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Dienstag, 4. Oktober 2011

Zingelfadstock – Carpe Diem (7a)

Das Weekend naht, die Schönwetterperiode hält an. Zu mehr Schlaf bin ich seit der letzten Tour aus den bekannten Gründen nicht gekommen. Doch da kommt der Ruf von Erich: Carpe Diem am Zingelfadstock schlägt er vor, ein heisses Eisen an den Jegerstöcken. Und ich kann nicht widerstehen...

Morgenerwachen an den Jegerstöcken - immer wieder genial!
Um 8.00 Uhr brechen wir auf dem Urnerboden auf, eine einzige Seilschaft machen wir im Zustieg 100hm weiter oben aus. Bald holen wir sie ein, der Gabchopf sei ihr Ziel. Die Hauptkette haben wir an diesem Tag für uns alleine – incroyable! Weiter geht’s für uns durch die Alpelichäle, und dann mit der nicht so leicht verdaulichen Liebhaber-Abkürzung rechts rum durchs Steilgras (T6, II) direkt aufs Zingelfad. Dann wird auf Wegspuren rüberspaziert (T4), bis wir um 9.40 Uhr am Einstieg sind. Nach einem Vesper geht’s um 10.10 Uhr los.

Der Zingelfadstock kommt in Sicht. Der Einstieg ist bei der ersten Schlucht rechts des Ausbruchs.
SL 1, 25m, 6a: der Beginn sieht ziemlich nach „Gschirrlade“ aus. Der Eindruck täuscht nicht völlig, allerdings ist es gut kletterbar – 3 Bolts, 20m, ein Quickie. Der Einstieg ist übrigens beschriftet, im wilden Fels ist die Route nicht einfach zu erkennen.

Wilder, aber nicht allzu brüchiger "Gschirrlade" in SL 1 (6a).
SL 2, 20m, 6c: kurze, anhaltend anspruchsvolle, jedoch für den Grad nie allzu schwere, und auch (für Vor- und Nachsteiger) sehr gut abgesicherte Horizontalquerung nach links, bereits in gutem Fels.

Horizontaler Quergang in SL 2 (6c)
SL 3, 40m, 6c+: nun beginnt der Topfels, und die ersten 5m nach dem Stand haben es gleich in sich. Danach sehr schön und etwas einfacher weiter, zu einem kniffligen Boulderproblem, zuletzt nach links hinaus an den Stand.

Anspruchsvoller Start zu SL 3 (6c+).
SL 4, 40m, 6c: erst sehr schöne, anhaltende Wandkletterei an rauhem, silbergrauem Fels mit kleinen Leisten. Zum Schluss geht es über ein athletisches, grossgriffiges Dach hinweg.

Nach super Wandkletterei ein athletisches Dacherl in SL 4 (6c).
SL 5, 40m, 7a: links am Pfeilerlein in fantastischem Fels aufwärts zur Crux, die sich an einer Art Wulst befindet. Ohne schlaue Tritte gilt es campusmässig ein paar kleine Leisten zu dübeln, sehr schön! Bald werden die Griffe wieder grösser, über Gras zum Stand.

Nach fantastischer Kletterei mit der Crux in SL 5 (7a) ein Grasband zum Verschnaufen.
SL 6, 40m, 6c: aufwärts an legoartigem Fels, der OK, aber nicht zu 100% solide ist. Die Cruxzone vor dem Verlassen des steilen Teils kurz recht knifflig, danach einfacher zum Stand.

Lego-Fels in SL 6 (6c).
SL 7, 40m, 6c+: nach ein paar einfachen Metern zur Crux an einem Wulst, wo die Füsse raufmüssen und man an Untergriffen ziehen muss, die nicht so solide aussehen, aber mehr hielten als sie versprachen. Danach anhaltende, schöne Wandkletterei in genialem Fels.

Topfels und super Kletterei im oberen Teil von SL 7 (6c+).
SL 8, 35m, 6c+: gleich vom Stand weg bouldrig über einen Überhang weg, das ist die Crux. Man muss trotz der sehr guten Absicherung aufpassen, dass man der Sicherungsperson nicht auf die Rübe fällt. Zudem ist es wirklich très bloc, ich fand es die schwerste Einzelstelle der Tour. Der Rest der SL ist dann einfach (6a), und auch der Fels ist dort weniger schön.

Boulderstart, danach einfacher und nicht mehr ganz so kompakter Fels: SL 7 (6c+).
SL 9, 40m, 6a+: nach links und hoch: erst ganz gemütlich, doch die Crux kommt, und die hat sich gewaschen! Gut hinstehen und Untergriffe bedienen, gar nicht einfach. Im Vergleich zu den 6c-Längen 2 und 6 unterbewertet, fand ich. Aber schön, und guter Fels.

SL 10, 50m, 6b: es wartet nochmals eine steile Wand in Topfels. Erst etwas schleichermässig, dann an vielen Auflegern und ab und zu einem Henkeln über mehrere Aufschwünge hinweg. Irgendwie „anders“, aber genial!


Super Auflegerkletterei in Topfels zum Abschluss in SL 10 (6b).
Wer in SL 10 die Sicherungen nicht vorausschauend verlängert, wird nach 40m bei einem Zwischenstand mit BH und Sanduhr vom Seilzug ausgebremst. Ansonsten reicht das Seil aber auch bis links um die Ecke, wo sich das Ende der klassischen Südturm-Route, bzw. der Beginn der Abseilpiste und das Wandbuch befindet. Es ist inzwischen 17.25 Uhr, die Route hat uns also gute 7 Stunden beschäftigt. Da spielen einerseits die anhaltenden Schwierigkeiten mit, und andererseits hatte Erich auch bald mit Krämpfen zu kämpfen, was die eine oder andere schöpferische Ruhepause erforderte.

Am Zwischenstand, vom Seilzug ausgebremst: die letzten Meter zu Top, Wandbuch und Abseilpiste.

Seit ich am 30.5.2009 mit Kathrin die Südturm-Route geklettert hatte, sind im Wandbuch nicht sehr viele Einträge hinzugekommen. Die Carpe Diem erhielt seit dann, das sind ja doch immerhin 2.5 Jahre und fast 3 volle Saisons, genau einen einzigen Eintrag. Und auch total machten wir erst die 8. Begehung. Völlig unverständlich bei dieser Routenqualität – einer Galadriel oder einer Voie de Frère kann die Carpe Diem allemal das Wasser reichen!

Wir machen uns aber ans Abseilen, im etwas schuttigen, oberen Teil geht’s nicht so sonderlich flott, dafür unten dann umso schneller. Vom Wandfuss machen wir uns dann zügig auf die Socken, nur um hin und wieder der Anziehungskraft begangener und noch unbegangener Felspfeiler an den Jegerstöcken hinzugeben. Um 19.30 Uhr sind wir zurück beim Auto, Gipfel – Urnerboden in 2 Stunden, demnach.

Epilog

Dank dem goldenen Herbst sind nun in kurzer Zeit gleich mehrere MSL-Highlights gelungen, zuletzt die beiden sehr gut vergleichbaren, je mit 7a bzw. 6c obl. bewerteten „Physical Gravity“ und „Carpe Diem“. Keine einfachen Routen, sondern anspruchsvolle Sportkletter­touren. Beide aber gingen für mich „gut“, d.h. ich konnte problemlos alles klettern, auch wenn in der Carpe Diem in zwei Seillängen (5. und 8.) jeweils ein zweiter Anlauf vonnöten war.

Anyway, was ich sagen will: im Vergleich zur Cruxlänge der Supertramp war eigentlich alles auf diesen beiden Touren „Nasenwasser“. Kein Vergleich in Sachen Kletterschwierigkeit und auch Anspruch an den Vorsteiger. Nun, mit diesen Vergleichsmöglichkeiten, habe ich definitiv keine Skrupel mehr, die Supertramp-Crux mit einem subjektiven Grad vom 7b zu bewerten.

Facts:

Zingelfadstock – Carpe Diem (7a, 6c obl.) – Fullin/Schuler/Arnold 2003 – 10 SL, 370m - ****; xxxx
Material: 12 Express, 2x50m-Seile, Keile/Friends nicht nötig und kaum einsetzbar

Mit Sicherheit eine der besten Touren an den Jegerstöcken. Fast durchgehend hervorragender, rauher Fels und anhaltende, homogene Schwierigkeiten um 6c rum. Meist Wandkletterei an positiven Leisten, mit dem einen oder anderen Wulst/Überhang dazwischen. Die Absicherung ist durchwegs bestens.

Routenverlauf der Carpe Diem, mit den Schwierigkeiten der einzelnen Längen. Das Topo im Führer GLclimbs ist genügend gut, um die Tour problemlos zu finden. Bzw., wenn man einmal den Beginn lokalisiert hat, so wird man den Weg kaum mehr verfehlen.

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