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Dienstag, 20. Juni 2017

Eldorado - Metal Hurlant (6b)

Terminkalender und Wetter erlaubten einen MSL-Klettertag. Die kurzfristige Partnersuche gestaltete sich da schon schwieriger. Schliesslich stand zwar ein motivierter Mitstreiter zur Verfügung, welcher aber in Mitleidenschaft gezogene Finger aufwies, so dass der Schwierigkeitsgrad entsprechend nach unten angepasst werden musste. Wenn's darum geht, in tiefen Graden trotzdem noch einen interessanten Challenge zu finden, so sind Granitklettereien allgemein und das Eldorado im Speziellen immer eine gute Wahl. So ging's los in Richtung Grimselpass und schliesslich in die Metal Hurlant. Früher war die Route wegen ihrer weiten Sicherungsabstände berüchtigt, steckten doch in den 15 SL nur gerade 17 fixe Zwischensicherungen. Auch heute liest man zwar auf dem Netz weiterhin, die Route sei schlecht gesichert. Doch nachdem in mehreren Aktionen zusätzliche Bolts hinzugefügt wurden stecken inzwischen 83 fixe Zwischensicherungen, so dass man mit Fug und Recht von einer Genusskletterei (die jedoch nicht ohne gewissen Anspruch bleibt) schreiben darf.

Die Sicht von der Spitellamm-Staumauer auf den Grimselsee. Der Zustieg verläuft in auf und ab diesem entlang.
Der Weg führt durch eine geschützte Moorlandschaft von herber Schönheit. Die Bäume, die Ausblicke, die Fauna, schön!
Unsere Tour begann um 9.35 Uhr beim Grimsel Hospiz. Wie gehabt ging's über die Staumauer, den Stollen beim Marée und dann dem beinahe leeren Stausee entlang. Es bleibt genügend Zeit, um darüber zu sinnieren, wie lange wir am Eldorado noch dem Klettersport frönen können. Denn schliesslich gibt's ja das Projekt mit der Vergrösserung der Grimsel-Stauseen, um welches schon lange gekämpft wird. Erst kürzlich hatte das Schweizer Bundesgericht die Interpretation der Schutzgebiete zu Gunsten der Kraftwerke Oberhasli ausgelegt (siehe 1,2). Wahrscheinlich wird aber, insbesondere mit der aktuellen Umstrukturierung im Energiemarkt, noch viel Wasser die Aare runterfliessen, bis es zu einer Realisierung kommt. Und selbst wenn: geplant ist eine Anhebung des maximalen Seespiegels um 23m - auf der Karte sehe ich überall mindestens eine Höhenkurve (d.h. 20m) zwischen dem aktuell maximalen Seelevel und den Eldorado-Felsen. Somit dürfte das Klettergebiet also hoffentlich sowieso unbehelligt bleiben. Um 10.50 Uhr hatten wir den Einstieg erreicht, welcher fett in roter Farbe mit "METAL" angeschrieben ist. Wir entschlossen uns dafür, ohne Gepäck zu klettern und danach über die Route Hirnriss abzuseilen. So gönnten wir uns noch einen ausgiebigen Vesper, bevor ich um etwa 11.15 Uhr in die erste Seillänge startete.

Unzweifelhaft, hier geht's los!
Der Bolt am Einstieg ist schon verräterisch: in der Route steckt nach diversen Hakenplatzierungs-Aktionen ein Sammelsurium von Bohrhaken verschiedenen Typs. Die meisten davon leider für den Fels ungeeignet. Vielfach gibt's, so wie hier, die für die Remy-Brüder typische Kombination von verzinkten Einschlagankern und rostfreien Plättli, was zu galvanischer Korrosion führt. An den schwierigsten Kletterstellen stecken sogar noch die kolossal rostigen Kronenbohrhaken von 1982. 
L1 (4c, 5 BH) / L2 (5c, 6 BH) / L3 (6a+, 7 BH): In den ersten drei Seillängen wartet Low Angle Friction Climbing, sprich (mehr oder weniger) pure Reibungskletterei. Vor allem zu Beginn ist der Fels ziemlich glatt, je höher man kommt, desto besser wird es in dieser Hinsicht. Während man L1 noch beinahe hochspazieren kann, muss man auf L2 schon genauer hinschauen, in L3 will dann in der Crux schon sorgfältig angetreten werden. Alle diese 3 Längen sind mit BH gut abgesichert und etwas gesucht - über grasig-einfache Zonen könnte man deutlich schneller und einfacher an den dritten Stand gelangen.

Die ersten 3 Seillängen bieten ziemlich glattes Parkett mit Reibungskletterei pur. Hier in L3 (6a+) bereits recht fordernd.
L4 (6a, 5 BH): Querung nach rechts, erst einfach, dann einer Untergriffschuppe entlang, wenig über einem Band. Obwohl gut gesichert, könnte man sich hier mit einem Sturz zur Unzeit auch wehtun. Dann erreicht man rechtshaltend ein grösseres Verschneidungs-/Risssystem, welches über gut zwei Seillängen verfolgt wird. Hier sind abseits der Hauptschwierigkeiten auch einige mobile Sicherungen zu platzieren (gut möglich). Das Finish gegen den Stand hin dann wieder etwas steiler. Hier fehlt(e) beim letzten BH Plättli und Mutter. Mit einem Cam etwas darunter und dem Mut vorwärts zu steigen geht's auch gut ohne.

Die schöne Verschneidung von L4 (6a). An der Stelle, wo sich der Kletterer befindet, fehlt beim letzten BH das Plättli.
L5 (6a, 4 BH): Der Start, bzw. die Crux gleich knifflig mit einigen Klemmern an einem schönen Splitter Crack. Damit man nicht in den Stand fällt, sind hier trotz dem steckenden BH noch mobile Sicherungen sinnvoll (kleine Cams oder alternativ Keile). Der Mittelteil dieser Länge dann gemütlich und einfacher, das Finish dann wieder etwas steiler, aber auch nicht mehr sonderlich fordernd - alles gut mit BH abgesichert.

L6 (6a+, 8 BH): Die Hauptschwierigkeiten warten im ersten Teil und sind wieder eher plattiger Natur. Es steckt ein alter, durchgerosteter Kronenbohrhaken und da weiss man gleich, was es geschlagen hat: an dieser Stelle fanden die Remy-Brüder schon 1982 eine gebohrte Sicherung für notwendig und wendeten die 30 Minuten für die Handbohrarbeit auf, also muss es ziemlich schwierig sein. Es sind zwei, drei Moves mit ein paar kleinen Seitenkäntchen für die Hände, die Füsse auf Reibung. Die Querung nach links hin zur v-förmigen Kaminverschneidung ist dann einfacher - wobei man es sich zum Stand hin auch schwerer wie nötig machen kann. Inzwischen ebenfalls alles gut geboltet.

Die coole Sequenz am Ende von L6 (6a+) - man finde die richtige Beta!
L7 (6b, 5 BH): Das ist die "Signature Pitch" der Metal Hurlant, also die charakteristischste Länge. Der v-förmige Schlitz sieht sowohl von Weitem wie auch vom Stand gleich unterhalb ziemlich respekteinflössend aus. Klettern tut es sich schliesslich doch einfacher wie befürchtet. Nach einem Bolt nach wenigen Metern folgt ein ca. 15m langes, anhaltend schweres Stück, welches komplett selber abgesichert werden will. Es gibt bestimmt unzählige Techniken, diese Stelle zu bewältigen. Im Vorstieg am angenehmsten ist wohl "straight in", d.h. Jammen mit den Händen, die Füsse im Riss. Wer hier gut absichern will (mit Abständen ähnlich wie auf den Platten), braucht wegen der nahezu konstanten Rissbreite den Camalot 0.75 in etwa 5-facher Ausführung. Doch wer hat das schon? Ich schaffte es unterwegs je 1x, den 0.5er und den 1er zuverlässig zu setzen und zurückzulassen, den 0.75er habe ich einfach vor mir her geschoben. Diese Technik wäre noch deutlich sicherer bzw. angenehmer zu gestalten, wenn man einen zweiten Camalot 0.75 dabei hätte. Schliesslich steilt sich die Verschneidung etwas auf, es folgen zwei (nicht wirklich nötige) Bolts und man muss zwingend über eine kurze Reibungsstelle 5m horizontal nach rechts ans nächste Verschneidungssystem klettern. Dort folgen nochmals schöne, relaxte Kletterei, zwei 2 Bolts und schliesslich der Stand.

Der v-förmige Kaminschlitz von L7 (6b) lässt sich auch in Kamintechnik mit dem Rücken an der Hauptwand bewältigen. Und ich muss zugeben, es sah ziemlich entspannt und lässig aus. Im Vorstieg ist's jedoch aufgrund von Seilverlauf und Absicherung sicherlich angenehmer, den Riss im Verschneidungsgrund "straight in" anzupacken.
Die letzten 15m in L7 (6b) bieten genussreiche Verschneidungskletterei. Das ist Granitklettern par Excellence!
L8 (6a+, 5 BH): Die Route quert nun markant nach rechts, gerade hinauf (Verhauer-NH vorhanden) wäre man dann komplett falsch unterwegs! In der Querung eine ziemlich fordernde Reibungsstelle, oder habe ich mich einfach blöd angestellt?!? Vermutlich nein, Eldorado-6a+ auf Reibung ist einfach nicht geschenkt. Nachher geht's dann einfacher einem Verschneidungs-/Risssystem entlang aufwärts. Hier ist die eine oder andere mobile Sicherung ebenfalls noch dienlich, es stecken jedoch auch Bolts.

Die schwierige Reibungsstelle in der Querung zu Beginn von L8 (6a+) ist gemeistert, es folgen genussvolle Moves!
L9 (6b, 8 BH): Früher betrachtete man diese Seillänge als die Crux. Das liegt wohl vor allem daran, dass hier original nur gerade 2 BH steckten und man kaum zusätzlich legen kann. So war die Sache bestimmt ziemlich mental. Nun jedoch, mit komfortabler Absicherung, fand ich es eigentlich gar nicht so schwierig. Will heissen, dass ich die Reibungsstellen in L3, L5 und L8 eher fordernder fand. Auch hier ist die Herausforderung plattiger Natur, wobei man erst noch einer Verschneidung folgt, welche nach links in die Wand hinaus verlassen wird. An den schwierigsten Stellen ist's dann etwas steiler als auch schon, man hält immer kleine Grifflein in der Hand und alles geht eigentlich schön auf.

L10 (5a, 4 BH) / L11 (5c, 5 BH) / L12 (5c, 5 BH) / L13(5a, 5 BH): Mit L9 sind die Hauptschwierigkeiten der Route vorbei. Es folgen nun folgen 4 Seillängen mit einfacherer Plattenkletterei, welche rasch erledigt sind. Die Absicherung ist durchwegs gut, auch wenn aufgrund der Felsstruktur die BH von weitem nicht immer so einfach zu erkennen sind.

Impressionen aus dem oberen Routenteil, das ist der Anfang von L11 (5c).

Impressionen aus dem oberen Routenteil. Hinten grüsst bereits das Finsteraarhorn (4273m).

Impressionen aus dem oberen Routenteil. Die Hochgebirgslandschaft, in welcher man klettert, ist einfach fantastisch!
L14 (5c, 6 BH) / L15 (4c, 5 BH): Die charakteristischste Stelle in diesem obersten Routenteil ist die Verschneidung mit zwei Aufschwüngen am Anfang von L14. Von unten schwer einzuschätzen, entpuppen sich diese als problemlos. Die Schwierigkeiten jener Länge liegen sogar mehr in der plattigen Querung nach links zum Stand hinaus. Die letzte Länge beginnt problemlos mit gemütlicher, geneigter Kletterei. Das Finish dann ziemlich gesucht am (umgehbaren) Aufschwung mit 2 Bolts gesichert, diese Stelle ist wohl eher mit 5c anstatt mit 4c zu bewerten.

In der Verschneidung von L14 (5c), einfacher wie man denken könnte.

Die Crux in L14 (5c) liegt sogar eher in den plattigen Moves an deren Ende.
Um 16.45 Uhr nach rund 5.5 Stunden Kletterei und somit einem Schnitt von gut 20 Minuten pro Seillänge hatten wir das Top erreicht. Mir war eine komplette Onsight-Begehung gelungen und somit habe ich nun bereits 3x den Eldorado-Dom durchgehend im Vorstieg erklettert (via Motörhead, Septumania und Metal Hurlant), ohne dass ich das Seil "je gebraucht hätte". Oder vielleicht etwas drastischer formuliert, theoretisch hätte ich auch die Free Solo Begehungen überlebt. Dass dieser Gedanke natürlich nur in der Theorie funktioniert, dürfte allgemein bekannt sein - die schwersten Reibungsstellen sind hier im 6a+/6b-Bereich und fühlen sich für mich eigentlich direkt an der Grenze zum Abrutschen an. Kaum vorstellbar, so etwas ohne Seil zu klettern! Naja, ist ja auch nicht nötig. Aus Gründen der späteren Nachvollziehbarkeit sei hier noch erwähnt, dass uns solche Gedanken in erster Linie wegen dem unmittelbar vor unserer Tour erfolgten Free Solo im Freerider von Alex Honnold durch den Kopf gehen.

On top! Hinten Finsteraar-, Lauteraar- und Schreckhorn. Yours truly bereits am Seil präparieren beim Beginn der Abseilpiste.
Als wir am Top ankommen, macht sich ein Paar aus Holland gerade an den Fussabstieg. Wir halten uns auch nicht lange auf, wechseln hinüber zum Ausstieg von Motörhead bzw. Hirnriss (der erste Abseilstand ist bestens sichtbar) und wollen die beiden als Referenz für einen Zeitvergleich von Abseilen vs. Fussabstieg benutzen. Die Abseilfahrt, es sind 11 Manöver à 30-50m, immer direkt nach unten an mit Seilstücken und je 2 Maillons ausgerüsteten Ständen, verläuft +/- reibungslos. Mit Effizienz dauert es keine Stunde, bis wir wieder den festen Boden betreten, ein kurzer Barfuss-Abstieg bringt uns retour zu den Säcken. Wir gönnen uns nochmals eine ausgiebige Pause mit Genuss von Sandwich und Getränk in der Abendsonne, bevor wir dem Hospiz entgegenlaufen. Auf etwa der Hälfte des Weges holen wir die beiden Holländer ein, welche über durchtriefte Schuhe klagen, welche sie sich auf dem sumpfig-schlammigen Abstieg geholt hätten. Mit dem Weitergeben von meinem Local Knowledge über die Kletterrouten im Berner Oberland verläuft der restliche Weg im Nu, um etwa 19.45 sind wir zurück am Hospiz. Das war jetzt ein richtig toller Klettertag, der Weg ans Eldorado lohnt sich eben immer und immer wieder!

Eigentlich ist der halbleere See ja gar keine echte Naturlandschaft. Die Mäander im hinteren Teil sind trotzdem spannend.

Welch ein Klettertag!

Facts

Eldorado - Metal Hurlant 6b (6a+ obl.) - 15 SL, 550m - C. & Y. Remy 1982 - ****;xxx
Material: 1x bzw. 2x50m-Seile, 10 Express, Camalots 0.3-1, Grösse 0.75 doppelt, Keile nicht nötig

Toller Eldorado-Klassiker, dessen Hauptteil sich neben ein paar plattigen Einstiegs- und Ausstiegslängen an einigen Verschneidungs-/Risssystemen im mittleren Routenteil abspielt. Am charakteristischsten ist ganz klar die Respekt einflössende v-förmige Kaminverschneidung von L7 (6b), welche auch noch teilweise selber abgesichert werden muss. Doch schliesslich geht doch alles einfacher, wie man aus der Ferne meinen könnte. Während die Route früher für ihre kühne Absicherung berüchtigt war, darf man sie heute ohne Weiteres als gut abgesichert bezeichnen. Aufgrund der verschiedenen Hakentypen lässt sich vermuten, dass nach der Erstbegehung 3x zusätzliche Bohrhaken angebracht wurden. Dies führt zur leicht absurden Regel, dass "je schwerer die Kletterstelle, desto schlechter das Hakenmaterial", weil bei diesen "Sanierungen" das bereits steckende Material nicht ersetzt wurde. Teils stecken also noch arg korrodierte Kronenbohrhaken, teils sind's die für die Brüder typischen verzinkten Anker mit Inox-Laschen, wo der Rost auch zu nagen beginnt. Nachdem man auf den Platten ja auch im schlimmsten Fall nicht gewaltig harte Stürze hinlegt, wird's aber wohl schon halten. Mobile Sicherungen sind ausser in L7 eigentlich nur noch an ein paar vereinzelten Stellen zu platzieren. Hier reicht ein Set Camalots von 0.3-1 aus. Wie bereits erwähnt ist's in L7 hilfreich, den Camalot 0.75 in doppelter Ausführung dabei zu haben. Das beste Topo zur Route befindet sich im Schweiz Plaisir West, auch wenn es in Bezug auf die eingezeichneten Sicherungspunkte nicht mehr aktuell ist.

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