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Donnerstag, 7. August 2014

Cima Scotoni - Lacedelli/Ghedina (7a oder 6+/A1)

Für das erste, und vermutlich gleich auch das letzte Mal unserer Dolomitenferien war richtig stabiles, gewitterfreies Wetter angekündigt. Da könnte man sich gut auf eine grössere Tour wagen, etwas richtig Abenteuerliches und Klassisches sollte es sein. Wegen den starken Niederschlägen in den Tagen zuvor schienen uns die (Zinnen-)Nordwände nicht wirklich das richtige Ziel zu sein, zudem wäre dafür auch die Temperatur an der unter(st)en Grenze gewesen. Somit war also eine südseitige Alternative gefragt. Die Marmolada vermuteten wir als noch zu nass, die Civetta war uns zu weit weg, somit war die logische Wahl durch die Cima Scotoni und ihre 600m hohe Südwestwand gegeben. Hier hatten einige Scoiattoli aus Cortina im Jahre 1952 einen klassisch-anspruchsvollen Weg gefunden, der zeitgenössisch als schwierigste Dolomiten-Route galt. Ebenso fand diese Route Aufnahme ins Walter Pauses‘ Werk „Im extremen Fels“.

Die SW-Wand der Cima Scotoni mit dem Verlauf der von uns gekletterten Route.
Das mit den Pause-Touren ist ja so eine Sache, die bei uns in der Schweiz vielen wohl gar nicht so richtig bekannt ist. Im oben erwähnten, heute vergriffenen Buch listete der Autor in den 1970er-Jahren hundert Kletterrouten quer durch den ganzen Alpenbogen, von der Dauphiné bis in die Dolomiten und den äussersten Osten auf. Dabei ist ein bisschen alles, vom kombinierten Nordwand-Abenteuer mit dem Crozpfeiler an den Grandes Jorasses, alpin-aussergewöhnlichem wie der Stockhorn-Bietschorn-Überschreitung, Schocker-Rockern wie der Niedermann/Abderhalden am Scheideggwetterhorn, vielen grossen, guten Felstouren wie z.B. dem Salbit Westgrat und der Cassin am Badile bis hin zu einfacheren und auch heute noch sehr beliebten Routen wie z.B. der Niedermann/Sieber an der Grauen Wand. Das Sammeln von sogenannten Pause-Touren ist bei uns kaum populär, ich kennen keinen einzigen Schweizer, der sich dieser Liste verschrieben hat. Anders sieht dies in Deutschland und Österreich aus. Sicherlich ist es auch dort nicht gerade Volkssport, aber es gibt diverse, sehr aktive Kletterer, welche nach den Pausepunkten jagen, unter anderem auch mein Freund Tobias. So kommt es, dass das Begehen von Pause-Route auch für mich einen gewissen Reiz erhalten hat. Und eines ist sicher, wer sich alle Pause-Extrem-Routen in seinem Tourenbuch eintragen kann, der hat sich das Allrounder-Brevet für schweren festen, abenteuerlich brüchigen und hochalpin eisigen Fels mehr als abgeholt!

Im Zustieg, eben auf der schönen flachen Wiese beim Rifugio Scotoni angekommen. Hinten wartet schon das grosse Gemäuer.
Somit sollte es für uns also in die Lacedelli/Ghedina an der Cima Scotoni gehen. Allzu frühes Aufstehen erschien uns im Angesicht des garantiert gewitterfreien Wetters als sinnlos. Zudem vermuteten wir, dass die Sonne in dieser SW-Wand bestimmt nicht vor 10.00 Uhr ihre Aufwartung machen würde (konkret ist es sogar erst um ca. 12.00 Uhr!), und gerne wollte ich die dritte Seillänge, d.h. die 7a-Crux, im frühen Sonnenschein bei optimalen Bedingungen versuchen. Also war um 6.30 Uhr Tagwache und nach kurzer Anfahrt begannen wir um 7.50 Uhr mit dem Zustieg. Dieser verläuft durch die malerische Gegend im Naturpark Fanes, wirklich sehr schön. Der Weg selbst, vom Parkplatz zum Rifugio Scotoni, ist hingegen nicht so speziell. Es ist ein steiler und schottriger Karrweg. Hat man nach ca. 30 Minuten die Hütte erreicht, so geht es einem aufwendig angelegten Steig entlang über eine Steilstufe zum schönen kleinen Bergsee Lagazuoi. Hier steht man nach 20 weiteren Minuten nun endgültig im direkten Angesicht der eindrücklich hohen und steilen Wand. Erst noch über einen Pfad, dann über etwas mühsame Schutthänge geht es in weiteren 20 Minuten zum Wandfuss. Inzwischen war es etwas nach 9.00 Uhr. Die Sonne war noch immer weit hinter dem Berg versteckt, die Atmosphäre war mit Temperaturen von 4-5 Grad richtig frostig. So montierten wir alle Kleiderschichten und schlüpften für einmal mit den Socken in die Kletterfinken. Rein temperaturmässig war uns zwar nicht unbedingt nach Klettern, doch noch 2-3 Stunden auf die Strahlen des wärmenden Gestirns auszuharren war auch keine Option. Zudem galt es ja zuerst auch noch, den klettertechnisch leichten Vorbau zu bezwingen. Wo dieser allerdings angepackt werden musste, blieb unserer eigenen Fantasie überlassen. Irgendwelche Markierungen oder fixes Material sucht man hier komplett vergebens. Somit startete ich also um ca. 9.20 Uhr meiner Nase nach.

Der Blick vom Einstieg nach oben. Überhänge noch und nöcher, unsere Tour schlängelt sich auf dem einfachsten Weg hindurch.
L1, 50m, 4a: Ich hatte hier das übliche „welches ist der einfachste und logischste Weg, den ich als Erstbegeher mit minimalem Aufwand wählen würde“ gespielt. Von einem Band, welches wir noch seilfrei erreichten, quasi dem Vorbau des Vorbaus ging es los. Mit etwas hin und her über Wandstufen, an kleinen Verschneidungen und einigen Traversen auf Bändern ging es in die Höhe. Die Absicherung erwies sich hier als eher schwierig, gerade mal zwei sichere Cams konnte ich auf den 50m legen. Allerdings waren die Schwierigkeiten auch noch gering. Und tatsächlich hatte sich meine Intuition als korrekt erwiesen. Als von Kathrin der Ruf „noch 4m“ kam, erblickte ich die beiden Standhaken, welche mir das Topo versprochen hatte.

Kathrin folgt in L1 (4a), welche sich noch kaum vernünftig absichern lässt. Trotzdem ist man schon 50m über dem Wandfuss.
L2 & L3, 50m, 4b: Nun gilt es, den höchsten Punkt des Vorbaus zu erreichen. Hier bietet es sich ideal an, die beiden Seillängen gemäss dem Bernardi-Topo zusammenzuhängen. Die erste führt in einfachem Gelände über einige Stufen hoch. Das Schlussstück hingegen (L3) steilt sich dann auf, und wird leicht links einer schwach ausgeprägten Kante erklettert. Hier gibt es an einem Riss auch gute und zuverlässige Sicherungsmöglichkeiten. Der Stand befindet sich dann direkt unter der gelben Wand und besteht aus 2 NH, welche gut mit 2 Cams in Löchern verstärkt werden konnten.

Im oberen Teil von unserer zweiten Sequenz, d.h. der eigentlichen L3 wartet schöne Kletterei über eine rissdurchzogene Platte.
L4, 30m, 7a: Leider war die Sonne immer noch weit davon entfernt, ihre Aufwartung zu machen. Doch trotzdem musste ich nun, mit klammen Händen und steifgefrorenen Füssen, in die Crux einsteigen. Die ersten 10m sind noch nicht extrem schwer. Erst geht es entlang einer etwas hohlen Schuppe, hier stecken schon einige NH. Danach muss eine Stelle am markanten, rausstehenden Block zwingend freigeklettert werden (ca. 6a), bevor die eigentliche Schlüsselpassage beginnt. Eigentlich wäre es ja schön gewesen, sich hier eine Onsight-Begehung zu holen. Doch meine Ambitionen waren, insbesondere bei diesen Bedingungen, ganz rasch verflogen. Erstens mal war die Kletterei im etwas glatten, teilweise noch leicht feuchten Fels richtig schwer. Dann führt die einfachste Freikletter-Linie nicht direkt über die Hakenleiter hoch, so dass man zwingend einige der Gurken auslassen muss. Hinzu kam auch noch, dass jemand alle Schlingen aus den Haken geschnitten hatte. Diese lagen nämlich zahlreich auf dem Vorbau herum. Das Problem dabei war, dass bei etlichen der Haken wegen der im Riss bzw. Spalt versenkten Öse gar kein Karabiner direkt eingehängt werden konnte, sondern man vor dem Klippen erst eine Schlinge fädeln musste. Dies alles mit einer Onsight-Begehung zu vereinbaren, erfordert wirklich ein ganz, ganz hohes Niveau und ich muss sagen, dass mir die gleich bewerteten Längen in der Hasse/Brandler an den Drei Zinnen dagegen deutlich einfacher vorkamen.

Kathrin hängt in L4 (7a) an den miesen Haken ("hebet das?) vor der entscheidenden Querung mit zwingender Freikletterstelle ca. 6b/+.
Somit hatte ich mich also gezwungenermassen aufs Technoklettern beschränkt. Doch auch dieses war ziemlich aufregend. Die Haken waren ausschliesslich uralt, verrostet und verbogen. An einer Stelle in der Mitte stecken sie auch ziemlich auseinander, hier kann man definitiv nicht mehr von A0 sprechen. Mit einer Trittschlinge, weit hochstrecken und zwei freien Zügen kam ich gerade durch. Die Crux hingegen kam erst am Ende der Länge. Hier kommt man erst an zwei schlechten Haken vorbei, die hinter einer hohlen Schuppe stecken. Man gelangt zu einem verbundenen Hakenpaar (beide mies) und muss dann nach links traversieren. Hier waren zwingend 3m kühne Freikletterei nötig, welche ich jedenfalls mit dem Grad 6b oder gar 6b+ bewerten würde - oder eben halt eine Siebnerstelle, aber kein Sechser mehr. Wenn man Hammer und Nägel dabei hätte, so könnte man evtl. aus einer Trittleiter vom letzten Hakenpaar einen Haken in einer Rissspur oberhalb schlagen, und so den letzten Zwischenhaken mit einer Seilzugtraverse erreichen, bzw. die Freikletterpassage vermeiden. Nun gut, Hammer und Haken hatte ich im Kofferraum zurückgelassen, mein Klettergurt war auch so schon genügend schwer. Nachdem ich 3x tief durchgeschnauft hatte und all meinen Mut zusammennahm, erreichte ich schliesslich den letzten Zwischenhaken und bald darauf, gut aufgewärmt und voller Adrenalin, den Stand. Dieser bestand aus einem Seilverhau und vier in den Dreck geschlagenen NH. Zum Glück konnte man links hinter einer Schuppe Friends und Keile à discretion versorgen, wenigstens war es also kein Problem, einen sicheren Stand zu schaffen!

Mit ausreichend Zeit und Kreativität kann man die Standplätze meist gut verstärken. Hier der Blick auf L6 (5b).
L5, 30m, 5c: Nun wartet steile und freie Wandkletterei in festem, griffigem und graugelbem Fels von guter Qualität. Das Topo zeigt ein wenig ein hin und her, dies liegt durchaus daran, dass man sich hier die einfachste Linie durch die wenig gegliederte Wand suchen muss. Ab und zu steckt ein NH als Wegweiser, die eine oder andere mobile Sicherung kann auch angebracht werden, mit Sicherungsabständen von 5-7m muss man jedoch rechnen. Der Stand mit einer sehr dünnen Sanduhr und 2 Gurken ist nicht optimal, durch einen Preclip einer weiteren Sanduhr und einem Keil/Friend in der Verschneidung oberhalb kann man aber auch hier 100% Sicherheit erreichen.

L6, 30m, 5b: Entlang einer sehr schönen, anhaltenden aber nicht allzu schwierigen Riss-Verschneidung geht es in die Höhe. Es ist eine richtige Genusslänge und auch die Absicherung (ausschliesslich mobil) ist hier problemlos. Man sollte sich allerdings noch etwas an Keilen und allenfalls kleinen Friends für den Stand aufsparen. Dieser befindet sich an zwei schlechten NH direkt am Ende der Verschneidung. Man kann aber an einem Riss optimal aufbessern.

Die steile Verschneidung von L6 (5b) ist eine richtige Genusslänge und auch perfekt zu sichern.
L7, 45m, 5a: Hier geht es hinauf durch die gelbe, von weitem etwas brüchig scheinende Wand auf das berühmte Kriechband. Das Topo zeigt von der Rampe eine Querung an einen gelben Riss, dumm nur dass es gleich 3 Stück davon hat, welche man alle klettern könnte. Hier konnte ich die zu wählende Linie nicht wirklich mit dem Topo in Einklang bringen, wahrscheinlich spielt es aber auch keine allzu grosse Rolle. Vermutlich hatte ich jedoch nicht die einfachste Passage erwischt, denn schwerer wie 5a war es definitiv! Die mobile Absicherung war jedoch gut möglich und der Fels auch viel weniger brüchig wie befürchtet. Schon erstaunlich, wie dieses splittrig aussehende Müesli-Zeugs hier in den Dolomiten dann doch bombenfest sein kann. Nach einem NH (vornehmlich für den Nachsteiger) entert man dann also das schmale und wenig hohe Band unter dem Überhang, das man nach links aufwärts verfolgen muss. Hier gibt es ganz einfach keine Alternative, als 15m durch den feuchten Lehm zu robben und kriechen! Es ist ein Dreckeln par excellence, die Fangopackung gibt’s gratis dazu. Schwierig ist es hingegen nicht, allerdings kann man auch keine Zwischensicherungen legen. Ein kleiner Tipp noch am Rande: ja, wie man auf diversen Internetseiten lesen kann, muss man einen allfälligen Rucksack wirklich vor sich herschieben. Und es ist besser, wenn man sich das verbleibende Gear auf der linken Seite des Klettergurts montiert! Wenn man die Passage gemeistert hat und wieder aufstehen kann, so legt man 5 weitere Meter auf dem Band zurück und kommt zu einem Stand an 2 mässigen NH. Am selben Riss in welchem diese stecken, kann man jedoch optimal mobil zusätzlich sichern.

Tiefblick vom Stand nach dem Kriechband auf die Wand (L7) davor. Ja, sowas ist hier mit 5a bewertet. 
Das ist das Kriechband. Man sieht leider nicht, wie eng und exponiert das Ganze ist. Kriechen ist wirklich zwingend.
Ich bin sonst nicht so der Selfie-Fan. Für einmal gibt's aber eine Ausnahme. Ohne Kampfspuren geht's hier kaum ab.
Kathrin kaum sichtbar am Kriechen im engen Schlitz.
Es werde Licht... das mühsamste Teilstück ist überwunden.
Geschafft! Die Kleidung allerdings reif für die Waschmaschine.
L8, 80m, Gehgelände: Nun wird das 2-3m breite Band problemlos nach links verfolgt. Man passiert dabei erst einen BH der Route Skotonata Galaktika, und dann einen weiteren der Hyperscotoni. Nach etwa 80m (oder vielleicht auch nur 70-75m…) erreicht man zwei relativ unscheinbare NH, die den Einstieg in den oberen Wandteil markieren. Bei uns war das Auffinden relativ einfach, weil der im Topo verzeichnete Steinmann tatsächlich aufgebaut war.

L9, 30m, 5b: In schöner, steiler und recht kühner Wandkletterei in gutem, griffigem Fels geht es linkshaltend aufwärts. Material steckt nicht allzu vieles, doch wird man den Weg schon finden. Das Ziel ist jedenfalls der Stand, welcher sich an 2 mässigen NH direkt bei einer grossen, angelehnten SU-Schuppe befindet. Zusammen mit dieser und einem Friend in einem Loch ergibt sich dann auch eine zuverlässige Sicherung.

Die spezielle Schuppe, das Stand-Backup nach L8 (5b).
L10, 30m, 5c: In recht komplexer Linie geht es nun grundsätzlich wieder nach rechts. Aus dem Stand hinaus will aber zuerst etwas linkshaltend die steile Wandstufe (1 NH) gemeistert werden. Mit den Händen an einer etwas brüchigen Leiste hält man sich etwa 7m oberhalb vom Stand wieder nach rechts, und steigt dann die helle Verschneidung mit den glatten Seitenwänden hoch. Sobald dies möglich wird, quert man dann an einem Riss horizontal nach rechts hinaus (gerade weiter in der Verschneidung hat es Verhauer-Haken!). Ein fix im Horizontalriss verkeilter Cam weist hier den Weg und bietet an der kühnen Stelle (vermeintliche?!) Sicherheit. Hier muss nämlich echt auch der Nachsteiger parat sein, die Querung ist nicht ganz ohne, zwingend zu klettern und nur mässig gesichert, die Seile hängen nämlich 10m durch. Obwohl es dann irgendwann attraktiv scheint, über die nächste Wandstufe nach oben zu sichtbaren NH zu klettern, weist einem das Bernardi-Topo weiter nach rechts, wo man auf einen Stand an 3 Schlaghaken trifft. Dieser lässt sich kaum aufbessern, weshalb ich an dieser Stelle tatsächlich vorschlagen würde, nach etwa 2/3 des Quergangs direkt nach oben die Wandstufe zu klettern, und L11 gleich anzuhängen. Dies ist mit 50m-Seilen sicher möglich, man erspart sich durch die direktere Linie etwas Quererei und vor allem kann man den nicht so guten Stand nach L10 vermeiden.

Diffizile Querung in L10 (5c). Das heikelste ist hier schon längst gemeistert, das letzte Stück zum Stand ist einfach.
L11, 25m,  5b: Vom erwähnten mässigen Stand nach L10 geht es nun nämlich wieder etwas zurück, d.h. linkshaltend die kühne Wandstufe hoch bis aufs nächste Band, wo man ein NH-Nest mit Schlingenverhau erreicht. Dies ist sicher auch ein möglicher, wenn auch nicht optimaler Standplatz. Besser ist es aber, auf dem weissen Band nach rechts hinaus zu queren. Der Fels ist hier nun nicht von allerbester Qualität und man muss etwas Acht geben, um nicht etwas auszureissen. Nach etwa 10-15m erreicht man eine Schlinge in guter SU, einen NH, und eine weitere, selbst zu fädelnde SU, was natürlich einen optimalen Stand hergibt.

L12, 35m, 5b: Kühne Traverse mit einer anspruchsvollen Wandstufe, welche von der Absicherung her etwas heikel und auch für den Nachsteiger fordernd ist. Zuerst einmal verfolgt man vom Stand das weisse Band weiter nach rechts. Schon hier ist die Kletterei längst nicht mehr so einfach wie gewünscht. Nachdem ich etwa 15m gequert bin, habe ich den Eindruck, dass ich nun die Wandstufe nach oben klettern muss. Die gemäss dem Bernardi-Topo steckenden 4 NH zu Beginn des Aufstiegs kann ich jedenfalls nicht auffinden. Somit klettere ich also äusserst kühn die 10m hohe, steile Wandstufe hoch (keine Sicherungsmöglichkeiten, und eher im Bereich 5c/6a war es auch). Als ich dann oben endlich wieder einen NH klippen kann, wird mir klar, dass ich wohl doch zu früh aufgestiegen bin. Etwas weiter rechts wäre die Wandstufe vermutlich einfacher zu haben gewesen und ein NH hätte in der Mitte etwas Sicherheit geboten. Nun gilt es mit den Händen auf einer etwas brüchigen Leiste in der steilen Wand weiter nach rechts zu queren. Es ist kühn, schwer zu sichern und auch unklar, ob man nun besser 3m tiefer oder höher bleibt. Irgendwann müsste man auch etwas aufwärts zum Stand klettern, der sich unterhalb von einem angelehnten Block befinden soll. Weder war dieser sichtbar, noch war mir der Weiterweg klar. Hingegen entdecke ich etwas unterhalb und rechts von mir einen BH, der (wie ich vermute) zur Route Skotonata Galaktika gehört. Dies interpretierte ich so, als dass ich bereits zu weit gequert war, da der Kontakt mit dieser Route auf dem Topo nicht eingezeichnet ist. Kühn und weit über der letzten Sicherung kletterte ich im Zeugs herum, bis mir schliesslich klar wurde, dass a) der angelehnte Block oberhalb vom Stand inzwischen abgestürzt ist und ich b) die zwei NH sichtete, welche ziemlich direkt, etwa 5-7m oberhalb vom erwähnten BH den Hängestand ausmachen. Dieser ist unbequem und auch ziemlich scary. Nachdem ich etwas im Dreck grüble, kann ich dann immerhin noch eine mässige SU fädeln, so dass ich mich dem Stand anvertraue. Der Nachstieg ist dann auch für Kathrin kühn und fordernd. Sie bezieht dann am einzelnen BH (auch nur 8mm) ein paar Meter unter mir ihren Stand, und übergibt mir das Material in einer Seilschlaufe. Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass es schon bald 17.00 Uhr ist. Die heiklen Quergänge und die Schwierigkeiten, dabei eine auch für die Nachsteigerin adäquate Sicherungssituation zu schaffen, hatten einfach Zeit gefressen. Eines war klar, jetzt galt es etwas auf die Tube zu drücken, damit der Ausstieg noch einigermassen Beizeiten erreicht würde.

Steile Wandkletterei ohne viele Strukturen, es könnte einfach überall durchgehen. Da finde man den Weg! Hier in L13 (5c+).
L13, 15m, 5c+: Nun geht es kühn die steile, löchrige Wand hoch. Der Fels ist prima, die Schwierigkeiten am fehlende Block und an zwei steckenden NH vorbei nicht zu unterschätzen. Das würde ich jetzt durchaus als einen soliden UIAA 6er bezeichnen. Danach ist der Stand bald erreicht, welchen man an der dünnen Schuppe links vernünftig aufbessern kann. Meine Empfehlung ist es, den Hängestand nach L12 gleich auszulassen. Mit Halbseiltechnik und strategisch vernünftigen Verlängerungen ist dies ganz sicher möglich. Man soll sich zum Ende des Quergangs in L12 auch einfach nicht vom BH etwas unterhalb verleiten lassen, sondern klettert besser gleich kühn nach oben.

L14, 20m, 6b: Der Schuppe nach hoch, rechts unter dem Dach durch und die Verschneidung hinauf zu einer Wandstufe. Diese stellt nochmals eine echte Crux dar. Das Bernardi-Topo gibt hier 6 (A0) an, wobei ich stark bezweifle, dass die Stelle freigeklettert einen blossen Sechser darstellt. Es sind zwar nur etwa 3m in kleingriffiger Wandkletterei, diese würde ich aber sicher mit 6b bewerten. Zudem muss der obere Haken auch zwingend frei angeklettert werden, was alleine schon einen Sechserzug zwingend verlangt. Erwähnt sei auch noch, dass dieser NH natürlich schlecht, verbogen und rostig ist. Ein Stand folgt dann direkt nach dieser Stelle rechts auf einem schmalen Absatz. Zwei mässige NH stecken, aufbessern am Riss bei den beiden ist zwar möglich, aber ich denke, dass es günstiger ist, diesen Stand gleich auszulassen.

L15, 25m, 5c+: Nun geht es endgültig Richtung Ausstieg hoch. Wir verlassen die Wandzone zwischen erstem und zweitem Band und es geht in die Ausstiegsverschneidung. Obwohl diese sehr steil ist, klettert sie sich dank dem strukturierten Fels rechts und links recht gutmütig. Und auch die Absicherung ist im Vergleich zur Wandkletterei darunter nun wieder problemlos, ebenso lässt die Linienführung keine Fragezeichen mehr offen. Trotzdem, es gilt die richtige Stelle für die Plattenquerung nach rechts an die Kante zu identifizieren. Das ist jedoch nicht weiter schwierig, denn es stecken zwei mit fixen Schlingen bestückte NH und die Fortsetzung in der Verschneidung sieht ab dort eher ungemütlich aus. Diese Querung ist im Topo nochmals mit UIAA 6 angegeben, sie ist aber freigeklettert dankbar und vor allem viel einfacher wie die Stelle am Ende von L14. Am Stand dann die üblichen drei Rostgurken, welche man aber durch einen ideal liegenden Keil in einem Loch dazwischen optimal verstärkt.

Die eindrücklich steile Verschneidung mit enormem Tiefblick in L15 (5c+). Dafür ist die Linie klar und die Absicherung gut möglich.
Die letzte Sechserstelle in der Querung am Ende von L15 (5c+) ist eben gemeistert. Nun ist der Weg zum Ausstieg frei.
L16, 30m, 5c: Gleich vom Stand weg folgt nochmals eine Stufe mit nicht einfacher und etwas kühner Wandkletterei. Es sind zwar nur etwa 5m, aber gleich oberhalb vom Stand und die Absicherung ist nicht so optimal. Der Rest der Länge dann, in einer liegenden Verschneidung und einem breiten Riss entlang, stellt keine Probleme mehr dar. Zuletzt klettert man rechts um die Ecke herum, der Stand an 2 NH mit idealer Verstärkungsmöglichkeit befindet sich links am Pfeiler.

Aufatmen! Hier, am Ende von L16 (5c) fehlen nur noch zwei einfachere Seillängen bis zum Top. Das Ende ist absehbar.
L17, 30m, 5a: Der Ausstieg scheint nun nahe, doch erst mal muss man 5m nach rechts queren und nochmals einen Wulst raufächzen. Immerhin hat es gute Henkel. Die folgende, plattige Wand überwindet man in einer kleinen Rechtsschleife, bevor man nach links in die grosse Nische mit kleinen Geröllplatz zurückkommt. Der im Topo verzeichnete NH lässt sich tatsächlich auffinden und links geht’s steil aber gutgriffig und einfach aus der Nische hinaus. Der Stand an 2 guten SU ist dann ideal.

Gemäss Topo ist diese Stelle am Ende von L17 ein Vierer, es ist eine überhängende Henkelwand aus der Nische raus.
L18, 30m, 4a: Rechts vom Stand folgt nochmals eine kurze, steile Wandstelle, die aber einen nicht mehr länger aufhalten wird. Die Sache läuft dann in eine Art Couloir/Rinne aus, welche man aber besser über die linke Begrenzungskante erklettert. Schliesslich steht man mehr oder weniger im Geröllfeld, etwa 10m unter dem Ringband befindet sich aber links nochmals eine vernünftige SU, an der man den/die Seilzweite/n nachnehmen kann.

Einfach schneller Fortbewegen als das Geröll abrutscht (Achtung Steinschlag für Nachfolger). Kurz vor dem Ringband in L18. 
Um 18.50 Uhr sind wir beide am Top angelangt. Somit hatten wir vom Einstieg 9.5 Stunden gebraucht. Das ist sicher keine zeitliche Bestleistung. Viel Zeit ging jedoch drauf, um an den Standplätzen für 100% Sicherheit zu sorgen. Mit viel Bastelei war dies jeweils möglich, aber schon klar: wer den Rostgurken vertraut und einfach dort einhängt, spart schon mit unserem Klettertempo locker zwei bis drei Stunden. Zum Glück liessen sich die letzten paar Seillängen dann doch noch flott und einigermassen bequem bewältigen. Just als wir beim Ausstieg sind, passiert eine italienische Seilschaft auf dem Band, sie waren die Via dei Fakiri geklettert. Wir sind uns nicht ganz restlos sicher, welche Schwierigkeiten der Abstieg noch bieten wird. Also halten wir uns nicht lange auf und machen uns an die Verfolgung der beiden Locals, welchen der der Weg ins Tal geläufig ist. Das Ringband lässt sich Richtung Westen aber problemlos begehen. Es sind durchgehend schwache Spuren vorhanden und eine Seilsicherung ist nirgends angezeigt. Trotzdem bewegt man sich natürlich ständig im Absturzgelände und ein Ausrutscher wäre zweifellos fatal. 

Typische Situation auf dem Ringband. Grundsätzlich ohne Schwierigkeiten begehbar, aber trotzdem irgendwie haltlos.
Nochmal eins vom Ringband. Kathrin halt sich fein säuberlich an die Wand.
Nach etwa 10 Wegminuten biegt man dann um die Ecke und gelangt auf die Nordflanke der Cima Scotoni. Diese ist mit einigen Stufen durchsetzt und geröllig. Auch hier gibt es eine Wegspur, und es warten keine Schwierigkeiten. Vorsicht ist höchstens früh oder spät im Jahr angezeigt, wenn da noch Schnee liegt könnte das Terrain durchaus heikel sein und/oder alpine Ausrüstung erfordern. Als letzter spannender Punkt steht uns noch der Abstieg von der Scharte zwischen Cima del Lago und Cima Scotoni zurück zum Lagazuoi-See bevor. Schon beim Aufstieg vom Rifugio hatten Schilder darauf hingewiesen, dass der Weg unpassierbar sei, und tatsächlich steht auch in der Scharte ein Gehverbot. Hmm, wenn wir hier nicht durchkämen, so stünde uns noch eine längere Wanderung hintenrum bevor. Es geht dann aber doch. Die auch hier aufwändig angelegte Steiganlage ist zwar durch ein Gewitter zerstört worden, aber selbst ohne ausführliche alpine Kenntnisse kommt man durch. Als wir um 19.40 Uhr wieder unten beim See sind, kann die Anspannung endlich abfallen. Nach weiteren 40 Minuten und 12.5 Stunden nach unserem Aufbruch schliesst sich der Kreis beim Parkplatz. 

Abstiegsrinne vom Sattel zwischen Cima Scotoni und Cima del Lago. Der Lagazuoi-See ist das nächste Ziel.
Auf der Rückfahrt können wir schon damit beginnen, das Ganze einzuordnen. Wow, das war nun wirklich ein grosses Abenteuer! Wir haben grosse Freude an unserer Leistung und empfinden auch einen gewissen Stolz, diese Tour wenn auch vielleicht nicht in Bestzeit, dann aber doch in sauberer und sicherer Manier durchgeführt zu haben. Normalerweise, bzw. meistens sind wir ja Sportkletterer, entweder im Klettergarten oder dann auf MSL-Touren. War jetzt diese Tour das wahre, reine und pure Klettern, das in den Dolomiten immer noch so stark verfochten wird? Meine Antwort hierzu fällt etwas gemischt aus. In Bezug auf die in der Wand verbrauchten Stunden habe ich viel Zeit mit dem Basteln von adäquaten Sicherungen verbracht, teilweise auch mit der Wegsuche und auch die wegen der nicht immer optimalen Sicherungssituation defensive Kletterweise hat Zeit verbraten. Klar, auch das hat seinen Reiz! Trotzdem, in vernünftig mit BH abgesicherten Touren kann man sich einfach viel mehr auf die Kletterei an sich fokussieren und nur dort erlebe ich den Flow der Kletterbewegungen so richtig. Und dies macht halt mindestens ebensoviel, wenn nicht sogar mehr Spass. Nichtsdestotrotz, dies wird sicher nicht der letzte Klassiker sein, den ich geklettert habe. Dafür war das Gesamterlebnis dann einfach doch viel zu grandios. Wie immer im Leben, die Abwechslung gibt der Sache die richtige Würze!

Facts

Cima Scotoni - SW-Wand 7a oder 6+/A1 (6b/+ obl.) - 18 SL, 585m - Lacedelli/Ghedina/Lorenzi 1952
Material: 16 Express, 2x50m-Seile, Camalots 0.3-3, Keile 3-10, viele Schlingen

Ein grosser Klassiker und eine Meisterleistung der damaligen Zeit durch die eindrückliche SW-Wand der Cima Scotoni. Richtig schwere Freikletterei oder auch nicht zu unterschätzende Hakenzieherei mit würziger zwingender Stelle wartet zwar nur in einer einzigen Seillänge. Doch auch im ganzen Rest gibt es noch viel an kühner Wandkletterei und gleich mehrere, auch für den Seilzweiten fordernde Quergänge. Das berühmte Kriechband ist zwar originell-ausgefallen, aber problemlos. Der Fels ist über weite Strecken von guter Qualität und oft schön griffig. Trotzdem diesem generell positiven Eindruck zur Felsqualität, gehört es in einer solchen Route natürlich zum Grundrepertoire, alle Griffe und Tritte sorgfältig auszuwählen, zu prüfen und adäquat zu belasten. Die Absicherung besteht ausschliesslich aus Normalhaken, welche aus längst vergangenen Zeiten stammen. Mit je einem kompletten Set Friends und Keilen sowie vielen Schlingen, dem geübten Auge und der nötigen Zeit kann man aber an (fast) allen Ständen und meist auch unterwegs für ausreichend Sicherheit sorgen. Das Abgeben einer Schönheits- und Absicherungsbewertung ist bei einem solchen Klassiker schwierig. Rein vom Erlebniswert her würde ich sicher vier, wenn nicht sogar fünf Sterne geben, auch wenn die reine Schönheit der Kletterei wohl eher nur drei davon verdient. Die Absicherung ist wie erwähnt alpin. Mit der nötigen Eigeninitiative kommt man rein gefühlsmässig auf so etwas wie ein (xxx), d.h. es sind keine schweren Kletterstellen weitab einer Sicherung zu meistern.

Stimmungsbild beim Abstieg. Wirklich eine absolut tolle Berglandschaft im Fanes-Naturpark!
Topo

Ein Wort der Warnung: man steige in dieser Route nur mit einem vernünftigen Topo ein! Über weite Strecken herrscht Wandkletterei vor, wo die Linie nicht natürlich vorgegeben ist. Meistens könnte man wohl auch neben der Route bei etwas höheren Schwierigkeiten klettern, nur besteht dann die Gefahr irgendwann endgültig im Nirvana zu landen. Mit in der Tasche hatte ich das Topo von Planetmountain und das Bernardi-Topo aus dem Auswahlführer "Klettern in Cortina", welches auf gulliver.it frei verfügbar ist (siehe unten). Dasjenige von Planetmountain erwies sich (sorry!) als komplett unbrauchbar. Nur alleine damit ausgerüstet, wäre es echt ein schwieriges und kühnes Unterfangen, die Route zu wiederholen. Das Bernardi-Topo gibt meines Erachtens den Routenverlauf exakt wieder. Von den eingezeichneten NH habe ich die meisten aufgefunden, womöglich sind über die Jahre einige davon verloren gegangen. Bezüglich den Schwierigkeitsangaben sind meine abweichenden Bewertungen dem Bericht zu entnehmen. Wichtig: ich würde dringend empfehlen, L2 & L3, L10 & L11 sowie L12 & L13 jeweils zusammenzuhängen. Dies ist nicht nur gut möglich und spart Zeit, man lässt so auch die schlechtesten Standplätze in der Route elegant aus.

Topo der Route von Mauro Bernardi. Credit: gulliver.it.

Kommentare:

  1. Extrem guter Routenbericht. Gut im Sinne von ausführlich und informativ.
    Das bringt echt was!
    Danke!

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  2. Wir sind die Route in den 80er Jahren mal geklettert, haben aber leider keine Fotos gemacht. Mit Deinen Bildern konnte ich endlich ganz toll in Erinnerungen schwelgen... Suber gemacht ;-)

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Kontakt: mdettling@bluewin.ch.