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Donnerstag, 29. September 2011

Sättelistock - Physical Gravity (7a)

Für einmal nicht an, sondern hinter die Wendenstöcke: auf der Wunschliste war mein (nach der Route "Fakir" anno 2003) zweiter Besuch am Sättelistock bei Engelberg schon lange, doch immer wieder wurde er zu Gunsten von anderen Gebieten repriorisiert. Doch nun insistierte Jonas, und das machte sich bezahlt. Sämi Specks Route "Physical Gravity" ist wirklich eine tolle, anspruchsvolle Linie in weitgehend hervorragendem Fels.

Nach ziemlichen Verkehrschaos und auf dem Parkplatz dann, nach einigen Nächten mit sehr wenig Schlaf (Kinder, Klettern, Arbeiten...), müdigkeitsbedingter Trödelei, reicht es uns leider erst auf die Bahn um 9.00 Uhr. Wir gondeln nach Ristis, und dann mit dem Sessellift zur Brunnihütte, wo wir uns gleich auf den Weg machen. Zum Sättelistock zieht es sich, zuerst eine lange, horizontale Querung, dann weglos, immer steiler werdend, gegen die Wand hinauf.

Nach langer Trockenheit waren die Zustiegsbedingungen gut, bis zum Südpfeiler geht das wohl als unteres T6 durch. Um etwa 10.30 Uhr sind wir, ob dem hohen Tempo ziemlich verschwitzt, dort. Zur Einstieg der Physical Gravity wartet noch eine gäche Traverse nach rechts. Die ist eigentlich mit Fixseilen ausgerüstet, doch die sind in einem solch erbärmlichen Zustand, teilweise zu Fäden aufgelöst, dass wir sie lieber nicht benützen. Diese Meter würde ich als oberes T6 einstufen, zudem sehr exponiert. Um 11.00 Uhr greifen wir dann an.

Imposante Sättelistock Südwand mit dem steilen Zustieg. Die Route befindet sich rechts des auffälligen Pfeilers in Bildmitte.
Die 1. SL (6b+) startet gleich fulminant mit der Crux, die nun wirklich alles andere als einfach ist. Mir hilft in ziemlicher grosser Not ein Deadpoint, danach geht's dann flott, der Rest ist super-griffige Kletterei im 6a-Bereich. Allerdings stecken auf 30m nur 4 Bolts, bis zum Stand herrscht Groundergefahr, in den Querrillen lässt sich aber der eine oder andere Cam versenken. Die 2. SL (5c) bietet ebenfalls sehr schöne, griffige Kletterei an Querrillen, die 3. SL (4a) ist unspektakulär und schnell erledigt.

Super schöne Kletterei, insbesondere für diesen Grad, in der 2. SL (5c).
Dann beginnt in der 4. SL (6c+) das richtige Business. Die Wand ist steil, sprich betont senkrecht, der rotgelbe Fels mit fetzenscharfen Tropflöchern garniert. Etwa in der Mitte wartet die Crux, die vor allem viel Übersicht erfordert... bis ich diesen Griff endlich gefunden hatte! Doch das Geheimnis verrate ich hier nicht. Auffallen tut diese Länge übrigens auch mit ziemlich weiträumiger Absicherung, vor allem gegen Ende: crazy stuff - aber genial!

Da musste ich doch tatsächlich ein erstes Mal die Reserven anzapfen, und da noch 4 schwere Längen (2 x 6c, 2 x 7a) warten, fürchte ich schon, dass das noch ein Waterloo werden könnte. Wird es dann aber nicht, wie sich im Nachhinein zeigte, war die 4. SL die Strengste. Die 5. SL (6c) wartet mit erneut Premium Quality Kletterei an scharfem Fels auf. Recht homogen, aber nie mega schwer, und mit auch nicht mehr ganz so weiten Abständen. Die 6. SL (6c) hat dann zu Beginn eine Einzelstelle, danach folgen so griffig-tiefe Querrillen, dass es fast wie Leiternsteigen ist: sehr schön, geht gut!

Hammer Felsqualität in der 5. SL (6c).
Dann die nominellen Cruxlängen: die 7. SL (7a) bietet erneut sehr guten Fels. Die Crux ist eine etwas feingriffig-technische Einzelstelle und ziemlich obligatorisch, aber gut gesichert. Die restlichen Meter sind dann deutlich einfacher, somit sind auch die nur 6 Bolts auf 45m kein Problem. Die 8. SL (7a) ist dann nicht mehr ganz von derselben Qualität: anspruchsvoller Beginn (ca. 6c), einfachere Meter, dann eine gesuchte Einzelstelle als Crux, und dann über etwas brüchigen Fels aufs Schuttband hoch: die 4. SL war ein Fight, der Rest ging dann eigentlich problemlos onsight.

Die verbleibenden 3 Seillängen vom Schuttband nach oben sind dann nicht mehr von ganz derselben Qualität. Die 9. SL (6b) ist zu Beginn heikel da eher brüchig, dann folgt eine Traversen-Einzelstelle in gutem Fels, zuletzt dann in einfachem, aber splittrigem Gelände ohne vernünftige Sicherungsmöglichkeit zum Stand - hier würde man sich sehr wehtun, wenn man stürzt! Die 10. SL (6a) führt dann wieder in gutem Fels zum Wandbuch. Achtung, auch hier sind die Abstände sehr weit, und stürzen sollte man seiner Gesundheit zuliebe definitiv nicht.

In der nicht mehr so kompakten 9. SL (6b). Etwas Vorsicht ist durchaus vonnöten hier.
Im Buch stellen wir fest, dass wir die 12. Begehung der Route gemacht haben. Vor uns war Sämi bereits 3x da, und ansonsten stehen da natürlich die üblichen Verdächtigen: gestandene CH-Alpinkletterprominenz, die sich mit Vorliebe auf den vordersten Seiten in solch schwer zugänglichen Schriftstücken verewigt. Von den Erstbegehern wird auch vehement vor der Begehung der letzten Seillänge zum Gipfel abgeraten (brüchig, lose Blöcke, keine Absicherung).

Unsere Alpinistenehre lässt ein Auslassen des Gipfels natürlich nicht zu, und es entpuppt sich als nicht halb so schlimm. Brüchig ist es bis auf die letzten, einfachen Meter nicht, die "hängenden Telefonzellen" haben wir nicht gefunden. Haken stecken zwar keine, dafür ist die Schwierigkeit auch maximal ein Vierer, die 5a im Topo ist deutlich zu hoch gegriffen.

Sicht vom Gipfel auf den Schlossberg. Der Nebengipfel in Bildmitte ist P.3093, in dessen schattiger Nordflanke sind wir letzten Winter mit den Ski aufgestiegen und abgefahren (Bericht). Kaum zu glauben aus dieser Perspektive!
Um etwa 16.30 Uhr sind wir oben, machen noch den kurzen Aufstieg zum Gipfel, und seilen dann ab. Dies geht problemlos, 50m-Seile werden allerdings 2x bis zum letzten Zentimeter ausgereizt. Ebenso seilen wir dann vom Einstieg des Südpfeilers noch 3x ab. Auf die letzte Bahn (18.00 Uhr) ab Ristis wird es nicht mehr ganz reichen, doch unser Trumpf ist die weiter östlich gelegene Bordbahn. Die erfordert nur 10 Minuten mehr Abstieg, fährt dafür "on demand", kostet nur 6 CHF pro Person, so dass wir um 18.45 Uhr bereits im Tal sind.

Es herbstelet! Auf dem Abstieg zog der Hochnebel rein und bescherte uns eine mystische Stimmung.
Zum Schluss: herzlichen Dank an Jonas fürs Fotografieren, mein Apparat blieb leider zuhause. Einen weiteren Bericht zur Tour findest du bei chmoser.ch, oder bei obsig.ch. Und das hat Jonas auf gipfelbuch.ch geschrieben.

Facts: 
Sättelistock  Physical Gravity (7a, 6c obl.)  Speck/Ruggli 2003 – 11 SL, 380m  ****; xxx
Material: 12 Express, Camalots 0.3-0.75, 2x50m-Seil

Auf den ersten 7 Seillängen tolle Kletterei in fantastischem Fels, welcher einen Vergleich mit den eine Kette weiter vorne gelegenen Wendenstöcken keineswegs zu scheuen braucht. Meist plus/minus senkrechtes Gelände, oft mit mehr oder weniger tiefen Querrillen, teilweise auch scharfe Tropflöcher. Die schweren Stellen sind oft obligatorisch zu meistern, aber doch durchdacht und vernünftig abgesichert. Im einfacheren Gelände häufig weite Runouts, auch bei ungünstigem Sturzgelände und schlechten Möglichkeiten zum Legen.

Ein Topo findest du auf der Website vom Erstbegeher Sämi Speck, es ist tiptop! Unten im Bild noch die Routenübersicht am Sättelistock:

Routenübersicht am Gross Sättelistock: das Bild ist ein Hotlink zu www.rugghubel.ch.

   

1 Kommentar:

  1. Hatten am 4.9.13 ebenfalls trockene Zustiegsbedingungen, aber total weglos - unbedingt Schuhe mit hohem Schaft verwenden. Hier geht quasi fast keiner hoch - wir waren in der PH die 4. SL lt. Wandbuch in 2013. 4. SL jetzt 7a - bewertet die 8. SL eine gesuchte Schlüsselstelle. Cams von 0.25 bis 1 verwendet damit recht gut absicherbar.

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