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Montag, 22. September 2025

Horefelliflue - Joyride (6c, 11 SL, Erstbegehung)

Die Horefelliflue ist eine 350m hohe, eindrückliche Wand im Voralptal. Sie ist abgeschieden in einem einsamen Bergtal gelegen und doch zügig erreichbar. Durch ihre sonnige Lage besticht sie mit einer langen Saison von Spätfrühling bis Spätherbst. Faktoriert man noch den qualitativ hochwertigen, stark strukturierten Granit mit ein, so wird klar, dass man es hier mit einem richtigen Kletterparadies zu tun hat. Zwar schon die Freikletter-Pioniere in den 1980er-Jahren hier ihre Linien gelegt, danach fiel das Gebiet aber in einen Dornröschenschlaf. Heute ist dieser vorbei: mit Mastermind, Mondpalast und Absiits sind drei ältere Routen frisch saniert und mit Knecht Klemenz und der brandneuen und in diesem Beitrag exklusiv beschriebenen Joyride stehen zwei tolle Neutouren bereit. Das alles im gehobenen Plaisirbereich, da kann man nur noch viel Spass wünschen!

Die famose, 350m hohe Horefelliflue im Voralptal mit dem Verlauf unserer Route Joyride.

Erschliessung

Tag 1

Die Geschichte dieser Route beginnt mit der Begehung der Route Mastermind gleich links nebenan, welche auf den 23. Oktober 2021 datiert. Mit Kathrin und Larina verbrachte ich da einen magischen Tag im Voralptal bei sehr genussreicher Kletterei in tollem Fels. Schon beim Klettern spähten meine Augen nach möglichen Linien in dieser Wand, beim Abseilen konnte ich mich dann noch besser davon überzeugen, dass es diese Möglichkeit gäbe. Der Funke war sogleich gesetzt und die Ungeduld zur Realisierung wie immer riesig. Gut, dass auch der gleich folgende Sonntag (24. Oktober 2021) nochmals bestes Herbstwetter bot. Da konnte ich ja gleich nochmals an die Horefelliflue aufbrechen, um die Sache in Angriff zu nehmen. Mein Vater Sepp war dabei, um mich mit dem 80m-Seil vom Einstieg zu sichern, so sollten sich bestimmt zwei Seillängen ausgehen.

Fantastisches Ambiente beim Zustieg an unserem ersten Bohrtag mit dem Sustenhorn in Bildmitte.

So weit so gut, einmal vor Ort angekommen manifestierte sich dann trotz x-maligem Umwühlen des Rucksacks und seinem verstreuten Inhalt, dass ein mehr oder weniger unverzichtbares Utensil fehlte: der Hammer. Der Sohnemann hatte ihn für Handwerksarbeiten irgendwelche Lausbubensachen gebraucht, aus dem Bohrzeug entwendet und natürlich nicht zurückgelegt. Wie üblich hatte ich beim Packen auf dessen Vollständigkeit gezählt und nicht kontrolliert, ob wirklich alles da sei. Unverrichteter Dinge gleich wieder abzuzotteln war auch nicht die zu wählende Option, also war MacGyver-Improvisation gefragt. Mein Schlagwerkzeug bestand also aus einer Irniger-Standplatte, für mehr Zug am Gerät wurde mit Reepschnur ein Granitstein befestigt. 

Vielleicht wäre MacGyver auch auf eine bessere Lösung gekommen...

Ich kann euch sagen, es funktioniert so mässig. Erstens, die Vibrationen an der Hand sind ziemlich brutal - genau darum hat ein Hammer einen Holz- oder einen gedämpften Kunststoffstiel. Zweitens, der Zug von dieser Einrichtung ist miserabel. Das Einschlagen der Haken war eine richtige Pein. Mit dem noch frischen Bohrer ging's erst noch leidlich, doch mit dem Abstumpfen der Krone nach den ersten Löchern wird der Durchmesser etwas kleiner. Somit wurde es also immer schlimmer. Noch dazu lotterte immer wieder der angebrachte Stein, oder dann zerbrach er. Wie heisst es doch so schön (oder ähnlich): "Marmor, Stein und Hammer bricht, nicht aber unsere Zuversicht...". Mit diesem Motto kam ich noch etwas voran, nach 1.5 Seillängen war dann aber Schluss... die Motivation erschöpft, beziehungsweise die Zeit rum (eben schnell kam ich mit dem Impro-Hammer leider nicht voran). Trotzdem happy darüber das Projekt gestartet zu haben, machten wir uns auf den Heimweg. Danke Neni für deine Begleitung!

Das Projekt erfolgreich gestartet - ein zufriedener Tag!

Tag 2

Um diese Scharte auszuwetzen, zog es mich schon bald wieder nach Horefelli. Am Freitag 29. Oktober 2021 war es nochmals sonnig und ich machte mich alleine auf dem Weg - dieses Mal nach peinlicher Überprüfung von sämtlichem benötigtem Material, sprich also inklusive Hammer. Relativ zügig war ich im Rope Solo beim Umkehrpunkt angelangt und vollendete gleich die zweite Seillänge. Nun hiess es, auf den Boden zurückzukehren um das Seil zu lösen, dann ging's wieder hinauf. Im Anschluss bohrte ich die dritte Seillänge ein. Einige abstehende Schuppen und etwas durchzogenes Terrain konnte ich elegant rechts liegen lassen und eine prima Lösung mit guter Kletterei an einem kleinen Pfeiler finden. Weiter ging's auch gleich in die vierte Sequenz, wo der Beginn über eine Platte und neben einer kleinen Verschneidung auch ohne grosse Umschweife eingerichtet werden konnte. Selbst an der folgenden Steilstelle liess sich ideal ein BH platzieren und die nötigen Strukturen fürs Bezwingen dieser 6b-Passage waren da.

Der Start in L4 (6c), deren ersten Hälfte am Bohrtag 2 eingerichtet wurde.

Dies gab den Blick frei auf eine kompakte Platte. Ein paar Meter konnte man noch über gute Tritte leicht hochsteigen, aber dann wurde es superkompakt. Zweifel kamen auf: da gerade hinauf? Es schien auf den ersten Blick sehr herausfordernd, die bis dato angetroffenen Schwierigkeiten möglicherweise deutlich sprengend. Doch die Alternativen waren rar: links war komplette Fehlanzeige, da wäre es noch schwieriger gewesen. Etwas rechts zwar eine Rissspur, dafür eher steileres und kaum strukturiertes Terrain. Oder musste ich die Passage sogar ganz rechts durch eine grottenähnliche Struktur der angrenzenden Riesenverschneidung umgehen?!? Diese Linienführung wäre sehr indirekt gewesen, vom Gelände her unschön und da "im Bauch des Berges" wohl auch öfters nass. An diesem Tag kam ich zu keiner Entscheidung mehr. Sowieso, die Zeit war um und ich seilte ab.

Der Winter schickt einen Gruss, das war's für 2021. Die Saison an der Horefelli ist aber lang!

Tag 3

Bis zur Fortsetzung sollte es einige Zeit dauern. Es war nicht die Ungewissheit über das Projekt. Aber im 2022 stand für mich im Göschener Tal der Abschluss des Gandschijen-Projekts (Up in the Sky, 7a+) im Fokus. Und im 2023 war ich mit den Recherchen für den Rätikonführer ausgelastet, zudem wollte ich die dortigen Projekte möglichst vor dem vermeintlichen Redaktionsschluss zum Ende bringen. So also 2024, und auch da wurde es wieder Herbst, bis ich am 29. September 2024 meine nächste Aufwartung an der Horefelli machte. Bis zum Erreichen des Vortriebspunkts dauerte es nun schon eine ganze Weile. Im Rope Solo will ja doch 2x geklettert, 1x abgeseilt und 1x gehault werden, das alles nacheinander und von derselben Person. Tja, der Solo-Erschliessungsmodus ist schon deutlich kommoder, wenn man von oben zur Baustelle gelangen kann - an der Horefelliflue war das aber keine Option, da das Top nur sehr aufwändig zu erreichen ist und die beiden existierenden Routen im Sektor nicht bis zum Ende der Wand führten.

So umfangreich ist die Foto-Ausbeute jeweils nicht, wenn man alleine Einbohren geht. Somit widmen wir diese visuelle Impression dem treuen, aber meistens doch eher etwas lästigen Begleiter namens Haulbag. Tja, es hat mich jeweils einige Nerven und Körner gekostet, bis der Sack beim Vortriebspunkt angekommen war - nicht nur an den Tagen, wo ich alleine unterwegs war.

Jedenfalls, ich wollte mir an diesem Solo-Bohrtag die Lage am Umkehrpunkt von 2021 nochmals zu Gemüte führen und dann nicht ewig Werweissen, sondern eine Entscheidung fällen und Anpacken. Meine Fazit vor Ort: "gredig obsi" war die sinnvollste Option. Alles andere wären mühsame und weniger attraktive Umwege gewesen - und dazu vielleicht noch nicht einmal einfacher. Eine gewisse Challenge war das Bohren der drei folgenden BH in dieser reibungslastigen 6c-Passage zwar durchaus - aber es gelang mir ohne Sturz und Würgerei. Erleichtert, dass sich dieses Fragezeichen in lohnende, gut freikletterbare und schwierigkeitsmässig in den Rahmen der Route passende Moves verwandelt hatte, konnte ich bald darauf Stand einrichten. Somit konnte ich zur Realisierung der fünften Seillänge schreiten, wo schöne Strukturen angenehmes Fortkommen und relativ kommode Bohrarbeit versprachen. Allzu weit kam ich trotzdem nicht mehr: ein stumpfer Bohrer (der harte Granit hier ist absolut unbarmherzig in dieser Hinsicht) und die Mitnahme eines nicht voll geladenen Akkus beendeten den Fortschritt, bevor das Tageslicht und meine Kräfte komplett zu Ende waren.

An genau dieser Stelle in L5 (6a) gab es an Tag 3 im 2024 nur noch ein halbfertiges Bohrloch, dementsprechend musste ich im Rope Solo zum darunter liegenden BH abklettern. Rund ein Jahr später und just im Moment, wo dieses Foto belichtet wurde, konnte es dann komplettiert werden. Wobei mich an jenem Tag auch wieder eine Akkupleite an einem relativ ungünstigen Ort ereilte...

Tag 4

So ganz alleine und gewürzt mit immer wieder ein paar Missgeschicken wäre es möglicherweise noch sehr lange gegangen, bis dieses Projekt sein Ende gefunden hätte. Glücklicherweise konnte ich Guido für die Mitarbeit begeistern. Zwar dauerte es auch wieder eine ganze Weile, bis wir am 31. August 2025 die benötigte Schnittmenge von Verfügbarkeit, Wetter und Bedingungen vorfanden. An sich verlief die Kletterei bis zum Ende der vierten Seillänge zügig und auch rotpunkt. Weniger Freude machte hingegen das Hieven des extraschweren Haulbags namens "gestrandeter Walfisch" über den geneigten, rauen und strukturierten Fels. Aber ja, irgendwann konnte es am halbfertigen zweiten Bohrloch in L5 weitergehen und grundsätzlich lief es trotz immer wieder anspruchsvollem Gelände flott vorwärts. Sämtliche Fragezeichen lösten sich mit gangbarer und sehr lohnender Kletterei auf, der einzige Bremser bzw. Zeitfresser war eine Akkupleite in etwa an der dümmsten Stelle in L6. So konstatierten wir nach dem Fertigstellen von L7, dass es nun wohl besser wäre, in die Mastermind zu queren und über diese noch zu deren Schluss bzw. dem Wandbuch zu klettern. Zu klären galt es nämlich die Frage, ob unsere Linie noch weiter bis zum Top der Wand führen sollte, oder ob am Ende von Knecht Klemenz und Mastermind ebenfalls Schluss wäre. Nun schon zum dritten Mal sperberte ich in die Wandpartien oberhalb hinauf, erneut ohne zu einem ganz eindeutigen Schluss zu kommen.

Typische Pose mit kritischem Erschliesserblick auf das, was da wohl kommen möge...

Tag 5

Zwei Tage später beim nächsten Packvorgang des Haulbags musste jedoch ein Entscheid fallen: 10 oder 40 Bohrhaken? 1 oder 3 Akkus? Das Teufelchen vom bequemen Homo Oeconomicus hatte eine klare Meinung dazu. Die Ware an den Einstieg zu schleppen war ja das eine (wo mir auch Guido wie immer sehr behilflich war). Doch den nervigen gestrandeten Walfisch nun schon ganze 7 Seillängen in die Höhe zu hieven war mir ehrlich gesagt eine grauenvolle Aussicht. Ob das dann auch wirklich entschädigt würde?!? Doch die Flinte gleich schon vorweg ins Korn zu werfen war auch keine Option und so biss ich in den sauren Apfel und erledigte diesen "Part of the Game". Zur "Abwechslung" durfte ich zwischen diesen Kraftakten elegant und leichtfüssig die schon weit fortgeschrittene Route klettern, bis ich mich an Stand 7 dann schwer behängte und das Schlussstück zum Wandbuch in Angriff nahm. Dies mit dem erschwerenden Wunsch im Gepäck, gleich einen sturz- und hängerfreien Durchstieg der Wand zu realisieren, es musste also im Onsight-Modus gebohrt werden. Was in diesem Gelände kräftemässig noch geht, aber vor allem für die Füsse eine heftige Belastung ist: es war schon eine gewisse mentale Energie nötig, nicht nach jedem gesetzten Bolt etwas zu rasten und kurz aus den Finken zu schlüpfen. 

Bei diesem Foto kann man die heftige Belastung der Füsse vielleicht fühlen?!?

Überrascht stellten wir fest, dass bei der Sanierung von Mastermind offenbar der von uns genutzte Weg im ersten Teil von L8 gewählt und später wieder abgebaut worden war. Das lag ganz sicher daran, dass das Sanierungsteam in der zweiten Hälfte dieses Abschnitts rechts durch einen Kamin mit losen Blöcken geklettert war. Da fand ich eine viel bessere Linie links davon, zum Glück auch mit perfekt zur Route passenden Schwierigkeiten. Guido schloss dann zügig auf und bald richteten sich unsere Blicke beim Wandbuch erneut nach oben. Sollen wir, oder sollen wir nicht?!? Nachschauen war die einzige Option um das zu klären. Es ging nicht allzu lange und das Setzen einer ersten Zwischensicherung in Form von einem BH war unumgänglich - und damit war der Stein definitiv ins Rollen geraten. Wie es sich zeigen sollte, war das keine schlechte Sache. Nach einem kurzen gratartigen Abschnitt war in L9 zwar ein Grasband zu überqueren, dann ging es jedoch mit lohnender Kletterei in gutem Fels weiter. Drei zusätzliche Seillängen mit absolut lohnender Kletterei wurden es schliesslich, bis wir im goldenen Abendlicht den letzten Standplatz am Top der Wand versenkten. Die Route war damit FERTIG erschlossen, gleichzeitig komplett ROTPUNKT geklettert und ein riesiger GENUSS war's für uns:  zufrieden konnten wir uns am Top den High-Five geben und den Heimweg antreten. Vielen herzlichen Dank Guido für deine wertvolle Mitarbeit bei diesem Projekt!

Finito Lavori! Nur die letzten Meter zum Top der Route fehlen Guido hier noch.

Zustieg

Los geht's bei der Voralpkurve (P.1402) an der Strasse ins Göschener Tal, wo man den markierten Wanderweg zur Voralphütte einschlägt. Gleich zu Beginn überquert man die Voralpreuss, dann geht's durch einige Kehren den Wald hinauf, bevor sich das Tal öffnet und man flacher taleinwärts geht. Nach einer Weile rückt die Horefelliflue in den Fokus. Es lohnt sich aber, geduldig zu bleiben. Nachdem man die geröllige Zone im Auslauf der Spicherribichelen überquert hat, wandert man weiter bis zu den Gebäuden der Alp Horefelli. Erst dort verlässt man den Wanderweg und strebt man dem Wandfuss entgegen, wobei sich auf der logischen Linie eine gute Pfadspur präsentiert. Beim Erreichen des tiefsten Punktes der Wand geht's noch etwas nach rechts hinauf, bevor man den Bereich erreicht, wo v.l.n.r. Knecht Klemenz, Mastermind und Joyride starten. Die Einstiege sind jeweils ca. 10m auseinander, jener von Joyride wenige Meter vor der markanten Verschneidung, mit eingemeisselten Initialen "JR" und Farbanschrift markiert. Die Koordinaten des auf 1900m gelegenen Einstiegs lauten CH LV95: 2'682'040, 1'170'165 bzw. WGS84: 46.677655, 8.510892. Der Zustieg umfasst gerade 500hm, bei zügigem Gehen sind diese in 1:00-1:15h gut machbar.

Unzweifelhaft, hier geht' los. Wie lange die Farbe wohl hält?!?

Routenbeschreibung

Horefelliflue - Joyride 6c (6b obl.) - 11 SL, 380m - M. Dettling & G. Arnold 2025
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams/Keile nicht nötig

L1, 35m, 6a, 7 BH: Auf los geht's grad los, schon die ersten Meter erfordern gleich etwas beherztes Antreten, bevor man dann auf strukturiertem Fels zügiger voranschreiten kann. Wobei trotzdem "Augen auf" für den einfachsten Weg gilt, denn dieser verläuft nämlich nicht immer in direkter Hakenlinie. Im oberen Teil heisst es dann nochmals, Souplesse zu zeigen und die Füsse zügig über einen Wulst zu bringen, bevor der erste Standplatz über prima strukturierten Fels erreicht wird.

Toll strukturierter und sauberer Granit wartet in L1 (6a).

L2, 30m, 5c+, 8 BH: Nach unserem Gusto ist die die einfachste Sequenz im unteren Routenteil bis zum Wandbuch (nach L8). Los geht's mit genüsslicher Plattenkletterei, dann kurz einer Verschneidung entlang, wo die linke Seitenwand aber griffig strukturiert ist. Eine Hangelquerung bildet den originellen Abschluss, lässt einem jedoch sicherlich auch keine grauen Haare wachsen.

Die "Hangelquerung" in L2 (5c+) scheint doch mehr fuss- als fingerlastig zu sein 😁

L3, 35m, 6a+, 8 BH: Eher plattig, aber schön strukturiert pirscht man sich an einen ersten Wulst heran, welcher recht knifflig zu überwinden ist. Genussreiche, strukturierte Platten bringen einen dann zu einem kleinen Pfeiler, den man erst an Seitgriffen anpackt und dann mittels einiger perfekt platzierter Thank-God-Crimps entert. Zuletzt nach rechts zu einigen grossen Schuppen - sie sind gut verankert, trotzdem den Verstand walten lassen.

Am Start von L3 (6a+) am Bohrtag 4, welcher am ersten sonnigen Tag nach starken Regenfällen stattfand, zudem starteten wir tageszeitlich früh. Wie man sieht, war die Wand an jenem Tag tatsächlich stellenweise feucht, davor hatte ich dies noch nie so erlebt. Joyride liess sich nach dem Motto "hart am Wasser, aber daneben geht's vorbei" aber auch so gut klettern. Mit der Sonneneinstrahlung war die Feuchtigkeit zudem sowieso bald Geschichte.

L4, 35m, 6c, 9 BH: Ein Diagonalrail bringt einen zu einer kleinen Verschneidung, welche erst plattig und dann mit Hilfe eines Risses gemeistert wird. Bei der folgenden Steilstufe steht die Natur dem Freiklettergedanken unterstützend zur Hilfe: genau dort wo es sie braucht, sind Knubbel und Leisten - gut antreten und weit durchmoven muss man trotzdem. Das bringt einen zur plattigen Cruxzone. Erst geht's noch easy "Stägeli uuf", doch dann wird es fein. Erst entlang von einer Rissspur gewählt bewegen, dann entschieden plattig nach rechts zaubern zu einer Rissspur mit Leisten und an dieser hinauf. Das letzte Dächli erfordert nochmals einen beherzten Aufsteher, bevor es geschafft ist.

Hier sieht man die letzten Meter der Cruxlänge (L4, 6c), auf einem Foto weiter oben gibt's auch noch Impressionen von deren Start. Um jedoch zu sehen, wie es an der dazwischen liegenden Schlüsselstelle zur Sache geht, muss man sich vor Ort begeben. 

L5, 30m, 6a, 6 BH: Der logische (und schönste) Pfad führte den Erschliesser hier diagonal in prima strukturiertem Fels über 2 BH nach links hinaus. Es folgt dann die steilplattige Crux gerade hinauf, bevor man zurück nach rechts traversieren muss. So erreicht man schliesslich etwas vegetativ durchzogenes, einfaches Terrain. Es wird rechts über einen kleinen Grat zu bequemem Stand mit idealer Sitzgelegenheit erklommen.

Erst führt L5 (6a) über einen tollen Plattenschuss, am Ende navigiert man um den Jardin herum.

L6, 50m, 6a+, 10 BH: Eine lange Reise! In einem Winkel geht's vorerst in die Höhe, wobei das eine oder andere Mal die Lösung zu erkennen ist. Findet man diese, ist kein wirklich schwieriger Schritt dabei, knifflig ist's aber mehrmals. Schliesslich überwindet man ein kleines Überhängli und klettert dann viele Meter homogen schwierig über eine strukturierte, rampenartige Wand gegen das grosse, sperrende Dach hinauf.

Guido hoch über der Alp Horefelli im schön strukturierten Fels von L6 (6a+).

L7, 30m, 6b, 6 BH: Würde es aus dieser Sackgasse einen Ausweg geben? Da 10m oberhalb die Mastermind auf der einfachsten Linie quert, blieb nur die steile, rechte Seitenwand. Rissige Strukturen bieten sich da als Griffe und als Trittrampe an, so geht's recht gut - auch wenn man zu Beginn noch zwei klein-positive Crimps herzhaft zuschrauben muss. Einmal auf der oberen, liegenden Wand angelangt geht's einfacher daher, auch die Stufe am Schluss ist dank viel Struktur gut zu haben.

Die fotogene Stelle über die "Seitenwand" am Anfang von L7 (6b).

L8, 30m, 6b+, 7 BH: Der logische Weg führt einen der markanten Verwerfung entlang, bzw. man steigt im plattigen Gelände links daneben. So kommt man an den abschliessenden Steilriegel heran. Da herrscht kurz nicht die üppig-griffig-strukturierte, für die Horefelli typische Felsstruktur vor. Doch zuerst erlauben griffige Schuppen das Fortkommen, zuletzt wird's aber an einer Rissspur doch noch tricky, bevor Henkel in die Hand fallen und zum Stand mit dem Routenbuch (gemeinsam mit Mastermind und Knecht Klemenz) führen.

Nochmals eines von der (absolut freudvollen Erschliessungs-)Arbeit...

L9, 45m, 4a, 4 BH: Den Entdecker zieht's hier weiter - vorerst unschwierig einem kurzen Grat entlang, wobei man bei zweiten Haken am besten entschieden nach rechts in den grossen Jardin hält (dort einfach begehbar, weiter dem Grat entlang weniger gäbig). Nach ca. 10m folgen wieder schöne, geneigte und gut strukturierte Platten, über welche man zügig zum nächsten Stand gelangt.

Die bisher existierenden Routen enden bei der Position des Fotografen. Weiter geht's hier mit L9 (4a).

L10, 35m, 5c, 5 BH: Bei moderaten Schwierigkeiten geht's los, die Route führt über die plattige Verschneidungsrampe diagonal nach links hinauf. Das Gelände steilt sich schliesslich etwas auf, so dass am Auslauf der Verschneidung noch ein paar forderndere, plattige Moves zum vorletzten Stand (auf einem bequemen Band gelegen) nötig sind.

Eine lässige und gemütliche Kletterei bei sehr schönem Panorama in L10 (5c).

L11, 25m, 6a+, 5 BH: Es wartet noch ein toller Abschluss durch die hier wieder steilere Wand mit ihren griffigen Schuppen und Rissen. Da gilt es noch ein paar Mal zu überlegen, welches wohl der beste Weg ist. Luftig geht's zuletzt an die exponierte Kante, welche elegant gemeistert wird - die tolle Position wiegt hoffentlich den hier (wie so oft am Top einer Wand) zunehmenden Flechtenbewuchs auf, der die letzten Meter charakterisiert.

Bald geschafft! Marcel bohrt die letzte Zwischensicherung der Route in L11 (6a+).

Abseilen

Vom Routenende wird über die Route abgeseilt, alle Standplätze sind entsprechend eingerichtet. Dazu sind mind. 2x50m-Seile nötig, mit welchen alle Standplätze genutzt werden müssen (11 Manöver, wer sich traut kann den Stand nach L7 auslassen, 50m!). Bringt man 2x60m-Seile mit, so kann man von S11 -> S9, S8 -> S6, S5 -> S3 und S2 -> Boden noch 3-4 Manöver einsparen, auf diesen Strecken besteht auch keine grosse Gefahr eines Seilverhängers. Ein Fussabstieg ist nicht möglich, bzw. wäre sehr aufwändig, da zuerst steiles Schrofengelände erklommen werden muss und nachher ein grosser Umweg in Kauf zu nehmen ist.

Vor dem Abseilen heisst es zum Top klettern! Guido ist kurz davor, dieses zu erreichen (L11, 6a+).

Planungsgrundlagen, Absicherung & Topo

Die Route ist mit total 75 rostfreien Zwischen-BH und 22 Stand-BH vollständig und nach dem Standard Plaisir gut+ (Stufe 4/5) abgesichert. Die Haken wurden fair platziert, d.h. sie sind gut sichtbar, vor schwierigen Stellen kann immer geklippt werden und es sind dort keine gefährlichen oder weiten Stürze zu befürchten. Ein gewisser Anspruch ist im Vorstieg dennoch vorhanden, es heisst es auch zwischen den Haken zu klettern und im plattigen Granit auf die Füsse zu stehen, es kann nicht alles mit A0 ermogelt werden. Ebenso muss man im einfacheren, gut kontrollierbaren, griffig-trittigen Gelände (4a-5a) wiederholt auch Hakenabstände von 5-7m bewältigen. Mobile Sicherungsmittel sind nicht zwingend notwendig und können aufgrund der kompakten Felsstruktur nur vereinzelt angebracht werden, am ehesten noch in den letzten 2 Seillängen. Wenn man trotzdem Klemmgeräte mitführen möchten, dann machen wohl 0.3-1 oder 2 am meisten Sinn.

Dieses Foto ist von einer der beiden letzten Seillängen. Ganz konkret vom Ende von L10 (5c).

Die Saison an der Horefelliflue dauert lange. Die Wand ist nach Süden ausgerichtet und in sonniger Lage. Nach Regenfällen trocknet die Horefelliflue recht zügig wieder ab - deutlich schneller jedenfalls als z.B. die Sandbalm-Platten beim Ausgangspunkt an der Voralpkurve. Jahreszeitlich geht's ab Anfang Juni sicherlich (fast) immer, oft kann sicher auch schon im Mai geklettert werden. Im Herbst geht die Horefelliflue, bis das Gelände unterhalb von 2000m eingeschneit wird. Selbst spät im Jahr geniesst man noch ein erstaunlich langes Sonnenfenster, so dass die Route von schnellen Seilschaften bis Ende November angegangen werden kann. Hier eine grobe Planungshilfe (ohne letzte Gewähr) mit den Zeiten, wo die Sonne den Wandfuss erreicht, bzw. den oberen Routenteil verlässt:

23.09. 09.45 - 17.30 (Sommerzeit)
23.10. 10.15 - 16.30 (Sommerzeit)
23.11. 09.15 - 14.15 (Winterzeit)
23.12. 09.45 - 14.00 (Winterzeit)

So, jetzt braucht es nur noch das Topo (PDF-Download), dann kann es losgehen 😀

Das Topo zu unserer Route Joyride an der Horefelliflue


Sonntag, 17. November 2024

Horefelliflue - Mastermind (6b+)

Die Horefelliflue ist eine 350m hohe, eindrückliche Wand mit grossen, glatten Plattenschüssen in der Voralp, einem Seitental der Göschenernalp. Schon verschiedentlich hatte ich dieses verlockende Gemäuer bestaunt, das erste Mal als wir vor 25 Jahren durch die Spicherribichelen aufstiegen, um die Via Hammerbruch am Salbit Westgratturm 2 in einer Tagestour zu klettern. Später dann auf alpinen Skitouren wie dieser oder jener. Schon immer hatte es mich sehr gereizt, durch diese Wand zu steigen. Genauso erging es den Pionieren der ersten Freiklettergeneration, die hier in den 1980er-Jahren einige Routen erschlossen. Zeitgenössisch wurden diese spärlich ausgerüstet, 35 Jahre Korrosion hatten irgendwelchen Ambitionen erst recht einen Dämpfer versetzt. Doch dann drang die Kunde an mein Ohr, dass die Route Mastermind im 2020/2021 saniert worden sei. Das klang wie Musik in meinen Ohren. Schliesslich kam der Tag mit einwandfreiem, mildem und sonnigem Herbstwetter, der uns ins Voralptal aufbrechen liess. Für diese Jahreszeit eignet sich die exakt nach Süden ausgerichtete Wand perfekt. Wir genossen viel Ruhe und Bergeinsamkeit im abgeschiedenen Tal, ein geschenkter Tag!

Der Blick auf die gewaltige Wandflucht der Horefelliflue mit dem Verlauf der Route Mastermind.

Unsere Tour startete um 10.15 Uhr (Sommerzeit) bei der Voralpkurve (1402m). Man könnte in der zweiten Oktoberhälfte vermutlich auch schon eine Stunde früher losgehen und wäre nicht zu früh dran, was für uns organisatorisch aber nicht möglich war. Larina setzte sich an die Spitze und wir liefen in sehr zügigem Tempo die Kehren durch den Wald hinauf, mit flüchtigen Blicken auf die Sandbalm, wo wir ja auch schon tolle Klettererlebnisse (z.B. 1,2) hatten. Nach und nach öffnet sich das Tal und wird flacher. Ziehen erst einige durch Urner Kletterer erschlossene Wände die Aufmerksamkeit auf sich, so rückt nach einer Weile die Horefelliflue in den Fokus. Es lohnt sich aber, geduldig zu bleiben und bis zu den Gebäuden der Alp Horefelli zu wandern. Erst dort strebt man dem Wandfuss entgegen, wobei sich auf der logischen Linie eine gute Pfadspur präsentiert. Nach gerade einer guten Stunde waren wir bei sehr angenehmen Klima am Einstieg. Im Bereich von Mastermind starten drei Routen. Links die Knecht Klemenz, welche mit einem eingemeisselten "KK" markiert ist, mittig die von uns angepeilte Tour und rechts ein Projekt, welches zur Zeit noch nicht ganz fertiggestellt ist. Wir rüsteten uns für die verlockende Kletterei und stiegen um 11.45 Uhr ein.

Herrliche Herbstwanderung durchs verlassene Voralptal. Am linken Bildrand der Schijenstock, wo ich dereinst meine allererste Klettertour auf einen 3000er hatte erleben können. In Bildmitte das Sustenhorn mit seinem Ostgrat. In der rechten Bildhälfte die Felsen bei Mittwald, wo auch einige Routen erschlossen wurden.

L1, 35m, 9 BH, 6b+: Der erste Bolt steckt erst auf ca. 10m Höhe oberhalb vom kleinen Dach. Der Vorbau darunter ist zwar nicht sehr schwierig, aber Konzentration ist trotzdem nötig. Hat man geklippt, so geht's gleich los - das Dach an Seit- und Untergriffen zu überwinden ist die Crux, gleich mal ordentlich knifflig und ohne Vertrauen in die Haftreibung geht's nicht! Auch danach bleibt's anhaltend fordernd, die vielen Käntchen, Dellen und Leisten wollen in eine Sequenz eingeordnet werden und es gilt die Optimallinie zu erschnüffeln - wirklich hervorragender Klettergenuss, genial! Der Stand dann mitten in der plattigen Wand ziemlich unbequem.

Wunderbar strukturierter Fels in L1 (6b+), eine sehr lässige Kletterei!

L2, 35m, 9 BH, 6a: Ähnlich wie die erste Länge aufgehört hat geht es weiter, nämlich mit anregender Plattenkletterei, die einen wachen Geist und solide Fusstechnik erfordert. Mit einem Rechtsschlenker erreicht man dann aber eine Rippe, wo man zügiger Voranschreiten kann. An deren Ende geht's mit einer gängigen Linksquerung zum Stand, der sich kurz vor der ansetzenden Verschneidung befindet und leider auch nicht mit allzu viel Bequemlichkeit auftrumpfen kann.

Chillige Linksquerung am Ende von L2 (6a), davor gibt's aber feine Plattenmoves!

L3, 40m, 10 BH, 6b: Um die Ecke und die Verschneidung hinauf heisst's erst, für die ersten 10-15m ist das nicht sonderlich schwierig. Ab dieser Stelle würde die Verschneidung dann sogar noch einfacher, aber eben auch gemüsig und unschön. Somit führt die Route kühn nach links in die Plattenwand hinaus. Bald einmal sind gewagte Moves nötig - die Absicherung ist zwar super, aber trotzdem einigermassen zwingend und ohne am (gefühlten?!?) Limit auf Reibung anzutreten und mit den Fingern auf kleinsten Unebenheiten für Stabilität beim Aufrichten zu sorgen geht's nicht. Wow, das mit den Schuhen aus den 1980ern, nur mit dem Handbohrer und bei damals deutlich weiteren Abständen - Chapeau an die Erstbegeher!?! Das Finish dann mit ein paar griffigen Schuppen gut machbar, der Stand etwas angenehmer als gehabt, aber auch keine bequeme Ruheoase.

Blick das Voralptal hinaus, selbst im späten Herbst geniess man hier noch viel Sonne!

L4, 40m, 12 BH, 5c+: Um die Ecke geht's auf die verblüffende, sich diagonal nach links ziehende Rampe. Vorerst turnt man am Verschneidungsriss zügig und sehr genussvoll in die Höhe. Hat man nach 30m das Ende erreicht, so sieht ein System von griffigen, jedoch teilweise etwas hohl tönenden Schuppen weiter hinauf. Da muss man sich das eine oder andere Mal noch geschickt positionieren oder etwas kräftiger ziehen. Und wie fast schon befürchtet, bequem ist auch dieser Stand nicht.

Kathrin und Larina schreiten über die schöne und verblüffende Rampe in L4 (5c+).

L5, 40m, 14 BH, 6a+: In anregender, reibungslastiger Wandkletterei an Strukturen und Schuppen klettert man hier auf dem Pfad eines 'S' durch die Wand. Die Bolts stecken zahlreich, es geht mal links, mal rechts. Am oberen Ende des 'S' behält man dann die Richtung und am besten auch den Schwung bei, folgen nun doch die schwierigsten Moves an einer dünnen Rissspur - wo Reichweite vermutlich keinen Nachteil darstellt, denn ich fand es chillig, aber Larina meinte es sei taff. Schliesslich erreicht man um die Ecke eine Rampe mit etwas grasigem Fels, steigt diese ca. 8m in einem Runout hinauf und findet den wirklich maximal unbequemen Stand rechts um die Ecke. Zu erwähnen ist auch, dass hier vorbeugende Massnahmen gegen den Seilzug (lange Exen, Halbseiltechnik) sinnvoll sind.

Blick aus der Wand auf's Sustenhorn - diese Herbsttage sind schon einfach fantastisch!

L6, 40m, 14 BH, 6b: Da hat die Route noch einmal etwas zu bieten! Los geht's mit schöner Wandkletterei, wobei man oft nach links offene Schuppen greift, die manchmal etwas fragil sind - mit einem wachsamen Auge aber kein Problem. Um die Ecke geht's auf eine geneigte Plattenzone, jenseitig dann an einer Rippe die steile Wand empor. Das wird durch den abschüssig-glatten Fels subito knifflig, ist aber eine echt coole Bewegungspassage! Hier habe ich mich aber gefragt, ob der Originalparcours nicht dem Riss unter dem Dach entlang führte?!? Leider ist das Topo im SAC-Führer Urner Alpen 2 so vage, dass wohl nur die Erschliesser eine Antwort geben können. Jedenfalls, hat man den Ausläufer des Dachs erreicht, so heisst es scharf nach rechts abzubiegen und mit einem Hangelquergang an Leisten den Stand zu erreichen. Auch in dieser Länge heisst es, sich nicht mit Seilzug auszubremsen und die Standbequemlichkeit war leider auch hier nicht so, wie wir es uns gewünscht hätten.

Kathrin noch in der Wandpassage, Larina quert über die geneigte Plattenzone in L6 (6b).

L7, 45m, 10 BH, 5c+: Erst geht's in der rechten Wand hinauf (unschwierig), dann überquert man den markanten Riss und steigt an Schuppen und Rissen steiler hinauf, wo man dann für die 5c+ schon noch auf seine Kosten kommt. Die letzten 10m legen sich zurück und man erreicht (endlich!) einen richtig bequemen Rastplatz, wo sich das bei der Sanierung gelegte Routenbuch befindet. Auf dieser letzten Seillänge ist der Fels teilweise etwas mit Flechten überzogen und nicht mehr ganz so schön wie zuvor. 

Larina auf der Zielgerade in L7 (5c+), der Schatten ist inzwischen an den Wandfuss vorgerückt.

Erst kurz vor Schluss der letzten Länge nimmt man aber wahr, dass man nicht den Gipfel erreicht, sondern die Route an einem gratartigen Vorsprung endet, der hinten in einer Schlucht abbricht. Zwar wäre es sicher möglich, noch weiter zu steigen, wegen Grasbändern und inhomogenen Anforderungen sieht's aber tatsächlich nicht mehr lohnend aus. Die Uhr war auf 16.30 Uhr vorgerückt, somit hatte uns die Route gute 4:30 Stunden anregend beschäftigt. Mir war eine komplette Onsight-Begehung gelungen. Man könnte meinen, die sei ein Umstand, der bei einer so tiefen Bewertung kaum der Rede wert ist. Subjektiv ist das aber nicht der Fall, in L3 (6b) musste ich definitiv Moves am Limit ausführen. Gut, Granit ist immer etwas speziell, in etwas griffigerem Gelände empfinde ich ähnliche Emotionen in Bezug aufs Gelingen oder nicht üblicherweise etwa zwei Buchstabengrade höher - was jetzt aber nicht heissen soll, dass die Route dementsprechend aufgewertet werden muss... nur dass sie für Kletterer auf meinem Niveau eine durchaus spannende Beschäftigung bietet.

Top erreicht, Routenbuch natürlich beschrieben - Aufkleber und Initiative lehnen übrigens die Massentierhaltung ab, auch wenn's auf den ersten Blick einen anderen Eindruck machen könnte. Aufkleber hin, Aufkleber her, das Stimmvolk hat die Initiative später dann sowieso versenkt.

Uns blieb noch eine Viertelstunde, um die letzte Abendsonne geniessend am Routenende über solche Fragen zu philosphieren, einen Vesper zu geniessen und den Eintrag im Buch zu machen. Seit der Sanierung Anfang Juli 2021 waren wir erst die vierte Seilschaft, die sich eingetragen hatte. Aber ich bin mir sicher, es werden noch viele weitere folgen, denn die Route verdient einen Besuch auf jeden Fall! Der trockenen Luft wegen sanken die Temperaturen beim Verschwinden der Sonne sofort markant. Zeit also, um die Seile auszuwerfen und in die Tiefe zu gleiten. Da die Wand nicht viele Bänder aufweist, geht das recht zügig vonstatten. Aufgrund der langen Seillängen muss man nach dem routenunabhängigen Abseilstand zu Beginn jede Station nutzen, nur am Ende reicht mit 60er-Stricken schon das sechste Manöver auf den Boden. Dort packten wir flugs unsere Sachen und liefen der Voralpkurve entgegen. Nach einer knappen Stunde waren wir da und setzten uns... in den Kühlschrank. Gerade mal 2 Grad versprach die Anzeige - verrückt nach diesem genussvollen Tag an der Herbstsonne!

Facts

Horefelliflue - Mastermind 6b+ (6a+ obl.) - 7 SL, 275m - Binsack/Lötscher/Meier 1986 - ****;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 15-16 Exen (ca. 6 verlängerbare), Cams/Keile nicht nötig

Sehr schöne Kletterei in meist bestens strukturiertem Granit, der v.a. in den unteren Seillängen etwas an das Gestein in Ailefroide erinnert. Auch wenn natürlich das Antreten auf Reibung einen wichtigen Aspekt ausmacht, so klettert man oft auf Steilplatten, wo auch Leisten und Aufleger bedient werden müssen. In den oberen Längen gibt's dann auch athletischere Passagen, wo man an Schuppen herzhaft ziehen darf. Die ursprünglich spärliche und veraltete Absicherung wurde im 2020/2021 durch Silvia Kempf und André Arnold komplett saniert, vielen herzlichen Dank dafür! In L1-L3 trifft man nun auf prima MSL-Absicherung, wobei richtigerweise immer noch der eine oder andere Schritt auf Reibung zwischen den Haken nötig ist. Die oberen Längen sind spürbar üppiger saniert, wobei mich die Haken manchmal etwas inhomogen verteilt dünkten. Mobile Sicherungen sind nicht nötig, sowieso gäbe es in der oft kompakten Wand kaum Placements dafür. Ein rudimentäres Topo zur Route gab es dereinst im SAC-Führer Urner Alpen 2, prima ist hingegen jenes vom Sanierungsteam - besten Dank auch dafür!

Sonntag, 24. Dezember 2023

Gandschijen - Up in the Sky (7a+, 6 SL, Erstbegehung)

Der Gandschijen mit seiner imposanten Südwand thront in sehr sonniger Lage prominent über der Göscheneralp. Besten, rau strukturierten Granit findet man da, so dass schon die erste Freikletter-Generation in den 1980er-Jahren in dieser Wand ihre Herausforderungen suchte. Im Laufe der Zeit geriet das Gebiet etwas in Vergessenheit. Der steile Kalk der Wendenstöcke war bei den Spitzenleuten 'en vogue' und die Masse folgte ihnen. Kommt noch hinzu, dass die Routen der Pioniere zeitgenössisch knapp abgesichert waren und die alten Bohrhaken mehr und mehr Rost ansetzten. Weil man darüber hinaus wenig über einige durchaus erfolgte Sanierungen wusste und die Gandschijen-Routen kaum mehr in den modernen Topos verzeichnet wurden, beschränkten sich die Besucher allermeistens auf die beiden klassischen Linien des Südpfeilers und der Gatsch. Es gibt aber für den alpinen Sportkletterer definitiv noch viel mehr zu entdecken am Gandschijen. Hier der Bericht zu unserem Beitrag dazu, der Neutour Up in the Sky.

Die Gandschijen-Südwand mit dem Verlauf unserer Up in the Sky (6 SL, 7a+).

Erschliessung

Die Geschichte dieser Route beginnt mit unserem Besuch am Gandschijen am 3. Juli 2021. Eigentlich wollten wir da den bekanntesten Sportkletterklassiker der Wand, die Super Gwüest klettern. Da es in den Tagen zuvor stark geregnet hatte, verunmöglichte verbleibende Restfeuchte dieses Unterfangen. Die Suche nach einer trockenen Alternative brachte uns schliesslich zur Golden Flake, die in der westlichen Südwand mehr oder weniger direkt in der Fallinie des Gipfels emporführt. Die Route der Gebrüder Jud aus dem Jahr 2014 bescherte uns einen spannenden und intensiven Klettertag. Wie so oft schweiften die Blicke beim Sichern umher. Linkerhand lockten mit Strukturen gespickte, gewaltige Granitplattenschüsse. Ja gäbe es hier die Möglichkeit für eine weitere Linie?!? Könnte sein... Beim Abseilen gingen wir der Sache noch etwas konkreter auf den Grund. Wir beurteilten die Lage positiv und vereinbarten in freudiger Erwartung, die Sache baldmöglichst in Angriff zu nehmen.

Moody Weather bei unserem Besuch im Juli 2021, hier der Blick aufs Börtli.

Eine Sache galt es allerdings im Vorfeld noch zu erledigen: es gab in diesem Wandteil eine alte Artif-Route von Sepp Inwyler aus dem Jahr 1968. Was wir damals wussten: sie startete rechts der Golden Flake in einem kolossal grasigen Riss, verlief Ende L1/Anfang L2 teils gemeinsam mit dieser, um sich dann nach links zu entfernen und auf der letzten Seillänge wieder abschnittweise den Parcours der Golden Flake zu teilen. Sie schien schon sehr lange nicht mehr begangen und ausser sehr rudimentären Infos im SAC-Führer Urner Alpen 2 von 1996 (mit wie sich später zeigte komplett falsch eingezeichnetem Routenverlauf) liess sich gar nichts in Erfahrung bringen. Also wählte ich die Telefonnummer von Sepp Inwyler, um mich aus erster Hand zu informieren und meine Idee mit ihm zu besprechen. Er freute sich sehr über meine Kontaktaufnahme und erzählte von damals. Seine Hoffnung war es, eine Freikletterei direkt zum Gipfel zu realisieren. Sie hätten einen ersten Versuch etwas weiter links gemacht, der jedoch scheiterte. Solch kompakter und schwieriger Fels hätte sich damals schlicht und einfach nicht klettern lassen. Bei diesem Vorstoss handelte es sich übrigens genau um die von uns nun realisierte Linie, der immer noch vorhandene Umkehrhaken von Sepp in unserer L1 zeugt heute noch davon. Ihre Alternative bestand schliesslich darin, etwa 10m weiter rechts zu starten, wo man weniger attraktiven, erdig-grasigen Rissen folgen konnte. Trotzdem entstand "nur eine Nagelroute", wo viele Schlaghaken im 1m-Abstand platziert wurden und man sich fast ausschliesslich artif fortbewegte. Einige besonders kompakte Passagen erforderten sogar den Einsatz von altertümlichen BH. Sie sind noch heute sichtbar, z.B. einige Meter rechts unserer heutigen Linie am Ende von L2. Weil Sepp damals schon die Freikletterei bevorzugte (wie seine grandiose Route am Tällistock zeigt) und ein begnadeter Kletterer war, entsprach seine Tour am Gandschijen nie seinem Gusto. Sie war ihm nicht wichtig und erlangte nie Popularität. So war er "zu 100%" damit einverstanden, dass wir unser Projekt mit einer Linie für die moderne Freikletterei in Angriff nähmen, auch wenn sie seine alte Linie potenziell tangieren würde. Er meinte, er würde das als die Verwirklichung seiner ursprünglichen Idee sehen, das sei ganz in seinem Sinne. Wir bedankten uns gegenseitig für das herzerwärmende Gespräch, wo ich ihm auch versprach, seine damalige Leistung zu würdigen. Das geschieht hier an dieser Stelle und damit, dass der originale Verlauf in unserem Topo wiedergegeben ist. 

Der Spitzistein (P.2024), den man im Aufstieg passiert - auch am ersten Bohrtag im Juli 2021.

Nachdem wir grünes Licht für unser Projekt hatten, wurde es nicht lange aufgeschoben, schon ein Wochenende nach der Golden Flake war es soweit. Frühmorgens nach einem langen und intensiven Wettkampftag an der ZKM im Griffig reiste ich auf die Göscheneralp - höchst motiviert und trotz den Efforts am Vortag topfit. Vor Ort traf ich auf Viktor, welcher nicht ganz meine sprühende Motivation und Vitalität zeigte. Kein Wunder, er hatte sich am Vortag einen wahren Klettermarathon mit 75 SL am Grimsel gegönnt, der noch heftig in seinen Knochen steckte. Doch Ausruhen und Zurücklehnen war vorerst nicht angesagt, in harter Arbeit waren unsere kolossal schweren Säcke an den Einstieg zu befördern. Da wir im Projekt 'zugängliche' Schwierigkeiten vermuteten, gingen wir davon aus, schon an diesem Tag weit vorstossen zu können und führten dementsprechend viel Ausrüstung mit. Endlich am Wandfuss angekommen, behängte ich mich mit allerlei Material und packte an. Tatsächlich liess sich die angepeilte Wandzone dank strukturiertem, mit Leisten gespicktem Fels prima klettern. Allerdings lagen die Schwierigkeiten mindestens einen Buchstabengrad höher, als wir uns dies beim ersten Augenschein während dem Abseilen ausgemalt hatten. Eigentlich sollte ich es langsam aber sicher wissen, denn diese Sensation hatte ich schon viele Male davor erlebt.

Der Bohrstaub verrät es, Viktor folgt in L1 (6c), kurz nachdem diese quasi 'erfunden' wurde.

Noch mehr Einsatz zeigen hiess es beim Start in L2. Da geht's gleich steil und anspruchsvoll los, so dass mir Viktor den Vortritt überliess. Zum Glück bietet der rau strukturierte Granit hervorragende Reibung für Füsse und Hände, so dass auch die Sloper und vage Unebenheiten gut genutzt werden können. Noch dazu tauchten an entscheidender Stelle ein paar Crimps auf, so dass sich die Stelle entschlüsseln liess. Wie sich erst später bestätigen sollte, handelte es sich dabei um die klettertechnische Crux der Route. Die logische Fortsetzung unseres Wegs führte in eine steile, kleine Verschneidung, wo von rechts her die 1968er-Linie von Sepp Inwyler einmündete. Über ca. 15m verläuft unsere Route hier gemeinsam. Während die alte Route später gerade hinauf an einem sich schliessenden Riss in einen glatten, nicht frei kletterbaren Plattenschuss führt (wo die bereits erwähnten, altertümlichen Bohrhaken stecken), fand ich einen Ausweg mit einer zwar kniffligen, aber machbaren Plattentraverse nach links und einer Verschneidung entlang hinauf zu Stand 2. Der Tag war inzwischen zeitlich schon fortgeschritten, doch Viktor gab mir grünes Licht, um noch die dritte Seillänge anzugreifen. Unser Plan war, den famosen Splitter Crack einzubauen, den wir beim Abseilen über die Golden Flake entdeckt hatten - er stellt durchaus ein Highlight unserer Route dar. Erreicht wird er über eine leistig-listige Wand, bevor der Riss zum grössten Teil mobil absichernd erstiegen wird. Damit war der Tag nun definitiv um, inzwischen war nicht nur Viktor sehr müde, sondern ich nach 3 anspruchsvollen Bohrseillängen ebenfalls.

Der superschöne Splitter Crack am Ende von L3 (6c).

Weiter ging es aus verschiedenen Gründen schliesslich erst ein knappes Jahr später am 2. Juli 2022. Der entscheidende Faktor war, dass Viktor für die Fortsetzung nicht abkömmlich war. Meine Motivation war nach dieser langen Zeit jedoch am Überborden und so war es Zeit, um alleine loszuziehen. Notgedrungen mit nicht mehr ganz so viel Material wie bei der Initiierung des Projekts, noch schwerer war mein Rucksack mit der kompletten Ausrüstung aber dennoch. Die vierte Seillänge kostete mich schliesslich mehr oder weniger einen ganzen Tag an Arbeit. Es dauerte seine Zeit, bis ich im Solomodus in die Gänge kam. Zudem war die Ideallinie an jener Stelle nicht so klar vorgegeben und nichts kostet beim Erschliessen mehr Zeit, wie wenn das Werweissen über die einzuschlagende Richtung beginnt. Am Ende ging dann doch alles gut auf, selbst die unvermeidliche Querung über eine scheinbar blanke Zone hinweg offerierte die für zugängliche Freikletterei nötigen Strukturen und Stand 4 war erreicht. Die Zeit reichte mir noch, um einen ersten Vorstoss in die fünfte Länge zu machen. Sie startet mit einer athletischen Hangeltraverse unter einem Dach. Jetzt wo alles fertig ist und man diese 6b-Passage im Wiederholer-Modus klettern kann keine grosse Sache - Rope Solo im steilen Gelände mit all dem Gear und nach schon vielen Stunden in der Wand sah das damals anders aus. Erfreut nahm ich beim Blick nach oben zur Kenntnis, dass die Weiterführung der Seillänge hinauf zum Jardin unter der Headwall gut machbar aussah. In der Hoffnung, das Projekt in einem weiteren Bohrtag abschliessen zu können, machte ich mich zufrieden auf den Heimweg.

Zurück in der Göscheneralp im Juli 2022. Alleine am Bohren, da gibt's jeweils nur wenige oder gar keine Fotos davon. Ausnahme davon ist der Zustieg, da war ich mit dem extrem schweren Rucksack natürlich um die eine oder andere (Foto)pause sehr froh.

Normalerweise setze ich mir beim Klettern ja keinen Zeitdruck und verzichte auf terminierte Ziele. Doch das Gandschijen-Projekt noch im 2022 abzuschliessen, das reizte mich dann doch. Am 19. Oktober dieses Jahres konnte dann zumindest die Linie vollendet werden. Wiederum alleine machte ich mich auf den Weg. Wie erhofft liess sich der fehlende Teil von L5 recht zügig einbohren. Zwar hat es auch da durchaus ein paar knifflige Moves, aber die Kombination von etwas liegendem Gelände und nicht ganz so hohen Schwierigkeiten machen die (Einbohr-)Sache eben schon spürbar leichter. Für die abschliessende Sequenz war mir dann schon seit der Begehung der Golden Flake klar, wo die Route durchführen sollte. Die kompakte Headwall sah einfach super attraktiv aus, mit einigen abgerundeten, rissähnlichen Strukturen sollte man auch das nötige Material zum Festhalten finden. Zwei etwas bouldrige Stellen säumen zwar den Weg, aber auch da ging alles tiptop und mit sehr lohnender Kletterei auf. So waren es nur noch eine Piazschuppe und zuletzt ein paar Meter durch die Wacholder-Stauden, welche mich vom finalen Standplatz wenig unter dem Gipfel trennten. Das Routenende war erreicht, alles komplett eingerichtet, welch ein Erfolg! Wie nahe Freud und Leid beisammen liegen, musste ich aber kurz darauf erfahren. Wie abgemacht wollte ich Sepp Inwyler telefonisch berichten, dass ich mit meinem Projekt den Gipfel erreicht hatte. Das war leider zu spät... wie ich erfahren musste, war Sepp am 13. Oktober 2022, also nur 9 Tage vor meinem letzten Bohrtag, im Alter von 82 Jahren, völlig unerwartet und noch voller Tatendrang und Pläne, an einem Herzstillstand verstorben. Diese, unsere Route, soll darum Sepp, einem Pionier des Alpinkletterns in der Schweiz und dieses Wandteils am Gandschijen gewidmet sein.

Route fertig eingebohrt im Oktober 2022! Blick vom Top zu Lochberg, Galenstock und Dammastock.

Fertig gebohrt heisst aber noch nicht gepunktet. Liebend gerne hätte ich diese Aufgabe gleich unmittelbar noch im Herbst 2022 erledigt. Doch weil die Rotpunktbegehung immer die Krönung eines Projekts darstellt, in welches viel Zeit, Herzblut (und auch Geld) geflossen ist, soll dafür alles passen: Wetter, Partner, Motivation, Gelegenheit, undsoweiter. Schlussendlich kam das Saisonende, bevor alle diese Signale auf Grün standen und die Sache musste auf das Folgejahr vertagt werden. Am Pfingstsamstag, 27. Mai 2023, war es dann soweit: Viktor war motiviert mit von der Partie und wollte sich live anschauen, wovon ich ihm schon lange vorgeschwärmt hatte. Es war ein grandioser Klettertag, welcher so verlief, wie ich mir das vorgestellt hatte. Tatsächlich konnte ich alle Seillängen punkten 🏆, eine geniale Sache. Ich kann mich noch gut an meine Emotionen damals am Top erinnern, die Minuten während ich Viktor gemütlich an der Sonne sitzend nachsicherte. Ich liess das Handy einen guten Beat spielen und kontemplierte - Larina hatte da unmittelbar davor die Selektion für ihren ersten Europacup geschafft. Ein extrem wichtiges Ziel für sie und natürlich auch für mich als Vater und naher Begleiter ihrer Karriere eine sehr emotionale Sache. Eine solche Selektion und das Geschehen an einem internationalen Wettkampf selber würde ich nur mehr von der Seitenlinie verfolgen können. Aber hier am Gandschijen war ich mittendrin, das war meine Welt, mein Projekt, mein grosses Ziel. An diesem Tag war aus einer Vision Realität geworden, in welche viel Zeit, Motivation und auch Vorbereitung geflossen war. Ich war sehr glücklich damit - einfach eine geniale Sache der Klettersport, mit all seinen Facetten.

Das Top erreicht bei der Rotpunktbegehung am 27. Mai 2023, yeah🏆!

Zustieg

Eine Postautohaltestelle und einige wenige Parkplätze gibt's beim Gwüest (P.1573), sonst alternativ 500m vorher in grösserer Quantität beim Zeltplatz unten. Man folgt noch 250m der Strasse taleinwärts und nimmt den zweiten Rechtsabzweiger (Schotterstrasse). Zuerst zwischen den wenigen Häusern durch nach Chehren (P.1704) und via die Abkürzung zum Stall auf dem schönen Boden vom Börtli (1800m). Nun Richtung WNW auf Wegspuren via Oberbort zum markanten Spitzistein (P.2024). Ab hier entweder pfadlos aber auf logischem Weg direkt hinauf durch das Blockfeld zu den tiefsten Felsen, alternativ das Blockfeld nach WNW queren und im Wiesengelände wieder Wegspuren aufgreifen, welche zentral unter die Gandschijen Südwand führen. Nun links hinauf Richtung WNW ins Couloir, wo man nach ca. 50m den Einstieg erreicht. Dieser befindet sich bei den Koordinaten CH LV95 2'682'073/1'168'373 bzw. WGS84 46.66155/8.51101 auf 2195m (Kartenlink). Der Routenname wurde 2023 mit Farbe angeschrieben, wobei diese im Couloir möglicherweise nicht ewig hält. Die beiden BH-Linien von Up in the Sky (links, Austrialpin-Laschen) und Golden Flake (rechts, Petzl-Laschen) sind jedoch gut zu identifizieren. Als Gehzeit für die 620hm ist je nach Fitness mit ca. 1:00h zu rechnen.

Impression vom Zustieg, der für sich alleine schon eine spektakuläre Wanderung ist.

Routenbeschreibung

Gandschijen - Up in the Sky 7a+ (6b/6b+ obl.) - 6 SL, 220m - M. Dettling, V. Wegmayr 2021-2023
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams 0.3-2 plus evtl. Grösse 3

L1, 35m, 6c: Los geht's erst noch ein paar Meter gemächlich, dann heisst es an einem ersten Wulst (Umkehrpunkt von Sepp Inwylers erstem Versuch) zupacken, bevor bis zum Standplatz hinauf anhaltende Wandkletterei wartet. Der Fels ist super strukturiert mit Leisten und Rissspuren, oft auch helfen Seitgriffe weiter. Mit guter Planung entschlüsselt sich aber alles, ein toller Auftakt.

Da war der Bohrstaub längst weggewaschen. Viktor folgt in L1 (6c) bei der RP-Begehung.

L2, 45m, 7a+: Gleich nach dem Stand geht's in die Crux, welche subtile Wandkletterei an sloprigen Griffen bietet, wobei mit den Füssen entschieden auf Reibung angetreten werden will - athletisch, auch wenn's nicht so steil ist. Weiter geht's dann einer Schuppe bzw. kleinen Verschneidung entlang, die kräftige Moves im 6c-Bereich bereithält. Das war's noch nicht, eine knifflige und auch nicht so leicht zu entziffernde, plattige Traverse nach links verteidigt den Zugang zur Kante, die einfacher zum Stand führt.

Viktor engagiert sich in der kniffligen, plattigen Querung am Ende von L2 (7a+).

L3, 35m, 6c: Links ums Dächli rum, dann zieht man an Schuppen und Leisten in die Wand rechts. Dabei gehen die Griffe aus, Spannweite oder noch viel mehr eine geschickt gewählte Beta helfen weiter. Steil hinauf zu einem Band, von wo man rechtshaltend den Splitter Crack anpeilt. Darüber, wie schwierig der ist, scheiden sich die Geister. Im Yosemite 5.x, wobei x mit grösster W'keit einstellig wäre... Jedenfalls muss man diese Passage zwingend mit 3-4 mittleren bis grossen Cams mobil absichern.

Von wegen Urgestein und so... Local Bunschi in der Golden Flake. Für ein Foto von L3 siehe oben!

L4, 35m, 6c: Kurz nach links und obsi, der Fels ist in dieser Plattenzone zum Glück prima strukturiert (cit. Michel Piola "dalle à grattons"). Notfalls helfen dort auch Rapunzels Haare, zumindest solange sie noch keine neue Frisur hat 😁. Rissspuren, Schuppen und eine kleine Verschneidung ermöglichen es, recht kommod zur plattigen Crux voranzukommen. Deren Linkstraverse geht dank vorhandener Struktur aber zum Glück ohne extreme Schwierigkeiten auf und lässt einen das athletische Finish an Schuppen geniessen. In dieser Seillänge ergänzt man die BH auch gerne noch mit der einen oder anderen mobilen Sicherung.

Da befindet sich der Akteur gerade in der Cruxzone von L4 (6c).

L5, 25m, 6b: Der Auftakt bietet eine linksorientierte Hangelquerung an guten Griffen mit einem abschliessenden Mantle-Boulder-Problem, um in einfacheres Gelände zu kommen. Dieses klettert sich an strukturiertem Fels genussvoll. Später drängt es einen nach links um die Kante, doch schliesslich heissen einen die Bolts, doch wieder zurückzukommen. Zum Ende geht's ein paar Meter durch die Wacholderstauden zum Stand gerade voraus.

Viktor in der Hangelquerung zu Beginn von L5 (6b). 

L6, 45m, 7a: Anhaltende Wandkletterei über eine toll aussehende Wand, die mit runden Rissspuren als Struktur garniert ist. Meist geht's an Kanten und Leisten recht gut im 6bc-Bereich voran, doch zwei Wulste bieten je ein kniffliges Boulderproblem und fordern ein paar entschlossene Moves, teilweise auf Gegendruck an Unter- und Seitgriffen. Als Dessert gibt's dann noch eine launige Piazschuppe und ganz am Ende noch etwas Gemüse, sprich ein paar Meter durch die Wacholderstauden, um den bequemen Stand am Ende zu erreichen.

Tolle Wandkletterei 'dem Himmel entgegen' an Rissspuren in L6 (7a).

Hat man die Route geschafft, so vergesse man den Eintrag im Routenbuch nicht! Es befindet sich beim letzten Stand, 1.5m links in einer Felsspalte, ich habe mit Farbe einen Pfeil aufgemalt, um darauf hinzuweisen. Bitte die Dose wieder gut verschliessen und den Behälter an seinem Platz verstauen.

Abstieg

Die Route ist mit Raumer-Kettenständen zum Abseilen eingerichtet. Vom Top seilt man nach ➡ 5 ➡ 4 ➡ 3 ➡ 2, von wo es mit 2x50m-Seilen knapp auf den Boden reicht, wenn man sich deutlich seitlich weiter oben ins Couloir hält. Alternativ kann auch Stand 1 zum Abseilen benutzt werden. Tipp: beim Abseilen mit 2x60m sollte Stand 4 keinesfalls ausgelassen werden. Das reicht zwar metermässig, dafür ist ein Verhänger praktisch garantiert. Bei Nutzung von Stand 4 ergeben sich hingegen keine Verhänger-Probleme. Ein Fussabstieg ist eine mögliche Alternative und ermöglicht es, den Gipfel vom Gandschijen mitzunehmen. Vom Routenende entweder direkt über die 3m hohe Stufe hinauf in einfaches Grasgelände, oder einfacher linkshaltend über exponierte Bänder ansteigen. Mit ein wenig Aufstieg erreicht man den Gipfel, der tolle Ausblicke ins Voralptal und zum Salbit bietet. Von dort westwärts haltend durch die Nordflanke absteigen (teilweise Wegspuren). In der Lücke westlich des Gandschijen (Steinmann) in die Südflanke wechseln und +/- der Wand entlang und schliesslich ins Couloir, welches zurück zum Einstieg führt. Der Abstieg ist ca. T4 und nimmt etwa ähnlich viel Zeit in Anspruch wie das Abseilen (ca. 30 Minuten, Zustiegsschuhe nötig). 

Auch da gibt's erstklassigen Granit. Blick vom Gandschijen-Gipfel hinüber zum Salbit.

Topo

Bevor wir das lange ersehnte Topo präsentieren, noch ein paar Infos zum Begehungsfenster. Nach unseren Erfahrungen trocknet die Up in the Sky deutlich schneller als andere Routen am Gandschijen und ist nach schlechtem Wetter zügig wieder begehbar. Bei den Touren weiter rechts (Super Gwüest, Gatsch, Sali Konrad) sifft es hingegen nach Regenfällen gerne noch lange nach. Die Saison der Route wird durch die Öffnungszeit der Strasse ins Gwüest bestimmt. Wenn diese im April/Mai öffnet, sind die Wand und die steilen Südhänge in der Regel aper und die Route kletterbar. Bei nicht extremer Hitze geht's auch im Sommer dank der Höhenlage gut. Besonders schön ist es im Herbst, wobei man selbst dann noch sehr viel Sonne geniessen kann (21.10. von ca. 8.30-17.30 Uhr Sommerzeit, 21.11. von ca. 8.30-15.45 Uhr Winterzeit). Die Saison endet mit der Schliessung der Strasse, die meist irgendwann im November ist. Auf der Seite vom Kanton Uri gibt's Infos zur aktuellen Situation.

Topo zu unserer Route Up in the Sky am Gandschijen. Gibt's auch als PDF!