- -

Samstag, 8. Oktober 2011

„Jenelana“ – Erstbegehung am Bockmattli

Auf meiner 16:38 Stunden dauernden Wägital-Rundtour machte ich 1:44 Stunden Gipfelpausen, und weitere 1:23 Stunden blieb ich unterwegs stehen. Ein nicht zu unterschätzender Teil davon fällt der Betrachtung des Schiberg Nordkantenabbruchs zu. Vom Einstiegsgrat der Brennaroute hat man eine wunderbare, frontale Sicht auf den Pfeiler. Die Routenverläufe lassen sich genau studieren, und der Fels gehört sowieso „zum gehämmert und geschraubt besten weitherum“ (Zitat von Ossi). Wie ich erkannte, war das Potential für eine weitere Tour rechts der Andromeda ganz offensichtlich gegeben. 

Der Schiberg (2044m) mit dem kompakten Pfeiler des Nordkantenabbruchs in der linken Bildhälfte
Gedacht, gesagt, getan: der goldene September 2011 lockte mit warmem Herbstwetter, was eine genussreiche Erkundungstour ermöglichte. Da es sich beim Nordkantenabbruch beinahe um einen Klettergarten handelt, und eine Inspektion von den benachbarten Routen aus problemlos möglich ist, kletterte ich die geplante Linie zuerst im Toprope, um den idealen, logischen, einfachsten und lohnendsten Verlauf zu bestimmen. 

Das Einrichten dann, ging flott von der Hand. Um auf angenehme Temperaturen und sonniges Ambiente zählen zu können, wählten wir dazu zwei Nachmittage. Am ersten schafften wir dabei die ersten beiden plus den Anfang der dritten Seillänge, am zweiten reichte es bis ganz nach oben. Natürlich kamen wir dann beide Male in die Nacht, was aber dank kräftiger Stirnlampen problemlos war. Abenteuer wie heruntergefallene Materialsäcke, im Schlamm steckenbleibende Schuhe und saharamässigen Durst gab es diesmal, im Gegensatz zum Prachtsexemplar, nicht. 

Kletterhütte Bockmattli mit dem Schiberg Nordkantenabbruch. Jenelana verläuft +/- über die Kante, die Licht und Schatten trennt, bzw. unten im nicht besonnten Teil in deren Fallinie, im oberen Teil rechts davon auf der sonnigen Platte, und zuletzt über den Dachriegel hinweg.
Somit blieb als letztes Puzzleteil vor Freigabe und Veröffentlichung noch die Rotpunktbegehung. Dies sollte sich als gar nicht so einfach erweisen. Die ersten beiden Seillängen gingen noch problemlos über die Bühne, aber schon die dritte war fordernd. Ähm, wie ging das doch schon wieder? Es war erneut das typische Szenario: beim Bohren ging das alles, und schien gar nicht so schwer, beim Punkten war es dann plötzlich ganz anders als gedacht, nämlich schwerer. Ist immer so. 

Das sollte sich dann besonders in der vierten und letzten Seillänge zeigen. Da war ich schon im Vornhinein skeptisch, ob ich da einfach so drüberspazieren könne. Davon war ich eigentlich gar nicht so weit entfernt, bis ich doch noch den Glauben verlor, und der Rutscher ins Seil folgte. Mit dem einmal angeknacksten Vertrauen brauchte es dann einen zweiten, einen dritten, einen vierten und schliesslich sogar einen fünften Versuch, bis ich die Schlüsselstelle rotpunkt passieren konnte! Ich glaube aber, es war und ist mehr Kopfsache, denn dass es extrem schwer ist. 

Auf jeden Fall, auf den letzten zwei Dritteln der Schlusslänge liess ich dann nichts mehr anbrennen. Freudig und stolz montierten wir das Wandbuch, machten den ersten Eintrag, und traten im goldenen Abendlicht den Weg in die Tiefe an.

Tolle, kompakte erste Seillänge (6b): Kathrin kurz vor der Crux
Beschreibung der Seillängen 

SL 1, 25m, 6b: im unteren Teil haben wir uns das kompakteste und schönste Stück Fels aussuchen können. Eigentlich erstaunlich, dass noch niemand auf die Idee kam, hier etwas einzurichten. Der alte, zwar einfache, aber etwas grasig-lottrige 2 SL-Zustieg aufs Grasbödeli, wo Andromeda und die anderen Touren beginnen, ist jetzt wirklich nicht das Bijou. Nun gibt’s die Alternative: man kann als Zustieg zur Andromeda auch die ersten beiden Seillängen unserer Tour klettern. Über diese erreicht man das Grasbödeli, wo problemlos in die anderen Routen gewechselt werden kann. 

Nun, eigentlich wollte ich beschreiben, was hier in der 1. SL Sache ist: es handelt sich um Wandkletterei in schönem, kompaktem Fels, der mit einigen etwas stumpfen Vertikalrissen durchzogen ist. Es mag von unten übrigens einfacher aussehen, als es sich klettert. Die Crux folgt nach dem 4. BH: die sich anbietende, kleine Rechtsschleife gilt, der direkte Weg über die Bolts ist aber lässig, und bietet eine erste kleine Herausforderung.

Immer noch in der ersten Seillänge (6b): Crux geschafft, die letzten Meter sind wieder etwas einfacher
SL 2, 25m, 6a+: vom Stand weg geht’s leicht links weg und dann hoch zum 1. BH. Etwas rechts und dann direkt ist es auch möglich. Links ist‘s aber besser. Danach folgt steile Risskletterei, da sich aber links und rechts immer wieder Griffe und Tritte anbieten, ist es nicht überaus anstrengend. Zum Schluss dann noch über einen griffigen Wulst hinweg, und damit ist diese einfachste, aber dennoch nicht geschenkte, und auf jeden Fall lohnende Seillänge erledigt.

Zweite Seillänge (6a+): zum Schluss noch ein "ganz ordeli griffiger" Wulst
SL 3, 30m, 6c: es geht rechtshaltend vom Stand weg und gleich über ein ausladendes Dach drüber. Athletisch zwar, aber dank den Riesenhenkeln nicht besonders schwer. Das kommt dann bald in der folgenden, kleinen Verschneidung direkt an der Kante, wo man durchaus gefordert wird. Nach dem 3. BH könnte einmal etwas nach rechts in weniger kompaktes Gelände ausgewichen werden. Tue es oder lasse es: der direkte Weg über die Haken ist auf jeden Fall schöner, und im Vergleich zur Crux am Ende der Länge auch nicht schwer. 

Hat man einmal den 4. BH erreicht, so geht es dann immer noch direkt an der Kante etwas einfacher voran, bis zu dem Punkt, wo die sich annähernde Andromeda deutlich nach links zieht, und den eigentlich logischen Weg direkt über die Kante vermeidet. Dies mit gutem Grund, wartet dort nämlich ein kniffliger Mantle, der gleich in leicht überhängende Wandkletterei leitet. Griffig wird dort diagonal nach rechts oben zum Stand geklettert – man halte sich genau an die Diagonale über die Bolts hinweg, alles andere führt in Sackgassen!

Dritte Seillänge (6c): an der super-kompakten Pfeilerkante, mit knifflig-kräftigem Finale zum Stand.
SL 4, 30m, 6c+/7a: Drei einfache Meter, und dann geht es los mit der technischen Wandkletterei an Dellen und Noppen für die Füsse, sowie kleinen Leisten und Auflegern für die Hände. Erst noch moderat, dann plötzlich schwieriger. Der einfachste Weg führt übrigens ziemlich direkt über die Haken, grossräumiges Ausweichen bringt auch hier nichts! 

Wie weiter oben bereits beschrieben, es braucht an dieser Stelle Übersicht, und auch Vertrauen in die Haftreibung. Die richtige Sequenz ist im Onsight weissgott nicht einfach zu erkennen – ich bin gespannt, wer das als Erster auf Anhieb klettern kann. Wenn man aber weiss wie es geht, und gut auf den Füssen steht, so ist es „eigentlich“ gar nicht so schwer. 

Cruxzone in der dritten Seillänge (6c), welche durchaus etwas Resistance erfordert.
Umso schwerer tue ich mich dagegen mit einem Bewertungsvorschlag, und werfe daher ein 6c+/7a aus. Dies bedeutet hier explizit nicht, dass die Schwierigkeit exakt zwischen 6c+ und 7a liegt, sondern es könnte das eine, oder auch das andere richtig sein. Für Meister dieses Kletterstils, wie es z.B. die Granitkatzen aus Göschenen sind, ist’s vielleicht sowieso nur eine 6b. Ich bin schlicht und einfach unsicher, und auf die Meinung der ersten Wiederholer angewiesen. Mögen sich diese bei mir melden, oder wenigstens einen Kommentar im Wandbuch hinterlassen! 

Wem diese Tüftelcrux nicht taugt, der kann die Seillänge mit zwei Fortbewegungshaken (d.h. 2 p.a.) zur immer noch sehr lohnenden 6b+ machen. Bald wird es nämlich wieder griffiger und trittiger, geht über einen schönen Wulst hinweg und unter den Dachriegel hinauf. Man unterquert diesen nach links, etabliert sich in der ansetzenden Verschneidung und verlässt diese sogleich luftig und athletisch nach rechts, um die Kante/Platte zu gewinnen. Ist man dort, so sind die letzten Meter an den Ausstiegsstand, wo sich auch das Wandbuch befindet, dann purer Genuss in einfacherem, Brüggler- und Bockmattlitypischem Gelände.

Tiefblick und Blick auf die letzten, einfachen Meter der vierten Seillänge (6c+/7a). Die Klimax der Route, eine Steilplatte mit delikaten Mikrostrukturen, ist vom oberen Stand nicht einsehbar. Deshalb können wir hier kein Foto präsentieren. Aber etwas Überraschung muss ja doch auch sein...
Abstieg 

Vom letzten Stand gewinnt man, wenn man den möchte, in 3m leichter Kletterei den Legföhrenwald auf dem Pfeilergipfel. Mit etwas Bushwhacking und teilweise exponierter, aber einfacher Kraxelei (T6, II) kann man kletternd, +/- über die Brennroute, zu Einstieg zurück gelangen. 

Wiewohl, die allermeisten werden hier abseilen. Mit 2x50m-Seilen führt die erste Abseilfahrt bis auf das Grasbödeli hinunter. Man hat dabei nicht viel Seilreserve, aber es reicht! Von dort sind es dann nochmals 45m bis an den Einstieg. 

Mit Rohrschelle fix montiert, der Deckel gesichert: da sollte eigentlich nichts schiefgehen können.
Noch mehr Fels 

Nun, die Jenelana umfasst „nur“ 4 Seillängen. Es sind aber 110 anhaltende Klettermeter, abwechslungsreich und immer spannend. Im oberen Teil kommt auch schön das Gefühl von Exposition auf. Da hat man auf jeden Fall das Gefühl, etwas Rechtes gemacht zu haben. 

Dennoch, eine ultralange Tour ist es nicht: sie empfiehlt sich sicher insbesondere als Dessert zu einer anderen Route im Gebiet, für einen Ausflug am späteren Nachmittag, beleuchtet von der Abendsonne. Oder auch als Ziel für Tage mit unsicherem Wetter. Der Rückzug nach unten und ins Kletterhüttli ist ja ultraschnell. 

Wie auch immer, wer dem Schiberg Nordkantenabbruch mehr Zeit widmet und nach der Jenelana noch Lust auf mehr Fels hat, dem empfehlen wir ein 50m-Abseilmanöver vom Ausstieg auf das Grasbödeli. Dort kann direkt in die oberen beiden Seillängen von „Andromeda“ (6b, 6a+) eingestiegen werden. Diese sind saniert, gut (nicht super) abgesichert und sehr lohnend. Anstelle der 6a+-Länge der Andromeda würde sich auch noch die Direktvariante „Perseus“ (6c+, Topo) anbieten – alles mit 10 Express kletterbar, Keile und Friends sind kaum sinnvoll einzusetzen. 

Ebenfalls bietet sich die links der „Andromeda“ gelegene „Gumpiroute“ (Topo) an. Auch sie bietet vom Grasbödeli aus zwei interessante Seillängen (6b, 6b+). Ebenfalls ist sie saniert, und mit einem Set von 10 Express zu klettern. Somit hat man also bei Bedarf ganz sicher einen komplett ausgefüllten Klettertag.

Das Wandbuch wartet und freut sich auf deinen Eintrag! Wann gehst du vorbei? 
Facts: 

Bockmattli – Schiberg Nordkante – Jenelana 6c+/7a (6a+/6b obl.) – M.& K. Dettling 2011 – 4 SL, 110m - ****; xxxxx 
Material: 10 Express, 2x50m- oder 1x60m-Seil. Keile/Friends sind nicht nötig. 

Kurze Mehrseillängentour mit sehr guter Absicherung. Durch die anhaltende und sehr abwechslungsreiche Kletterei, sowie die in den oberen Seillängen aufkommende Exposition wähnt man sich trotzdem auf einer langen Reise. Prima Bockmattlifels, der super solide und fast komplett grasfrei ist. Risse, steile Wandstellen und kräftige Überhänge, alles ist da. Auch eine kurze Crux in technischer Wandkletterei an feinen Strukturen.

Hier geht es zur hoch aufgelösten PDF-Version des Topos: klick!

Foto-Topo als Übersicht und mit Routenverlauf

Topo-Skizze mit allen Details zur Tour

Kommentare:

  1. Nice route on very good Bockmattli rock! Jumped on this not knowing what it was until we got to the wandbuch, will be back someday for a redpoint of P4!

    AntwortenLöschen
  2. Hoi Marcel. Zuerst Echo der Zeit und dann Jelena. Beides sehr schöne Touren! Danke! Sasa

    AntwortenLöschen
  3. Hoi Marcel. Zuerst Echo der zeit und dann Jelena. Beides sehr schöne Touren! Merci! Sasa

    AntwortenLöschen

Ich freue mich über Ergänzungen zu diesem Blog via Kommentarfeld!
Kontakt: mdettling@bluewin.ch.