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Dienstag, 14. Juli 2026

Titlis Nordwand - Colibri (7b+)

Eine Hitzewelle hat sich fix über Mitteleuropa installiert, so besuchen wir wieder einmal the place to be für diese Wetterlage, nämlich die Titlis Nordwand. Hier kann man sich auch bei 35 Grad im Tal bis Mitte Nachmittag in angenehmen Bedingungen der steilsten Henkelzieherei widmen, welche man auf MSL-Touren hierzulande überhaupt finden kann. Bei meinem achten Besuch an der Wand fällt unsere Wahl auf eine der Kreationen vom legendären Duo Ruhstaller-Rathmayr. Über ihre Colibri ist nur relativ wenig bekannt, dafür gibt es einen guten Grund in Form einer sehr plattigen und anspruchsvollen ersten Seillänge.

Blick auf die überaus steile Titlis Nordwand mit dem Verlauf von Colibri.

Im Gegensatz zur Tour in der Eiger Nordwand kurz zuvor werde ich dieses Mal auf der Anfahrt nicht vom amerikanischen Vizepräsidenten aufgehalten. Er hatte die Iran-Konferenz auf dem Bürgenstock bereits wieder verlassen und dabei ausser meinem Zeitverlust nichts Substanzielles erreicht (und diesen Part hätte es ganz bestimmt auch nicht gebraucht). Somit bin ich on time für den letzten Gratis-Parkplatz bei der Fürenalpbahn und bei im Talgrund noch angenehmen Temperaturen wackeln wir um 7.15 Uhr los. Mit der Frische ist es vorbei, sobald wir die ersten Höhenmeter gewonnen haben. Doch vorerst geht's noch, da wir uns im Wald befinden. Später, auf dem Galtigbergboden, heizt die Sonne hingegen schon ein und bringt uns heftig ins Schwitzen. Neu für mich: es gibt auf der Alp nun massive Elektrozäune, welche die Schafe vor Wolfsangriffen schützen sollen. Diese wären nicht nur für die Vierbeiner unüberwindbar, sondern auch für uns. Verdankenswerterweise wurde aber an die Kletterer gedacht und an den entscheidenden Stellen ein Durchgang eingerichtet. Im weiteren Verlauf ist die Wegspur im Gegensatz zu früher inzwischen gut ausgeprägt und weitestgehend klar sichtbar.

Wer möchte, kann sich vor dem Einsteigen noch eine Erfrischung gönnen!

Nach ca. 1:30h Aufstiegszeit befinden wir uns im schattigen Reich unter der Wand. Es geht über die Rampe hinauf, bei Bedarf hätte man ganz einfach eine erfrischende Dusche nehmen können. Die Fixseiltraverse danach wurde mit neuem Material ausgerüstet und präsentiert sich (Stand Juli 2026) in gutem Zustand. Nach 1:50h hatten wir den Einstieg erreicht und identifiziert, der relativ unscheinbar ist. Vom flachen Platz nach Ende der Fixseile, wo v.l.n.r. Hattari Hanzo, Leeper-Hammer, Pipistrello und Süpervitamin starten, geht man noch weiter nach links. Erst an einem weiteren Fixseil hinauf, dann noch ein paar Meter horizontal hinüber. Beim (weit vorstehenden) Lügenbolt ist man schon zu weit, der Einstiegsstand befindet sich 3m rechts von diesem bei einem Stand mit BH und NH, der sich oberhalb vom Fixseil befindet. Nach einer Pause um uns von dieser Kardio-Einheit zu erholen, sind wir um ca. 9.45 Uhr losgeklettert.

L0, 10m, 6a: Es handelt sich nur um eine kurze Stufe hinauf auf das obere Band, ein nochmaliger Stand dort ist aber sinnvoll. Zwei Züge gar nicht mal so einfach, fixe Absicherung gibt es ausser den Standplätzen keine. Seilsicherung ist trotzdem zwingend.

Ausblick auf die krassowitsch Platte in L1 (7b+), oben der Piz dal Nas.

L1, 45m, 7b+: Ein Ultraknaller, über die grosse Platte musst du gehn... Cam 1 an einer Schuppe zu Beginn, dann geht's vorerst bei eher weiter Bolt-Abständen voran. Mit dem richtig interpretierten Pfad findet sich vorerst immer eine Lösung, die recht gut aufgeht. Nach der Mitte zieht's dann an, eine erste "very thin"-Passage ist zwingend zu meistern, ca. 7a/+. Die Sache kulminiert endgültig bei den Moves über den letzten BH hinweg. Bernat steigt nach nur minimalem Zögern onsight drüber, es hatte aus der Ferne richtig locker und einfach ausgesehen. Einmal vor Ort werde ich dann eines Besseren belehrt. Es gibt nur ein paar winzige Crimps vom Typ Fünfliberbreite. Eine satte Portion Fingerkraft ist unerlässlich, dazu verlangen die ebenso winzigen bis fast inexistenten Tritte geeignetes Schuhwerk. Damit ist es nicht getan, Talent und Zauberei an Nichts sind unabdingbar, und im Vorstieg natürlich auch das mentale Korsett für diese extrem unsichere, kaum kontrollierbare Kletterei. Mir jedenfalls fehlten die nötigen Ingredienzen, um den schwersten Meter frei durchzumoven. 

Die "Problemzone" am Ende von L1 (7b+), mit der Klimax am letzten BH. Die "Grösse" der Griffe ist gut sichtbar...

L2, 40m, 6b+: Dass es hier viel einfacher wie zuletzt zugeht, dafür braucht man kein Prophet zu sein. Doch die immer noch plattige Wand und die distant gestalteteAbsicherung erheischen Respekt. Die Sache entpuppt sich aber nicht ganz als so wie vermutet: die Crux kommt schon bald und reichlich zwingend zwischen dem vermeintlich noch nahe steckenden ersten und zweiten BH. Das weiter abgesicherte Gelände danach geht hingegen recht gut auf. Erst folgt man einer Art Rampe mit leichterer Kletterei, bevor die Route wieder nach rechts in die Wand abbiegt. Griffige Löcher erlauben dort aber eine recht gäbige Passage mit cooler Kletterei.

Etwas zugänglichere Kletterei folgt dann hingegen in L2 (6b+) und L3 (6a+).

L3, 25m, 6a+: Der eher brüchige Turm gerade voraus wird mit einer grossen Linksschleife geentert. Zuerst horizont nach links queren, dann noch vor dem grauen Streifen (wo Land ohne Herren verläuft) hinauf. Schöner, speziell strukturierter Fels mit lochähnlichen Taschen. Zuletzt an die Verschneidung von Turm und auf brüchigem Band nach rechts zum Stand.

Ausblick auf L4 (7a+), das Haulseil lässt erahnen wie steil es hier zur Sache geht!

L4, 25m, 7a+: Nun beginnt der Henkelspass! Auf dieser Seillänge muss man wirklich keinen schlechten Griff halten. Nur gilt es die Henkel zu identifizieren und jeweils zu erreichen. Sprich es sind ein paar lange Moves mit saftigen Blockierern nötig. Am schwierigsten wohl der Ausstieg in etwas flacheres Gelände über den vorletzten Bolt hinweg, sowie der Einstieg in die wieder steilere Schlusspassage nach dem letzten BH, gefolgt von Runout-Henkelei zum eher unbequemen Stand. Dieser Abschnitt ist extraordinär steil, insgesamt ca. 6-7m überhängend!

Ultrasteil die Kletterei in L4 (7a+), aber dafür unverschämt griffig!

L5, 35m, 7b+: Henkelspass zum zweiten, nun in etwas verschärfter Gattung. Während der Start zwar nicht voll die Härte ist (und zudem ist man ja da auch noch nicht angezählt), so muss trotzdem die Lösung erkannt werden. Sorgenlos geht's zum zweiten BH, wo es dann kurz mal 2-3 kleinere, etwas sloprige Leisten zu riegeln gilt, bevor wieder Töpfe kommen. Das nächste Pièce de Résistance befindet sich am vierten BH: entweder sehr kräftig von mässigen Tritten zwischen den guten Griffen blockieren, oder dann schlechtere Zwischengriffe halten. Den ganzen Rest erledigt die Ausdauer. Zum Ende geht's etwas nach links hinaus in wasserzerfressenem Gestein. Immer noch sehr steil, aber nicht mehr ganz so sehr wie die Länge davor, auf etwas mehr Kletterstrecke auch ca. 6-7m überhängend.

Sich etwas zurücklegend und deshalb schon fast unspektakulär ist der Ausstieg aus L5 (7b+).

L6, 25m, 7a: Ein weiteres Gustostücklein über sehr stark wasserzerfressenen Fels mit vielen Töffgriffen. Die Art vom Fels bietet etwas die Gefahr von brechenden Spitzen, zur Unzeit könnte das einen auch mal aus der Balance bringen. Die schwierigsten Moves eher nach der Hälfte, wo man schon etwas angepumpt ist und es nach der initialen Rechtstraverse wieder aufwärts geht - für mich inklusive Schockmoment. Drei Meter über dem Haken, die Füsse auf einer (als solide beurteilten) Schuppe, die Hände an Henkeln. Plötzlich bricht doch das ganze Ding unter meinen Füssen weg und beschleunigt mit 9.81m/s^2 Richtung Tal. Ich habe aber genügend Spannung auf den Griffen, dass ich mit den Füssen in der Luft hängen bleibe... mit viel Adrenalin im Blut ist der Stand dann zügig erreicht. Passiert wäre ausser einem Whiiiiippper sicherlich rein gar nix, aber einfahren tut sowas trotzdem gröber. Nicht mehr ganz so steil, aber doch durchgehend überhängend mit 4-5m Ausladung.

Auch in L6 (7a) geht's nochmals steil zur Sache an stark zerfressenem Fels.

L7, 20m, 6c+: Die Wand legt sich vermeintlich zurück, das Schlussstück sieht aus der Bottom-Perspektive schon nahezu "einfach" aus. Doch einerseits befindet man sich immer noch auf der ungünstigen Seite der Vertikalen, andererseits sind die Griffe zwar immer noch gut, aber nicht mehr nur Top-Henkel. So muss man sich doch noch ein wenig anstrengen, auch die Müdigkeit könnte sich inzwischen bemerkbar machen. Sehr lange anhalten tut die Kletterei aber hier nicht, bald ist der Stand am Übergang zu flacherem und brüchigem Gelände erreicht, etwas tiefer als die Nase links.

Am Top sind wir etwas vor 15.00 Uhr, somit beanspruchte uns die Kletterei rund 5:00h. Wie so oft gibt es am Ausstieg weder Kiosk, Getränke noch sonstige Unterhaltung und darum treten wir umgehend den Weg talwärts an, welcher ob der Steilheit der Wand nochmals Aufmerksamkeit braucht. Vom Top würde es metermässig und von der Position her gleich zu Stand 5 reichen. Unklar jedoch, wie gut man das Seil abziehen kann - wir haben uns nicht auf Experimente eingelassen und zweit Etappen gemacht. Achtung, beim Abseilen über L6 und L5 ist wegen der Steilheit und dem diagonalen Verlauf wiederholtes Exen klippen unumgänglich. Vom Stand nach L4 geht's dann direkt zu jenem nach L2. Am besten die letzte Zwischensicherung von L4 klippen und pendeln, so funktioniert es tiptop. Der zweitletzte Abseiler über L2 hat ca. 7-8m horizontalen Versatz, geht aber gut. Schlussendlich bringt einen die letzte Etappe über L1 und L0 zurück zum Einstieg an der Fixseilpiste.

Die Abseilerei ist überaus steil, teilweise sind die Standplätze auch noch seitlich versetzt.

Inzwischen sind einige von Schmelzwasser gespeiste Wasserfälle in Betrieb, die von der Thermik in alle Richtungen verblasen werden. Somit ist das Ambiente auf dem Band eher feucht und man bekommt immer mal wieder eine Ladung ab. So machen wir uns auch hier umgehend vom Acker, d.h. queren aus der Wand raus. In sicherer Distanz von dieser legen wir dann das Material ab und montieren das leichte Tenü für den Abstieg. Eventfrei und zügig geht's Richtung Tal. Den Schlänggen passierend will sich auch Bernat nicht mehr auf mein "an 8a per day keeps the doctor away"-Angebot einlassen, da scheint der Autositz und v.a. dessen Klimaanlage auch für zwei absolute Kletterfans die attraktivere Wahl.

Facts

Titlis Nordwand - Colibri 7b+ (7a obl.) - 8 SL, 225m - Ruhstaller/Rathmayr 2013/2014 - ****;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, Cams 0.4-1

Colibri ist eine tolle Route im üblichen Titlis-Nordwand-Stil. D.h. unten plattig und oben sehr stark überhängend in henkligem Fels. Der Unterschied zu manch anderer Tour an der Wand liegt darin, dass hier die plattige Einstiegslänge die Crux darstellt und zwar nicht auf dem Papier, aber in Realität vor Ort eine ziemlich inhomogene Route erzeugt. Das hat auch damit zu tun, dass die Bewertungen nach meinem Gusto total inkonsistent sind: L1 ist hammerhart für 7b+, vermutlich könnte ich das niemals punkten. Die ausdauernde 7b+ in L5 ist dagegen viel leichter verdaulich: das kann sogar der angejahrte Herr Dettling relativ komfortabel flashen. Nimmt man diese Länge als Referenz für den Grad, so sehe ich L1 im Bereich 8a/+ (zu 100% Ernst gemeint!). Natürlich geht die Rechnung mit den wahrgenommenen 3-4 Einstufungen Differenz auch andersrum, oder noch eher liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

Aus meiner Optik ist es schade, dass in L1 nicht ein einfacherer Weg gewählt wurde. Ich habe schon beim Klettern vermutet, dass dies ginge, die Inspektion beim Abseilen hat es definitiv bestätigt. Würde man nach der ersten Hälfte rechts raus ziehen, so wäre diese Länge kaum schwieriger wie 7a, würde von den Anforderungen her sehr gut zum Rest passen und die Route zu einem Klassiker der Wand machen - insofern eine verpasste Chance. Dass dann obendrein auch noch die Absicherung in dieser Plattencrux fordernd ist, kommt dazu. Ob die 7a obl. passt?!? Sicher muss man im plattig-vertikalen Gelände voll parat sein. Die schwierigste Stelle dürfte mit Trittschlinge und auf den Haken stehen schon etwas zu entschärfen sein. Es folgen dann nämlich wieder Griffe und Tritte, zwingend geklettert werden muss der 6m-Runout zum Stand aber doch. 

Eine denkbare Alternative ist eine Kombination von Land ohne Herren und Colibri. Man kann nach L4 von Land ohne Herren gut in die Colibri wechseln. Es ergäbe sich die dankbarste Route in diesem Wandbereich mit homogenen Anforderungen. Wobei nicht unerwähnt bleiben darf, dass die 7a+ in L3 von Land ohne Herren auch nicht so leichtverdaulich ist und eine zwingende Passage bereithält (diese ist jedoch zugänglicher im Charakter und massiv einfacher wie das, was in L1 von Colibri verlangt wird). Diesen Zeilen zum Trotz: die Absicherung in Colibri darf man als gut mit rostfreien BH bezeichnen - gefährlich ist es nicht, aber mit A0 kommt man nicht weit. Auf den Platten braucht es definitiv einen starken Kopf. Oben im Überhang nicht so sehr, auch wenn es schon auch etwas spooky ist, bei Steilheit wie in der Halle zu klettern, aber halt nur jeden ca. vierten Haken zur Verfügung zu haben. An den guten Henkeln mit ausreichend Kraft bzw. Ausdauer scheint das aber besser erträglich, zudem wäre die gravierendste Folge bei einem Sturz nur, dass man u.U. den Fels nicht mehr erreicht. In gedruckter Literatur findet sich die Colibri mit einem Fototopo im SAC-Kletterführer Zentralschweizer Voralpen, Band SW. Hier nachfolgend das Originaltopo der Erschliesser.

Das Topo zur Colibri von den Erschliessern.

Montag, 4. September 2023

Titlis Nordwand - Size Matters (7c)

Hitzewelle mit stabilem, gewitterfreiem Wetter schon seit einiger Zeit, leider hatte ich sie nicht wirklich für MSL-Touren nutzen können, welche nur bei diesen speziellen Lagen möglich sind - ja sogar mich sogar an einem Tag bei absolut saunahaften Bedingungen anlässlich der ZKM im Indoor-Klettern versucht. Das war für mich aber eine ziemlich frustrierende Erfahrung, gebadet im eigenen Schweiss fühlten sich alle Griffe wie mit Schmierseife bestrichen an, der Grip war bei unternull und es ging einfach rein gar nichts 🥵 Klarer kann man es nicht aufgezeigt erhalten, dass in einer solchen Periode an einer hoch gelegenen, schattigen Wand angegriffen werden soll. Und tatsächlich, mit etwas Geduld war die Gelegenheit da, um mit Local Angie an der steilen Titlis Nordwand zu versuchen. Das Ziel war, die erst kürzlich im 2020 von Tobias Wolf und Michel Meyer erschlossene Size Matters (9 SL, 7c) zu begehen, so weit wie möglich freizuklettern und zu punkten.

So gefällt es mir die Hitzeperiode wesentlich besser als schweissgebadet und ohne Grip in der Halle.

Unsere Tour startete um 7.15 Uhr beim üblichen Ausgangspunkt bei der Fürenalpbahn. Zügig liefen wir den uns bestens bekannten Weg hinauf zum Einstieg, welcher sich ca. 30m rechts der Rampe befindet, über welche man für viele andere Touren in die Wand quert. Ein rostfreier BH mit langer Schlinge markiert den Start, zur Zeit unserer Begehung war der Name auch mit einem Stein im belagigen Fels eingeritzt. Nach 1:25h hatten wir diesen Ort erreicht und bereiteten uns im Schatten bei angenehmen Temperaturen auf die Kletterei vor. Ein paar Minuten vor 9.00 Uhr ging es schliesslich los. Wir hatten uns für einen Blockvorstieg entschieden, wobei Angie die ersten 4 und ich meinerseits die folgenden 5 Längen übernehmen würde.

Der zentrale Teil der Titlis Nordwand mit dem Verlauf von Size Matters (7c).

L1, 50m, 7b+: Los geht's zwar recht steil, aber griffig und daher moderat schwierig im 6b-Bereich. Etwas bedenklich ist der Abstand von Bolt #2 zu #3, wo ein Grounder absolut drinliegt. Man kann dazwischen eine mobile Sicherung anzubringen versuchen (Cam 0.75, passt eher schlecht, besser evtl. einen mittleren Keil verwenden). Nach einem etwas brüchigen Intermezzo muss dann ein massiv überhängender Wulst attackiert werden. Da hätte es bestimmt auch Optionen mit etwas tieferer Schwierigkeit gegeben, aber die Route führt volle Kanne mittendurch. Die Hauptschwierigkeit ist ziemlich kurz und zwar gut abgesichert, da man aber schon relativ weit oben von gestuftem Gelände ins Steile klettert, ist aufmerksames Sichern geboten. Es muss heftig an kleinen Leisten bei akuter Trittarmut geriegelt werden. Leider ist der Fels ziemlich staubig. Noch dazu waren meine Finger (als Nachsteiger, nach längerem Sichern) nicht wirklich auf Betriebstemperatur und so habe ich hier ziemlich subito das Handtuch geworfen. Ein bisschen schade zwar, aber werten wir das positiv als die nötige Altersweisheit, welche unnötige Verletzungen vermeidet. Nach einem henkligen Exit aus der Crux folgt nochmals einfacheres und auch nicht überall supersolides Gelände zum Stand. 

Seitenblick zum Lochblick - wer sucht, der findet einen Kletterer der Seilschaft, die dort aktiv war.

L2, 50m, 6b: Gleich aus dem Stand raus wartet die Crux in kompaktem Gelände. Wer sucht der findet die 6b-Lösung, zauberhaft geht's auf! Der Rest der Seillänge bietet leider nicht dieselben, erquickenden Erlebnisse. Erst eine Verschneidung mit etwas brüchigem Fels, dann wird das Gelände graduell einfacher und gestuft, ja sogar beinahe Gehgelände. Etwas Vorsicht ist angebracht, denn auf den Bändern liegen lose Steine und die Sicherungsperson unten steht exponiert in Schusslinie, hat aber keinen Sichtkontakt.

Ausblick auf L2 (6b), die einen wirklich coolen Beginn hat und dann einfach wird.

L3, 50m, 7a+: Eine sehr originelle Seillänge, einzigartig! Es stellt sich nämlich eine kompakte Plattenzone in den Weg. A priori ist es schwierig einzuschätzen, wie "machbar" sich dieser Abschnitt entpuppt. Mit etwas Kenntnis vom Titlisfels kann man zwar vermuten, dass die nötigen Leisten schon da sind. Aber es war dann doch noch ein wenig anders wie zuerst gedacht. Anyway, gleich zu Beginn heisst es erst einmal, die grauen Zellen einzuschalten. Die Erschliesser haben sich wohl beim Bohren der Sicherung auch gedacht, dass es gerade hinauf schon gehe - das war/ist ein Irrtum. Nach dieser Passage geht's vorerst recht kommod voran, wie erhofft hat es genügend positive Struktur. Was sich aber ändert: die Schüpplein werden plötzlich klein à la Beastmaker 8mm und man muss die Sequenz sorgfältig zu planen beginnen. Erwähnt sei, dass manche dieser Minischüpplein etwas fragil wirken. Ohne ihnen voll zu vertrauen geht es aber nicht, bei uns hat auch alles standgehalten. Die Crux ist ein Rockover auf einen hohen Tritt, der zwar gut gesichert, aber doch zwingend ist. Adäquate Hüftbeweglichkeit und präzises Schuhwerk mit etwas Downturn machen es sicher einfacher. Recht anhaltend, aber nicht mehr ganz so schwierig geht's zum Stand.

Die kompakte Wandzone von L3 (7a+) bietet einen sehr langen Abschnitt...
...mit echt cooler Crimperei!

L4, 35m, 7b+: Bis zu dieser Seillänge spielte sich die Route (mit Ausnahme vom kurzen Wulst in L1) auf der gutmütigen Seite der Vertikale ab. Mit Blick nach oben wird klar "das ändert nun". Na gut, erst führt noch ein kurzes Schnafel-Intermezzo zur steilen Wand, welche an ihrem Eintritt dann auch gleich mit der Crux aufwartet. Es handelt sich um einen kniffligen, eher technischen Boulder in leicht überhängender Wand. Mir ist der ziemlich leicht gefallen, schwierigkeitsmässig gefühlt nicht "on par" mit der Passage in L1. Ob das generell gilt, an individuellen Vorlieben oder der Körpergrösse liegt?!? Schwer zu sagen, ich konnte problemlos passieren und die folgenden Henkel erreichen. An diesen geht's im Turnfest-Style bei Anforderungen von maximal im 7a Richtung Stand, wobei die letzten Meter nochmals etwas Entschlossenheit erfordern.

Einstieg in den steilen Wandteil mit der Boulder-Crux von L4 (7b+). Auch der erste Teil von L5 (7a+) verläuft in dieser Wand, welche hier den Horizont bildet, mehr oder weniger direkt oberhalb der Position des Fotografen. 
Prima Moves findet man auch im oberen Teil von L4 (7b+).

L5, 50m, 7a+: In der steilen Wand geht's weiter, mein Apriori-Eindruck von "da haben sich aber auch eher die steilste als die gängiste Variante gewählt" verflüchtigt sich beim Klettern subito. Liegt auch daran, dass das Gestein hier ortstypisch mit formidablen, positiven Henkeln in rauem Fels auftrumpft. Die Passage ist sehr freundlich gesichert, trotzdem gilt es den Weg von Haken zu Haken zu planen. Aufgehen tut wohl jede erdenkliche Sequenz, die Frage ist bloss, wie wählerisch man zu sein hat, um in der Vorgabe von 7a+ zu bleiben. Vermutlich nicht einmal allzu sehr, ist mein Fazit in Retrospekt. Mir jedenfalls gelang es mühelos, auch wenn man vielleicht mal 2-3 Griffe leicht riegeln muss, kommt dann sicher der nächste Henkel, wo man sich wieder Übersicht und Luft verschaffen kann. Man steigt dann in eine seichte Verschneidung aus, das Gelände legt sich zurück und die Schwierigkeiten lassen nach. Man wähnt die Sache schon als gegessen, wie das Gestein zum Ende hin (für den Titlis absolut untypisch) nordwandmässig glatt und mit weissen Flechten übersät wird. Gut planen, ausspreizen, den Füssen vertrauen und kühlen Kopf bewahren heisst es da. Was auch daran liegt, dass sich diese Passage über dem Haken abspielt. Es ist mehr mental als schwierig... aber mit dem nach unten ziehenden Seilgewicht und der Sicherungsperson ausser Sicht- und Hörweite fühlt man sich da unweigerlich etwas auf sich alleine gestellt.

Auf diesem Foto sieht man das Filetstück von L5 (7a+) mit der überhängenden Henkelei nicht. Gezeigt wird hingegen der etwas einfachere Ausstieg durch eine seichte Verschneidung. Auch das hier für die Location unübliche, nordwandelig glatte Gestein mit den weissen Flecken kann man nachvollziehen. Die etwas heimtückische Abschlusspassage bleibt dann jedoch wieder verborgen.

L6, 50m, 6c: Der Ausblick verrät, dass die Wand steil (vertikal bis leicht überhängend) daherkommt. Von unten sieht's kompakt und unnahbar aus, aber der Titlis-Kenner weiss um die Henkel, welche sich hier typischerweise präsentieren. Und genau so ist es dann. Zuerst über ein paar Meter gestuftes Gelände geht's ans Eingemachte, wobei hier 3 BH mit kurzem Abstand und auch die schwierigste Passage folgen. Aber dann... werden die Sicherungsabstände weit! De fakto sind es am Ende 8 BH auf die 50m, wobei die ersten drei ja eben nahe stecken. Somit sind die Sicherungsabstände im oberen Teil jeweils ca. 8-10m. Ja, es ist alles gutgriffig und wohl so im Bereich von 6a+/6b. Aber eben doch auch etwas spooky. Man stelle sich eine anhaltende 6b-Hallenroute vor, wo man gerade mal 1 Zwischensicherung einhängen darf (klar ok, ist wegen der dortigen Bodensturz-Gefahr auch nicht wirklich vergleichbar, einfach so rein von den Distanzen her, denke in der Halle kriegt man eher auch schon Muffensausen, wenn man einmal 2 Haken auslassen müsste, hier wären es dann aber eher etwa 5). Kommt noch hinzu, dass man sich den Weg zwischen den in schön gerader Linie steckenden Haken etwas mäandrierend suchen muss, sie oft recht ehrlich angeklettert sein wollen. Und vor allem auch, dass der Fels nicht Premium ist. Griffe zum Ausreissen und Tritte zum Wegbrechen gibt's da sicher manche - natürlich aber auch genügend solides Material, welches standhält. Man verstehe mich nicht falsch, mit der nötigen Erfahrung, einem kühlen Kopf und wissend was man tut ist es nicht so eine Sache, echt gefährlich wohl auch nicht... irgendwie leicht unentspannt aber doch.

Gutgriffige Kletterei bei weiten Hakenabständen im oberen Teil von L5 (6c).

L7, 25m, 6c+: Ja, jetzt habe ich im Paragrafen zu L6 so viel getippt, dass mir hier fast nichts mehr übrig bleibt. Denn diese Seillänge unterscheidet sich von der vorangehenden kaum. Bald nach dem Stand folgt die schwierigste und etwas steilere Passage, hier ist auch der Fels schöner/solider und die Absicherung vernünftig. Die oberen zwei Drittel sind dann eben vom in L5 geschilderten Style.

Seitenblick zur sehr markanten Struktur der Nase, wo Duracell (7b) und Land ohne Herren (7c) enden.

L8, 50m, 7a: Und es folgt gleich nochmals ein Abschnitt, welcher den beiden vorangegangenen sehr stark ähnelt. Auch hier beginnt es in der Tendenz etwas steiler und kompakter, während im oberen Teil erneut wieder Nervenkitzel im "ja nicht stürzen"-Gelände folgt. Die Crux ist etwas unübersichtlich, für einen Moment stand ich da etwas wie der Esel am Berg (bzw. hing an guten Griffen, bevor es wirklich losgeht). Denn irgendwie schien es plötzlich keine tauglichen Strukturen mehr zu haben, viele Alternativen waren denkbar (links, mittig, rechts), aber keine präsentierte sich als optimale Wahl. Sprich, die Intuition streikte für einen Moment und "7a, w.t.f." dominierte die Gedankenwelt. Das hilft aber bekanntlich nicht weiter, mit etwas Geduld fand ich den Schlüssel, alles löste sich prima auf und so war es eben auch nicht schwieriger als 7a. Danach zum Stand hin dann wieder das bekannte runoutige, eher alpin anmutende Gelände.

Zumindest optisch alpin anmutende Kletterei im oberen Teil von L8 (7a).

L9, 30m, 7c: Mir schien es, als ob die Erschliesser hier ihrer Route noch einen Schlusspunkt setzen wollten, der sie als taffe MSL-Sportkletterei definiert und nicht bloss einfach eine 7b-Route für jede:n ist. Vom Stand leicht rechts hoch, ein paar Meter neben der nun gewählten Linie hätte sich m.E. schönes, griffiges Gelände gefunden, welches kaum den 9. UIAA-Grad fordert. Aber item, die Route führt leicht nach links und verläuft in (oder zumindest hart an) einem dunklen Wasserstreifen, der sicher nicht immer trocken oder dann etwas staubig-belagig ist. Ein kurzer Bewegungsboulder zum Einstieg führt zu einem Dächli (erste Crux), wo man erst an etwas dubiosen, verkeilten Steinen zerrt und dann an staubigen Schlitzen mantelt. Es folgt eine etwas einfachere Sequenz (ca. 7b) mit leistenlastiger Rési-Wandkletterei, das sind echt coole Moves. Vor der finalen Crux lässt es sich dann recht gut Schütteln und überlegen, was man tun will. Laut Topo gibt es da nämlich 2 Varianten, die direkte (8a) und eine Rechtsschleife (7c). Letztere ist der Weg des geringsten Widerstands und gerade im Onsight sicherlich die logische Wahl. Eine schliesslich doch erstaunlich knifflige, bewegungsintensive Querung führt zu einem Extrabolt und guten Griffen, die einem wieder nach links auf den Direktweg zurückleiten. Ein Tipp an alle, die bis dahin noch keinen Tolggen im Reinheft haben: nicht die Sache auf den letzten Moves noch hergeben... Es ist steil und unübersichtlich, man muss noch 1-2x durchziehen - nicht wirklich schwierig, wenn man weiss was tun, bzw. wo die Griffe sind die anhängen. Mit leerem Tank hat das aber quasi auf dem letzten Meter leider noch Abwurfpotenzial. 

Angie am Schüttler nach der "leistenlastigen Rési-Wandkletterei" im Mittelteil von L9 (7c). Am Seilverlauf erkennt man gut den folgenden (vor Ort absolut logischen) Auskneifer in den Goldstreifen. In voller Auflösung ist auch der nicht geklippte BH der 8a-Variante erkennbar. Er liegt zwar fast im Seilverlauf und von unten denkt man sich zuerst durchaus "den klippe ich dann, auch wenn ich die 7c-Variante mache". Aber das entpuppt sich als komplett unrealistisch...

Zur 8a-Direktvariante kann ich nicht allzu viel sagen: wie geschrieben leitet einen das Gelände nach rechts, sprich in direkter Linie hat's keine offensichtlichen, tauglichen Griffe und der Klipp des BH der 8a-Variante scheint so etwas zwischen 'proper hard' und 'desperate'. Irgendwie dünkte es mich, dass man nach dem Klipp (für welchen man etwas höher steigen muss als man in der 7c-Variante klettert) wohl doch so schnell und gut wie möglich nach rechts in den Bereich der 7c-Lösung halten würde, um die dort einfach deutlich zahlreicheren und besseren Strukturen zu erreichen, womit sich die 8a aus dem Klipp des schwierig erreichbaren BH ergeben würde. Aber das ist nicht verifiziert und möglicherweise ein Trugschluss - take it for what it's worth. Oder mit anderen Worten: wenn ich die 8a hätte punkten können, so würde mein Text vielleicht ganz anders ausfallen.

Super fotogen und viel Luft unter dem Bürzel - Angie in L9 (7c).

Ein paar Minuten nach 16.00 Uhr und somit nach guten 7:00h der Kletterei waren wir am Top. Die Seillängen 2-8 gelangen mir alle gut onsight bzw. flash und am Stand vor der Crux hatte ich mich schon gefragt, ob ich die Chance auf den stilreinen Gesamtdurchstieg mit meinem Verzicht auf vollen Angriff in L1 wegen den noch kalten Fingern zu leichtfertigt verschenkt hatte. Wie gut man mit der logisch gefolgerten Emotion "es ist besser, wenn du die 7c nicht schaffst" klettert, kann man sich ja vorstellen... 🙈 Nein, ich mache nur Spass - natürlich habe ich mein Bestes gegeben und solch doofe Gedanken komplett ausgeblendet. So ganz ohne Kletterspuren war sie mir aber leider zu schwierig für einen Onsight 🤷🏼‍♂️. Mit noch etwas Tuning der Sequenz schien mir ein RP zwar absolut realistisch. Aber eben doch auch nicht zu 100% gewiss, zudem hätte ich ja dann auch in der 7b+ von L1 noch Nachbessern müssen (was mir ehrlich gesagt da und erst recht jetzt im Nachhinein mehr Bedenken macht/e). Zusammen mit der Tatsache, dass auch die Sonne bald die Wand bestreichen würde, einer durchaus fühlbaren Müdigkeit und vor allem der persönlichen Einstellung, dass man beim Wiederholen von MSL pro Seillänge genau 1 Shot hat und es entweder gleich geht oder dann halt nicht, wurden allfällig aufkeimende Ambitionen auf "mehr" wieder verworfen.

Im Exit aus L9 (7c) warten noch 1-2 athletische Moves mit Abwurfpotenzial 😲

Somit seilten wir ab. Im Vergleich zur jüngsten Erfahrung in Land ohne Herren war das in der Size Matters bloss ein Kinderspiel (eine in der LoH agierende Seilschaft brauchte tatsächlich ein Mehrfaches an Zeit für das Abseilen wie wir). L9 ist deutlich überhängend und erfordert etwas Pendelschwung, das passt aber gut. Ebenso sollte man in L5 ein, zwei BH einhängen (da die Länge oben seitlich quert und unten überhängend ist). Die restlichen Stände sind gut erreichbar, im unteren Teil ist sogar eher die Seilpflege und Umsicht wegen ausgelöster Steine das dominierende Thema. Während in der Wand durchaus angenehme Temperaturen geherrscht hatten (kurze Hose, T-Shirt, manchmal das Jäckli zum Sichern, sogar beim Klettern blieb es mal an), konnten wir uns zurück beim Einstieg sogar genussvoll und ohne gleich versengt zu werden in die Sonne setzen. Nach einer gütlichen Pause machten wir uns an den zügigen Abstieg - das war es wohl mit der Titlis-Saison 2023, but we'll see.

Facts

Titlis Nordwand - Size Matters 7c (bzw. 8a, ca. 6c obl.) - 9 SL, 390m - Wolf/Mayer 2020 - ***;xxx
Material: 2x50m-Seile, 12 Express, evtl. Cam 0.3-0.75 oder Keile für L1

Zur Zeit noch wenig bekannte und begangene Route durch einen zuvor noch unerschlossenen Wandbereich zwischen der Piccola Spada und dem Lochblick. Wir waren sehr gespannt auf dieses Unternehmen, welches sich auf laut den Einstufungen auf dem Papier in einer ähnlichen Kragenweite wie die Land ohne Herren abspielen könnte. Diese Erwartung wurde nicht ganz erfüllt: die Route ist deutlich weniger steil als die beliebten Unternehmungen à la Süpervitamin und Land ohne Herren im linken Wandteil. Überhängend-athletische, eindrücklich steile Henkel-Ausdauerkletterei findet man nur in Teilen von L4 und L5 sowie in L9. Auf weiten Strecken ist die Kletterei in der Size Matters sogar erstaunlich einfach, die schwierigen Stellen sind meist kurze Bouldersequenzen. Auch wenn sich die Route lohnt und mir einen tollen Klettertag beschert hat, wird sie sich kaum als die erste Adresse etablieren, auf welche man an dieser Wand aspiriert. Die Absicherung mit rostfreien BH ist an den schwierigen Stellen (ab ca. 6c) prima und im xxxx-Bereich einzuordnen. Im einfacheren Gelände sind die Abstände aber dann schon deutlich grösser und man könnte eindrückliche Flüge hinlegen, wenn man zur Unzeit einen Fehler macht oder ein Griff/Tritt ausbricht (dass einem an den dortigen Henkeln die Kraft ausgeht, ist hingegen eher unwahrscheinlich). Weil die Wand da meist steil ist, wären solche weiten Stürze aber hoffentlich folgenlos. Item, dort würde ich die Absicherung noch maximal auf Stufe xxx einschätzen. Hinzu kommt, dass das Gestein dort dann auch nicht immer bombig, zumindest aber noch sehr unabgeklettert ist. Für umsichtige, alpin erfahrene Kletterer passt das schon, aber [...]. Laut dem Topo der Erschliesser (siehe unten) werden keine mobilen Sicherungen empfohlen. Dem kann ich beipflichten, denn gute Placements gibt es (v.a. dort wo es nötig schiene) kaum. Wir hatten ein paar Cams am Gurt, ausser in der im Text erwähnten Stelle in L1 haben wir jedoch nix gelegt.

Topo der Erschliesser - hier geht's zum Blog von Tobias, wo es herkommt!


Dienstag, 18. Juli 2023

Titlis Nordwand - Land ohne Herren (7c)

'Land ohne Herren' - diese bekannte Route des illustren Erschliesserduos Ruhstaller/Rathmayr hatte ich natürlich schon lange auf dem Radar. Das Problem war bloss, dass mir das Anforderungsprofil für eine Onsight-Session mit 6a, 6c, 2x 6c+, 7a, 7a+, 2x 7b und einer 7c selbst in der Kletterhalle die Unterarme zum Explodieren bringt. Normalerweise kann man sich bei einer MSL immerhin auf das Argument zurückziehen, dass die Kletterei weniger steil und physisch anstrengend wie Indoor ist. Nicht jedoch bei dieser fast permanent überhängenden Route am steilsten Stück Fels im Titlismassiv. Da aber Alexandra (➡ Trainerin von Larina) sich wieder einmal auf eine MSL wagen wollte um vom "Experten" einige First-Hand-Tipps in Erfahrung zu bringen, war ich mir einer kompetenten Ropegun sicher. Denn für sie ist das oben erwähnte Programm nach wie vor just an easy day...

Die Titlis Nordwand mit dem Zustieg übers Band (gepunktet) und dem Verlauf von Land ohne Herren.

Da ein Hitzetag prognostiziert war, wir eine zeitige Rückkehr präferierten und vor allem nicht hinter einer anderen Seilschaft klettern wollten, brachen wir früh auf - Weckerzeit um 4.30 Uhr klassifiziert da definitiv dafür. Immerhin, der Benefit war einer der wenigen verbleibenden Gratis-Parkplätze bei der Fürenalpbahn. Um 6.45 Uhr zockelten wir da los, gingen am um diese Zeit logischerweise verwaisten Schlänggen vorbei und nahmen den mir bestens bekannten Pfad via Hohfaldalp zum Galtigbergboden. In etwas weniger als 1:30h hatten wir die 900hm erledigt und standen nahe der Rampe, welche zum Band inmitten der Wand führt. Obwohl es noch früh war, hatte die Sonne beim Zustieg bereits eingeheizt und wir begaben uns gerne in den Schatten, um das Gstältli zu montieren und den Helm aufzusetzen. Die Querung übers Band bis ganz hinüber unter die Nase nimmt dann noch einiges an Zeit in Anspruch. Das Gelände ist teils exponiert und man muss sich an Fixseilen hinüberhangeln. Während die ersten Seile bis zur Piccola Spada neuwertig sind, so sind schon jene hinüber zur Süpervitamin marode und teils zu kurz. Danach ist es nur noch schlimmer (Stand Juli 2023). Es wäre schön, wenn jeder Titlisgänger ein Stück Seil mitführt (15-20m reichen) und auf einem Teilabschnitt einen alten Strick ersetzt (Update vom September 2023: inzwischen hat sich die Situation bis zur Süpervitamin verbessert, siehe Kommentar unten). 

Es ist ja schon ziemlich speziell, dass die Routen am Titlis erst inmitten der Wand beginnen. Das Band, das dahin führt, ist über weite Strecken erstaunlich einfach begehbar. Einige Abschnitte sind aber in exponiertem Absturzgelände, wo man zwingend auf die Fixseile angewiesen ist (oder dann zeitaufwändig in Seilschaft sichern müsste).

Der Einstieg war für mich als Beinahe-Ortskundiger (die LoH war zu diesem Zeitpunkt meine sechste Route in der Titlis Nordwand) relativ schnell aufzufinden. Vom Ende der horizontalen Fixseilquerung zum Bereich des Piz dal Nas geht man noch 10m nach links, über eine 3-4m hohe Stufe hinauf und befindet sich dann auf dem wieder breiteren Band unter der Nase. Hier nun leicht rechts ein paar Meter hinauf auf ein höheres Band, wo man den rot lackierten Einstiegs-BH (Fixé-Plättli) findet. Mit der Gear-Montage und der Querung waren nochmals 30 Minuten draufgegangen, so dass wir ziemlich genau 2:00h nach Aufbruch am Einstieg waren. Wir trödelten nicht herum, sondern schlüpften zügig in die Finken und starteten wohl ein paar Minuten nach 9:00 Uhr mit der Kletterei. Bis auf eine Seilschaft die drüben im Lochblick aktiv war und einer, die später noch zur Süpervitamin kam, waren wir alleine im Sektor unterwegs.

Letzter Teil der Fixseil-Querung, welcher in den Bereich unter der Nase führt (hier auf unserem Rückweg fotografiert). Das Gelände hier exponiert, zudem nass und kraxlig. Die Seile sind hier in schlechtem Zustand, noch dazu durch wegen Beschädigung gemachter Knoten inzwischen zu kurz. Mit 2 Seilschlingen, die ich gerade noch dabei hatte, konnte ich etwa 3m verlängern, was die Sache gerade wieder halbwegs vertretbar ist. Hätte ich es gewusst, so hätte ich mehr an Seilreserve mitgenommen.

L1, 20m, 4c: Verschärfter Teil des Zustiegs sozusagen, ohne fixe Absicherung und Legemöglichkeit, eher brüchiges Gelände. Die Seilsicherung dient dem Vorsteiger nur der Totalschadenbegrenzung (Absturz zum Wandfuss).

L2, 35m, 6c: Der erste überhängende Wulst folgt sogleich nach dem Stand und schon heisst es das erste Mal zupacken (bei auch noch nicht 1a-Felsqualität). Gut abgesichert jedoch. Nachher hat es über weite Strecken meist gute Leisten, dafür stecken die Bolts eher weiträumig. Eine kurze Stelle im letzten Drittel fordert nochmals mehr.

Meist - aber halt eben nicht immer - findet man in L2 (6c) gute Leisten.

L3, 35m, 7a+: Warnung, wer in der Nacht vor der Tour ruhig schlafen will, liest die folgenden Zeilen vielleicht lieber nicht... Der erste BH steckt hier etwas hoch und so schaffte es Alexandra sogar, in einer Rissspur links einen 0.75er-Cam zu versorgen - den einzigen der ganzen Tour. Das ist aber noch nicht das Problem. Sondern, dass der Abstand zwischen dem zweiten und dritten BH etwa doppelt so gross ist wie die übrigen Distanzen. Und nein, die Kletterei da ist eben nicht einfach, sondern es ist die Crux der Länge! Eher feine Leisten, relativ trittarm und ziemlich unübersichtlich - es braucht Mut und Kletterkönnen. Definitiv kann man da einen gehörigen Abflug hinlegen und wohl recht hart und unangenehm stürzen. Echt gefährlich ist es aber nicht, die Wand ist da leicht überhängend und der Sturzraum ist frei. Kommt noch hinzu, dass mich diese Sektion eher schwieriger dünkte wie die beiden 7b weiter oben - bisschen schade diese Hartmacher-Passage, irgendwie suboptimal auf der sonst eigentlich durchgehend top abgesicherten Route. Sonst ist die Länge aber echt cool, super Kletterei in scharfem Tropflochfels, mich hat es sehr an die Eiger-Nordwand (Deep Blue Sea) erinnert.

Nicht so angenehm... in L3 (7a+ engagée) ist der Abstand in der Crux vom zweiten zum dritten BH (wie hier auf dem Foto in voller Auflösung gut sichtbar) etwa doppelt so gross wie die restlichen. Den drohenden harten Sturz ausblenden, gut festhalten und durch muss hier die Devise sein.

L4, 25m, 6a: Ein nochmals relativ gutmütiges, wohl nicht einmal ganz senkrechtes Überführungsstück, bevor es dann definitiv ans Eingemachte geht. Schöne, griffige und gut kontrollierbare Kletterei, da wird es einem trotz nur 2 BH und einer Lotter-Sanduhr nicht Angst und Bange.

L5, 30m, 7b: Keine Frage, ab jetzt wird es echt steil. Als Nordwand-Kenner weiss man ja, dass damit auch unweigerlich die guten Griffe kommen. Und genau so ist es dann auch, so dass man vorerst gut an Terrain gewinnt und den Pump unter Kontrolle halten kann. Die Crux dieser Länge besteht aus einer kurzen Boulderpassage mit "gewusst wie"-Faktor. Leider sind da die Griffe oft nass und weder sonderlich scharf noch positiv. Hat man den Schlüssel gefunden, so darf man die genussreiche Henkelei wiederum frohgemut fortsetzen. 

Im steilen Wandteil hat man fast durchgehend juggy Gelände. Wenn dann die Henkel oder zumindest die positiven Leisten aber mal kurz fehlen, wird es logischerweise subito schwierig. In L5 und auch in L6 hat es je genau eine solche Stelle, wo man dann wegen dem Pumpfaktor auch nicht ewig nach einer Lösung suchen kann.

L6, 25m, 7c: Ohlalalala, man hält es kaum für möglich, aber die Steilheit legt gleich nochmals eine Schippe drauf. Schon nach den ersten Moves wird es gleich powerig und anhaltend geht's im "Vorglühen" (und hoffentlich nicht "Verglühen")-Modus bis zu einem Schüttler, wo man sich vor der relativ kurzen, bouldrigen "gewusst wie"-Crux etwas mehr (oder je nach Fitness weniger) Übersicht verschaffen kann. Für die Schlüsselstelle braucht man entweder einen guten Plan, oder dann die Fähigkeit, das nächstbeste Kleinmaterial an für einmal eher stumpfen Griffen zu nutzen. Mich hat es da leider rausgeputzt - alter Klempner, schade! Nachher wird dann wiederum "nur noch" die Ausdauer gefordert, um erfolgreich zum Stand zu klettern - und die war sogar bei mir in genügendem Ausmass vorhanden, also wird da bei starken Leuten kaum mehr etwas anbrennen.

Alexandra in der Crux (L6, 7c) - souverän wie gewohnt, das war bester Anschauungsunterricht!

L7, 25m, 6c+: Die Wand legt sich etwas zurück, gutgriffig bleibt's. Gleich aus dem Stand raus heisst es ordentlich festhalten, dann folgt eine etwas öttelige Stelle über eine Art Nase hinweg, bevor das etwas komisch gebohrt wirkende Ende folgt - naja, die Bolts leiten einen schliesslich doch auf die richtige Fährte und man kommt zum Standplatz unterhalb der Nase - von unten würde man nicht glauben, dass es da diese Flachzone gibt, wo sogar ein paar Grasbüschel wachsen.

L8, 15m, 7a: Ein kurzes 2-Bolt-Rüteli wartet hier. Hinüber zum steilen Pfeiler, da athletisch an Leisten hinauf, am Ausstieg kurz etwas dranbleiben und sobald man wieder in Gelände steht, wo man sich erholen kann, findet sich auch schon der Standplatz vor Beginn der nächsten Steilzone.

In der kurzen 7a-Länge (L8) mit Blick auf das erstaunliche, grasig-schottrige Band unter der Nase.

L9, 20m, 7b: Spätestens hier kann man endgültig konstatieren, dass es rechtsherum einfacher und weniger steil ginge. Das Kredo der Erschliesser lag jedoch darin, die steilstmögliche und homogen schwierige Linie zu wählen und so geht's hier nochmals in ein überhängendes Brett hinein. Dieses bietet durchgehend Material, das mindestens als "gute Griffe" zu bezeichnen ist, ja teilweise auch formidable Henkel. Dranbleiben und athletisch moven muss man trotzdem - es ist durchaus ein Test, wie viel Strom der Akku noch hat.

L10, 20m, 6c+: Mit einer Rechts-Links-Schleife wird nochmals alles an steilem Terrain ausgenutzt, was die Nase zu bieten hat. Natürlich erneut alles an grossem und positivem Griffmaterial. Selbstverständlich geht's langsam an die Substanz, aber hoffentlich reichen die Kräfte für den finalen Mantle auf die geneigte Abschlussplatte mit 400m Luft unter dem Pürzel - wäre schade es da noch zu vergeigen (ist uns aber nicht passiert).

Die Erschliesser haben bis zum Ende immer die steilstmögliche Linie gewählt (L10, 6c+).

Ein paar Minuten vor 14.00 Uhr und damit nach nicht einmal 5:00h Kletterei hatten wir das Top erreicht, eine sehr fixe Zeit! Aber Kunststück, mit einer Ropegun welche das alles mit einer unglaublichen Souveränität und Leichtigkeit klettern konnte. Mir war es auch ganz ordentlich gelaufen, für einen Komplettdurchstieg heisst es aber wiederkommen. Und erst noch etwas Suppe zu essen, das könnte auch noch nützlich sein. Am Routenende, d.h. auf der Kanzel der Nase kann man sich frei bewegen. Und noch ausserordentlicher, an die Kante sitzen und die Beine im Leeren baumeln lassen. Bis zum Wandfuss pfeift es da 400hm überhängend runter, das ist schon sehr, sehr aussergewöhnlich.

Wie schon damals bei der Duracell... oben am Routenende an die scharfe Kante der Nase zu sitzen, die Beine ins Leere baumeln zu lassen und unter sich 400hm Leere bis zum Wandfuss zu haben ist Pflicht!

Der massiven Steilheit wird man sich auch alsbald bewusst, wenn man abseilend wieder zu Tale gleiten möchte. Die Seilenden hängen da zig Meter von der Wand entfernt im luftleeren Raum. Man überlege sich also gut, wie man den Fels wieder erreicht. Auch das Handling an den Abseilständen will wohl durchdacht sein und mit Redundanz versehen werden. Einmal das falsche Seil loslassen bedeutet da die üble Arschkarte, da braucht es wirklich nicht viel, um mitten in der überhängenden Wand blockiert zu sein. Bei uns ging aber alles gut, uff! Eine etwas weniger extreme Option wäre das Abseilen über die Duracell, was wohl auch steil, aber nicht ganz so beständig massiv überhängend ist. Es macht jedoch wohl nur dann Sinn, wenn man diese Route kennt. Um 15.30 Uhr machten wir uns vorsichtig auf den Rückweg übers Band, um 17.00 Uhr schloss sich der Kreis bei der Fürenalpbahn, wo eine Affenhitze herrschte. Wow, das war nun eine richtig eindrückliche Sache gewesen. Und obendrein die richtige Destination für diesen Hitzetag. Ich hatte den ganzen Tag in Shorts und T-Shirt agiert und weder je gefroren noch geschwitzt - perfekt. Herzlichen Dank an Alexandra für diesen tollen Tag!

Facts

Titlis Nordwand - Land ohne Herren 7c (7a+ obl.) - 10 SL, 250m - Ruhstaller/Rathmayr 2006 - *****;xxx
Material: 2x60m-Seile, 10 Express, Cams/Keile kaum einsetzbar

Steil, steiler, Land ohne Herren! Ich wage die Behauptung, dass wir es hier im siebten Franzosengrad mit der steilsten MSL-Tour in der Schweiz zu tun haben. Die Kletterei ist wirklich äusserst spektakulär und aussergewöhnlich, eine absolute Must-Do-Route für all jene, die es draufhaben. Darum vergebe ich auch gerne 5 Sterne, selbst wenn die Felsqualität nicht auf jedem Meter top ist (im einfacheren Gelände ist es bisweilen auch mal etwas schottrig, teils ist der Fels etwas belagig/staubig). Abstriche könnten "Logiker" allenfalls für die ab L6 etwas gesuchte Linie durch die steilsten Zonen machen, etwas rechtsrum ginge es da beständig deutlich einfacher. Aber das entspricht natürlich nicht dem Konzept dieser Route, das nach meiner Ansicht absolut stimmig ist. Die Absicherung mit erst rot (später auch gelb und blau oder gar nicht) lackierten, verzinkten Haken ist an den schwierigen Stellen (>6b) bis auf den im Text erwähnten Hartmacher-Runout in L3 immer sehr gut (Niveau xxxx, bis auf die Stelle in L3 ist die Route auch nur ca. 6c+ obl). Wenn das Gelände leichter ist, so werden die Abstände deutlich grösser, was aber im gutgriffigen Fels kaum je ein Problem darstellt oder psycho ist. In den Topos werden die Friends 1.5 und 2 empfohlen (entspricht Camalot 0.75 und 1). Wir haben nur am Anfang von L3 den 0.75er ein einziges Mal platziert (mässig nötig/sinnvoll), sonst haben wir keine relevanten Einsatzmöglichkeiten für mobile Absicherung gesehen. Infos zur Wand/Route findet man im Filidor extrem Ost, dem SAC-Führer Zentralschweizer Voralpen Südwest und im Engelberg Outdoor Guide. Anbei das Fototopo der Erschliesser (vielen Dank!), wenngleich mit relativ schlechter Auflösung.

Fototopo zu Land ohne Herren an der Titlis Nordwand von den Erschliessern.

Dienstag, 25. April 2023

Skitour Engelberger Rotstock (2818m)

Endlich einmal - aus Sicht des Skitourengängers - hatte es Mitte April 2023 in der Höhe zünftig geschneit. Zudem kündigte sich ein sonniger Tag an, zusätzlich liess auch die Agenda gewisse Freiheiten zu. Schon längst war ich eigentlich in der Klettermodus gewechselt, aber so zur Abwechslung reizte mich diese Gelegenheit trotzdem sehr. Nachdem der Vorabend aber mit Arbeit und der Eastbolt-Jahresversammlung bis spät besetzt war, stellte ich meine Pläne in Frage. Zu meinem (Touren)glück musste die Tochter am Folgetag früh raus und mit einem raschen Blick auf die Webcams war meine Motivation zurück. Nun musste nur noch eine gute Tour her, die alleine, bei Stufe 3 und hochnebelartiger Bewölkung bis auf 2000m hinauf Sinn machte. Gut, ich geb's zu, da hatte ich am Vortag schon etwas Karten-Engineering betrieben, so ganz spontan in 2 Minuten war mir die Idee mit dem Engelberger Rotstock ab St. Jakob im Isenthal nicht gekommen.

Der Engelberger Rotstock (2818m) mit seiner Nordflanke in der linken Bildhälfte, der Aufstieg dahin verläuft zum Übergang des Rot Grätli (etwas rechts der Bildmitte), einem Höhenverlust nach dem Übergang und dem rückseitigen Aufstieg über die Südflanke des Rotstocks. Ab diesem Punkt herrschten noch ziemlich winterliche Verhältnisse.

Natürlich lag beim Ausgangspunkt beim P.1001 schon weit und breit kein Schnee mehr. Ohne auf das Schneetaxi (E-Bike) zugreifen zu können, hätte ich sie bestimmt nicht in Erwägung gezogen. Auf aperer Strasse ging es über 4.0 Kilometer Distanz steil aufwärts zum P.1416, ein wenig vor der Gossalp. Ab dieser Stelle lag Schnee, ich konnte die Bretter anschnallen und bis zum Gipfel an den Füssen belassen. Eigentlich stellte die von mir gewählte Route für mich gar kein Neuland dar. Vor 20-25 Jahren hatte ich bei den Touren ab der Bannalp zum Ruchstock (und retour via St. Jakob - Gitschenen - Brisen), zum Brunni- und Urirotstock alle Teile bis auf den Gipfelhang am Rotstock bereits begangen oder befahren. Aber das liegt ja schon sehr lange zurück und während sich einzelne Momente dieser Touren fest im Gedächtnis eingebrannt haben, sind viele Details (der Landschaft) nicht mehr so präsent. Das hat sicher auch damit zu tun, dass es von damals, noch vor dem Digital(foto)zeitalter, keine Bilder gibt.

Der Wissigstock (2887m) wäre mein alternatives Tourenziel gewesen, falls sich der steile Gipfelhang am Engelberger Rotstock als zu heikel erwiesen hätte. Das war jedoch nicht der Fall, so bleibt dieser sicherlich auch sehr lohnende Berg auf meiner Pendenzenliste.

Im frisch gefallenen, nass-pfluttrigen Neuschnee stieg ich durch die Schluecht hinauf zur Oberalp. Ab dieser Höhenlage hatte es in der Nacht wohl keinen Nebel gegeben, somit bessere Abstrahlung, was in einer mehr oder weniger tragenden Unterlage resultierte. So kam ich relativ zügig voran auf die Hochfläche unter der Bannalper Schonegg. Das Gelände ist dort sehr coupiert mit Buckeln, Rücken und kleinen Tälern. Da galt es, eine effiziente Route zu wählen, welche möglichst ohne Gegenanstiege auch eine bequeme Rückkehr erlauben würde. Hinweise in Form von bereits existierenden Spuren gab es keine. Die Gegend war komplett unberührt, auch von der Bannalp her war niemand unterwegs. Immer wieder spannend bei Frühlingstouren sind die abrupten Wechsel von Schnee, Wetter und Klima. Hatte zwischendurch bei stechender Sonne schon richtige Hitze geherrscht, so blies im Schlussaufstieg zum Rot Grätli ein eisiger Wind. Bei gleichzeitig winterlich-kalter, pulvriger Schneedecke fühlte man sich gleich einige Monate im Jahresverlauf zurückversetzt.

Das Bild passt besser zum nächsten Abschnitt 😎 ready to roll am Gipfel, das fast zugeschneite Kreuz knapp erkennbar.

Vom Passübergang (2558m) ins Engelberger Gebiet kommt man nicht darum herum, einige Höhenmeter zu vernichten - je nach (Lawinen)verhältnissen mehr oder weniger, um eine sichere Route zu wählen sind es ca. 100hm. Dann folgt etwas ausholend der Aufstieg in die Engelberger Lücke (2685m), welche für mich der Punkt der Entscheidung in Sachen Gipfelziel war. Die Südflanke am Rotstock ist nämlich bis zu 40 Grad steil, daher nicht a priori Terrain für Stufe 3. Aber wie vermutet gab es an diesem windexponierten Südhang mit seiner kompakten Schneedecke keine Lawinengefahr. Somit konnte ich bedenkenlos aufsteigen, was bis zum Gipfel mit den Ski möglich war - das geht längst nicht immer, oftmals liegt an diesem windexponierten Hang zu wenig Schnee. Mein Ausweichziel wäre übrigens der von der Geländesteilheit her gutmütigere Wissigstock gewesen. Das ist aber nochmals ein ganzes Stück weiter und lohnt sich vor allem dann, wenn man vom Gipfel her dann ein Stück Richtung Rugghubel abfährt. Das verschob ich lieber auf ein anderes Mal, war ich doch längst nicht mehr früh dran und der weite Aufstieg, über weite Strecken alleine spurend, hatte auch schon Kraft gekostet.

In der Abfahrt unterhalb der Bannalper Schonegg - feucht-zäher, pulverähnlicher Schnee, ganz ordentlich zu fahren 😊

Am Gipfel wurde ich urplötzlich von der nun hochgetriebenen Quellbewölkung eingehüllt. Nur zwischendurch war der Blick in die Umgebung frei und bei diesen Verhältnissen wollte ich auch nicht lange verweilen. Meine Abfahrt erfolgte exakt auf dem Aufstiegsweg - inklusive knapp 100hm fellendem Gegenanstieg zurück zum Rot Grätli. Skifahrerisch war es sicher kein absolutes Highlight, aber meist doch ganz ordentlich. Lästigen Bruchharsch gab es nirgends, sondern Schwünge in etwas zähem Pulver oben und feuchtem Schnee (der Deckel war inzwischen aufgeweicht und nicht mehr tragend) weiter unten. Die letzten 80hm retour zu meinem Bikedepot legte ich zur Schonung meiner Bretter dann lieber zu Fuss zurück. Es war verrückt, wie stark die Schneedecke in diesem Bereich in den paar Stunden meiner Tour zusammengeschmolzen war. Bald wird sie bis auf 1800m hinauf wohl wieder weggeschmolzen sein. So blieb mir noch die Bike-Schussfahrt zurück zum Ausgangspunkt und die Frage, ob das wohl schon die letzte Skitour des Winters war?!? Die Zukunft wird es zeigen...

Facts

Engelberger Rotstock (2818m) ab St.Jakob im Isenthal (P.1001)
Total rund 2000hm Anstieg, Ski-Schwierigkeit ca. ZS

PS: GPS im Aufstieg zu spät eingeschaltet 💩