- -
Posts mit dem Label Wintergarten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Wintergarten werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 7. Dezember 2023

Wintergarten - The Fugitive (Erstbegehung, 4 SL, 7a)

Erst vor kurzem wurde auf diesem Kanal von der Erstbegehung von Querdenker (4 SL, 7c) an den Balmenchöpf im Seeztal berichtet. Nur 4 Tage nach der Begehung jener Route machte ich mich mit schwerem Gepäck erneut auf den Zustieg an den Südflanken des Seeztals. Eine zweite MSL weiter links an der Wand des Wintergartens war meine Absicht. Seitenblicke beim Sichern während der Begehung des Querdenkers hatten die Präsenz dieses Potenzials klar gezeigt. Daniel war damit einverstanden, dass ich diese Linie einer näheren Prüfung unterziehe und sofern lohnend, Arbeit und Hakenmaterial für die Erschliessung beisteuern würde. Umso gespannter war ich, wie sich die Lage vor Ort präsentieren würde. Denn bei welchen Schwierigkeiten, welcher Qualität und mit welcher Griffabfolge es schliesslich geht, lässt sich eben von 20m weiter drüben jeweils unmöglich sagen.

Unterwegs auf Mission Rotpunkt in L2 (7a) von The Fugitive. Bild: Daniel B.

Den Zustieg in den Wintergarten habe ich bereits im Beitrag zum Querdenker ausführlich beschrieben und wiederhole die Zeilen daher hier nicht nochmals. Sowohl beim Einbohren wie auch beim Punkten wählten wir den bequemsten und üblichen Zugang via den Vorderspinaweg. Das Einbohren erledigte ich solo im Toprope - die logische Wahl wegen der guten Zugänglichkeit von oben, dem klettergartenähnlichen Charakter und der Tatsache, dass bis dato alle Routen im Wintergarten so erschlossen wurden. Es ging mir gerade auf, die Linie an einem Tag sauber auszuchecken, die Haken zu bohren und an den wenigen Stellen wo es nötig war, zu putzen. So war ich dann eine Woche nach dem Anbringen der Haken mit Kathrin am Start, um das Teil Rotpunkt zu klettern.

Übersicht über die Gebiete oberhalb von Heiligkreuz.

L1, 35m, 6c bis 7a+: Im Grunde genommen gibt es für die erste Seillänge ganze 4 Möglichkeiten, wovon jede eine gewisse Logik bietet. Wir beginnen mit dem Argumentatorium von rechts her: Jailbreak (7a) als äusserste Linie bietet sich an, weil man so The Fugitive durchgehend auf einer Dettling-Linie klettern kann. Es ist auch die Option mit der am wenigsten zwingenden Kletterei - coole, plattige Moves mit einer geilen Patscher-Crux am Ende. Das Bewegungsrätsel (6c) ist die nominell einfachste Variante. Aber man sei gewarnt, ohne auch jenseits der Haken richtig überzeugt auf die Füsse zu stehen, könnte diese Route (oder zumindest deren Bewertung) ein Rätsel bleiben! Die dritte mögliche Linie ist die Argus (7a+), welche den direktesten Verlauf der MSL bietet. Kräftig geht's gleich über's Dach und anhaltend mit kniffligen fusstechnischen Stellen und Slopern weiter. Als vierte Option bietet die Primagusto (7a+) den möglicherweise exquisitesten Felsgenuss, aber natürlich gibt's auch da nichts geschenkt! Egal auf welcher Linie man beginnt, das Ziel ist die Umlenkung von Argus (d.h. der Stand mit dem langen Drahtkabel) - mittels einfacher Traverse auf dem Querband ist diese auch von den Nachbartouren mühelos zu erreichen.

Kathrin folgt in L1, welche wir an diesem Tag via Bewegungsrätsel (6c) kletterten.

L2, 20m, 7a, "Getaway": Für Unterhaltung ist gleich vom ersten Meter an gesorgt. In weiser Voraussicht platziere sich die Sicherungsperson mit ausreichend langer Selbstsicherung etwas rechts auf dem Querband. Sogleich folgt nämlich eine wacklige Stelle, bevor man nach dem ersten Klipp mit Seit- und Untergriffen für den nötigen Anpressdruck der Füsse zu sorgen hat. Mit einer kniffligen Sloper-Sequenz die in einem Mantle gipfelt, bleibt es auch weiter spannend. Danach erlauben Rastpunkte zweimal etwas Durchschnaufen, bevor man sich im Finale dieser Länge dann nochmals etwas kräftiger an Leisten und Henkeln festhalten muss.

Kompakter Fels und richtig coole Kletterei in L2 (7a)

L3, 30m, 6c, "Hideout": Auch hier gibt's kein Vorgeplänkel, es geht gleich ab dem Stand so richtig los mit technischer Kletterei, wo an leidlichen Griffen für den nötigen Druck auf den Füssen gesorgt werden muss. So bleibt das über eine Weile und man darf sich allerlei kreativer Moves bedienen, um an Höhe zu gewinnen. Der Weg führt in eine Verschneidung mit plattiger Seitenwand, die über einen Wulst nochmals kräftig verlassen wird, bevor eine fein mit Wasserrillen ziselierte Platte zum Stand unmittelbar oberhalb des markanten dürren Baums führt. Von dieser Stelle kann man entweder Abseilen (mind. 1x60m-Seil nötig) oder weiter zum Top.

Zum Ende von L3 (6c) wartet noch ein kniffliger Mantle in plattigem Gelände.

L4, 20m, 3a, "Sanctuary": Diese Länge ist klettertechnisch definitiv unlohnend, erlaubt es dem Alpinistenherz aber den wirklich schönen Rastplatz am Top zu erreichen und via das Grätli und die Fixseile sehr zügig mit einem Fussabstieg wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Es geht in dieser Länge diagonal nach rechts hinaus zu einem BH und von dort am logischsten in dieselbe Richtung weiter zur markanten Föhre, wo auch der Querdenker endet (Stand mit Seilschlingen und Abseilring am Baum).

Seitenblick zum Gonzen (der Annagrethli-Turm am oberen Bild knapp sichtbar) und ins Seeztal.

Für die an sich kurze Route hatten wir doch gute 2:30h Begehungszeit gebraucht. Einerseits gab es nichts zu pressieren, andererseits stand natürlich der Rotpunkt bzw. die freie Kletterei und nicht der Speed im Zentrum. Dass die Befreiung dieser Route nicht die ganz grosse Herausforderung für mich persönlich werden würde, war mir natürlich schon im Voraus klar. Eine sehr anregende Unterhaltung war es aber allemal und schlussendlich war's - wie so oft - im Rotpunkt dann doch noch eine Ecke fordernder wie beim Bohren gedacht. Glücklich und zufrieden machten wir uns auf den Abstieg und nach dem Auflesen des Materials gleich an den Heimweg. Einerseits brauchten die Teenies daheim unsere Präsenz nach der Rückkehr von ihren Sportveranstaltungen, andererseits konnten wir es nach einem harten Sportklettertag davor und dieser schönen Erstbegehung in der Tasche auch bestens "gut sein lassen" - auch wenn natürlich das Teufelchen im Hinterkopf nur zu gut noch von einigen zu erledigen Routen im Wintergarten weiss ;-)

Blick in die Wand, die Seilschaft Dettling in L2 (7a) engagiert. Foto: Daniel B.

Facts

Balmenchöpf / Wintergarten - The Fugitive 7a (6b obl.) - 4 SL, 100m - M. Dettling 2022 - ***;xxxx
Material: mind. 1x60m-Seil, 12 Express, Cams/Keile nicht nötig/einsetzbar

Kurze MSL-Tour für die Wintersaison, welche auf nur 100m Kletterstrecke eine ausgewogene Vielfalt und anhaltende Moves bietet. Es wartet ein guter Mix von bewegungsintensiven Passagen, welche gute Fusstechnik verlangen. Etwas Fingerkraft und die nötige Körperspannung helfen sicher dabei, damit die Sohle jeweils an Ort und Stelle bleibt. Wenn die Route 3x so lange wäre, so dürfte man von einem Top-Ziel der Ostschweiz sprechen. Doch es ist wie es ist, entweder erhascht man an einem Tag im tiefen Winter hier ein paar Stunden willkommene Sonne oder man verlängert den Klettertag mit der Nachbar-MSL Querdenker (4 SL, 7c) oder im Klettergarten an der Basis, beides ist absolut lohnend. Die Absicherung der Route ist mit rostfreien Bohrhaken prima, aber nicht übertrieben eng. Nachfolgend ein Fototopo, welches L2 und L3 zeigt (sowie das Ende der 4 verschiedenen Zustiegsoptionen zu deren Start). Ein schematisches Topo und nähere Infos zum Gebiet findet man im SAC-Kletterführer St. Galler Oberland von Thomas Wälti.

Wandansicht mit dem Routenverlauf von L2 und L3 von The Fugitive.

Montag, 6. November 2023

Wintergarten - Querdenker (7c)

Der Wintergarten ist ein Klettergebiet an den Balmenchöpf im Seeztal. Daniel Benz hat ab 2019 mit der Erschliessung dieser tollen Wand begonnen, auch meine Wenigkeit konnte dabei Unterstützung bieten und einige Routen einrichten. Während der Fokus zuerst und vor allem auf Baseclimbs lag bzw. liegt, ermöglicht die bis zu 100m hohe Wand auch einige kurze MSL-Routen. Kurz heisst aber nicht langweilig: anhaltende Kletterei über 3-4 Seillängen, oft perfekte Bedingungen in der kalten Jahreszeit und die Möglichkeit, den Tag mit dem Klettern von zusätzlichen Routen zu versüssen, machen einen winterlichen Ausflug für Multipitch-Fans auf jeden Fall lohnend. Beim Querdenker (4 SL, 7c) konnte ich bei der ersten RP-Begehung mit von der Partie sein. Die Kletterei begeistert trotz der relativen Kürze mit sehr abwechslungsreichen Moves und einer Qualität, die den Rätikon-Routen in Nichts nachsteht.

Übersicht über die Klettergebiete oberhalb von Heiligkreuz im Seeztal.

Der Zugang vollzieht sich vom normalen Parkplatz für die Katzenbach-Gebiete (555m). Man folgt dem üblichen Zustieg, wählt dann allerdings auf ca. 630m nicht die in der Nähe des Baches bleibende, leicht zu verpassende Abzweigung links hinauf Richtung Katzenbach, sondern folgt dem deutlichen Pfad geradeaus weiter. Dieser erreicht bald eine deutlich ausgeprägte Rippe und führt von dort horizontal weiter. An dieser Stelle gilt es, entlang der Rippe auf deutlichen Wegspuren aufzusteigen, bis man auf ca. 795m den Vorder Spinaweg erreicht. Diesem folgt man bis zur Kehre auf exakt 1000m, wo man ihn verlässt und in den Bachgraben traversiert (nach wenigen Metern erscheint ein Fixseil). Jenseits vom Bach steigt man wenig auf und quert nur leicht ansteigend nach links (S), es hat inzwischen gut sichtbare Spuren. Man erreicht den SE-Sporn auf ca. 1030m und quert von dort die schrofigen SW-Hänge etwas absteigend zum Wintergarten. Wenige Meter nach dem Sporn leiten Fixseile den Weg. Je nach Gehtempo benötigt man ca. 45-60 Minuten für den Zustieg. 

Unvollständiger Blick auf die tolle Wand an den Balmenchöpf, eine bessere Perspektive gibt's aber nur aus der Luft oder von vis-à-vis mit einem Teleobjektiv. Da von unten fotografiert, sehen die oberen Seillängen perspektivisch stark verkürzt aus. Ebenso fehlt auf dem Foto die erste Hälfte der Startlänge. Trotzdem, einen Eindruck von Charakter und Routenverlauf erhält man natürlich auch so.

L1, 30m, 6c, 7a oder 7a+: Für die erste Seillänge bestehen 3 sinnvolle Optionen. Die einfachste ist durch das Bewegungsrätsel (6c) gegeben, eine sehr interessante, technische Seillänge, auf welcher man sich wirklich gut bewegen und den Füssen vertrauen muss, die aber physisch keine sehr hohen Anforderungen stellt. Ähnlich im Charakter, aber mit einer zusätzlich sloprig-herausfordernden Schlusssequenz ist meine Jailbreak (7a) rechts davon. Wir wählten an diesem Tag die deutlich schwierigste Option für L1, nämlich Argus (7a+). Hier geht's schon gleich nach Beginn kräftig über ein Dach, gefolgt von technisch delikater Wandkletterei mit heiklem Ausstieg auf eine sich zurücklegende Zone. Auch der ganze Rest der Seillänge bietet fusstechnisch anspruchsvolle Kletterei, die hier und da etwas an Überwindung fordert, aber einfach genial ist. Vom letzten Zwischenhaken traversiert man dann 2-3m nach rechts zum Umlenker vom Bewegungsrätsel, der ideal für die Fortsetzung platziert ist und den bequemsten Standplatz hergibt.

L2, 30m, 7b: Erneut eine geniale Seillänge mit viel Abwechslung, genialen Moves und hohem Unterhaltungswert. Nach wenigen Auftaktmetern geht's hinein in eine steile Stufe, wo gleich Power und Entschlossenheit an Slopern und Seitgriffen gefragt ist, inklusive einem wackligen Mantle daraus hinaus. Nach dieser Stelle kann ein Camalot 2 ideal platziert werden, zum nächsten BH sind es nochmals 2-3m. Nun folgt vorerst gut gangbare, aber stets fordernde Kletterei im 6c-Bereich, bevor es gegen das Ende hin nochmals deutlich anzieht. Im weissen Streifen heisst es, sich eine gute Sequenz zu überlegen und über die Kraftreserven zu verfügen, um sie erfolgreich auf den Fels zu übertragen. Zum Ende gilt es dann auch noch, ein kühles Gemüt zu bewahren - es kommen dann schon "gute Griffe", aber auch ein kleiner Runout zum Stand und wer vom Pump eingeholt wird, könnte auch da noch abfliegen.

Daniel unterwegs in L2 (7b), auf dem Weg zum erfolgreichen roten Punkt.

L3, 15m, 7c: Eine technische Seillänge von erster Güteklasse, welche die steile Zone geschickt auf einer schwach ausgeprägten Rampe überwindet. Der Fels weist gerade genügend scharfe, kleine Strukturen auf, so dass es zusammen mit der guten Reibung kletterbar ist. Ohne Vertrauen in die Füsse, sorgfältig ausgesuchte Bewegungen und einer Portion Fingerstrom geht es hier definitiv nicht. Ob hier der Rotpunkt im ersten, scharfen Vorstiegs-Angriff tatsächlich gelingen würde war unsicher. Aber wie gewohnt war Daniel auf der Höhe der Sache und stieg souverän durch.

L4, 20m, 6c: Diese Seillänge fällt qualitativ gegenüber dem Rest klar ab. Und wenn man vom Stand hinaufsperbert, könnte man die Schwierigkeiten auch eher im 6a-Bereich vermuten. Doch nach ein paar Auftaktmetern folgt eine knifflige Stufe, die doch mehr verlangt, als es auf den ersten Blick scheint. Sie ist höher als gedacht und was von Weitem nach Henkel aussieht, entpuppt sich als sloprige Kante. Nun gut, das wird einen Anwärter vielleicht zum Nachdenken, aber nicht mehr zum Scheitern bringen. Bald danach wird's einfach und geht hinauf zum Ausstiegsbaum - um den schönen Platz am Top mit einem prima Blick auf den Spina-Kessel, Tschuggen und Gonzen zu erreichen, lohnt sich diese Sequenz unbedingt.

Ein sehr schöner und bequemer Rastplatz wartet am Ende der Route.

Wie erhofft war Daniel eine komplett sturzfreie RP-Begehung geglückt. Eingerichtet und ausgecheckt hatte er die Route mit dem Grigri am fixierten Seil. Doch den Plan dann auch gleich im ersten Vorstiegsversuch umsetzen zu können ist dann eben doch nicht so einfach. Meinereiner hatte ich immerhin alle Moves in freier Kletterei entschlüsseln können. Und noch viel wichtiger: einen tollen Tag beim Klettern verbracht und dabei die Inspiration gefunden, links nebenan eine weitere, etwas einfachere MSL-Route einzurichten. Daniel willigte in dieses Vorhaben ein und so entstand die 4-SL-Sequenz von Jailbreak, Getaway, Hideout und Sanctuary, über welche demnächst in einem separaten Beitrag berichtet wird. Der Abstieg vom Querdenker erfolgt entweder über die Route abseilend (3 Manöver mit einem 80m-Einfachseil, das für diesen Klettergarten nötig ist) oder alternativ und deutlich schneller zu Fuss über den Sporn und die Fixseilpiste zurück zum Einstieg.

Blick aufs Pflästertobel und die Rückseite vom Gonzen - eine spannende Landschaft, wo es noch vieles zu entdecken gibt.

Facts

Balmenchöpf / Wintergarten - Querdenker 7c (7a+ obl.) - 4 SL, 100m - Daniel Benz 2022 - ***;xxxx
Material: 2x40m oder 1x80m-Seil, 12 Express, evtl. Camalot 2

Kurze MSL-Tour für die Wintersaison, die auf den 100m Kletterstrecke trotzdem das volle Programm bietet. Die Kletterei über die ersten 3 SL bietet ideales Training für grössere Unternehmungen, sehr gute Felsqualität und fragt von Fingerkraft über Fusstechnik bis zur Bewegungsvielfalt alles ab. Dass ich nur 3 Sterne vergebe, hat rein mit der Kürze der Route zu tun, wäre die Route 3-4x so lang und stünde im Rätikon, so erhielte sie sicher 4-5 davon. Die Route ist prima mit Inox-BH abgesichert, nach den Massstäben von Daniel sogar sportklettermässig. Das kann ich absolut bestätigen, mit dem Zollstock gemessen sind die Abstände nie weit. Trotzdem kommt aber aufgrund der fusstechnischen Natur auch dem mentalen Aspekt eine entscheidende Komponente zu, an manchen Stellen heisst es eben, sich filigran an den Fels zu schmiegen und nicht einfach der Kraftausdauer vertrauend positive Leisten ohne Ende zuzuballern. Ein Topo und weitere Infos zum Gebiet findet man im SAC-Kletterführer St. Galler Oberland von Thomas Wälti.