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Donnerstag, 14. Mai 2026

Pizzo d'Eus - L'araba fenice (7b)

Es war schon April, höchste Zeit für die jährliche Pizzo-Visite mit Viktor, meinen Standard-Partner für die Eus-Routen. Beide haben wir uns dem Ziel verschrieben, dereinst möglichst alle der Touren am Berg geklettert zu haben. So wie es scheint, ist das ein eher aussergewöhnlicher Spleen. Denn noch nie haben wir andere Kletterer vor Ort gesichtet, die Spuren werden im Gelände immer schwächer und Online gibt's über die noch nicht auf diesem Blog beschriebenen Touren auch kaum etwas zu erfahren. Dieses Mal sollte es die Araba fenice sein: ein mythologischer Vogel, der als Zeichen für Hoffnung, Stärke und Resilienz gilt. Von dieser drei Ingredienzen sollte man für einen Versuch sicherlich nicht zu wenig mitbringen...

Blick zum Pizzo Vogorno mit unserem treuen, schon reichlich abgewetzten und manchmal auch etwas störrisch-lästigen Begleiter. Aufgrund der Steilheit der Route und dem langen Tag, welcher für ihre Begehung nötig ist, macht das Mitführen eines Haulbags auf jeden Fall Sinn. 

Ohne frühes Aufstehen gehen Eus-Touren nicht über die Bühne, aber mit dem Ziel vor Augen wurde die Weckerzeit von 4.25 Uhr billigend in Kauf genommen. Nach einer staufreien und smoothen Anfahrt liefen wir um 7.45 Uhr schliesslich in Cognera los, auf das Exengebastel vom letzten Mal konnten wir zum Glück verzichten. Das erste Hindernis stellte sich mit der Überquerung des Riale di Pincascia bald in den Weg. Dass diese im April bei Schneeschmelze mit trockenen Füssen gelänge, schien schon im Vornhinein unwahrscheinlich. Tatsächlich stand das Wasser hoch... entweder galt es die bis zu den Hüften reichende Erfrischung im eiskalten Wasser zu akzeptieren, oder dann über das Drahtseil zu hangeln. Als bekennender Warmduscher wählte ich gerne die luftige Variante, während Viktor durchs Wasser schritt. Fazit: das Wasser ist a...zapfenkalt, das Hangeln dafür streng. Zeitlich macht es keinen allzu grossen Unterschied, die Vorteile diesbezüglich sind bei der Tyrolienne.

Das Problem: Steinehüpfen funktioniert um diese Jahreszeit nicht und kaltes Wasser ist brrr... 

Der weitere Aufstieg verlief dann problemlos über die uns inzwischen bestens bekannte Route via Cürt. Natürlich war das Trassee unter einer dicken Schicht Laub begraben. Die Rechen leisteten gute Dienste, ermöglichten uns später einen bequemen Abstieg und erhalten diesen Pfad hoffentlich für die Zukunft. Sonderlich frisch und busper fühlte ich mich auf dem Zustieg nicht - vielleicht der fehlende Effekt vom kalten Morgenbad?!? Nach rund 1:45h waren wir beim Abzweig vom Wanderweg, von wo es noch rund eine Viertelstunde über das teilweise mit alten Fixseilen versehene Steilgelände zur Wand hinauf ist. Der Einstieg ist exakt am selben Ort wie jener der Variante Gege, die wir zuletzt als Start in die Va Pensiero genutzt hatten. Bei sonniger Wärme und nach dem Entfernen diverser Zecken fiel der Startschuss um ca. 10.10 Uhr.

Da war der Startschuss bereits verhallt. Man hat schon etwas zu beissen, bis diese Position in L1 (6a+) erreicht ist.

L1, 45m, 6a+: Auf der ersten Hälfte geht's noch relativ zugänglich los, allerdings drückt da lange die Feuchtigkeit und dementsprechend ist der Fels oft auch etwas dreckig - coole Strukturen hat er aber. Die Schwierigkeiten beginnen beim letzten BH, bevor man die ansetzende Verschneidung erreicht, dies mit einer Wandstelle über ein kleines Dächli hinweg. Die Verschneidung dann etwas rustikal-rampfig, teilweise auf Gegendruck. Nebst einigen altertümlichen NH muss mobil gesichert werden, das volle Set an Gear ist nötig. Die Crux klettert man etwas engagiert im Layback oder dann rechts in der Wand, vermutlich ist beides in etwa ähnlich schwierig.

Die Gegenperspektive zum Bild oberhalb, Nachstieg in L1 (6a+), die Verschneidung nicht geschenkt.

L2, 30m, 7a+: Eine Angewöhnungszeit wird einem hier nicht gewährt, der Ernst der Sache beginnt schon unmittelbar nach dem Stand. Zwar ist die Kletterei da noch nicht voll die Härte, dafür klettert man mindestens ein Dutzend Meter, bis der erste BH geklippt werden kann. Man kann schon Cams legen, es gibt aber nicht Bomber-Placements à discretion, irgendwie leicht unangenehm. Später folgen dann die BH in kurzen Abständen - das kann nur heissen, es wird richtig schwierig. Die ersten Stellen lassen sich noch lösen oder austricksen, bei der Crux heisst es dann aber, die Füsse vom seichten Untergriffriss entschieden auf die glatte und etwas sandig-brösmelige Platte zu pressen. Not really my cup of tea, da hat mir die finale, athletische Wandstelle mit einer Querung nach links viel besser gefallen.

Endlich ist der erste BH in L2 (7a+) geklippt. Zuvor kann man zwar wie das Bild zeigt schon Cams legen, es sind einfach nicht alle davon sonderlich gut. Von der Position des Akteurs beginnt nun die richtig schwierige Kletterei - eine Buckelei mit den Füssen auf glatter Platte.
Eine coole athletische Wandstelle bildet den Abschluss von L2 (7a+).

L3, 25m, 7b: Da sind die Aussichten doch schon viel besser und der Motivationspegel steigt gleich an! Offensichtlich wartet athletische Wandkletterei, welche sehr gut mit BH abgesichert ist. Die Cams lasse ich mir (zurecht) nicht an den Gurt hängen. Sie würden in der steilen Cruxpassage nur unangenehm nach aussen-unten ziehen. Hat man sich an diese herangepirscht, so heisst es erst ein schräges Dächli an ein paar Leisten und Untergriffen, dann eine etwas sloprige Kante vor allem an Seitgriffen zu meistern. Leider fehlt mir die Intuition um die Finken im entscheidenden Moment auf den korrekten Tritten zu platzieren und der Spirit, um es dennoch zurechtzubiegen. Fazit: der Onsight scheitert knapp, schade! Ob der Cruxzone dann etwas einfacher, aber immer noch athletisch-anhaltend zum Stand.

In L3 (7b) wartet überhängende, powerige Wandkletterei, prima mit BH gesichert 🤩

Auch nach der eigentlichen Crux in L3 (7b) muss noch 1-2x kräftig durchblockiert werden.

L4, 30m, 7b: Schlicht und einfach: DAS IST DIE BESTE SEILLÄNGE! Nicht nur von dieser Route, sondern vom ganzen Berg. Zumindest soweit ich ihn bisher beklettert habe, und das umfasst 6 MSL-Routen mit total rund 75 Seillängen. Los geht's mit einer Wandstufe, dann kurz etwas Gegendruck-Gelände an kleinen Verschneidungen. Relativ unschwierig, wenn man nicht (nur) dem steckengebliebenen 1er-Cam mit seiner verblichenen Schlinge vertraut, sollte man selbst noch 0.75 oder 1 und 0.4 mitnehmen, der Rest ist prima mit BH ausgerüstet. Nach dieser Passage geht's los, eine knifflige Wandsequenz mit sloprigen Löchern bringt einen unter das Dach. Powerig-athletisch über dieses hinweg, oberhalb helfen oh Wunder zwei grosse Löcher, welche sich genau an der erwünschten Stelle befinden. Zum Abschluss heisst es noch ausdauernd am Ball bzw. den oft quarzigen Leisten, Tritten und Henkeln bleiben, die in einem luftigen Quergang nach rechts hinaus zum (nicht so sonderlich bequemen) Stand führen - affengeil!

Ausblick auf L4 (7b), aufgrund von Seil und v.a. Haulbag kann man erahnen, wie steil diese Länge ist.

Es heisst kräftig dranzubleiben, bis der Stand geklippt ist - dies in sehr luftiger Position (L4, 7b).

L5, 45m, 7a+: Vorerst macht es den Eindruck, es gehe gleich weiter wie zuletzt. Das stimmt, aber nur für die ersten ~15m der Seillänge: steile und kräftige Kletterei an guten Griffen, super. Dann gelangt man in sich zurücklegendes Gelände, welches mit Löchern und Quarzhenkeln gespickt ist. Dementsprechend physisch deutlich einfacher, doch die sehr weiten Hakenabstände mahnen zur Vorsicht und lassen gewisse Fragezeichen offen, wo es überhaupt durchgeht (leicht linkshaltend gerade hoch, Cams bis Grösse 1 nötig!). Später fordert dann ein kniffliges Plätteli mit seiner Querung - einmal geschafft und mit der Hoffnung die Crux in der Tasche zu haben, wird man sich dann gewahr, dass noch ein verdammt hartes Finish mit plattiger Wandkletterei folgt. Erst hier, fernab von der Sicherungsperson und ohne Kommunikation mit dieser, entscheidet sich der Durchstieg in wirklich marginalem Terrain. Der gelang uns nicht, für mich fühlte sich diese Passage klar härter an wie die 7b-Längen davor. Immerhin, die Bolts stecken da genügend dicht, dass man schon ohne allzu grosse Mühen hochkommt.

So richtig taffes Geschlabber am Ende von L5 (7a+), der Grad ist meiner Meinung nach zu knapp bemessen.

L6, 35m, 7b: Ja, gleich am Überhang ob dem Stand geht's zur Sache. Wobei der steile Teil nicht das Problem ist, sondern viel mehr das Etablieren in der Platte darob. Im Originaltopo stand 6b+ 1pa und darauf sollte man sich vielleicht besser auch einstellen. Wir waren jedenfalls trotz seriöser Versuche nicht fähig, diese Passage freizuklettern - im Minimum 7A bloc, vermutlich eher mehr (also im richtigen Minimum wäre der Boulder sicherlich Schwierigkeit rot, was das heisst weiss der Leser entweder oder darf es gerne selbst herausfinden). Zum Rest gibt's dann nicht mehr so viel zu erzählen. Eher unschön, ziemlich botanisch und wegen der spärlichen Absicherung mit unklarer Linienführung gilt es in relativ einfachem Gelände voranzukommen. Eine recht grosse Rechtsschleife ist die richtige Lösung, ein paar Cams hinter dumpf tönenden Schuppen bringt man schon unter, ein paar wenige BH dienen als Richtungsweiser.

Nach verdammt harten Boulder wird's in L6 (7b) einfacher und ziemlich vegetativ.

L7, 55m, 6c: Auch hier stellt sich vom Stand aus erst einmal die Frage, wo es überhaupt durchgeht, denn BH sind keine sichtbar. Linksrum ginge es vermutlich sogar relativ easy (aber in unschönem Gelände). Doch das Originaltopo bringt uns auf die richtige Spur. Richtung 13 Uhr geht's, das attraktivste Gelände nutzend, später kommt dann tatsächlich ein von unten nicht sichtbarer BH. Die Routenführung ist jedoch eigenwillig, es geht nach links mit einem Mantle-Boulder über eine Kante hinweg und später dann sehr gesucht in einem Winkel über das Dach hinweg. Im Nachstieg war mir gar nicht bewusst, dass Viktor da linksherum auf dem logischen Weg ausgekneift ist - da ist das Dach bloss noch eine Stufe und deutlich einfacher zu haben, die zur Sicherung gelegten Cams sahen jedoch eher windig aus. Schliesslich führt eine Platte zum Grasband hoch. An dieser Stelle drückt (wie bei allen Eus-Routen) gerne die Nässe. Selbst bei unserer Begehung, lange nach den letzten Regen-/Schneefällen und bei voller Sonneneinstrahlung im April war es nicht restlos trocken. Es ging gut, aber hier kann man auch ausgebremst werden. Wissenswert: 50m-Seile sind definitiv zu kurz, um den BH-Stand am oberen Ende des Grasbandes zu erreichen. Deshalb Stand an einer Birke gemacht.

Das ist der Start in L7 (6c), der erste BH befindet sich (vom Stand unsichtbar) am Bauchnabel des Kletterers.

L8, 20m, 6b: Puh, was soll denn das?!? Obwohl durchaus zugängliche und attraktive Linien möglich gewesen wären, haben sich die Erschliesser auf eine sehr rustikale Linienführung im Quergang unter einer Dachreihe eingelassen, wo es auch ganz offensichtlich häufig raussaftet (immerhin das war bei unserer Begehung kein wesentliches Problem). Nach wenigen Metern des kurz-problemlosen Auftakts wird es ganz schnell ernst: Cam 2, dann Untergriff-Gegendruck mit den Füssen auf unstrukturierter, brösmeliger Platte. Weitere Sicherungen zu legen ist so absolut unmöglich und dementsprechend heisst es, mit 100% Committment über eine längere Strecke durchzuziehen. Wobei es nicht absehbar ist, wie gut es geht und wie lange man durchziehen muss. Sollte es nicht klappen, so scheppert man Vollgas in den 2er-Cam und falls der nicht halten sollte, aus 10-12m Höhe auf das Band unterhalb. Wie Maloney tat ich, was man in dieser Situation sinnvollerweise tut: Aid-Climbing an den Cams... Viktor zieht die Länge im Nachstieg dann tatsächlich frei durch (freundlicherweise habe ich noch etwas Backcleaning betrieben). Aber voll am Limit, knapp vor dem Abschmieren und versiert in dieser Art von Kletterei. Der Grad 6b ist hier pures Hirngespinst, 7a sicherlich angebracht.

Viktor chillt mal eben L8 (mehr 7a wie 6b) hoch - oder auch nicht. Selbst im Nachstieg sind Einsatz und Mut erforderlich!

L9, 30m, 7a+: Vorerst geht's so weiter wie zuletzt: Untergriff-Gegendruck der Dachfuge entlang, brösmelige Füsse, häufig ist das feucht/nass (auch bei uns teilweise). Ist man einmal um die Ecke gebogen, wartet dann bald eine unmögliche Boulderstelle à la "7a+ wtf". Wir konnten keinen Plan entwickeln, wie man diese Passage frei hinkriegen soll. Wohlgemerkt handelt es sich da um athletische Kletterei und keine Slab. Wie auch immer, der hier angegebene Grad korrespondiert null mit den 7b-Längen im unteren Teil. Zum Glück geht's mit etwas Einsatz A0. Letzteres gilt nicht für das henklige Rési-Finish wo man etwas steigen muss, jedoch ist dieser Abschnitt vergleichsweise easy und hellt die Miene nach dem Ablöscher davor wieder etwas auf.

Der Start in L9 (7a+), vorerst geht's weiter an Untergriffen dem Dach entlang.

L10, 40m, 6b+: Erst athletisch, dann plattig, so lautet hier das Motto. Hier kann man sich wieder mit der Route versöhnen, es ist wirklich eine coole Länge. Griffig-steil zuerst mit eher weiten Hakenabständen, wer aber über etwas Reserven verfügt, wird trotzdem kaum ins Schwitzen kommen. Eher noch der Fall sein könnte dies beim zunehmend plattigen Finish. Hier gibt's viel Interpretationsspielraum für die Optimallinie und zum Ende hin dann auch noch saftige Runouts. Die Felsstrukturen sind aber genial, erst quarzige Knubbel und zum Ende dann rund-ausgewaschene Formen. Meine Meinung: es ist relativ gutmütig für den Grad... insbesondere gemessen an dem was uns sonst teilweise im Tessiner Reibungs-Gneis als "6b+" verkauft wird.

Geniale Felsstrukturen, tolle Kletterei, aber weiträumige Absicherung in L10 (6b+).

L11, 45m, 6b+: Vom Stand her gesehen sieht's trivial aus und fast übertrieben gut abgesichert... Nun, besonders mutig muss man hier im ersten (vom Stand überschaubaren) Teil für einmal wirklich nicht sein, aber das mit "trivial" ist eine komplette Täuschung. Die Platte ist zwar nicht so steil, aber dafür sehr abschüssig und 100% Zutrauen in die Reibung erfordernd. In diesem Rahmen macht's mir aber echt Freude und es gelingt sogar - gefühlt am persönlichen Limit. Die letzten zwei Drittel sind dann zwar deutlich einfacher, dafür stecken kaum mehr Bolts. Die Steilzone geht gut auf, stürzen sollte man da seinem Wohlergehen zuliebe aber besser nicht. Der wahnwitzige Abstand auf der Platte zum Ende lässt sich mit recht guten Placements zum Glück entschärfen (ca. 0.3-1 sind da unterzubringen). Der Stand steckt deutlich rechts drüben, ist aber von Weitem gut sichtbar.

Der Start in L11 (6b+) sieht easy peasy aus, aber das täuscht doch eher. Anspruchsvolle Reibung!

Um 20.10 Uhr und somit nach ziemlich genau 10 Stunden der Kletterei hatten wir das Top erreicht und die Mission erfüllt. Das Punktekonto war nur relativ bescheiden gefüllt worden. In den beiden athletischen 7b-Längen konnte ich mir immerhin einen ehrenvollen Knapp-nicht-Onsight notieren, wohingegen ich in den anderen, eher plattigen 7a+/7b-Längen chancenlos war. Wenn wir aber das Glas in der bewährten und typischen Ami-Manier halbvoll füllen, so war es vermutlich auch hier noch ein ~97% Free Ascent. Von der langen Zeitdauer ist ein Teil einfach der Kombi vom Gelände und unseren Fähigkeiten zuzuschreiben. Einen anderen Part muss ich auf meine Kappe nehmen. Larina war in Portugal an der Boulder-Comp der European Youth Series im Einsatz, wo ich natürlich live mitfiebern musste. Nicht zuletzt deshalb brach am Top schon bald die Dämmerung herein...

Den Tag voll ausgenutzt. Tolle Stimmung auf den letzten Metern von L11 (6b+).

Es lief also wieder einmal auf ein Abseilen bei einbrechender Dunkelheit hinaus. Im oberen Teil ist dabei ein routenunabhängiger Stand zu nutzen. Dieser befindet sich a) höher wie in den Topos gezeichnet, d.h. nicht auf der Höhe von Stand 10, sondern etliche Meter oberhalb und b) etwas westlich (und nicht östlich!) der Falllinie. Das hätte ich auch gerne vorher gewusst, so hätte ich mir den Wiederaufstieg am Seil im freihängenden Gelände gespart. Von diesem Stand erreicht man das Band, wobei man auf dem Band weiter nach Westen traversieren muss und dann (mit 2x50m) besser von einem Baum abseilt, um den Stand nach L6 zu erreichen. Von da lief es dann zum Glück besser, wobei man von Stand 4 mit einer freihängenden 50m-Strecke direkt zu Stand 2 abseilt. Das war im Dunkeln mit beschränkter Sichtweite relativ spooky, aber kurz vor Seilende hat man den Stand dann wirklich vor seiner Nase und erreicht auch den Fels wieder problemlos.

Die Warmduscher-Methode, um über den Fluss zu kommen. Auf diese griffen wir auch auf dem Rückweg gerne wieder zurück, dann natürlich aber in vollständiger Dunkelheit. Wer auf diesem Weg trockenen Fusses vom einen ans andere Ufer kommen möchte, kann sich mit dem Mitführen einer Seilrolle die Sache wesentlich bequemer machen.

Um 21.30 Uhr hiess es Touchdown am Wandfuss, nach einer Pause und dem Verpuffen vom Material liefen wir um 21.50 Uhr dann los, stiegen vorsichtig entlang der Fixseile zum Wanderweg ab. Der Rest über den Pfad (wiederum via Cürt) war dann Formsache, dank mehrere Besuche kennen wir den Wegverlauf inzwischen gut und finden ihn auch in der Dunkelheit problemlos. Zuletzt wartete dann noch die Bachtraverse. Auf das Waten im kalten Wasser bestand überhaupt keine Lust mehr, so gab's einen letzten Effort am Drahtseil, welcher uns um 23.10 Uhr schliesslich zum Parkplatz brachte. Nun wartete noch die Heimfahrt über immerhin fast leere Strassen - nur im Gotthard findet sich natürlich um jede beliebige Zeit ein Vorfahrer, der mit nur 65km/h durch den Tunnel tuckert. Das ist wohl mindestens so sehr ein Naturgesetz, wie dass eine Route am Pizzo d'Eus in einem >20h door-to-door Unternehmen endet.

Facts

Pizzo d'Eus - L'araba fenice 7b (6c obl.) - 11 SL, 400m - Fratagnoli/Petazzi/Turchetto 2005 - ****;xxx
Material: 2x50m-Seile, evtl. 2x60m, 12 Express, 1x Cams 0.2-3

Eine typische Eus-Route mit einigen hervorragenden Seillängen und anderen, die weniger attraktiv sind. Die Herausforderungen liegen eher auf der athletischen Seite, harte Plattenstellen kommen relativ selten vor, sind aber nicht gänzlich absent. Der Fels ist über weite Strecken hervorragend, teilweise aber auch etwas grasig oder mit brösmelig-sandiger Auflage. Die Route ist nur nach einer Trockenperiode sinnvoll, sonst könnte man im Bereich des Bandes oder spätestens danach in den dachartigen Verschneidungen ausgebremst werden. Wie so oft am Pizzo d'Eus sind einige der Bewertungen mit Vorsicht zu geniessen, hier gibt der Haupttext nähere Auskünfte. Die Absicherung mit rostfreien BH ist gut bis sehr gut ausgefallen. Die steil-schwierigen Stellen sind eigentlich alle auf Niveau xxxx bis teilweise sogar xxxxx eingerichtet. Bei den plattig-schwierigen Stellen ist die Sache tendenziell anspruchsvoller und eher nur xxxx, aber man kommt mit 6c obl. durch und muss nirgends viel Mut beweisen oder das Risiko von einem heiklen Sturz in Kauf nehmen. Die einfacheren Seillängen weisen hingegen grössere Abstände auf. Mit etwas Gear kommt man da aber auch noch weitestgehend auf xxx und verbleibt im grünen Bereich. In Sachen Schönheit, Attraktivität und Zugänglichkeit der Kletterei würde ich die Route als in derselben Liga wie Cacciatori di Parete und Magic Rampit einstufen, bzw. höher als Va Pensiero und Vai con gli amici. Auf einen Vergleich mit den tendenziell plattigeren Routen Radici del Silvio und Vai col blues weiter rechts sei hingegen verzichtet. Topo und weitere Infos findet man im SAC-Führer Tessin und im Extrem Sud. Hier anschliessend das (Low-Resolution)-Originaltopo der Erschliesser, welches ich dereinst im World Wide Web ergattert hatte.

Originaltopo der Erschliesser, mit wissenswerten Zusatzinfos.



Dienstag, 5. August 2025

Pizzo d'Eus - Va Pensiero (7b+)

Nach unserem letzten Besuch am Pizzo d'Eus für die Vai con gli Amici hatte ich schon beinahe meine MSL-Ausrüstung verkauft. Denn das war ein haarsträubendes Unternehmen gewesen und irgendwann ist der Zeitpunkt da, wo man seine alten Knochen zu schonen wissen muss. Da mag es schon fast paradox erscheinen, dass ich nur zweieinhalb Monate später schon wieder den Weg ins Val Carecchio antrat. Doch das Tessin bot wettermässig die einzige Möglichkeit an diesem Tag. Zudem sollte die hier beschriebene Va Pensiero besser abgesichert sein und laut Kletterführer auch eine der schönsten MSL im Tessin. Stimmt das?!? Naja, einige Seillängen sind super, andere weniger super und die 7b und 7b+ Längen sind einfach brutal hart. So hart, dass wir stark daran zweifeln, dass die vergebenen Grade korrekt sind.

Mit einem Wandfoto ist es am Pizzo d'Eus schwierig, wenn die Vegetation schon in voller Blüte ist, erst recht. Darum gibt's an dieser Stelle ausnahmsweise kein Bild mit dem Routenverlauf, sondern es werden die Steinhütten der Siedlung Eus gezeigt. Diese bekommt man jedoch nur auf dem Fussabstieg vom Gipfel zu Gesicht.

Will man als Alpennordseiten-Bewohner in einer Tagestour am Pizzo d'Eus klettern, so geht es nicht ohne frühes Aufstehen ab. Noch sehr übernächtigt schälte ich mich um 4.45 Uhr aus dem Bett, um ca. 8.30 Uhr starteten wir schliesslich mit dem Zustieg. Dieser hatte sich noch verzögert, weil wir dummerweise ohne Exen auf dem Parkplatz oberhalb von Lavertezzo standen. Anstatt dass ich es selbst getan hätte, hatte Kathrin hatte die nach dem Sportklettern am Vortag in ihren Rucksack gepackt und dort waren sie noch immer. Immerhin, mit dem Zusammenklauben von allem was in meinem Haulbag und sonst im Kofferraum an Seilresten und Karabinern verfügbar war, hatten wir schlussendlich ein genügend umfangreiches Set beisammen und konnten uns an den Zustieg machen.

Das Foto ist von L5 (7b), soll aber hier unsere Bastelarbeit zum Generieren von ausreichend vielen Exen aus Seilstücken, Schlingen und allerlei Arten von alten Karabinern repräsentieren. Das erste Hindernis auf dem Weg zum Erfolg war so aus dem Weg geräumt.

Eine Flussüberquerung trockenen Fusses schien uns im Mai 2025 schon im Vornhinein unrealistisch. Das bestätigte sich absolut, die Kneippkur im kalten Wasser war unumgänglich. Immerhin stand der Fluss nur mässig hoch und die Strömung war gering, einen Zeitverlust im Vergleich zum Steine hüpfen wie im Winter muss man trotzdem kalkulieren. Wie gewohnt nahmen wir die Abkürzung via Cürt. Mit der spriessenden Vegetation herrschte auf dem ganzen Weg bis zum Wandfuss eine unglaubliche Zeckenplage. Nonstop mussten wir Dutzende dieser Viecher vom Körper entfernen. Nach einer Pause und (da wir auf einen Fussabstieg setzten) dem Anlegen von einem Depot wurde es ca. 10.40 Uhr, bis wir mit der Kletterei starteten. Um den harten Kaltstart in der originalen L1 zu vermeiden, setzten wir für die zugänglichere Variante weiter links. Zwei andere Seilschaften hatten mir von einer ausführlichen A0-Übung in der eigentlichen Startlänge berichtet, da war ich nicht so scharf darauf, diese zu replizieren. 

Zweites Hindernis: obligatorische Kneippkur beim Überqueren des Riale di Pincascia

L1, 45m, 6b (Variante Gege): Sehr schöne Slab mit coolen Strukturen. Die Seillänge ist mit nur 8 BH eher distant gebohrt. Im einfachen Gelände heisst es Marschieren und auch die Crux verlangt hier ein gewisses Committment.

L2 & L3, 40m, 6a (Variante Gege): Auch hier findet man auf der Platte zu Beginn fantastische Strukturen, es handelt sich um eine easy 6a. Man kommt dann zum Stand und kann die nominelle L3 gleich problemlos anhängen. Auf einem Band quert man horizontal nach rechts, klettert an einem antiken Stand vorbei und bewältigt noch eine Wandstelle zum korrekten Stand der Va Pensiero. Eine 6b findet man auf diesem Abschnitt definitiv nicht.

Das Foto gibt stimmungsmässig deutlich mehr her als die "easy 6a" von L2 & L3.

L4, 25m, 6c: Coole und originelle Seillänge. Zuerst geht's entlang einer Fuge nach links, dann kräftig hinauf und zuletzt mit einem Runout (Pendelgefahr im Nachstieg) wieder nach rechts zurück. Insgesamt eine sehr pumpige Sache, wir meinen eher 6c+/7a.

Kräftige Kletterei, erst nach links und dann wieder nach rechts zurück in L4 (6c).

L5, 25m, 7b: Geile und ultrapumpige Seillänge! Zuerst geht's mal knifflig mit einem slabby Boulder aus dem Stand raus. Dann kommen in der athletischen Rechtsquerung zwar mehr oder weniger durchgehend akzeptable Griffe. Aber es ist sehr anhaltend und die Schwierigkeiten nehmen zu. Die Länge ist dicht gebohrt, trotzdem ist es oft recht unklar, was die beste Beta ist (untenrum, obenrum?). Matteo della Bordella hat mir geschrieben, dass er die Länge bei der Erstebegehung mit 7b+ bewertet hätte. Fände ich passender wie 7b. Ich konnte mich bis ca. 2/3 durchkämpfen, dann war der Tank aber leer. Ob ich es im Zweiten einfach so gezogen hätte. Ich zweifle... und bei einer echten 7b in diesem Style gibt es da keine Fragezeichen. 

Das Foto ist wenig repräsentativ für die ultrapumpige L5 (7b). Aus dieser Perspektive habe ich mir erst auch noch gedacht, dass dies wohl nicht so schwierig wäre. Doch schon nur vom Stand in die Position des Akteurs zu kommen erfordert einen taffen Slab-Boulder. Und mit den guten Griffen ist es danach dann bald einmal fertig...

L6, 30m, 7b+: Ganz anderer Charakter, die initiale Crux ist "heinous", d.h. ein bockharter, trittarmer Boulder an feinen Leisten auf Gegendruck, noch dazu sollte man mittendrin auch noch klippen (wie?). Diese Stelle konnten wir nicht freiklettern, ich meine im Minimum 7A bloc, möglicherweise auch mehr. Danach länger im 6c/7a-Bereich über tolle Strukturen, erst das Finish ist dann henklig-easy. Nach der Mitte befinden sich 2 BH recht neben der einfachsten Linie.

Schönes Ambiente im einfachen Finish von L6 (7b+).

L7, 50m, 6c: Eine affengeile Seillänge mit tollen Strukturen und Moves in ihrem ersten Teil. Ein Abschnitt in der Mitte ist wohl länger nass und kurz etwas dreckig - wenn trocken, stört das aber kaum. Das Finish dann einer Schuppe im Trad-Style (Cams zwingend!). Insgesamt eine easy 6c, auch das gibt's hier also. Achtung Seilzug!

Genuss mit Blick bis nach Lavertezzo am Ende von L7 (6c).

L8, 40m, 6a+: Tiefe Bewertung, aber nicht so leicht verdaulich. Zuerst reibungslastig, wobei es schwierige Stellen deutlich über dem Haken gibt, wo man unweit von der Haftgrenze dem Gummi einfach vertrauen muss. Es geht dann (für den Grad alles andere als einfach) über ein Dächli auf die Slab, welche zum Band hochführt. Dieser Teil ist tatsächlich easy (ca. 5a). Dafür stecken keine Bolts. Sofern trocken ok, doch leider sifft es hier häufig. Für uns ging es (nach einer durchaus trockenen Periode) grad so zwischen den Rinnsalen durch. Wenn es grossflächiger nass ist, kommt man da nicht hoch.

Plattige Kletterei mit weiten Hakenabständen charakterisiert L8 (6a+).

L9, 35m, 7b+: Was kann ich sagen?!? Es sieht abschreckend aus und klettern tut es sich nicht viel besser. Über die ersten 4 BH brutal kräftiger Gegendruck auf strukturloser, sandiger Wand. Ich meine, von BH #1 zu #2 min. 7A bloc und die Stelle von #3 zu #4 min. 7B bloc, jedenfalls deutlich oberhalb meiner Möglichkeiten. Wie meine Abklärungen im Nachhinein ergeben haben, wurde diese Länge ursprünglich (zuerst von MdB, danach von Erschliesser FF) nur als 7b+ mit 1pa an #3 gepunktet. Später ist das 1pa aus den Topos verschwunden, warum ist nicht ganz klar. Dem Vernehmen nach wurde sie vom starken Tessiner Nick Vonarburg befreit. Aber, und da bleibe ich dabei: für 7b+ ist das nie und nimmer zu haben. Jedenfalls: nach diesem harten Boulder geht's direkt in einen kolossal grasigen Riss, wo man sich durchs Gebüsch zu kämpfen hat (Cam #3 zwingend!). Einige Meter höher ist der Fels wieder sauber, wenn auch etwas sandig. Es wartet anspruchsvolle Wandkletterei, wobei einige der Schuppen ziemlich dumpf tönen (der Kleber, mit welchem sie befestigt waren, hat leider seinen Dienst quittiert). Zum Ende wartet dann noch eine cleane Untergriffschuppe mit tricky Exit (Cam #2 & #1 zwingend), gefolgt von einer Plattenstelle, wo sich jeder wünscht, einfach noch ein paar Dezimeter mehr Reichweite zu haben (oder die Beine ein paar Grad mehr spreizen zu können). Hinweis: der Teil ab der Grasinsel nach BH #4 ist ca. 7a (und davor heisst's für die meisten wohl A0, auch das ist nicht so easy).

Im Vordergrund die Crux der Route, an deren Ende heisst's ab durchs Gebüsch: L9, 7b++???

L10, 50m, 6c+: Fängt hart an mit einem Mantle und danach einer kniffligen Querung auf Reibung. Die Absicherung ist an sich schon gut, aber die Moves sind zwingend und es gibt irgendwie doch ein ungeschmeidiges Abschmierpotenzial. Die 6c+ passt vielleicht schon, aber halt von der plattig-harten Sorte und im Kopf muss es auch stimmen. Die zweite Hälfte ist deutlich einfacher, und aufgrund der spärlichen Absicherung nicht so einfach zu finden. Der Verlauf tendiert eher etwas nach links. Achtung Seilzug!

L11, 35m, 6a+: Flechtig ist bei dieser Seillänge nur der Vorname! Hat eher den Charakter von einem Überführungsstück Richtung Top, genussreich ist die Kletterei nicht. Auch nicht wirklich schwierig und wenn es sich so anfühlt, dann am ehesten wegen der ungewohnten Unterlage und dem spärlichen Bolting. Kleine und mittlere Cams können etwas Abhilfe schaffen. 

Wildes Ambiente in der sehr flechtigen L11 (6a+).

L12, 25m, 7a: Nein, billig kommt man nicht zur schon nahe wirkenden Wandkante. Sondern es geht mit einem Schlussbouquet durch die rutschig-glatt-flechtige, leicht überhängende Wand mit gerade ausreichend kleinen Crimps und sloprigen Rissen. Schneller als mir lieb ist, befinde ich mich in prekärer Position über dem Haken, was meinen Kampfgeist wieder aufweckt. Mittig folgt ein ziemlicher Abstand und dann wird zum Ende noch geprüft, wie viel Benzin noch im Tank ist. Nachdem zuvor schon wieder gewisse Gedanken ans endgültige Verscherbeln vom MSL-Gear aufgekommen waren, entschädigt dieser Onsight auf dem letzten Blatt doch wieder für die ganzen Mühen. 3x hatte ich mich in letzter Not vor dem Abkippen retten können (1x davon (zumindest gefühlt) weit über dem Haken) - leider geil, kann man da nur sagen! Woher diese Energie noch gekommen ist?!? Das frage ich mich ehrlich gesagt auch...

Taffe Kletterei durch die Schlusswand in L12 (7a), what an experience!

Jedenfalls, um 20.20 Uhr fand diese Kampfbegehung ihr Ende, in 9:40h zähen Ringens hatte sich die Route schliesslich beugen müssen. Da im Moment hatte ich den Eindruck, den Ansprüchen überhaupt nicht genügt zu haben. Mit etwas Distanz bilanziere ich, dass eigentlich nur die Passagen zu Beginn von L6 und L9 nicht freigeklettert waren, und das Pumpgerät in L5 nicht gepunktet. Der Rest ging auf Anhieb, vielleicht erlege ich mir einfach zu strenge Massstäbe auf?!? Wobei, am Anfang hatten wir ja auch noch eine schwierige Seillänge umgangen, von daher verbleibt vielleicht doch eher die Bezeichnung Geschnafel für diese Performance. Eines sei noch erwähnt: im Mai ist es sicherlich oft zu heiss um am Pizzo d'Eus zu klettern. An diesem teilweise bewölkten und windigen, sowie nicht allzu heissen Tag waren die Conditions aber 1a.

Auf dem breiten und flachen Gipfel vom Pizzo d'Eus.

Ganz in Alpinistenmanier liessen wir uns den kleinen Umweg zum Gipfel nicht nehmen (20.35 Uhr), bevor es via die Hütten von Eus (20.50 Uhr) zurück zum Depot beim Abzweig vom Wanderweg ging (21.15 Uhr). Wir sortierten das Gear und liefen dann mit eingeschalteten Stirnlampen zu Tal. Bis nach Hause war es noch ein weiter Weg, um 2.30 Uhr legte ich mich nach fast 22h auf den Beinen noch für ein paar Stunden aufs Ohr, bevor die Pflicht wieder rief. Tja, ohne Fleiss kein Preis, bzw. ohne Einsatz gibt's keine Eus-Route - erst recht nicht, wenn man das von der Alpennordseite als Tagestour angeht. Only for crazy people, some may think...

Facts

Pizzo d'Eus - Va Pensiero 7b+ (7a obl.) - 12 SL, 390m - F. Fratagnoli et al. 2004 - ***;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams 0.3-3

Lange und eindrückliche MSL-Route, welche in der Literatur hoch gelobt wird. Mir hat sie nicht ganz so gut gefallen. Einige Abschnitte sind wirklich sehr schön und verlaufen in hervorragend strukturiertem Gneis. Anderswo ist die Kletterei weniger prickelnd, da es sich um "unmögliche" Boulderstellen handelt, die Unterlage sandig-brösmelig ist, man sich zweifelhaften, dumpf tönenden Schuppe bedient, oder Flechten und sonstiger Bewuchs stören. Vor weiterer Punkt: die schwierigen Stellen sind hammerhart, wer sonst so 7b/+ auch mal Onsight klettert, wird da kaum eine Chance haben. Ebenso wird die Route in den bisherigen Topos als 6b/+ obligatorisch veranschlagt. Das ist für meinen Geschmack deutlich zu tief, man rechne eher mit 7a. Die Absicherung mit rostfreien BH ist meistens durchaus gut und auf Niveau xxxx. Dann aber gibt es einzelne Passagen, die aus diesem Rahmen fallen (im Text erwähnt), weshalb übers Ganze nur xxx vergeben werden können. Die Cams kommen nur relativ selten zum Einsatz, an gewissen clean gebliebenen Stellen sind sie jedoch unverzichtbar. Ein Topo und weitere Infos zum Pizzo findet man im Extrem Sud oder im SAC-Kletterführer Tessin.

Mittwoch, 12. März 2025

Pizzo d'Eus - Vai con gli amici (7b)

Wenn man in der Schweiz im Winter lange und anspruchsvolle MSL klettern möchte, dann ist das Tessin die Destination der Wahl. Und ist man insbesondere auf den Schwierigkeitsbereich um 7b/7c fokussiert, so ist es die fabelhafte Wand vom Pizzo d'Eus. Bereits wieder über 3 Jahre ist es her, seit wir in einem Doppelbesuch die Radici del Silvio und die Magic Rampit geklettert hatten. Nun waren die Bedingungen und der freie Slot im Kalender wieder einmal gegeben. Wie es um die Kletterform stünde, war hingegen eine andere Frage. Klar, gebouldert worden war schon fleissig, aber die Capacity für einen langen und anspruchsvollen MSL-Tag wurde nicht trainiert. Somit würde es wohl gleich einen ziemlichen Hammer geben, aber probieren wollten wir es auf jeden Fall.

Auf einer Klettertour am Pizzo d'Eus sieht man die Wand nur aus einer Bottom-Up-Perspektive und kann kein gutes Wandfoto schiessen. Somit ist das alles, was wir haben. Einen gewissen Eindruck vom Verlauf der Vai con gli amici gibt es aber doch. Die rote Linie beginnt jedoch erst in L4, dann ist der Verlauf bis zu L9 vor dem Band recht gut sichtbar. Ebenso sieht man noch die beiden schwierigen Seillängen, welche nach dem Band folgen.

Zustieg

Ohne Einsatz geht eine Tour am Pizzo d'Eus nicht ab, der Tag startete mit sehr frühem Aufstehen um 3.45 Uhr. Der schöne Nebeneffekt waren komplett freie Strassen Richtung Süden, so dass wir um 7.15 Uhr mit dem Zustieg starteten. Dieser hielt schon bald ein spannendes Element bereit, nämlich die Überquerung des Riale di Pincascia. Hatte diese damals bei der Cacciatori di Pareti eine Kneippkur im eiskalten Wasser erfordert, so ging es im Februar 2022 bequem von Stein zu Stein hopsend. Nun war der Winter 2025 längst nicht so trocken gewesen wie jener drei Jahre zuvor. Was das wohl hiesse? Mehr Wasser im Fluss, das war ganz sicher. Es ging gerade noch, um trockenen Fusses ans andere Ufer zu kommen. Das Fazit war aber: nur noch ein bisschen mehr an Wasser, dann wäre dem nicht mehr so. Sodann wählten wir die 2022 ausgecheckte Abkürzung via Cürt. Natürlich war der Effekt unseres Laubrechens von damals längst verpufft, aber die spärlichen Markierungen waren noch da und der Wegverlauf meist vernünftig erkennbar.

Die potenziell problematische Überquerung des Riale di Pincascia. Zugegeben, so spektakulär sieht das nun nicht wirklich aus. Der Punkt ist mehr der: wenn der Stein, der mit beiden Füssen genommen wird unter Wasser ist, dann geht's eben nicht mehr trockenen Fusses. Und dazu fehlte nicht viel, auf dem Rückweg dann übrigens sogar noch weniger.

So hatten wir keine Orientierungsprobleme und gelangten zügig in knapp 1:20h zum Punkt, wo der Wanderweg am Ende der Ketten über eine Plattenzone gegen die Wand hin verlassen wird. Wir legten ein Depot an, da wir mit Haulbag klettern wollten und die Schuhe für einen möglichen Fussabstieg mitführten. Dann machten wir uns auf zum Wandfuss, wobei noch steiles Schrofengelände (tw. Fixseile vorhanden) bewältigt werden muss. Den Einstieg kannten wir schon von früher, er befindet sich mehr oder weniger dort, wo man im Zustieg an die Wand stösst, bei einer grossen, angelehnten Felsplatte. An deren rechtem Rand befindet sich auf Brusthöhe ein Dübel ohne Plättli, die erste BH-Zwischensicherung auf 3m Höhe ist gut sichtbar (sonst jedoch nichts). Um 9.20 Uhr starteten wir schliesslich mit der Kletterei - rein sonnenbedingt wäre dies sicher schon mindestens 30, möglicherweise sogar 60 Minuten früher möglich gewesen. Zu erwähnen ist noch, dass das Einstiegsgelände wirklich extrem zeckenversucht ist. Trotz "noch Winter" und absenter Vegetation krabbelten bald einige der Viecher an einem herum.

Passt hierher, aber wichtig: die Route ist am Einstieg nicht angeschrieben! Das Foto ist vom Ende von L11, am Beginn des letzten Routenteils auf dem diagonalen Grasband, welches die ganze Wand durchzieht.

Routenbeschreibung

L1, 25m, 6a: Von der angelehnten Platte weg startet man in die leistige Wand. Den ersten BH hat man bald einmal überklettert und weil nichts liegt, droht das Einkratern auf Terra Firma. Das Gelände wird dann zwar einfacher, aber auch etwas gemüsig. Die Felsqualität ist eher soso, die Schuppen tönen alle dumpf. Ein herber Auftakt, "Augen zu und durch" muss das Motto lauten. Der zweite Teil wartet dann hingegen mit echt cooler Kletterei auf. Unter einem Dachriegel quert man im Layback an Untergriffen anstrengend nach links hinauf und muss dabei selber legen. Zuletzt dann über das Dach hinweg (BH). Taffe Sache das, ich sehe die Bewertung (im Kontext der Route) mindestens bei 6a+, eher bei 6b.

Fordernde Untergriffkletterei einem Dachriegel entlang im oberen Teil von L1 (6a hard).

L2, 35m, 6b+: Ein BH ist erst in weiter Ferne erkennbar. Aber immerhin, man sieht den Richtungsweiser und der Weg dahin an Schuppen, Rissen und Verschneidungen ist klar vorgegeben. Super Kletterei, legen kann man gut, wenn auch nicht ganz immer à discretion. Einzig der dumpfe Klang von einigen Schuppen wirft die Frage auf, wie zuverlässig die Sicherungen sind. Vom BH weg wechselt es dann auf formidable Wandkletterei, die sich erst zwar athletisch, aber gutgriffig mit lochartigen Taschen präsentiert. Ein einfacher Runout in gängigem Henkelterrain führt zu einem letzten BH vor dem Grasband-Ausstieg, für längere Zeit der letzte richtig bequeme Stand.

Steile, selbst abzusichernde Kletterei an Schuppen, Rissen und Verschneidungen in L2 (6b).

L3, 30m, 6c: Achtung, die BH direkt oberhalb vom Stand gehören zur Nachbarroute Tempo per respirare. Sie sind aber eh nicht einfach erreichbar und der Weg dem markanten, diagonal nach links ziehenden Fingerriss entlang ist klar vorgegeben, zudem sind die ersten zwei BH erkennbar. Der Riss klettert sich extrageil, es heisst wegen Trittarmut ein paar Mal entschlossen zuzupacken, bevor man zu einer angelehnten Schuppe (etwas spooky) gelangt. An dieser hangelnd oder (wer wagt es?) darauf gehend  zu BH, dann folgt ein weiter Sicherungsabstand mit Wandkletterei an den ortsüblichen, lochähnlichen Taschen - genial! Der folgende BH ist strategisch platziert, man erkenne die Optimallinie. Ziemlich viele tolle Moves sind nötig, um den Ausgangspunkt für den finalen Boulder 3m über dem letzten Bolt zu erreichen. Mitbringen tut man für diesen im Idealfall einen (wirklich kleinen) Microcam plus die nötige Körpergrösse, um ihn am Ansatz der Schuppe platzieren zu können. Weiter braucht es die Körpergrösse dann auch, um einen Seitgriff an der Schuppe zu kriegen, an welchem man seinen rechten Fuss auf Kopfhöhe platziert und sich auf einer Leiste aufrichtet. Für Kleingewachsene könnte diese Stelle eine ziemliche Herausforderung sein.

Erst ein toller Riss, dann folgt in L3 (6c) vorwiegend Wandkletterei.

L4, 25m, 6b+: Der erste BH folgt gleich nach dem Stand, aber er steckt hoch und ist tricky zu klippen. Er sichert einen Wandkletter-Boulder, der an eine kleine Verschneidung führt, in welcher man die nächsten Meter zügig gewinnt. Doch dann folgt das Problem: der nächste BH steckt etwa 4m rechts oben und muss mit einer heiklen Plattentraverse angeklettert werden. Vor Beginn dieser Passage habe ich zwar drei Klemmgeräte gelegt. Die Placements sind aber alle flared und meines Erachtens nicht zuverlässig. Einen Sturz darf man da keinesfalls riskieren: er wäre weit, Faktor >> 1 und das Risiko von einem Zusammenprall aus 10m Höhe mit der Sicherungsperson ist auch da. Die Stelle ist vielleicht schon nur ca. 6a/6a+, aber unangenehm, balancy und (auch mit Kraftreserven) schwer kontrollierbar. Kurzum, ein ziemlicher Mist. Zum nächsten BH geht's dann einfacher, der steckt aber hoch und erfordert einen Umweg. Nachher gibt's dann noch 10m horizontale Plattenquerung "senza fix", aber es kommt mittig noch ein gutes Placement. Im Vorstieg passt's schon, im Nachstieg hingegen ist es recht giftig.

Jetzt bloss nicht stürzen! Es sind hier in L4 (6b+) von der Position des Kletterers nochmals ca. 3m zum nächsten BH und die gelegten Cams sind leider in keinen zuverlässigen Placements. Zudem spielt sich dieser Runout wie man sieht in Gelände ab, welches auch noch feucht/nass sein kann. Dann wäre da eh finito, bei uns hatte die Sonne den während dem Zustieg noch präsenten Wasserstreifen abgetrocknet.

Plattige Querung am Ende von L4 (6b+), für den Nachstieg eher ungünstig abgesichert.

L5, 20m, 6c: Nochmals eine supercoole Seillänge! Wandkletter-Auftakt, wo der eine BH optimal steckt, ein bisschen kann man noch ergänzen. Wenn man die Linie findet, geht's gut auf. Die führt zu einer rissigen Steilstufe, wo zwingend und recht athletisch gejammt werden muss. Für diese Stelle sind Risshandschuhe komfortabel. Der Exit aus dieser Passage erfordert dann die Bedienung des (im O-Ton von Viktor) "grössten Slopers im Tessin". Tricky Sache, zudem auch zwingend mit den Füssen über dem letzten Cam. Man schiebt und stützt sich schliesslich hinauf zu einer letzten Hangelquerung, auch diese will mobil gesichert werden.

Ausblick auf die tolle L5 (6c), welche zur Überhangzone heranführt.

Nochmals anspruchsvolle Sloper Hugging Stelle am Ende von L5 (6c), legen geht erst danach wieder.

L6, 25m, 7b: In dieser Seillänge wird der fette Überhang bezwungen, welcher mittig die Wand durchzieht. Die Sache beginnt mit einem, gängigen, griffig-rissigen Auftakt, wo das Platzieren von ein, zwei Cams nicht verkehrt ist. Nach einer letzten Ruhepause gilt es dann ernst, wobei vorerst Schuppen mit kernigen Henkeln warten, die einen in eine luftige Position bringen. Gegen das Ende hin werden die Griffe trotz bleibender Steilheit kleiner und es folgt die Crux. Nicht einfach zum Onsighten meine ich - doch schon die Angabe vom Grund warum das so ist, wäre zu viel verraten. Immerhin, die Erschliesser haben uns Wiederholern die Sache einfacher gemacht, indem sie im Bereich der härtesten Moves zwei Dübel wieder abgebrochen haben. Somit muss auf dem Cruxabschnitt nur 1x statt 3x geklippt werden 🙄 Kraftsparend also, aber mit entsprechendem Effekt auf die Verpflichtung, die Stelle obligatorisch klettern zu müssen. Zum Stand hinauf gilt es dann noch etwas Rési zu beweisen - fehlt diese, könnte man auch da noch abgeworfen werden.

Im Ausstieg von L7 (7b) ist noch etwas Biss nötig.

L7, 30m, 6c: Ein Abschnitt mit steiler (+/- senkrechter) Wandkletterei, welcher aufgrund der spärlichen Absicherung nur so mässig Freude macht. Den ersten BH erreicht man noch bald einmal, doch dann turnt man direkt über dem Stand eine Weile rum, bis die zweite Sicherung einschnappt. Weitere sind aus dieser Position keine erkennbar. Bzw. jene die etwas rechts erkenn- und erreichbar sind, gehören zur hier nahe verlaufenden Tempo per respirare (8a) und sind die falsche Adresse. Es geht mit einem längeren Abstand gerade hinauf. Im Rückblick ist das schon griffiges, nicht wirklich schwieriges Terrain. Aber ohne dies zu wissen und ohne klare Orientierung ist es einfach ein Mist. Man riskiert aus über 15m Höhe einen Sturz mit Faktor >1 und ob man einen allfälligen Flug am Sicherungspersonal vorbeisteuern könnte ist unsicher. Zum Stand hin dann weiterhin Runout, das Gelände legt sich aber etwas zurück. PS: legen kann man auf dieser Seillänge kaum zuverlässig.

Steile Wandkletterei in toll strukturiertem Fels, aber (zu) knappe Absicherung in L7 (6c).

L8, 25m, 6c: Im gleichen Stil wie in der Länge davor geht es weiter. Die ersten beiden BH kommen bald einmal nach dem Stand (der zweite ist etwas rechts versteckt und könnte übersehen werden). Bis zum Stand gibt's dann nur mehr einen weiteren BH - wobei man sich dank der zurücklegenden Steilheit hier immerhin nur von No-Hander zu No-Hander vorwärtskämpfen muss. Mitten in einem weiten Abstand bietet eine Schuppe ein gutes Placement für den 0.3er Cam. Nur leider tönt sie dumpf/hohl, das Bomber Placement ist es somit leider nicht. Zur Bewertung muss man noch sagen, dass wir die 6c hier nicht nachvollziehen konnten. Nach meinem Empfinden war es bis zu diesem Punkt sogar der einfachste Abschnitt der Route.

Dito L7 kann man hier sagen, wobei: L8 (6c) ist weniger steil und kam uns deutlich einfacher vor.

L9, 40m, 6b+: Vom Stand zum gut sichtbaren ersten BH, nach diesem folgt ein langer, athletischer Move, der etwas Entschlossenheit verlangt. Der wahnwitzig erscheinende Runout zum nächsten Silberling kann tatsächlich nicht mobil entschärft werden. Zum Glück entpuppt sich die Kletterei als gutmütiger wie befürchtet, einfach ein Sturz liegt nicht drin. In diesem Stil geht es auch weiter (relativ einfache, ziemlich griffige Kletterei bei weiten Abständen), bis es zum Schluss plattig und glatt wird. Dieser Abschnitt kann vom Band oberhalb besifft werden - das Hochkommen funktioniert aber u.U. trotzdem, weil die BH da näher stecken. In freier Kletterei ist der Klipp des letzten allerdings tricky, denn auf die Lasche desjenigen darunter zu stehen wäre zwar die bequeme Lösung, gilt aber halt nicht. Wobei man sagen muss, dass da schon etwas knifflig-feine Reibung wartet, für eine Reibungs-6b+ ist es dann allerdings auch wieder relativ gutmütig.

Am Ende von L9 (6b+) wartet ein glatte, knapp strukturierte Platte. Gut gesichert, aber wohl oft nass.

L10, 20m, 4a: Kurz im Fels und dann ins Gras, das ist das Motto. Es geht nicht etwa direkt voraus, sondern rechts über die geneigte Platte. Obwohl die Erschliesser sonst mit den BH eher gegeizt haben, stecken hier in kurzem Abstand zwei Exemplare- wohl weil dieser Abschnitt oft feucht, dreckig und glibberig ist. Bei unserer Begehung traf dies zu und in diesem Zustand war der Abschnitt nicht in freier Kletterei zu bewältigen. Nachher dann geradeaus hinauf zu BH-Stand am Fuss der oberen Wand.

Querung über das Band (L11): easy, aber das verdorrte Gras ist extrem rutschig!

L11, 40m, Gehgelände: Es folgt nun eine Traverse über das Band nach rechts hinunter. Man passiert dabei erst den Stand von Tempo per respirare, dann jenen der Magic Rampit und erst nachdem man etwas um die Ecke gebogen ist, folgt dann jener für die Fortsetzung der Vai con gli amici. Es sind zwei normale, unverbundene Laschen (keine Ringe o.ä.), im März 2025 war der Routenname auch mit Farbe angeschrieben (siehe Foto oben im Abschnitt Zustieg).

Abstieg

An diesem Punkt endete unsere Begehung der Route. Der Routenverlauf im oberen Wandteil mit fünf weiteren, mutmasslich sehr anspruchsvollen Seillängen (6c+, 7a, 7a+, 6a, 5a) lag bereits schon seit einer Weile wieder im Schatten. So drückte die Feuchtigkeit wieder aus den Bändern uns Rissen. Noch viel mehr war uns aber die Zeit davongelaufen. Die Uhr war bereits auf 17.20 Uhr vorgerückt, es blieb nur noch eine knappe Stunde an Tageslicht. An Kraft und Motivation zum Weitermachen hätte es nicht unbedingt gefehlt, doch so machte dies natürlich wenig Sinn: zum Top wären wir höchstens mit einer ausgedehnten Nachtaktion gekommen. Natürlich hatten wir dies bereits am Ende von L9 erkannt, jedoch wollten wir den oberen Routenteil noch aus der Nähe inspizieren und nahmen die Mühsal der beiden gemüsigen Seillängen im Bereich des Bandes auf uns. Nun galt es, diesen Teil wieder rückgängig zu machen. D.h. zurück über das Band, welches zwar gut begehbar ist, doch wegen dem extrem rutschigen, trockenen Steilgras trotzdem gesichert werden sollte. Es folgt dann eine kurze Abseilstrecke zu Stand 9, von wo es dann sehr zügig in 5 steilen und teils sehr luftigen Manövern retour geht (9 -> 8 -> 6 -> separater Abseilstand einige Meter unterhalb von 4 -> 2 -> Einstieg). 

Hier wäre die Fortsetzung. Die Route führt nach einer 6c+ in Wandkletterei über zwei Seillängen (7a, 7a+) in den Rissen unter dem gut sichtbaren Dachbogen weiter. Wobei ein Stück offenbar nicht kletterbar ist und mit einem diagonalen Abseiler erschlichen wird. Maybe another time...

Im letzten Tageslicht stiegen wir entlang der Fixseile über die steilen Schrofen ab. Das war durchaus etwas heikel, denn von der Feuchtigkeit überronnene Granitplatten mit Laubauflage bilden einen sehr heiklen Mix, so dass wir an einer Stelle sogar noch einen kurzen Abseiler von einem Baum zogen. Zurück am Weg verpufften wir unser Material, nahmen einen Vesper ein und liefen dann um 18.50 Uhr im Schein der Stirnlampen los. Über unseren Aufstiegsweg (d.h. die Cinghiali-Abkürzung via Cürt) waren wir in gut 50 Minuten retour beim Parkplatz. Auf Kneippkur und Stahlseilhangeln konnte auch auf dem Rückweg verzichtet werden, die Flussüberquerung trockenen Fusses war aber ein Parcours-Gustostücklein und ging nur knapp. Somit verblieb der lange Heimweg mit ausreichend Gelegenheit zur Kontemplation.

Abseilen über den Grasteil von L10 (4a).

Epilog

Während der Fahrt (und auch jetzt mit distanziertem Rückblick) wurde zwar ein toller und sehr erlebnisreicher Klettertag bilanziert, welcher auch kletterstreckenmässig mit ~300m reich gefüllt war. Jedoch traten auch Fragen auf den Plan, welche die Sinnhaftigkeit vom Klettern solch teilweise (zu) spärlich abgesicherter Routen betraf. Kurzum: zur Zeit sehe ich den Reiz des Klettersports in erster Linie im Ziehen von (für mich) physisch harten und koordinativ anspruchsvollen Moves in einer sicheren Umgebung. Bzw. eben genau *nicht* beim Ausführen von an sich einfachen Bewegungen in einem gefährlichen Environment. Und obendrein: psychisch anspruchsvoll im Sinne von dass man sich zwingend im Kopf zu überwinden hat, muss es auch nicht sein. Was natürlich die Frage aufwirft, ob denn MSL-Klettern mit einer solchen Einstellung überhaupt noch die richtige Tätigkeit ist 🤔 Wobei ich den Reiz vom Klettern in einer hohen Wand mit vielen Seillängen an einem Tag nach wie vor verspüre. Vielleicht muss ich einfach sorgfältiger bei der Auswahl der Routen sein. 

Trotz allem: schön war's! Und wie man sieht: im Tessin ist es auf dieser Höhe nordseitig winterlich.

Noch etwas spezifischer in Bezug auf die gekletterte Route: in der Vai con gli amici könnte ein Sturz am falschen Ort teilweise erhebliche Konsequenzen nach sich ziehen (weite, schlecht kontrollierbare Stürze, unfreundliches Landegelände, Zusammenprall mit der Sicherungsperson). Und eine gewisse Eintretenswahrscheinlichkeit ist auch mit entsprechenden Können gegeben: klar, ultrahart sind diesen exponierten Runouts schliesslich nie. Aber teilweise eben doch mit 6a/6a+/6b-Kletterei, welche wacklig, gewagt und nicht jederzeit nach Belieben an guten Griffen reversibel ist. Neben dem Risiko wird aber auch die Kletterei so ein ständiger Eiertanz. Neben dem Landschaftserlebnis ist der Kletterflow für mich ein wesentlicher Aspekt vom Reiz der MSL-Kletterei. Und diesen Fluss findet man halt kaum, wenn man beständig nach (dann sowieso wieder kaum brauchbaren) mobilen Möglichkeiten, der Linie oder einer halbwegs stabil-sicher durchführbaren Sequenz sucht und nur im Schneckentempo vorankommt. Der Clou dabei ist auch noch, dass auf den von uns gekletterten 11 Seillängen nur (aber doch) 35 Zwischen-BH stecken. Es bräuchte keine 10 Stück mehr, damit man die Route (inkl. der zuverlässigen mobilen Möglichkeiten) als einwandfrei gut abgesichert taxieren könnte. In diesem Sinne wirkt die Sache irgendwie doppelt schade und wie eine verpasste Gelegenheit...

Facts

Pizzo d'Eus - Vai con gli amici 7b (6c+ obl.) - 16 SL, 465m - Fratagnoli/Petazzi 2012 - ****;xx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Camalots: 1x Micros bis Grösse 0.2, 2x 0.3-0.75, 1x 1-2, Keile

Eigentlich ist schon fast alles gesagt: die Kletterei ist an sich hervorragend und bietet einen Mix von griffiger Wandkletterei und Trad-Moves an Rissen, Verschneidungen und Schuppen, ein paar wenige Slab-Passagen trifft man auch an. Die Felsqualität ist durchgehend prima mit oft erstaunlicher Struktur. Ob den seltenen Begehungen ist die Oberfläche teils etwas sandig-brösmelig, manch eine Schuppe tönt etwas hohl und gewisse (eher kurze, aber u.U. doch entscheidende) Passagen können nach Regenfällen oder im Winterhalbjahr nass sein. Wo mobil gesichert werden kann, stecken so gut wie nie Bohrhaken. Das Problem besteht jedoch mehr darin, dass nicht überall dort wo nicht (zuverlässig) mobil gesichert werden kann, Bohrhaken stecken. Die Crux-Passagen sind vernünftig geboltet und generell kann man sich schon recht gut darauf verlassen, dass dort wo es dann definitiv anspruchsvoll wird, ein BH steckt. Trotzdem, es verbleibt ein substanzieller Rest von Passagen mit nichttrivialer Kletterei, der schlicht und einfach ungenügend abgesichert ist. An Gear sollten ein paar Microcams nicht fehlen, an den Grössen um die 0.4 herum kann man kaum genügend haben (mind. doppelt, dreifach auch nicht verkehrt!). Die grossen Cams kommen nur selten zum Einsatz, die mitgeführte Grösse 3 haben wir sogar gar nie gebraucht (aber Achtung, wir haben die Route nicht bis zum Ende geklettert, evtl. braucht es sie im oberen Wandteil!). Topos und Infos zu den anderen Routen am Berg findet man im Extrem Sud von Filidor oder im SAC-Kletterführer Tessin. Anbei die Toposkizze der Erschliesser, aufgepeppt mit BH-Symbolen und einigen Kommentaren.

Toposkizze der Erschliesser, aufgepeppt mit den Sicherungssymbolen.