch dort nochmals knifflige Wandkletterei mit richtig zu interpretierender Linie. Rein von der Felsqualität und der Kletterei her handelt es sich sicherlich um die am wenigsten überzeugende Seillänge - sie hält aber durchaus ein paar coole Moves bereit. Für diejenigen, welche den Dreamliner kennen: vergleichbares Programm wie dort zu Beginn.

L1 (6b+) ist sicherlich noch nicht die perfekte Seillänge, bietet aber auch schon schöne und interessante Moves!
L2, 25m, 6b: Hier ändert sich der Charakter im Vergleich zur ersten Seillänge markant. Man ist nämlich der Steilzone entkommen und bewegt sich nun in plattigem Gelände. Der Auftakt ist noch einigermassen moderat schwierig, nachher warten dann ein paar echt funky Moves an und zu unerwartet auftauchenden, wirklich originellen Griffen. 

Lässige, kompakte Plattenkletterei in L2 (6b). Oben geht's in L3 (7a+) in +/- direkter Linie vom Seilverlauf mit einer Monster-Seillänge durch die steile Wand hinauf. In der folgenden L4 (7a) wird das grosse Abschlussdach dann direkt in der Verlängerung des Seil mittig überwunden.
L3, 30m, 7a+: Ein wahres Monster von einer Seillänge, unglaublich gut! Es wartet anhaltende, permanent senkrechte, technische Wandkletterei. Sowohl im Voraus- wie auch im Rückblick könnte man Zweifel erhalten, ob sich dieser Abschnitt denn auch wirklich klettern lässt. Der Fels ist sehr geschlossen, hat eher glatte Oberfläche und auch nur knapp Struktur. Bei näherem Hinsehen gibt's aber doch immer wieder ein paar überraschende Crimps und Sloper oder es geht auf Gegendruck voran, einfach genial. Wenig erstaunlicherweise kommen hier der Fussarbeit und auch der mentalen Komponente eine wichtige Bedeutung zu. Die Länge ist zwar tiptop abgesichert, doch ums Steigen zwischen den Haken kommt man mancherorts nicht herum. Ein paar animierte Eindrücke vom Ende dieser Länge gibt es unten, für einen nicht-bewegten Shot konsultiere man das Titelbild.



L4, 20m, 7a: Hier beschreibt die Route kurz einen Linksbogen, womit sie dem besten, strukturierten Fels folgt. Nach ein paar schönen Leisten folgt bald ein Bauch mit kniffligem Sloper-Ausstieg. Etwas einfacher erreicht man den Ansatz des grossen Dachs. Erst ein paar Moves verschneidungsähnlich, dann an Henkeln athletisch-überhängend den Pfeiler hinauf. Die Klimax dieser Länge folgt unzweifelhaft am Ende bei der Überwindung des abschliessenden Dachs und dem Mantle auf das abschüssig strukturierte Stück Fels darob. Eine total geniale Sequenz in äusserst luftiger Position, wo man mit einem Sturz befürchten könnte, in den Orbit katapultiert zu werden (gut abgesichert, top Sturzgelände, aber halt einfach sehr luftig und etwas mental!).

Luftige Kletterei, die mehrere Meter überhängend ist, wartet in L4 (7a). Man studiere den Schatten des hängenden Seils.
L5, 45m, 6b+: In fotogener Position klettert man die steile Wand hinauf in Richtung der luftigen Kante, ein Riss und ein paar durchaus als Henkel zu bezeichnende Griffe helfen dabei. Danach verläuft die Route in der Wand unmittelbar links der Kante. Das Gelände legt sich etwas zurück und ist unscheinbar, doch es warten durchaus noch ein paar knifflige Kletterstellen an Seitgriffen und mit den Füssen auf Reibung. Schliesslich wird man in einfaches Gelände entlassen, hier mündet von links die Paul SW-Kante und von rechts der Dreamliner ein. Über ein paar Aufschwünge zum BH-Stand, alternativ (bequemer) noch wenige Meter weiter zum Naturstand an einer Wurzel. Wenn man am Ende die zahlreichen BH der Paul SW-Kante im einfachen Gelände klippen möchte, so sind total 12 Express erforderlich, wobei die letzten 4 Stück an den gratartigen Aufschwüngen verlängert werden sollten.

Die letzten Meter an der Kante in L5 (6b+), es folgen noch ein paar gratartige Aufschwünge zum Stand. 
L6, 25m, Gehgelände: Am Wandbuch vorbei geht's zum Fuss des ersten Felsturm, dem Paul. Diesen unschwierig links (nördlich) passieren zum Einstieg der Abschlusslänge, welche sich direkt an der NW-Kante vom hinteren Felsturm, dem Peter abspielt.

L7, 30m, 7b: Ja, und diese Abschlusslänge hat es in sich! Von unten ist die Sache schwierig einzuschätzen - doch es ist auf jeden Fall deutlich steiler, wie es den ersten Anschein macht (mehrere Meter überhängend!). Beim Klettern könnte man auch erst den Eindruck haben, dass alles abschüssig geschichtet ist. Doch es hat durchaus ein paar positive Griffe, man muss sie bloss erkennen. Mit athletisch-weiten Moves an diesen Strukturen erreicht man eine Art Terrasse auf halber Höhe, welche zu einer Verschnaufpause genutzt werden kann. Der nun folgende Abschnitt direkt an der Kante ist taff, knifflig und athletisch zugleich. Man muss einfach zusehen, dass der Saft bis an die etwas besseren Griffe reicht, die dann schon irgendeinmal folgen. Nun heisst's, sich an diesen bloss nicht mehr abschütteln zu lassen, bevor die letzten 3-4m grasig-einfach direkt zum Gipfel führen. Hier kann man am Stand gut nachsichern oder (mit 60m-Seil!) auch gleich ablassen und den Nachsteiger vom Boden im Toprope sichern.

Happy First Ascentionist on Top!
Für alle diejenigen, welche durch dieses Programm noch nicht weichgekocht wurden, empfiehlt sich als Zugabe natürlich noch die SW-Kante am vorderen Felsturm, dem Paul. Mit genügend Exen (ca. 15 Stück, einige der zahlreichen Bolts im einfacheren 6a-Gelände kann man auch auslassen und der Zwischenstand kann übersprungen werden) gelangt man hier in 1 SL (ca. 30m, 7a+) bis zum Gipfel. Umlenken ist da jedoch nicht möglich, d.h. man muss vom Top nachsichern und seilt danach nordseitig ab, was einen jedoch direkt zum Einstieg von L7 der Dure à Cuire am Fusse vom Peter bringt. Somit wäre es nicht ganz unlogisch, dieses Gustostücklein in der Form von einem Extragaren sogar vor L7 noch zu klettern. Allerdings braucht diese erwähnte L7 dann schon noch ein wenig Saft in den Armen, man schätze sich also realistisch ein!

Hier kann man noch eine Runde Extragaren, das ist der vordere Felsturm, der Paul mit seiner 7a+ an der rechten Kante.
Für den Abstieg erreicht man wie oben beschrieben wieder den Fuss der Türme. Von hier kann man nordwärts zu Fuss absteigen. Das Gelände ist erst steil und etwas steinschlägig, jedoch ohne allzu grosse Schwierigekeiten begehbar (ca. T5), Schuhe sind aber zwingend erforderlich. Man gelangt so auf die Geröllhalde und nach insgesamt 15-20 Minuten wieder zum Einstieg. Alternativ die wenigen Meter seilfrei zurück zum BH-Stand nach L5 absteigen, von wo man in 3 Abseilmanövern zügig wieder zum Einstieg kommt. Am bequemsten ist es, zuerst 35m zu einem Dreamliner-Stand abzuseilen (vor Ort markiert). Mit dem zweiten Abseiler erreicht man den Stand nach L2, von wo es mit 2x50m gerade knapp zurück auf Terra Firma reicht (Vorsicht, allenfalls Zwischenstand benützen!). Man kann alternativ auch zum Stand nach L4 der Dure à Cuire zurückseilen - das lohnt sich wegen dem folgenden, sehr luftigen Abseiler, ist aber insgesamt umständlicher. 

Golden Hour am Fuss der Türme Peter & Paul. Ein wunderschöner Platz hier oben!

Facts

Klein Mythen - Dure à Cuire 7b (6c obl.) - 7 SL, 210m - M. Dettling et al. 2018/2019
Material: Mindestens 1x60m oder 2x50m-Seile,  12-14 Express, keine mobilen Sicherungen nötig

MSL-Sportklettertour mit viel Abwechslung von Platten über senkrechte Wandkletterei bis hin zu athletischen Passagen. Jede Seillänge hat ihren eigenen Charakter und birgt manche tolle Kletterstelle. Die Route ist durchgehend mit rostfreien BH und Kettenständen abgesichert, womit ausser Exen kaum zusätzliches Material nötig ist. Mobile Sicherungen kann man in diesem kompakten Fels sowieso kaum anbringen. Die Absicherung ist solide und ohne waghalsige Runouts (Niveau xxxx), trotzdem muss aufgrund der teilweise anhaltenden Schwierigkeiten zwingend auch über dem Haken geklettert werden. Mir persönlich gefällt die Route super, ich werde sie bestimmt immer wieder einmal als MSL-Trainingstour begehen. Aufgrund der zentralen Lage und dem kurzen Zustieg bietet sie sich ideal als "Feierabend"-Ziel an. Ab Mittag bis Ultimo gibt's Sonne satt, die Sonnenuntergänge mit Blick auf den Talkessel von Schwyz, die Rigi und die Innerschweizer Seen sind erst recht genial. An heissen Tagen oder solchen mit unsicherem Wetter befindet man sich bis mittags am kühlenden Schatten und kann somit so möglicherweise noch eine Tour reissen, bevor das Gewitter kommt oder die Hitze erbarmungslos zuschlägt.

Topo

Hier gibt's das Topo mit allen nötigen Informationen als PDF zum Download. Wie immer, die Bewertungen sind nicht mit Präzision gemessen sondern eine subjektive Einschätzung der Schwierigkeiten, die auf meinem breiten Erfahrungsschatz von Sport- und MSL-Klettereien beruht. Falls du diese Einschätzung bestätigen oder korrigieren möchtest, so ist dein Feedback herzlich willkommen.

Das Topo zur Route, hier als Bilddatei. Für volle Auflösung besser das PDF verwenden!

Montag, 12. Juni 2017

Klein Mythen - Paul SW-Kante (7b oder 6a A0)

Die Routen an der Sockelwand der Türme Peter und Paul in der Westflanke des Klein Mythen haben nie Popularität erlangt. Das liegt wohl daran, dass sie nie Aufnahme in die Plaisir-Führer gefunden haben. Komplett zu Unrecht eigentlich, denn sie bieten fast alles, was das Kletterherz begehrt. Eine kurze Anfahrt aus dem Raum Zürich-Zug-Luzern, nur gut 30 Minuten Zustieg, eine sonnige, aussichtsreiche Lage, soliden Fels und auch gute Absicherung. Wie auch immer: der Tag war gekommen, an welchem ich hier angreifen wollte. Gefragt war eine Nachmittagskletterei, welche sowohl den Genusskletterer im 5c/6a-Bereich sowie auch den Sportkletterer wie mich zufriedenstellt. Das war bei der Westkante am Paul gegeben: die meisten Seillängen halten sich tapfer im Plaisirbereich und wo dieser überschritten wird, helfen die nahe steckenden Haken A0 über die Schwierigkeiten hinweg. Von der Passage am Gipfelturm war bis dato sogar noch keine freie Begehung bekannt und es wurde von Schwierigkeiten im 7c-Bereich gemunkelt. Grund genug, dies und mich selbst auf die Probe zu stellen.

Klein und Gross Mythen mit ihren Westflanken von Schwyz Obdorf. Die Sockelwand am Klein Mythen gut sichtbar.
Ein Blick aus der Waldlichtung von Günterigs auf die Türme Peter & Paul. Für mich sieht's eher nach Playboy-Bunny aus ;-)
Unsere Tour begann um 14.45 Uhr beim Parkplatz bei Günterigs Grübli (P.955). Die Anfahrt dorthin ist nicht ganz trivial, weil viele der kleinen Flurwege im Bereich Ried/Obdorf mit einem Fahrverbot belegt sind, andere aber nicht. Der beste Weg führt wohl durchs Dorfbach-Quartier nach Loo, zu P.755 und via Dietental P.847 zum Ausgangspunkt. Von da sind es noch rund 350hm und eine gute halbe Stunde zum Einstieg. Von Günterigs folgt man in etwas auf und ab dem Pfad zur Haggenegg für einige Minuten, bis man kurz vor dem Erreichen der Forststrasse den Stein mit der roten Aufschrift "Klettern" sieht, von wo ein Pfad mit verblassend roter Markierung bequem zum Einstieg führt. Man hüte sich vor Verhauern in die umliegenden Geröllhalden und ins Unterholz, so liesse sich bestimmt viel Zeit verbraten. Noch einige Minuten vor 15.30 Uhr waren wir am Fuss der doch ziemlich eindrücklichen (ja, ich war schon lange nur noch Sportklettern... ;-)) und attraktiven Sockelwand bereit. Die beiden Routen sind vorbildlich beschriftet und dank der guten Absicherung gibt's auch in Sachen Routenwahl keine Probleme. Also los:

Impressionen aus dem Zustieg, hier der Stall von Günterigs, hinten die sogenannte Glättiwand.
Hier ein Blick auf die Sockelwand. Nachdem wir über die Route abgeseilt waren, stieg noch ein zweites Team ein.
L1, 35m, 6a: der Start noch etwas durchzogen in nicht ganz so kompaktem Fels, die zweite Hälfte bietet dann schöne Kletterei mit einer kurz etwas kniffligen Querung von rechts nach links.

Die Schlüsselstelle von L1 (6a) mit einer kniffligen Querung in kompaktem Fels.
L2, 35m, 5c: entlang von einem Riss geht's erst etwas nach rechts, wo man nach wenigen Metern auf einen Stand der Nachbarroute trifft. Nun wieder diagonal nach links oben klettern (blasser blauer Pfeil). Es folgt eine einfachere, plattige Zone. Am Schluss noch eine schöne Steilpassage.

Die hübsche Steilpassage am Ende von L2 (5c).
L3, 25m, 6c oder A0: einfache Querung nach rechts, dann fein an einer schwach ausgeprägten Plattenkante aufwärts, dies ist die 6c-Stelle. Man quert dann 2-3m nach rechts in einen seichten Winkel, wo man anhaltend und steil im 6b-Bereich hinaufklettert. Die Bolts auf dieser Seillänge stecken sehr dicht und sind teils noch mit Seilstücken verbunden, so dass man falls nötig problemlos A0 durchkommt.

In dieser kompakten Wandzone verläuft L3 (6c). Dank der  zahlreichen Bohrhaken kommt man auch gut A0 durch.
Nachstieg im oberen Teil von L3 (6c), welcher mit etwa 6b zu bewerten ist.
L4, 25m, 5c+: ein paar steilere Züge nach dem Stand, dann quert man etwas nach rechts und klettert zwischen den Legföhren hindurch zum nächsten, auf einem luftigen Podest gelegenen Stand.

L5, 25m, 5c: im ersten Teil der Seillänge wartet ein schöner Aufschwung in kompaktem Fels. Der zweite Teil dann einfacher, nicht mehr ganz kompakt und teils mit Legföhren durchsetzt.

Ausblick auf L5 (5b). 
L6, 45m, 5b: Querung nach rechts hinaus an die luftige Kante, wobei hier schöne Kletterzüge warten. Der zweite Teil der Seillänge wird dann beständig einfacher und geht in Gehgelände über, welches einen am Wandbuch vorbei zum Fuss des Gipfelturms bringt.

In dieser Zone verläuft der erste Teil von L6 (5b).
L7, 20m, 7ab: Nun folgt also das Pièce de Resistance an der steilen SW-Kante des Gipfelturms. Wer es gemütlicher haben will, kann nach den ersten Metern links abzweigen und so via die Normalroute im fünften Franzosengrad auf den Paul steigen. Mein Ziel war aber die freie Begehung dieser Techno-Hakenleiter, also auf ins Vergnüngen. Vorerst geht's noch ziemlich griffig dahin, mit ein paar Zügen im 6b-Bereich erreicht man einen letzten Absatz auf der Kante, von welchem man die nun folgende Crux studieren kann. Im folgenden Abschnitt stecken die Haken leider deutlich links der Kante. So waren sie beim Technoklettern leichter anzubringen und zu nutzen... die Freikletterei folgt jedoch der stumpfen Kante, an welcher man sich in die Höhe patscht und hookt. Das Problem ist nur: greift man die Kante mit der linken Hand (d.h. rechte Körperseite am Fels), so lassen sich die Bolts nicht mehr einhängen. Sofort wurde mir klar, dass ich hier 2 Haken nicht klippen kann und den dritten auch nur, wenn ein vernünftiger Griff dies erlaubt. Das schien mir zu viel Risiko (der Boden ist nicht allzu weit weg, sowieso gäbe es einen heiklen Pendelsturz). Also ging ich nicht aufs Ganze und checkte die Sequenz mit Griff zum Haken erst einmal aus. Irgendwie schade, rein von den Moves her hätte ich das ziemlich sicher auch Onsight gepackt. Nun denn, bald war eine Strategie festgelegt und der Durchstieg im Second Go gelang ohne grössere Schwierigkeiten. Die Schwierigkeit liegt meines Erachtens nicht bei 7c, sondern im Bereich von 7a bis maximal 7b. Somit bin ich nun natürlich auch nicht so sicher, ob das wirklich noch nie zuvor freigeklettert wurde. Rein von der Schwierigkeit her müsste das ja für viele Kletterer machbar sein - die Frage ist viel mehr, ob schon jemand einmal auf die Idee gekommen ist, es zu versuchen. Das bis zur Erstbegehung zurückreichende Wandbuch gibt jedenfalls keine Hinweise darauf, dass dies jemand bereits getan hätte.

Der steile Gipfelturm. Die Route verläuft im gelben Bereich, bzw. rechts an der Kante, ca. 7ab.
L8, 10m, 6a+: Den eher etwas unbequemen Stand an der Kante kann man auch auslassen und gleich bis zum Gipfel weiterklettern. Zumindest sofern man genügend Exen dabei hat, oder die hier auch im einfacheren Gelände sehr dicht steckenden Haken auszulassen vermag. Die Kletterei ist hier griffig und luftig, coole Sache.

Am Top angekommen, Blick auf L8 (6a+).
Um 18.30 Uhr hatten wir das Top nach rund 3 Stunden Kletterei erreicht und die Freikletter-Mission erfüllt. Rein vom Wetter her gab's keinen Grund zur Eile, ein fantastischer Frühlingsabend mit milden Temperaturen und blaustem Himmel war uns vergönnt. Andererseits war aber auch klar, dass es mit etwas Vorwärtsmachen noch reichen würde, um die Kinder ins Bett zu bringen. Somit sind wir ziemlich umgehend in 1x 30m über die N-Seite des Gipfelturms abgeseilt. Danach rafft man die Seile zusammen, und steigt ein Stück weit dem Grat entlang den letzten, einfachen Teil von L6 zurück, bis zu einem günstig gelegenen Abseilbolt. Von dort erreicht man in 3 Abseilern (45m, 45m, 50m) erstaunlich rasch und bequem wieder den Einstieg, selbst die zahlreichen Legföhren stören dabei kaum. Für den letzten Abseiler gibt's dazu einen ideal gelegenen Stand ausserhalb der Route - wobei wer will auch die gut ausgestatteten Kettenstände der Route selber nutzen könnte. Nach dem kurzen Fussabstieg gab's schon den Handshake, und nach nur 45 Minuten Fahrt war ich tatsächlich bereits daheim. Das war jetzt eine echt coole Nachmittagsaktion, ein genussreicher und doch auch sportlich attraktiver Einstieg in die MSL-Saison 2017.

Die Route bzw. die ganze Gegend brilliert mit hervorragenden Ausblicken auf den Talkessel von Schwyz und die Rigi.

Facts

Klein Mythen - Paul SW-Kante 7b (oder 6a A0) - 8 SL, 220m - Arnold/Schuler 2006 - ***;xxxxx
Material: 2x50m-Seile, 14 Express, Keile/Friends nicht nötig.

Plaisirroute in sehr sonniger Umgebung, welche schnell abtrocknet und dank der tiefen, sehr sonnigen Lage sowohl früh wie spät im Jahr gut machbar ist. Der Fels ist solide und von guter Qualität. Wie oft an den Mythen ist er an den kompakten Stellen strukturarm und etwas glatt. Dort, mehr Struktur vorhanden ist, ist dann dafür die Botanik meist auch nicht allzu weit weg. Trotzdem, auf jeden Fall lässt es sich hier genussvoll klettern. Der grösste Teil der Route spielt sich im fünften Franzosengrad ab. Die dritte Seillänge checkt bei 6c ein, allerdings kann man hier problemlos mit Hilfe der sehr eng steckenden Haken in die Höhe gelangen. Der Gipfelturm selber kann auch über den einfacheren Normalweg (~5b) geklettert werden, die schwere Freikletterlänge direkt an der Kante ist somit fakultativ oder auch A0 zu bewältigen. Übers Ganze gesehen gibt die Route also eher ein Ziel für Kletterer mit Niveau 5c/6a als für den Extremkletterer her - doch auch dieser findet noch ein, zwei Gustostücklein. Die Absicherung ist über weite Strecken auch im einfachen Gelände fast übertrieben gut. Am forderndsten fand ich noch die ersten beiden Seillängen, man lasse sich dort also nicht entmutigen.

Impressionen aus dem Wandbuch.

Topo

Vielleicht liegt's ja einfach daran, dass es bisher kein gutes Topo zu dieser Route gab. Über lange Zeit konnte man in keinerlei Führerliteratur über deren Existenz lesen. Inzwischen ist im SAC-Kletterführer Zentralschweiz Nordost (bei Bächli Bergsport erhältlich) ein Fototopo enthalten. Es gibt den Routenverlauf nicht wirklich perfekt wieder, was aber auch nicht so schlimm ist - den vielen Bolts sei Dank kann man sich kaum verirren, wenn man einmal unterwegs ist. Wie auch immer, hier meine Version von einem schematischen Topo.

Topo der Paul SW-Kante.

Samstag, 2. Januar 2016

Gross Mythen - Geissstock - Mauerläufer (7b)

Die Kunst beim Bersteigen ist es, die richtige Tour im richtigen Moment zu klettern. Einfacher gesagt als getan, doch mit dem Mauerläufer ist uns das voll und ganz gelungen. Dass man zum Jahresende bei strahlendem Sonnenschein und perfekten Temperaturen eine solch lange und anspruchsvolle MSL-Tour realisieren kann, ist doch eher aussergewöhnlich. Beim Mauerläufer handelt es sich um eine alpine Sportklettertour in der steilen, 250m hohen Südwand des Geissstocks, einem markanten Felspfeiler in der Südflanke des Gross Mythen. Schon lange hatte sich die Route auf meiner Wunschliste befunden. Nun muss ich ganz klar sagen: gut, habe ich auf diesen Moment gewartet!

Der Geissstock in der S-Flanke des Gross Mythen mit eingezeichnetem Routenverlauf.
Für den Zustieg gibt es gleich mehrere Varianten, alle führen zuletzt jedoch zu P.1201 beim Stall im Hasliwald. Man kann diesen Ort absteigend von den Bergbahnen auf die Holzegg und Rotenflue erreichen, oder aufsteigend von den mit dem Automobil erreichbaren Mythenbad P.885 und Bürisberg P.945. Wie schon das letzte Mal, als wir die klassische SE-Wand am Geissstock geklettert sind, wählen wir den Zugang von der Ibergeregg-Strasse her. Ab dem Stall geht's in den Wald hinein und alsbald die steilen Hänge hinauf. Die Ideallinie befindet sich weiter rechts als man erst glauben mag, aktuell markiert durch eine blaue Sigg-Flasche, welche einem Tannenbusch übergestülpt ist. Wenn man sie findet, so sind gegen den Geissstock hinauf durchgehend schwache Pfadspuren vorhanden. Ansonsten muss man sich in wenig gestuftem Gelände mühsam hocharbeiten. Das Gelände ist steil, und vor allem in der exponierten Querung gegen den Geissstock hin verträgt es definitiv keinen Ausrutscher mehr, das Terrain bricht unterhalb in Felswänden ab. Die Schwierigkeit ist auf ca. T5 zu beziffern, entsprechendes Schuhwerk und bei schlechten Verhältnissen sogar ein Pickel sind anzuraten. Vorsicht ist insbesondere bei Schneeresten, Nässe und von Schnee plattgedrücktem Gras angezeigt.

Le soleil brille... einfach fantastische Bedingungen. Und auch die Kontraste sind verblüffend. Man würde es kaum glauben, dass ich 2 Tage nach dieser Tour auf den hier sichtbaren Hängen gegenüber mit den Kindern wirklich lohnend Ski gefahren bin. 
Unser Timing ist perfekt aufgegangen. Nach leidlich langem Schlaf am Morgen stehen wir um 8.50 Uhr unterhalb vom Einstieg in die Route. Dieser befindet sich etwas vor dem tiefsten Punkt der Felsen an der Stelle, wo zwei Laubbäume direkt am Weg stehen. Die markante, steile Verschneidung von L2 ist gut zu erkennen, um das fixe Material zu erspähen sind hingegen Sperberaugen notwendig. Es hat am Anfang nicht viel und auch nicht gut sichtbar. Zu erwähnen ist noch, dass am eigentlichen Start der Felskletterei 20m weiter oben nix steckt, weshalb man sich besser auf der Wegspur unten aufschirrt und auch von dort aus sichert. Um 9.00 Uhr fällt schliesslich der Startschuss und mit dem Timing eben ist es so, dass nun auch grad die Sonne zum Vorschein kommt, so wie wir uns das vorgestellt haben.

Hinweis: die Route wurde nach unserer Begehung sanft saniert. Damit hat sich die Situation mit den Standplätzen in den ersten drei Seillängen verändert (siehe Kommentare am Ende von diesem Artikel).

L1, 15m, 5b: Von der Wegspur erst 20m die steilen Schrofen hinauf und dann eher unschön im Fels aufwärts. Ein Bohrhaken sichert diese gar nicht so einfachen Meter ab, danach kommt schon bald der Stand unter der steilen Verschneidung. Die offizielle Bewertung von 5a habe ich mit Absicht erhöht.

L2, 50m, 6c: An der Temperatur gibt es zwar nichts zu mäkeln, trotzdem wartet auf mich hier so etwas wie ein Kaltstart. Die Kletterei entlang der steilen Verschneidung weist eine gewisse Ernsthaftigkeit auf. Zwar stecken regelmässig Bohrhaken, diese müssen aber gehörig überstiegen werden, ich fühle mich noch etwas ungelenk und in Bezug auf den Fels gilt "es ist nicht alles fest, was lose aussieht". Nach etwa 25m geht's dann um die Ecke, und es will auf der plattigen Seitenwand der Verschneidung geklettert werden. An sich nicht mega schwierig, aber mit eher weiten Abständen, etwas Seilzug und der Sicherungsperson ausser Sichtweite fühle ich mich hier eher unwohl. Zuletzt dann über ein paar Blöcke (Camalot 1 nützlich) und etwas Botanik zum Stand, welcher bloss aus 2 nicht überaus dicken Sanduhren besteht. Im Aufstieg kann man mit Cams ideal verstärken, beim Abseilen hilft dann nur noch das Gottvertrauen, ein BH wäre sicher dienlich. Diese Länge war in der 1995er-Ausgabe des SAC-Kletterführers Zentralschweizer Voralpen mit 6b bewertet, in jener von 2014 mit 7a. Die Wahrheit liegt wohl etwa dazwischen, bei einer fordernden 6c.

Der Autor auf den ersten Metern der steilen Verschneidung von L2 (6c).
L3, 30m, 6c+: Hier steht und fühlt man sich erst etwas im Gemüsegarten, die Kletterei an sich ist aber auf dieser Länge durchaus gut und das Gras stört nicht sonderlich. Problematisch mutet hingegen viel mehr die heikle Stelle nach dem zweiten BH an. Dieser steckt unnötig tief, so dass einem die folgenden Gegendruck-Moves mit mässigen Griffen und den Füssen auf glatter Platte in eine ungünstige Position mit Potenzial für einen ätzenden Sturz bringen. Hat man sich einmal zum Go überwunden, so liegt das nächste Problem dann beim instabil-trittlosen Einhängen des Hakens, leider war auch der einzige Griff ziemlich zugegrast. Ich habe ihn beim Abseilen, soweit ohne Werkzeug möglich, wieder befreit. Hat man diese psychische Stelle gemeistert, folgt schöne, einfachere und gutgriffige Kletterei. Im SAC-Führer ist diese Länge nur mit 6b+ bewertet. Damit die Einstufung mit den oberen Längen konsistent ist, muss man hier jedoch sicherlich 6c+ geben, da definitiv schwerer wie L6 und L8. Schöner und bequemer Stand auf der Kanzel.

Unmittelbar vor der heiklen Stelle in L3 (6c+). Diese Position ist noch bequem erreichbar und es wäre dienlich, wenn der zweite BH 1.5m höher stecken würde. Nun gilt es nämlich, die feine Rissspur ob der linken Hand auf Gegendruckk zu nehmen und links in der aalglatten Platte heikel auf Reibung anzutreten. Falls die Füsse rutschen, so wirft's einen wirklich sehr unangenehm ins Gemüse hinab.
L4, 40m, 7b: Vom Stand weg kurz etwas bedenklich, da ohne Sicherung an den Beginn vom steilen Teil. Dort beginnt gleich das seriöse Business, die folgende, steile Passage mit 3 nahe steckenden BH stellt die Crux dar. Hier gibt es vor allem viele abschüssige Sloper und die Sache ist sehr unübersichtlich. Die paar wenigen Stellen, wo es ein kleines, helfendes positives Käntchen hat, sind ohne Vorkenntnis nur schwer zu identifizieren und um alles Abzutasten bleibt nicht endlos Zeit. Mir hat der herbe Auftakt in L2/L3 auch etwas das Selbstvertrauen genommen, und so greife ich vorschnell zur zweiten Exe, um das Seil sicher einzuklippen. Das fuxt mich nun im Nachhinein, weil mir der gesamte Rest der Route onsight gelang. Auch diese Passage wäre bestimmt im Rahmen meiner Möglichkeiten gelegen, nur dran glauben und bestimmt klettern hätte man müssen! Anyway, nach diesem steilen Auftakt geht es vorerst etwas leichter dahin. Das Gelände lockt einen nach links, wobei man dann jeweils wieder ungünstig nach rechts moven muss, um die in gerader Linie steckenden Bolts zu klippen. Weiter oben besteht dann an einer Stelle das ärgerliche Problem, dass die Lasche von einem Maillon besetzt ist. Dessen Gewinde ist zwar nicht zugeschraubt (was sich auf die Festigkeit stark negativ auswirkt), aber trotzdem verhockt, so dass man es nicht entfernen kann. Zudem folgt danach gleich ein Runout. Richtig schwer ist dann nochmals die Abschlusspassage. Leider steckt der letzte BH etwas im Schilf, direkt darüber hinweg ist es affenschwer. Augen auf, es gibt eine deutlich bessere Linie.

Nix mehr Gras, sondern perfekter Fels und geniale Moves. Slopriger-schwerer Auftakt in L4 (7b).
Blick auf die letzten, nochmals schweren Meter in L4 (7b). Ethical Advisory: zu intensives Betrachten dieses Fotos in hoher Auflösung könnte einen ethisch einwandfreien Onsight womöglich gefährden.
L5, 25m, 7a: Es wartet ein sehr gut abgesicherter Quergang nach rechts hinaus, die Schwierigkeiten sind erst noch moderat. Aber bald steht man etwas wie der Esel am Berg, und die schwere Kletterei beginnt. Weiter oben kann man zwar wieder Griffe erahnen, doch gilt es hier den Poker für die richtige Beta zu spielen. Aufgrund der Trittarmut hat man nämlich nur einen Shot. Mir gelingt's, ich kann oberhalb einige Tropflöcher krallen und mich hochschieben. Danach geht's über etwa 15m ziemlich anhaltend weiter. Immer wieder taucht unerwartet eine Leiste oder ein Tropfloch auf, wer auch noch seine Füsse gescheit einsetzt, kommt gut durch. Wobei die Absicherung hier sehr komfortabel ausgefallen ist, man kann bedenkenlos voll angreifen. Zuletzt dann etwas athletischer zu einem ziemlich unbequemen Hängestand. Wer unten im Quergang grosszügig verlängert hat (was beim Klettern eher unangenehm ist), kann die nächste Länge auch anhängen.

Super Tropflochkletterei in L5 (7a), ein sehr gut abgesicherter Hochgenuss!
L6, 20m, 6c: Athletisch-griffiger Auftakt vom Stand weg, ein Pre-Klipp des ersten BH beim Klettern der vorangehenden Seillänge ist sicher keine schlechte Idee. Der Ausstieg ins flachere Gelände dann die Crux, hier ist das Griffangebot kurzzeitig nicht ganz so üppig und eher von der abschüssigen Sorte. Geht aber scho... und im Vergleich zu L2/L3 ist das schlicht und einfach weniger fordernd. Steht man einmal oben, tendiert man etwas nach links zum dritten BH. Achtung: sich ab hier nicht weiter nach links in die SE-Wand verkoffern, sondern direkt hinauf. Der vierte BH ist aus der Kletterstellung erst nicht sichtbar, taucht dann aber schon auf.

Blick zum Adlerspitzli, das mit seinem S-Grat (3b) eine lohnende, einfache Kletterei bereithält.
L7, 35m, 7a+: Nach meinem Geschmack die beste Seillänge der Route! Vom bequemen Stand zuerst einfach etwas nach rechts hinaus an die steile Wand, wo die eng steckenden BH den Weg markieren. Die Kletterei sieht etwas aus wie im Acherli und fühlt sich durchaus auch ähnlich an. Will heissen, weite und athletische Züge sind nötig, aber die positiven Griffe sind da. Hier klettere ich nun bestimmt und mit positiver Einstellung, ebenso lassen sich an dieser Stelle die beim Sportklettern antrainierten Kraftreserven effizient einsetzen. Die Crux folgt eigentlich gleich zu Beginn des steilen Teils, danach werden die Griffe besser und das Gelände nicht mehr ganz so extrem drückend. Trotzdem kommt hier der Ausdauerfaktor zum Tragen, denn einen richtig guten Rastpunkt gibt es nicht und auch grosse, positive Henkel zum Runterschütteln fehlen. Im oberen Teil wartet dann eine markante, 5m-Horizontalquerung nach links. Die ist schwieriger als es aussieht, vor allem der Klipp und der Mantle am Ende der Querung haben es in sich. Langsam etwas auf Reserve erreiche ich den Stand - und ja, ich habe nochmals Pech und es erwischt mich mit einem unbequemen Hängestand.

Supergeniale, steile und leistige Ausdauerkletterei in L7 (7a+).
Jonas fightet in der Querung im oberen Teil von L7 (7a+), das Anklettern des hier folgenden BH ist durchaus knifflig.
L8, 30m, 6c: An der Untergriffschuppe oberhalb vom Stand spielt die Musik, das ist gleich von Anfang an klar. Vom Stand aus schätze ich das als gangbar aus und nehme es beinahe auf die leichte Schulter. Doch während die Schuppe griffig ist, entpuppt sich das Gelände als weniger trittig und steiler wie gedacht. Doch mit ein paar Erfolgen in den Seillängen zuvor in der Tasche klettert es sich beschwingt und ich gehe so vor, wie man an solchen Stellen vorgehen soll. Sprich vorwärts orientiert, nicht lange rumtrödeln, sondern bestimmt klettern. Nach dem zweiten BH geht's dann um die Ecke und in ein paar kräftigeren Moves aufwärts, es ist ein gutes Stück obligatorisch zu klettern, bis der dritte Haken einschnappt. Dann in lässig rauem Fels gutgriffig über ein paar Stufen aufwärts, zuletzt über ein paar Blöcke zum bequemen Stand. Obwohl diese Länge nicht geschenkt ist, dünkt sie mich doch auch einfacher wie L2 und L3. Wobei ich hier jedoch mit der unten noch fehlenden Effizienz geklettert bin. Wäre spannend zu wissen, wie meine Einschätzung ausgefallen wäre, wenn man die Längen in umgekehrter Reihenfolge hätte absolvieren müssen.

L9, 30m, 6b: Hier haben die Erstbegeher nochmals eine richtig coole Linie gewählt. Die Verschneidung oberhalb vom Stand wäre bestimmt auch gegangen, jedoch sicherlich weniger schön gewesen. Stattdessen geht es in einem einfachen Quergang links hinaus, und dann in sehr schönem, rauem Fels auf dem Pfeiler aufwärts. Anregende Kletterei, nirgends mehr besonders schwierig, in dieser luftigen Position einfach ein grosser Genuss, zudem auch komfortabel gesichert. Nach dem letzten BH klettert man dann am besten direkt gerade hinauf Richtung Büsche und lässt sich nicht nach links in einfacheres, aber loses Gelände drängen. Direkt hinauf geht's prima, die Griffe sind da, der Fels solide und das kurze Bushwhacking kein Problem. Ist man oben, so findet man keinen eingerichteten Stand, sondern muss einen Baum verwenden.

Nochmals sehr schöne und luftige Kletterei hoch über dem Nebelmeer in L9 (6b). 
Die Uhr zeigt 14.45, als der Handschlag am Top erfolgt. Ja, das war jetzt eine hammerharte Winterbegehung gewesen! Problemlos hatte man im T-Shirt und mit heraufgerollten Hosen klettern können. Ja die Sonne hatte gar derart stark gebrutzelt, dass es mir gar nicht unrecht ist, hier etwas im Schatten der Bäume chillen zu können. Aber wir sind happy, total, das war nun eine echt geniale Kletterei und besser hätte man den Tag für diese Route kaum treffen können. Bevor es talwärts geht, steigen wir noch zum Kamm des Geissstocks hinauf, um einen freien Blick auf das grandiose Nebelmeer zu werden, welches das Rigi-Massiv umflutet. Kurz bin ich es mir sogar etwas reuig, dass wir nicht mit einem Gipfelgang geplant haben. Vom Geissstock kann man nämlich weiter zum Wyss Nollen gehen, diesen über seine Westwand-Route erklettern (4 SL, 5c+) und dann noch die Gipfelwand (2 SL, 3b) zum Top auf 1899m erklimmen. Dies hatte ich einst vor vielen Jahren mit vorgängigem Klettern des Adlerspitzli und des Geissstock-Risspfeilers schon einmal gemacht, was eine sehr empfehlenswerte 24-SL-Tour bis in den sechsten UIAA-Grad darstellt.

Blick vom Top auf das kompakte Nebelmeer, welches das Rigi-Massiv umflutet.
Nun denn, eben, die Zeitreserven hätten zwar für einen Gipfelgang gereicht. Aber dann in Kletterfinken über den Grüeziweg abzusteigen und so nochmals zum Geissstock-Einstieg hinauf um das deponierte Material zu holen, das war dann doch kein realistisches Unternehmen. So stiegen wir zur gebohrten Abseilstelle ab, welche sich etwa 10-15m tiefer unten als der Ausstiegsbaum befindet. Schon bereits letztes Mal hatte ich diesen Punkt als potenziellen Base Exit klassifiziert, und auch dieses Mal zieht mich der grandiose Tiefblick wieder in den Bann. Wir fädeln die Seile und dann geht es, teils stark pendelnd, in die Tiefe. Exen einhängen beim Abseilen ist wie immer unkommod und jenen vorbehalten, welche sich das Pendeln nicht trauen ;-) Wenig später sind wir am Wandfuss, wo wir die letzten Sonnenstrahlen für einen Vesper nutzen können. Vorsichtig steigen wir das exponierte Gelände zurück zum Stall im Hasli und können es dann gegen Schwyz und das dichte Nebelgrau hinunter laufen lassen. Das war nun ein echt genialer Schlusspunkt auf das tolle Kletterjahr 2015!!!

Facts

Gross Mythen - Mauerläufer 7b (6c obl.) - 9 SL, 270m - Betschart/Büeler 1991 - ****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Camalots 0.3-1, evtl. Set kleine Keile

Lässige alpine Sportklettertour durch die steile und sonnige Geissstock-Südwand. Sie bietet einiges an Abwechslung, von Verschneidungs- über Plattenkletterei zu Sloperproblemen, Tropflöchern und Ausdauermoves an positiven Leisten. Die ersten 3 Seillängen bieten einen etwas herben Auftakt mit nicht auf jedem Meter perfektem Fels, einigen nicht sonderlich störenden Grasbüscheln, noch eher weiter Absicherung und (in der Originalversion) harter Bewertung. Ab L4 geht's dann in meist kompakten, grasfreiem Fels von guter Qualität bis zum Gipfel, hier sind dann sowohl Absicherung wie Bewertung komfortabler ausgefallen. Ich persönlich zögere nicht, hier nach meinem tollen Erlebnis die vollen vier Sterne zu vergeben, ganz nüchtern objektiv sind es vielleicht auch nur drei. In Bezug auf die Absicherung sind die schweren Stellen >6c alle sehr gut und eng auf Niveau xxxx eingerichtet. Im einfacheren Gelände heisst es hingegen schon öfters einmal weitersteigen, weshalb die Gesamtbewertung nur xxx erreicht. Ein paar Stellen lassen sich mit kleinen bis mittleren Klemmgeräten und allenfalls auch kleinen Keilen zusätzlich absichern. Für den routinierten Gänger sind diese Hilfsmittel jedoch nicht zwingend nötig. Zu beachten ist, dass die Literaturangabe von 6a+ obligatorisch ein falsches Bild der gestellten Anforderungen vermittelt. Um die Tour hochzukommen und zu geniessen, muss man mindestens den Grad 6c solide und über den Haken beherrschen.

Topo

In den SAC-Kletterführern Zentralschweizer Voralpen von 1995 und 2014 findet man je ein grobes schematisches und ein Fototopo zur Route. Ein präzises, symbolisches Topo existiert meines Wissens bisher noch nicht. Deshalb habe ich ein solches angefertigt, das auch als PDF verfügbar ist. Auch hier ist zu beachten: weil die Route nach unserer Begehung sanft saniert wurde, ist das Topo nicht mehr ganz aktuell. In den ersten drei Seillängen wurden die Standplätze verlegt, vereinzelt stecken zusätzliche Bohrhaken (siehe Kommentare).


Mittwoch, 23. November 2011

Gross Mythen - Abendsonne (7b)

Auf meiner Projektliste war die Tour schon lange, und auch für Xaver, notabene einer der Erstbegeher, war nach etlichen Jahren wieder einmal ein Besuch fällig. Da im nächsten Jahr allerhand neue Literatur über die Klettertouren an den Mythen erscheint, beschlossen wir, noch diesen Herbst vorbeizuschauen, um Bildmaterial liefern zu können. Leider fiel dann der eingeplante Profifotograf wegen einer Verletzung kurzfristig aus. Einige gute „Shots“ hat es auch mit unseren Kompaktkameras gegeben, und die Kletterei war sowieso ein Genuss! 

Mit dem Wissen, dass die Sonne die Gross Mythen Westwand Mitte November erst ab ca. 10.00 Uhr bescheint (die zwei einfachen Einstiegslängen sogar noch später), konnten wir uns einen gemütlichen Start erlauben. Durch ein Labyrinth von (teilweise mit Fahrverboten belegten) Forststrassen führte mich Xaver aufwärts, als Zustiegszeit ist mit einer knappen Dreiviertelstunde zu rechnen. So ging es um 11.00 Uhr los. 

Los geht's! Foto: Xaver

SL 1, 5a, 40m: Unspektakulärer, einfacher, aber nicht schlechter Auftakt, als Zustieg zur richtigen Kletterei. 

SL 2, 6a, 45m: Im Mittelteil muss hier, in erstaunlich schönem Fels, schon erstaunlich gut hingeschaut werden. Anfang und Ende sind einfacher. 

SL 3, 7a, 35m: Sehr schöne, steile und athletische Seillänge. Die Crux an scharfem Fels beim Wechsel vom rechten an den linken Riss. Danach ist erst die Ausdauer, zum Schluss dann das gute Auge für die richtige Line, gefragt. 

SL 3 (7a), die Crux gerade erfolgreich gemeistert. Foto: Xaver
SL 4, 7b, 40m: Prima Seillänge, wo die Herausforderungen eher im technischen Bereich liegen. Nicht zu unterschätzender Start, danach Quergang nach rechts, an dessen Ende eine erste Crux mit zünftigem Blockierer. Dann kurz etwas einfacher, bevor nochmals eine sehr technische Sequenz an scharfen, kleinen Griffen folgt, welche mit einem kniffligen Aufsteher abgeschlossen wird. 

SL 4 (7b): die perfekte Welle, der perfekte Tag. An den Bäumen im Hintergrund sieht man, dass nicht mit dem Kamerawinkel gemogelt wurde. Foto: Xaver
SL 5, 6a+, 15m: Kurzes, einfaches Intermezzo an steilem, griffigem Fels, ein Genuss! 

SL 6, 7a+, 30m: Sehr schöne Seillänge mit einer Tüftelcrux nach dem ersten Drittel. Es ist ein Quergang nach links mit mässigen Tritten und scharfen, kleinen Leisten als Griffen. Der Rest erfordert dann wiederum Übersicht, geht aber gut. Mit Vorteil macht man bei einer kleinen Föhrenansammlung Stand. 

Xaver in der Crux von SL 6 (7a+).
SL 7, 7b, 15m: Recht weit, aber nicht so schwer hoch zum 1. BH, wo die Crux ansetzt. Wiederum ein technischer Boulder, der gefühlvolles Treten verlangt. Ich hab’s mit Rauhigkeiten für links, einem 1-Finger-Tropfloch für rechts und einem Dynamo an den rettenden Griff gelöst. Das war’s dann schon. Für Kleingewachsene: viel Glück! 

Das Ambiente passt einfach am Gross Mythen: Lauerzersee und Rigi mit Nebelzunge.
SL 8, 6a+, 35m: Sieht schwerer aus, als es ist, weil sich da über die drohenden Bäuche hinweg unverhofft einige griffige Schüpplein hervortun. Eher athletisch, prima Genusskletterei. 

SL 9, 6a+, 40m: Eine weitere, schöne Seillänge in luftiger Position, die der alten Westwandroute folgt. Für damalige Verhältnisse durchaus kühn! Die Herausforderungen eher im technischen Bereich, d.h. Übersicht und Bewegungsgefühl ist gefragt. 

Xaver am Fels, Vogel im Flug: SL 9, 6a+.
SL 10, 7a+, 20m: Einige einfache Meter zu guten Tritten vor Beginn der Cruxzone. Es handelt sich erneut um ein technisches Bewegungsproblem, wo gefühlvoll und sauber hingestanden werden muss. Der Wulst links ist etwas splittrig, mit beherztem Ziehen an etwas fragil aussehendem Schüpplein geht’s aber am einfachsten, und gehalten haben sie auch. Danach einfachere Querung zum Stand. 

Technische Crux in SL 10 (7a+). Man kann sich noch so strecken, es kommt kein guter Griff... Gut Antreten und präzise Bewegen ist der Schlüssel. Foto: Xaver.
SL 11, 5a, 45m: Einfache Seillänge in teils etwas durchzogenem Gelände, am Schluss ist der Fels auch nicht mehr zu 100% solide. Die Absicherung ist aber genügend, das seit einiger Zeit fehlende BH-Plättli haben wir ersetzt. 

Um 16.30 Uhr sind wie schliesslich am Ausstieg. Gerade eben laufen zwei Hikr über die Mythenmatt, welche von einem tödlichen Unfall auf dem Normalweg berichten. Unschön habe es ausgesehen, meinen sie. Wir hatten den Heli gesehen, aber natürlich nicht mit einem solch gravierenden Unfall gerechnet. Es versetzt unserer Euphorie über die gelungene Tour gerade einen kleinen Dämpfer. 

Denn tatsächlich ist es so, dass wir in dieser Route einen erneut magischen Novembertag mit vorzüglicher Kletterei geniessen konnten. Die „Abendsonne“ hat mich wirklich sehr positiv überrascht: die Felsqualität ist über weite Strecken sehr gut, die Textur rauh und mit scharfen kleinen Griffen gespickt, die Moves immer interessant. Die Absicherung ist vorzüglich und erlaubt, bedenkenlos am persönlichen Limit zu klettern. So gelangen mir, im Gegensatz zum „Desaster“ in der Achtibahn eine Woche zuvor, alle Seillängen bis 7a onsight bzw. flash (Nachstieg). Und in den 3 Cruxlängen scheiterte ich zwar auf Anhieb jeweils, jedoch nur knapp: nach kurzem Checken ging es in freier Kletterei, in den SL 7 und 10 sogar Rotkreis. 

Wie bereits beschrieben, das Ambiente passt. Nachstieg in SL 9 (6a+). Foto: Xaver
Wie auch immer, zu viel an Philosophieren darf nicht mehr sein am Gipfel: die Sonne steht tief am Horizont, und es gilt, das letzte Tageslicht noch für die Abseilfahrt auszunützen. Diese geht in 30 Minuten zügig vonstatten, auch wenn hin und wieder ein Föhre meint, das Seil gehöre ihr. Um 17.15 Uhr machen wir uns dann am Wandfuss bereits mit der Stirnlampe auf die Socken, im gerölligen Steilabstieg findet prompt noch ein grösserer Stein den schmerzhaften Weg auf Xaver’s Schulter. Das hätte jetzt nun wirklich nicht sein müssen – doch im Rückblick überwiegen dann zum Glück die positiven Eindrücke wieder. 

Facts

Gross Mythen – Westwand – „Abendsonne“ (7b, 6b obl.) – 11 SL, 320m - ***, xxxx
Material: 12 Express, evtl. Camalots 0.3-1 (hin und wieder einsetzbar, nicht zwingend). 

Schöne alpine Sportklettertour durch die kompakten Zonen der Westwand am Gross Mythen. Sie bietet einen Wechsel zwischen athletischer, griffiger Kletterei und technisch anspruchsvollen Zonen. Sämtliche Schlüsselstellen sind kurz, aber erfordern ein gutes Bewegungsgefühl, Kraft für kleine Griffe und sauberes Antreten auf Reibung. Die Absicherung ist, bis auf einige etwas grössere Abstände im leichteren Gelände, vorzüglich. Dennoch sollte man 6b/6c solide draufhaben, damit die Tour Spass macht.

Hier geht es zum guten Originaltopo der Erstbegeher. Im Laufe der Zeit haben sich leicht andere Schwierigkeitsgrade herauskristallisiert, siehe Angaben im Bericht oben.