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Montag, 26. Juni 2017

Rätikon - Baluga (7a)

Auf dem Weg zum Einstieg der Miss Partnun läuft man an der Sulzfluh Ostwand, bzw. genauer, der Gamstrittplatte vorbei. Dort gibt's einerseits besten Wasserrillenfels, welcher nur so zum Klettern einlädt. Andererseits steht da auch ein kecker Felszahn, welcher zur Erklimmung lockt. "Da richte ich eine Route ein" war der Gedanke, der mir bei diesem Anblick durch den Kopf schoss. Genaueres Hinsehen zeigte dann, dass bereits anno 1998 jemand auf diese Idee gekommen war. Die Gebrüder Scherrer erschlossen mit ihrer Route Beluga ziemlich genau jene Linie, welche ich mir bereits ausgemalt hatte. So schien es mir attraktiv, Gebiet und Route im Rahmen von einem Familienausflug zu besuchen. Ohne dass mein Vater uns begleitet hätte, wäre dies so nicht möglich gewesen - vielen herzlichen Dank dafür.

Die Gamstrittplatte an der Sulzfluh lockt mit ihrem kühnen Felszahn und den prima Rätikonplatten zum Klettern ein.
Vom Parkplatz P6 bei Äbi bis zum Einstieg auf 2170m sind rund 550hm zu bewältigen, dies schien mir für die Kinder ein zu bewältigendes Pensum zu sein. Um etwas Kraft zu sparen und bequemer laufen zu können, benützten wir ab Partnun anstelle vom etwas direkter verlaufenden Wanderweg die Güterstrasse. Das ging eigentlich tiptop, die wunderschöne Blumenpracht der Magerwiesen links und rechts begleitete unseren Aufstieg. Allerdings heizte auch die Sonne schon ganz schön ein, so dass zum Schluss doch noch die Frage "ist es noch weit?" aus einem Kindermund zu vernehmen war. Mit ein paar Erklärungen, wie ein solcher Aufstieg Beine, Herz und Lunge stärkt und was für welche Vorteile das mit sich bringt, war das Zwischentief schnell vergessen und schon bald darauf waren wir am Fuss der Gamstrittplatte angelangt. 

Wunderbare Blumenpracht im Aufstieg zur Wand!
Hier wollten wir nun zuerst mit den Kindern die einfachste Route, nämlich die Rägätanz (3 SL, 5b) klettern. Das gelang soweit bestens, es wartet silbergrauer Rätikonfels von allerbester Qualität. Ich muss jedoch gestehen, dass ich den Routenverlauf jetzt nicht unbedingt sonderlich logisch fand. Da hätte sich auch eine direktere Linie finden lassen, die auch nicht schwieriger gewesen wäre. Wissen muss man ebenfalls, dass die Absicherung nach Plaisirbewertung höchstens Stufe "soso" erreicht. Es stecken zwar hier und da einige Bohrhaken und an den Schlüsselstellen geht's gerade noch so. Aber gerade im etwas einfacheren Gelände sind die Abstände viel zu weit. Wer da den unteren fünften Schwierigkeitsgrad nicht absolut sicher beherrscht, bringt sich in ernsthafte Gefahr. Da sind dann Stürze von über 20m in gestuftem Gelände möglich - de fakto eine lebensgefährliche Sache. Ein Ergänzen mit mobilen Sicherungen ist aufgrund der Felsstruktur kaum möglich. Nun denn, für mich war das "no big deal", aber wenn ich dran denke, dass hier meine Kinder oder sonst weniger Erfahrene vorsteigen wollten, no way! Somit kann ich die Route eigentlich nur für Kletterer weiterempfehlen, welche aufgrund von Niveau und Länge sowieso kein Interesse daran haben.

Dank 2x60m-Seilen waren wir in 2 Manövern zügig wieder am Einstieg. Das Ausqueren zum Sulzfluhweg und der Abstieg über den Gamstritt würde bestimmt länger dauern, zumal die Querung jetzt nicht gänzlich trivial aussieht und durch Absturzgelände führt (de visu ca. T5/T6). Während sich die Kinder nach einer Trink- und Esspause mit dem Grossvater schon einmal Richtung Partnunsee aufmachten, stiegen Kathrin und ich unverzüglich in die Beluga (5 SL, 7a) ein. Die Route (nicht angeschrieben) beginnt unmittelbar rechts der markanten Verschneidung und ist aufgrund der Mammut-Longlife-Bohrhaken gut zu erkennen.

L1, 30m, 6b: Der Fels sieht ganz schön aus, entpuppt sich aber bald als relativ glatt und nicht ganz so strukturiert, wie man vom Rätikon sonst gewohnt ist. Da wartet schon nach dem zweiten Bolt eine ziemlich heftige und zwingende Einzelstelle, uff. Doch mir gelingt der Umstieg vom Plaisir- in den Sportmodus. Der zweite Teil dann etwas einfacher.

Schöne Plattenkletterei in L1 (6b), der Fels weist hier aber einen Tick weniger Reibung auf wie im  Rätikon gewohnt. 
L2, 50m, 6c: Eine schöne und lange Seillänge, auch wenn der Fels in der ersten Hälfte leider etwas staubig ist. Schon bald nach dem Stand kommt eine athletische Passage an einer rissähnlichen Struktur mit ein paar runden Löchern. Was erst nach einer kühnen Sache aussieht, entpuppt sich dank einer total verwaschenen und damit gut getarnten, fixen Sanduhrschlinge doch als machbar. Anstatt dort selber eine zuverlässige Schlinge reinzufummeln, passt unmittelbar darunter der Camalot 0.75 perfekt in den Riss. Nach dieser Stelle wartet schöne Kletterei im 6ab-Bereich. Die Absicherung ist teils ziemlich inhomogen, einmal hat's 2 Bolts auf 1m, zum Stand hin wartet dann aber wieder ein 7m-Runout.

L3, 50m, 6b: Gleich über den ersten Bolt hinweg wartet wiederum eine heftige Platten-Einzelstelle. Mich dünkte das ehrlich gesagt die schwierigste Kletterstelle der ganzen Route und ich war kurz vor dem Rauskippen. Ob ich etwas übersehen habe?!? Ich glaube eher nein, aber wer weiss. Ebenfalls bin ich nicht sicher, ob man diese Stelle A0 bewältigen könnte. Auch hier vermute ich eher nein, die Absicherung an dieser Stelle ist aber gut. Der weitere Verlauf der Seillänge ist dann von den Schwierigkeiten her leichter verdaulich, allerdings wird der Fels doch reichlich splittrig und erfordert Erfahrung in solchem Gelände, ansonsten tritt man mit einem Griff in der Hand den Weg in die Tiefe an. Zuletzt dann noch eine witzige Stelle in einer Art Kamin/Verschneidung.

Kathrin steigt aus der witzigen Verschneidung am Ende von L3 (6b) aus.
L4, 20m, 6c: Nun geht's links hinaus in die steile Wand. Leider steckt der erste Bolt drüben 1m zu tief, so dass man beim Startboulder seinem Geläuf zuliebe besser nicht stürzen sollte. Für 6c ist die Stelle jedoch sehr leichtverdaulich. Nachher folgt eine kurze, steile Verschneidung, wo zwingend eine mobile Sicherung zu platzieren ist. Zum Zeitpunkt unserer Begehung war eine Knotenschlinge vor Ort, ideal liessen sich auch noch ein Rock Nr. 5 (d.h. mittlerer Klemmkeil) und ein Camalot 0.4 platzieren. Der Move links ums Eck ist an sich nicht schwierig (ca. 6a+), aber wenn die mobilen Sicherungen versagten, so wäre ein Sturz von 10m aufs flache Gelände darunter lebensgefährlich. Ironischerweise stecken drüben in der 5c-Wandkletterei zum Stand hin dann wieder zwei Bohrhaken in sehr kurzem Abstand, da wäre der eine woanders eher besser investiert gewesen.

L5, 20m, 7a: Zum Schluss wartet noch die nominelle Cruxlänge. Die ersten Meter vom Stand weg entpuppen sich als problemlos. Die Schlüsselpassage besteht aus einer relativ kurzen, senkrechten Wandstelle. Auch hier stecken wieder 2 Bolts im 1m-Abstand. Schade ist der obere nicht 1-1.5m höher, so dass man ihn von den letzten, passablen Griffen klippen kann. So ist die 7a dann zwingend zu meistern und der folgende, diffizile Mantle 2m über dem Bolt (Fuss auf Kopfhöhe platzieren und an einem Seitgriff aufrichten) fühlt sich bereits ziemlich psycho an - das ist jetzt nicht unbedingt gefährlich, hat aber das Potenzial für einen ungeschmeidigen Abgang. Dann sind es nur noch wenige Meter bis zum Top auf dem Ostgrat der Sulzfluh. Zum Nachsteigen ist die Schlüsselstelle dann auch etwas unangenehm, da ein ziemlicher Pendler nach links droht.

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Somit war das Top erreicht, der Onsight-Gesamtdurchstieg war mir gelungen :-) Auch von hier könnte man zu Fuss absteigen, aber genau wie beim Rägätanz, das sieht weder so richtig einfach noch so richtig kurz und schnell aus. Deshalb hatten wir umgehend das Seil eingefädelt. Eine erste kurze Etappe führt einen zum Stand nach L4. Ab hier geht's direkt an den Stand nach L2. Im Topo der Erstbegeher ist diese Abseilstrecke als 50m beschrieben, im Panico-Führer steht hingegen 60m! Nun denn, mit neueren, noch nicht geschrumpften 50m-Seilen dürfte es inklusive der Seildehnung gerade reichen. Aber die 60er-Stricke mitzubringen macht schon Sinn, denn mit diesen reicht es vom Stand nach L2 gerade so knapp auf den Boden. Da hiess es dann, rasch in die Schuhe schlüpfen und ab dem Rest der Familie hinterher. Dank einem Surf in der Geröllreisse unterhalb der Wand ist man im Nu am See unten (dieser Weg nach Partnun ist bestimmt schneller und bequemer wie der markierte Wanderweg). Nebst einer Einkehr im Gasthaus wartete noch der Trottinett-Downhill nach St. Antönien - das sind 6km und Big Fun, sowohl für Klein wie Gross, was den gelungenen Tag noch famos abrundete.

Die 5 CHF für den Trottinett-Downhill sind wirklich gut investiertes Geld :-)
Facts

Sulzfluh Ostwand - Baluga 7a (6c obl.) - 5 SL, 200m - A. & T. Scherrer 1998 - **;xxx
Material: 2x60m-Seile, 10 Express, mittlere Keile, Camalots 0.3-0.75

Eine durchaus interessante Route, welche unmittelbar beim Gamstritt auf einen kecken Felszahn im Ostgrat der Sulzfluh führt. Die Kletterei ist abwechslungsreich und vermag den alpin orientierten Sportkletterer, welcher sich an exklusiven Zielen erfreut, durchaus zu befriedigen. Die relative Kürze der Route (im Vergleich zu Anfahrt und Zustieg) vermag aber vermutlich doch nicht allzu viele Besucher anzulocken. Leichte Einschränkungen muss man auch in Bezug auf die Felsqualität machen - es handelt sich leider nicht durchgehend um Material der Güteklasse Rätikon Premier Cru. Erst ist das Gestein ein bisschen glatt und teils staubig, dann auch mal etwas splittrig. Insgesamt aber doch meist solide und für Alpinkletterer mit etwas Erfahrung durchaus lohnend zu beklettern. Insgesamt reicht's aber doch nur für 2 Sterne. Die Absicherung mit rostfreien Mammut Longlife und einigen verzinkten Haken (welche noch gut im Schuss sind) darf man als gut (xxx) bezeichnen. Sie wirkt etwas inhomogen: während einige Passagen mit engen Hakenabständen versehen sind, wo es nicht einmal unbedingt nötig scheint, fällt die Absicherung an anderen Stellen dann doch plötzlich recht fordernd aus. Am Beginn von L4 ist zwingend eine mobile Sicherung anzubringen, dort sind mittlere Keile oder kleine Cams einfach, offensichtlich und solide zu platzieren. Ansonsten muss und kann man nicht allzu viel dazulegen.

Am Partnunsee, mit Blick auf die Wiss Platte und die Schijenflue mit ihrer berühmten Westverschneidung.
Topo

An dieser Stelle ist das Topo der Erstbegeher abgebildet. Weitere Informationen zur Route und zum Sektor findet man im Panico-Führer Rätikon Süd (z.B. bei Bächli Bergsport erhältlich) und im SAC-Führer Graubünden, wobei die Angaben zumindest teilweise unstimmig erscheinen (z.B. Erstbegeher und Jahr, auch die Angabe von "altes Material" stimmt so nicht). In Bezug auf die angegebenen Schwierigkeiten fand ich wie im Text erwähnt L1 und L3 schwieriger, sowie L4 und L5 einfacher als erwartet. Ich hätte jetzt gesagt, dass sich die ganze Route so im Bereich 6b+ bis 6c+ abspielt. Aber wie das halt so ist, manchmal erwischt man eine Passage gut und sie liegt einem, oder dann gerade umgekehrt - so will ich meine Empfindungen jetzt nicht zwingend zur Allgemein gültigen Wahrheit hochstilisieren.

Topo der Erstbegeher von Baluga.

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