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Sonntag, 22. April 2012

Amden - Sellbach - Tapis Volant (WI3+)

Während der Kälteperiode im Februar 2012 überschlagen sich in den Medien die Superlative bezüglich maximal tiefer Temperaturen. Für den Eiskletterer ist auch ohne das Mediengetöse sehr offensichtlich, dass wir es mit einer einmaligen Chance zu tun haben, die möglicherweise nicht so bald wiederkommt. Als ich dann auch noch ein sehr spannendes Projekt in der Nähe vorschlagen kann, lässt sich Kathrin nach nur kurzem Zögern für eine Tour im Eis begeistern...

Obwohl viele "klassische" Touren zu jenem Zeitpunkt "risikolos" zu haben gewesen wären, d.h. gemäss Berichten in eindeutig sehr guten Bedingungen, entscheiden wir uns für das Abenteuerliche, sprich für eine unbekannte, aussergewöhnliche Tour, wo wir dafür über das Anzutreffende im Unklaren waren. Nun, dass im von Amden in den Walensee entwässernden Sellbach Eis vorhanden war, hatte ich auf der Vorbeifahrt klar gesehen. Ungewiss waren vor allem Verlauf und Schwierigkeiten. Ebenso wenig drang trotz Rumfragen Kunde von früheren Begehungen dieses Baches zu meinen Ohren.

Terrasse von Amden mit Mattstock, der Sellbach in Bildmitte.
Oben im Bild die Sicht über den Walensee hinweg, auf Amden und Mattstock. Der Sellbach führt kaum sichtbar, ziemlich genau in Bildmitte, durch ein eingeschnittenes Couloir vom flachen Gelände oberhalb is zum See runter. Die Zoom-Aufnahme im Bild unterhalb schafft Klarheit: das Eiscouloir, wiederum in Bildmitte, ist klar sichtbar. Hinweis: die Bilder wurden eine Woche nach der Tour aufgenommen, auf dem Rückweg von der Tschuggen-Skitour, als schon eine deutliche Erwärmung eingesetzt hatte.

Close-Up vom Sellbach.
Der Zustieg ist dann selten bequem - mit dem Auto fährt man direkt am Einstieg vorbei. Dass man auf der schmalen Strasse nicht direkt am Bach parkieren kann, ist unter diesen Voraussetzungen fast unerhört ;-). Na ja, 300m weiter geht das schon, und in minutenschnelle ist man wieder zurück am Einstieg. Da spielt es nicht einmal eine Rolle, dass ich für einmal wieder die Seile im Kofferraum liegen lassen habe.

Einstieg auf der Teerstrasse.
Der Einstieg, reichlich skurril, auf einer Teerstrasse direkt am Walensee, auf 419m. So trivial wie man meinen mag, ist es dann aber gar nicht, ans Eis zu kommen. Die Betonmauer, bzw. der Abgrund dahinter stellt doch ein ziemliches Hindernis dar, so dass ich Kathrin am seeseitigen Brückengeländer ablasse. Ich ziehe dann aber doch den Weg über die Mauer und die dadurch folgende Traverse im Fels vor.

Die erste Seillänge sieht ganz ordentlich gemütlich aus: einfache Eiskletterei in der schmalen Bachrinne, mit zwei etwas steileren Aufschwüngen durchsetzt. WI2 kann man dafür veranschlagen, tiptop zum Aufwärmen und Angewöhnen. Bei einem (trockenen) Bassin bietet sich nach 50m ein idealer Stand an, Bäume an den Seiten wären vorhanden, bequemer geht's mit zwei Schrauben im Eis. So, nun ist Kathrin mit dem Nachstieg dran...

Kathrin folgt in SL 1 (WI2).
Oben im Bild Kathrin am Ende der ersten Seillänge (WI2), welche der hier schmalen, aber tiptop vereisten Bachrinne folgt. Während von der Strasse durch das Geäst noch fast gar nichts erkennbar war, haben wir nun freien Blick auf die nächste, d.h. die zweite Seillänge, welche einen sehr vielversprechenden Eindruck macht.

Blick auf SL 2 (WI3).
Erst warten 20 weitere Genussmeter, ebenfalls im WI2-Bereich, danach wird es steiler, und es folgen 30m supertolle Kletterei, gegen Schluss hin so um 80 Grad steil, ich würde WI 3 dafür veranschlagen. Die Eisqualität übrigens tiptop, trotz der Kälte schön plastisch, gar nix spröde, und bestens zum Schrauben.

Kathrin folgt in SL 2 (WI3).
Ja, so macht es richtig Spass! Kathrin steigt auch diese zweite Seillänge problemlos nach - nicht selbstverständlich, ist es doch eine kleine Ewigkeit her, seit sie das letzte Mal die Steileispickel geschwungen hat. Das gute Eis, die genussreiche Kletterei an der Sonne, das liebliche, fast mediterrane Ambiente und trotz Minusgraden angenehme Temperaturen machen es aber auch einfach. Der Weiterweg sieht nochmals einen Tick schwieriger aus. Aber nichts beängstigendes...

Die Cruxlänge, ca. WI3+/WI4-.
Die erste Hälfte der dritten Seillänge offeriert genussreiches Gelände um WI3-. Danach folgt die steilste Stelle der Tour, etwa 10m erreichen fast die Senkrechte, d.h. sind ca. 85 Grad. Ich denke, die dürften so bei WI3+, vielleicht sogar WI4- einchecken. Bei diesen guten Bedingungen, die Pickel bissen zumeist beim allerersten Schlag solide, aber natürlich problemlos.

Nachstieg in der Cruxlänge, mit Sicht runter bis zum Einstieg.
Kathrin packt auch diese Seillänge sauber im Nachstieg, so können wir schon bald den Blick nach vorne richten. Und da wartet nochmals eine dick vereiste Stufe, etwa 70 Grad steil, etwa WI2. Erneut eine super Genusslänge, gute 30m geht es so dahin, dann weiter bis zum Seilende über einige Stufen rauf dem sonst flachen Bach entlang.

Blick auf SL 4 (WI2).
Kathrin kommt zügig zu mir nach, und das Bild, welches ich machen kann, bevor sie den Stand erreicht, dürfte für eine Eisklettertour Seltenheitswert haben: nebst dem Eis ist es fast so grün wie in der Masoala-Halle im Zürcher Zoo!

Kurz vor dem Stand von SL 4.
Spannend ist nun vor allem der Weiterweg. Am Fusse einer Felswand entlang hat sich der Bach sein Bett gefressen, landschaftlich sehr eindrücklich. Hier kann man ganz simpel auf Eis spazieren, danach wird es dann wieder steil zur Sache gehen - womöglich gar zu steil? Also machen wir uns auf den Weg...

Der Weiterweg: was wartet wohl?
Wie wir am Fusse der nächsten Stufe ankommen, müssen wir konstatieren, dass sich diese nicht vollständig wird beklettern lassen. Viel zu dünn ist das Eis, stellenweise kaum vorhanden. Im Toprope oder wenn im Fels Bohrhaken stecken würden, so könnte man sich vielleicht schon hocharbeiten.

Die zu schwach vereiste Stufe - in Natura höher und steiler, als es hier aussieht.
Aber das ist halt nicht so, und darum ist ein schlauer Plan B gefragt. Natürlich, abseilen zurück zum Einstieg wäre problemlos möglich, aber nach oben aussteigen ist immer attraktiver. Und dafür entdecke ich eine Möglichkeit. Zuerst wartet nochmals eine 15m-Eisstufe, dann Mixedgelände und schliesslich können werden wir auf einem Felsband nach links ausqueren können.

15m-Eisstufe zu Beginn der 6. SL (WI3).
Das Eis zu Beginn der Stufe ist recht steil, lässt sich aber gut klettern. Doch es wird dünner und dünner, und das Gelände wird Mixed. Bei kurz etwas mässiger Sicherung muss ich auf dem eher ausgewaschenen Fels rumkratzen: eher etwas psycho als wirklich schwierig. Weiter geht es dann linkshaltend in cooler Torfkletterei zu bequemem Stand auf dem Felsband.

Kathrin steigt nach im "Eigerterrain" von SL 6 (WI3). 
Das Felsband lässt sich wohl problemlos begehen, hält aber sonst noch einige Überraschungen bereit. Da war wohl mal der Specht auf Besuch, allfälligen Angstschweiss kann man mit Rexona übertünchen und für potentielle Schmerzen gäbe es auch noch eine Portion Total Tramal...

Torfkletterei und Felsstufe zum Ende von SL 6 (WI3).
Wir können uns indessen losseilen, queren über das Band raus und erreichen oberhalb einen bequemen Weg. Diesem folgen wir, um bald auf den Wanderweg zu treffen, der uns nach Betlis zurückführen wird. Erst ist noch etwas Aufstieg nötig, dann geht alles runter, und es gibt tolle Einblicke in den Seerenbachfall.

Felsband, auf welchem wir ausgequert sind.
Nach kurzer Zeit sind wir retour beim Strandbad in Betlis, wo sich der Kreis schliesst und wir unsere Tour beenden. Das Ambiente mit dem baldigen Sonnenuntergang über dem Walensee ist fast mediterran. Wer würde glauben, dass wir von einem Eisklettertag zurückkehren?

Sonnenuntergang über dem Walensee

Facts:

Betlis/Amden - Sellbach - Tapis Volant (III, WI 4-, 280m) - Marcel & Kathrin Dettling 12.02.2012*

* Womöglich wurde der Fall schon früher begangen, ich habe bisher aber nix derartiges erfahren

Superschöne, gemütliche Eisklettertour mit zwei, drei kurzen, steileren Stellen durch eine Bachrinne. Wegen der tiefen Lage (Einstieg auf 420m), der südseitigen Ausrichtung und der Tatsache, dass der Sellbach für das Kraftwerk Muslen gefasst wird und daher nicht viel Restwasser fliesst dürften die Bedingungen nur in seltenen Fällen geeignet sein. Wenn dem aber so ist, so darf man nicht zögern! Der Erlebniswert der Tour steht für mich auf allerhöchster Stufe, es ist eine der, wenn nicht die schönste Eistour, die ich bisher begehen konnte.


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