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Donnerstag, 20. August 2026

Kreuzberg III - Extrameile (6c, 6 SL, Erstbegehung)

Die Kreuzberge sind ein Mini-Gebirge im Alpstein mit 8 Gipfeln und vielen Wänden, Rinnen und Graten. Ein Blick auf's Topo zeigt, dass es hier eine Menge zu erleben gibt. Leichte MSL-Touren, Klassiker auf natürlicher Linie im 5c/6a-Bereich und auch einige MSL-Sportklettereien im 7c/8a-Level. Vergeblich suchte man aber bisher eine lange, moderne Wandkletterei mit zugänglichen, homogenen Schwierigkeiten im 6c/7a-Bereich und freundlicher BH-Absicherung. Nun, einfach herbeizaubern kann man sich eine solche Tour natürlich nicht - im Hitzesommer 2026 haben wir nun aber in der steilen Nordwand vom Kreuzberg III genau die Linie gefunden, welche das Angebot im Gebiet auf eine attraktive Art ergänzt.

Der Blick auf die Kreuzberge von der Saxer Lücke, immer wieder ein erhabener Moment!

Erschliessung

Im Vergleich zu vielen anderen meiner Neutouren handelt es sich bei der Extrameile um eine richtige Blitzgeburt. Die Idee entstand bei der Begehung von Zwischenwelten (5 SL, 7b+, Blog) am 29. Juli 2026. Schon beim Sichern schweiften meine Blicke nach in den augenscheinlich noch freien Wandbereich links der Route Gummi. Das Abseilen erlaubte dann einen noch genaueren Einblick und zeigte strukturierten, soliden Fels, der nur so zum Klettern einlud. Und als wir nach der Tour die Wand von der Roslenalp betrachteten, zeigte sich umso mehr, dass hier noch eine eigenständige Hammerlinie über einen attraktiven Pfeiler möglich war. Nun, an diesem Tag war es bereits zu spät, aber so bald wie möglich wollte ich zurückkommen.

"So bald wie möglich wollte ich zurückkommen": Eine Woche später, hier bin ich. Und wow, der Blick auf die Wand!

Wie immer in dieser Situation schien die Warterei beinahe ewig. Doch es war nur genau eine Woche, bis mich Guido am 5. August 2026 zum Start dieses Projekts begleitete. Aufgrund sämtlicher Gegebenheiten folgerten wir, dass der (weite) Weg ab Brülisau auch dieses Mal der Zustieg der Wahl war. Diese Extrameile mussten wir einfach auf uns nehmen - was uns keineswegs abschreckte, dafür die Wahl des Routennamens gleich erklärt. Nach einem sehr frühen Start und ob der Hitze trotzdem bereits schweisstreibenden Zustieg standen wir um 8.00 Uhr am Einstieg - es schien sehr verlockend, umgehend loszulegen. Gewisse Unklarheiten bzgl. der im Detail zu wählenden Linie waren aber vorhanden, bot der Pfeiler doch gute 25m Platz in seiner Breite. So entschlossen wir uns, über den Normalweg zum Gipfel aufzusteigen, nochmals über Gummi abzuseilen und dabei einen konzentrierten Blick auf die vorhandenen Strukturen zu werfen. Eine genauere Vorstellung über geeignete Standplätze und den ungefähren Weg dazwischen hilft eben sehr entscheidend, ein qualitativ hochwertiges Resultat zu erzielen.

Aufstieg zum Gipfel des KIII über den Normalweg, durch diese Rinne verläuft auch der Fussabstieg.

Sehr lange hielten wir uns damit aber nicht auf. Alles schien wie gewünscht aufzugehen, so behängte ich mich reichlich mit dem schweren Material und machte mich um 10.30 Uhr auf den Weg ins Neuland. Selbst über den geneigten Wandfuss ergab sich ein lohnender und interessanter Weg (L1, 5c). Dieser war noch fast mühelos und zügig eingerichtet, bevor es steiler und fordernder wurde. Um 11.30 Uhr startete ich in den zweiten Abschnitt: 35m an kompromisslos senkrechter, ja teils leicht überhängender Kletterei. Guten Griffen sei Dank zwar nicht sehr schwierig zu klettern (L2, 6c). Aber es war ein hartes Stück Arbeit, die 9 Bolts zu platzieren. Noch dazu musste ich auch das Gelände erkunden - was war der beste Weiterweg, wo versteckten sich die guten Griffe und wie ging die Sequenz am besten auf. Sprich, oft stieg ich einige Meter hinauf und wieder zurück, probierte eine andere Alternative, um mich schliesslich für die lohnendste Variante zu entscheiden. Allem Erwägen zum Trotz: hier musste ich einen Fail-Bolt konstatieren und ihn 1.5m nach links "verschieben". Erst dachte ich, die beste Linie führe nach rechts weiter, was sich schliesslich als Irrtum entpuppte. Dank reichlich Erfahrung habe ich normalerweise ein gutes Gespür und kann solche Fehler vermeiden, doch hier trügte mich meine Intuition für einmal.

Los geht's! Hier wird gerade der allererste BH in L1 (5c) platziert. Die älteren Routen verlaufen hier in den einfacheren Rinnen links und rechts, der kompakte Fels an diesem Pfeiler im Einstiegsbereich war hingegen noch frei. Mit der roten Linie ist der weitere Verlauf in L1 und L2 markiert.

Um 15.30 Uhr, also 4:00 Stunden später, waren wir an Standplatz 2 wieder vereint. Das zeigt exemplarisch, wie viel Pfuus das Einrichten benötigt. Plus natürlich die Engelsgeduld von Guido bei der Sicherungsarbeit, wofür ich mich nur herzlich bedanken kann. Wohlgemerkt, in den vier Stunden ist seine Zeit zum ausführlichen Ausbouldern der Länge schon auch noch enthalten, ich jedenfalls war sehr froh um diese Pause. Normalerweise wäre um diesen Zeitpunkt bald die Sonne in die Wand gekommen. Nachdem schon einige Wolken aufgezogen waren, wurden wir jedoch freundlicherweise nicht gegrillt. Und es sah auch noch genügend freundlich aus, um weiterzumachen. Sehr schöne Lochkletterei (L3, 6b+) brachten mich 20m höher zu einem nächsten, bequemen Standplatz. Ob dieser schon zu nutzen war? Das wusste ich zu jenem Zeitpunkt noch nicht und zog gleich weiter. Die ersten beiden Bolts in L4 (6c) gingen sich noch aus. So langsam fehlte mir der Strom, um zu bohren - in meinen Armen, nicht im Akku! Auch hatte sich der Himmel deutlich verdunkelt. Nicht extrem bedrohlich, aber wir mussten ja nicht zwingend noch in der Wand nass werden.

Die lange und anspruchsvolle L2 (6c) einzurichten, kostete einiges an Zeit und Kraft!

Also seilten wir ab, räumten die Ware zusammen und waren bald bei der Roslenalp angelangt. Nun, es sah durchaus nach Regen aus, jedoch (noch) nicht unmittelbar. Bis zum nächsten schützenden Dach bei der Bollenwees würde es bestimmt noch reichen, spekulierten wir (es gibt da leider keine zuverlässige Verbindung für Mobilfunkdaten). Mittig zwischen Roslenalp und Saxer Lücke wurden wir eines besseren belehrt. Ein heftiger Platzregen kündigte sich an, zum Umdrehen war es bereits zu spät und so wurden wir doch noch geduscht. Nicht weiter schlimm, auf dem langen Ausmarsch blieb genügend Zeit zum Trocknen. Für den nächsten Angriff wollten wir aber besser einen wettersicheren Tag wählen. Auf dem Programm hatten wir einerseits die Vollendung der Route und idealerweise auch gleich deren komplette RP-Begehung. Auf den 14. August 2026 kündigte sich ein stabiler Prachtstag mit einer Mordshitze von bis zu 38 Grad im Tal an. Erneut starteten wir sehr früh ab Brülisau und sammelten so weitere Meilen auf dem Zustieg.

Da waren wir noch trocken und genossen ein eindrückliches Naturschauspiel... Leider blieb der heftige Platzregen nicht im Rheintal, sondern ergoss sich nur Minuten später auch über uns. Braucht man nicht unbedingt, doch während dieser Hitzeperiode war die Abkühlung auch nicht sehr unangenehm. Und schlussendlich sind es diese Erlebnisse, welche haften bleiben.

Unsere Taktik bestand darin, gleich von unten zu starten und die ersten drei Seillängen auf dem Weg zur Vortriebsstelle zu punkten. Später würde ich dann die Längen einbohren, mich wieder ablassen und sie im Anschluss noch mit leichtem Gurt rotpunkt klettern. Nachdem wir uns auf der Roslenalp mit einem einem Kreuzberge-Veteran durch einem längeren, spannenden Austausch über die Klettergeschichte des Massivs aufgehalten hatten, ging es um 8.30 Uhr mit der Kletterei los. In sehr vergnüglicher Kletterei waren die ersten drei Längen bald gepunktet. Weniger zum Vergnügen gehört jeweils das Hochhieven der Bohrausrüstung im Haulbag, wobei dieser dank der steilen Wand meist frei hing und es deshalb vergleichsweise komfortabel ging. Kurz nach 11.00 Uhr ratterte der Bohrer das erste Mal an diesem Tag. Mit frischen Kräften war die letztmalige Umkehrstelle rasch bewältigt. Der Weiterweg kostete noch ein paar Körner, aber diese waren noch reichlich vorhanden. Dann konnte ich zum vergnüglichen Part mit der Befreiung der Länge schreiten - erneut eine sehr genussvolle, homogen schwierige Sache (L4, 6c).

Weiter geht's - hier wird der Bohrer am zweiten Tag das erste Mal angesetzt (L4, 6c).

Um 13.45 ging es mit Abschnitt Nummer 5 weiter. Leicht links, leicht rechts, was war der beste Weg, der mit homogenen Schwierigkeiten und der schönsten Kletterei aufwartete? Rein optisch war es von unten nicht schlüssig zu entscheiden. Also antesten hier (und wieder abklettern), antesten dort (und wieder abklettern). Es erklärt sich von selbst, dass man derlei nur mit entsprechenden Reserven auf den geforderten Grad tun kann. Schliesslich hatte ich aber die Ideallinie gefunden und alle Bolts waren platziert. Die Schlussmeter in L5 (6b+) waren dann etwas gemütlicher und brachten uns direkt zum vorletzten Stand von Gummi mit der Wandbuchdose. Dieser Klassiker hält sich hier mit einer kurzen Wandstelle links raus und steigt dann über einen Grat oder rückseitiges Schrofengelände zum Top der Wand auf. Um hier noch auf einer eigenen Linie weitermachen zu können, war eine Kreuzung mit Gummi unvermeidlich.

An der Arbeit in L5 (6b+). Als Rechtshänder halte ich den Bohrer bevorzugt in der dominanten Hand und dementsprechend mit links am Fels - was diese Hand dann aber im Lauf eines Bohrtages doch ziemlich plättet. Wobei ich hier auf der Extrameile viele Bolts zwingend mit links bohren, einschlagen und festziehen musste (betrachtet man die Fotos bis hierher, liegt das Verhältnis bei 3 links zu 1 rechts). Vermutlich liegt es an der Felsstruktur, welche relativ oft nach rechts offene Seitgriffschuppen bietet.

Dieses Szenario war mir schon nach dem ersten Bohrtag präsent. Definitiv am liebsten ist es mir, wenn ich Neutouren komplett eigenständig und kreuzungsfrei konzipieren kann, was mir auch fast immer gelingt. Hier hätte das aber bedeutet, es am vorletzten Stand von Gummi bleiben lassen zu müssen. Vor Ort entschied ich mich, zuerst einmal die besagte 5b-Länge vom Gummi zu klettern. Es hätte ja ein vergnüglich-gemütlicher Abschluss sein können. Aber weit gefehlt: richtig geklettert wird nur an der 3m-Wandstufe zu Beginn. Achtung, der Mammut-Longlife-BH, der die Crux absichert, lässt sich zur Hälfte rausziehen und ist keine zuverlässige Sicherung! Unmittelbar danach erreicht man dann den zwar einfachen, aber etwas brüchigen Grat, welcher die Wand links/oben begrenzt. Hier steckt kein fixes Material mehr. Einige Cam-Möglichkeiten zwischen mässig solide verankerten Blöcken gibt es wohl - so richtig zuverlässige, zu 100% sichere Placements aber eher nicht. Kurzum, diese Gummi-Länge ist sowohl im Vor- wie im Nachstieg schlecht gesichert (der/dem Zweiten droht ein gefährlicher Riesenpendler nach Aushängen des BH!!!), unlohnend und einfach keine gefreute Sache. So fiel die Entscheidung leicht: wir machen eine eigene, letzte Länge, welche direkt durch die kompakte Wand zum Top führt - ein ideales und logisches Schlussbouquet für die Extrameile.

Die ersten Sonnenstrahlen streicheln uns hier um 15.51 Uhr, während es zum Start in L6 (6c) nochmals Gas geben heisst.

Diese (L6, 6c) startet gleich mit einer richtig zapfigen Stelle über den Überhang rechts hinauf. Die Abschlusswand bietet nochmals kräftige Kletterei und das Platzieren der BH forderte die letzten Reserven in der Unterarmmuskulatur. Nachdem ich das Top erreicht hatte, nahm ich aber doch gerne die Extrameile auf mich, um noch einen Rotpunkt-Go zu geniessen. Es war noch nicht ganz die letzte Aktion bei diesem Projekt: nach alpiner Tradition gehört auch der Aufstieg zum Gipfel dazu, um die Begehung dort im Buch einzutragen. Schliesslich stand uns noch eine Operation in der letzten Länge bevor: ein labiles Pfeilerlein befand sich zu nahe an der Linie, um es guten Gewissens stehen lassen zu können. Es war niemand im Sektor zugegen, so konnten wir es Stück für Stück abtragen und in die Tiefe befördern. Dann war es Zeit, denselben Weg wie die Steine zu nehmen (jedoch lieber etwas langsamer). Drei effiziente Abseilmanöver später waren wir zurück am Wandfuss. Beim langen Rückweg blieben wir dieses Mal trocken und waren höchst beglückt vom erfolgreichen Abschluss unseres Projekts - einfach eine geniale Sache!

Der Gipfel ist erreicht und das Projekt damit erfolgreich abgeschlossen!

Zustieg

Ist man einmal auf der Roslenalp, so folgt man noch ca. 100m dem Weg Richtung Mutschensattel, quert dann auf Pfadspuren Richtung Talsohle und steigt von dort auf deutlichem, in der LK verzeichnetem Pfad hinauf bis zur Felswand unter der Scharte zwischen den Kreuzbergen III/IV. Nun linkshaltend auf deutlicher Spur etwas absteigend der Wand entlang. Kurz vor dem Einstieg, der sich in Mitte der breiten Wand rechts der markanten Schlucht befindet, wartet eine kurze Kraxelstelle. Jenseitig gibt's einen bequemen Platz, um sich auf die Kletterei vorzubereiten (CH LV95: 2'749'881.88, 1'234'144.27, WGS84: 47.241202, 9.418401, Höhe: 1880m, Kartenlink). Die Kletterei startet am Stand von Gummi mit 2 BH, wir haben die Routen bei der Erstbegehung im 2026 mit Farbe angeschrieben. 

Doch wie kommt man zur Roslenalp? Dazu stehen mehrere Möglichkeiten zur Verfügung, die je nach persönlichem Gusto und Anfahrtsrichtung unterschiedlich attraktiv sein können. 

1) Von Brülisau (bzw. Parkplatz Pfannenstiel, ca. 940m, Gebühr 1 CHF/h) via Brüeltobel, Bollenwees und Saxer Lücke wartet viel Distanz und netto gut 1000hm bis zum Einstieg. Dafür kann man auf gute, bequeme Fahrstrassen bzw. Wege zählen, die morgens grösstenteils im Schatten liegen. Vergleichsweise wenig anstrengend, zudem ist es eine malerische Gegend zum Wandern. Unser Zeitbedarf zum Einstieg war ca. 2:15-2:30h.

2) Vom Parkplatz Nasseel oberhalb von Sax im Rheintal (P.814) via den markierten Wanderweg. Hier ist die Distanz viel kürzer, die rund 1100hm sind aber steil, zudem heizt da auch die Morgensonne schon richtig stark ein. Der Zeitbedarf hängt stark davon ab, wie effizient man die Höhenmeter frisst. Diejenigen mit dem grossen Appetit können sicher in 1:30-1:45h am Einstieg stehen. Wer es gemütlicher nimmt, um noch Kraft zum Klettern zu haben, braucht wohl ähnlich lang wie von Brülisau.

3) Die bequemste Variante ist die Nutzung der Stauberenbahn ab Frümsen im Rheintal. Von deren Bergstation verbleiben rund 1:15h Gehzeit und mit etwas Auf und Ab netto 350 Höhenmeter bis zum Einstieg. Auf dem Rückweg sind es nochmals ca. 250hm Aufstieg und gut 1:00h Gehzeit. Sicherlich der kleinste physische Aufwand, nimmt man Bahnfahrt und allfällige Wartezeiten hinzu, ist man u.U. nicht viel schneller als mit den anderen Optionen.

4) Für E-Biker ist der Zugang von SW aus dem Toggenburg eine Alternative (im Kanton Appenzell, d.h. ab Brülisau ist striktes Bike-Fahrverbot!). Bis hinter die Teselalp (ca. 1450m) kann man gut und legal fahren. Es folgt dann ein ziemlicher Hatscher zum Mutschensattel (2069m), rückseitig vernichtet man wieder rund 170hm, welche auf dem Rückweg nochmals erklommen werden müssen. Netto sind es auf dem Hinweg rund 700hm Aufstieg, damals bei der Begehung der Grauen Eminenz am Kreuzberg IV brauchten wir 1:55h ab dem Parkplatz in Wildhaus zu deren Einstieg (inkl. der Bikestrecke).

Hier geht's los - egal ob die Farbe schon verblichen ist oder nicht ;-)

Routenbeschreibung

Kreuzberg III - Extrameile 6c (6b obl.) - 6 SL, 150m - M. Dettling & G. Arnold, 14.8.2026
Material: 1x40m oder 2x50m-Seile, 10 Express, Cams/Keile nicht nötig und kaum einsetzbar

L1, 25m, 5c: Los geht's ca. 3m links vom 2-BH-Einstiegsstand von Gummi (im 2026 angeschrieben). Während die klassischen Linien links und rechts im gschüderigen Gelände in den Rinnen verlaufen, konnten wir über sauberen Fels mit durchaus interessanten Moves auf den gelben Turm klettern. Ist dieser erklommen, geht's auf dem grasigen Band nach rechts.

Perspektive vom Einstieg auf L1 (5c) und die Wand.

L2, 35m, 6c: Hier startet das Main Business! Gleich steil, aber dafür gut (seit)griffig geht's aus dem Stand raus. Der Puls beschleunigt sich bestimmt bald einmal, spätestens beim dritten Haken, wo man planen muss, wie man von links nach rechts kommt. Die ansteigende Rechtstraverse danach löst sich schön auf, dann aber folgt die Crux. Crimpy und knifflig zugleich zurück nach links, und nur die Füsse nicht aus den Augen verlieren! Schliesslich folgt steile Ausdauerkletterei einer Rissspur entlang, bis man auf dem Pfeilerkopf rasten kann. Zum Dessert folgt noch einfachere Kletterei zum Stand auf dem Turm - geniale Sache!

Kräftige Wandkletterei an guten Griffen in L2 (6c).

L3, 20m, 6b+: Durch ein tolles Wandstück gleich oberhalb vom Stand führt dieser Abschnitt. Der Fels ist toll mit Schlitzen, Löchern und Schuppen strukturiert. Wer es gut plant und die richtige Sequenz liest, kommt erst noch recht kommod durch - das Finish mit dem Ausstieg in einfacheres Gelände ist hier nach unserem Empfinden die Crux. Nach kurzer Rechtsquerung folgt sogleich der Stand.

Guido folgt in der relativ kurzen, aber dafür tollen L3 (6b+).

L4, 30m, 6c: Nein, den Weg zum ersten Haken habe ich nicht direkt bewältigt - möglich wäre es vielleicht, aber es ist definitiv nicht die einfachste Lösung! Dann folgt eine spannende Wand: Untergriffe und eine Rissspur ermöglichen den Fortschritt und genau da, wo es sie beim Ausstieg braucht, kommen wieder ein paar Crimpy-Schüppli, geniale Sache! Kurz etwas einfacher zu einer Wandstelle von feingriffiger Balancy-Natur. Ein Dächli wird an Seitgriffen gemeistert, gute Griffe leiten in die Wand - doch das Finish vom letzten BH zum Stand erfordert nochmals den Blick für die Optimallösung (mehr sei hier nicht verraten...).

Auch in L4 (6c) wartet lotrechte Wandkletterei in kompaktem, toll strukturiertem Fels.

L5, 20m, 6b+: Schlussendlich haben wir diese Länge wieder einen Tick einfacher eingestuft. Doch das gilt selbstverständlich nur, wenn man die Optimallinie findet. Sie verläuft durchaus etwas im Slalom zwischen den Bolts hindurch. Schüppli und kleine Crimps gibt's mancherlei, aber sie effizient in eine Sequenz zu reihen, das ist genau die freudvolle Kunst, die man hier praktizieren kann. Die letzten Meter dann einfacher hinauf zum Stand mit der Wandbuchdose. Zur Zeit der Erschliessung war sie leer. Wir haben wieder ein Büchlein und einen Stift hinterlassen, so dass man sich eintragen kann.

Ähnlichen Charakter hat auch L5 (6b+) - die hier abgebildete Passage über den letzten BH ist dann etwas einfacher.

L6, 20m, 6c: Es geht gleich mit einer kräftigen Boulderstelle über den Überhang hinweg los. Hopp und zack, so geht das (für mich) - ich hoffe, wir haben mit dem vorgeschlagenen Grad nicht zu tief gestapelt. Einmal etabliert, geht's nicht mehr ganz so kräftig an einer Rissspur vorwärts. Wobei man sich doch noch Bewegen muss, geschenkt ist das nicht. Erst auf der Zielgerade mit der finalen Rechtsquerung lassen die Schwierigkeiten dann nach.

Guido in L6 (6c), kurz vor dem Einbiegen auf die Zielgerade (das Diagonalband zum Top).

Abstieg

Vom Top der Route kann man sowohl am Seil in die Tiefe gleiten wie auch zu Fuss absteigen. Das Abseilen braucht 2x50m-Seile und geht hier ob der steilen, absatzlosen Wand bequem und zügig. Man nutzt entweder die Standplätze der Route (Top -> 4 -> 2 -> Einstieg). Achtung, die letzte Strecke beträgt volle 50m, mehr sind es aber nicht. Alternativ kann man auch über Gummi abseilen, es sind ebenfalls 3 Strecken von je 40-50m Länge. Siehe Topo für die Lage der problemlos aufzufindenden Standplätze. 

Für den Fussabstieg sollte man die Zustiegsschuhe mitführen. Ebenso legt man sein Depot dann am besten unter der Scharte III/IV und nicht am Einstieg an. Vom Top der Route kurz über ein steiles Wiesenbord hinauf zum Vorgipfel, rückseitig ca. 15m über den Grat Richtung N absteigen. Dann rechts die enge Rinne hinunter. Die schwierigste Stelle (II-III) folgt gleich zu Beginn. Vom Ende der Rinne rechts kurz in die Scharte III/IV aufsteigen und dann NW-seitig steil aber gut gestuft hinunter. Wer das nötige Selbstvertrauen hat und auf eine Rückzugsmöglichkeit aus der Route verzichtet, kann sein Gepäck bei dieser Variante auf ein 1x40m-Seil reduzieren.

Blick vom Gipfel der KIII zurück zu Guido, welcher sich am Ausstieg der Route befindet. Das Bild ist als Referenz für den Fussabstieg hilfreich. Vom Routenende hinauf zum Vorgipfel, zum Fotografen hin über den Grat runter, dann rechts abdrehen und durch die im Bild erahnbaren Rinne zwischen den beiden Felsriffen hinunter.

Charakter, Absicherung und Topo

Die Route verläuft anhaltend in steilem Gelände und bietet erstaunlich homogene Schwierigkeiten in üppig strukturiertem, griffigem und kletterfreundlichem Fels von toller Qualität. Da leichte Abschnitte und Übergangspassagen gänzlich fehlen, kann man sich trotz nur 6 Seillängen und 150 Klettermetern eine gute Weile beschäftigen. Die Route ist mit 36 rostfreien Zwischen-BH tiptop auf Niveau xxxx abgesichert, nach meinem Empfinden kann man bei Beherrschung einer dynamischen Sicherungstechnik bedenkenlos am Limit klettern. Geklettert werden muss aber: es gibt auch schwierige Stellen zwischen den Haken, ein 6c-Onsight-Niveau in der Halle und/oder in gängigen Klettergärten ist für den Vorstieg sicher empfehlenswert. Man bedenke: hier in der Extrameile muss man eher mehr (wie dort) investieren, um die beste Sequenz zu finden. Mobile Sicherungen kann man kaum und nicht gewinnbringend platzieren, d.h. die Mitnahme von Cams und oder Keilen scheint mir obsolet. 

Dafür, dass der Mann um 4 Uhr aufgestanden ist und sich auf der Extrameile befindet, sieht er eigentlich noch recht frisch aus ☺️

Die NW-Ausrichtung erlaubt auch im Hochsommer ein Klettern im Schatten bis mindestens 15.30 Uhr (bei der Erstbegehung Mitte August sogar bis kurz vor 16 Uhr). Dank der kompakten Wandkletterei trocknet die Extrameile nach Regen zügig ab. Wir sprechen hier aber von einer Nordwand auf 2000m Höhe, ideale Verhältnisse trifft man insbesondere bei sommerlich-trockenem Wetter an. Früh in der Saison kann sich im Kar der Roslenalp, unter den Wänden und auch in der Abstiegsrinne lange der Schnee halten, ebenso kann dieser die Zustiege zur Roslenalp (v.a. via Mutschensattel sowie den Direktweg von Nasseel zur Roslenalp) beeinträchtigen und allenfalls alpine Ausrüstung benötigen. Eine vollständige Übersicht zum Gebiet und den weiteren Routen an der Wand gibt's im SAC-Kletterführer Alpstein von Werner Küng (2025), die Highlights sind auch im Plaisir Ost von Sandro von Känel (2026) vertreten. Zum Schluss kommt hier nun das Topo (Download als JPG oder PDF) und es gibt noch zwei Dinge zu sagen: 1) vielen herzlichen Dank Guido für deine Mitarbeit bei diesem Projekt und 2) habt viel Spass!

Unser Topo zur Route (Download als JPG oder PDF) - habt viel Spass!

Links

"Nicht Grösse und Höhe haben den Kreuzbergen den Ruf als schönstes Klettergebiet der Alpen eingetragen, wohl aber die seltene, wilde Schönheit der Formen, hervorragender Fels und erlesene Schwierigkeiten". So lautet der Einstiegssatz im Artikel "Kreuzberge - ein Jahrhundert Klettergeschichte" von This Isler und Meinrad Gschwend, der anno 1994 im SAC-Jahrbuch erschienen ist. Formuliert wurde der Ausspruch aber schon in einem früheren Artikel aus dem Jahr 1943 von Paul Schafflützel, seines Zeichens Erstbegeher der Route durch die Schlucht gleich links der Extrameile. Jedenfalls: dieser Beitrag zur Erschliessungsgeschichte ist sehr lesenswert. Eine maschinendigitalisierte Version (mit einigen Transkribierungsfehlern, ohne Fotos ist hier jedermann zugänglich. Wer wie alle Mitglieder über ein SAC-Konto verfügt, liest besser im eingescannten PDF (Login erforderlich!) des Jahrbuchs auf S.26.

Montag, 22. Juni 2026

Bockmattli - Chronos (6b, 5 SL, Erstbegehung)

Mit dem nahenden zweiten Geburtstag unserer Route Kairos in der Nordwand vom Namenlosen Turm im Bockmattli 2 Jahre alt wurde es Zeit, Familienplanung zu betreiben, sprich über ein Geschwister nachzudenken. Mein Besuch am Kleinen Turm im Mai mit bestem Blick auf die bereits früher erspähte Möglichkeit intensivierte diesen Kinderwunsch markant. Als ich Guido über meine Pläne orientierte, so wollte er diesen Plan "auf keinen Fall verhüten", so war die Sache geritzt und es waren dieselben Eltern bei der Entstehung beteiligt. Was dabei herauskam: ein Geschwister, das seine Familienzugehörigkeit auf keinen Fall leugnen kann, aber trotzdem ein Unikat ist und seinen ganz eigenen Charakter hat.

Unterwegs zum Bockmattli - immer ein erhabenes Gefühl, diesem Gebirge näher zu kommen!

Erschliessung

Dem trockenen Wetter im Frühling und Vorsommer 2026 sei Dank mussten wir uns bei Chronos nicht so lange der Enthaltsamkeit verpflichten wie bei Kairos. Nach dem Entschluss zur Familienvergrösserung schickte der Winter zwar nochmals einen Gruss, doch nachdem ich diesen am Klausen gebührend verabschiedet hatte, war es zwei Wochen später am 29. Mai 2026 soweit. Kairos hatten wir in einem einzigen, langen Tag komplett erschaffen können. Somit schien es attraktiv, diese Genesis auch bei Chronos anzustreben. Doch bei jeder Geburt gibt es Überraschungen und Unabwägbarkeiten. Immerhin war uns ein stabiler Tag mit sehr angenehmen Bedingungen und langem Tageslicht sicher. Die Frage war also, wie weit Akkukapazität, Hakenvorrat und unsere Energie reichen würden.

Mit grosser Freude an der Arbeit. Hier wird der zweite Standhaken in L2 gesetzt.

Um 9.30 Uhr wurde der Bohrer das erste Mal in Betrieb gesetzt. Hernach kamen wir zügig voran: was in L1 mit einigen Metern Horizont glatt aussah, offerierte dort wo nötig Löcher und Leisten. Die Sanduhrbrücke in L2 liess sich elegant überschreiten und es fand sich an idealer Stelle ein Halt. In L3 gilt es nämlich durch eine Art Geheimgang nach backstage zu kommen. Sprich, mit einer Querung durch einen schluchtartigen Kamin die weiter rechts hinten liegende Wand zu erreichen. Diese ist von einer markanten, diagonal verlaufenden Fuge durchzogen und erlaubte uns - wie erhofft - durch glattes, sehr luftiges und kompaktes Gelände voranzuschreiten. Sodann war es nur noch eine Seillänge bis zum bequemen Band unter der Gipfelplatte. Es blieben noch ausreichend viele Bolts im Haulbag und Wattstunden im Akku. So war auch das letzte Teilstück bald erledigt und wir konnten noch vor 18.00 Uhr zum Handshake auf dem Gipfel ansetzen. In 8:30h war das nun absolut keine Zangengeburt, sondern es war wie am Schnürchen gelaufen. Was im Angesicht unserer gleichartigen Erfahrungen bei der Kairos schon fast wie eine Selbstverständlichkeit scheint, ist es absolut ganz und gar nicht: es waren doch 43 Bohrhaken zu setzen und ganz viele Kletterstellen zu lösen!

Blick auf den Start und das Wandbuch, welches am Stand nach L4 platziert ist - es freut sich auf deinen Eintrag. Zu den Kletterfinken ist noch zu sagen: unwahrscheinlich, dass ER sich einmal auf diese Route begeben wird. Aber so war er doch immerhin auch einmal dabei. Allerdings ist die Verwendung dieses Schuhwerks eher ein Zeugnis für mein Kletterfinken-Missmanagement. Alles so durchgeklettert, ohne sich rechtzeitig um Alternativen zu kümmern, dass nur noch diese Indoor-Treter als bequeme Möglichkeit für diesen warmen Tag blieben.

Drei Wochen später konnten wir dann zum Genussprogramm mit der Rotpunktbegehung schreiten. Etwas unverhofft liess sich auch noch eine Gotte für Chronos finden. Im realen Leben ist sie durchaus meine Frau, aber in diesem Fall gehört ihr im Familienstammbaum nur dieser sekundäre Platz. Da mit leichtem Gepäck und grosszügigem Zeitbudget unterwegs, wollten wir Chronos so klettern, dass es richtig viel Klettergenuss gibt. Nämlich mit einem Link-Up einer Tour, welche zur Westschulter des Kleinen Bockmattliturms führt. Die logische und schwierigkeitsmässig am besten passende Wahl ist das Echo der Zeit, von dessen Top es nur ein Katzensprung an den Einstieg ist. Seit dessen Eröffnung im 2012 hatte ich das Echo nie mehr komplett geklettert - und konnte es mit den durch diese lange Zeit begründeten Erinnerungslücken nun fast mit der Wahrnehmung eines "normalen Wiederholers" klettern. Hui, der Auftakt in L1 ist ganz schön sec und die 6a-Bewertung wohl ein gehöriger Sandbag, 6a+ oder sogar 6b wohl passender. Da fiel mir die schon in den 1980ern mit 6b bewertete L4 (ehemals Gilgen an Galgen) doch eher einfacher - aber was für eine fantastische Turnerei an tollem Fels sie ist. Am Piazriss von L5 war ich gefordert: da muss doch kurz mal ordentlich zugepackt werden und die ehemals vergebene 6b hat sich das heute im Plaisir vergebene Plus ganz sicher verdient. Nach einer weiteren Henkelparade (L6, 6a) waren wir auf der Westschulter und wenige Minuten später am Start von Chronos.

Gleich am Anfang vom Echo der Zeit geht's zur Sache. L1 ist offiziell 6a, aber die 6b passt wohl besser.

Die Crux von Echo der Zeit (L5, 6b+), ein kräftiger Piaz, wo man sich festhalten muss!

Ob meinen vielen Zeilen zum Echo der Zeit könnte man nun meinen, dass der Hauptevent schon vorbei gewesen wäre. Insbesondere, weil er in diesem Paragrafen mit gar nicht ganz so vielen Zeilen gewürdigt wird. Aber die Detailbeschreibung der Seillängen kommt halt erst weiter unten. Jedenfalls, mit grossem Genuss erkletterten wir die neuen Seillängen der Chronos und erfreuten uns ab unserer "Produktion". In der zweiten Seillänge holte uns schliesslich die Sonne ein und sorgte für warme, aber immer noch erträgliche Bedingungen. So genossen wir als Highlight die 50m lange Crux-Sektion, welche sehr viel Abwechslung und anhaltend fordernde Kletterei bietet - da erlebt man auf einer einzigen Länge mindestens gleich viel, wie in einer ganzen Session in der Kletterhalle ;-) Mit durchaus durstigen Kehlen erreichten wir ein wenig später den Gipfel - alle 3 mit einer lupenreinen Begehung. Was für ein grandioser Tag und welch ein tolles Erlebnis - herzlichen Dank Kathrin und ganz insbesondere Guido für den Support und die Mitarbeit bei diesem Projekt.

Dass Routenanschreiben so trizepsintensiv ist, habe ich nicht gewusst 🤪

Zustieg

Vom Wägitalersee entweder zu Fuss oder bequemer und zeitsparend per Bike zur Schwarzenegg. Ein markierter Wanderweg führt weiter zur am Wochenende bewarteten Kletterhütte Bockmattli. Von dieser kurz durch die Gross Chälen hinauf, bis in der fünften Kehre nach dem Wegweiser ein deutlicher Pfad nach links in die Kleine Chälen abzweigt. An deren Fuss gute Depotmöglichkeit, dann ~10 Minuten auf guten Trittspuren durch die Rinne hinauf bis zum Punkt, wo die Spur von der Westschulter des Kleinen Turms von links her einmündet. Nach einer kurzen Traverse von 20m nach rechts befindet man sich auf dem bequemen Einstiegsband. Links am Fuss einer Verschneidung startet Meriba (5c+), die mit Fixé-Laschen mit Bächli-Imprint ausgerüstet ist. Zehn Meter rechts davon ist der Einstieg von Kairos (Austrialpin-Plättli), gekennzeichnet durch 2 SU-Schlingen und einem eingemeisselten 'K'. Wer weitere 5m nach rechts schreitet, findet 1 SU-Schlinge und den (Stand 2026) angeschriebenen Einstieg von Chronos (Koordinaten CH LV95 2'715'010/1'217'660 bzw. WGS84 47.09993, 8.95372, Höhe 1660m). Gehzeit vom See zu Fuss ca. 75-90 Minuten (750hm), mit Bike ca. 30 Minuten schneller.

Wie viele Prozent der Leistung kommen aus den (welchen) Beinen und wie viele vom Motor?

Und wenn wir schon beim Zustieg sind: Kairos lässt sich ideal mit allen Routen kombinieren, welche auf der Westschulter des Kleinen Bockmattliturms enden (u.a. Echo der Zeit, Element of Slime, Skyrace und Prachtsexemplar). Insbesondere zum Echo der Zeit ist es schwierigkeitsmässig die perfekte Ergänzung. Von dessen Ausstieg an der Westschulter erreicht man in nur 2 Minuten den Einstieg von Chronos (oder Kairos) und kann gleich wieder loslegen, es ist ein absolut logisches Enchainement.

Der Blick vom Kletterhüttli auf das von uns gekletterte Enchainement von Echo der Zeit und Chronos.

Routenbeschreibung

Bockmattli / Namenloser Turm - Chronos 6b (6a+ obl.) - 5 SL, 185m - M. Dettling & G. Arnold 2026
Material: 50m-Seil, 12 Express, Cams 0.3-2 und/oder Keile einsetzbar, aber nicht zwingend nötig

L1, 30m, 6a: Ein sehr griffiger Auftakt an Henkeln und Schlitzen führt über den ersten Bauch hinweg. Im nun eigentlich flacheren Gelände, muss die Beta für die nächste Sequenz jedoch sorgfältig analysiert werden. Es gibt aber eine gute Lösung und so klettert man bald an Leisten und Löchern dem Himmel entgegen. Was man als schwierig vermuten könnte, löst sich stets sehr gut auf. Kurz vor Schluss erreicht man eine Rinne, der BH befindet sich am Grat links, etwas links ausholend erreicht man den bequemen Stand.

Das ist der griffige Auftakt in L1 (6a). Es war gegen 13 Uhr, der Schatten wurde schon fast knapp.

L2, 45m, 6a: Diese Seillänge ist geprägt von einer riesigen Sanduhr. Oft gleichen die von uns Kletterern so benannten Strukturen den tatsächlichen Zeitmessern ja nur sehr entfernt - nicht so hier, insbesondere wenn man vom Kleinen Turm hinüberguckt! Die ersten Meter bis dahin sind gemütlich, doch mit dem Überschreiten der Brücke geht die Crux los und sie erfordert etwas Zupacken. Dies geschafft, überschreitet man eine Kante (BH an dieser bevorzugt lang einhängen!) und klettert jenseits in gängigem Gelände knapp links des Grates noch 25m weiter bis zum Stand.

Am Einrichten von L2 (6a), die Stelle mit der Sanduhrbrücke wurde eben überschritten.

L3, 50m, 6b: Wie schon angekündigt, diese Seillänge bildet das Herzstück der Route. Erst heisst es Abklettern, auf einem diagonal verlaufenden Band steigt man zum schluchtartigen Kamin ab (ca. 5b). Für den/die Seilzweiten kann ein zu Beginn gesetzter Cam 0.75 beruhigend sein, zwingend ist er nicht. Die Schlucht wird dann mittels einem Überfall und Spreizschritt gleich überwunden, ohne darin zu klettern. Jenseits ermöglicht stark vom Wasser zerfressener Fels überhaupt nur die Passage. Nun geht's durch die Plattenwand diagonal in die Höhe. Erst noch gut machbar, fordert später eine plattige Stelle. Ein paar Reibungstritte und Thank-God-Pockets machen es jedoch im 6b-Rahmen möglich. Das Schlussbouquet sind dann die luftig-anhaltenden 20m entlang der Diagonalfuge. Da müssen viele Register der Klettertechnik gezogen werden und it ain't over till it's over!

In L3 (6b) wird zuerst abwärts geklettert, bevor es an zerfressenem Fels wieder hinauf geht...

Das Finish von L3 (6b) entlang der Diagonalfuge in kompaktem Gelände in luftiger Position.

L4, 35m, 5c+: Auf den ersten Blick vermutet man hier zügig abspulbares Gelände, sieht der Fels doch reichlich strukturiert aus. Das manifestiert sich beim Klettern aber nicht so ganz wie gedacht. Da ist man doch immer am Griffe suchen und ohne etwas Einsatz geht es vorerst nicht. Schliesslich steigt man auf eine grasige Schulter aus, geht rechts an einem Turm vorbei (an diesem steckt ein BH, welcher leicht zu übersehen ist!), bevor es übers Grasband gerade voraus zum Stand mit Wandbuch (in kleiner Höhle direkt unterhalb der Haken) geht.

Dieser Stunt am Ende von L4 (5c+) ist fakultativ, aber für das Foto hat er sich definitiv gelohnt!

L5, 25m, 5c+: Der Gipfel ist schon nahe, aber dieses Dessert lässt man sich ganz sicher nicht entgehen. Vor langer Zeit muss an dieser Stelle das Gestein abgerutscht sein. Hervorgekommen ist eine vom Wasser bearbeitete und stark strukturierte, fast korallenähnliche Wand. Nach 15m hat man dieses Stück bewältigt, ein Dächli wird an Henkeln überwunden. Diese finden sich auch auf der Zielgeraden, bevor man direkt zum Top vom Namenlosen Turm aussteigt (Stand an Muniring und BH etwas zurückversetzt).

Die letzten Moves in L5 (5c+). Die Getränkebestellung kann man schon zur Kletterhütte rufen...

Abstieg

Von Namenlosen Turm gibt es zwei ideale, zügige und unkomplizierte Fussabstiege. Dazu vom Gipfel 100m ostwärts auf gut sichtbarer Wegspur der Krete entlang bzw. leicht nordseitig unterhalb gehen bis zu einem kleinen Sattel. Nun entweder a) nach rechts auf einem Weg in die Gross Chälen absteigen, was in 20 Minuten zur Kletterhütte Bockmattli führt. Alternativ b) vom Sattel nach links weglos über die wenig steile Grasflanke absteigen. Diese führt einen (zuletzt über eine kurze Stufe) zur Kleinen Turmscharte am oberen Ende der Kleinen Chäle. Dann durch diese auf Trittspuren hinunter zurück zur Kletterhütte. Der Zeitbedarf dafür ist etwas länger, dafür kommt man nochmals am Einstieg vorbei. Ein Abseilen vom Gipfel ist hingegen nicht möglich und sinnvoll. 

Auf dem Abstieg in die Gross Chälen, Doppelspur mit Überholmöglichkeit ;-)

Rückzugsmöglichkeiten

Von Stand 1 kann man problemlos abseilen, auch von Stand 2 steht diese Option mit etwas Umsicht offen. Von Stand 3 hingegen wird es umständlich: gerade hinunter kommt man ins Niemandsland, dementsprechend muss man sich diagonal "zurückarbeiten", was nicht ohne Aufwand und allenfalls Materialverlust geht. Als Aufmunterung: von Stand 3 ist es nicht mehr sehr weit zum Gipfel. Bei Zeitnot oder Wetterumschwung kann man ab Stand 4 mit gross ausholendem Rechtsumweg über die letzte Länge der Namenlosen Kante (2a) den Gipfel noch zügiger erreichen.

Ich hoffe, es können alle ihre Tour so zufrieden und bei besten Verhältnissen beenden, wie das hier bei mir am Ende des langen Bohrtages der Fall war. Das war definitiv wieder ein Tag für das persönliche Geschichtsbuch!

Material, Absicherung & Topo

Die Route ist mit total 45 rostfreien Bohrhaken (die 2 auf dem Gipfel sind ausgeliehen ;-)) gut abgesichert. Das ist exakt 1 Exemplar weniger als in der Kairos. Somit vergrössert sich nach Adam Riese die mittlere Distanz zwischen den Haken von 4.02m auf 4.11m. Natürlich, diese Mathematik ist blosse Spielerei (und berücksichtigt auch nicht die Doppelhaken an den Standplätzen). Sie signalisiert aber doch, dass zwischen den Sicherungspunkten geklettert werden muss. Insbesondere in der diagonal verlaufenden Cruxlänge von Chronos hilft die Strategie A0 nur sehr beschränkt weiter. Ob deren Natur mit Abklettern, zwingendem Spreizschritt und anhaltender Traverse sollte auch die Person am hinteren Seilende einer 6b vernünftig gewachsen sein. Und eben, einfach Ablassen und Heimgehen geht da auch nicht so prickelnd. Alles in allem würde ich sagen, dass Chronos trotz gleichen Freikletter-Graden, nahezu gleich vielen Bolts und vergleichbarem Charakter schon einen Tick anspruchsvoller wie Kairos ist. Sprich, wer zweifelt und hadert, probiert besser zuerst Kairos.

Gut kalkuliert ist halb geklettert - wir wünschen euch viel Spass!

Dank der guten Grundabsicherung mit strategisch platzierten BH ist die Route für mich ohne mobile Sicherungen machbar. Sicherlich sind an diversen Stellen SU-Schlingen, Cams (0.3-2) und/oder Keile für zusätzliche mobile Sicherungen einsetzbar - je nach Können vielleicht eine prüfenswerte Option! Ein paar weitere Planungsgrundlagen: die NW-seitig ausgerichtete Route liegt bis am frühen Nachmittag im Schatten, hat grob von Mai-Oktober Saison und trocknet dank der Wandkletterei über kompakte Wandzonen (für Bockmattli-Verhältnisse) zügig ab. Generell macht's (mir) am Bockli aber am meisten Spass, wenn's so richtig trocken ist und nicht aus jeder Ritze die Feuchtigkeit drückt. Als vorletzter Punkt darf die Namenswahl erklärt werden: während Kairos den günstigen Moment beschreibt, so steht Chronos für die vergehende Zeit und deren Planung. Zusammen mit der grossen Sanduhr in L2 als Symbol dafür gab es hier nur eine logische Wahl. Somit ist alles geklärt: es verbleibt mir wie immer nur, viel Spass zu wünschen! Hier gibt's das Topo als PDF, allez les amateurs! 

Das Topo von Chronos, es ist auch als PDF verfügbar.

Donnerstag, 26. März 2026

Trollfels News

Der Trollfels ist ein kleiner Klettergarten in unmittelbarer Nähe der Plattenwand, am Eingang zum Glarnerland. Er überzeugt mit einem kurzen Zustieg und ein paar spannenden Linien im siebten Franzosengrad in seiner Nordwand. Auf der Westseite gibt es einige einfachere Klettereien in schönem, sandsteinartigem Fels. Im 2025 und 2026 hat es nun einen Zuwachs an Routen gegeben, so dass nun statt 10 neu 12 bzw. 13 Möglichkeiten zur Verfügung stehen.

Toller, strukturierter, sandsteinartiger Lochfels. Diese Griffe nutzt man in der Bucolique (6b).

Kissing Arete (7b)

Diese Route verläuft unmittelbar rechts der Kante, welche die Nord- von der Westseite trennt. Sie bietet trickreiche, fingerkräftige, leicht überhängende Ausdauerkletterei mit homogener Schwierigkeit. Es stecken 6 BH, die Kletterlänge beträgt ungefähr 15m. Sicherlich eine gute Route zum Projektieren, wenn dies der persönliche Pay Grade ist.

Blank Space (8a) 

Das ist die Verlängerung der Kissing Arete, und die Route heisst nicht umsonst so. Kompromisslos senkrecht schiesst hier die strukturarme Platte in den Himmel, auf den ersten Blick unmöglich. Doch die rechte Hand findet zwei ~8mm-Crimps und mit der Linken an der sloprig-stumpfen Kante lässt sich Compression generieren. Das ist auch nötig, denn das Trittangebot ist mässig - und klippen muss man auch noch einmal. Schliesslich erhascht man etwas bessere Leisten am Ende der Kante und muss der Sache fast campusmässig entkommen. Insgesamt eine taffe Bouldersequenz.

Hier verläuft die Kissing Arete im Bereich rechts der Kante, dann über das kleine Dächli hinweg und links am Moos vorbei. Oben ist die äusserst kompakte Platte, eben der Blank Space gut zu erahnen. Diese Boulderstelle hebt den Grad von 7b für den unteren Teil auf 8a für die volle Linie.

Bucolique (6b)

Gereizt hat mich diese potenzielle Möglichkeit an der rechten Kante vom Trollfels sofort, eingerichtet habe ich die Route schliesslich während meinen Pausen zwischen den Versuchen in der Blank Space. Die Route startet mit wunderschönem, griffigem Lochfels, orientiert sich dann zur Kante, wo man sich gegen die offene Tür wehren muss und kulminiert mit der Crux im Ausstieg, wo man nicht die (Tritt-)Übersicht verlieren darf.

Ob hier drin der Troll daheim ist?!?

Topo

Der Trollfels ist im SAC-Kletterführer Glarnerland von Sämi Leuzinger und Thomas Wälti veröffentlicht und beschrieben. Unten das (nicht vollständige) Topo aus diesem Führer, dafür ergänzt um die neuen Möglichkeiten auf der Westseite.

Dank

Gebührt meinem Vater für die tatkräftige Unterstützung bei diesen Projekten. Merci vielmals Neni!

Freitag, 7. November 2025

Furka / Sunnig Berg - Via Matthias (6b+) & Kein Bockmist (6b+)

Noch nie war ich bisher am eleganten Winterstock im Furkagebiet geklettert, noch weniger am kaum bekannten Sunnig Berg, welcher sich unweit davon und im selben Kessel befindet. Viktor hatte im Sommer 2025 die Via Matthias saniert, wollte sein Werk nochmals überprüfen und machte mir so eine Begehung schmackhaft. Als zusätzliche Motivation lockten die Erstbegehung einer direkten Linie im oberen Teil der Route, sowie eine Verlängerung an Felstürmen oberhalb. Der Tag wurde ein voller Erfolg: lässige Semi-Trad-Kletterei in der Via Matthias, das Eröffnen von einem neuen, logischen Direkausstieg zu dieser und eine formidable 2-SL-Trad-Erstbegehung an einem Felsturm unweit vom Top der Via Matthias.

Wunderbar die Wand vom Sunnig Berg, durch welchen die Via Matthias verläuft.

Wir fuhren hinauf zum Furkapass bis Tiefenbach, nahmen da die taxpflichtige Strasse Richtung Tätsch und verfolgten diese bis zum Fahrverbot bei Gspenderboden P.2263, wo es 2-3 Parkplätze gibt. Diese waren frei, so liefen wir in sehr schönem Bergambiente ins Tal des Lochbergbachs, durch welches man in 50-60 Minuten den Einstieg erreicht. Dieser ist farblich markiert, zudem ist die gebogene Verschneidung von L1 sehr markant. Am bequemen Wandfuss bereiteten wir uns auf die Kletterei vor und legten um 10.50 Uhr schliesslich los - mit reichlich Cams am Gurt und dem Bohrzeug im Haulbag.

Tolles Bergambiente im einsamen Tal des Lochbergbachs.

Via Matthias mit Direktausstieg (7 SL, 6b+)

L1, 25m, 6b: Achtung, je einen BH gibt's hier nur am Anfang und am Ende, das ist nicht dort, wo die Kletterei am schwierigsten ist. Im zentralen Teil kann gut, aber nicht überall nach Belieben selbst abgesichert werden. Die Sache fühlt sich doch etwas committing an: die Seitenwände sind recht glatt, der Riss nicht immer super griffig und bei der Crux zusätzlich noch abdrängend. Das brachte mich jetzt nicht grad in Nöte, aber durchaus an den Rand meiner Komfortzone.

Sehr ästhetische Kletterei in L1 (6b), gerade in der persönlich als Crux der Route empfundenen Stelle.

L2, 20m, 6a+: Durch eine nach rechts offene Verschneidung gilt es sich in recht komplexer 3d-Manier in die Höhe zu schieben, eine spannende Sache. Dies ist selbst abzusichern, was jedoch nach meinem Gusto komfortabel möglich ist, es steht ein idealer Riss oberhalb der Verschneidung zur Verfügung. Das einfachere Finish dann eher wandartig und mit einem BH gesichert.

Die dettling'sche Tendenz zum Hinliegen beim Klettern scheint System zu haben (L2, 6a+).

L3, 20m, 6b+: Der Hauptact ist hier die powerig-athletische Stufe gleich zu Beginn, welche mit Schuppen, Leisten und Rissspuren aufwartet. Es stecken 2 BH, die Crux riegelt man jedoch dazwischen und sogar recht zwingend durch, gesichert von einem kleinen Cam. Nachher folgt dann gestuft-griffigeres Gelände mit tieferen Schwierigkeiten.

Nein, die kräftig-athletische Crux in L3 (6b+) geht weder im Schlaf noch im Liegen 😁

L4, 25m, 6b+: Die erste Hälfte der Seillänge ist die einfachere, die enge Verschneidung lässt man links liegen und klettert vorbei an einem BH durch die plattige Wand und später über einen Aufschwung zum Kernstück der Länge. Steil geht's erst neben und dann in der Verschneidung, zuletzt an den Henkel an der Kante links. Dieser Abschnitt ist sehr eng mit BH gesichert und ging mir leicht von der Hand (im Vergleich zu L1), er könnte aber etwas grössenabhängig sein. Zuletzt gibt's dann noch eine coole Stelle an einer Untergriffschuppe zum Stand.

Wer diesen Henkel in L4 (6b+) hat, der hat gut Lachen - der ist mehr als die halbe Miete hier.

L5, 25m, 6b+: Hier kommt die Crux gleich am Anfang. Bis zur Sanierung wurde sie A1 geklettert, d.h. nicht in freier Kletterei. Nachdem die dünnen Risse jedoch geputzt wurden, ist das gut machbar. Ein paar kräftige Züge auf Gegendruck bzw. mit Compression, dann ist es gegessen. Es stecken 2 BH, dazwischen legt man gerne noch einen kleinen Cam. Der obere Teil legt sich dann zurück, in gestuftem Gelände erreicht man den Stand auf der Rampe.

Die ehemalige A1-Stelle am Anfang von L5, dank geputztem Riss nun gut kletterbar (6b+).

L6, 50m, 6a+: Die Route verläuft hier plattig auf der etwas grasigen Rampe. An sich nicht schwierig (5b), ein paar Schritte sind aber doch nicht ganz easy und nebst den 2 BH legt man besser noch etwas dazu, wobei die super Placements nicht üppig sind. Die originale Route biegt beim prominent platzierten dritten BH dann um die Ecke nach rechts raus zu Stand, hier zweigt die Direktvariante ab, welche wir an diesem Tag eröffneten. Es geht links hinauf an Schuppen unterhalb von einer dachartigen gestuften Verschneidung. Erst griffig und gemütlich, am Ende wird die Struktur dann zu einer kaminartigen Schuppe, wo ein kurzer Squeeze wohl die beste Lösung ist, bevor man am Ende ausspreizen kann. Dieser neue Teil ist komplett mobil zu sichern (gut möglich), der Stand auf dem Band ist gebohrt.

Viktor bei der Erstbegehung des neuen Direktausstiegs (L6, 6a+). Die Originalroute der Via Matthias quert beim hellorangen Wandstück rechts um die Ecke herum und wurde bei der Sanierung im August ebenfalls mit BH ausgerüstet.

Etwas verklemmt am Ende des neuen Teilstücks in L6 (6a+).

L7, 35m, 5a: Grundsätzlich "der Nase nach", d.h. das gestufte einfache Gelände bietet wohl mehrere Optionen. Die für uns logischste Linie geht vom Stand nach rechts und dann hinauf, wo man auf den Schlussstand einer unbekannten Route trifft (diese verläuft unten rechts der Via Matthias und kreuzt sie wohl irgendwo im zweiten Teil des Quergangs von L6). Schliesslich erreicht man das Top mit seinem sehr bequemen Plateau.

Wer kann sachdienliche Hinweise hierzu liefern? Es ist der finale Stand der nirgendwo in der Literatur oder im Netz verzeichneten Route, welche rechts der Via Matthias verläuft. Wer hat ihn platziert und/oder kann mehr Infos zu dieser Route liefern? Oder weiss jemand zumindest, wer solche Standplätze produziert hat? Eventuell bringt uns das ja einen Schritt weiter.

Kurz vor 15.00 Uhr und damit nach knapp 4:00h der Kletterei mit zwei neu eröffneten Seillängen waren wir da. Wir hielten nur kurz inne und richteten den Blick gleich nach vorne. Viktor hatte mir schon lange von seinem Projekt "Vier gewinnt" geschwärmt - ein attraktiver Off-Width-Riss (wenn es so etwas überhaupt gibt 🤪) etwas zurückversetzt an einem Felsturm. Mit einer kurzen, grundsätzlich unschwierigen und gut auch in Kletterfinken machbaren Traverse in etwas schuttig-labilem Gelände gelangt man an dessen Fuss. 

Marcel unterwegs zum hinteren Felsturm mit dem markanten Offwidth.

Schon aus der Ferne und noch viel mehr aus der Nähe schien mir der angepeilte Shaft aber abschreckend, schwer absicherbar und auch sauschwierig. Mein Statement dazu: "Looks good, you can go first!". Mein erster Eindruck täuschte in keiner Hinsicht: die beiden mitgeführten 5er-Cams waren deutlich zu klein, somit war an mobile Sicherung nicht zu denken. Nach zähem Ringen und zwei gesetzten BH musste Viktor schliesslich das Handtuch werfen - die Zeit war schon fortgeschritten und es war im Schatten (zumindest beim Sichern) empfindlich kühl geworden. Trotzdem, das Risssystem links war einfach zu attraktiv, um es unversucht zu lassen und nach Hause zu gehen. Aus diesem Vorhaben wurde schliesslich...

Kein Bockmist (2 SL, 6b+, Trad, Erstbegehung)

Man könnte jetzt sagen, die Namensgebung komme daher, dass im Bereich zwischen der Via Matthias und dem oberen Felsturm eine erstaunliche Menge an Bockmist präsent war, den man dann auf der Route endlich wieder los war (offenbar nutzen Tiere dieses Gelände als Lagerplatz, nicht jedoch zum Zeitpunkt, wo wir dort waren). Die alternative Interpretation der Namensgebung überlasse ich jetzt gerne der Fantasie der Leser... Jedenfalls, ich machte mich auf den Weg und dieser entpuppte sich durchaus als eine Perle.

L1, 25m, 6b+: Gar nicht mal so einfach über die Einstiegsverschneidung hinauf, zur steilen Stufe mit dem markanten Riss rechts. Kurz an diesem hinauf, die sich verbreiternde Fortsetzung wäre evtl. auch kletterbar. Mir schien es jedoch günstiger, nach links in den eleganten Fingerriss abzubiegen. Immer dünner werdend und zuletzt in der Platte auslaufend war aber die Frage, ob ich mich da nicht in eine Sackgasse begeben hatte. Mit einigem Herzflattern arbeitete ich mich vorwärts, legte den 0.3er-Cam ins letzte Placement... und dann?!? Zwei beherzte Züge an sich genau an der richtigen Stelle befindlichen Leisten später war die Sache geritzt. Ich erreichte eine Nische, wo sich ein bequemer Stand anbot (mit 2 BH ausgerüstet).

Kurz vor Erreichen des Standplatzes in L1 (6b+).

L2, 30m, 6b: Der Blick nach oben zeigte es: die grossen und schweren Cams waren nicht vergebens mitgekommen. Der Start dieser zweiten Länge bietet auch wieder Optionen: links ein steiler und breiter  Jam-Riss (ca. Camalot 3 oder 4) oder rechts eine Layback-Verschneidung, wo an sehr breiten Rissen gesichert werden muss (Camalot 4 oder 5). Mit den grossen Gerätschaften am Gurt entschied ich mich für den Layback, der kommoder und einfacher wirkte. Es ist nicht so schwierig, mit etwas Courage kommt man vermutlich sogar mit nur einem Camalot 4 aus?!? So erreicht man einen Absatz, bei welchem man links um die Ecke biegt und über eine Steilstufe eine Schuppe erreicht. Dieser griffig entlang, als letzter Challenge wartet dann jedoch noch ein kniffliger Mantle auf die abschliessende Platte zum Stand, welcher ebenfalls mit 2 BH ausgerüstet ist. 

Im Ausstieg noch ein Platten-Mantle...

Um etwa 18.30 Uhr waren wir zwar noch nicht auf dem Gipfel des Felsturms, jedoch am logischen Routenende. Das eher blockig-labil aussehende Gelände zu dessen Top schien unlohnend. Während dem Erstbegehen der beiden Kein Bockmist-Längen waren meine schlotternden Glieder zum Glück wieder auf Betriebstemperatur gekommen. Doch trotzdem, es war Zeit, den Heimweg anzutreten, Viktors Offwidth-Projekt würde vielleicht irgendwann in der Zukunft seine Vollendung erfahren. Die beiden Längen am Turm lassen sich mit 2x50m-Seilen gerade in 1 Strecke bewältigen, vom Top der Via Matthias ist man in 4 weiteren Manövern zurück am Einstieg. Mit der nötigen Vorsicht konnten wir unsere Finken frei vom Bockmist halten, sie sorgenlos im Rucksack verstauen und frohen Mutes zum Parkplatz absteigen. Ein toller und auch abenteuerlicher Tag im Urner Granit war's gewesen, davon nehmen wir immer gerne mehr.

Facts

Sunnig Berg - Via Matthias 6b+ (6a+ obl.) - 7 SL, 200m - Fodor/Skinner 1988, saniert 2025 - ***;xxxx
Material: 2x50m-Seile, 10 Express, Cams 0.2-3, evtl. Keile und/oder Cams 0.2-0.5 zusätzlich

Spannende Semi-Trad-Kletterei in solidem Fels, der unten sehr sauber, oben dann etwas mehr mit Flechten bewachsen ist. Meistens klettert man entlang von Verschneidungen oder Schuppen, teilweise gibt es etwas Wandkletterei dazu, Jam-Risse kommen hingegen kaum vor. Die Route muss über einen substanziellen Teil der Strecke mobil abgesichert werden, was an den entsprechenden Stellen gut möglich ist. Wo die guten Placements fehlen, trifft man auf eine gute Absicherung mit Inox-BH. Dank den kurzen Seillängen kommen versierte Kletterer vermutlich mit einem Set Cams aus. Ein zweites Set bis zu den mittleren Grössen und/oder Keile bietet zusätzlichen Spielraum. Zu erwähnen ist noch: die Verschneidungen sind eigentlich alle nach rechts (Norden) offen, somit klettert man in dieser Ostwand relativ früh komplett im Schatten. Dadurch mit Einstieg auf 2500m eher ein Ziel für die warme Jahreszeit. Weitere Infos zur Route und zur Sanierung im 2025 findet man auf dem Blog von Viktor, hier geht's zum PDF-Download vom Topo.

Das Topo zur Via Matthias, (c) by Viktor.

Sunnig Berg - Kein Bockmist 6b+ (6b obl.) - 2 SL, 50m - M.Dettling/V.Wegmayr, 24.8.2025
Material: 2x50m-Seile, 10 Express (teils verlängerbar), Cams 0.2-5, evtl. lieber doppelt

Kurze Trad-Route, welche sich ideal als Ergänzung zur nicht überaus langen Via Matthias anbietet. Die Schwierigkeiten sind an sich nicht höher als dort, da aber ausser an den Standplätzen gar keine BH stecken, ist die Sache doch etwas fordernder und aufregender. Auf dem Programm stehen Risse aller Breiten von sehr dünn bis zur Offwidth-Breite. Der Fels ist an sich top und sehr solide mit tollen Splitter Cracks, teilweise jedoch mit Flechten bewachsen. Wer dem Gear vertraut und dementsprechend über die Sicherungen steigt, kann die Route wohl mit einem Set Cams klettern. Ein grosses Gerät (mindestens 4, besser 5) ist aber zwingend - und ein Doppelset von klein bis gross bietet sicherlich mehr Marge. Hier unten bzw. als PDF-Download das Topo zu dieser Route - wir wünschen viel Spass und freuen uns auf die ersten Wiederholer!

Das Topo zur Verlängerung mit dem Namen "Kein Bockmist".