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Sonntag, 24. Juli 2016

Torre Brunico / Brunecker Turm - Oltre la Porta (6c+)

Die Oltre la Porta ist eine spannende, mit Bohrhaken gesicherte, aber dennoch alpine MSL-Tour am Brunecker Turm beim Grödner Joch im Sella-Massiv. Sie steht etwas im Schatten der unmittelbar daneben parallel verlaufenden Ottovolante (7a+), die deutlich mehr Besuch erhält. Schon bald 10 Jahre ist der Tag her, an welchem wir diese tolle Route geklettert sind. Auch wenn sie vielleicht wirklich noch einen Tick besser ist wie die Oltre la Porta - allzu gross ist der Unterschied in Bezug auf die Routenqualität nicht!

Die Mur del Pisciadu am Grödnerjoch im Sellagebiet mit dem Verlauf der Oltre la Porta (die erste SL ist nicht sichtbar).
Nach dem regnerischen Vorsommer 2016 war mein Plan, die sehr auf Restfeuchte anfällige 4 Giorni un Estate (7a) am Sass Pordoi klettern zu wollen, vielleicht etwas gar verwegen. Doch immerhin war es nun eine Woche trocken gewesen, dies noch dazu bei sommerlich warmen Temperaturen. Doch ein Augeschein von der Passstrasse zeigte, dass man sich dort zumindest teilweise noch mit Duschgang hätte abfinden müssen, was jetzt in einer Länge im Grad 6c+ nicht unbedingt das ist, was man braucht. Also kurvten wir etwas ums Sellamassiv herum und wählten den Plan B, die Wände am Torre Brunico bzw. der Mur del Pisciadu. Die ebenfalls sehr auf Feuchtigkeit anfällige Anton aus Tirol (7b) schien auch nicht mit Genuss kletterbar zu sein, also war die Oltre la Porta schliesslich die beste Option. Der Zustieg beschränkt sich gerade einmal auf 20 Minuten Gehzeit, man folgt vom grossen Parkplatz erst dem Weg 666 bis oberhalb der Felsstufe des Klettergartens Tridentina, quert dann auf dem Weg 29 nach links und schliesslich weglos hinauf zum Einstieg. Da man hier am Einstieg kein Depot macht und wir bereits aufgeschirrt waren, konnte es schon wenig später um und da man hier am Einstieg kein Depot macht, konnte es schon wenig später um 9:15 Uhr losgehen mit der Kletterei.

Er hat schon Schwung, der Brunecker Turm!
L1, 35m, 6a: Bereits die ersten Meter vom Boden weg haben es gehörig in sich: das Gelände ist gleich überhängend und die Griffe für den angegebenen Grad von 6a jetzt nicht gerade sonderlich henklig. Vielleicht war's ja die Erosion, die hier den Grund so stark abgetragen hat, so dass gegenüber früher neue Klettermeter entstanden sind. Wenn der Kaltstart mit dem Einstiegsboulder (eher 6b) gemeistert ist, so wird es etwas einfacher (6a passt nun), allerdings kann man vor dem hoch steckenden zweiten BH auf 10m problemlos einen Bodenleger fabrizieren (weniger empfehlenswert). Nach einem dritten BH folgt dann in der zweiten Hälfte einfache Kletterei in schrofigem Gelände ohne fixe Sicherungen, ein gutes Keil-Placement verhindert den potenziellen Sturz zurück auf Terra Firma.

L2, 15m, 5c: Uh, oh, hinauf, eine Querung nach links, welche sich doch noch als etwas kniffliger entpuppt als gedacht und nach etwa 7-8 Klettermetern schnappt dann endlich die erste Sicherung (BH) ein. Klaro, eigentlich ist's relativ easy, ein Sturz würde allerdings zu üblem Einkratern führen (weniger empfehlenswert). Danach hält man sich leicht rechts, klippt bei steiler, griffiger, aber nicht schwieriger Kletterei einen weiteren BH und erreicht schon bald den nächsten Stand.

Schöne, griffige Kletterei in L2 (5c). 
L3, 30m, 6b: Hier wartet gleich ob dem Stand eine steile, ja überhängende Wandpassage. Erst geht's noch erstaunlich gut, die Henkel sind da und sogar das Dächli lässt sich meistern. Am schwersten fand ich's erst danach, wo ich eigentlich meinte, es sei schon vorbei. Eventuell habe ich mich einfach etwas blöd angestellt, es war auf jeden Fall noch recht knifflig! Nach dieser 10m langen Passage wird die Kletterei etwas einfacher und folgt einem selbst abzusichernden Riss, zuletzt geht's in schrofigem Gelände an den Stand.

L4, 50m, 6a: Nach dieser Länge denkt sich wohl mancher, das war die bisher schönste der Route! Hier wurde (zum Glück) nicht der traditionelle Weg durch die brüchige Verschneidung gewählt, sondern die schöne, löchrige Wand links davon. Die Hakenabstände sind eher weit, der Fels aber fast unverschämt griffig, die Kletterei wohl auch eher einfacher wie 6a. Oben geht's dann links an die Kante, zuletzt wie des öfteren in einfachem Schrofengelände zu Stand vor der nächsten Stufe.

Im unteren Wandteil gibt's auch die eine oder andere etwas schrofige Passage, vor allem jeweils im Ausstieg zum Stand. Mich hat das nicht weiter gestört, vor allem profitiert man auch davon, weil die Stände alle sehr bequem sind. Hier sehen wir das Ende der sehr schönen L4 (6a). 
L5, 45m, 6a: Fulminanter Auftakt an einem steilen Piazriss. Ein bisschen schauen, bis man einmal drin ist (BH), die Piazerei geht dann gut und ist nach wenigen Metern auch schon vorbei. Oberhalb wartet dann deutlich einfacheres Gelände ohne fixe Sicherungen. Die zwei NH aus dem Topo habe ich nicht gesehen (allerdings auch nicht gesucht). Jedenfalls muss man ziemlich nach links tendieren, 2-3 gute, natürliche Sicherungen bringt man unter, aber hier gilt es im Dreier- und Vierergelände einfach sicher zu klettern.

Es sieht zwar so aus, als ob ich hier am Anfang von L5 (6a) erst ca. 3cm vom Boden weg bin. Aber ganz ehrlich, die Crux dieser Länge ist an dieser Stelle schon gemeistert. Das schwerste ist wirklich, vom bequemen Boden weg die Hände an den Piazriss zu kriegen.
L6, 20m, 5c+: Schöne, steile und gut mit BH abgesicherte Kletterei an griffigem Fels. Nach meinem Empfinden klettertechnisch eher etwas schwieriger wie die beiden Längen davor, dafür kann man hier dank der guten Absicherung auch einfach gemütlich dahinmoven.

Hinauf ins Licht! Sehr schöne Kletterei in der steilen, eng mit Bohrhaken abgesicherten L6 (5c+).
L7, 45m, 6a+: Eine etwas komische Seillänge, mit irgendwie nicht ganz logischer Linienführung. Erst markant nach links zu BH, hinauf zur Schlinge am Pfeilerkopf und dann unlogisch deutlich nach rechts halten (mehr als das Topo suggeriert). Die Linie gerade mehr oder weniger gerade hinauf wäre sicher möglich, aber so ganz ohne Sicherungen... Rechts wartet ein kurzes Dächli (easy für 6a+), ein selber abzusichernder Riss und am Schluss noch eine etwas einschüchternde, klassische Dolomiten-Passage (SU-Schlinge und NH), welche sich aber doch erstaunlich easy klettert.

Das Finish von L7 war nicht so fotogen, daher hier ein weiterer Shot aus L6 (5c+, steil und anhaltend für den Grad!).
L8, 20m, 2a: Kurze und problemloses Überführungsstück: hinauf und dann nach rechts.

L9, 25m, 6c+: Unmittelbar links der Ottovolante-Crux geht's hier sehr schön an gelbem, steilem Fels in die Höhe. Es hat ein paar Löcher und scharfe, tropflochartige Strukturen. Der erste BH steckt für die Turnerei direkt über dem Band nicht gerade nahe, aber es ist einfache Kletterei. Die Crux dann am zweiten vorbei knifflig und kleingriffig. Nicht so einfach zu lesen, aber meine Lösung ging :-) Danach im 6b-Terrain anhaltend bei guter BH-Absicherung zum unbequemen Hängestand.

So präsentiert sich der Blick auf den eindrücklichen oberen Wandteil, im Vordergrund wartet die Cruxlänge (L8, 6c+). Der sichtbare Kletterer ist gerade an der Schlüsselstelle der rechts daneben verlaufenden Nachbarin Ottovolante (7a+) engagiert und macht das, was dort wohl viele machen: A0...
Coole Tropfloch-Crimperei in der Cruxlänge (L9, 6c+) im soliden, gelben Fels.
L10, 35m, 6c: Die (gemäss Topo) A0-Passage am steilen Wulst gleich nach dem Stand lässt sich problemlos bei etwa 6c freiklettern. Man zieht dabei an einer kleinen, blockigen Verschneidung. Leicht spooky, aber das Material schien mir doch solide (und sonst hätte es sicher eh schon längst jemand ausgerissen), zudem gefährdet man weder den Seilpartner noch die Seilführung. Danach dann total geniale, sehr anhaltende 6b-Wandkletterei, immer wieder taucht eine griffige Schuppe, ein Loch oder eine Leiste auf. Gut mit BH gesichert, aber hier muss man etwas marschieren, wohl das forderndste Stück für den Vorsteiger.

Das geniale, anhaltende Finish in steiler Wandkletterei von L10 (6c) - auf dem Foto kommt's nicht ganz zur Geltung.
L11, 30m, 6a: Sehr schöne Kletterei an einer schwach ausgeprägten Verschneidung in orangem Fels, der viele Löcher und Henkel aufweist. Das geht alles gut und die BH-Absicherung ist hier prima ausgefallen, trotzdem ist's vielleicht doch eher mit 6a+ zu bewerten - nach meinem Empfinden jedenfalls schwerer wie L4, L5 oder L7. Man erreicht dann eine Art Rampe, dieser entlang links aufwärts zu Stand an der Kante.

Auf der einfachen Rampe am Ende von L11 (6a), die super Kletterei im schönen Löcherfels davor sieht man leider nicht.
Unsere Nachbarn in der Ottovolante am Stand, zudem der Blick zum Grödnerjoch und den Cirspitzen.
L12, 35m, 6c: Coole Henkelwand mit vielen Löchern oberhalb vom Stand. Der erste BH steckt etwas hoch, danach folgen sie dann bei den schwersten Moves aber bald fast in Hallenmanier. Die 6c fand ich jetzt nicht sonderlich hart für den Grad, liegt aber vielleicht dran, dass die entscheidende Leiste getickt war und im entscheidenden Loch gar ein Schnürlein steckte. Obenraus wird die Kletterei dann etwas gemütlicher (ca. 5c+), zuletzt dann nicht mehr ganz perfekter Fels.

Der Brunecker Turm wirft einen Schatten wie ein Sombrero... und Kathrin klettert das Finish von L12 (6c).
L13, 50m, 4c: Rechts aufwärts (BH gut sichtbar) und dann nicht durch die grimmige Rinne, sondern in der Wand links davon schön in sehr strukturiertem Fels aufwärts. Es kommt hin und wieder ein BH, meist nicht so gut von weitem sichtbar. Etwas längere Exen helfen hier, um bis ans Ende genussvoll moven zu können. Der Stand kommt wirklich erst ganz oben kurz vor dem Plateau, der letzte Abstand ist eher weit und das Gelände wird etwas brüchig.

Das Top erreicht, inklusive dabei der Tiefblick noch Colfosco.
Um 15.40 Uhr hatten wir nach knapp 6:30 Stunden Kletterei das Top in einer einwandfrei sauberen Begehung erreicht. Schon beinahe 10 Jahre ist es her, seit wir nach der Ottovolante (7a+) das erste Mal hier oben standen. Damals war noch vieles anders - wir beide eine Dekade jünger, und vor allem noch ohne Familie. Gewisse Dinge waren damals natürlich einfacher, vor allem die Freiheit, tun und lassen zu können, was man will. Aber trotzdem hatten wir es noch einmal hierher geschafft und sowieso, trotz etlicher Jahre mehr auf dem Buckel ist unser Kletterniveau sogar höher als damals. Mal sehen, was die Zukunft bringt, auf jeden Fall gibt's an diesen Wänden noch mehr zu entdecken.

Blick zum Torre Brunico mit dem Team aus der Ottovolante am Top. Hinten in der linken Bildhälfte der Sas Ciampac.
Nun denn, wir wollten uns nicht mit Philosophieren lange aufhalten, denn die Kinder warteten natürlich schon auf unsere Rückkehr. Der Übergang vom Brunecker Turm zum Hochplateau dahinter verlangt noch etwas Kraxelei, die wegen der Exponiertheit keine Fehler verträgt. Nachdem mir die Gegebenheiten hier bereits etwas bekannt waren, verzichtete ich dieses Mal darauf, zu früh den intuitiv irgendwie logischen Weg nach rechts hinauf einzuschlagen. Wir hielten uns stattdessen die Höhe haltend eher nach links, hier trifft man bald auf einen guten Pfad, welcher zur Pisciadu-Hütte führt. Von dieser ist es nicht weit, bis man den Abstieg über den klettersteigähnlich ausgebauten Highway 666 durch das Val Setus antrifft. Hier war es, wie es schon immer war. Viele Touristen sind unterwegs, und bewegen sich nur im Schneckentempo fort. Uns nimmt der Abstieg gerade eine Stunde in Anspruch, und wenig später sind wir retour daheim.

Wenn man ein paar Euros dabei hat, kann man auf dem Rückweg in der Pisciadu-Hütte noch eins zischen. Wobei, der Abstieg durch das steile Val Setus auf dem Highway 666 verträgt also nicht zu viele Promille im Blut, sonst wird's gefährlich (bei Gewittern und Nässe bestimmt auch, da bleibt man besser noch ein wenig in der Hütte). 
Facts

Torre Brunico - Oltre la Porta 6c+ (6b+ obl.) - 13 SL, 435m - Boldrin/Maceri 2003 - ***;xxx
Material: 1x oder 2x50m-Seil, 12 Express, Camalots 0.3-1, 1 Set kleine und mittlere Keile

Schöne alpine Sportklettertour, welche eher zu Unrecht etwas im Schatten der benachbarten Ottovolante steht. Letztere ist vielleicht einen Tick homogener und schöner, doch schlussendlich sind sich die beiden Routen ähnlich. Der untere Teil bietet einige lohnende Einzelstellen mit schwererer Kletterei, welche jeweils durch leichtere, manchmal etwas schrofige Abschnitte verbunden sind. Oberhalb vom Band in Wandmitte geht's dann aber so richtig los mit ein paar steilen Seillängen am Stück. Hier gibt's von Tropflöchern, Leisten bis zur typischen Dolomiten-Lochzerrerei alles, was das Kletterherz begehrt. Die Absicherung kann man als gut bezeichnen, wobei bei diesem Begriff etwas Vorsicht angebracht ist. An allen schweren Kletterstellen stecken Bohrhaken, überall wo es schwerer als 6b ist, sogar in kurzen, klettergartenmässigen Abständen. Es handelt sich komplett um verzinktes Material, welches zur Zeit (Juli 2016) noch in gutem Zustand ist. Das leichte Gelände ist hingegen ganz klar ungenügend abgesichert, an diversen Stellen mit etwas schrofigem Dreier- und Vierergelände sollte man seiner Gesundheit zuliebe besser nicht stürzen. In diesem Terrain bringt man hier und da noch einen Friend oder vor allem, kleine bis mittlere Keile unter, weshalb diese am Gurt nicht fehlen sollten. Aber wie bereits erwähnt, es lässt sich nicht jeder Meter an einfacher Kletterei genügend absichern. Immerhin ist der Fels an diesen Stellen meist fest, daher passt's mit etwas alpiner Erfahrung durchaus. 

Topo

Die Route ist in zahlreichen Dolomiten-Auswahlführern mit grob generalisierten Topos oder einem Foto mit Routenverlauf enthalten. Mit etwas alpinem Spürsinn reicht das aus, entweder kann man den Bolts folgen, oder dann nimmt die Route (ausser in L7, siehe Text) den logischen Verlauf. Das eindeutig beste schematische Topo, das ich zu dieser Route kenne, ist jenes aus dem Topoguide Band I, welches auch als Einzelstück erwerbbar ist. Bis auf einen vergessen gegangenen BH in L2 und der zu wenig ausgeprägt gezeichneten Rechtsquerung in L7 passen hier die Details!

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