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Samstag, 3. Dezember 2011

Rätikon – Amarcord (7b+)

Vor seiner Chinareise war es Dani nochmals nach einem Test seiner Kletterfertigkeiten, und es musste auch ein aussagekräftiger Vergleich zum gerade eben erstbegangenen „Metronom“ am Gonzen her. Mit der Nimbusroute „Amarcord“ (7b+) von Martin Scheel, welche dieser in einem kühnen Handstreich bereits 1984 in die Südwand der 7. Kirchlispitze im Rätikon legte, war eine adäquate Herausforderung gefunden. Dass ich da äusserst gerne mit von der Partie war, versteht sich von selbst. 

Auch wenn wir wegen diversen Sachzwängen die Tour um zwei Tage hinausschieben mussten, konnten wir zum Glück noch gute Bedingungen geniessen. Die Anfahrt ins gottverlassene Rätikon war problemlos, der Zustieg mit gut 20 Minuten kurz. Im Gegensatz zur „Achtibahn“ waren wir diesmal auch so schlau, das Depot unten am Wandfuss zu machen. Von da geht es erst über dieselben Schrofen wie zur „Achtibahn“ hoch, bei deren unterstem Abseilstand quert man nach rechts hinaus aufs Einstiegsband. Nicht wirklich schwer, aber dennoch exponiert, der Fels etwas lose, und das Gras glitschig (T6). 

Die Südwand der 7. Kirchlispitze mit dem Meilenstein "Amarcord" (7b+)
Der Einstiegsstand versetzt einen dann auch nicht gleich in helle Begeisterung, eine dünne Sanduhr, bereits mit „Sollbruchstelle“, sprich einem Riss, und ein mässig sitzender Schlaghaken: na ja. Und der Blick auf den in etwa 8m Höhe steckenden, ersten BH ist auch nicht sonderlich erbaulich, wartet auf den ersten Metern offenbar durchaus nichttriviale Kletterei. Was soll’s, wir seilen uns an und um 10.00 Uhr geht’s los. 

SL 1, 35m, 6c: die Züge zu Beginn haben es tatsächlich in sich. Zwar nicht voll die Härte, wer es aber nicht packt, spickt auf das schrofige Einstiegsband hinunter und ist garantiert spitalreif. Zumindest dann, wenn dieser Kackstand hält, sonst ist dann gleich für uns beide Ende Amen. Dani setzt zwar 3-4x an, zieht dann aber sauber durch. Die schwerste Einzelstelle kommt dann gleich nach dem Bolt, danach geht’s bei gemässigteren Schwierigkeiten an 2 Schlaghaken vorbei weiter, zum Schluss clippt man noch einen Bolt der nahen „Déja“, et voilà, Stand! 

Die heikle Stelle gleich zu Beginn der Route. Das Anklettern des 1. BH ist expo!
SL 2, 40m, 6a+: ungesicherte plattige Querung nach rechts, dann ein immer noch ungesicherter Aufsteher zum ersten Bolt. Danach die Crux, welche aber kurz und für den Grad wirklich sehr leichtverdaulich ist. Ab da der Verschneidung entlang, welche sich zu einer Grasrinne erweitert, über welche man selbst absichernd, im T6-Stil, den Stand erreicht. 

SL 3, 40m, 6c+: nun geht es scheinbar los mit der richtig seriösen Kletterei. Am Anfang geht‘s noch gut, dann wird man über die 2 Bolts hinweg bereits ein bisschen getestet. Dann nochmals einfacher hoch unter den Wulst, BH klippen und dann die Crux, wo pressig einige kleine Griffe gehalten werden müssen, bis man die tiefen Riesentropflöcher oberhalb erreicht. Der Runout zum Stand hoch kann dann durch Einhängen des rechterhand nahen Bolts der „Déja“ entschärft werden. 

Das Gelände wird kompakter. Start in die sehr schöne SL 3 (6c+).
SL 4, 30m, 7b+: etwas heikles Anklettern des 1. BH, dann in einer grosszügigen Rechtsschleife an Tropflöchern hoch zum 2. BH. Hier die Bouldercrux in einer Querung nach links. Ausgehend von Seit- und Untergriffen kleine Rauhigkeiten krallen und gut hinstehen. Ist eine Einzelstelle, ca. 6C/7A bloc. Nun einfacher einem Riss/Schuppe entlang, bevor es nochmals anspruchsvoll wird. Es wartet ein kühnes Anklettern des letzten BH, eine harte Untergriffquerung nach links (ca. 6C bloc) und ein Runout zum Stand. Leider ist die Linie der „Amarcord“ hier durch das unbekannte Projekt links entwertet worden: dieses verläuft sehr nahe, man kann selbst aus der „Amarcord“-Originallinie 2 Bolts davon einhängen. Und wenn man will, so kann man sogar noch einen dritten BH einhängen, und die Untergriffquerung komplett vermeiden. 

Unmittelbar vor dem Cruxboulder: SL 4 (7b+).
SL 5, 25m, 7b: nochmals eine Knallerlänge mit vielleicht leicht einfacheren Einzelstellen als zuvor, dafür aber deutlich anhaltender. Nach dem Stand bald eine knifflige Rechtsquerung, wo man zaubern muss. Dann einfacher unter den steilen Wulst hoch, welchen man an Auflegern und kleinen Löchern ausdauernd und alles andere als „straightforward“, in etwas komplizierter, technisch anspruchsvoller Kletterei überwindet. Erst die letzten Meter zum Stand in der Nische, mit dem aus der Supertramp entlehnten Wandbuch, sind dann griffiger und einfacher. 

Das Seil wie die Tragseile einer Schwebebahn... Zäher, technischer Start in SL 5 (7b).

SL 6, 35m, 6a+: mit der richtig harten Kletterei ist es ab hier vorbei, dafür steckt nun kaum mehr Material. Vom Stand weg kühn nach rechts hoch, die Crux ungesichert nach 6-7m! In der kleinen Nische unmittelbar danach steckt ein von unten unsichtbarer NH, dann Quergang nach rechts, am Stand der „Unendlichen Geschichte“ vorbei, in sehr schönem Fels zum richtigen Stand. 

Simply fantastic! Der anhaltende, technisch anspruchsvolle Kraftausdauerteil in SL 5 (7b).
SL 7, 35m, 6b: hier am besten hoch zum BH der „Déja“, und dort die Rechtsquerung zur offensichtlichen Verschneidung ansetzen. Diese in leichterer Kletterei hoch bis zum Pfeilerkopf, um welchen sich eine Schlinge legen lässt. Dann etwas links in die Wand hinein: das ist die Crux, die beste Linie ist ziemlich unklar, und da nichts steckt und man nichts legen kann, sehr expo! Wiederum, zwar nicht voll die Härte hier, aber zwingend, und ein Sturz geht kaum verletzungsfrei aus. 

Immer noch super Fels. Dani auf dem Pfeilerkopf in SL 7 (6b), wo die Expo-Stelle startet.
SL 8, 35m, 6b: gleich nach dem Stand die Crux an einem anstrengenden, überhängenden Riss. Auch hier steckt nix, man kann aber recht gut legen - sofern man daran glaubt, dass das Zeugs in diesem stark wasserzerfressenen Fels hält. Die schwerste Stelle im Piaz kurz bevor es flacher wird. Der Rest der Länge immer nicht mehr ganz so spektakulär und schwer, aber dennoch interessant und gut. 

Steiler und deutlich schwerer als es hier aussieht: der Start in SL 8 (6b).
SL 9, 45m, 6c: am Ende der vorhergehenden Länge haben wir uns gegenüber der Originallinie wohl ein paar Meter zu weit nach rechts an einen BH-Stand der „WoGü“ (?) verleiten lassen. Weil nicht mehr sehr viel Zeit war, in der letzten Länge eh nix mehr steckt und das Gelände überall kletterbar ist, sind wir einfach logisch der Nase nach hoch. Die (gesuchte?) 6c-Stelle des Originalwegs haben wir uns dabei aber wohl gespart, denn so schwierig war es nirgends mehr. 

Um 16.30 Uhr sind wir am Ausstieg. Während die Temperatur lange tiptop war, hat der Winter auf den letzten beiden SL sein Kommen aber definitiv angekündigt, und hier oben frösteln wir ob dem Winterluft der geht, nun sogar etwas. So gelüstet es uns nicht mehr nach einer Abseilfahrt, und wir wählen den Fussabstieg. So gibt es doch noch eine Nordwand für uns, auch wenn es nur die schneefreie Grasflanke der 7. Kirchlispitze ist. 

Was mir am Fussabstieg (welcher sich problemlos in gut 20 Minuten in Kletterfinken machen liess) auch gerade recht kommt, ist die Tatsache, dass eine Jahresschlusskontrolle beim „Kamala“-Wandbuch möglich ist. Und die ist nötig: der Deckel beim Wandbuch fehlt! Na ja, sowas kann ja passieren, dass man dann aber nicht die Grösse hat, dem Erstbegeher eine kurze Notiz zu schreiben, enttäuscht mich doch sehr. Kontaktdaten stehen sowohl im Buch wie auch auf jedem Topo, daran kann es nicht liegen. Aber so ist die heutige Zeit, schade! 

So kommt das Wandbuch „auf Mann“ und wird bei mir zuhause überwintern. Im nächsten Frühjahr ist dann zeitig eine Begehung im Rätikon fällig, um es wieder zu legen, und einen neuen Deckel zu montieren. Die Wandbuch-Analyse hat dann gezeigt, dass die „Kamala“ im 2011 erneut 42 Begehungen erhalten hat. Genau gleich viele wie im 2010, welch ein Zufall! Und fast alle Wiederholer äussern sich sehr lobend im Wandbuch, das entschädigt etwas für die Geschichte mit dem Deckel. 

Die 84 Begehungen der „Kamala“ in 2 Saisons sind ziemlich genau gleich viele, wie die „Amarcord“ bisher in den 27 Jahren ihres Bestehens erhalten hat. Das „Amarcord“-Wandbuch hat leider bisweilen etwas Nässe abbekommen und ist ziemlich verschimmelt, weshalb man nicht mehr ganz alle Einträge nachvollziehen kann. In den 80er- und frühen 90er-Jahren war die Begehungsfrequenz aber recht hoch, und selbstverständlich war die ganze Prominenz da, manche auch mehrfach, auf der Jagd nach dem roten Punkt. 

Ein weiteres Bild aus SL 1 (6c), mit Sicht auf die Wand. Speziell ist aber der Piepmatz rechts am Himmel. Es ist ein ausgewachsener Bartgeier mit 3m Spannweite. Offenbar ist er im Rätikon heimisch. Schon als ich 2.5 Wochen zuvor die "Achtibahn" kletterte, besuchte er uns. Ja damals flog er in wenigen Metern Entfernung, quasi in Griffweite, mehrmals an uns vorbei. Heute war er etwas weiter weg, dafür konnte ich dieses Mal die Kamera zücken. Einfach super majestätisch, diese Tiere, eine wahre Freude :-) Ein Blick auf die Webseite des Bartgeier-Projekts zeigt auch, dass der Aktionsradius dieser Vögel vom Raum Grenoble bis in die östlichen Dolomiten reicht. Was mich, als Gleitschirm-Streckenflieger, natürlich besonders beeindruckt.
Um 17.30 Uhr sind wir abfahrbereit auf dem Melkplatz und rollen talwärts. Zeit zur Reflektion: die „Amarcord“ ist wirklich eine tolle Route, mit dem Term „verdoneske Wandkletterei“ wird in der Führerliteratur nicht zu viel versprochen. Die Absicherung in den schweren SL 3-5 ist nicht überaus üppig und zwingend, aber auch nicht besonders bösartig. Ich würde „xxx“, d.h. Stufe 3 von 5 vergeben, im Anspruch ähnlich wie die „Blaue Lagune“ an den Wendenstöcken. Die anderen SL sind deutlich einfacher und lassen sich zumeist vernünftig selber absichern. Weil aber 3 Stellen in den SL 1, 6 und 7, jeweils +/- 6b schwer, erhebliches Verletzungspotential aufweisen, vergebe ich insgesamt doch nur Stufe „xx“. Eine Horror-Tour mit nur „x“ wie im Schweiz Extrem 1994 angegeben, ist es aber definitiv nicht. 

Ein bisschen schade ist auch, dass man beim Klettern der „Amarcord“ mittlerweile 8 BH aus den teilweise sehr nahe oder gemeinsam verlaufenden, oder kreuzenden Nachbarrouten einhängt. Das mag nach nicht so viel tönen, andererseits hat Martin Scheel bei der Erstbegehung aber auch nur 12 Zwischen-BH (noch von Hand!) gesetzt. Relativ gesehen sind die 8 BH also durchaus substanziell. Weiter sind die Bündel an verrotteten, nicht mehr zu gebrauchenden Fixseilen im Projekt links, welche schon seit x Jahren hängen, auch eher eine Beeinträchtigung. Übrigens: die schweren Routen links und rechts sehen für meine Augen gar nicht so lohnend aus. Sie führen durch extrem strukturarme Wandzonen. Da die Wand nicht so steil ist, geht es offenbar mittelsl „hypertechnischem Geschurbel“ am oberen Ende der Schwierigkeitsskala gerade so, aber wirklich mit Genuss klettert das kaum jemand, vermute ich. Aber egal, in diese Touren werde ich mich eh nie verirren. 

Fels, Linie, Kletterei und Nimbus: bei der "Amarcord" passt's!
Zuletzt noch zu Bewertung und meiner persönlichen Performance: im Vergleich zur „Supertramp“ am Bockmattli sind in der „Amarcord“ die Bewertungen doch deutlich milder ausgefallen. Also ich meine, zwischen SL 1 und/oder 3 und der Cruxlänge der „Supertramp“ liegen für mich trotz identischer Bewertung Welten! Auch die „Achtibahn“ fand ich im Vergleich knallhart eingestuft, doch vielleicht hatte ich da (im Vorstieg) einfach „Schiss in dä Hös“. In der „Amarcord“ konnte ich dagegen (mit kurzen Ausnahmen) gemütlich im Nachstieg klettern. So ging das eigentlich easy alles frei, bis auf die beiden harten Längen sogar flash. 

Dass ich bei der Cruxlänge die schwerste Stelle bereits sauber passiert hatte, danach aber den Bolt nicht mehr aushängen konnte und wieder abspringen musste, war dann etwas Künstlerpech. So spielte dann der unnötige Sturz zu Beginn der 7b-Länge auch keine Rolle mehr in Bezug auf den kompletten Durchstieg. Ich kann mir aber gut vorstellen, in dieser Route einmal einen Rotpunkt-Angriff zu starten – das könnte selbst für mich möglich sein! 

Allerdings erst dann, wenn die Route neue Haken spendiert erhält. Die 27-jährigen Kronenbolts hinterlassen durchaus ein etwas flaues Gefühl, die Schlaghaken sowieso. Immerhin steckt an den Ständen zumindest jeweils 1 Inox-BH neueren Datums. Vom Reden und Schreiben passiert aber sicher nix. Ich werde mich deshalb mit Martin Scheel in Verbindung setzen, und schauen, was ich da tun kann. 

Facts: 

Rätikon – 7. Kirchlispitze – „Amarcord (7b+, 7a obl.) – M. Scheel et al. 1984 - 9 SL, 320m - ****; xx
Material: 12 Express, lange Schlingen, Keile 3-8, Camalots 0.3-4 (den 4er haben wir mehrmals gesetzt. Vielleicht ist er verzichtbar, d.h. man kommt mit nur dem 3er durch, aber es braucht vielerorts grosse Cams). 

Meilenstein des alpinen Sportkletterns, mit welchem Martin Scheel anno 1984 dies Messlatte höher gesetzt hat. Richtig hart sind nur die beiden SL 4 und 5 durch die kompakte, steile Wandzone. Davor und danach folgt man weitgehend einer logischen, natürlichen Linie mit geringerem Anspruch. Der Fels ist durchgehend als gut bis sehr gut einzustufen: rauh, mit guter Reibung und von Tropflöchern durchsetzt. Die Absicherung an den schweren Stellen ist wohl fordernd, aber als genügend einzustufen. Das einfachere Gelände lässt sich bis auf zwei, drei Expo-Stellen (siehe Bericht) gut absichern.

Das Originaltopo von Martin Scheel ist sehr genau. Ich habe einige Ergänzungen vorgenommen.

Kommentare:

  1. Danke für Bericht und Föteli - Martin

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  2. Danke für die ausführliche Berichte und die Topos. Die Tourenberichte gehören zu den besten die es im Internet gibt. Mach so weiter!

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