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Freitag, 13. September 2019

Tour Termier (3070m) - Ponant Neuf (6a+)

An den hohen Kalkbergen im Massif des Cerces in der Nähe vom Galibier-Pass, da wollte ich schon seit langer Zeit einmal klettern gehen. Ja noch nicht einmal den berühmten Pass selber hatte ich je besucht, wegen der Tour de France eine richtige Bildungslücke bei einem generell sportinteressierten Menschen. Doch bei unserem bisherigen Familientrips in die Dauphiné gab's bisher dort oben noch nichts zu holen. Zu rau, zu alpin, zu weitläufig ist die Gegend, um mit den Kindern eine MSL angehen zu können. Doch die Zeiten schreiten voran und eine Route durch die steile Wand des dolomitisch anmutenden Tour Termier mit seinem rötlich-gelben Fels war in den Bereich des Machbaren gerückt.

Petite fille - grande paroi! Die SW-Wand des Tour Termier (3070m) am Col du Galibier gibt echt was her!
Unsere Tour startet wenig unterhalb der Passhöhe bei der Kehre auf 2500m. Extrem viele Velofahrer sind unterwegs und da ist auch ein professioneller Fotograf präsent, der alle ablichtet und die Bilder danach verkauft. Allerdings muss man sagen, dass an dieser Stelle auch das Panorama phänomenal fotogen ist, mit den vergletscherten Bergen um die Meije und die Barré des Écrins in Griffnähe. Unsere beiden noch rekonvaleszenten Familienmitglieder können noch nicht dabei sein und müssen sich wandernd auf zwei leicht erreichbare Gipfelziele in der Nähe vom Pass beschränken. So schultern Larina und ich um 11.00 Uhr unsere Säcke und machen uns auf den Weg. Ein früher Start ist bei stabilem Wetter für die Routen am Tour Termier wenig sinnvoll, da die Wand erst ab Mittag in der Sonne steht. Der Zustieg führt über eine Distanz von rund 2km +/- horizontal dem Hang entlang. Die aufregendste Passage ist die Querung einer erodierten Runse, die etwas Kletterei im Dreck erfordert. Nach und nach rückt dann die Wand näher ins Blickfeld. Wir können uns nicht mehr halten und steuern diese direkt übers Geröllfeld an. Das geht ohne allzu grosse Mühsal, trotzdem wäre der Weg rechtsrum und dem Wandfuss entlang vermutlich bequemer (wenn auch kaum schneller).

Aufbruch von der grossen Kehre wenig unterhalb des Col du Galibier an einem fantastischen Bergtag.
Nach 1:10h Gehzeit sind wir vor Ort. Bisher hatten wir uns noch gar nicht ganz fix für eine Route entschieden, gibt's doch am Berg viele lohnende Möglichkeiten. Rein von der Linie her und für den ersten Besuch scheint es aber logisch, am direkt zum Gipfel führenden Pfeiler zu klettern. Eine gerade zu klettern beginnende Seilschaft verkündet, in die 'Ponant Neuf' zu wollen. Ich bin mir aber schliesslich nach der Konsultation von Plaisir Süd, Topoguide und C2C zu 99.9% sicher, dass sie sich vertan haben und in die 'Boucs en Stock' (ehemals 'Termie-née') starten. Somit ist die nominell einfachste Route in diesem Wandbereich ja frei und für uns die logische Wahl. Die Angabe von "13m links" der einfacher identifizierbaren 'Feu Sacré' stimmt exakt - der Einstieg ist bei einer einfachen, kaminartigen Verschneidung, die BH sind nicht (gut bzw. auf den ersten Blick) sichtbar. Die 'Boucs en Stock' befindet sich weitere 7-10m links und führt auf den ersten Metern über eine kompakte Wand mit einem auffälligen, ca. 1m dicken, horizontalen weissen Streifen, der erste BH ist auf 3m Höhe gut sichtbar. Um 12.30 Uhr starten wir in die Route - die falsch gestartete Seilschaft brach ihre Tour übrigens nach L1 ab und ging wieder heim.

Der Zustieg verläuft durch eine sehr schöne Gegend (unten der Col du Lautaret, hinten das Massiv der Meije) und geht relativ mühelos vonstatten. Netto sind total rund 400hm bis an den Einstieg zu überwinden.
L1 & L2, 45m, 6a: In L1 einfache Kletterei (3b) durch die bereits erwähnte, kaminartige Verschneidung und noch etwas weiter aufwärts zu fakultativem Stand vor der nächsten Wandstufe. Wir haben diesen gerne genutzt, weil am Einstieg auf die Schnelle kein guter Fixpunkt zum Sichern zu schaffen war. Danach sehr schöne, athletische und grossgriffige Kletterei auf der nominellen L2.

Schöne, steile und griffige Kletterei in L2 (6a).
L3, 30m, 6a+: Einem Riss entlang gemütlich links hinauf, die Crux besteht aus einer kurzen Linksquerung an dessen Ende. Mit etwas Reichweite ist die Stelle problemlos, doch auch die Kleinen können es freiklettern.

Cool unterwegs in L3 (6a+). Selbst an diesem Hitzetag, bei prallem Sonnenschein und grundsätzlich windarmen Verhältnissen war ein Pullover gar nicht so verkehrt. Das bringt mich zum Schluss, dass es hier oben wohl an vielen Tagen zu kalt zum genussreichen Klettern ist.
L4, 35m, 5c: Zuerst ein bisschen gesucht aber schön über die steile Platte, diese Stelle wäre wohl auch links umgehbar. Danach noch eine griffige Stufe, bevor man über einige Aufschwünge leichter zum gemeinsamen Stand mit der 'Bouc en Stock' klettert.

L5, 40m, 6a: Achtung Verhauergefahr! Die offensichtliche Linie am Pfeiler ist die 'Boucs en Stock'. Um weiter der Ponant Neuf zu folgen, klettert man nur kurz am Pfeiler, quert dann das Couloir nach rechts, um sehr schön steilplattig an zerfressenem Fels und Wasserrillen in die Höhe zu turnen. Diese Länge wird teils als weiter abgesichert/expo beschrieben, was für mich nicht nachvollziehbar war. Der bequeme Stand auf dem Band ist gemeinsam mit der 'Feu Sacré'.

L6, 25m, 5c+: Die Crux gleich vom Band weg, es geht noch einige Meter hinauf, bevor ein einfacherer, horizontaler Quergang nach links folgt. Die Absicherung ist auch hier ziemlich gut ausgefallen, allerdings wäre es doch ungünstig, wenn der Nachsteiger gleich nach dem Aushängen einen Sturz hinlegt. Das ist insbesondere zu beachten, da im Quergang die Felsqualität für einmal etwas auf der splittrigen Seite ist.

Im Quergang von L6 (5c+). Der Fels sieht hier auf dem Foto schauderlich splittrig aus. Sicherlich handelt es sich hier nicht um den attraktivsten Abschnitt der Route, zu klettern ist's allerdings deutlich weniger schlimm, wie es den Anschein macht.
L7 & L8, 50m, 6a: Wenig linkshaltend geht's mit etwas kniffliger Wandstelle in die grosse Rinne/Verschneidung, der gut sichtbare Stand der 'Boucs en Stock' gibt die Richtung vor. Wenig rechts davon befindet sich auch ein (Zwischen)stand der Ponant Neuf. Wer nicht über ausreichend verlängerbare Exen verfügt oder sich nicht traut diese zu nutzen, macht besser Gebrauch davon. Danach noch kurz weiter im Bereich der Rinne/Verschneidung, bevor man wieder nach rechts in die Wand hinauszieht. Es folgt schöne, genussreiche Kletterei ohne allzu grosse Schwierigkeiten.

Easy peasy in L8 (6a)
L9 & L10, 45m, 5c: Ein weniger attraktives Teilstück folgt der etwas grasigen Verschneidung/Rinne über 25m bis zu einem unmittelbar neben der Route gelegenen (Abseil)stand, den man gut auch auslassen kann. Die zweite Hälfte misst rund 20m und beinhaltet einen steilen Doppelriss, der athletische Kletterei bietet. Für den Grad 5c fand ich das nicht geschenkt.

Steile, aber super griffige Risse warten am Ende von L10 (5c).
L11 & L12, 40m, 6a+: Superschöne, luftige Wandkletterei in beinahe korallenartigem Fels bestimmt den ersten Teil dieser Doppelseillänge (25m, 6a). Über eine Schuppe gelangt man zum direkt auf der Route gelegenen (Abseil)stand. Diesen zu nutzen ist eher sinnvoll. Die folgende, querende Passage ist die klettertechnische Crux. Sie ist in 1 Seillänge nur dann sinnvoll und geniessbar, wenn man vor und in der Querung sowie in der Crux ausschliesslich mit 60cm Alpine Draws operiert. Bei der eher unübersichtlichen, kleingriffigen Schlüsselstelle wurde m.E. auch der Schwierigkeitsgrad etwas nach unten homogenisiert, zudem stecken auch die Haken eher für A0 optimiert (?!?). Möglicherweise habe ich jedoch nicht die beste Lösung gefunden (spielt für mich in diesem Grad ja nicht so eine Rolle).

Unter genauer Beobachtung in der Crux der Route (L12, 6a+).
L13, 40m, 6a: Hier gibt es 2 Optionen. Man könnte entweder in 2 kurzen Seillängen nach links luftig über die 'Boucs en Stock' aussteigen. Oder man wählt wie wir den originalen Ausstieg rechts. Der Beginn sieht eigentlich trivial aus, ist aber schwieriger zu klettern wie man meint, es handelt sich tatsächlich um die Crux der Seillänge. Danach rechts um die Ecke in einer Verschneidung in griffigem Gelände aufwärts. Einige Griffe bedürfen der Prüfung, ich würde den Fels aber bis zuoberst als gut bezeichnen. Der Stand befindet sich 4-5m unter dem Gipfel, man kann jedoch alternativ auch jenen ganz am Top verwenden.

Bravo la fille! Das Top souverän erreicht.
Wenige Minuten vor 17.00 Uhr und damit nach rund 4:30h Kletterzeit sind wir beide am Top auf 3070m und geniessen die fantastische Aussicht über die französischen Alpen. Es ist der höchste Gipfel, den Larina bisher erreicht hat und erst noch über eine lange und ziemlich schwierige Kletterroute, bravo! Für den Rückweg gibt's verschiedene Optionen: als am schnellsten und besten gilt der rückseitige Fussabstieg, während das Abseilen in der Literatur als eher suboptimal und etwas steinschlägig beschrieben wird. Als letzte Seilschaft unterwegs hatten wir trotzdem auf letztere Option gesetzt und im Rückblick muss ich sagen, dass dies tiptop funktioniert hat. Direkt vom Gipfel sind es 7 Manöver (Top - Stand 11 - Stand 9 - separater Stand - Stand 5 - separater Stand - separater Stand). Nach ca. 40 Minuten sind wir zurück am Wandfuss, wo wir die Ausrüstung zusammenlegen und die zurückgelassenen Vorräte aufessen. Nach einer gütlichen Pause machen wir uns auf den Rückweg. Wir rutschen über's Geröllfeld runter (die Körnung manchmal leider etwas grob) und gehen dann in der Abendsonne den horizontalen Pfad zurück. Ja, den werden wir sicher wieder einmal beschreiten, sehen doch die anderen Touren an diesem Berg so verlockend und herausfordernd aus! Exakt um 19.00 Uhr schliesst sich der Kreis zurück an der Passstrasse, das auf diese Zeit bestellte Familientaxi ist schon da. In der Galibier-Gegend ist der Mobile-Empfang lückenhaft - so hatte ich mit einer Totalzeit von 8:00 Stunden kalkuliert, was schliesslich fast auf die Minute perfekt gepasst hat :-)

Facts

Tour Termier - Ponant Neuf 6a+ (6a obl.) - 13 SL, 350m - J.M. Cambon 1999 - ****;xxxx
Material: 1x bzw. 2x50m-Seile, 10-14 Express (je nach Standplatzwahl), Keile/Cams nicht nötig

Fantastische und anhaltende Kletterei im Bereich 5c/6a, welche durch eine imposante, steile Wand auf einen über 3000m hohen Gipfel führt. Es wartet ein Wechsel zwischen griffig-athletischen Passagen und Steilplattenkletterei in meist vorzüglichem Kalk. Einige etwas 'gschüderige' Bänder trüben den Eindruck kaum. Die Absicherung ist wie bei den modernen Touren vom JMC üblich prima ausgefallen. Die schwierigen Stellen sind nahezu klettergartenmässig gebohrt, die einfacheren etwas weiter, es bleibt jedoch alles im grünen Bereich. Mobile Sicherungen werden daher für die meisten Kletterer nicht vonnöten sein. Zu beachten ist, dass man sich hier doch an der Schwelle zum Hochgebirge bewegt. Sprich, ist's nicht sommerlich warm und wolkenfrei, so muss man sich unter Umständen warm anziehen. Es kommt hinzu, dass die SW-Wand erst am Nachmittag so richtig von der Sonne beschienen wird. Ein Topo findet man in diversen Auswahlführern (u.a. Plaisir Süd, Plaisir Selection, Topoguide) sowie auch im Oisans Nouveau Oisans Sauvage Est von Erschliesser JMC.

Yep, nochmals dasselbe Foto wie oben, hier aber mit Routenverlauf und den von uns genutzten, separaten Abseilständen.

Donnerstag, 15. August 2019

Sanetsch - Chratz Bürschtä (6b+)

Auf dem Sanetsch war ich 1995 das erste Mal. Mit einem Kollegen wurde oben biwakiert und wir kletterten einige für uns damals anspruchsvolle und eindrückliche Touren wie die 'Follomi' (6b+) oder 'Les zeros sont fatigués' (6a+). Noch nicht einmal in meinen kühnsten Träumen hatte ich mir damals ausgemalt, dass ich 24 Jahre später mit meiner Tochter zum Klettern hierher käme. Aber times-they-are-a-changing und jetzt war es soweit! Ich hatte mir ausgedacht, dass wir auf dem "Heimweg" von Chamonix vielleicht noch 2-3 Tage hier oben verbringen könnten. Denn am Sanetsch ist's einfach super, nur kommt man viel zu selten da rauf - aus dem Züri Oberland ist's einfach viel zu abgelegen. Nun denn, mit einem mehrtägigen Aufenthalt wurde es nichts, aber eine gute Tagestour liessen wir uns nicht entgehen!

Paroi des Montons - immer wieder schön, hier oben auf dem Sanetsch zu sein. Unsere Route eher im rechten Teil der Wand!
Die Kurverei aus dem Rhonetal hinauf zur Passhöhe ist ja nicht eben kurz. Besonders witzig ist aber, dass man dabei das Dorf Erde passiert. Oben sieht's ja schliesslich ein wenig wie auf dem Mond aus, passt also. Als wir dann endlich da sind, lockt wie eh und je die Paroi des Montons. Durch das Blockchaos geht's hinauf. Ich kann mich noch ganz genau erinnern, wo wir damals das Zelt platziert hatten, gewisse Dinge sind offenbar fix auf der Festplatte eingebrannt. Unbedingt speichern sollte man auch, dass man für die Touren im rechten Teil der Wand beim grossen Block mit den eingerichteten Routen (unscheinbar!) rechts abzweigen soll und nicht dem markierten Pfad hinauf zum Hauptsektor zu folgen hat. Dies dauert erheblich länger, die Querung unter der Wand ist unerquicklich!

Im Zustieg, gerade etwa beim Einstieg der 'Follomi'. Der Pfad der Wand entlang ist nicht überall so bequem.
Wir hatten indes noch die Routenwahl zu treffen. Beim einen oder anderen Besuch im Lauf der Jahre waren mir bereits etliche der leichteren Klassiker bis und mit der 'Douce Violence' (satt 6c) geglückt. Hingegen fehlen im Palmares die richtigen Sanetsch-Knaller mit klingenden Namen à la 'Axis' (7a) oder 'Chemin des Extremes' (7b). Wiewohl, auch für den heutigen Tag wäre dies ein zu gewagtes Unterfangen gewesen. Wir entschieden uns schliesslich für die 'Chratz Bürschtä' (6b+) mit dem Grund, dass sie im Plaisir Selection gelistet ist und der Tatsache, dass die 'Elite des ménages' (6b+) im selben Wandteil bei meinem ersten Besuch ein echter Meilenstein für mich gewesen war. Um 13.30 Uhr standen wir bereit unter der Wand, es konnte losgehen. Noch frappant: von weitem sieht die Paroi des Montons so unnahbar, kompakt und genial aus. Von direkt darunter ist der Anblick aber dann eher etwas enttäuschend. Davon sollte man sich aber nicht abhalten lassen, die Kletterei ist dann nämlich doch formidabel.

Kein sonderlich gutes Foto, aber man erkennt hier doch +/- die Wand und den Verlauf der Route. Der orange Teil figuriert noch als Zustieg, bzw. ist unsere L0. Danach sind 3 Seillängen ziemlich gut nachvollziehbar, die vierte noch so halb und die letzten beiden, sich wieder zurückliegenden Seillängen nur noch rudimentär.
L0, 40m, T5+, 2a: Mit entsprechend Erfahrung läuft dieser Abschnitt noch unter Zustieg und einen erfahrenen Wendenkletterer wird es mässig beeindrucken. Die Kraxelei ist aber recht steil und bald einmal gehörig exponiert, runterfallen liegt da nicht drin. Keine Frage, hier haben wir also schon gesichert.

L1, 30m, 5c: Aus der Nische raus geht's gleich exponiert los, um oberhalb von dieser nach rechts zu queren. Nachher dann gerade hinauf, wo man schon richtig auf die Füsse stehen muss. Die Reibung und der Fels sind aber exzellent. Für den Grad aber eine richtig fordernde Sache. Der Stand ist zum Schluss links im Couloir zu finden.

L2, 30m, 6a: Coole Steilplattenkletterei à la Wenden oder Rätikon. Die Absicherung bemisst sich ebenfalls eher an diesen Vorbildern wie an einer Plaisirroute, sehr ehrlich angeklettert sein wollen die Haken dazu auch noch. Da muss sich der Vorsteiger seiner Sache schon richtig sicher sein, ansonsten kann man sich hier auch gröber wehtun. Kein Gelände jedenfalls, wo ich zurzeit meine Tochter vorgehen liesse.

Sehr schöne, aber taffe Steilplatte in L2 (6a) - von unterwegs im Rückblick fotografiert.
L3, 35m, 6b+: Beim Start gleich direkt über den Überhang, mit genügend Körpergrösse ist das kein Problem (sonst schon, rechtsrum geht's auch einfacher). Dann kurz hinauf und links um die Ecke. Hier geht's originell entlang von einem Hangelriss in athletischem Gelände überhängend aufwärts, die Haken stecken deutlich näher. Für den Grad auch nicht geschenkt!

Ein Blick auf L3 (6b+) im Grossen: nach dem Startüberhang über die Platte zum athletischen Teil.

Die hängt nicht etwa im Seil, sondern hat hier im Überhang tatsächlich einen Drop-Knee-Toehook No-Hand-Rest gefunden, echt sehr bemerkenswert. Tja, genügend Weltcups live und Adam Ondra Videos geschaut um zu merken, wie man sich das Klettern möglichst einfach macht. Seitdem werden an allen möglichen und unmöglichen Positionen solche Positionen gesucht. Klettern ist halt eben auch Spielen!
L4, 35m, 6b+: Zum Auftakt gleich powerige, athletische Kletterei an Seitgriffen. Ausspreizen und mit Gegendruck Haftung auf die Füsse bringen heisst die Devise. Notfalls geht's wohl dank der Haken auch A0. Den Preis für die Komfortabsicherung zahlt man dann aber danach. Im steilplattigen Gelände geht's fordernd und mit weiten Abständen voran. 6a+ obligatorisch ja, aber auch 3m über dem Haken ohne gescheite Griffe in der Hand!

Im Vordergrund die fordernde und ziemlich weit abgesicherte Steilplatte am Ende von L4 (6b+).
L5, 35m, 5c: Zum Auftakt gleich bouldrig-powerig über den Überhang, nach üblichem Plaisir-Massstab der in Chamonix gekletterten Routen sicher eher 6b als 5c. Danach einfacher zur Kalksandsteinzone, wo auf einmal im sehr runden Fels an Slopern operiert werden muss, auch nicht trivial aber sehr speziell!

L6, 30m, 5c: Auf dem Band 5m nach links (der dortige Stand wurde abmontiert) und an guten Griffen über den Überhang hinauf (Felsqualität nicht restlos überzeugend). Man erreicht ein exponiertes Band, auf welchem man nach rechts zurückkehrt und dann erneut athletisch über einen Riegel die Ausstiegswiese erreicht. Achtung, lange Schlingen verwenden, damit man sich nicht ausbremst.

Nochmals einen No-Hand-Rest gefunden. Hier in der Quarzsandsteinzone am Ende von L5 (5c).
Um 16.45 Uhr und damit nach 3:15h Kletterei waren wir am Top. Die Kletterei war doch ein ganzes Stück fordernder ausgefallen, wie ich mir das gedacht hatte. Einerseits bezüglich der Absicherung, andererseits bezüglich der Bewertungen und die athletische Zone in den Längen 3 und 4 hatte ich so auch nicht auf dem Radar. Standesgemäss gelang mir eine lupenreine Begehung, Larina reichte es zu Beginn von L4 leider nicht ganz, was ja aber auch keinen Beinbruch darstellt. Bereits im Schatten und bei zugiger Luft war das Top kein gemütlicher Ort, so dass wir umgehend die Schuhe wechselten und uns auf den Fussabstieg begaben. Erst über die Wiese zum Sattel links (östlich) der Wand, dort dann den roten Punkten entlang steil nach Süden runter. Die Passage ist doch ziemlich exponiert und mit etwa einer T4+ zu bewerten, halt so ein bisschen wie 'Wendenstöcke light'. Nach rund einer Stunde Abstieg sind wir retour beim Auto, kurven zufrieden mit einer weiteren schönen Sanetsch-Route im Palmares vom Mond runter Richtung Erde und verbringen eine weitere Nacht auf dem Camping in Vallorcine.

Für Boulderer gibt's am Sanetsch auch etwas zu tun!

Facts

Sanetsch - Chratz Bürschtä 6b+ (6a+ obl.) - 7 SL, 225m - Schoch/Adam/Rüesch 1990 - ***;xxx
Material: 1x50m-Seil, 10 Express, Keile/Friends kaum einsetzbar

Sehr schöne Kletterei in oft sehr gutem Fels mit idealer Reibung im rechten Teil der Paroi des Montons. Leider ist die Route mit 6 SL eher kurz und die letzten 2 Seillängen sind nicht mehr ganz gleich gut wie die ersten 4, somit begnüge ich trotz einigen hervorragenden Passagen mit drei Sternen. Obwohl die Route in diversen Plaisirführern enthalten ist, würde ich sie eher als moderat schwierige, alpine Sportklettertour sehen. Wer das unbeschwerte Klettervergnügen sucht, könnte hier auch graue Haare kriegen. Erstens sind die Bewertungen gemessen am modernen Plaisirstandard hart und orientieren sich eher daran, was man an Wenden und Rätikon als Währung verwendet. Die Absicherung kann man gerade noch als gut bezeichnen. Die athletischen Schlüsselstellen sind zwar +/- klettergartenmässig eingerichtet, aber die Steilplatten sind eher in der Art gebohrt, dass man nicht stürzen sollte. Somit ist m.E. etwas Erfahrung in solchem Terrain notwendig. Für die in der Literatur empfohlenen mobilen Sicherungsmittel konnte ich keine sinnvollen Einsatzmöglichkeiten erkennen. D.h. das mitgeführte Camset verblieb ungenutzt am Gurt, ich würde das nächste Mal nichts mehr mitnehmen. Hinweis: die Route ist nicht zum Abseilen eingerichtet bzw. geeignet, ein Rückzug ist im Notfall bei Nutzung von Standplätzen in Nachbarrouten aber sicher möglich.

Dienstag, 9. Oktober 2018

Ailefroide - Pilier du Levant (6a+)

Der Pilier du Levant in Ailefroide erfreut sich einer sehr grossen Beliebtheit. Ob dies nun an der steilen Pfeilerkletterei als Kontrast zu den ortsüblichen Platten liegt, an der prominenten Position direkt über dem Zentrum von Ailefroide, dem minimalem Zustieg oder an der begehrten Gesamtbewertung von TD- bleibe dahingestellt, denn es spielen gewiss alle diese Faktoren mit. Auch wir machten hier unsere Aufwartung und waren alles andere als alleine...

Sicht vom Zentrum von Ailefroide auf den Pilier du Levant, der sich näher befindet als man meinen könnte.
Vom Zentrum beim Hotel Engilberge geht's auf der Teerstrasse nach links, nach 100m folgt der Parkplatz, wo der gut ausgeprägte Trampelpfad beginnt. Nach 15 Minuten Zustieg waren wir um 9.45 Uhr vor Ort. Diverse (langsame) Seilschaften waren bereits vor uns engagiert, eine weitere wartete schon am Einstieg. Normalerweise ist dies das Zeichen, um das Weite zu suchen und woanders anzugreifen. Doch mit meiner Tochter unterwegs fehlte diese Flexibilität und da wir in weiser Voraussicht die Spielkarten mitgeführt hatten, zockten wir einfach ein paar Runden Uno, bis wir an der Reihe waren. Dies dauerte schlussendlich noch fast eine geschlagene Stunde. Aber es war schön und angenehm, wir waren ja in den Ferien und konnten uns die Zeit gut vertreiben. Somit kein Problem. Allerdings sollte man sich besser ausserhalb vom Couloir, wo sich der Einstieg befindet aufhalten - dort fallen manchmal auch Steine runter.

Von nahem hat der Pfeiler und insbesondere die 2 abschliessenden, steilen Seillängen doch eine ziemlich imposante Gestalt!
L1, 40m, 5c: Der Einstieg ist (wenn niemand dort wäre) gar nicht so einfach zu lokalisieren, da nichts angeschrieben ist, mehrere Routen in unmittelbarer Nähe beginnen und der Pilier du Levant zuerst ziemlich nach links zieht. Jedenfalls geht's genau oberhalb vom grössten, buschartigen Baum los. Die Plattenkletterei ist easy, den Grad gibt's für die (rechts umgehbare) Schlussplatte.

No Cheating! Das Finish von L1 (5c, Crux) führt direkt über die Platte, meist wird am linken Bildrand durchs Kraut gestiegen.
L2, 40m, 5c: Eine weitere, gemütliche Seillänge. Die Schwierigkeit erneut am Schluss mit einer bereits etwas feineren Plattenstelle. Wiederum wird üblicherweise rechts durch botanischere Gelände gestiegen.

Kompakte Plattenkletterei am Ende von L2 (5c, Crux), auch wieder am linken Bildrand umgehbar. 
L3, 30m, 5c: Deutlicher Quergang nach links, ohne allzu grossen Schwierigkeiten. Danach direkt über die Haken geklettert sehr schöne Plattenmoves. Danach erreicht man endlich wieder einmal einen richtig geräumigen und bequemen Stand.

Rückblilck 'on pitch' auf den Quergang am Anfang von L3 (5c), inklusive Tiefblick nach Ailefroide.
L4, 35m, 6a: Beginnt mit nahezu Gehgelände, gefolgt von einem kurzen Aufschwung mit einem Bouldermove, der von den meisten Begehern A0 erledigt wurde (gut frei machbar, 6a passt schon). Nochmals etwas nahezu Gehgelände und ein paar finale Plattenmoves zum Stand unter dem steilen Pfeilerteil.

L5, 25m, 6a+: Der Beginn noch moderat, danach folgt steile Risskletterei, welche die meisten Begeher vor ein unlösbares Freikletterproblem stellte. Es ist steil, ein bisschen abdrängend und auch ein bisschen mühsam. Mir hat's keine Probleme gemacht, so richtig elegant gelöst habe ich die Stelle aber auch nicht. Die Bewertung von 6a+ sicherlich nicht geschenkt, jedenfalls schon markant schwieriger wie L1-L4. Die Bohrhaken stecken notfalls aber sehr dicht.

Die Leute vor uns waren zwar sehr langsam, aber immerhin haben sie ein sehr schönes Foto von uns gemacht. 
L6, 35m, 6a+: Die Hauptschwierigkeit besteht im Boulder gleich nach dem Stand. Der sieht eigentlich gar nicht schwierig aus, doch es ist tatsächlich nicht einfach, hier um die Kante rumzukommen. Obwohl sehr gut abgesichert ist's halt auch etwas doof zum Runterfallen, so gleich direkt über dem Stand. So praktizierten ausnahmslos alle Begeher hier ein A0. Ich konnte es frei lösen, doch schlussendlich auch wieder rampfiger und mehr "brute force" wie man bei diesem banalen Grad meinen könnte, einfach so drüberlaufen ging definitiv nicht. Wohl eher keine 6a+, die VII(+) aus dem Topoguide hier m.E. nicht komplett übertrieben. Der Rest der Seillänge bietet dann schöne, luftige Kletterei an der Kante im Bereich 5c+, mit einem eleganten, gratartigen Turmausstieg. Bei der Terrasse mit den Blöcken gibt's nun auch einen gebohrten Stand (der eigentlich zur Nachbarroute Ârete à Françis gehört, aber natürlich mitbenutzt werden kann).

Der luftige, gratartige Ausstieg aus L6 (6a+) mit super Tiefblick auf die schöne Gegend von Ailefroide!
L7, 20m, 5b: Kurzer Kantenhangel, gar nicht mal so einfach - da habe ich mich aber wohl blöd angestellt, meine Tochter ist da quasi drüber gelaufen. Danach bald griffigeres Gelände und schon ist man oben auf dem kleinen Gipfel. 

Kurz vor dem Gipfel (L7, 5b). Mrs. Easy Peasy hat ihre erste TD-Route geschafft, bravo!
Es war inzwischen schon 14.50 Uhr geworden, wir mussten uns also eine Begehungszeit von rund 4:00 Stunden notieren. Wobei wir unterwegs auch nochmals Uno spielten und darüber hinaus noch weitere Wartezeiten zu vergegenwärtigen hatten. Ohne Verkehr wären wir bestimmt eine Stunde oder sogar mehr schneller gewesen. Um noch rückseitig abzusteigen und über die Rivière Kwai weiterzuklettern fehlte uns der Mumm. Es war heiss, Gewitter waren angekündigt und die kühlen Getränke im Hotel Engilberge riefen schon. Wir machten uns ans Abseilen, in etwas mühsamem Gelände (flach, buschig, Verhänger-Schuppen und auch ein paar lose Steine) gelangten wir recht zügig nach unten. Zwei anderen Seilschaften mussten wir unterwegs die verklemmten Seile lösen. Wir gelangten hingegen reibungslos zurück zum Einstieg - das könnte aber auch bloss Glück und nicht Können gewesen sein. Einen kurzen Fussmarsch später waren wir am Wirtshaustisch, konnten den grossen Durst stillen und unser Auge auf den Pfeiler richten, wo immer noch zahlreiche Seilschaften aktiv waren.

Le plus grande piolet du monde - immer wieder herrlich zum Spielen!
Facts

Ailefroide - Pilier du Levant 6a+ (5c+ obl.) - 7 SL, 225m - Cambon/Fiaschi 2000 - **;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams/Keile nicht nötig

Interessante, sehr sonnige Pfeilerkletterei in prima Ailefroide-Granit mit kurzem Zustieg an prominenter Lage unmittelbar über dem Zentrum, daher entsprechend beliebt. Die Schwierigkeiten sind etwas inhomogen. Es folgen zuerst 4 plattige Seillängen "im ortsüblichen Stil" im Bereich 5c. Die steile Rissseillänge am Pfeilersockel ist dann markant schwieriger, bevor eine knifflige Boulderstelle in den schönen, luftigen Ausstieg am Pfeiler überleitet. Die Absicherung mit Bohrhaken ist sehr gut und den Schwierigkeiten angemessen. Sprich, an den (einfacheren) plattigen Stellen will etwas geklettert werden, während die steilen Passagen eng behakt sind. Ein Topo findet man in der lokalen Führerliteratur, im Plaisir Séléction oder im Topoguide Band III.

Donnerstag, 26. Juli 2018

Piz Frachiccio - Schildkröte (6a)

Wunderbares Wetter war zum Ferienauftakt angesagt, zu schade um weit in den Süden oder zum Sportklettern zu fahren. Somit war eine Tour gefragt, welche ein grosses, aber doch geeignetes Ziel für die Familie hergab. Im Plaisir Selection gibt's definitiv das eine oder andere derartige zu finden. Die Wahl fiel schliesslich auf die Schildkröte im Bergell mit ihren 500m an plattiger Granitkletterei. Hier gibt's die volle Dosis an alpinem Ambiente, trotzdem ist der Zustieg relativ kurz und die ganze Tour doch auch von einer gewissen Gutmütigkeit.

Aus dieser Perspektive hat er schon Schwung, der Piz Frachiccio. Über die hier sichtbaren Platten verlaufen die Routen.
Nach einer geruhsamen Nacht im Zelt starteten wir den Tag mit einem gemütlichen Frühstück und nahmen die Bahn um 8.00 Uhr hinauf bis unter die Albigna-Staumauer. Zuerst geht's hinauf zum Wärterhaus, wo man den etwas versteckten und nicht ausgeschilderten Pfad zum Cacciabella-Pass wählt, welcher (zurückhaltend) weiss-blau-weiss markiert ist. Schon bald kommen die Wände des Piz Frachiccio in Sichtweite, der Wanderweg verläuft schliesslich direkt an den Einstiegen der Touren im rechten Sektor (Via Roland, Arcobaleno, Forza Bregaglia, Tetti Neri, Via Kaspar) vorbei. Die Schildkröte liegt noch weiter links, dazu muss zuerst das grosse Couloir gequert werden. Zuerst steigt man an Ketten und Eisenbügeln hinauf (T4), dann traversiert man glattgeschliffene Granitplatten. Vorsicht wegen Steinschlag und im Frühsommer liegt hier noch Schnee, was alpine Gerätschaften unabdingbar machen kann. Wir mussten (Mitte Juli) jedoch nur etwa 3m über Schnee gehen, was problemlos war. 

Zmorgebuffett im grossen Couloir am Piz Frachiccio.
Nach einem kurzen Abstieg erreicht man schliesslich den Start der Schildkröte. Dieser befindet sich etwas links vom tiefsten Punkt der Felsen am linken Sektor. Ein blasser roter Pfeil ist auf ca. 8m über Grund vorhanden, die Bohrhaken sind jedoch eher schwierig auszumachen. Wir hatten es im Aufstieg relativ gemütlich genommen und gerade 1:00h gebraucht (Angabe im Kletterführer 0:45h, das ist realistisch). Um ca. 9.20 Uhr stieg ich schliesslich ein.

Eine Seilschaft schien über längere Zeit im Einstiegsbereich der Schildkröte blockiert. Ich fragte mich warum wohl?!? Von nahem zeigte sich dann, dass das Anklettern des ersten Bohrhakens tatsächlich eine heikle Geschichte war.
L1, 5c+: Der erste Haken steckt ca. 12m off-the-deck nicht eben bodennah und ist auch alles andere als einfach zu erreichen, nachdem sich den Spuren nach zu urteilen ein Ausbruch von ca. 2m x 2m ereignet hat. Somit klettert man eine der nominell schwierigsten Stellen (5c+) noch bevor eine Sicherung eingehängt werden kann. Ein Sturz auf die Schneereste oder das Geröll am Einstieg wäre sicherlich äusserst schmerzhaft. Der Rest von L1 (5c+) läuft dann gut vom Stapel, die Kletterei ist hier definitiv einfacher wie selbst in den 5b-Längen der 'Bruni Chue' am Räterichsbodensee. Nachtrag von September 2023: die erste Seillänge wurde saniert und dabei mit zusätzlichen BH ausgerüstet. Man kann nun 11x einhängen, der Absicherungsstandard ist als "gut+" zu werten, die heiklen Stellen sind entschärft.

Schöne Plattenkletterei in strukturiertem Granit in L1 (5c+).
L2, 5b und L3, 4b: Schön strukturierte Plattenkletterei ohne verrückte Schwierigkeiten, aufregend für die Nachsteiger ist hingegen der ungesicherte 8m-Quergang am Schluss der zweiten Seillänge zum Stand hinüber. Die dritte Länge schien mir nicht wesentlich einfacher wie die zweite (oder umgekehrt). Was man hier definitiv schon merkt: die Routenfindung ist nicht trivial, denn meistens könnte man ziemlich überall durchklettern und wegweisende Bohrhaken hat's nicht allzu viele, zudem sind diese nicht gut sichtbar.

Quergang am Ende von L2 (5b).
L4, 5b: Beginnt zur Abwechslung mit einem griffigen Überhang, dann geht's links die Rampe hinauf und zum grossen Spiegel. Über die eindrückliche Platte führt diagonal nach links hinauf ein erstaunlich einfacher Weg.

L5 bis L8, 4ab: Die nächsten Seillängen lassen sich gut gemeinsam abhandeln. Das Gelände wird nun ein bisschen weniger steil, hier und da klettert man auch am einen oder anderen Grasbüschel vorbei. Der Fels jedoch ist auch hier allererste Sahne: prima Bergeller Granit, gespickt mit Warzen und Noppen, so macht's trotz der geringen Schwierigkeiten grosse Freude. Die relativ kurzen L7 und L8 lassen sich mit 50m-Seil gerade so verbinden, sofern man die Sicherungen grosszügig verlängert und/oder der Strick noch nicht geschrumpft ist.

Die Plattenzone im Mittelteil. Trotz den Grasbüscheln schöne Kletterei!

Top Ambiente am Ende von L8.
L9, 4b: Auf der Kante geht's entlang von griffigen Seitschuppen bei recht weiträumiger Absicherung hinauf. Beim vierten Bohrhaken gilt es, die Abzweigung nach links nicht zu verpassen (ziemlich offensichtlich, der nächste BH links ist gut sichtbar). Nun in leicht absteigender Querung zu Stand in einer Grasrinne, die sich für eine Pause anbietet. In L10 wird die Grasrinne im Gehgelände 20m nach links zur grossen Platte hinüber gequert.

L11, 5b: Nur 5b, aber oho! Die Platte sieht nicht nur eindrücklich glatt aus, sondern klettert sich auch nicht ganz so einfach. Meines Erachtens eine der anspruchsvollsten Längen der Route. Über weite Strecken hilft ein Riss beim Fortkommen, der allerdings auch meist eher rund und nicht so griffig ausgefallen ist. Gesagt sei, dass hier auf 50m Kletterstrecke gerade mal 6 Sicherungspunkte vorhanden sind - wohl die Crux der Route für den Vorsteiger.

Eindrückliche Platte in L11 (5b).
L12, 4b und L13, 6a: Die zwölfte Länge kann man als Überführungsstück zum nächsten Abschnitt bezeichnen. Die Schwierigkeiten sind moderat, der zweite Teil ist sogar etwas grasig. Dafür geht's dann im folgenden, steilen Abschnitt zur Sache. Schon die ersten Meter sind nicht so einfach, dann quert man nach links in die steile, abdrängende Wand. Ein paar griffige Schuppen sind aber vorhanden, kulminieren tut die Sache in einem Überhang. Hier stecken 2 BH in 1m Abstand, notfalls hilft also der Textilgriff, allerdings ist die 6a-Bewertung für die freie Passage hier gutmütig ausgefallen.

L14, 5b: Nun hat man es schon bald geschafft: zuerst ein paar steil-griffige Meter zum Grat hinauf, wo sich nach ein paar einfachen Metern noch ein Boulder an einem überhängenden Gratabsatz in den Weg stellt. Der offizielle Stand befindet sich südseitig am höchsten Punkt des folgenden Gratabschnitts. Es macht jedoch im Gesamtkontext mehr Sinn, nordseitig auf einem Band gleich in die folgende Scharte zu queren und an einem Zacken Stand zu machen, weil dort der Abstiegspfad beginnt.

Um 15.30 Uhr war schliesslich die ganze Familie am Top. Somit hatte die Kletterei ziemlich genau 6:00h in Anspruch genommen, als Viererseilschaft mit den Kindern sicher eine gute Zeit für 14 SL und 500 Klettermeter. Gleichzeitig hiess das aber auch, dass nur noch 1:15h bis zur letzten Fahrt der Albignabahn blieben. Ich war der Meinung, dass dies wohl nicht reichen würde. Mit der nötigen Vorsicht stiegen wir im exponierten T5-Gelände zur Abseilstelle ab, wo man mit 2x25m über steile Felsen in einfaches Gelände gelangt.

Ambiente in der Albigna.
Nun hiess es erst, über die Blockhalde zum Cacciabella-Weg abzusteigen. Es war klar, dass nun ordentlich auf's Gaspedal gedrückt werden musste. Behände sprangen die Kinder über die Blöcke, später ging es dann im Trailrunning-Modus mit etwas Auf und Ab der Bergstation entgegen. Ich war sehr erstaunt darüber, welche Kräfte die Kids mobilisieren konnten und mit welchem Tempo wir unterwegs waren. Natürlich war es vor allem die schlechten Aussichten auf 1000hm zusätzlichen Fussabstieg statt gemutlicher Gondelei, welche hier den Ausschlag gaben. Doch der Effort wurde belohnt: just in time waren wir an der Bahn und konnten bequem zu Tale schweben 😀

Montag, 28. Mai 2018

Handegg - Fair Hands Line (6a)

Bei der Fair Hands Line handelt es sich um einen der grossen Felsklassiker der Schweiz, bereits anno 1978 erstbegangen durch den Plaisir-Pionier Jürg von Känel mit Martin Stettler. Auch heute noch erfreut sich die trotz moderaten Schwierigkeiten imposante und abwechslungsreiche Linie am Pfeiler der Hangholzegg einer grossen Beliebtheit. Absolut zurecht ist sie in modernen Auswahlführern wie dem Plaisir Sélection oder den Modernen Zeiten aufgeführt. Dennoch war mir die Fair Hands Line bis dato noch unbekannt. Damit es genau jetzt zu einer Begehung kam, hat verschiedene Gründe.

Grimsel Style: Kraftwerke, Granitplatten und Runouts, wo ein Runterfallen wenig empfehlenswert ist.
Erst kürzlich flammte im Internet die Diskussion auf, ob die Route noch zeitgemäss abgesichert sei. Dies rief mir wieder einmal aktiv in Erinnerung, dass hier noch eine Lücke in meinem Palmares zu finden war. Ein eher unwichtiger Faktor eigentlich... doch als dann kurz darauf eine Route gesucht war, wo sich mit Frau und Tochter ein vergnüglicher MSL-Tag verbringen liesse, da war der Gedanke an die Fair Hands Line naheliegend. Kurzer Zustieg, granitige Kletterei, für die Tochter herausfordernde, aber machbare Länge und Schwierigkeit und auch für den Vorsteiger war etwas Spannung und Nervenkitzel garantiert - ideal! Nicht zuletzt kam noch hinzu, dass wir diesen Pfeiler im Sommer 2009 schon einmal zu dritt erklettert hatten, damals via die Mummery (6b+). Dereinst in Utero, heute auf eigenen Füssen - wie sich die Zeiten doch ändern!

Hangholzegg. Aus dieser Perspektive ein 'Dome' wie er fast im Yosemite stehen könnte!
Während die Prognosen mit einigen Tage Vorlauf grandios aussahen, so waren dann vor allem die Textwetterberichte je näher das Ereignis kam, desto pessimistischer. Die Wettermodelle zeigten jedoch am Grimsel sehr eindeutig schon etwas föhnigen Einfluss und ein geeignetes Fenster, somit wollten wir es probieren. Das ging schliesslich perfekt auf und wies darüber hinaus noch den grossen Vorteil auf, dass wir im ganzen Gebiet der Handegg die einzigen Kletterer waren. In einer Route, wo an Sommer-Weekends Grossandrang oder sogar Stau herrscht, ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Ebenfalls zu Gute kam uns, dass der Grimselpass noch geschlossen war. So liess sich die Kletterei noch in Bergstille ohne Motorradgeknatter geniessen. Auch sonst waren die äusseren Bedingungen perfekt. Sehr sonnig, aber nicht heiss, schneefrei und trocken - was will man noch mehr?!? Nachdem wir den 15-minütigen Zustieg hinter uns gebracht hatten, stiegen wir um 11.00 Uhr mit den ersten Sonnenstrahlen ein.

L1, 5b: Kurz und zuerst einfach, die Stelle am zweiten Bolt ist dann jedoch für 5b ein ziemlich heftiges Boulderproblem und dazu noch etwas grössenabhängig. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber meine Tochter konnte diese Moves im Nachstieg tatsächlich sauber ziehen. Obwohl ich ihr dabei genau zugesehen hatte, kann ich mir immer noch nicht richtig vorstellen, wie sie das gemacht hat. Ganz offensichtlich war da jemand mit einer extragrossen Portion Motivation und Auftrieb angereist :-)

L2, 6a: Zügige Länge mit eher plattig-glattem Charakter. Auf dem nicht ganz trivialen Weg zum ersten Bolt besser nicht stürzen, danach zu einer vertrackten Plattenkante mit kniffliger Reiberei. Im Anschluss stecken die  Bolts dann ein wenig im Schilf (d.h. abseits der logischen, einfachsten Kletterlinie, welche sich auch ideal mobil absichern lässt). Zuletzt dann einfacher zum unbequemen Stand. Wenn er nicht belegt ist, so ist jener der Mummery 3-4m rechts oben deutlich kommoder.

Die Route beginnt plattig, ja sogar fast etwas herb. Weiter oben wird's dann fantastisch griffig. Hier das Ende von L4 (5c+).
L3, 6a: Nach meinem Empfinden die schönste Seillänge. Athletisch-steile Turnerei an Rissen, griffigen Schwarten und Verschneidungen, so macht's Freude. Noch dazu könnte man die ganze Seillänge mobil absichern (jedoch nicht nötig, da Bolts vorhanden). Ich fand's doch einen ganzen Zacken einfacher wie L2. Eher schmaler und etwas unbequemer Stand am Ende.

L4, 5c+: Die schwierigsten Moves gleich zu Beginn aus dem Stand raus. Danach geht's immer geradeaus in einfacher werdender Kletterei. Griffig und genussvoll, 'ça deroule', es geht zügig vorwärts (siehe Foto oberhalb, das sagt wohl alles!).

Aussicht vom Stand nach L4 auf die bevorstehende L5 (5b). Super Kletterei an den griffigen Rillen!
L5, 5b: Kurze, aber sehr schöne Seillänge, die an griffigen Strukturen etwas nach links aufwärts zu einem endlich wieder einmal richtig geräumigen und bequemen Standplatz führt.

L6, 5b: Es folgt ein 10-15m langer horizontaler Quergang nach rechts zu einem Klebehaken. Dort dann gerade hinauf zu ein paar Moves bei einem alten Ringhaken, die genaueres Hinschauen erfordern. Schliesslich in easy Kletterei zum Stand, den man sowohl nach 30m beim Doppelhaken wie auch nach 45m am Muniring einrichten kann.

Mrs. Easy Peasy am Ende von L6 (5b) - Platten jeglicher Art und Schwierigkeit werden im Affenzahn erklettert.
L7, 4c: Die einzige Schwierigkeit besteht in wenigen Zügen (links oder rechts möglich) gleich nach dem Muniring. Danach gemütliche Kletterei in sehr schönem Fels, sogar eine Sanduhr ist zu finden (was im Granit ja doch eher selten der Fall ist!).

L8, 5b: Über eine plattige Wandstelle zu (unnötigem, man könnte dort schon ideal legen) BH, der sich zu Beginn von einem sehr schönen, cleanen Riss befindet. Ein paar Klemmgeräte legend und Fingerklemmer platzierend geht's genussvoll auffi. Das Finish dann easy dafür Runout zum Stand.

Super schön strukturierter Fels (kommt auf dem Foto nicht so zur Geltung) am Ende von L7 (4c).
L9, 6a: Achtung, man verkoffere sich nicht direkt hinauf in die 6b+ der Mummery. Um die Kupferplatte zu klettern, hält man sich vom Stand über ein Band ein paar Meter nach rechts. An einigen Schuppen (Cams legen!) hinauf. Nun folgt eine weitere Cruxsequenz der Route, einer diagonalen Rissspur nach rechts oben folgend. Sehr schön! Stand gemeinsam mit der Mummery auf einem Latschenband.

L10, 5a: Die Fair Hands Line führt rechts direkt durch die Wand (die linke Linie ist die Mummery). Nochmals sehr schöne Kletterei in strukturiertem Fels, vermutlich eher ein bisschen schwieriger wie 5a?!? Zuletzt dann plattig und easy aber Runout zum Ausstieg.

5a = Wanderweg, so lautet wohl das Motto. Kurz vor dem Routenende, die erste Hälfte dieser Länge ist dann allerdings schon noch ein ganzes Stück schwieriger wie die letzten Meter, jedoch nochmals super strukturiert.

Ein paar Minuten nach 15 Uhr hatten wir nach rund 4:00 kurzweiligen Stunden der Kletterei den Ausstieg erreicht. Das war jetzt für mich natürlich nicht die grosse Herausforderung gewesen, aber trotzdem eine sehr genussreiche Sache. Für den Rest der Familie hatte es ebenso gut gepasst. So lagerten wir in aller Ruhe etwas die Beine hoch, genossen die Sonne und nahmen einen Vesper, bevor wir uns auf den Rückweg machten. Dieser führt horizontal querend nach rechts (im Aufstiegssinn), nicht den Verhauern nach links oben folgen. Hier und da ein bisschen kraxelnd erreicht man nach rund 10 Minuten die Geleise der Gelmerbahn. Nun sind's nur noch gegen 2000 Treppenstufen zurück zur Talstation. Die Neigung an der steilsten Stelle beträgt über 45 Grad - immer wieder eine eindrückliche Sache! Zuletzt verbleibt noch die kürzlich heiss diskutierte Frage nach einer Sanierung. Meine Meinung:

  • Die schwierigen Stellen sind alle mit grundsoliden Klebehaken gut geboltet, >5c muss man sicher nirgends mehr als 2m über einem Bohrhaken klettern. An den einfacheren Stellen gibt's hingegen tatsächlich weite Runouts mit Gefahrenpotenzial, die oft nicht (oder nicht zuverlässig) mobil zu entschärfen sind. 
  • Unter der Prämisse, dass man keine mobilen Sicherungen legt und die Abschnitte in einfacherem Gelände sicher (d.h. sturzfrei) klettern kann, stecken die Bolts am richtigen Ort. Wer's drauf hat und ein bisschen bold ist, braucht nicht mehr als ein paar Exen. Ob's die ideale Prämisse ist, ist natürlich sehr diskutabel.
  • Es stecken immer wieder Bolts an Stellen, wo man sehr gut mobil sichern könnte. Man könnte wohl 50% der Bolts entfernen und die Route würde weder gefährlicher noch psychisch wesentlich anspruchsvoller (mal von der Tatsache abgesehen, dass man dann an zuverlässigen mobilen Sicherungen statt Bolts klettert). Irgendwie schade, dass die Route nicht in diesem Stil eingerichtet ist. War sie es zur Zeit der Erstbegehung überhaupt?!? Das Topo im Schweiz Plaisir von 1992 zeigt nicht wesentlich weniger fixe Sicherungen wie heute.
  • Mir scheint es am sinnvollsten, die Route so zu belassen, wie sie sich heute präsentiert (an einigen Stellen wäre noch der alte, immer noch steckende Grümpel sauber zu entfernen). Es ist keine Plaisirroute modernen Zuschnitts, jedoch auch kein Harakiri.
  • Wenn man konsequent sein wollte, so könnte man sogar noch einen wesentlichen Teil der Bohrhaken entfernen. Nicht wenige davon stecken unmittelbar neben perfekten, sicheren Placements. Ob man diese 'eingesparten' Bolts dann an den einfacheren, nicht gut absicherbaren Stellen wieder platzieren soll?!? Wohl irgendwie auch nicht zwingend nötig.
  • Die Route voll mit kurzen Abständen durchzubolten scheint mir wenig sinnvoll. Es gibt ja in unmittelbarer Nähe genügend Routen in diesem Stil. Am Pfeiler selber kann man ansonsten die ein wenig schwierigere, mit deutlich mehr Haken ausgestattete Mummery erklettern (welche sich seit unserer Begehung anno 2009 auch schon mit einer Nachrüstung auseinander setzen musste, sie war schon damals gut gesichert).
Haken hin, Haken her, der Abstieg über die Treppe der Gelmerbahn ist jedesmal wieder eindrücklich!
Facts

Handegg - Fair Hands Line 6a (5c+ obl.) - 10 SL, 355m - von Känel/Stettler 1978 - ****;xxx
Material: 1x50m-Seil, 10-12 Express, Camalots 0.3-1

Grosser Klassiker des Schweizer Sportkletterns, der bereits 1978 erstbegangen wurde und auch heute noch sehr lohnende Kletterei bietet. Für Grimselverhältnisse wird einem ein steiles und abwechslungsreiches Menü geboten. Platten, Risse und viele griffige Schuppen bieten hohen Klettergenuss, reine Schleicherei kommt nur sehr selten vor. Die Route wird im Plaisir als "soso" abgesichert bezeichnet. Ich würde eher zu "gut" (d.h. xxx) tendieren. Die schwierigen Stellen sind definitiv gut eingebohrt, in einfacheren Passagen gibt's hingegen hin und wieder weite Abstände, wo man über 20m weit stürzen und sich arg wehtun könnte. Da muss man einfach darüberstehen und sicher klettern. Es empfiehlt sich, ein Set Camalots von 0.3-1 mitzunehmen. Diese kommen jedoch nur punktuell zum Einsatz. So stecken leider neben perfekten Placements Bohrhaken und dort wo die Abstände weit sind, lässt sich dann nur selten etwas unterbringen. Ein Abseilen/Rückzug über die Route ist von überall her problemlos möglich (2x50m-Seil erforderlich). Der originelle und rasche Fussabstieg ist aber natürlich die Methode der Wahl, um zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Das beste Topo findet man im Plaisir Sélection, den man z.B. bei Bächli Bergsport erwerben kann.